buy buy st. pauli: "Was weg ist, ist weg!"

Titel-1

Seit Juni 2014 klafft eine Lücke auf St. Pauli. Das mehr als 6000 Quadratmeter große Areal am Spielbudenplatz, auf dem einst die Esso-Häuser standen, ist eine leere Baustelle, umgeben von einem mächtigen Zaun. Noch tut sich dort nichts, ein Bebauungsstart steht noch nicht fest. Wie es dazu kam, was die Mieterinnen und Mieter erlebt haben und wer dort die Fäden in der Hand hält, zeigt die Doku von Irene Bude, Olaf Sobczak und Steffen Jörg, die sich bereits mit „Empire St. Pauli“ (2009) einen Namen im Bereich Gentrifizierungskritik gemacht haben.

Von Anja Rohde*

Hier liebt jemand seine Wohnung
Hier liebt jemand seine Wohnung

Gleich zu Beginn des Films öffnen uns die Bewohnerinnen und Bewohner die Türen zu ihren hübschen Wohnungen. Wir lernen eine tätowierte Oma kennen, eine Studentin, einen Hotelbesitzer, eine alte Dame, die gern alles gut in Schuss hält, einen St.-Pauli-Fan, der seine Devotionalien überall dekoriert hat, und einen Seefahrer, der die Mitbringsel seiner Reisen thematisch sortiert in seinem Wohnzimmer ausstellt. Eine wilde Mischung lebt dort, jung und alt, arbeitslos, berufstätig, im Rentenstand. Was sie eint, ist die Liebe zu ihrer Heimat. Sie wohnen gern dort, und das zum Teil schon viele Jahrzehnte.

Wie gern hab ich hier gewohnt!“

Die Esso-Häuser sind seit 2009 im Besitz der Bayerischen Hausbau (BHG), die bald nach dem Kauf bekannt gibt, die Bausubstanz sei marode, der Erhalt der Häuser nicht wirtschaftlich und ein Abriss (und Neubau) nicht vermeidbar. Bis 2013 führt die BHG diverse einzelne Sanierungsmaßnahmen durch: Pflanzen und Bäume im Innenhof werden entfernt, in die Balkone werden Streben zur Abstützung eingebaut. Die Fenster und Balkone sind deswegen monatelang mit Netzen verhängt. Im September kündigt die BHG allen Gewerbebetrieben die Miete. Am 14. Dezember 2013 werden alle Mieterinnen und Mieter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion evakuiert, weil die Häuser gewackelt haben sollen. Sie kommen in Notunterkünften und Hotels unter. Ihre Wohnungen werden sie nie wieder beziehen.

Auch wenn man als Hamburgerin die Geschichte um die Esso-Häuser in den Medien oder vor Ort verfolgt hat, bietet die Langzeitdoku viele neue Informationen über die Geschichte dieser emotionalen Immobilie und den Kampf der Bewohnerinnen und Bewohner, zusammengeschlossen in der „Initiative Esso-Häuser“. Was hat diese Initiative gekämpft und geleistet! Versammlungen initiiert, Gespräche geführt, Kunstaktionen geplant. Bis hin zu einer Reise nach Paris, um sich dort bei Anne Lacaton zu informieren – die Architektin ist bekannt für die Instandhaltung baulich angegriffener Immobilien.

Teil des kreativen Kampfes: der Megafonchor
Teil des kreativen Kampfes: der Megafonchor

Neben den gefilmten Interviews, Aktionen und Versammlungen zeigen charmante Animationen aus Pappe politische Zusammenhänge auf. Zum Beispiel, dass die Stadt Hamburg indirekt ein Luxushotel der Schörghuber-Unternehmensgruppe (zu der die BHG gehört) mitfinanziert – weil es sich in der kostenüberintensiven Elbphilharmonie befindet.

