Die neue Vogtei von Köpenick

Der NPD-Europaparlamentarier Udo Voigt eröffnet am Samstag in der NPD-Parteizentrale ein neues Bürgerbüro. Nach dem Aus für die Fraktion in Dresden dürfte er seinen Einfluss in der Partei damit weiter ausbauen.

Von Patrick Gensing, zuerst veröffentlicht beim blick nach rechts

Nach den Wahlniederlagen in Sachsen und Thüringen steht die NPD vor einem Scherbenhaufen. In Thüringen wurden die Kassen für den Wahlkampf geplündert, in Sachsen brach ein Großteil der Infrastruktur zusammen. Probleme, die der ehemalige NPD-Vorsitzende Udo Voigt derzeit nicht kennt. Als fraktionsloser Abgeordneter sitzt er nun im Europaparlament – und kann aus dem vollen Schöpfen.

Offenbar urlaubsreif: NPD-Chef Voigt
Ex-NPD-Chef Voigt lädt zur Eröffnung seines Bürgerbüros ein.

Für den 18. Oktober lässt Voigt daher über die „Büroleiterin“ des Europaabgeordneten politische Weggefährten nach Berlin einladen. In Köpenick will er sein Bürgerbüro eröffnen, bezahlt aus den Mitteln, die ihm als Europaabgeordneter zustehen. Das Geld fließt in die Partei, denn Voigt mietete sein Büro in der Seelenbinderstraße 42 an – also in der NPD-Parteizentrale.

Parteivorsitz wenig attraktiv

Damit das Bürgerbüro aber im neuen Glanz erstrahlt, sollten die Räume wohl zunächst auf Vordermann gebracht werden; von einem neuen Fußboden war in der Partei die Rede, auch von einem kleinen Vordach für den Eingang. Für seine Feier zur Eröffnung dürfte etwa mit 50 Gästen im Bürgerbüro gerechnet werden, darunter viele vom „Freundeskreis Udo Voigt“. Neben Sekt soll ein kleiner Stadtrundgang sowie möglicherweise ein Gastredner auf dem Programm stehen. Wie aus Parteikreisen zu hören ist, sollte der bisherige Chef der „British National Party“, Nick Griffin, auftreten. Allerdings scheint dieser Plan nicht umsetzbar gewesen zu sein.

Angesichts der Schwäche der Gesamtpartei dürfte Voigt durch sein Mandat und das dazugehörige Bürgerbüro sowie sein Mitarbeiterstab in der NPD wieder an Einfluss gewinnen. Neben der Büroleiterin Bettina Bieder gehören Karl Richter, Uwe Meenen sowie Florian Stein zu seinen Mitarbeitern. Gute Voraussetzungen, um die Position in der Partei weiter auszubauen.

Für eine Kandidatur um den Bundesvorsitz auf dem im November in Weinheim geplanten Parteitag soll Voigt aber kein Interesse haben. Der Zustand der NPD, die andauernden internen Streitigkeiten, das anstehende Verbotsverfahren sowie die schlechte finanzielle Lage macht den Posten des Vorsitzenden nicht attraktiver. Voigt hat mit seiner Kampfkandidatur bei der Europawahl einen guten Instinkt bewiesen und ist nun erst einmal abgesichert und in der Partei somit unverzichtbar.

Welcome in Germany, Mr. Voigt…

Die NPD greift nach dem Einzug in das Europaparlament. Am letzten Wochenende gab man sich im thüringischen Kirchheim „weltoffen“. Naja, was eben so „weltoffen“ ist für die NPD. Auch der Spitzenkandidat der Partei für die Europawahl, der Alt-Vorsitzende Udo Voigt, reiste nach Kirchheim. Er stellte dort gleich seine Weltoffenheit zur Schau und machte deutlich, dass vor allem kommunikativ mit ihm zu rechnen sein wird. In diesem Sinne: „Welcome in Germany, Mr. Voigt…“

Buchvorstellung bei der NPD im Plattenbauviertel

Vor den Kommunal, Europa- und Landtagswahlen in Thüringen will sich die NPD in Erfurt mit einem Bürgerbüro als „Kümmerer“ profilieren. Zur Eröffnung in einem Plattenbauviertel der Landeshauptstadt erwartet sie hohen Besuch: der frisch gewählte NPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Udo Voigt, will sein Buch vorstellen.

Von Kai Budler

Lange Zeit konnten Erfurts Einwohner ohne ein Bürgerbüro der NPD auskommen. Die letzte Einrichtung dieser Art war 2007 vom Vorsitzenden der NPD Erfurt, Kai-Uwe Trinkaus, angemietet worden, der zeitweise auch als V-Mann für den Verfassungsschutz in Thüringen gearbeitet hatte. Doch im Vorfeld der Wahlen im laufenden Jahr will die NPD im Südosten der Landeshauptstadt offenbar verstärkt auf die soziale Frage setzen. Ähnlich wie in anderen Bundesländern wollen sich die Neonazis als freundliche Helfer auf Stimmenfang begeben und Hilfe zur Daseinsbewältigung anbieten. Der Standort für das angekündigte Bürgerbüro ist indes kein neuer Anlaufpunkt der Szene in Erfurt.

Neuer Neonazitreffpunkt im Erfurter Plattenbauviertel

Enrico Biczysko im September 2013 in Weimar, Foto: Kai Budler.
Enrico Biczysko im September 2013 in Weimar, Foto: Kai Budler.

