Hurra, wir leben noch!

Deutschland im Mai 2012 am Abgrund: Der Fußball steht an einer „Schnittstelle“, Eltern bringen ihre Kinder leichtfertig in Lebensgefahr, Reporter müssen sich von dem Erlebten, von dem Schock erst einmal erholen. Die Apokalypse-Visionen der 1980er verblassen angesichts der aktuellen Bedrohungen. Hurra, wir leben noch. Ach ja, Fortuna Düsseldorf ist in die Bundesliga aufgestiegen.

Von Redaktion Publikative.org

//
http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js

Hätte man das Bild bei der Übertragung des Bundesliga-Relegationsspiels abgestellt und nur dem Ton gelauscht, man hätte denken können, beim Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC Berlin (2:2) habe es zehn Tote gegeben. Es war aber weniger dramatisch, zumindest graduell. Hunderte begeisterte Fans stürmten den Platz, eine Minute bevor die Nachspielzeit beendet war. Das war ziemlich ungeschickt, man könnte es auch dumm nennen.

Allerdings handelte es sich mitnichten um einen Lynchmob, der Spieler und deren Kinder mit Hilfe von Pyrotechnik verbrennen, sondern um Fans, die den Aufstieg ihres Teams feiern wollten – und offenkundig dachten, das Spiel sei bereits vorbei. Dieser Irrtum hat übrigens nichts mit vorhandener oder fehlender Schwarmintelligenz zu tun, wie es die „11 Freunde“ nun ihren Lesern in bemerkenswert kulturpessismistischem Duktus weiß machen wollen, sondern viel mehr mit Massenpsychologie, Altbier und Fußball.

Kein einmaliger Vorfall, dieser vorzeitige Platzsturm: Im Jahr 1995 liefen Hunderte Fans des FC St. Pauli am letzten Spieltag auf den Rasen, und zwar bereits in der 87. und nicht 97. Minute, da sie einen Elfmeterpfiff und eine Geste von Schiedsrichter  Brandt-Chollé in Richtung Spielerausgang als Schlusspfiff und damit Auftakt zur braun-weißen Aufstiegsfeier interpretierten. Nach einigen Minuten der Verwirrung erklärte der Schiri damals, klar sei das der Schlusspfiff gewesen – eine souveräne Leistung, angesichts des Spielstands von 5:0 für St. Pauli eine leichtere Entscheidung. Auch 1991 in Köln und Duisburg gab es Platzstürme vor dem Abpfiff, ohne dass Weltuntergangsszenarien entworfen wurden, die gelassenen Reaktionen von Kommentatoren und Spielern klingen wie aus einer anderen Welt:

Platzsturm ab 4:45.

Ab Minute 1:33 hat Reinhold „so etwas habe ich noch nier erlebt“ Beckmann übrigens einen recht entspannten Gastauftritt in Form eines Spielerinterviews, bereits deutlich erkennbar umrahmt von Fans, die nur darauf warten, den Rasen zu betreten. Tja, so kann es einem mit der eigenen Erinnerung ergehen. Beziehungsweise, so biegt man sich die Realität zurecht (für die Feinsinnigeren: „konstruiert“ diese), in der Fußball immer schon der Sport der Ober- und Mittelschicht gewesen sei, in der derlei unerzogenes Rowdytum nie einen Platz gehabt habe.

In den 1990er Jahren war nach den Platzstürmen in den Medien übrigens nicht von schockierenden Szenen die Rede, die Meldungen dürften es auch nicht zu Aufmachern gebracht haben; die Frage ist also, wo eigentlich die „neue Qualität“ zu suchen ist?

Der deutsche Fußball an der „Schnittstelle“

Einen Unterschied gibt es allerdings: Das Spiel in Düsseldorf war noch nicht entschieden, da Hertha nur ein Tor fehlte, um doch noch in der Liga zu verbleiben. Der Fast-Abbruch des Spiels war dann aber der Startschuss für deutsche Sportjournalisten, das ganz große Fass aufzumachen. Jetzt müsse vielleicht noch einmal grundsätzlich nachgedacht werden über die Sicherheit in den Stadien, möglicherweise sei man an einer „Schnittstelle“ (gemeint war wohl so etwas wie Zäsur), gab Reinhold Beckmann die Richtung vor.

Deutschland an der Schnittstelle: Realität und mediale Hysterie treffen sich im TV
Deutschland an der Schnittstelle: Realität und mediale Hysterie treffen sich im TV

Deutlich wurde jedoch schnell, dass sich Beckmann und Experte Mehment Scholl in größtmöglicher Entfernung zu einer realistischen Sicht auf das Thema Fans und Sicherheit befinden. Scholl war etwas aufgefallen, nämlich dass die bengalischen Feuern in den beiden Kurven fast gleichzeitig gezündet worden seien – spekulieren wollte er nicht, aber ob es da vielleicht Absprachen der „Hooligans“ untereinander gegeben haben könnte? Soziale Netzwerke, assistierte Beckmann (sogenannte oder selbsternannte Fans in „diesem Internet“, quasi eine verdoppelte Gefahr …), da wäre vieles möglich. Auf die Idee, dass die Pyroaktionen der Herthaner und Düsseldorfer Fans auch mit dem Spielverlauf, sprich mit den Toren zu tun haben könnten, auf diese Idee kam keiner. „Hooligans“, die sich über Twitter zu einer Verschwörung zusammenfinden, klingen schließlich auch gleich viel dramatischer. Das war nur ein kleiner Wortwechsel, er zeigt jedoch, wie weit entfernt der deutsche Sportjournalismus von einem Thema ist, das er doch selbst immer wieder auf die Agenda setzt. Immerhin: Nach einer Lösung für das Problem Fangewalt befragt, gab Mehmet Scholl zu, darüber eigentlich noch nie nachgedacht zu haben.

//
http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js

Obendrein gewährte er weitere interessante Einblicke in die Weltsicht von Fußballern: Wie viel „Grütze“ müsse man im Kopf haben, wenn man ein Kind solchen Gefahren aussetze?, zog Scholl vom Leder. Gemeint waren Leute, die mit ihren Kindern auf dem Rasen den historischen Erfolg der Fortuna feierten. Fans gelten hier offenbar als hirnlose Masse, vor der man sich möglichst schnell in Sicherheit bringt.