Ich hab das Gefühl, die wollen uns raus haben. Irgendwas stimmt da nicht.“

Neben den netten Leutchen aus den Esso-Häusern lernen wir in Interviews auch Bernhard Taubenberger, Sprecher der Bayerischen Hausbau, und Bezirksamtschef Andy Grote kennen. Die wirken nicht ganz so sympathisch. Wenn der Vorzeigebayer Taubenberger sagt, die BHG würde ihre Projekte nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht nach gesellschaftspolitischen Utopien ausrichten, nützt auch die schick platzierte Orchidee im Hintergrund nicht viel. Wer besitzt, entscheidet, so das Credo der BHG. Verwaltungsmann Grote zeigt nur wenig Empathie für die Menschen, die reibungslose Zusammenarbeit mit den Investoren scheint ihm wichtiger. Komplett zur Farce gerät sein Einsatz, als er den kurz vor Weihnachten evakuierten Bewohnerinnen und Bewohnern am Stehpult mit Adventskranz-Deko Kaufhof-Gutscheine verspricht.

Abschied von den Möwen
Abschied von den Möwen

Die Zusammenstellung der Film- und Animationssequenzen ist großartig gelungen. Das Publikum wird sofort ins Geschehen gezogen, ohne dass das Filmteam manipulativ oder agitatorisch vorgeht. Im Gegenteil, die Szenen zeigen nur, was passiert, lassen die Zuseherinnen und Zuseher selbst werten – was angesichts der Faktenlage allerdings nicht schwer ist. Wenn man sieht, wie Gewerbebetriebe wie das „Auto-Hotel am Hafen“ und die Kneipe „Planet Pauli“ ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen und ihr Interieur in die Tonne kloppen müssen, wenn man einen Bewohner zum letzten Mal die Möwen von seinem Balkon aus füttern sieht, dann fragt man sich schon, wie die BHG damit so locker durchkommen konnte.

Bei allem Drama ist der Film kurzweilig und unterhaltsam, fast spielfilmartig in der Dramaturgie. Das Team Bude/Sobczak/Jörg hat hervorragende Arbeit geleistet. Diese Doku sollte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen, nicht nur in Kultur- und Bürgerhäusern und Programmkinos! Zur direkten Bestellmöglichkeit der DVD geht’s hier. Ein ausführlicher Blick auf die Website zum Film  lohnt ebenfalls.

Wow, es gibt eine demokratische Baustelle in Hamburg!“

Die Leichtigkeit trotz schwerer Kost begründet sich auch darin, dass die Initiative Esso-Häuser durchweg kreativ, fröhlich und kommunikativ auftritt. Ihr ist es zu verdanken, dass es mittlerweile Gespräche zu Beteiligungsverfahren gibt. Die „PlanBude“ organisiert nun ganz offiziell die Beteiligung des Stadtteils an der Neuplanung der Esso-Häuser.

Ob damit die Anwohnerinnen und Anwohner wirklich den Fuß in der Neubebauung mit drin haben oder ob es sich dabei nur um eine Beteiligungsshow für die sensibilisierte Öffentlichkeit handelt, wird die Zukunft zeigen.

*Diese Rezension lieferte unsere Gastautorin Anja Rohde, die publizistisch meist als Autorin beim Filmblog „Die Nacht der lebenden Texte“ unterwegs ist.

Veröffentlichung: 17. Juli 2015 als DVD
Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: buy buy st. pauli
D 2015
Regie: Irene Bude, Olaf Sobczak, Steffen Jörg
Drehbuch: Irene Bude, Olaf Sobczak, Steffen Jörg
Sprecherin: Siri Keil

Zusatzmaterial: Musikvideo Echohäuser-Song (4 Min.), Zeitraffer Abriss (10 Min.), 28-seitige Begleitbroschüre mit ausführlicher Chronik der Geschichte der Esso-Häuser

Copyright 2015 by Anja Rohde, Fotos: © 2015 Baldwin Production

Polizeivideo: Der Sturm auf das Jolly Roger

Der Polizeieinsatz ist bereits fast fünf Jahre her – doch bis heute gilt er in der Fanszene des FC St. Pauli als Fanal. Im Juli 2009 stürmten Polizisten das „Jolly Roger“, sprühten massiv Pfeffspray in die Kneipe, verletzten zahlreiche Besucher einer Geburtstagsparty. Einem Mann wurden vier Zähne ausgeschlagen, er hat nun auf Schmerzensgeld geklagt – erfolglos. In einem internen Polizeivideo, das Publikative.org teilweise zeigt, fehlt die Gewalttat.