Seitdem die Pächterin Gabi V. Die „Kammwegklause“ in dem Plattenbaugebiet übernommen hat, hat sich die Gaststätte als fester Veranstaltungsort für Neonazis etabliert. Die Wirtin hat einschlägige Erfahrungen, sie hatte schon vorher in einer Kneipe gearbeitet, die von der rechten Szene genutzt wurde. Die wegen Volksverhetzung verurteilte Gabi V. kennt ihr Klientel, sie entstammt den extrem rechten „Freien Kräften Erfurt“, die in der NPD und der inzwischen aufgelösten Gruppierung „Pro Erfurt“ aufgegangen sind. Nun strömen regelmäßig mehr als 50 Neonazis zu Konzerten und Partys in die „Kammwegklause“. Zum Jahreswechsel gab es bereits ein extrem rechtes Musik-Event mit verschiedenen einschlägigen Musikern. Wenige Tage später fand in der Gaststätte der „Neujahrsempfang“ des Thüringer NPD-Landesverbandes statt. Insgesamt wird das mobilisierbare Potenzial der Szene in Erfurt auf 200 Personen geschätzt, die angekündigte Einrichtung eines „Bürgerbüros“ könnte zu einer Verfestigung der extrem rechten Strukturen führen. Einer von ihnen ist der langjährig aktive Neonazi Enrico Biczysko, der auch das Silvester-Konzert beworben hatte. Unter derselben Adresse wie die Kammwegklause betreibt er nach eigenen Angaben ein Ladengeschäft und den Versand „Patriot“ für Neonazi-Bekleidung. Auf der Wand neben dem Hintereingang zum Gebäude prangt der Schriftzug des Labels vor einem Zahnkranz, das schon die „Deutsche Arbeitsfront“ als größte Organisation im NS-Staat auf ihrem Zeichen genutzt hatte. Seit 2006 tritt der Neonazi mit Wurzeln in der rechten Hooliganszene in der Öffentlichkeit auf. Unter anderem griff er mit anderen Hooligans alternativ aussehende Personen an, bei dem Angriff wurden mehrere Menschen teils schwer verletzt. Später gehörte Biczysko zum rechten Verein „Pro Erfurt e.V.“ und gibt sich nun als angeblich seriöser „kommunaler Volksvertreter für die NPD in Erfurt“ aus. Dem Neonazi, der sich im Internet inzwischen im Anzug präsentiert, wird die Eröffnung des „Bürgerbüros“ zugutekommen, denn der zu erwartende Zustrom wird sich auch auf die Kasse seines „Ladengeschäfts“ positiv auswirken.

Udo Voigt als Eröffnungsgast im „Bürgerbüro“

Holger Apfel und Udo Voigt am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org
Holger Apfel und Udo Voigt am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org

Dies gilt auch für die am 25.1.2014 angekündigte Buchvorstellung mit dem ehemaligen NPD-Parteichef Udo Voigt in der „Kammwegklause“. Seit Ende des vergangenen Jahres tourt der 61-jährige mit seinem Buch „Der Deutschen Zwietracht mitten ins Herz“ durch Deutschland, erschienen ist das 400-seitige Machwerk im „Nordland Verlag“ des langjährigen Neonazis und NPD-Funktionärs Thorsten Heise. 2011 unterlag Voigt bei der Wahl des Bundesvorsitzenden seinem Konkurrenten Holger Apfel, nun zieht es ihn zurück auf Spitzenplätze in der NPD. Seine Chancen stehen gut, denn mit Apfels Rücktritt und dem neuen Bundeschef Udo Pastörs steht in der NPD eine Abkehr vom Image der „Kümmererpartei“ und Apfels Strategie der „seriösen Radikalität“ an. Der wegen Verleumdung von NS-Opfern und Volksverhetzung vorbestrafte Pastörs steht für eine Politiklinie der harten Hand und hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Trotz interner Streitigkeiten aus den vergangenen Jahren dürfte Pastörs Kurs für Voigt passender sein als der des gerade abgetretenen Parteichefs und so wird aus seiner Lesereise auch eine PR-Tour in eigener Sache. Beim Bundesparteitag der NPD machte Voigt erst am Samstag, d. 18. Januar, als frisch gewählter NPD-Spitzenkandidat für die Europawahl von sich Reden. Dass der ehemalige Vorsitzende auch in Erfurt Halt macht, überrascht wenig. Aus seiner Zeit an der Spitze der Partei kennt er seit Jahren den Wahlthüringer Frank Schwerdt, den stellvertretenden Parteivorsitzende im Bundesvorstand und NPD-Vertreter im Erfurter Stadtrat. Ob Voigt aber die „Kammwegklause“ mit ihrem Charme der späten DDR passend für sein Comeback hält, bleibt wohl das Geheimnis des Diplom-Politologen.

„Gemütlicher“ NPD-Delegiertenparteitag in Thüringen

Für die NPD läuft es schlecht: Nun muss wegen Fehlern beim Vertragsabschluss auch noch der Delegiertenparteitag in ein viel zu kleines Ausweichquartier verlegt werden. Die Wahl fiel auf das thüringische Kirchheim. Dort sollen die Delegierten am kommenden Samstag ihren Spitzenkandidaten für die Europawahl bestimmen.

Von Stefan Schölermann, NDR Info

NPD-Parteitag in Kirchheim bei Erfurt, Screenshot.
NPD-Parteitag in Kirchheim bei Erfurt

Bis vor wenigen Stunden war er noch Zukunftsmusik – jetzt ist er schon Vergangenheit: Der NPD- Delegiertenparteitag am 18. Januar in Saarbrücken ist abgesagt. Jetzt sollen die NPD- Kämpen im thüringischen Kirchheim ihren Spitzenkandidaten zur Europawahl bestimmen. Seit wenigen Stunden ist das Ganze offiziell. In einem  Schreiben der Parteiführung, das NDR Info vorliegt,  heißt es: „Liebe Kameraden, die Stadt Saarbrücken hat den mit uns geschlossenen Mietvertrag für die Zurverfügungstellung der Festhalle in Saarbrücken-Schafbrücke für unseren außerordentlichen Bundesparteitag am 18.1. gekündigt.“

Ein Ersatzstandort ist schnell gefunden: der „Romantische Fachwerkhof Arnstädter Strasse“ im thüringischen Kirchheim. So romantisch ist der  Gasthof, dass die Delegierten geradezu auf Tuchfühlung gehen können. Befürchtet wird offenbar eine qualvolle Enge – so sehr, dass Gäste schon jetzt wieder ausgeladen werden. Auch die Presse erhält deshalb keinen Zugang. Kirchheim ist nicht zum ersten Mal Tagungsort der NPD. Bereits mehrfach fanden hier Veranstaltungen oder Konzerte der extremen Rechten statt.

Der neue NPD-Parteivorsitzende Udo Pastörs, Bild: Publikative.org
Der neue NPD-Parteivorsitzende Udo Pastörs, Bild: Publikative.org

Entscheiden wollen die NPD-Delegierten dort über ihren Spitzenkandidaten zur Europawahl. Vor allem drei Kandidaten werden gegen einander antreten: Udo Pastörs, Fraktionsvorsitzender der rechtsextremen NPD-Fraktion im Schweriner Landtag, Udo Voigt, bis vor zwei Jahren Parteichef der NPD und Karl Richter,  Vorstandsmitglied der NPD und einer ihrer intelligentesten und wohl gerade deshalb aussichtslosesten Kandidaten für die Position des EU-Kandidaten.

