Der Ausschluss von Frauen aus der Fankultur

Von Frederik Schindler, zuerst veröffentlicht bei Fußball gegen Nazis*

Geht es nach dem Tumblr-Blog Ultrapeinlich, der diskriminierende Spruchbänder, Choreografien und Sticker von Ultragruppen sammelt, sind wohl gerade mal wieder Sexismus-Wochen in deutschen Fankurven. Sexistische Schimpfwörter, Degradierungen von Frauen zu Sexobjekten oder sogar Vergewaltigungsfantasien –  das alles wurde allein in den letzten Monaten vom genannten Blog dokumentiert.  Frauenfeindlichkeit scheint zur Ultrakultur dazuzugehören, sichtbar sowohl in Fangesängen oder auf Transparenten, als auch in der Diskriminierung oder im Ausschluss von Frauen aus der Fankurve. Dies zeigt sich beispielsweise an einem deutlich niedrigeren Anteil von Frauen in Ultragruppen als im gesamten Stadion oder an dem Fehlen von Vorsängerinnen auf den Zäunen. Frauen werden in Fankurven von vielen männlichen Fans generell nur als Begleiterinnen oder als Groupies wahrgenommen, viele Ultragruppen schließen bei Auswärtsfahrten Frauen in ihren Bussen aus, geben Frauen keine Ämter in den Gruppen oder lassen generell keine weiblichen Mitglieder zu. „Als Begründung wird häufig angeführt, dass ‚Frauen Unruhe in die Gruppe bringen‘, ‚die Gruppe verweichlichen‘ bzw. ‚Frauen nicht das Bild der Gruppe prägen sollen'“, erklärt Fanforscher Jonas Gabler in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Auch in offenen Ultragruppen werden Frauen oftmals nicht die gleichen Rechte zugesprochen oder bestimmte Ämter und Zuständigkeiten verwehrt, beispielsweise bei der Verteidigung des Gruppenmaterials. Frauen gelten in Ultragruppen demnach als Gefahrenquelle: „Zum einen scheinen sie körperlich zu schwach zu sein, um Fahnen, Fansektoren und Busse zu verteidigen. Zum anderen wird ihnen aber auch eine große Sprengkraft innerhalb der Gruppe zugeschrieben, und zwar dann, wenn es um den zwischenmenschlichen Bereich geht“, so Heidi Thaler, die zu weiblichen Ultras promoviert, im neuen Tatort Stadion-Buch. Dieses Bild von der gewaltlosen Frau wird auch von den Fußballverbänden reproduziert, beispielsweise wenn Frauen und Kinder an sogenannten Geisterspielen teilnehmen dürfen – von verschiedenen Seiten wird demnach abgesprochen, dass Frauen „echte Fans“ sein können.

Frauen-Ultragruppen als Möglichkeit der Emanzipation

Eine mögliche Gegenstrategie für Frauen, mit Sexismus in der Fan- und Ultrakultur umzugehen ist die Ironisierung der Abwertungen und Ausschlüsse. Negativ gemeinte Begriffe werden selbst angeeignet, um sie positiv umzudeuten. Dadurch können Begriffe entmachtet werden, man kennt das von rassistischen oder homophoben Fremdzuschreibungen. Ein Beispiel hierfür sind die Chicas, ein Zusammenschluss von weiblichen Mitgliedern der Ultragruppe Schickeria München. Sie versuchen, „den Nachteil, der sich für die weibliche Minderheit im Fußball ergibt, unter dem Namen ‚Chicas‘ bewusst publik zu machen, anzupacken und zum Guten zu wenden“, greifen dabei ein „Klischee auf und drehen es auf ironische Weise ins Gegenteil um“. Nicole Selmer und Almut Sülzle entwickelten hierfür den Begriff „vorweggenommener Sexismus„. Die weiblichen Ultras können dadurch „frauenfeindliche Blicke irritieren und zurückweisen“.

Die letzte weibliche Ultragruppe gründete sich im Juli 2014 in Heidenheim: Die „Societas“ wurden Teil der Gruppe „Fanatico Boys“ und kritisieren in ihrer Gründungserklärung: „Mädels haben es oftmals auch schwerer in ihrer Rolle als Fan akzeptiert und respektiert zu werden. Von ihnen wird zumeist mehr erwartet und sie stehen unter größerer Beobachtung“. Mitglied Lea fordert in der WELT: „Ich möchte in erster Linie als Fan wahrgenommen werden, also geschlechtsunspezifisch. Es geht es darum, dass weibliche Fans genauso behandelt werden wie männliche Fans“. Ähnliches fordert Andrea aus Bremen: Es müsse den Leuten im Stadion endlich klar werden, dass auch Mädchen und Frauen Ultra sein können. „Nicht alle haben Bock auf Gewalt und Pöbeln – allerdings auch nicht bei den Jungs -, aber die meisten sind eben wirklich wegen Fußballgucken, Singen, Ultra-Zeugs in der Kurve und nicht weil der neue Stürmer so sexy Waden hat.“ Ein Schritt in die Richtung der Anerkennung kann eine Frauen-Ultragruppe sein. So lange das Ziel, dass alle gleichberechtigt nebeneinander Ultra sein können noch nicht erreicht sei, brauche es Schutzräume, meint Andrea: „Zudem ist eine reine Frauengruppe natürlich auch ein Statement. Das zeigt dann ganz plakativ, dass Mädchen das auch spannend finden und es eben auch ‚können‘.“. Wichtig ist ihr auch die Präsenz von Frauen, egal ob auf Kurvenfotos oder in der ersten Reihe beim Fanmarsch. „Das ist in Bremen schon relativ oft so, aber ein reiner Mädchen-Mob würde auch hier noch auffallen. Das wäre schon echt cool!“, sagt sie.

Ähnliches berichten die Chicas aus München. Sie wollen eine Anlaufstelle „für die Mädels sein, die sich für Ultrà interessieren aber durch die Dominanz des männlichen Geschlechts vielleicht nicht den Mut dazu haben, von Null auf Hundert in der Gruppe mitzumachen“. Als explizite Frauengruppe – oder als Untersektion einer größeren Gruppe – stehen die genannten Gruppen allerdings relativ alleine da. Zu erwähnen wären hier noch die Senhoritasaus Jena (ebenfalls nur Untergruppe der dominierenden Gruppe Horda Azzuro), die Sophia Gerschel in ihrer Diplomarbeit untersuchte und die legendäre Aktion der Ultrà Sankt Pauli Femminile aus dem Jahr 2010, die laut einem ironischen Statement die Männer aus der Gruppe prügelten. Die einzige heute existierende unabhängige Frauengruppe besteht in der Ultraszene des SV Babelsberg 03.

Die Ultras Babelsberg mit einem abgewandelten Zitat von Rosa Luxemburg

Der Fanblock als Raum für untypisches Geschlechterverhalten

Über die Konstruktion von „echten Fans“ erfolgt auch eine Ablehnung von weiblichen Fans, die dem „Klischeebild des rosa-zickigen Groupie-Mädchens“ entsprechen, erklärt Fanforscherin Almut Sülzle in ihrer Studie „Fußball, Frauen, Männlichkeiten„. Hierbei entsteht allerdings kein genereller Ausschluss von Frauen. Frauen, die nicht den typischen Geschlechterklischees entsprechen und „Groupies“ ebenfalls ablehnen, können so im Fanblock einen Raum finden, in dem sie sich nicht ständig als Frau inszenieren oder über ihren Körper darstellen müssen. Verhaltensweisen, die gesellschaftlich als „typisch männlich“ wahrgenommen werden, wie zum Beispiel fluchen oder schreien können durch Frauen im Stadion angeeignet werden, ohne dafür sanktioniert zu werden oder in ihrer Weiblichkeit infrage gestellt zu werden. Sie müssen sich allerdings immer wieder beweisen, um ebenfalls als „echte Fans“ wahrgenommen zu werden. Frauen stützen so die männerbündischen Strukturen, Sülzle bezeichnet sie daher gleichzeitig als „Konstrukteurinnen und Opfer der hierarchisierenden Geschlechterdichotomie“. Ähnliches berichtet auch Andrea aus Bremen. Sie ist 25 Jahre alt, seit 11 Jahren im Weserstadion und seit 9 Jahren Mitglied einer Ultragruppe. Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de erklärt sie: „Die Mädchen die präsenter sind, sind es zu einem guten Teil auch deswegen, weil sie hegemonial männliche Verhaltensweisen annehmen können und/oder wollen. Laut und vielleicht etwas gröber sein, gehört beim Fußball nach wie vor zum guten Ton, den müssen sich alle ein bisschen angewöhnen“. Menschen, die sich hier nicht anpassen wollen oder können, werden so weiter aus dem Fanblock ausgegrenzt.