Von Redaktion Publikative.org

Es ist der 5. Juli 2009 – Schanzenfest in Hamburg. Etwa 500 Meter entfernt vom Schanzenviertel in Richtung Reeperbahn liegt die St. Pauli-Fankneipe „Jolly Roger“. Hier steigt an diesem Abend eine Geburtstagsparty, die ein schmerzhaftes Ende nimmt.

Das Jolly Roger liegt wenige Gehminuten entfernt vom Schanzenviertel. (Screenshot Google Maps)
Das Jolly Roger liegt wenige Gehminuten entfernt vom Schanzenviertel. (Screenshot Google Maps)

Es ist bereits weit nach Mitternacht, als eine Gruppe Polizisten, behelmt und in Kampfmontur, die Budapester Straße entlang in Richtung der Kneipe laufen. Am Jolly Roger angekommen, stoßen sie auf eine Gruppe von Party-Gästen, die vor dem Jolly stehen, schnacken, trinken und rauchen. Die Situation wirkt zunächst eher entspannt. Eine angetrunkene Frau beleidigt die Polizeit mit dem Spruch „A.C.A.B. – all cops are bastards“. Die Polizisten drängen in die Gruppe von schätzungsweise 30 Personen, schubsen Kneipenbesucher. Sie drängen die Besucher in die Kneipe und in den danbeneliegenden Hauseingang. Aus der Gruppe fliegt mindestens ein Glas auf die Polizisten, später noch eins aus der Kneipe.

Später scheint sich die Situation wieder zu entspannen, die Kneipenbesucher kommen wieder aus dem Jolly, stehen davor, trinken und rauchen. Mehrere Minuten lang passiert gar nichts. Plötzlich stürmen behelmte Polizisten ohne erkennbaren Anlass in die Gruppe, innerhalb weniger Sekunden drängen sie die Personen wieder in die Kneipe, andere stehen mit erhobenen Händen vor einem benachbarten Geschäft.

Kneipe wird komplett eingenebelt

Erst nach diesem erneuten Sturm der Polizei eskaliert die Lage komplett: Die Tür zum Jolly steht noch offen, davor die Polizisten, aus der Kneipe werfen einige Personen mit allem, was sie in die Finger bekommen: Flaschen, Gläser und Barhocker. Die Polizisten ziehen sich hinter die Tür zurück und bereiten Pfefferspray-Einsatz vor. Ein Kneipenbesucher versucht von innen die Tür zu schließen, offenbar um eine Stürmung der Kneipe durch die behelmten Polizisten zu verhindern. Ein Polizist sprüht ihm aus kurzer Distanz Pfefferspray ins Gesicht. Ein weiterer Polizist sprüht Pfefferspray in die Kneipe, einem anderen Besucher ins Gesicht.

Dann wird massiv Reizgas in die Kneipe gespritzt – nicht zielgerichtet auf Personen, sondern das Jolly wird regelrecht eingenebelt mit dem ätzenden Gas. Die im vorderen Bereich verbliebenen Personen flüchten in den hinteren Teil des Jolly, sie halten sich Tücher vor die Gesichter. Die Polizei setzt noch mehr Pfefferspray ein.