Im Mai in Berlin: Voigt (zw. v. l.) und Richter (erst. v .r.) gemeinsam auf einer Demo, Foto: Publikative.org

Die Verlegung der Delegiertenkonferenz von Saarbrücken nach Thüringen verlief jedoch weit weniger konflikarm, als es die nüchterne Mitteilung an die „ Lieben Kameraden“ vermitteln mag. Nach Informationen von NDR Info hat es  hinter den Kulissen gewaltig gekracht, als am  Freitag vergangener Woche das  NPD-Präsidium zur Beratung über die neue Lage zusammen gekommen ist. Im Zentrum der Kritik stand dabei  ausgerechnet der Saarländer und Generalsekretär der NPD, Peter Marx. Bei der Anmeldung des Parteitages im Saarland habe er „Lücken im Vertrag“ hinterlassen. „Wenn der Bundesverband erst nachträglich in den Vertrag hineinschlüpft, muss man sich nicht wundern, wenn der Kontrakt wieder gekündigt wird“, lautete sinngemäß die Kritik an Marx. Auf gut Deutsch: der Generalsekretär habe bei den Vertragsverhandlungen  getrickst und dabei sich selber ausgetrickst. Die Folge sei ein Parteivolk in Raumnot.

Die wichtigsten Veranstaltungen der extremen Rechten 2014

Mit Beginn des Jahres deuten sich einige Veränderungen innerhalb der extremen Rechten an. Egal, wie sich dies im Jahr 2014 entwickeln wird, es stehen bereits jetzt zahlreiche Veranstaltungen der Neonazi-Szene fest. Wir haben für euch die wichtigsten Termine zusammengetragen.

von Felix M. Steiner

Richters vermeintlicher Gegenspieler Udo Pastörs, Bild: Publikative.org
Udo Pastörs, Bild: Publikative.org

Mit dem Rücktritt und Austritt von Holger Apfel Ende letzten Jahres kündigten sich einige Veränderungen innerhalb der extremen Rechten in Deutschland an. Mit der Übernahme des NPD-Parteivorsitzes durch Udo Pastörs, der mittlerweile durch den Parteivorstand im Amt bestätigt wurde, ist eine erneute Radikalisierung der NPD für das Wahljahr zu befürchten. Innerhalb der bundesweiten Entwicklung der Szene könnte dies wieder zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen den neonazistischen „freien Kameradschaften“ und der NPD führen, wie Pastörs bereits ankündigte. Zu vermuten ist, dass die Szene damit einen leichten Aufschwung verzeichnen wird. Aber ebenso wie Vermutungen über den derzeitigen Zustand der NPD und die damit verbundenen, zu erwartenden Wahlergebnisse, sind dies zumeist Spekulationen. Ähnlich stellt sich dies für verschiedene Annahmen rund um den Einfluss eines Parteivorsitzenden Pastörs auf das NPD-Verbotsverfahren dar. Es wird sich wohl in den nächsten Wochen zeigen, wie sich die NPD-Führung nach außen positioniert, um einen genauen Kurs erkennen zu können. Jenseits dieser Entwicklungen ist das Jahr 2014 bereits mit zahlreichen Anmeldungen für extrem rechte Demonstrationen oder Rechtsrock-Open Airs gefüllt. Wir haben versucht,  einen Überblick über die großen Veranstaltungen der extremen Rechten und die Gegenproteste im Jahr 2014 zu geben. Gesammelt haben wir vor allem Veranstaltungen, für die die Szene deutschland- oder europaweit mobilisiert. Hinzu kommen die wichtigen Wahlkämpfe, welche in diesem Jahr anstehen. Wir bitten aber alle, die von uns vergessenen Termine als Ergänzung im Kommentarbereich zu posten.

Demonstrationen und „Trauermärsche“

Die Zahl extrem rechter Demonstrationen war bis zum Jahr 2011 immer weiter gestiegen. Für das Hoch in diesem Jahr dürfte nicht zuletzt auch die Aktionsform der „Unsterblichen“ verantwortlich gewesen sein. Im Jahr 2012 driftete die Entwicklung auseinander. Demonstrationen der „freien“ Neonazi-Szene brachen faktisch ein. Waren es 2011 noch 167 Veranstaltungen, sank die Zahl 2012 auf 95. Nicht zuletzt dürfte dies auch mit Repressionen und Vereinsverboten zusammenhängen. Im Gegenteil zur „freien Szene“ stieg die Zahl der NPD- und JN-Demonstrationen an. Beide Organisationen führten im Jahr 2011 93 Veranstaltungen durch. 2012 waren es bereits 116. Darunter fallen allerdings auch zahlreiche NPD-Wahlkampfkundgebungen und weniger Demonstrationen. Diese sind in den Strategiediskussionen der Partei ohnehin umstritten.

Magdeburg 2013
Der Neonaziaufmarsch in Magdeburg 2013, Foto: Publikative.org

In den letzten Jahren nahmen die Teilnehmerzahlen der bundesweiten Demonstrationen der Szene immer weiter ab. Es scheinen sich nunmehr einige Großdemonstrationen herauskristallisiert zu haben, die eine gewisse „Tradition“ in der Szene besitzen. Der erste große „Trauermarsch“ der  Neonazi-Szene findet am 18. Januar in Magdeburg statt. Bereits im letzten Jahr waren auch hier mit 800 Teilnehmern die Zahlen fallend. Aktuell laufen die Mobilisierungsbemühungen der Szene auf Hochtouren. Der derzeitige Treffpunkt der Neonazis ist der Bahnhof Neustadt um 12 Uhr. Dieses Jahr rufen in Magdeburg zwei Bündnisse zu Gegenaktionen auf: Magdeburg Nazifrei und Block MD.