Vor Ethik wird gewarnt

Wer gibt Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl eigentlich das Recht, anhand des ihnen zur Verfügung stehenden Bildmaterials medial über andere Menschen zu richten? Wer hat eigentlich sanktioniert, dass man Eltern, die mit ihren Kindern auf dem Rasen einen Aufstieg feiern oder sich ein Stück aus dem Rasen scheiden wollen, mir nichts Dir nichts vor einem Millionenpublikum zu gehirnamputierten, verantwortungslosen Asozialen stempeln darf? Gegen diese Macht der Bilder, kombiniert mit denunziantorischen Kommentaren, ist die gerne und zu Recht gescholtene Bild-Zeitung zuweilen ein harmloses Käseblättchen.

//
http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js

Wir erlauben uns, an dieser Stelle die Frage zu stellen, wie lange die genannten Herren bitte schon nicht mehr aus ihren Stadtrand-Villen und ihren gepanzerten Limousinen rausgekommen sind, wenn sie „heute Abend das erste Mal über dieses erschreckende Problem nachgedacht“ (Scholl) haben? Erschreckend an dieser Art der Berichterstattung sind jedoch nicht die gezeigten Bilder, sondern die zur Schau gestellte Verantwortungslosigkeit. Auch nach mehr als einem Jahrhundert Medienkritik und -forschung wollen Beckmann, Scholl und Co. die einfachsten Einsichten nicht wahrhaben:  Wer ständig mit einer derartigen Massenwirkung bestimmte Phänomene beschwört, ist mit dafür verantwortlich, wenn diese schließlich auch eintreten.

Die Republik am Abgrund?

Bemerkenswert ist daher auch der Ansatz, man dürfe den „Gewalttätern“ keine Bühne bieten, gleichzeitig aber mehr als eine halbe Stunde lang nur noch darüber zu spekulieren, was alles passieren könnte, so wie es der Kommentator in der ARD tat: Familien, die durch geworfene Pyros, die vom Tribünendach (!) abprallen, verletzt werden; Hertha-Spieler, die möglicherweise vom Mob spielunfähig getreten wurden, uswusf.
http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js

Allerdings hätte man die Tatsache, dass nach dem Schlusspfiff Tausende Menschen auf dem Rasen feierten und überall Frauen und Kinder (müssen die eigentlich nicht längst ins Bett?!?) dabei waren, auch als ein Indiz dafür werten können, dass die Situation nicht der eines Bürgerkriegs glich, so wie es die Rhetorik der Kommentatoren nahelegte. Beckmann verabschiedete sich indes unbeirrt mit der Ankündigung, er müsse sich nun erst einmal von diesem Schock erholen.

Heute Nacht, wenn die überlebenden Funktionäre und Reporter von der Front zurückkehren, den Geländewagen in der Tiefgarage sicher abgestellt haben, werden sie dann vielleicht erst einmal den Ipod anschließen und laut Milvas „Hurra, wir leben noch!“ hören, dabei mit zitternden Händen den Rotwein schwenken. Diesen Abend werden wir alle nicht vergessen.

Wir gratulieren indes Fortuna Düsseldorf zum Aufstieg, vorläufig zumindest – die Entscheidung über einen möglichen Einspruch von Hertha BSC steht noch aus. Außerdem gratulieren wir natürlich der DFL, die durch die Relegation mehr Emotionen und Spannung erzeugen wollte. „Die Relegationsspiele haben in der Vergangenheit eigentlich immer für große Spannung und Dramatik gesorgt“, erklärte Holger Hieronymus, DFL-Geschäftsführer Spielbetrieb, in einem Gespräch im Mai 2009 mit bundesliga.de. „Diesen zusätzlichen Spannungsfaktor wollen wir einfach wieder nutzen, um die Bundesliga und 2. Bundesliga noch interessanter zu machen.“

Das ist gelungen.

Alle Meldungen aus der Rubrik Fußball (bzw. Bürgerkrieg).

Ganz Sankt Pauli fragt die Polizei

Die Hamburger Polizei hat bekommen, was sie angeblich verhindern wollte: Eine Straßenschlacht, jede Menge Aufmerksamkeit in ihrem Sinne durch eine willfährige Lokalpresse und zahlreiche „Argumente“, künftig noch härter durchzugreifen. Wir fragen uns dagegen: Was sollte dieser Polizeieinsatz?

Von Redaktion Publikative.org

Eine Anmerkung in eigener Sache vorab: Publikative.org ist personell maßgeblich in Hamburg verortet und es ist kein Geheimnis, dass wir dem FC St. Pauli näher stehen als anderen Vereinen. Am Sonntag waren drei Autor/Innen selbst vor Ort und haben zahlreiche weitere Augenzeug/Innen um ihre Einschätzung gebeten. Wir waren sowohl am Rande der Rostocker Demonstration als auch vor und im Stadion, aber natürlich nicht immer an allen Orten zu jeder Zeit. Auch unsere Wahrnehmung ist subjektiv und unterliegt Fehleinschätzungen. Bitte schickt uns weitere Bilder und Videos sowie Gedächtnisprotokolle an publikative(at)web.de oder anonym hier.

MoPo Sankt Pauli Chaoten greifen Jolly Roger an (Screenshot)
Glanzstück der Berichterstattung: „St Pauli-Chaoten“ greifen laut „MoPo“ die eigene Kneipe mit Steinen an.

Aber wenigstens schreiben wir nicht Polizeiberichte ab und tarnen dies als Journalismus wie die „Kollegen“ Frenzel und Gaertner von der „Hamburger Morgenpost“ (MoPo). In Koproduktion mit der Hamburger Polizei haben Frenzel/Gaertner zweifellos das Glanzstück des Jahres abgeliefert: Jetzt greifen die „St. Pauli“-Chaoten schon ihre eigene Kneipe an. Später hätten sie dann die Polizei angegriffen, heißt es.

(Hier der später in der Überschrift korrigierte MoPo-Artikel, der durch einige kosmetische Änderungen „eigenes“ Erleben suggerieren soll und hier das Original, der Bericht der Pressestelle der Hamburger Polizei. „We report – you decide“ oder so ähnlich.)

Das Geschehen des Tages lässt sich ansonsten relativ schnell zusammenfassen: Circa 2.000 (nach Polizeiangaben: 1.700) Fans von Hansa Rostock demonstrierten friedlich in Hamburg-Altona gegen die Verbotsverfügung der Hamburger Polizei, die ihnen die Möglichkeit der Unterstützung ihrer Mannschaft am Millerntor genommen hatte.