Auch für Männer gibt es in der Kurve Möglichkeiten für die Ausübung von Verhaltensweisen, die außerhalb des Stadions als unmännlich gelten. Umarmungen und Berührungen zwischen Männern sind unter Fans vollkommen selbstverständlich, während sie in anderen Kontexten homophob abgewehrt werden. Die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky sieht in Männerbünden auch eine „emotionale, affektive und häufig erotische Basis„, die sich im Fanblock beispielsweise in öffentlichem Weinen zeigt. Dass dieses Verhalten möglich ist, ohne als unmännlich wahrgenommen zu werden, liegt an der extremen Assoziation von Fußball und Männlichkeit, die fast jedes Verhalten als männlich erscheinen lässt. Frauen, deren Verhalten oder deren Kleidung als „typisch weiblich“ wahrgenommen werden, erfahren Ablehnung und Ausgrenzung. „Man reproduziert in Verbindung mit Autoritarismen Männlichkeitsvorstellungen, zum Beispiel dass Frauen ‚männlich‘ sein müssen, es gibt eine männliche Struktur, die auch historisch von Männern entwickelt wurde und jeder Mann und jede Frau muss durch diese Strukturen durch“, so Gerd Dembowski in einem Gespräch 2013.

Hierarchien reproduzieren althergebrachte Männlichkeitsvorstellungen

In einer 2006 von dem Fanforscher Gunther A. Pilz durchgeführten Studie, gaben 85 Prozent der befragten Ultras an, dass Frauen ihrer Meinung nach keine Ultras sein können. 62 Prozent erklärten, dass Frauen nicht die Rolle des Capos, also des Vorsängers, übernehmen können. Der Anteil von Frauen in Ultragruppen liegt laut der Studie bei 5 Prozent, mittlerweile wird er auf ein Zehntel geschätzt – während der Frauenanteil im Stadion insgesamt mittlerweile bei einem Drittel liegt. Dies liegt unter anderem an der Entstehung von eigenen Konventionen und Regelsystemen der aktiven Fanszene, die „durch interne Hierarchien gewährleistet werden. Diese sind geprägt durch die Vorherrschaft der Männer im Fußball und in den Kurven, weshalb zentrale Charakteristika von Fußballfankultur bis heute durch Männlichkeit bzw. männliche Stereotypen geprägt sind“, so Gabler. Die meisten größeren Ultra-Gruppen haben beispielsweise eine Art Vorstand, ein sogenanntes direttivo. Dieses wird in der Regel nicht gewählt, sondern setzt sich aus erfahrenen Mitgliedern der Gruppe zusammen. Bei der Zusammensetzung gilt der Vorrang von Mitgliedern mit höherem Lebensalter oder längerer Gruppenzugehörigkeit. „Auf Dauer ist dieses Konstrukt so instabil, dass sich Formen von althergebrachter Männlichkeit und Autoritarismus tradieren können, also genau solche Dinge reproduziert werden, die es in bürgerlichen Taubenzüchtervereinen auch gibt“, meint Dembowski. Und auch Heidi Thaler schreibt im oben genannten Buchbeitrag, dass der Einstieg für Frauen leichter sei, je weniger die Hierarchien innerhalb der Gruppe bereits ausgeprägt sind. „Je früher in der Entstehungsgeschichte einer Ultragruppe auch Frauen beteiligt sind, desto mehr Spielraum besteht, die Teilhabe von Frauen in der Gruppe auszuhandeln beziehungsweise als Selbstverständlichkeit zu etablieren.“

Viele jüngere Mitglieder richten sich nach der Meinung der Capos und ordnen sich dieser unter. Für Frauen ist es noch schwieriger, als Vorsängerin die Gruppe anzuführen. Erst vor wenigen Jahren gab es bei einer Ultra-Gruppe des SV Babelsberg 03 die erste weibliche Vorsängerin, die jedoch nach einem halben Jahr aufgab, weil sie sich von den Fans nicht akzeptiert fühlte. Gerd Dembowksi dazu: „Ultras lassen zwar hier und da mal Frauen mitmachen – ähnlich wie in der Gesellschaft, in der Emanzipation: Man lässt Frauen jetzt Managerinnen werden, aber man ändert nicht den gesamten Betrieb. Man benutzt das Amt, das Männer irgendwann erfunden haben und genau so funktioniert es in der Ultra-Szene auch.“ In Andreas Augen sei die Bremer Ultraszene allerdings schon lange bereit für eine Frau auf dem Podium. Schon ein paar Mal sei das ausprobiert worden, die organisierten Gruppen standen alle dahinter und es gab viel Support. „Aber die Fans, die weiter oben stehen, Bierbecher werfen und jetzt mal nicht ‚Fahne runter‘, sondern ‚Was will die Fotze auf dem Zaun?‘ schreien, die hast du halt nicht im Griff. Traurig, aber wahr“, stellt Andrea fest. Gerade haben die aktiven Frauen verständlicherweise keine Lust, zur Zielscheibe zu werden und deshalb gibt es auch momentan keine Vorsängerin in Bremen.

Es geht auch anders: Die Pugnatores Ultras aus der Fanszene des FSV Frankfurt mit einem Spruchband zum Frauen*kampftag 2015

„Einfach nur Ultra unter Ultras sein“

Andrea aus Bremen stört sich schon lange daran, dass andere Ultras „als die großen Macker“ auftreten: „Selbst die progressiven Gruppen wollen Stärke ausstrahlen und die Spruchbänder der nicht so progressiven Gruppen sind auch nicht gerade einladend“, kritisiert sie. „Dazu kommt dieses Gruppending. Zusammenhalt und Geschlossenheit sind super wichtig. Es ist schwer für neue da reinzukommen. Auch für Jungs. Und für die Mädchen ist es eben besonders schwer, weil es mehr Überwindung kostet einen Jungen anzusprechen und eben nicht überall Mädchen rumlaufen, die man einfacher ansprechen könnte“. Dabei wollen Frauen im Stadion doch einfach nur das gleiche machen wie Männer. Doch bestimmte Mechanismen erschweren dies, wie Heidi Thaler im genannten Buchbeitrag erklärt: „Wer es satt hat, sich aufgrund des Geschlechts von vornherein ständig erklären zu müssen und als Exotin zu gelten, hat wahrscheinlich wenig Lust, noch gesondert auf die eigene Situation als Frau hinzuweisen. Einmal abschalten, einmal nur Fußball und die eigene Kurve im Kopf haben, einfach nur Ultra unter Ultras sein – das wär was!“

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.

NSU-Komplex erreicht Ultra-Szene

Bei Fankultur.com sollen Fans selbst bloggen.
Bei Fankultur.com sollen Fans selbst bloggen.

In Fan- und Ultrakreisen sorgt eine Enthüllung im NSU-Komplex für Spekulationen und Verunsicherung. Ein Fanforscher soll vor Jahren als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes den V-Mann „Tarif“ mitgeführt haben. Er initiierte später ein Netzprojekt, auf dem Ultras und Fans bloggen.

Von Patrick Gensing

Martin Thein ist Wissenschaftler, Buchautor und Fanforscher. „Seit geraumer Zeit liegt sein Schwerpunkt auf der Erforschung der deutschen Fußballfankultur“, hieß es im Jahr 2011, als er den „Netzathleten“ ein Interview gab.

Vor dem Jahr 2011 beschäftigte sich Thein allerdings mit dem Neonazismus, Veröffentlichungen zum Thema Fans sind nicht bekannt. Unter anderem legte er eine „Feldstudie“ vor, in der er Dutzende Neonazis und sogar den damaligen Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, interviewte.

Im „Kölner Stadtanzeiger“ sagte Thein zu den Gesprächen mit den Neonazis, es sei „anfangs beklemmend“ gewesen, „da hatte ich schon einen kleinen Kloß im Hals“. Er habe sich „wie in eine andere Welt versetzt“ gefühlt, sei „sogar etwas ängstlich und verunsichert“ gewesen. Thein habe über Monate keinen Zugang zu Neonazis gefunden:

„Von etwa 100 Mails an rechtsextremistische Gruppen kamen nur zwei zurück, und dies waren dann Absagen. Schließlich habe ich einen Telefonkontakt zu Thomas Brehl bekommen. Einem bundesweit bekannten Rechtsextremisten, der in den 1980er Jahren als engster Weggefährte des mittlerweile verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen galt. Brehl konnte ich dann für ein Gespräch gewinnen. Er hat mich in der Szene weiterempfohlen. Dann ging das Schneeballsystem los, und ich bekam immer mehr Interviewpartner.“

Eine Darstellung, die nun fragwürdig erscheint. Denn die Autoren Stefan Aust und Dirk Laabs schreiben in ihrem Buch „Heimatschutz“, Thein sei beim Bundesamt für Verfassungsschutz tätig gewesen – und zwar im Bereich Rechtsextremismus. Recherchen in einem NSU-Untersuchungsausschuss stützen diese Darstellung.

Auszug aus dem Buch "Heimatschutz" zu Martin Thein. Über rechtliche Schritte wegen einer falschen Tatsachenbehauptung ist nichts bekannt.
Auszug aus dem Buch „Heimatschutz“ zu Martin Thein. Über rechtliche Schritte wegen einer falschen Tatsachenbehauptung ist nichts bekannt.