Kaum einen Monat später findet dann der mittlerweile kaum noch bedeutende „Trauermarsch“ in Dresden am 13. Februar statt. Nach dem der Gegenprotest der letzten Jahre immer weiter angestiegen ist und die Neonazis mehrere Jahre nach einander blockiert wurden, hat Dresden für die Szene immer mehr an Attraktivität verloren – zumindest der „Gedenkmarsch“ im Februar. Letztes Jahr kamen kaum noch 900 Neonazis in die Landeshauptstadt, um sich einkesseln zu lassen. Bisher findet hier kaum eine Mobilisierung der Szene statt, was auch mit internen Verwerfungen zu tun haben dürfte. Obwohl bis dato von den Veranstaltern kein Treffpunkt und keine Uhrzeit offiziell benannt wird, ist davon auszugehen, dass dies wieder der Hauptbahnhof am späten Nachmittag des 13. Februar sein dürfte. Zu den Gegenaktivitäten mobilisiert wie immer: Dresden Nazifrei.

Dresden 2013
Eingekesselte Neonazis in Dresden 2013, Foto: Publikative.org

Der neonazistische „Gedenkmarsch“ im Februar 2014 ist nicht die einzige extrem rechte Demonstration, die in Dresden ansteht. Bereits zum 6. Mal organisieren Neonazis aus Norddeutschland den sogenannten „Tag der deutschen Zukunft“. Im letzten Jahr kamen rund 570 Neonazis nach Wolfsburg, um an der Demonstration teilzunehmen. Als Veranstalter tritt hier die „Initiative Zukunft statt Überfremdung“ auf, die vor allem das parteifreie Spektrum mobilisiert. Angemeldet ist die Demonstration für den 7. Juni 2014. Sowohl Treffpunkt als auch Uhrzeit des Beginns sind bisher nicht bekannt. Die Verlegung der Veranstaltung nach Dresden könnte auch der Versuch der Szene sein, nach den Blockaden des jährlichen „Trauermarschs“, die Straßen in der sächsischen Landeshauptstadt zurückzuerobern.

Die Blockade in Bad Nenndorf 2013, Foto: Publikative.org
Die Blockade in Bad Nenndorf 2013, Foto: Publikative.org

Der letzte „Gedenkmarsch“ des Jahres 2014 dürfte wohl am 2. August im niedersächsischen Bad Nenndorf stattfinden. Seit 2006 ist der Kurort an jedem ersten August-Wochenende Ziel der extrem rechten Szene, um ihren geschichtsrevisionistischen „Gedenkmarsch“ durchzuführen. Aber auch hier kamen 2013 nur noch rund 300 Neonazis zusammen. Außerdem gelang es im letzten Jahr erstmalig, den Ort der neonazistischen Abschlusskundgebung zu blockieren. Anfang November waren dann rund 40 Neonazis im Regen erneut nach Bad Nenndorf gereist, um marschieren zu können. Ein trauriges Schauspiel, was wohl selbst innerhalb der Szene nicht als wirkliche „Machtdemonstration“ gesehen werden dürfte.

Publikative wird wie immer von allen Demonstrationen berichten.

 

Der Rechtsrock-Sommer

Neben zahlreichen Liederabenden und Rechtsrockkonzerten haben sich in Deutschland mittlerweile zahlreiche neonazistische Rechtsrock-Großveranstaltungen etabliert. Vorreiter dieser Entwicklung ist vor allem Thüringen.

Am 17. Mai 2014 hat der NPD-Kreisverband Eichsfeld rund um den Neonazi-Altkader Thorsten Heise in Leinefelde im Eichsfeld eine Veranstaltung unter der Bezeichnung „Kommunaler Wahlkampfauftakt: Identität bewahren, Volksgemeinschaft leben! Für eine nationale und soziale Politik auf allen Ebenen“ angemeldet. Dabei dürfte es sich wohl – wie seit 2011 jedes Jahr – um eine Mischung aus Rechtsrock und politischen Reden handeln. Anfang Mai 2013 hieß die Veranstaltung noch „Nationaler Kundgebungstag“. Als Redner waren unter anderem Udo Voigt und Patrick Wieschke vertreten. Daneben spielten verschiedene Bands. Im letzten Jahr zog es rund 400 Neonazis zu dem braunen Spektakel nach Leinefelde.

"Thüringentag der nationalen Jugend" 2013 in Kahla, Foto: Publikative.org
„Thüringentag der nationalen Jugend“ 2013 in Kahla, Foto: Publikative.org

Am 14. Juni geht es dann im Thüringischen Sömmerda mit dem „Thüringentag der nationalen Jugend“ weiter. Dieser findet mittlerweile seit 2002 an verschiedenen Orten im Freistaat statt. Im vergangenen Jahr reisten rund 160 Neonazis ins ostthüringische Kahla, um dort bei Sonne und Rechtsrock zu feiern. Auffällig war vor allem die breite Unterstützung für den vermeintlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben, welche mit eigens produzierten Shirts nach außen getragen wurde. 2014 ist die Veranstaltung durch den NPD-Kreisverband Kyffhäuserkreis angemeldet. Bisher werden als Redner Patrick Wieschke und Thorsten Heise angekündigt. Das musikalische Programm besteht nach Ankündigung bisher aus dem obligatorischen Frank Rennicke und der Rechtsrock-Kombo „KinderZimmer-Terroristen“.

In Thüringen wird mit dem 12. „Rock für Deutschland“ am 5. Juli 2014 in Gera die wohl letzte Großveranstaltung im laufenden Jahr durchgeführt. Das Rechtsrock-Open Air findet seit 2003 statt und konnte zu Hochzeiten bis zu 4.000 Neonazis nach Gera locken. In den letzten beiden Jahren waren es noch rund 700 Teilnehmer, die nach Ostthüringen reisten. Bisher sind weder Bands noch Redner bekannt. Die vergangenen Jahre fand die Veranstaltung auf dem Bahnhofsvorplatz der Stadt statt. Im letzten Jahr demonstrierten rund 1.000 Menschen gegen die extrem rechte Veranstaltung.

"Rock für Deutschland 2012": Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)
„Rock für Deutschland 2012“: Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)

Im Jahr 2013 hat es die Thüringer Neonaziszene geschafft eine weitere Rechtsrock-Veranstaltung zu exportieren. Im Sachsen-Anhaltinischen Berga bei Sangerhausen hatte der NPD-Kreisverband Kyffhäuser rund um seinen Vorsitzenden Patrick Weber gemeinsam mit Neonazis aus Nordhausen das Open Air „In.Bewegung“ organisiert. Rund 1.000 Neonazis waren im letzten Jahr der Einladung gefolgt. Für 2014 wird die Veranstaltung am 09. August angekündigt. Neben der Band „Sleipnir“ und dem NPD-Funktionär Patrick Weber selbst, sind bisher keine weiteren Musiker und Redner bekannt.