Nach unserer Einschätzung circa 1.200 (Polizei: 800) St. Pauli-Fans verfolgten das Spiel ihrer Mannschaft aus Protest ebenso friedlich vor statt im Stadion. Gegen Ende des Spiels blieb die Situation rund um das Stadion dann nicht ganz so friedlich, aber die Polizei konnte mit gefühlt 10.000 Beamten (Polizei: 1512 Polizisten der Landespolizeien aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, sowie 650 Bundespolizisten) gerade noch das Schlimmste verhindern, ansonsten wären St. Pauli und die angrenzenden Stadtteile im Chaos versunken (siehe MoPo).

Unserer Wahrnehmung nach hat sich die Hamburger Polizei durch ihre Verbotsverfügung in eine rein polizeilich wesentlich schwerer zu beherrschende Lage manövriert als dies in einem Szenario mit organisiert anreisenden Auswärtsfans – die man vom Bahnhof zum Stadion und zurück hätte bringen müssen – der Fall gewesen wäre. Stattdessen musste man eine Demo und ein Fußballspiel sichern und dabei sowohl die verfeindeten Fanlager voneinander trennen, als auch im und rund um das Stadion für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sorgen. Zu letzterem Zweck nahm man ein ganzes Viertel per „Gefahrengebiet“ in Geiselhaft und schaffte es trotz allem nicht, einzelne Ausschreitungen zu verhindern, deren Schwere man je nach eigenem Erleben und Erfahrungen unterschiedlich bewerten mag.

Die taz-Nord beschrieb das Geschehen angenehm unaufgeregt: „Ein(e) Gruppe organisierter junger Autonomer greift eine Gruppe Polizisten aus der Paulinenstraße heraus so schlagartig an, dass diese die Flucht ergreifen. Wenig später fahren Wasserwerfer auf und rücken Festnahme-Einheiten an. Es kommt zum Wasserwerfer-Einsatz und wieder fliegen Steine und Flaschen. Die Randale schwappt auch auf die umliegenden Straßen St. Paulis über. Nach kurzer Zeit und einsetzendem Regen beruhigt sich aber dann die Lage wieder.“

Screenshot Bild.de: Hier wird behauptet, die verletzte Frau habe randaliert und gehöre zu den "verdammten Pauli-Chaoten".
Screenshot Bild.de: Hier wird behauptet, die verletzte Frau habe randaliert und gehöre zu den "verdammten Pauli-Chaoten".

Auf dem folgenden Video ist dokumentiert, wie die Polizei gegen friedliche Leute und Journalisten  mit Wasserwerfern gezielt vorgeht. Von einem massiven Angriff, kann zumindest in den dargestellten Sequenzen keine Rede sein, im Gegenteil, es ist überhaupt keine Gewalt seitens der Fans vor dem Jolly Roger und der  Passanten zu erkennen. Dafür gehen die Beamten mit Härte gegen eine Frau vor, die sich zwar augenscheinlich der Anweisung widersetzt, die Straße zu räumen, sich ansonsten aber vollkommen friedlich verhält und bis zu ihrer ebenfalls unter Einsatz massiver körperlicher Gewalt durch zwei gepanzerte und behelmte Polizisten keinerlei Angriff auf die Beamten erkennen lässt.

Prellungen und ein gebrochenes Handgelenk

Publikative.org hat mit der Betroffenen gesprochen, E. berichtet, sie sei von drei Polizisten fixiert und mit Kabelbindern an den Händen gefesselt worden. Dann musste sie in einem Polizeifahrzeug warten, schätzungsweise eine Stunde. Mehrmals bat sie um ärztliche Hilfe, da sie bei dem Vorgehen der Polizei diverse Verletzungen erlitt, vor allem Prellungen. Danach wurde sie auf eine Wache gebracht – dort sollte sie sich entkleiden, was sie ablehnte. Die Polizei führte demnach erkennungsdienstliche Maßnahmen durch – und erst danach erhielt sie ärztliche Hilfe im Krankenhaus. Dort traf sie einen Hansa-Fan, der sich das Handgelenk gebrochen hatte – angeblich ebenfalls durch Polizeieinwirkung. Medien benutzen derweil groß Bilder von der Festnahme von E. und texten dazu, „St. Pauli-Chaoten“ hätten die Polizei angegriffen.

Die einfachste aller Fragen

Man muss daher wirklich kein linksradikaler Polizeihasser sein, um die einfachste aller Fragen des bürgerlich-liberalen Journalismus zu stellen. Da dieser in der Freien und Hansestadt derzeit aber nicht zu existieren scheint, übernehmen wir notgedrungen diese Aufgabe: Gemessen an den Kosten, der Verhältnismäßigkeit der Mittel und des zweifelhaften Erfolges: Was sollte dieser Polizeieinsatz? Es sei denn, er diente bestimmten Führungskräften dazu, ihr politisches Süppchen zu kochen, wie wir bereits gestern mutmaßten.

Dann aber muss man die Hamburger SPD fragen, warum sie dieses Spielchen mitmacht, obwohl ihr Erster Bürgermeister Olaf Scholz und dessen Innensenator Michael Neumann mit einer absoluten Mehrheit regieren? Nämlicher Innensenator erklärte nach einem ebenfalls überzogenen Polizeieinsatz bei einem Hallenturnier auf einer Versammlung von St. Pauli-Fans, er wolle an seinen „Taten gemessen“ werden. Wir nehmen ihn beim Wort und fragen die Hamburger SPD und ihren Innensenator nach diesen „Taten“. Und wir fordern jede/n auf, dies bei der nächsten SPD-Ortsversammlung in seinem oder ihrem Stadtteil ebenfalls zu tun: Fragen wir die Regierung – stellvertretend für den Teil der Exekutive, der sich scheinbar keiner Diskussion zu stellen braucht, da er mit seinen „Polizeiberichten“ bereits alles für gesagt hält.

%%wppa%%
%%album=3%%

Siehe auch:
St. Pauli vs. HRO: Police and Thieves,Die Büchse der PandoraQuo vadis DFB?Fußball, Schwachsinn, DFBUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einDahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und Strafen

St. Pauli vs. HRO: Police and Thieves

Die Hamburger Polizeiführung hat mit ihrem Verbot des Verkaufs von Eintrittskarten an Fans von Hansa Rostock exakt die Situation heraufbeschworen, vor der das Verbot die Öffentlichkeit vermeintlich schützen sollte. Angesichts der vermutlich bevorstehenden Ausschreitungen muss betont werden, wie gefährlich dieser Vorgang für unsere Vorstellung von öffentlichem Raum in einer Demokratie insgesamt ist – jenseits von Fußball und Gewalt.