Thein soll sogar den V-Mann „Tarif“ mitbetreut haben – einen bundesweit bekannten Neonazi, der heute in Schweden lebt (Publikative berichtete mehrmals). Sollte dies zutreffen, hätte Thein also bereits professionell Kontakt zu mindestens einem Nazi gehabt, bevor er seine angeblichen Anfragen an Neonazis abgeschickt haben will.

Akten geschreddert

Hinter dem Tarnnamen „Tarif“ versteckte sich Michael See, der für die NPD kandidierte und als ein Vordenker des rechten Terrors gilt. Seine Akte schredderte das Bundesamt für Verfassungsschutz im November 2011 – sieben Tage nachdem der NSU sich selbst enttarnt hatte. Nun ist die V-Mann-Tätigkeit von „Tarif“ aber bereits einige Jahre her, die letzten Zahlungen an den Neonazi aus der Kasse des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln konnte der NSU-Untersuchungsausschuss in den Jahren 2002 und 2003 finden. „Tarif“ galt als Top-Quelle beim Verfassungsschutz. Offenbar war es kein Problem, sondern eher attraktiv für den Geheimdienst, dass gegen See zuvor bereits wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt worden war; das Verfahren wurde eingestellt. In Haft saß See wegen versuchten Totschlags.

Der mutmaßliche Quellenführer Thein dürfte also bereits vor seiner Dissertation einiges gewusst haben über Neonazi-Strukturen und den V-Mann „Tarif“. Zudem hatte „Tarif“ beste Kontakte zu führenden Neonazis in Deutschland und Skandinavien; einen ideologischen Schlussstrich zog er offenbar nicht nach seinem Umzug nach Schweden, sondern beschäftigt sich mit brauner Esoterik und Ökologie.

Vom Neonazi-Experten zum Fanforscher

Thein promovierte indes an der TU Dresden und trat als Autor zum Thema Neonazis in Erscheinung, publizierte 2009 unter anderem in dem „Jahrbuch Extremismus“ der Wissenschaftler Jesse und Backes, die die Extremismus-Doktrin des Verfassungsschutzes seit Jahren theoretisch unterfüttern. Theins Studie zum Thema Neonazis lobte das Juso-Projekt Endstation Rechts aus MVP vor allem dafür, dass der Autor „auch Einblick in Dokumente [gehabt habe], die in keiner Bibliothek zu finden sind“. 

Ab dem Jahr 2011 trat Thein dann plötzlich als Fanforscher auf, er initiierte das Netzprojekt „Fankultur.com“, zunächst für wissenschaftliche Zwecke, später sollten Fans dort selbst bloggen. Zudem trat Fankultur.com an Fangruppen für Interviews und Erlebnisberichte heran. Die Reaktionen waren verhalten, da die Macher des Projekts bis dahin weitestgehend unbekannt waren. Auch heute sind die Meinungen über Fankultur.com geteilt, wie beispielsweise aus Köln zu hören ist, wo Thein nach eigenen Angaben als „selbstständige Fachkraft im Bereich Forschung“ tätig ist. Einige Fans gehen noch weiter in ihrer Kritik und spekulieren, das ganze Projekt sei möglicherweise vom Verfassungsschutz unterstützt worden. Auf der Facebook-Seite von Fankultur.com fordern Leser daher eine Stellungnahme zu Martin Thein und posten ironisch Grüße an den Verfassungsschutz.

Thein gab innerhalb von 1,5 Jahren vier Bücher heraus. (Screenshot Amazon)
Thein gab innerhalb von nicht einmal 1,5 Jahren vier Bücher heraus. (Screenshot Amazon)

Was hat Thein mit Fankultur.com heute noch zu tun? Im Impressum war bis zum 3. Juli 2014 als Projektleiter Christoph Burr aufgeführt, als Postanschrift wurde eine Adresse in Köln angegeben. Unter dieser Adresse konnte aber kein Briefkasten oder Klingel mit entsprechendem Namen gefunden werden. Seit dem Nachmittag des 3. Juli wird in dem Impressum nun eine Adresse in Stuttgart angegeben. Burr erklärte dazu, er sei kürzlich nach Stuttgart umgezogen.

„Nichts mehr mit Fankultur.com zu tun“

Burr teilte auf Anfrage zudem mit, er betreibe die Seite privat. Thein habe seit Längerem nichts mehr mit Fankultur.com zu tun. Allerdings führt Thein das Projekt selbst noch als Referenz auf (siehe Screenshot unten), auch eine entsprechende Email-Adresse existiert noch – und im Dezember 2012 trat Thein im Namen von Fankultur.com an andere Blogger heran, also vor gut 1,5 Jahren. Burr sagte, ungefähr zu dieser Zeit hätten sich die Wege getrennt – wegen inhaltlicher Differenzen. Dass Thein für den Verfassungsschutz tätig war, will Burr nicht gewusst haben.

Eine Tätigkeit, die auch auf die wissenschaftliche Arbeit von Thein bezogen, Fragen aufwirft: Hat Thein möglicherweise Kontakte zu Neonazis, Geheimdienstlern und Erfahrungen mit dem V-Mann „Tarif“ genutzt, um seine Dissertation zu verfassen?

Martin Thein auf der Seite der "Akademie für Fussballkultur"
Martin Thein auf der Seite der „Akademie für Fussballkultur“

Fragen, die nur Thein beantworten könnte. Doch bei Facebook hat Thein sich zurückgezogen, Blogger, die mit ihm befreundet waren, hat er mittlerweile entfreundet – oder er hat sein Profil komplett gelöscht. Auffällig ist, dass Thein zuvor den Kontakt zu vielen Personen aus der Fußball-Szene offensiv suchte, sowohl zu Journalisten als auch Fangruppen und Bündnissen. Einige beschreiben sein Vorgehen als „aufdringlich“, andere lehnten eine Zusammenarbeit ab. Thein schaffte es aber innerhalb relativ kurzer Zeit, zu zahlreichen Aktiven und Kennern der Fanszene Kontakte aufzubauen.

Das Blog „EricCantona“ merkt zu Theins Wirken an: „Her­aus­ge­sto­chen ist sei­ner­zeit zum einen, dass er selbst kaum Bei­trä­ge ver­fass­te, son­dern mehr durch In­ter­views glänz­te, die er im Rah­men die­ser Bü­cher geben durf­te. Zum an­de­ren war auf­fäl­lig, dass er zu einem sehr brei­ten Spek­trum an Teils re­no­mier­ten und pro­mi­nen­ten Per­so­nen Kon­tak­te pflegt. Das muss per se nicht ver­un­si­chern, ist aber auf­fäl­lig.“ Auffällig ist auch, dass Thein auf Sammelbände setzte – er gewann bekannte Fachjournalisten und Forscher sowie Fans für seine Publikationen, konnte so zahlreiche Kontakte knüpfen.

Aktionismus

Nun wurde bekannt, dass Thein für den Verfassungsschutz tätig war – und nicht wenige Blogger und Fans befürchten, diese Verbindung habe noch länger bestanden – in welcher Form auch immer. Theins Wirken erinnert an das Agieren von Verbindungspersonen in anderen Szenen: Äußerst umtriebig werden Kontakte geknüpft, Projekte angeschoben – und man bringt sich selbst ein, um so Credibility zu erreichen und neue Leute kennen zu lernen.

Aktive Fans und Fachjournalisten erinnern sich zudem nun an handfeste Gerüchte von vor etwa zwei Jahren, als die Information die Runde machte, der Geheimdienst nehme die Kölner Fanszene massiv ins Visier. Und ausgerechnet in Nürnberg, wo Thein eine „Feldstudie“ über Ultras recherchierte, wurde mindestens ein Fan von der Polizei angesprochen, um diesen als Spitzel anzuwerben. Das sind alles keine Beweise, aber zumindest Merkwürdigkeiten.

Fans2Trends.com - das neue Projekt von Martin Thein?
Fans2Trends.com – das neue Projekt von Martin Thein?

Merkwürdig ist auch, dass Thein nicht zu erreichen ist. Anfragen über die Email-Adresse bei Fankultur.com blieben bislang unbeantwortet. Bei der „Deutschen Akademie für Fußballkultur“, die ich wegen weiteren Kontaktmöglichkeiten zu Thein angefragt habe, hieß es, dort sei nur dessen Email-Adresse von Fussbalkultur.com bekannt, man bemühe sich um andere Kontaktmöglichkeiten. Der Verlag „Die Werkstatt“, wo Thein vier Bücher herausgab, versucht ebenfalls seinen Autor zu erreichen – erfolglos.