Wahlkämpfe 2014 – von der Kommune bis nach Europa

Screenshot von: http://www.wahlrecht.de/termine.htm
Screenshot von: http://www.wahlrecht.de/termine.htm

Im Wahljahr 2014 stehen zahlreiche Wahlen an: Von der Kommune über die Landtage bis hin zum Europaparlament werden die Wähler in diesem Jahr zur Urne gebeten. Vor allem für die NPD geht es in diesem Jahr um zahlreiche wichtige Wahlteilnahmen. Am 25. Mai werden in mehreren Bundesländern die kommunalen Abgeordneten neu gewählt. Vor allem in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern dürfte es für die NPD besonders von Bedeutung sein, möglichst viele Mandate zu erringen, um sich weiter zu etablieren. In Thüringen beispielsweise kündigt die Partei eine Verdopplung ihrer bisherigen Mandate auf insgesamt 50 Abgeordnete an. Vor allem in den Bundesländern Sachsen, Thüringen und Brandenburg, wo im Spätsommer Landtagswahlen stattfinden, dürften die Ergebnisse der Kommunalwahlen als ein Richtwert zu verstehen sein. Ein Achtungserfolg wäre aus Sicht der NPD sicher ein positiver Trend für die Landtagswahlen. Gleichzeitig mit den zahlreichen Kommunalwahlen am 25. Mai finden die Europawahlen statt. Derzeit ist noch unklar, ob die 3%-Hürde fallen wird. Wenn ja, dürfte schon ein Ergebnis von etwas mehr als einem Prozent reichen, um einen Abgeordneten nach Brüssel zu entsenden. Damit scheint die NPD fest zu rechnen. Um den Spitzenplatz auf der Liste ist bereits Ende letzten Jahres ein Gerangel zwischen Udo Pastörs, Karl Richter und Udo Voigt

Das NPD-Flagschiff 2013 in Hannover, Foto: Publikative.org
Das NPD-Flagschiff 2013 in Hannover, Foto: Publikative.org

ausgebrochen. Endgültig wird die Personalfrage voraussichtlich am 18. Januar auf dem Bundesparteitag der NPD geklärt werden. Im Herbst stehen dann in Sachsen, Thüringen und Brandenburg Landtagswahlen an. In Sachsen wird die NPD um den Wiedereinzug in den Landtag kämpfen müssen, der derzeit unwahrscheinlich scheint. Holger Apfel ist immerhin über Jahre zum „Gesicht der Sachsen-NPD“ aufgebaut wurden und nun vollständig weggebrochen. Bereits 2009 war der Einzug mit 5,6 % nur knapp gelungen. In Brandenburg und Thüringen wird die Partei den Erst-Einzug versuchen. In Brandenburg war die NPD 2009 erstmalig angetreten, da wegen der Wahlabsprachen dies bis dahin immer „DVU-Gebiet“ war. Die Partei konnte bei den letzten Wahlen lediglich 2,6 % erreichen und auch die Mobilisierungsfähigkeit des Landesverbandes spricht eher gegen einen Einzug in den Landtag. Anders sieht dies in Thüringen aus. Hier verpasste die NPD 2009 mit 4,3% den Einzug nur knapp. Seitdem hat der Landesverband seine Strukturen immer weiter ausgebaut. Mittlerweile gibt die Partei im Freistaat mindestens 10 eigene „Regionalzeitungen“ raus und konnte im letzten Jahr erstmals wieder einen leichten Mitgliederanstieg verzeichnen. Der Landesvorsitzende Patrick Wieschke kündigte an, man werde 1 Millionen Wahlkampfzeitungen verteilen, 50.000 Plakate hängen und bis zu 200.000 Euro in den Wahlkampf investieren. Die Partei gibt derzeit an, mit 7 Abgeordneten in den Thüringer Landtag einziehen zu wollen. Auch wenn der Thüringische Landesvorstand mit Beginn des Jahres bröckelt, dürfte die Chance für einen Einzug der NPD durchaus bestehen.

Wir erheben natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bitten euch, die Liste in den Kommentaren zu ergänzen.

Die NPD vor dem Superwahljahr 2014

Die NPD steht vor einem wichtigen Wahljahr. Doch gegen den Parteivorsitzenden Holger Apfel laufen immer mehr Führungskader Sturm. Nun soll auch noch der Grafiker der Parteizeitung ausgestiegen sein. Angeblich hat er die Druckvorlagen der Parteizeitung gleich mitgenommen.

 Von Felix M. Steiner

Der stellvertretende Parteivorsitzende Karl Richter, Bild: Publikative.org.
Der stellvertretende Parteivorsitzende Karl Richter, Bild: Publikative.org.

Große Hoffnungen liegen für die NPD im Superwahljahr 2014. Die Europawahl, drei Landtagswahlen und mehrere kommunale Urnengänge machen das kommende Jahr wieder mal zu einem „Schicksalsjahr“ für die Partei und wohl vor allem ihren Vorsitzenden Holger Apfel.

Doch trotz aller Versuche, endlich Ruhe in die eigenen Reihen zu bringen, scheint Apfel die Partei von den Führungsposten aus zu zerfallen.  Anlass war zunächst die Ankündigung der Kandidatur des bayerischen Landesvorsitzenden und stellvertretenden Bundesvorsitzenden Karl Richter zum Spitzenplatz für die Europawahl. In einer internen Mail, die die Öffentlichkeit erreichte, übte Richter massiv Kritik an den Führungszirkeln der Partei: Vor allem an der „Clique Marx – Apfel – Pastörs“, wie es in seiner internen Mail heißt. Gemeint waren Peter Marx, Udo Pastörs und Holger Apfel.

Richter warf den drei Führungspersonen ein „irrationales Kesseltreiben“ gegen ihn vor und deutete außerdem an, dass ihm demnächst der Posten des Chefredakteurs bei der NPD-Parteizeitung entzogen werden sollte. Seine Aussage war klar: Die Partei werde von oben Schritt für Schritt zerstört.