Von Andrej Reisin 

Eine unkalkulierbare Gefahr? Hansa-Fans  am Millerntor. (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)
Eine unkalkulierbare Gefahr? Hansa-Fans am Millerntor. (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)

Am Sonntag werden tausende Fans des FC Hansa Rostock nach Hamburg reisen, obwohl sie keine Karten für das Spiel haben. Denn der Verkauf von Karten an Hansa-Fans ist dem FC St. Pauli polizeilich verboten worden. Das Verbot hatte vor zwei gerichtlichen Instanzen Bestand. Eine Demonstration von Hansa-Fans am Spieltag in Hamburg gegen die polizeiliche Verfügung darf dagegen laut Hamburger Oberverwaltungsgericht stattfinden – obwohl die Hamburger Polizei auch diese zunächst verbieten wollte. Hansa-Fans werden also durch Hamburg  laufen, dürfen aber das Spiel gehen nicht besuchen. Tausende St. Pauli-Fans werden aus Protest ebenfalls nicht zum Spiel gehen und sich stattdessen vor dem Stadion aufhalten. Nicht nur Laien erschließt sich die Polizeitaktik, durch die diese Situation entstanden ist, auch auf den zweiten Blick nur bedingt.

%%wppa%%
%%album=3%%

Mit ihrer Verbotsverfügung hatte sich die Hamburger Polizei jedenfalls ganz bewusst auf juristisches Glatteis begeben. Zu ihrem Glück – oder auch aufgrund der internen Verflechtungen des Polizei- und Justizapparates – fanden sich dann in der Hansestadt auch ein paar Richter, die ein Paar Schlittschuhe im Frühling herumliegen hatten: Auch die zweite Instanz hat das Verbot aufrecht erhalten, weil man der polizeilichen Gefahrenprognose nicht widersprechen konnte oder wollte. Die grundsätzlichen Fragen können jedoch nach Meinung beider Instanzen ohnehin nur in einem ordentlichen Haupt-, nicht aber in einem Eilverfahren erörtert werden. Die zweite Instanz hat dabei immerhin zum Ausdruck gebracht, dass sie die betroffenen Rechtsgüter – bis hin zu Grundrechten – für sehr schwerwiegend hält.

Mithin ist es keinesfalls sicher, dass das Verbot in einem Hauptverfahren Bestand hat – bis dahin aber ist das Spiel vorbei. Einstweilen also macht die Hamburger Polizeiführung Politik – und präzise dafür ist sie weder zuständig noch berechtigt. Auch ohne langes Lamento über die grundsätzliche Problematik der Gewaltenteilung in Theorie und Praxis, wird im konkreten Fall schnell deutlich, dass die Trennung von Polizei (Exekutive), Justiz (Judikative) und Politik (Legislative) zur kompletten Farce mutiert, wenn erstere  sich zweiterer bedient, um die Aufgabe der dritten zu übernehmen und – wenn schon nicht Gesetze – so doch wenigstens die Rechtsprechung zu ändern.

Die übliche Leier in neuer Darbietung

Sollte es zu den befürchteten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und Hansa Rostock einerseits und der Polizei andererseits kommen, wird ein weiteres Mal die übliche Leier aus Ignoranz und Polemik von Behörden und Medien abgespult werden: Die Gewalt wird als „neue Eskalationsstufe“ oder „Bürgerkriegsszenario“ bezeichnet werden, Polizeivertreter werden „härtere Maßnahmen“ und „strengere Gesetze“ fordern, die Politik wird verurteilen und die Vereine „in die Pflicht“ nehmen wollen, die sich ihrerseits „erschüttert“ von der Gewalt „distanzieren und diese selbstverständlich ebenfalls verurteilen“ werden. Man kann getrost ein Monatsgehalt darauf setzen, dass die entsprechenden Pressemitteilungen, Statements, Polizeiberichte und Artikel für Montagmorgen schon vorgeschrieben auf den Festplatten liegen.

Willkommen in Hamburg, sogar die Wasserwerfer wurden für den Einsatz am Sonntag in Altona, St. Pauli und angrenzenden Vierteln geputz...
Willkommen in Hamburg, sogar die Wasserwerfer wurden für den Einsatz am Sonntag in Altona, St. Pauli und angrenzenden Vierteln geputz...

Die Win-Win-Situation der Hamburger Polizeiführung sieht in diesem Szenario folgendermaßen aus: Kommt es zu den befürchteten Ausschreitungen, wird sie sich hinstellen und sinngemäß behaupten: „Seht ihr! Wären wir und unsere Maßnahmen nicht gewesen, hätten die Chaoten die ganze Stadt angezündet und Frauen und Kinder geschändet, verbrannt und aufgegessen.“ Bleiben die schwersten Krawalle seit Ben Hur dagegen aus, wird man sagen: „Seht ihr! So erfolgreich sind unsere Maßnahmen. Dank uns steht die Stadt noch und Frauen und Kinder sind ihres Lebens sicher.“

Eskalation als taktisches Kalkül?

Ohne verschwörungstheoretisch zu werden, darf man daher getrost vermuten, dass hinter diesem Vorgehen Kalkül steckt: Nach gut zehn Jahren Hamburger Stadtregierung unter Führung der Union (unter zeitweiser Zuhilfenahme zwielichtiger Rechtspopulisten) gibt es zahlreiche Kräfte im Polizeiapparat, die der SPD-Regierung und Innensenator Michael Neumann nicht gerade positiv gegenüberstehen. Dieser machte sich darüber hinaus bereits mehrfach unbeliebt: Zunächst berief er einige Führungskräfte ab, später tauchte er bei einer Versammlung von St. Pauli-Fans auf, um sich – mehr oder weniger – für einen eskalierten Polizeieinsatz im Rahmen eines Hamburger Fußball-Hallenturniers zu entschuldigen.

Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail
Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail

Insbesondere letzter Vorgang dürfte einigen Kräften innerhalb der Hamburger Polizei ziemlich übel aufgestoßen sein, kommt er doch einem „Verrat“ durch den obersten Dienstherren ziemlich nahe – erst recht in Polizeikreisen mit traditionell starkem Korpsgeist. Offenbar versucht die Hamburger Polizeiführung – wie immer sekundiert von den hauptberuflichen Horrorbühnenbildnern der polizeilichen Gewerkschaften – daher ganz bewusst, mit einer harten Linie wieder die Hoheit über einen Diskurs zu gewinnen, der ihr in den letzten Monaten teilweise entglitten ist. Sie will deutlich machen, wer gut und wer böse ist – und warum man die Öffentlichkeit vor gewaltbereiten Fußballfans auch dann schützen muss, wenn durch polizeiliche Maßnahmen möglicherweise mehr Bedrohungen und Einschränkungen entstehen als ohne diese. Die damit verbundene Botschaft gilt nicht nur den Fans und den Medien – sondern auch und vor allem dem politischen Personal, das gefälligst (wieder) auf 100%-igen Polizeikurs schwenken soll.

Die Polizei soll ihren Job machen – und keine Politik

Keine Liebe für die Polizei: Wandmalerei in St. Pauli (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)
Keine Liebe für die Polizei: Wandmalerei in St. Pauli (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)

Zu befürchten ist, dass dieses Kalkül aufgeht: Auf beiden Seiten der verfeindeten Fanlager übertrifft die Wut auf die Polizei diejenige aufeinander mittlerweile deutlich. Sowohl aus dem Aufruf der Rostocker „Suptras“ als auch aus demjenigen von Ultrà Sankt Pauli (USP) kann man unschwer herauslesen, wer der Hauptfeind ist und wo er steht. Natürlich muss die Öffentlichkeit vor Gewalttätern geschützt werden. Wenn es dazu allerdings Verkaufsverbote, Reiseverbote (indirekt), Aufenthaltsverbote, Demonstrationsverbote und Gefahrengebiete bedarf – die allesamt Grundrechte einschränken – dann wird man wohl zu Recht nach der Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen fragen dürfen: Im Falle eines „Gefahrengebietes“ für einen ganzen Stadtteil sind beispielsweise zehntausende Menschen einer polizeilichen Sonderbehandlung unterworfen. Werden sie dadurch tatsächlich geschützt oder nur schikaniert?

Insgesamt handelt es sich um nichts weniger als den Versuch, Grundrechte wie Bewegungs- und Reisefreiheit sowie sogar das Recht auf freie Meinungsäußerung in Form einer Demonstration einzuschränken bzw. auszuhebeln. Wenn darüber hinaus alle diese Maßnahmen doch nur zu einem gigantischen Polizeieinsatz mit gigantischen Kosten führen – und am Ende von alldem dennoch (oder gerade deswegen) schwere Ausschreitungen stehen – dann stellt sich jenseits der Demokratieverträglichkeit auch ganz einfach die pure Sinnfrage. Eine Polizeiführung, die diejenigen Gefahren, die sie vermeintlich abzuwehren versucht, erst heraufbeschwört, braucht in einem demokratischen Rechtsstaat jedenfalls kein Mensch. Die Polizei ist nicht dafür da, die Rechtsprechung zu ändern oder gar Politik zu machen. Im Gegenteil: Derartigem Treiben muss politisch ein Ende bereitet werden.

Siehe auch: Die Büchse der PandoraQuo vadis DFB?Fußball, Schwachsinn, DFBUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einDahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und Strafen

Germany’s most wanted football fans

Die Polizei Braunschweig fahndet per Pressemitteilung und veröffentlichten Fahndungsbildern nach … nein, nicht Terroristen, Vergewaltigern, Mördern, Räubern oder Einbrechern, sondern Fußballfans.

Von Nicole Selmer

Die Braunschweiger Polizei veröffentlichte am Mittwoch in einer Presseaussendung die Bilder zweier junger Männer, die „nach umfangreichen Ermittlungen durch Beschluss des Amtsgerichts Braunschweig zur Veröffentlichung freigegeben“ wurden. Gesucht werden sie im Zusammenhang mit einem Fußballspiel, nämlich dem Zweitligaspiel von Fortuna Düsseldorf bei Eintracht Braunschweig am 3. Oktober 2011. Bei dieser Partie hatten Düsseldorfer Fans bengalische Feuer im Gästeblock abgebrannt. Nun sucht die Braunschweiger Polizei, wie sicher auch andere Dienststellen, häufiger mit Fahndungsfotos nach Tätern oder vielmehr vermutlichen Tätern, allerdings dann wohl nur online und nicht per Pressemitteilung.

So eine Pressemeldung jedoch stößt natürlich auf viel mehr Aufmerksamkeit und wird fleißig abgeschrieben und weiter verbreitet, zum Beispiel bei den Boulevardmedien. Der Express etwa bastelte daraus gleich die Überschrift „Polizei jagt diese Pyro-Chaoten“ und präsentierte die Bilder in seiner Onlineausgabe natürlich ebenfalls. Ganz unten ist zu lesen: „Inzwischen hat sich einer der mutmaßlichen Täter gestellt“. Sein Foto ist entfernt worden, nach dem „vermummten Pyro-Chaoten wird noch gefahndet“ – die vornehmste Aufgabe der Medien neben dem Abtippen von Polizeiberichten.

Logo Polizeiinspektion Braunschweig

Harmloses Inferno
Das Ereignis selbst bei dem Spiel war dem Express vor mittlerweile einem halben Jahr auf jeden Fall eine Bilderstrecke und die Information „Inferno in Braunschweig: Vor dem Topspiel brannten die Fortuna-Fans im Gästeblock jede Menge Pyrotechnik ab“ wert. Unter den sensationsheischenden Schlagzeilen verraten die Bilder und auch der Bericht jedoch bereits, dass es sich wohl um eine relativ diszipliniert ablaufende und geplante Aktion gehandelt hat, die zudem im Zusammenhang mit den Gesprächen zwischen DFB und Ligaverband auf der einen und der Initiative zur Legalisierung von Pyrotechnik andererseits stand. Der Artikel zitiert zudem einen Fortuna-Verantwortlichen mit den Worten „In Braunschweig war die Aktion mit Spielbeginn beendet. Außerdem wurden die Fackeln nicht in den Innenraum geworfen, sondern heruntergelassen“. Von Verletzten und Geschädigten keine Rede, auch im Zusammenhang  mit der vom DFB später ausgesprochenen Strafe von 8.000 Euro in Verbindung mit Pyrotechnikeinsätzen bei einem weiteren Auswärtsspiel ist davon nichts zu lesen. Es ist also von einem recht harmlosen „Inferno“ auszugehen.