Bei der Seite „Fans2Trends.com“, bei der Thein zuletzt eine Email-Adresse hatte, wie Christoph Burr von Fussballkultur.com sagte, sind auch keine Auskünfte über ihn zu bekommen. Zunächst meldete sich unter der Rufnummer im Impressum von „Fans2Trends.com“ eine männliche Stimme, die sagte, ich sei hier falsch, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Bei dem zweiten Anruf war eine Mailbox zu hören, welche ebenfalls zu erreichen ist, wenn man eine Mobilfunknummer aus dem ehemaligen Impressum von Fankultur.com anruft – aus einer Zeit, als Thein noch verantwortlich für die Seite war. Handelt es sich bei „Fans2Trens.com“ möglicherweise um Theins jüngstes Projekt? Die GmbH, die hinter der Seite steht, versicherte auf Anfrage, Thein habe seit Längerem nichts mehr mit dem Projekt zu tun. Unter der auf der Seite angegebenen Adresse – wiederum in Köln –  findet sich aber kein Hinweis auf die Seite bzw. auf die Betreiber.

Fachleute im Visier des Geheimdienstes

In Niedersachsen ist bereits bekannt geworden, dass auch Journalisten und Rechtsanwälte zum Beuteschema des Geheimdienstes gehören: Hier wurden Fachjournalisten über Jahre beobachtet.

Der NSU-Komplex hat über den Umweg „Tarif“ und Geheimdienst nun also auch die Fan- und Ultra-Szene erreicht. Das Wirken eines ehemaligen Quellenführers des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln in dieser Szene wirft zwangsläufig die Frage auf, ob der deutsche Inlandsgeheimdienst gezielt und verdeckt bei Wissenschaftlern, Journalisten und Faninitiativen Informationen abgreift. Auch wenn Beweise fehlen: Ganz abwegig erscheint das nicht. Leider.

Siehe auch: Skandalöse Speicherwut in NiedersachsenVerfassungsschutz bespitzelt Göttinger AnwaltAlle Artikel aus der Kategorie Fußball.

„Speziale Libero“: Die Meinungsfreiheit der anderen

Die Parole „Speziale Libero“ („Freiheit für Speziale“) ist zurzeit in vielen Fußballstadien zu lesen. Antonio Speziale ist ein sizilianischer Ultra, der 2007 bei Krawallen einen Polizisten getötet haben soll. 2012 wurde der zum Tatzeitpunkt 17-Jährige dafür letztinstanzlich zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Das Urteil ist wegen zahlreicher Ungereimtheiten umstritten. Doch statt sich mit dem Fall auseinanderzusetzen, streitet man in Italien und neuerdings auch hierzulande lieber darüber, ob man die Forderung nach Freiheit für Speziale in Fußballstadien äußern darf. Einige Medienvertreter glänzen dabei durch ein erstaunliches Verständnis von Meinungsfreiheit.

Von Andrej Reisin

Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)
Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)

Doch der Reihe nach: Bei Krawallen rund um das sizilianische Fußball-Derby zwischen Catania und Palermo am 2. Februar 2007 soll Antonio Speziale gemeinsam mit einem Mittäter die Blechverkleidung eines Waschbeckens nach dem Polizisten Filippo Raciti geworfen haben, und diesen damit angeblich tödlich verletzt haben. Zeugen dafür gibt es nicht. Niemand hat etwas gesehen: Keiner der Kollegen Racitis, kein Krawallmacher, kein Unbeteiligter.

Alles, was es gibt, sind die Aufnahmen zweier Überwachungskameras, die das Geschehen zwischen 19:04 und 19:09 Uhr zeigen: Man sieht, wie Speziale und sein Komplize den Gegenstand werfen, der übrigens laut Akten 1,16 Meter lang und 5,820 Kilogramm schwer ist. Eine zweite Kamera zeigt die Polizisten, in deren Richtung geworfen wird. Zu sehen sind Teile des Waschbeckens, die zur Erde fallen und und in Stücke zerspringen. Den getöteten Polizisten Raciti sieht man nicht. Auch sonst ist niemand zu sehen, der getroffen wird. Antonino Speziale hat genau diesen Tatbestand zugegeben: „Ich habe das Ding geworfen, aber niemanden getroffen„, so der Angeklagte.

Doch erst knapp 1,5 Stunden nach dem Speziale zur Last gelegten Angriff, bricht Raciti plötzlich zusammen. Die Ausschreitungen sind zu diesem Zeitpunkt weiter eskaliert. Ultras von Catania und Palermo bekriegen einander und die Polizei mit brutaler Gewalt: Es fliegen Steine, Feuerlöscher, Feuerwerkskörper und Rauchbomben. Um 20.34 Uhr bittet Raciti um Hilfe, weil es ihm schlecht gehe – und wird ohnmächtig. Im Krankenhaus wird ein Herzstillstand festgestellt, zudem großflächige Hämatome und innere Blutungen. Um 22:10 können die Ärzte nur noch den Tod feststellen. Die Obduktion ergibt später eine Verletzung der Lebervene durch äußere Gewalteinwirkung als Ursache der inneren Blutungen und damit des Todes.

Berechtigte Zweifel an der offiziellen Version

Doch wie plausibel ist es, dass jemand mit einer solchen Verletzung noch 90 Minuten lang mitten in schweren Krawallen Dienst tut und sogar andere Polizisten als deren Vorgesetzter kommandiert und anführt? Die Zweifel mehren sich, als ein anderer Polizist zunächst zu Protokoll gibt, er habe beim Zurücksetzen seines Jeeps inmitten von Panik, Rauch und Chaos (das Fahrzeug war bereits von den Ultras attackiert worden und besaß unter anderem keine Außenspiegel mehr) einen Aufprall verspürt und Raciti am Boden liegen sehen. Zudem wurden an Racitis Kleidung Farbspuren gefunden, die zur blauen Lackierung des Jeeps passen. Doch vor Gericht erinnert sich der Zeuge plötzlich anders als in der Vernehmung und gibt an, Raciti sei in Wirklichkeit viel weiter entfernt gewesen und er habe ihn auch nicht am Boden liegen sehen. Speziales Anwalt Giuseppe Lipera fasst die Beweisaufnahme so zusammen: „Der Moment, in dem Filippo Raciti die tödliche Verletzung beigebracht bekommen haben soll, wird von niemandem wahrgenommen – nicht einmal von ihm selbst.“

Selbst, wenn man nicht davon ausgeht, dass kaum eine westeuropäische Justiz derart zu Schlamperei, Verschleppung von Verfahren und Fehlurteilen neigt, wie die italienische (und all dies beklagen Menschenrechtsgruppen, Anwaltsvereine und sogar die europäische Kommission immerhin seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten), handelt es sich also um ein Urteil, an dem man berechtigte Zweifel haben kann. Zweifel, die zum Beispiel auch Italiens oberste Spurensicherer hatten: Der wissenschaftliche Dienst der Carabinieri (RIS – „Reparto investigazioni scientifiche“) kam in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass der in hohem Bogen geworfene Waschbecken-Blechmantel für Racitis schwere und tödliche Verletzungen (vier Rippenbrüche und der Riss der Leber) verantwortlich gewesen sein könne. Auch das höchste italienische Gericht, die Corte Suprema di Cassazione (der oberster Kassationsgerichtshof, vergleichbar mit dem BGH) in Rom scheint nicht restlos überzeugt: Denn es folgte am 7. Februar 2014 einem Antrag von Speziales Anwalt Lipera, der die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt hatte – und verwies das Verfahren zurück an das zuständige Revisionsgericht in Messina.

Hysterische Medien – illusionäre Berichte

Napoli-Ultra Gennaro De Tommaso (Foto: Screenshot Rai)
Napoli-Ultra Gennaro De Tommaso (Foto: Screenshot Rai)

So weit der Hintergrund zur Kurven-Solidarität mit einem möglicherweise unschuldig Inhaftierten, der vor einem deutschen Gericht aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wegen Totschlags verurteilt worden wäre, auch wenn man natürlich niemals nie sagen sollte. Doch diese Hintergründe sind vielen Medien offenbar weitgehend egal: Seit es beim italienischen Pokalfinale vor wenigen Wochen zu erneuten Ausschreitungen kam, in deren Folge ein Napoli-Fan eine schwere Schussverletzung davontrug, herrscht wie immer Hysterie. Zwar entpuppte sich der vermutliche Schütze binnen kürzester Zeit als stadtbekannter Römer Faschist und Gewaltverbrecher mit zahlreichen Vorstrafen, aber der Hauptskandal wird in Italien darin gesehen, dass der Vorsänger der Napoli-Kurve (die nach dem Vorfall mit dem Spielabbruch drohte) ein T-Shirt anhatte, auf dem „Speziale Libero“ zu lesen war. Nämlichem „Ultra-Chef Gennaro De Tommaso, alias „Genny der Schreckliche„, wie Hans-Jürgen Schlamp auf Spiegel Online meint, werden aufgrund seiner familiären Herkunft gute Beziehungen zur Mafia nachgesagt. Kai Tippmann ist auf altravita.com dagegen gut begründet anderer Meinung:

Erstaunlicherweise [gilt] “Genny” als Symbolmonster dieses blutigen Abends. Den Spitznamen hat er von seinem Vater, einem Camorra-Boss, geerbt. Entgegen der im Spiegel vorherrschenden Meinung, steht er für einen “Unglücksraben”. Unabhängig davon wüsste ich nicht, dass Schuld vom Vater auf den Sohn übertragen wird, jedenfalls nach 1945. Dem Publicity-Experten Roberto Saviano reicht das jedenfalls, um ihn zum Emblem dafür zu stilisieren, dass die Napoli-Kurve von der Mafia regiert wird. Deutlich besser belegt sind zwar entsprechende Infiltrationen in Parlament und Unternehmen, aber ältere Herren in Nadelstreifen eignen sich weniger, um das Böse zu illustrieren, als ein tätowierter Kerl mit “bösem Gesicht” auf einem Stadionzaun.