Polizisten stürmen eine Geburtstagsparty im Jolly Roger
Polizisten stürmen eine Geburtstagsparty im Jolly Roger

Nun stürmen die Polizisten in die Kneipe. Man sieht verängstigte Partygäste im hinterten Teil der Kneipe, der Rest hat sich in die Toilettenräume und in den Keller geflüchtet. Einen Hinterausgang gibt es nicht. Nun müssen die Polizisten feststellen, wie wirkungsvoll ihr Pfefferspray tatsächlich ist – sie halten es nur wenige Sekunden im Jolly aus und flüchten dann wieder. Beim Verlassen der Kneipe klappen sie ihre Visiere an den Helmen hoch, offenbar, um Luft zu bekommen. Der letzte Polizist schließt hinter sich wieder die Eingangstür – von außen. Wenig später öffnet ein Polizist wieder die Tür, schaut einmal herein und lässt sie dann angelehnt, wenige Sekunden später verlassen die ersten Kneipenbesucher das Jolly: Gebeugt, um Luft ringend, mit tränenden Augen.

Die Wut scheint groß über diesen Einsatz, treffender wäre Angriff. Ein Kneipenbesucher fragt in die Polizeikamera, was das alles solle? Eine Frau versucht ihn wegzuziehen, doch ein Polizist sprüht ihm bereits direkt Pfefferspray ins Gesicht. Der Mann sinkt zusammen. Die Polizei gibt später an, man habe Straftäter im Jolly vermutet, doch als immer mehr keuchende Kneipenbesucher das Jolly verlassen, wird niemand kontrolliert oder festgenommen. Die Polizei zieht sich auf die Straße zurück. Was sollte dieser Einsatz also?

„Batterie leer“

Dann fehlt ein Teil in dem Video, laut Polizeiangaben angeblich, weil die Batterie der Kamera leer gewesen sei. Auf den verbliebenen Bildern ist plötzlich ein Wasserwerfereinsatz zu sehen, die Polizisten treiben eine Personengruppe in Richtung Paulinenplatz. Vor der Kneipe schnappen sich Polizisten einen Mann – der Anlass ist nicht ersichtlich – umringen ihn.

Was nicht zu sehen ist: Dem Journalisten Sven Klein wurden seinen Angaben zufolge vor dem Jolly mehrere Zähne von einem Polizisten ausgeschlagen. Zeugen bestätigten die Darstellung. Gegenüber Publikative.org beschreibt Sven Klein die Situation so:

Um 0.45 Uhr gingen meine Freundin und ich noch eine Runde mit dem Hund. Auf dem Weg fiel uns ein, dass im Jolly Roger heute eine Geburtstagsparty stattfand, und wir beschlossen noch einen kurzen Abstecher dorthin zu unternehmen. Auf dem Gehweg vor der Kneipe standen etliche Leute herum. Drinnen war es brechend voll und so blieben wir ebenfalls vor der Tür. Nach einer ganzen Weile rückten plötzlich Polizeikräfte in Richtung Jolly vor. Auf einmal war die Hölle los: Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und setzte die Menschen auf dem Gehweg unter Beschuss. Viele flüchteten ins Innere des Jolly, andere gingen um die Ecke in die Paulinenstraße. Ich stellte mich auf die gegenüberliegende Straßenseite und beobachtete das Geschehen. Meine Freundin war inzwischen mit dem Hund nach Hause gegangen. Als ich sah, dass die Beamten nun das Jolly zu stürmen versuchten, rief ich meinen Freund Mike vom Spiegel an und gab ihm eine Art „Live-Ticker“ der Ereignisse. Nachdem die Polizeikräfte massiv Pfefferspray ins Jolly gesprüht hatten, stürmten sie hinein, kamen aber alsbald wieder hustend heraus. Nach und nach kamen dann immer mehr Menschen hustend aus dem Jolly. Ich beendete mein Telefonat und ging ins Jolly, um Wasser zu holen um damit den Leuten zu helfen. Nach und nach beruhigte sich die Lage und die Polizei zog sich zurück.

Einige Zeit später lief eine größere Gruppe Beamter im Abstand von ca. zwei Metern im Gänsemarsch an mir vorbei. Plötzlich drehte sich der Letzte in der Reihe um, fixierte mich kurz und schlug mir seinen Tonfa ins Gesicht. Ich torkelte benommen Richtung nach Hause. Dabei rief ich erneut Mike an, um ihm zu sagen, dass ich keine Zähne mehr hätte. Dann rief ich meine Freundin an und sagte ihr, dass ich nach Hause komme. Dort angekommen, zog ich mich aus und ging duschen. Meine Freundin machte ein Foto von meiner Visage. Irgendwann schlief ich ein.