Der Express-Bericht aus dieser Woche allerdings klingt ganz anders. Jetzt schreibt das Boulevardblatt von Ermittlungen wegen „schwerer Gefährdung durch Freisetzen von Giften“ und gibt die mutmaßlichen Täter mit der Wiedergabe der Bilder zur Onlinestrafverfolgung frei. Der Supporters Clubs Düsseldorf hat in seiner Stellungnahme das Vorgehen der Braunschweiger Polizei und die Berichterstattung des Boulevardblattes scharf kritisiert, ebenso der Fanklub Metzhausen Hypers 2001.

Neue Fahndungsqualität
Pyrotechnik ist verboten, das bestreiten auch die Düsseldorfer Fans nicht. Auf die Unterscheidung zwischen kontrolliertem und geplantem Abbrennen (wie vermutlich in Braunschweig) und dem unkontrolliertem und deutlich gefährlicherem Werfen von Bengalos etwa weist auch die Pyrotechnikkampagne  in ihren Statements hin, allerdings meist vergeblich.

Leuchtfackel Eintracht Braunschweig - Fortuna Düsseldorf, Foto: SCD

Das Mittel eines öffentlichen Fahndungsaufrufs samt Fotos scheint dem hier zu verfolgenden Vergehen jedoch kaum angemessen zu sein. Eine Verhältnismäßigkeit zwischen den Handlungen der „möglichen Tatverdächtigen“, der Stichhaltigkeit der Ermittlungsergebnisse und den Konsequenzen, die der unter fleißiger Mithilfe der Medien verbreitete Fahndungsaufruf, haben kann, ist nur schwer zu erkennen. Der Supporters Club und Hypers2001 machen  auf diese möglichen Folgen einer solchen öffentlichen Fahndung aufmerksam: „Was dies beruflich und familiär oder im Bekanntenkreis zur Folge haben kann, können wir an dieser Stelle nur erahnen“. Auch der Verein Fortuna Düsseldorf hat kritisch Stellung bezogen und festgestellt: „Diese Qualität des Fahndungsaufrufes zur Ermittlung möglicher Täter im Rahmen von Fußballveranstaltungen ist uns bisher gänzlich unbekannt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass anscheinende Ermittlungsergebnisse der Polizei Braunschweig bis zum heutigen Tag nicht an den Verein Fortuna Düsseldorf herangetragen wurden.“ Das wäre möglicherweise eine erfolgversprechende Strategie zur Identifizierung der Zündler gewesen, aber natürlich weniger öffentlichkeitswirksam und dramatisch.

Dass die Unschuldsvermutung – auch bei deutlich gefährlicheren Taten als dem „Inferno“ von Braunschweig – durchaus Sinn machen kann und der Polizei bei ihren Ermittlungen im Umfeld von Fußballfans auch … na, sagen wir Fehler unterlaufen können, zeigt im Übrigen ein aktueller Freispruch aus Österreich.

Die Büchse der Pandora

Das Hamburger Verwaltungsgericht hat in einem Eilverfahren die Klage des FC St. Pauli gegen die Verfügung der Polizei, für das Heimspiel gegen Hansa Rostock keine Karten an Gästefans zu verkaufen, abgewiesen. Während St. Pauli bereits angekündigt hat, gegen dieses Urteil Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht einzulegen, muss man beim Lesen der bereits vorliegenden Urteilsbegründung leider befürchten, dass alles noch viel schlimmer kommen könnte.

Von Andrej Reisin

Hansa-Fans beim letzten Besuch am Millerntor: Das letzte Mal? (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)
Hansa-Fans beim letzten Besuch am Millerntor: Das letzte Mal? (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)

Das Hamburger Vewaltungsgericht hat sich nämlich nicht nur äußerst weitgehend der polizeilichen Verfügung angeschlossen – nein, die Richter gehen sogar noch deutlich darüber hinaus: Zwar räumen sie ein, dass der eigentliche Sachverhalt im Eilverfahren nicht endgültig entschieden werden könne, schließen sich aber dem polizeilichen Standpunkt an, wonach durch die Zulassung von Gästefans „Leib und Leben der das Spiel besuchenden Fans, unbeteiligter Dritter sowie der zur Sicherung eingesetzten Polizeikräfte“ in erheblichem Maße gefährdet sei:

Die gruppendynamisch enthemmte Aggressivität der Ausschreitungen bei den vergangenen Begegnungen und die dabei als Waffen eingesetzten Gegenstände zeigen, dass es ohne weiteres möglich ist, dass Personen schwere Gesundheitsschäden erleiden. […] Auch wenn es bisher glücklicherweise noch nicht zu Verletzungen mit bleibenden Behinderungen oder gar tödlichem Ausgang gekommen ist, so sind solche Folgen angesichts des Verlaufs der letzten Begegnungen keineswegs ausgeschlossen“, so das Gericht weiter, es drohten „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit […] erheblichen Gefahren für Leib und Leben der Einsatzkräfte.

Vor allem aber: Während die Hamburger Polizei den ausrichtenden Verein lediglich mittelbar als sogenannten „Nichtstörer“ zur Verantwortung zog, hält es das Verwaltungsgericht durchaus für möglich, dass die Vereine sehr wohl als Verursacher der Ausschreitungen haftbar gemacht werden könnten. Dazu heißt es im Urteil:

Die Frage, ob einem Veranstalter sportlicher Großereignisse Gefahren, die von gewaltsamen Ausschreitungen des durch die Veranstaltung angezogenen Publikums ausgehen, nach diesen Maßstäben zugerechnet werden können, wird bereits seit langem diskutiert und ist nach wie vor nicht abschließend geklärt. Gerichte haben sie im Zusammenhang mit der Veranstaltung von Fußballspielen – soweit ersichtlich – noch nicht entschieden.

Die überwiegende Meinung in der Literatur lehnt eine solche Zurechnung ab: Der ausrichtende Verein hafte lediglich für veranstaltungstypische Gefahren, nicht jedoch für das gewaltsame Verhalten bestimmter Zuschauer. Das gefährliche Verhalten einzelner Randalierer werde von dem Veranstalter einer Sportveranstaltung weder beabsichtigt noch gebilligt, sondern in der Regel – wie auch im vorliegenden Fall – ausdrücklich abgelehnt. Die Ausrichtung eines Fußballspiels sei zudem im Einklang mit der Rechtsordnung und stelle einen Gebrauch grundrechtlich verbürgter Rechte dar. Die Ausübung dieser Grundrechte dürfe nicht in der Hand einzelner gewaltbereiter Störer liegen.