Birgit Schönau beklagt in der „Süddeutschen Zeitung“ (nicht online) wortreich, dass „von Berlin bis Lissabon, vom rumänischen Cluj-Napoca bis München“ der Spruch „Speziale Libero“ gezeigt werde. Ohne auf die näheren Umstände einzugehen, befindet sie anschließend:

Wer jetzt „Speziale libero“ skandiert, solidarisiert sich also erstens mit einem verurteilten Polizistenmörder und zweitens mit einem Handlanger der Camorra. Wissen das die Fans des FC Bayern, von Dortmund und von Hertha BSC, in deren Kurven dieses Spruchband erschien?

Die perfide Unverfrorenheit dieser Art von sogenanntem „Journalismus“ muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Erst werden die Leserinnen und Leser hinters Licht geführt, indem man ihnen entscheidende Informationen vorenthält (hier: Es gibt durchaus berechtigte Zweifel an der Verurteilung). Dann wird die angeblich sakrosante Trennung von Nachricht und Meinung (an die ich allerdings zugegebenermaßen auch nicht glaube – aber die SZ offenbar – oder wozu leistet man sich sonst extra Meinungsseiten?) flugs über Bord geworfen. Und mit juristischen Feinheiten, wie der sauberen Trennung zwischen Mord und Totschlag, die mir im 1. Semester Medienrecht eingebläut wurde, braucht man sich auf der Kanzel der Moralpredigt schon mal gar nicht aufhalten. Dazu erneut Kai Tippmann auf altravita.com:

Es geht nicht darum zu sagen, dass ein “Polizistenmörder” freigelassen werden soll, die Aussage lautet: “Antonio Speziale hat Philippo Raciti nicht getötet”. Eine Ansicht, eine nicht völlig unbegründete Meinung, die von jeder Menge Prozessbeobachtern geteilt wird und die im Übrigen von Artikel 21 selbst der italienischen Verfassung gedeckt ist, die das Recht auf freie Meinungsäußerung festschreibt. Selbst wenn man den Eindruck haben kann, dieser Passus sei in Fußballstadien lokal außer Kraft gesetzt.

Meinungsfreiheit? Aber nicht im Stadion!

Auch in deutschen Stadien herrscht im Grunde Meinungsfreiheit, die jedoch zuweilen vom Hausrecht und der Polizei außer Kraft gesetzt zu werden scheint. So zum Beispiel in Essen, wo der Sicherheitsbeauftragte von Rot-Weiß Essen den Ultras beim letzten Heimspiel der Saison mitteilte, „dass der Verein das sofortige Abhängen des Transparents wünscht“. Gemeint war „Speziale Libero“. Die Polizei bestätigte, sie habe ebenfalls darauf gedrängt, dass das Banner abgehängt wird. Warum scheint uninteressant. Strafrechtlich relevant ist das Banner keinesfalls, noch nicht mal nach Einschätzung der Beamten, die sich nach eigenen Angaben stattdessen auf die (strafrechtlich ebenfalls umstrittene) Verfolgung der gerufenen Parole „All cops are bastards – ACAB“ konzentrieren wollen.

Die Ultras Essen erklärten nach der Partie, man habe aus „Rücksicht auf die anderen Stadionbesucher kein zweites Szenario wie in Gelsenkirchen oder Hamburg mit unbeteiligten Verletzten“ herbeiführen wollen. Aus der Luft gegriffen ist diese Vorahnung keinesfalls: Beim letzten Rückrunden-Heimspiel des HSV kam es zu schweren Auseinandersetzungen, als die Polizei einen Block stürmte, um ein „ACAB“-Banner zu entfernen. Und in Gelsenkirchen wurden Dutzende Menschen verletzt, als die Polizei der Auffassung war, die mazedonische Fahne eines mit den Schalker Ultras befreundeten Klubs habe zu verschwinden.

Ein Plädoyer gegen die Meinungsfreiheit in der SZ

Doch Birgit Schönau geht flugs noch drei Schritte weiter:

Rom will jetzt ermitteln,ob es sich um italienische Einzeltäter handelt, die die Spruchbänder in die Kurven geschmuggelt haben – möglicherweise im Auftrag der Camorra. Oder doch um ein internationales Netz so genannter „Ultràs“, deren gemeinsamer Feind die Polizei ist. Beim DFB-Pokalfinale am Samstag in Berlin sollte der DFB genau in die Kurven schauen. Erst Montagabend waren die Funktionäre beim Training der Nationalmannschaft im Hamburger Millerntorstadion eingeschritten, um vom alten St. Pauli-Motto „Kein Fußball den Faschisten“ die beiden letzten Wörter zu verdecken. Die DFB-Veranstaltungsorte würden regelmäßig „neutralisiert“, rechtfertigte sich der Verband. In Hamburg stand nur noch: „Kein Fußball“ – die Aktion war unfreiwillig komisch. Hoffentlich wird es in Berlin nicht ernst.

Hier wird der DFB mehr oder minder aufgefordert beim Pokalfinale eventuelle Solidaritätsbekundungen zugunsten von Speziale zu unterbinden. Mithin: In der „Süddeutschen Zeitung“ fordert eine Journalistin die Einschränkung der Meinungsfreiheit anderer. Garniert wird das Ganze mit vollkommen unbelegten (und unhaltbaren) Spekulationen und Geraune über Mafia und Camorra und ein „internationales Netz so genannter Ultràs„. Die These von den in deutsche Kurven geschmuggelte Spruchbänder der Camorra ist derartig aus der Luft gegriffen, dass einem kaum Gegen-„Argumente“ einfallen mögen – schließlich wird ja nicht mal versucht jenseits wilder Assoziationsketten auch nur den geringsten handfesteren Hinweis vorzutragen. Nach exakt demselben Muster funktioniert übrigens der „Nachweis“ von „Chemtrails„. Da hilft nur noch ein Aluhut.

Solidarität mit einem Sündenbock

Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: "Kein Fussball den Faschisten". Foto: Jan Weckwerth
Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: „Kein Fussball den Faschisten“. Foto: Jan Weckwerth

Demgegenüber sieht das, was ich geneigt wäre, Realität zu nennen, in etwa so aus: Die Geschichte von Antonio Speziale ist in der Lesart vieler Kurvengänger die Geschichte eines bettelarmen 17-Jährigen aus einem Ghetto in Catania, eines Bauernopfers und Sündenbocks, der für alles herhalten muss, was in Italiens Fußball und Gesellschaft schiefläuft. Speziale ist für sie* kein Engel, kein unbescholtener Bürger, aber eben auch kein Totschläger oder gar Mörder. Das Gefühl, mit etwas Pech zur falschen Zeit am falschen Ort könnte man selbst dieser Speziale sein – das ist es, was diejenigen umtreibt, die ihre Solidarität zeigen. Ob man dieser Interpretation folgt oder nicht, ist irrelevant: Sie allein reicht aus, um für die entsprechenden Solidaritätsbekundungen zu sorgen.

Um das zu begreifen, muss man sich keine unbelegten Camorra- und Netzwerk-Geschichten ausdenken, es würde völlig ausreichen, wenn man wenigstens googeln könnte – und in kürzester Zeit auf das, das, das und das hier stoßen würde. Doch lieber folgt am Ende auch noch die hanebüchene Vermengung des Überklebens eines antifaschistischen Slogans (die italienische Nachkriegsrepublik bekannte sich einst zum Antifaschismus als Staatsziel, lang, lang ist’s her …) durch den DFB mit der Forderung nach einer Zensur der Solidaritätsbekenntnisse. In diesem Sinne: Alle Spruchbänder sind Polizistenmörder.

*siehe Kommentare

Ultras auf dem Maidan

Die Zusammensetzung der Protestbewegung auf dem Maidan ist komplexer, als es viele der medialen und politischen Beobachter*innen im Westen wahrhaben wollten. Das gilt ebenso für die ukrainischen Fußballfans, die Teil der Proteste waren und ihre ganz eigenen Interessen, Stärken und Schwächen mit auf den Maidan gebracht haben.