Eine Front gegen Apfel

Neben Richter hat sich nun auch der ehemalige Parteivorsitzende Udo Voigt wieder zu Wort gemeldet. Im Zuge seiner Buchvorstellung kündigte Voigt an, auch für den Spitzenplatz auf der Wahlliste der NPD zur Europawahl kandidieren zu wollen. Bei einer Pressekonferenz machte er außerdem deutlich, dass er nach zwei

Jahren Auszeit seine „Akkus wieder aufgeladen“ habe. Nun setzt Voigt also offensichtlich zum Gegenangriff an. Auf Bildern von einem gemeinsamen öffentlichen Auftritt präsentieren sich Voigt und Richter in Einigkeit. Auf einer Facebookseite, die Voigts Kandidatur unterstützt, heißt es sogar, beide wären „nationale Kandidaten für Europa“. Hier scheint sich Schritt für Schritt eine Front gegen Apfel zu bilden.

Wer nun für die NPD als Spitzenmann in den Europawahlkampf zieht, ist bisher ungeklärt. Doch obwohl erst im Januar ein Parteitag über den NPD-Spitzenkandidaten zur Europawahl entscheiden soll, wirbt die NPD bereits jetzt offiziell mit dem Konterfei von Pastörs und dem Slogan „Europa wählt rechts“. Wie dies in der Parteibasis ankommt, bleibt abzuwarten und wird sich beim Parteitag im Januar zeigen.

Holger Apfel und Udo Voigt am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org
Holger Apfel und Udo Voigt am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org

Parteizeitung ohne Grafiker?

Uwe Meenen (rechts) mit dem Rechtsterroristen Martin Wiese (links), Foto: PUblikative.org
Uwe Meenen (rechts) mit  Martin Wiese, verurteilt wegen eines geplanten Sprengstoffanschlags in München, Foto: Publikative.org

Als ob all das nicht schon genug wäre, scheint der NPD nun auch noch der Grafiker ihrer Parteizeitung abhandengekommen zu sein. So heißt es in einer persönlichen Erklärung von Uwe Meenen, der als Voigt-Unterstützer gilt, „daß der Grafiker Jochim S., mit dem Holger Apfel bislang vertrauensvoll zusammengearbeitet hat, in ein Aussteigerprogramm des BRD-Systems gewechselt ist“. Und dabei gingen wohl auch die Grafiken und Druckvorlagen verloren, so Meenen weiter. Meenen war zuvor selbst Geschäftsführer des Deutschen-Stimme-Verlages und dürfte daher über reichlich internes Wissen verfügen. Er war unter Voigt auch im Bundesvorstand der NPD und lässt an Holger Apfel – ähnlich wie Richter – kein gutes Haar.

„Im Sommer 2011 versuchte mich Holger Apfel für die Unterstützung seiner Kandidatur zum Parteivorsitzenden zu gewinnen. In diesem persönlichen Gespräch erklärte ich ihm, daß ich nicht käuflich bin und ich ihn wegen seiner Persönlichkeitsstruktur und seines Charakters als von vornherein ungeeignet für dieses Führungsamt erachte. Es gab für mich keinen Anlaß, an meiner Einschätzung seiner Person, die ich seit 1989 aus eigener Anschauung kenne, etwas zu ändern. Im Gegenteil bin ich vielmehr der Meinung, daß die Partei durch seine Amtsführung schon jetzt schwersten Schaden genommen hat und auch weiter nehmen wird.“

Besonders brisant ist auch der Vorwurf, Apfel habe gewusst, dass der NPD-Grafiker weiter in regem Austausch mit dem ehemaligen NPD-Kader Andreas Molau stand – und dennoch habe Apfel ihn in dieser Schlüsselstellung belassen. Auch dies wäre insgesamt für Apfel ein denkbar schlechtes Ende kurz vor Beginn des erneuten „Schicksalsjahres“ der NPD.

Siehe auch: NPD: Schlammschlacht im ParteivorstandNPD-Schlammschlacht Runde 2

Hassmusik vor Kinderohren

Das bislang erfolgreichste Rechtsrock-Konzert „In.Bewegung“ unter der Regie  Thüringer Neonazis fand in diesem Jahr in Sachsen-Anhalt statt. Das Event in Berga bot eine Erlebniswelt für die ganze Familie, zahlreiche Kinder waren gefährlicher Neonazi-Propaganda ausgesetzt.

Von Kai Budler und Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht bei blick nach rechts

Ursprünglich hatten die Sotterhausener Neonazis Judith Rothe und Enrico Marx regelmäßig Feste im Mansfelder Land ausgerichtet. Nun trat der Sondershausener Patrick Weber, Kreisvorsitzender der NPD im thüringischen Kyffhäuserkreis, mit seinem Team und dem Germania-Versand als Veranstalter in Erscheinung. Weber war kürzlich erst gemeinsam mit dem ehemaligen Anführer der „Kameradschaft Ostara“, Marx, als Zuschauer im NSU-Terrorprozess im Oberlandesgericht in München aufgefallen.

Diejenigen, die in Berga 18 Euro Eintritt gezahlt hatten, durften den Einlass passieren und wurden mit der aktuellen Ausgabe des „Nordthüringen Boten“ empfangen. Chefredakteur der gratis verteilten NPD-Regionalzeitung ist Multifunktionär Weber, der um 13.30 Uhr am Samstag das Open Air dann offiziell eröffnete. Auf der mit Fahnen und gleich zwei Werbebannern seines Germania Versandes geschmückten Bühne las er die polizeilichen Auflagen vor. Der vermeintliche Wunsch, „keine Teilnehmer zu sehen, die Aufdrucke auf ihrer Bekleidung überkleben müssen“, ging an diesem Tag nicht in Erfüllung. Der Ordnerdienst um Maik Scheffler, NPD-Mann aus Nordsachsen, musste immer wieder inkriminierte Symbole mit Klebeband verdecken.