Dagegen wird mit beachtlichen Argumenten vertreten, die Ausübung dieser Grundrechte stehe, wie die Ausübung von Grundrechten allgemein, unter einem „Nichtstörungsvorbehalt“ und die Normen über die polizeiliche Verantwortlichkeit könnten gerade Schranken der Grundrechte sein. Der Veranstalter eines Fußballspiels sei im polizeirechtlichen Sinne Verursacher von Gefahren, welche von der durch das Spiel angezogenen Menschenmenge ausgingen. Er schaffe ein vorhersehbares Sonderrisiko, ohne sicherstellen zu können, dieses zu beherrschen.

Die Klärung dieser grundsätzlichen Frage in der Tiefe, die aufgrund der weitreichenden Folgen für die Verhaltenspflichten und Kostenhaftung des Veranstalters eines Fußballspiels geboten ist, kann nur im Hauptsacheverfahren erfolgen. Nach der lediglich summarischen Prüfung im Eilverfahren sprechen jedenfalls gute Gründe dafür, dem Antragsteller als Veranstalter eines „Risikospiels“ die Verursachung der oben bejahten bevorstehenden Gefahr […] zuzurechnen.

Mit anderen Worten: Für das Hamburger Verwaltungsgericht ist die seiner Auffassung nach bisher ungeklärte Rechtsfrage, ob ein Fußballverein selbst als „Störer“ – und somit als Verantwortlicher – herangezogen werden kann, durchaus offen. Wenn man den o.a. Wortlaut aufmerksam liest, liegt der Eindruck recht nahe, dass die Richter sogar eher dazu tendieren, diese Verantwortung zu bejahen – und somit die Büchse der Pandora öffnen: Denn dies würde bedeuten, dass zumindest bei Risikospielen die Vereine auch die Kosten und ggf. Schadensersatzforderungen zu tragen hätten, also auch die Kosten für die Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, wie den Einsatz von Polizeikräften usw. Damit wäre jedes Derby ein untragbares Risiko für den ausrichtenden Verein.

Zwar glaubt das Gericht nach eigenen Worten, dass es sich bei St. Pauli gegen Rostock aufgrund der Historie um „einen speziellen, hochriskanten Einzelfall“ handle, „in dem es den betroffenen Vereinen und Verbänden nicht selbst gelungen ist, hinreichende Voraussetzungen für eine friedliche Begegnung der gegnerischen Fangruppen zu schaffen. Dass nunmehr in großem Umfang Bundesligaspiele aufgrund von Polizeiverfügungen als „Geisterspiele“ oder jedenfalls unter Ausschluss der Gästefans stattfinden müssen, „wodurch die tradierte Fußballkultur in Deutschland Schaden nehmen würde“ ist nach Meinung der Hamburger Verwaltungsrichter „aller Voraussicht nach nicht zu befürchten“.

Warum dies so sein sollte, steht allerdings in den Sternen: Denn eine derartige „Historie“ lässt sich mit polizeilichem Eifer für Köln vs. Gladbach, HSV vs. Werder Bremen oder Kaiserslautern vs. Frankfurt ebenso herbeischreiben. Es besteht hier durchaus die Möglichkeit, dass die bisherige Rechtsprechung im Hinblick auf Fußballspiele – und damit ohne jeden Zweifel auch die bestehende Fankultur – komplett über den Haufen geworfen wird.

Der Gang zum Oberverwaltungsgericht ist deshalb auch mit einem nicht gerade unerheblichen Risiko behaftet, denn schließlich sind die meisten Beschwerden und Revisionen eben nicht erfolgreich, ansonsten würde die Justiz ja auch permanent Fehlurteile fällen. Das heißt: Sollte sich die höhere Instanz in einem möglichen Hauptverfahren dem Urteil des Verwaltungsgerichts anschließen – was eben durchaus nicht unwahrscheinlich ist – dann wären in diesem Fall die schlimmsten Erwartungen von Fans und Vereinen übertroffen worden. Die Folgen wären unabsehbar.

Siehe auch: Quo vadis DFB?, Unsportliches Sportgericht, Ultras: Wer mit dem Feuer spielt, Fußball, Schwachsinn, DFB, Diskret in den Farben, ernst in der Sache

Quo vadis DFB?

Sie kamen aus Frankfurt, sie kamen aus Hessen – und das Aussperren von Fans kann der DFB künftig wohl vergessen. Zum wiederholten Mal innerhalb kurzer Zeit reisten am Montag Abend auswärtige Fans in großer Zahl zu einem Spiel an, zu dem sie offiziell nicht zugelassen waren – mit tatkräftiger Unterstützung der Heimfans, die der oftmals hohlen Phrase von Solidarität als Waffe neues Leben einhauchten. 

Von Andrej Reisin

Egal, ob es 500 oder 1.500 waren, sie waren viele, sie waren laut und sie waren unübersehbar: Letzte Woche zeigten sich Dynamo-Dresden-Anhänger trotz Verbots ungeniert bei der Frankfurter Eintracht, gestern wiederum reisten diejenigen, die nach eigenem Bekunden den Adler im Herzen tragen, nach Berlin, wo sie von einer großen Anzahl Unioner mit offenen Armen empfangen wurden. Verbrüderungsszenen, „Scheiß DFB“-Wechselgesänge und Ähnliches mehr waren die Folge.

Wunder auf „Sky“: Die Fans sorgen für „Atmosphäre“

An den Toren des DFB endet die juristische Transparenz.
An den Toren des DFB endet die juristische Transparenz.

Selbst die Fernseh-Kollegen, die anfangs noch über die Frankfurter Randalebrüder schimpfen wollten, kamen am Ende nicht umhin, der Faszination des verbotenen, aber umso lautstärkeren Auswärtssupports zu erliegen. Von einer „beeindruckenden Atmosphäre“, schwärmte ein verklärter „Sky“-Kommentator und bemerkte redundant aber treffend, „dafür sorgen hier die Fans“. Und während sich das geneigte Fernsehpublikum noch fragte – ‚ja wer denn sonst?‘ – bemerkte auch Oliver Seidler seinen weißen Schimmel und schob etwas verworren hinterher, „also natürlich sorgen die Fans für die Atmosphäre, aber ich meine jetzt auch insbesondere die von Eintracht Frankfurt“. Kein Wunder, beim Stand von 4:0 aus Sicht der Gäste gab es ja auch einges zu feiern.