Von Paula Scholz

Wenn Ultras protestieren, tun sie dies im Stadion. Mit dem Megaphon und den Transparenten hat die Kurve Teile der Straßenproteste in die Stadien gebracht. Dass sie ihre Protesterfahrungen zurück auf die Straße bringen, ist bis jetzt eher unüblich. Die Proteste beginnen sich rund um den Globus nicht erst seit dem Arabischen Frühling zu häufen. Aber erst seitdem sind Ultras organisiert an ihnen beteiligt gewesen. Beispielsweise in der Türkei, wo die ursprünglichen Proteste um den Gezi-Park in landesweite Demonstrationen für freiheitliche und demokratische Werte umschlugen. Mittendrin die Ultras. Und so auch in Ägypten, wo die Ultras vor allem bei den Protesten in Kairo auf dem Unabhängigkeitsplatz Tahrir eine wichtige Rolle einnahmen.

Creative Commons License, Michael Kötter (www.flickr.com/photos/cmdrcord)
Creative Commons License, Michael Kötter (www.flickr.com/photos/cmdrcord)

Nationalismus statt Multikulturalismus

Und schließlich in der Ukraine, wo im Februar Ultragruppen aus den ersten drei Ligen einen offiziellen Waffenstillstand untereinander verkündet haben, um gemeinsam, organisiert und ohne Ablenkung an den Protesten teilnehmen können. „In unserer Fanszene gab es keine Diskussionen darüber, ob wir an den Protesten teilnehmen oder nicht“, sagt Dmytro (Name geändert, Interviewzitate aus dem Englischen übersetzt), ein Ultra von Metalist Kharkiv. „Es war für jeden von uns klar, dass wir es tun.“ So fuhren Ultras aus der ganzen Ukraine auf den Maidan, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, um gegen ihr autokratisches Regime zu protestieren. Taksim, Tahrir und Maidan wurden zu Symbolen für die jeweiligen Proteste, an denen auch die Ultras maßgeblich beteiligt waren. Und doch unterscheidet sich die Beteiligung in der Ukraine massiv von der in der Türkei und Ägypten.

„Unsere politische Einstellung ist nationalistisch“, sagt Dmytro. Er ist seit 15 Jahren Teil der Ultrabewegung seines Vereins und dort im Sektor 82 aktiv, in dem sich alle relevanten Ultra- und Hooligangruppen der Szene positionieren. „Wir akzeptieren europäische Werte, aber nicht alle“, erklärt er weiter, „wir schätzen den sozialen Standard in Europa, teilen aber nicht die Idee des Multikulturalismus.“ Sich zu Europa zugehörig zu fühlen, wird allerdings auch eher dem ukrainischen Westen zugeschrieben, wo die Mehrheit ukrainischsprachig lebt und antisowjetisch aufgewachsen ist. Dmytro kommt aus Kharkiv, einer industriell geprägten Stadt aus der Ostukraine, die traditionell stark sowjetisiert und russischsprachig ist. Aber auch für Russland hat Dmytro wenige Sympathien übrig. „Ethnisch und historisch sind wir sehr nah an der russischen Bevölkerung. Momentan sollte allerdings die russische Bevölkerung von ihrer Regierung getrennt beurteilt werden. Nachdem unsere Freunde von Spartak Moskau uns Nachrichten geschickt haben, um uns im Protest zu unterstützen, wurden sie vom Inlandsgeheimdienst eingeladen. Die russische Regierung tut nicht einmal so, als würde freie Meinungsäußerung in ihrem Land gelten.“

Ultras zwischen Ost und West

Die politischen Zusammensetzungen auf dem Maidan sind wohl etwas komplizierter, als die russischen und europäischen Einstellungen jeweils nach der west- oder ostukrainischen Herkunft einzuteilen. Es geht hier auch um generationelle Konflikte, weil die jüngere Bevölkerung der Ukraine immer weniger sowjetisiert denkt. Neben den alteingesessenen Stereotypen vom russischen Osten und dem europäischen Westen bilden die Ultras in ihrem Protest und Dasein eine Alternative. Als vor zwei Jahren wegen der anstehenden Europameisterschaft über die Ultras der Ukraine und Polen berichtet wurde, war die Öffentlichkeit geschockt. Eine BBC-Reportage zeigte Kurven, die geschlossen den Arm zum Hitlergruß hoben, und Stadtbilder, die von rechten Graffitis geprägt waren. Plötzlich interessierten sich internationale Medien für die Fans von Arsenal Kiew, die als einzige linke Ultras in der Ukraine gelten. Heute ist der mediale Aufschrei abgeklungen. Die Gefahr allerdings nicht weniger groß und die Ultras der Ukraine auch nicht weniger rechts. Expertenberichten zufolge haben sogar einige der sogenannten Linken von Arsenal die Seite gewechselt und verorten sich mittlerweile rechts.

„Ultras in der Ukraine – das ist der Teil der Jugend, der bei Schlägereien und Gruppenaktionen aktiv ist und deswegen haben wir diese ganze Kraft und Erfahrung im richtigen Moment für unser Land eingesetzt“, berichtet Dmytro von der Rolle der Ultras während der Proteste. Er sagt, dass keiner die Demonstrant*innen besser hätte schützen können als die Ultras. Auf dem Maidan fungierten die Ultras als eine Art Leibgarde, ähnlich wie die paramilitärischen Kräfte des Rechten Sektors. Dessen Mitglieder bezeichnet Dmytro wiederum als „super Jungs. Wir haben zusammen mit ihnen in Kiew gekämpft und sie in allem unterstützt.“ Allerdings bezweifelt auch er, dass sie neben ihrer Rolle als Revolutionär auch als Politiker etwas taugen würden. Von der rechten Svoboda-Partei ist Dmytro enttäuscht. Sie vertrete zwar nationale Interessen, sei mittlerweile allerdings im Kampf um politische Posten in die Fußstapfen vorheriger Politiker*innen getreten.

Jennifer J. Carroll (www.flickr.com/photos/veruka2)
Jennifer J. Carroll (www.flickr.com/photos/veruka2)


Für eine geeinte Ukraine

Was die Ultras sich allerdings für die Zeit nach der Revolution vorstellen, bleibt sowieso etwas unklar. Sie sind wie die anderen Protestierenden des Landes gegen Korruption, die Oligarchie und „die da oben“ auf die Straße gegangen. Da waren sich alle im Land einig. Etwas zu definieren, wofür alle sind, bleibt hingegen schwierig. Die Ultras Kiew verkündeten in ihrer ersten Stellungnahme über die Proteste Ende Januar, dass sie weder für Russland, Europa, Tymoschenko, Klitschko, Yatsenyuk oder Tyahnybok auf die Straße gegangen seien, sondern für ihre Ehre und für Kiew. Gegen die Abspaltung der Krim oder andere ostukrainische Teile seien die Ultras auch. So veranstalteten sie Spiele zwischen verfeindeten Szenen, wo die Ultras von Dynamo Kiew beispielsweise gegen die von Shakhtar Donetsk spielten oder die Ultras von Metalist Kharkiv in Dnipro Dnipropetrovsk. Die Öffentlichkeit soll die Ukraine so als Einheit wahrnehmen. „Wir werden keinen Separatismus zulassen“, stellt Dmytro fest. Und wenn es doch dazu kommen sollte, „gehen viele unserer Jungs freiwillig in den Krieg gegen Russland.“

Dmytro ist ein Ultra, der überzeugt ist von seiner nationalistischen Einstellung. Er wird damit zur Mehrheit der Ultrabewegung in der Ukraine gehören. Als die Ultras ihre nationalistische Einstellung „nur“ in den Stadien geäußert haben, hat es noch keinen interessiert oder wurde von den Verantwortlichen heruntergespielt. Heruntergespielt werden kann jetzt nichts mehr. Die Bilder des Maidan gingen um die Welt. Auch die Bilder von Protestcamps, vor deren Zelten Haken- und Keltenkreuze hängen. Bilder von jungen Männern, die mit selbst zusammengestellten Uniformen und voller Überzeugung auf die Straße gehen. Und Bilder von Ultras, die mittendrin sind.

Ambivalente Ultraszenen

Für die Ultras ist auch der Hass auf die Polizei ein Grund, warum sie sich an den Protesten so stark beteiligt haben. Das Regime setzte auf dem Maidan die Spezialeinheit Berkut ein, um die Protestierenden zurückzudrängen. Die gleiche Einheit also, die auch bei ihren Einsätzen rund um die Fußballspiele für ihr brutales Vorgehen bekannt ist. „Wenn wir die Möglichkeit haben, die Bastarde der Berkut mit Molotows anzugreifen, wird niemand von uns zögern, es auch zu tun“, erklärt Dmytro und weiter: „Unsere Feinde sind die Berkut und das kriminelle Regime.“ Zum kriminellen Regime gehören größtenteils auch die Fußballvereine. Denn nicht nur die großen Clubs wie Dynamo Kiew und Shakhtar Donetsk werden von reichen Geschäftsmännern unterstützt. Die Ukraine hat ein Problem mit Korruption und Oligarchie. Sie hat aber auch eins mit den immer stärker werdenden nationalen Kräften im Land. Die Ultras sind ein Teil davon. Sie bringen Kreativität und Lebendigkeit in die Kurven, aber oft auch Rassismus und Antisemitismus. Wohin der Maidan gehen wird, ist noch offen. Er hat allen ukrainischen Strömungen eine Stimme gegeben. Auch denen der Ultras, die damit ihre nationalistische und diskriminierende Haltung auf die Straße bringen konnten.