Ein anderer Journalist, der wie von Sven Klein erwähnt bei Spiegel online arbeitet, bestätigt die Angaben. Der Geschädigte habe ihn angerufen und berichtet, die Situation vor dem Jolly sei eskaliert. Wenige Minuten später rief er erneut an und sagte, ein Polizist habe ihm die Zähne ausgeschlagen.

Vier Zähne wurden Sven Klein vor dem Jolly ausgeschlagen.
Vier Zähne wurden Sven Klein vor dem Jolly ausgeschlagen.

Die Behandlung des Verletzten hat bislang etwa 20.000 Euro gekostet. Das Geld wurde in der Fanszene des FC St. Pauli gesammelt. Die dienstinertnen Ermittlungen der Polizei wurden eingestellt. Nun klagte Klein gegen die Stadt Hamburg auf 10.000 Euro Schmerzensgeld, im März begann das Verfahren – doch die Klage wurde am 27. Mai abgewiesen. Die Begründung dafür steht noch aus.

Hier Ausschnitte des Videos der Polizei, damit sich die Öffentlichkeit angesichts der aktuellen Klage selbst ein Bild von dem Einsatz machen kann:

Siehe auch: Neue Hamburger Schule: Die Polizei gibt den Takt anDavidwache: Augenzeugen widersprechen der PolizeiHamburger Polizeispitze: Born to be wild?Akademisches Karussell: Polizei und Demokratie in HamburgGroßzügiger Einsatz von Pfefferspray

(Rück-)Eroberung der Fankurven?

Das Jahr 2012 brachte zahlreiche Meldungen zu rechten Parolen in den Stadien, Angriffen gegen antirassistische Fans und Verbindungen der Fan- zur Naziszene. Gegenüber früheren Jahren lassen sich einige besorgniserregende neue Tendenzen beobachten. Das Jahr 2013 schließt an diese Tendenz an: Mit dem Rückzug der antirassistischen Aachen Ultras aus der Kurve beugt sich eine Fangruppe gewalttätigen Übergriffen. 

Von Florian Schubert

Mit Beginn des neuen Jahres bietet es sich an, hinsichtlich der Aktivitäten, die Nazis und rechte Fußballfans im Stadion 2012 entwickelt haben, ein Resümee zu ziehen. Das vergangene Jahr war in dieser Beziehung kein ruhiges, das lässt erahnen, welche Konflikte auch 2013 (wieder) verstärkt auftauchen könnten und mit dem Rückzug der Aachen Ultras aus der Kurve ist zu Beginn des Jahres bereits ein erstes negatives Signal gesetzt worden. Der genauere Blick auf einige der Vorfälle des Jahres 2012 zeigt die Veränderungen in der Art der Auseinandersetzungen.

Transparent der Kölner Ultras Coloniacs. (Foto: www.coloniacs.com/)
Klare Worte der Kölner Ultras Coloniacs an Aachen, 2011 (Foto: http://www.coloniacs.com/)

Das Stadion als Wohlfühlraum

Allgemein erstaunt das Erstaunen, das heißt die (möglicherweise geheuchelte) Verwunderung darüber, dass sich Nazis und andere Menschen mit rechter Gesinnung im Stadion wohlfühlen bzw. es wagen, dort aufzutauchen. Im Fußballstadion sind bestimmte Teile der Gesellschaft abgebildet, aber mitnichten die ganze Gesellschaft. Allein die prozentuale Vertretung von Frauen entkräftet bereits die Sichtweise auf Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft. Dass sie trotzdem immer wieder vorgebracht wird, zeugt eher von Wunschdenken als Realitätsbeschreibung. Aber wenn Studien wie die der Friedrich-Ebert-Stiftung darstellen, dass hohe Prozentzahlen in der Bevölkerung Teile oder gar ein komplettes rechtes Weltbild unterstützen, so darf sich nicht ernsthaft jemand wundern, dass diese Sichtweise auch im Stadion auftaucht. Gerade an jenem Ort, der nach landläufiger Meinung immer noch als einer der wenigen gilt, an dem man sich (mithilfe von Alkohol) so richtig gehen lassen kann, an dem noch (fast) alles erlaubt sei. Und da soll es verwundern, wenn sich gerade hier auch Nazis tummeln?