Bereits zur Halbzeit sah sich „Sky“-Halbzeitgast Sven Felski von den Berliner Eisbären genötigt, sachlich und im breitesten Berlinerisch festzustellen, „dass det doch hier allet absolut friedlich abläuft“. Von Auswärtsfanverboten schien der Mann dagegen augenscheinlich nicht sonderlich begeistert. Auch Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen betonte, man könne „aus einem Fußballstadion keinen Hochsicherheitstrakt machen. Eine Aussperrung von Fans ist nur schwer zu verwirklichen. Was das für Konsequenzen hat, kann ich nicht beurteilen.

Vielleicht sollte er daher mal nachfragen, ob jemand den Schuss gehört hat. Gleich gegenüber vom heimischen Frankfurter Waldstadion böte sich die Gelegenheit – denn dort stehen sie, die Verbandsbunker an der Otto-Fleck-Schneise.  Fakt ist: Mit dem vermeintlichen Verbot von Auswärtsfans findet eine unkontrollierte Durchmischung der anreisenden Fans statt, und der nächste Ärger – an Orten mit Fangruppen und Verantwortlichen, die mit der Situation nicht so locker, entspannt und souverän umgehen wie Union und die Eintracht gestern Abend – ist vorprogrammiert. Denn natürlich kommen nur die Harten in den Garten – sprich: Trikotfamilien und Kegelfanclubs werden „illegale“ Auswärtsfahrten auch in Zukunft wohl eher nicht antreten.

Mit der Aussperrung der besten Kunden wird die Sicherheit daher ebenso wenig erhöht, wie mit dem Versuch, die Reisefreiheit durch die Hintertür einzuschränken  – immerhin ein Grundrecht, für das ein gutes Fünftel der Bevölkerung 1989 eine Revolution angezettelt hat. Zeit, dass man beim DFB anfängt umzudenken: Die nächste Gelegenheit dazu ergibt sich am Donnerstag, wenn das DFB-Bundesgericht die Berufung des FC St. Pauli verhandelt. Der Verein will verhindern, dass wegen eines Kassenrollenwurfes, der unbeabsichtigt den Frankfurter Spieler Pirmin Schwegler traf, 5.800 seiner Fans ausgeschlossen werden. Nächster Heimspiel-Gegner: Union Berlin.

PS

Kleines Upadte: Offenbar sieht man jetzt auch beim DFB ein, dass diese Art der Bestrafung keinen Sinn hat. Ob die neuen Maßnahmen sinnvoller werden, bleibt abzuwarten:

„Die Sportgerichtsbarkeit des DFB wird in Zukunft auf den Ausschluss von Gästefans als Strafe für das Fehlverhalten von Fans verzichten. ‚Es wurde auch im Kontrollausschuss wahrgenommen, dass die aktuelle Sanktion ihren Zweck nicht erfüllt hat‘, sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch am Dienstag in Frankfurt am Main nach einer Sitzung des Ausschusses.

Siehe auch: Die Ethik der Erpressung …Unsportliches SportgerichtUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-GeiselnehmerFußball, Schwachsinn, DFB

Die Ethik der Erpressung …

… oder: Wie Eintracht Frankfurt beim Versuch der Eindämmung brandgefährlicher Ultras aufs moralische Glatteis gerät.

Von Redaktion Publikative.org

Bengalos beim Spiel Dortmund - Dresden (Foto: Ultras Dynamo)
Häufig Stein des Anstoßes: Pyrotechnik (Foto: Ultras Dynamo)

Unter dem Motto „Spende statt Strafe“ will Eintracht Frankfurt ab sofort „neue Wege“ gehen, verkündet der Verein auf seiner Webseite. Denn: „in der Debatte um Pyrotechnik, Wurfgeschosse, Kollektivstrafen und vermeintliche Fanprobleme“ wolle man „einen neuen, einen anderen Weg einzuschlagen und gleichzeitig die üblichen Aktion-Sanktion-Mechanismen verlassen.“ Was zunächst mal interessant klingt, hat allerdings einen ziemlich großen Pferdefuß: Der Verein möchte nämlich 50.000 Euro an die deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) spenden, um damit so genannte „Typisierungen“ zu finanzieren, mit deren Hilfe potentielle Knochenmarkspender registriert werden können, um im Falle eines Falles zur Verfügung zu stehen. Eine Knochenmarkspende ist für an Leukämie (Blutkrebs) erkrankte Menschen oft die letzte Rettung. Aber: Mit jeder DFB-Strafe, die der Verein kassieren sollte, also im Falle des Einsatzes von Pyrotechnik, bei einem Feuerzeugwurf etc.,  werden die 50.000 Euro um den Betrag der Verbandsstrafe gekürzt.

Mit anderen Worten: Wenn die Eintracht-Ultras zündeln, werden eben ein paar hundert Knochenmarkspender-Typisierungen weniger finanziert – und damit potentiell mehr leukämiekranke Kinder ihrem tödlichen Schicksal überlassen. Die Hamburger Ultra-Gruppierung Chosen Few kommentiert dieses Vorgehen zutreffend mit: „Wenn noch mal gezündet wird, stirbt dieser kleine Hund! Oder eben ein krebskranker Mensch, weil mit dem fehlenden Geld ja theoretisch durch eine Typisierung ein geeigneter Knochenmarkspender hätte gefunden werden können. Hier werden todkranke Menschen instrumentalisiert, um Vereinspolitik und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.“ Dem können wir uns nur anschließen: Was hier mit fragwürdiger Moralisten-PR versucht wird, ist nichts weiter als eine besonders perfide Form der moralischen Erpressung.

Ob darüber hinaus eigentlich noch irgendwem auffällt, dass es seit Lostreten der Gewaltdebatte zu scheinbar immer mehr Gewalt kommt? Wir haben da mittlerweile leider wenig Hoffnung. Dass man mit seinem Strafenkatalog ohnehin an Grenzen stößt, mussten Eintracht Frankfurt und der DFB übrigens erst am vergangenen Freitag erfahren müssen: Trotz eines „Verbots“ von Gästefans waren 500 Dynamo-Anhänger nach Frankfurt gefahren und hatten sich erst im Stadion lautstark zu erkennen gegeben. Ein Bild, das symbolisch für die verquere Sicherheitspolitik des Verbandes steht, denn so schafft man ganz sicher nicht mehr Sicherheit für alle Beteiligten.

Siehe auch: Unsportliches Sportgericht, Ultras: Wer mit dem Feuer spielt, Heiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer, Fußball, Schwachsinn, DFB, Die Polizei fordert …