Dieser Text ist die leicht bearbeitete und erweiterte Fassung eines Beitrags, der zuerst in der Maiausgabe der supporters news, HSV Supporters Club erschien.

Siehe auch:  Bewundert und gehasst – die extreme Rechte in der UkraineMaidan: Die Revolution ist vorbei,

Samy Deluxe: „Fußball-Fans viel schlimmer als Rap-Fans“

Gestern libertär, heute reaktionär: Der Hamburger Vorzeigerapper Samy Deluxe ist bei weitem nicht das erste Popkultur-Sternchen, dass den wertkonservativen Spießbürger in sich entdeckt. Aber getreu dem Motto „Scheiße erkennen – Scheiße beim Namen nennen“, lassen wir es uns nicht nehmen, zu dissen, wer gedisst werden muss.

Von Redaktion publikative.org

In einem Interview mit Sport1, das sich eigentlich um die spüortliche Situation des HSV drehte, fühlte sich Samy Deluxe bemüßigt, folgendes Geplapper von sich zu geben:

Hooligans? Ultras? Alles, was im Leben extrem ist, ist sehr gefährlich. Vielen Leuten fehlt heutzutage der Glaube an innere Werte. […] Was mich schockiert ist, dass Rap immer noch das Unheil der Menschheit sein soll. Dabei sind Fußball-Fans viel schlimmer drauf als Rap-Fans bei einem Konzert. Jeder Fußballer wird mit Millionen-Deals zugeschüttet und das, was da an negativem Kram passiert, schockiert auch, aber die Leute reflektieren das nie auf den Fußball. Sobald ein Rapper Gangster ist, sind wir alle Gangster. Das nervt mich.

Genau. Uns nervt dagegen, wenn Leute unreflektiert vor sich hinbrabbeln, um ihr Weltbild noch ein bisschen besser zementieren zu können. Aber darin gefällt sich Samy Deluxe ja schon länger, spätestens seit er sich berufen fühlte, eine Nationalstolz-Debatte loszutreten, die mit Versen wie „Wir haben keinen Nationalstolz – und das alles bloß wegen Adolf – ja toll schöne Scheiße der Typ war doch eigentlich ’n Österreicher“ untermauert wurde. In diesem Sinne: Dis is wo wir herkommen. Und tschüß.

Typisch deutscher Vorzeigerapper: Samy Deluxe macht Konsensmucke für Mehrheiten. (Foto: filedump | http://www.flickr.com/photos/filedump/ | CC BY-SA 2.0)
Typisch deutscher Vorzeigerapper: Samy Deluxe macht Konsensmucke für Mehrheiten. (Foto: filedump | http://www.flickr.com/photos/filedump/ | CC BY-SA 2.0)

Schweden: Linker Ultra nach Nazi-Angriff im Koma

In Schweden haben mutmaßlich Neonazis einen bekannten Fan von Malmö FF schwer verletzt. Nach Angaben der Ultras wurde Showan Shattak von Neonazis niedergestochen und liegt im künstlichen Koma. Er engagiert sich insbesondere gegen Schwulenfeindlichkeit im Fußball.

Von Patrick Gensing

Showan Shattak ist seit Längerem verhasst in der schwedischen Nazi-Szene. Die rechtsextreme Seite „Realisten“ berichtete im November 2013, hinter der neuen „Homokampagne“ der Malmö-Ultras stehe „der bekannte Linksextremist“ Showan Shattak, der an verschiedenen linken Demonstrationen teilgenommen habe.

Zudem berichtete die Hetzseite, die Kampagne gegen Homophobie im Fußball sei maßgeblich von der aus St. Pauli inspiriert worden.

Die rechtsextreme Seite "Realisten" über "den bekannten Linksextremisten" Shattack.
Die rechtsextreme Seite „Realisten“ über „den bekannten Linksextremisten“ Shattack.

Dass realer Gewalt zunächst Propaganda im Netz vorausgeht, ist nicht neu. Schon des Öfteren haben Rechtsextreme zunächst im Internet gegen Gegner gehetzt – und schließlich folgten Übergriffe – oder Anschläge, man denke etwa an den norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik.

„Niedergestochen und misshandelt“

Die Ultras Malmö veröffentlichten auf ihrer Facebook-Seite am Sonntag ein Bild von Shattak und schrieben dazu: „Alle unsere Gedanken sind heute bei unseren Freund Showan, der in der Nacht in Möllan von Nazis niedergestochen und misshandelt wurde.“ Möllan ist ein Szene- und Ausgehviertel in Malmö.

Showan liege derzeit im künstlichen Koma im Krankenhaus, heißt es weiter. Die Ultras betonten, dass sie in ihrem Stadion niemals Rassismus oder Neonazismus akzeptieren würden.

Foto auf der Seite der Malmö-Ultras auf Facebook
Foto auf der Seite der Malmö-Ultras auf Facebook

Auf Facebook und Twitter wünschten Hunderte Menschen Showan Shattak und seiner Familie viel Kraft. Eine linke Gruppe berichtet auf Twitter, es seien noch mehr Personen durch die Nazis verletzt worden.

Update: Derzeit nicht mehr in Lebensgefahr

Dies schreibt auch das Nachrichten-Portal Sydsvenskan. Dort heißt es, kurz nach Mitternacht seien mehrere verletzte Personen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Zeugen zufolge hatten die Opfer zuvor an einer feministischen Demonstration teilgenommen. Bei den Tätern handele es sich mutmaßlich um Neonazis.

Freunde der Angegriffenen hätten sich in der Nacht vor dem Krankenhaus versammelt. Die Polizei teilte nach Angaben der Zeitung am Sonntagvormittag mit, dass sich der Zustand des am schwersten verletzte Mannes stabilisiert habe und er nicht mehr in Lebensgefahr schwebe.

Dies widerspricht Informationen, die ich aus dem Umfeld des Opfers erhalten hatte. Demnach kämpfte Shattak weiter um sein Leben. Mittlerweile heißt es, Shattaks Zustand sei zwar weiterhin kritisch, aber er schwebe nach zwei Operationen derzeit nicht mehr in Lebensgefahr.

9 mars 2014 from Mohave Media on Vimeo.

„Ingen nazister pa vare gater!“

Viele Nutzer posteten in sozialen Netzwerken die skandinavienweit bekannte Anti-Nazi-Parole „Ingen nazister pa vare gater“ – Keine Nazis auf unseren Straßen. Die norwegische Punk-Band Dead Gerhardsens veröffentlichte das passende Lied dazu, welches mittlerweile zum Klassiker avancierte:

Die Gewalttat dürfte die Diskussion über Neonazi-Gewalt in Schweden und Skandinavien noch einmal anheizen. Die Verbindungen zwischen deutschen und schwedischen Neonazis sind vielfältig. Auch im NSU-Komplex führten zahlreiche Indizien in das skandinavische Land.

Entwurf für Denkmal auf Utöya

Zudem wurde das Nachbarland Norwegen 2011 durch das rechtsextreme Massaker Breiviks erschüttert. Der schwedische Künstler Jonas Dahlberg gewann nun die Ausschreibung für das Denkmal auf Utöya mit einem beeindruckenden Entwurf.

Entwurf für die Gedenkstätte auf Utöya
Entwurf für die Gedenkstätte auf Utöya

Die Insel soll durch einen Graben zerschnitten werden, um den Verlust der Menschenleben zu symbolisieren. Die Namen der Opfer sollen  auf der einen Seite des Grabens eingraviert werden. Die Gesteinsmassen werden nach Oslo transportiert, um eine Verbindung zwischen den Tatorten herzustellen und dort eine Gedenkstätte zu errichten, wie der norwegische Rundfunk berichtete.

Hoffentlich ist es die letzte Gedenkstätten für Opfer von rechtsextremen Gewalttätern, die in Skandinavien errichtet werden muss.

Siehe auch: Die Unsterblichen werden zu den OdödligaMalmö: Polizei fasst mutmaßlichen HeckenschützenSchwedische Neonazis in neuem Gewand

Für mehr Anarchie und Esel in den Stadien

Die Situation in deutschen Stadien ist verglichen mit Italien bei allen Problemen idyllisch: Die Kurven sind voll, bunt und laut, deutsche Ultràs machen jede Menge richtig. Aber fehlt manchmal der Spaß, das Anarchische, das Spontane? Ein alter Sack fordert mehr Anarchie, Esel und Spaß in den Stadien.