„Juppeidie Juppeida, Hausdurchsuchung, Razzia“

Der Thüringer Neonazi Tommy Frenck war für das „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ mit einem Stand vertreten. Daneben verkaufte der bayerische Internet-Moderator Patrick Schröder einschlägige Kleidung von „Ansgar Aryan“, die NPD warb für die Bundestagswahl. Einige Frauen saßen für den „Ring Nationaler Frauen Thüringen“ (RNF) unter einem Schirm

Schon bei der Anreise gab es eine Schlange wegen der zahlreichen Teilnehmer, Foto: Kai Budler.
Schon bei der Anreise gab es eine Schlange wegen der zahlreichen Teilnehmer, Foto: Kai Budler.

und freuten sich über jede neue Interessierte, unter ihnen die Thüringerinnen Gaby Zellmann, sechsfache Mutter und Diplom-Mediatorin, und Monique Möller, Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Unstrut-Hainich. Auch die RNF-Frauen Anne Adler und Marita Schäfer waren vor Ort. Wütend über die Anwesenheit der Presse zeigte sich RNF-Mitbegründerin Judith Rothe, drängte die Kinder zur Seite und versuchte erfolglos, gemeinsam mit den anderen Frauen die schwere Hüpfburg aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu ziehen.

Die „Europäische Aktion“, initiiert aus dem Umfeld bekannter Holocaust-Leugner, gab sich völkisch und veräußerte Fan-Artikel des Neonazi-Barden Frank Rennicke. Auch T-Shirts mit dem Konterfei des verurteilten NS-Verbrechers Erich Priebke fanden Absatz. Mit knallroten, wenig originellen „wie geil“-Hemden warben die Organisatoren um Dieter Riefling und Maik Müller für den 2014 in Dresden geplanten „Tag der deutschen Zukunft“.
An einem Malstand saßen Kinder, teils von ihren Eltern in Szene-Kleidung gesteckt. Nebenan auf der Hüpfburg sprangen vereinzelt kleine Mädchen mit Zöpfen. Jungen wurden von ihren Vätern auf der Schulter getragen. Die Kleinen hörten viel vom beschworenen Kampf der Großen, sahen unzählige Maschinenpistolen auf deren Shirts, bekamen mit, wie Journalisten beleidigt wurden oder wippten im Takt mit den Eltern zu gesungenen Refrains wie „Juppeidie Juppeida, Hausdurchsuchung, Razzia“.

„Blood Brothers“ mit zwei gekreuzten Maschinengewehren

Seit mehr als zehn Jahren eröffnen Rechtsrock-Open Airs mit Rednern aus der Szene in Thüringen mehreren hundert Neonazis regelmäßig Möglichkeiten, ungestört ihre Erlebniswelt zu feiern. Die Veranstaltungen unter freiem Himmel sind ein Alleinstellungsmerkmal der personell gewachsenen extremen Rechten im Freistaat: sie werden von der NPD angemeldet, im

Klare Botschaft..., Foto: Kai Budler.
Klare Botschaft…, Foto: Kai Budler.

Schulterschluss mit den „Freien Kräften“ aus der militanten Szene durchgeführt und dienen sowohl als Finanzierungsquelle wie auch als Rekrutierungsversuch im vorpolitischen Raum. Ihre Event-Saison ging bislang mit dem „Rock für Deutschland“ in Gera zu Ende, doch in diesem Jahr sorgte ein Export aus dem Freistaat für eine Verlängerung der Spielzeit für die Begleitmusik zu Mord und Totschlag.  Eigentlich war Webers „In.Bewegung“-Festival im wenig Kilometer entfernten Sangerhausen geplant, musste jedoch nach Sachsen-Anhalt ins Gewerbegebiet des 1800 Einwohner zählenden Berga umziehen.

Bereits vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung säumten geparkte Autos mit einschlägig bekannten Aufklebern und Schriftzügen aus dem gesamten Bundesgebiet die Zufahrtsstraße zum Gelände am Rand von Berga, manche Teilnehmer waren aus Österreich und den Niederlanden in den Südharz gereist. Die Aufschriften auf den T-Shirts der Gäste machten klar, worum es an diesem Tag ging:  Politischer Kampf gepaart mit Musik. „100% Rechtsrock“, „Hass auf Deutschland ist unser Ansporn“ oder „Blood Brothers“ mit zwei gekreuzten Maschinengewehren unterstrichen die gewalttätige Grundhaltung. Der Schriftzug „Freiheit für Wolle“ zeigte ihre Verbundenheit mit dem Jenaer Ralf Wohlleben, der sich momentan wegen Unterstützung des Terrornetzwerks NSU vor Gericht verantworten muss.

Pastörs langatmige Rede stößt auf mäßige Resonanz

Auch die Bands werden dem äußerst radikalen Milieu zugeordnet: „Oidoxie“ aus Dortmund um Sänger Marco Gottschalk verehrte immer wieder auch mit Songs das internationale Terrornetzwerk „Combat 18“. Mit „Kraftschlag“ trat eine der ältesten Rechtsrock-Bands auf, die in der Vergangenheit dem äußerst rassistischen Ku Klux-Klan gehuldigt hatte und dem „Blood&Honour-Netzwerk“ zugeordnet wurde.

Die aktuelle rassistische Wahlpropaganda der NPD durfte nicht fehlen, Foto: Kai Budler.
Die aktuelle rassistische Wahlpropaganda der NPD durfte nicht fehlen, Foto: Kai Budler.

Bereits beim als „ersten Höhepunkt des Tages“ angekündigten Redner  Andreas Storr aus dem NPD-Bundesvorstand hatten die Ordner alle Hände voll zu tun, denn ein Regenguss mit Hagelkörnern sorgte für Chaos auf dem Gelände, die Sturmböen ließen die riesige Hüpfburg umkippen. Beim NPD-Fraktionsvorsitzenden im Schweriner Landtag, Udo Pastörs, füllten sich die Reihen zwar wieder, doch die langatmige Rede des NPD-Bundesvize über ein angebliches „Euthanasieprogramm gegen das deutsche Volk“ stieß auf nur mäßige Resonanz und wurde auch später im Internet mokiert. „Die Reden waren zu lang“, hieß es dort.

Selbst wohlgesinnte Zuhörer zeigten sich gelangweilt, auch wohl wegen der holprigen, schwer verständlichen Schachtelsätze des ehemaligen Schmuckhändlers aus Mecklenburg. Dabei hatte der schon Härteres im Repertoire, spielte sogar vorsichtig auf einen möglichen gewaltsamen Kampf an, als er erbost über ein Vorgehen des Staates „gegen das Lebensrecht der Deutschen“ erwiderte: „…dann ist irgendwann die Frage zu klären, in wie weit es legitim ist, dieses Töten der deutschen Nation auch mit Handanlegen vielleicht zu korrigieren…“ Diese Pointe registrierten allerdings nur wenige Zuhörer. Junge Frauen mit Sonnenbrillen kauten Kaugummi und schauten sich um, junge Männer spielten auf ihren Handys herum. Andere unterhielten sich angeregt beim alkoholfreien Bier. Härtere Getränke mussten bis zum Abend heimlich von den anliegenden Tankstellen organisiert werden. Die langen Reden nahm so mancher dafür in Kauf.