Von Kai Tippmann, Altravita.com

Ein kleiner, schöner Moment in den letzten Jahren, die ich durch viele deutsche Kurven der ersten bis achten Liga gereist bin, trug sich in Darmstadt zu. Oft genug verstecken sich Denkanstöße, Wahrheiten und wichtige Themen in winzigen, unbedeutenden Anekdoten und unterstreichen das einzig wichtige Konzept, wenn man eine Sache richtig verstehen will: man muss hinschauen und hinhören. Die Darmstädter stehen in ihrer Ecke der Hauptttribüne und supporten, wie sich das für Ultràs gehört. Der Spielstand von 3:0 befeuert die Ränge und die Stimmung ist ausgelassen.

Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit erhebt sich Kutten-Kalli – ein Faktotum, das im Böllenfalltor verwurzelt ist wie niedliche Katzenbilder im Internet -, geht vor an „sein“ Geländer, die Ultràs verstummen und Kalli stimmt seine zwei Sprechchöre an, auf die seine Hälfte der Haupttribüne antwortet: 60-jährige im Sitzen, 16-jährige im Stehen. Mit einem Lächeln setzt er sich wieder hin und die Lilien-Ultras nehmen den Tifo wieder auf. Vermutlich hat Kalli das schon immer so gemacht und dass er einen Platz bekommt für „sein“ Ritual fand ich so herzerwärmend, dass er mich zu einem Versuch einer Kurzgeschichte animierte. Mach ich ja sonst nie.

„Wir kopieren zuviel“

Mir fiel diese kleine Episode am Samstag wieder ein, inmitten eines langen, schönen Gesprächs über die Situation deutscher Kurven, das ich – Bier in der Hand – in Leverkusen führen durfte. Es hätte aber wohl auch in jeder anderen Szene stattfinden können, so oft ist das Thema schon aufgetaucht. Stichworte? „Uns ist der Spaß verloren gegangen“, „Wir kopieren zuviel“, „Image ist viel zu wichtig“. Um gleich allen Mißverständnissen vorzubeugen, sage ich erst einmal deutlich, dass das Folgende einfach nur meine persönliche Meinung ist, geboren aus den Erfahrungen von jemandem, der in den 80er Jahren fußballerisch sozialisiert wurde und der niemals in Erwägung ziehen würde, bewerten zu wollen, wie Ultràs oder Kurvenfans ihre 90 Minuten Stadion feiern.

Mithin: Macht, was ihr wollt! Geht ab! Feiert! Und hört nicht auf den misogynen 42-jährigen. Die Situation in deutschen Stadien ist verglichen mit Italien bei allen Problemen idyllisch, die Kurven sind voll, bunt und laut, deutsche Ultràs machen – meiner Meinung nach – jede Menge richtig.

Aber mir fehlt manchmal der Spaß, das Anarchische, das Spontane. Mir fehlt der Witzbold, den es früher in jeder Kurve gab und dessen Aufgabe nur war, jede Spielszene und Schiedsrichterentscheidung mit einem blöden Spruch zu kommentieren. Mir fehlen die Typen mit der ewigen braunen Bierflasche in der Hand, die nie was sagten. Mir fehlen die spontanen Gesänge, die live gedichtet wurden, um auf ein Mißgeschick des gegnerischen Stürmers zu antworten, auf dessen Frisur oder Schuhwerk. Mir fehlt die komplette Albernheit, die nur in Stadionkurven gedeihen kann, das Dumme, das Anarchische, der Punkrock.

Esel bei einem Fußballspiel in Italien in den 1970er Jahren.
Esel bei einem Fußballspiel in Italien in den 1970er Jahren.

In Italien wurde die Ironie mit dem Knüppel der Repression aus den Kurven vertrieben. Italien, wo früher Schweine, Hühner und Esel mit ins Stadion gebracht wurden, Mopeds und Fahrräder, wo Parma einen Heißluftballon ans Geländer des San Siro knüpfte, der dann für 90 Minuten unterm Dach baumelte. Italien, wo die „Acquatici“ von Hellas ihren Auswärtsbus in Badehose, Schnorchel und Tauchermaske entern, lange Ruder aus dem Fenster stecken, einen Trommler neben den Fahrer stellen und die Autobahn als Galeere entlangrudern. Warum? Weil sie Bock drauf hatten. Weil sie darüber lachen konnten. Weil irgendein Bekloppter die Idee hatte.

Unperfekte Banner

Fußballer sind mittlerweile zu Fußballbeamten geworden, die Interviews sind wie von der PR-Abteilung fertiggebügelt und strotzen nur so von „Ärmel hochkrempeln“ und „das war natürlich ein tolles Gefühl“. Verschwunden sind die Gattusos und Materazzis, die Effenbergs und Baslers, die Kahns, Cantonas, George Bests und Paul Cascoignes, bei denen man nie genau wusste, was sie ins Mikrofon sagen würden. Einzig Ibra trägt die Fahne des Fußballers, der Emotionen schürt, der polarisiert, einsam weiter. Auf den Rängen sind die Maximalausdrücke proletarischen Humors verschwunden, von „Giuglietta è na Zoccola“ (Julia ist ne Schlampe) bis „Semo tutti parucchieri“ (Wir sind alles Frisöre). Verschwunden sind die herrlich unperfekten selbstgemachten Banner der früheren Jahrzehnte, die mittlerweile am PC designten, grafisch millimeterperfekten professionell hergestellten Produkten gewichen sind. Verschwunden sind selbstgestrickte Schals, furchtbar schlecht gezeichnete Aufkleber und schlechte Witze.

Gediehen ist hingegen die Bereitschaft deutscher Ultràgruppen, sich anhand von Kategorien wie Boxkampf-Fähigkeiten zu klassifizieren oder einem „Image“ nachzulaufen. „Meine“ Curva Sud zum Beispiel machte die BRN und die Fossa unsterblich, weil sie in ganz Europa für ihre Choreografien respektiert wurde, Meisterwerke der Stadionkunst: Auch Fossa und BRN wussten, dass eine Auswärtsfahrt im Zweifel kein Spaziergang ist und wenn man in Bergamo falsch abbiegt, dann kann es zu dem kommen, das gern „scheppern“ genannt wird. Aber bekannt, geachtet und respektiert waren sie für ihre Fähigkeit, das San Siro in einen atemberaubenden Tempel des Fußballs zu verwandeln: für Choreos, Gesänge, Pyrotechnik. Hauen konnten sie sich auch, aber ich hatte in Italien immer das Gefühl, das „gehört einfach dazu, sonst kriegt man das gegnerische Banner ja nicht.“ Auch dass man sich in der Curva Sud bemüht hätte, irgendeinem Image zu entsprechen, hatte ich so nicht wahrgenommen. Wir gingen in die Kurve, machten wozu wir gerade Spaß hatten und lachten über die komischen Käuze in unserer Mitte.

Immer perfekt organisiert?

Und vermutlich deshalb hat sich mir die kleine Anekdote in Darmstadt ins Gedächtnis gebrannt: eine kleine Ecke für etwas eigenes, für etwas, das „schon immer so war“, für etwas deutsche Tradition, die nicht von Youtube entlehnt ist. Normalität eben, ohne Nachdenken darüber, wie so etwas wohl „ankommt“, ohne Youtube, ohne Northface, ohne Facebook. Dafür lustig, menschlich und entspannt. Ich, ganz allein und ganz persönlich, empirisch nicht untermauert und wissenschaftlich auf tönernen Füßen stehend, würde mir wünschen, dass ihr in der Kurve wieder lachen lernt.

Kurven sind ein Ort um frei zu sein, spontan. Zwei Bier oben rein und abgehen. Dumme Sprüche hauen, Spielern „live“ Gesänge dichten, nackten Hintern an die Plexiglasscheibe drücken und nicht drüber diskutieren. Korrekt, perfekt, abgewogen, organisiert können wir alle in den anderen 6 Wochentagen lang genug sein. Ihr müsst mich nicht fragen, „wie ihr wart“, ich finde ausnahmslos jede deutsche Kurve toll. Aber vor allem ist meine Antwort zwischen den Zeilen immer: „Hattet ihr Spaß? Ja? Na dann ist doch alles knorke.“ Druck gibt es von Außen mehr als genug, macht euch keinen eigenen Stress. Spaß ist, mitzumachen, nicht die Bilder auf der Facebook-Seite. Ich wünsche mir also mehr Punkrock im Stadion und weniger Glam. Und vor allem: Macht doch was ihr wollt und lasst euch von dem alten Sack nicht reinreden. Der wollte nur auch mal was sagen. Peace.

Kai Tippmann lebt seit 1999 in Italien und betreibt seit dem Tod von Gabriele Sandri im Jahr 2007 den Blog Altravita. Dort berichtet er über Fanthemen. Außerdem übersetzte er die Ultra-Bücher “Tifare Contro”, “Cani sciolti – streunende Köter” und “Il Teppista – der Rowdy”.

Siehe auch: Ultras for Homeless, Das Jägerlatein des Roten Sheriffs