Kampfansage an die Demokratie

Dass der NPD-Wahlkampf im Vorfeld der Bundestagswahl nicht im Hauptinteresse der angereisten Neonazis war, zeigte der anschließende Auftritt des braunen Liedermachers Frank Rennicke. Der in Franken lebende mehrfache Vater war mit einer jungen Frau und Kinderwagen angereist. Die Auftritte des theatralischen 49-Jährigen gelten als Familienprogramm zum Mitgrölen. Wie die folgenden Rechtsrock-Formationen steht er für die Verbindung von rechtsextremer Politik und Subkultur, die Veranstaltungen wie das Open Air in Berga erst attraktiv machen. Voll gefährlichem Pathos krakeelte er in seinem Lied vom bewaffneten Mädchen mit der Fahne vom „Deutschen Reich“, welches ein britischer Soldat zu Kriegsende lachend erschossen habe. Der Sänger forderte „und kämpfet wie sie, dass auch irgendwann, die Zeichen des Reiches man frei zeigen kann“.

Die Bühne mit Werbung für den Versand des Veranstalters Patrick Weber, Foto: Kai Budler.
Die Bühne mit Werbung für den Versand des Veranstalters Patrick Weber, Foto: Kai Budler.

Obwohl die Einsatzleitung der Polizei einräumte, dass alle Rede- und Liedbeiträge der Veranstaltung vorher eingereicht worden waren, blieb dies nicht  die einzige mutmaßliche Huldigung des Dritten Reiches oder Kampfansage an die Demokratie. So wollte der  Dresdener Maik Müller die Demokraten „und ihr menschenverachtendes System im Lokus der Geschichte herunterspülen“. Ganz in der Manier seines politischen Ziehvaters Dieter Riefling brüllte der kleine Mann mit dem Kinnbärtchen: „das Ziel unseres politischen Kampfes kann einzig und allein die Abschaffung der BRD sein, liebe Volksgenossen!“

„Rot ist das Blut auf dem Asphalt“

"Arisches Kind" - rassistische Botschaften schon für die Kleinsten, Foto: Kai Budler.
„Arisches Kind“ – rassistische Botschaften schon für die Kleinsten, Foto: Kai Budler.

Mit einem Song von „Frontalkraft“ begangen dann die „Kinderzimmer-Terroristen“ (KZT) zu spielen. „Schwarz ist die Nacht, in der wir euch kriegen“, grölten die teilweise bis unter den Scheitel tätowierten Musiker der „Kinderzimmer-Terroristen“ von der Bühne. Auch hier lauschten Kinder der zweifelhaften Nachmittagsvorstellung, hörten wie gesungen wurde: „Weiß sind die Männer, die für Deutschland siegen. Rot ist das Blut auf dem Asphalt.“  Einer der beiden Sänger der relativ neuen Band „Kinderzimmer-Terroristen“ ist Kfz-Mechaniker und Schatzmeister der NPD im Kyffhäuserkreis.

Aus Brandenburg war die Partei-Kameradin Manuela Kokott angereist. Mit einem Güstrower Fahrzeug erschienen die Bandmitglieder von „Painful Awakening“. Ihre Kollegen aus Bremen von „Strafmass“ fuhren mit einem Leihwagen vor. Ehemalige hochrangige NPD-Politiker wie Udo Voigt, Wolfram Nahrath und Uwe Meenen standen beieinander. Ordnerchef Scheffler, der vom  „Freien Netz“ zur Spitze der neuen NPD-Führung gewechselt war und als Intimus von Holger Apfel gilt, gesellte sich zum früheren Parteichef.

Heiratsantrag vor 900 (teils besoffenen) Neonazis

Die ausgegebene Verhaltensregel „Presse – und Medienvertreter (…) sind als nichtexistent zu betrachten. Auch sinnlose Provokationen gegenüber der Presse sind zu unterlassen“, stieß von Anfang an auf wenig Beachtung. Immer wieder versuchten Neonazis am Rand, Journalisten an ihrer Arbeit zu hindern, Scheffler sprach gegenüber der Polizei von sich anstauenden Aggressionen bei den Kameraden und drohte mit Blick auf die anwesenden Fotografen unverhohlen damit, „ansonsten werde ich Männer zusammen ziehen und das Gelände abschirmen“. Mit einer Ordnerbinde am Arm schoss Roy Elbert von der NPD Nordhausen Photos von Pressevertretern, ebenso wie Michael Grunzel, wenig erfolgreicher Wahlkampforganisator aus Sachsen-Anhalt. Die teils gewalttätige Nordthüringer Neonazi-Szene war fest in die Organisation eingebunden und übernahm unter anderem auch Ordnerdienste.

Geschichtsrevisionismus und Polen zurück...?, Foto: Kai Budler.
Geschichtsrevisionismus und Polen zurück…?, Foto: Kai Budler.

Am Abend dann spielten die beiden Kultbands der Szene „Oidoxie“ und „Kraftschlag“ auf. Einen noch unverblümteren Einblick in die Radikalität dieser selbst ernannten „Bewegung“ gewährte allerdings ein kleiner privater Zwischenfall. Vor dem Auftritt der Dortmunder von „Oidoxie“ wurde ein Kamerad aus dem Publikum ausgerufen und auf die Bühne bestellt. Dort wartete auf den Nichts-Ahnenden dessen Freundin, die ihm – ganz romantisch vor 900 (teils besoffenen) Neonazis – einen Heiratsantrag machte. Dieser, sichtlich überrascht, wohl auch etwas gerührt, konnte anscheinend öffentlich nicht richtig Gefühle zeigen und sagte, nach dem er seine Freundin geküsst hatte, zum Publikum: „Ja, ich will diese bekloppte Olle heiraten!“ Und in ihre Richtung schob er wenig romantisch nach: „Noch son Ding – Augenring!“