Die Empörung ist also möglicherweise eher so zu deuten, dass die Empörten von sich selbst und anderen „guten“ Fans enttäuscht sind. Dass das Stadion (weiterhin) ein Ort ist, an dem sich Nazis wohlfühlen, liegt wohl auch daran, dass so manche Verhaltensweisen von Fans eben auch von Nazis und rechten Fans ohne Abstriche geteilt werden. Dazu gehört etwa die weit verbreitete Homophobie oder die Glorifizierung von Männlichkeit in der Kurve. Aber auch der demonstrativ zur Schau getragene und als Identifizierungsklammer so wichtige Regionalismus, der dazu führt, dass die gegnerischen Fans mitunter nicht mal mehr als Menschen wahrgenommen werden. All dies steht gerade nicht im Widerspruch zu menschenverachtenden Ideologien, sondern bietet Anschlussmöglichkeiten.

Rückeroberung der Kurven?

Spätestens mit dem Beginn der Saison 2012/13 häuften sich die Meldungen von Vorfällen und Auseinandersetzungen, die auf rechte Fußballfans zurückzuführen waren. Von der Presse aufgegriffen wurden Ereignisse in Aachen, Dortmund, Bremen und Braunschweig. Bereits im Januar 2012 gab es einen ersten Vorfall bei einem Hamburger Hallenturnier, als Lübecker Fans gezielt das „Kein Mensch ist Illegal“-Transparent aus der St.-Pauli-Kurve holten und es zu diskriminierenden Schmährufen und gewalttätigen Auseinandersetzungen kam.

Die Beispiele Aachen und Braunschweig zeigen, dass die Auseinandersetzungen auch wieder im eigenen Verein bzw. der eigenen Fanszene stattfinden. Neben dem spürbaren Rückgang von offenem Rassismus im Profifußball in den letzten 15 Jahren gab es ebenso eine Abnahme von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans eines Vereins. Es gab zwar Ausnahmen, wie etwa in Bremen beim Angriff auf den Ostkurvensaal, aber die ständige Bedrohung für Fans, die sich gegen Diskriminierung wenden, war nicht mehr so vorhanden wie in den 1990er-Jahren.

Letzter Aufrtritt der Aachen Ultras, Viktoria Köln Alemannia Aachen, 12. Januar 2013, Foto: strassenstriche.net  (flickr)
Letzter Aufrtritt der Aachen Ultras, Viktoria Köln Alemannia Aachen, 12. Januar 2013, Foto: strassenstriche.net (flickr)

Die Vorfälle beschränkten sich zumeist auf Angriffe von rechten Fangruppen auf vermeintlich linke Gruppierungen anderer Vereine oder es waren symbolische Präsentationen von rechten Positionen bzw. Provokationen. Dies scheint sich nun wieder geändert zu haben. Dabei stellen sich auch die Vereine nicht immer sonderlich klug an, wenn die Konflikte deutlicher ausbrechen. Und das obwohl die Problematik mit Fans aus der Naziszene bei den meisten Klubs nun wahrlich nicht neu sein kann. So sind z.B. Gruppen wie die Desperados seit Jahren Thema in der Presse, über „enge Verflechtungen zwischen Desperados, Autonomen Nationalisten und Northside“ in Dortmund wurde gleichfalls bereits vor Längerem berichtet. In Aachen spitzte sich der Konflikt besonders krass und gewalttätig zu. Die andauernden Angriffe auf die Aachen Ultras (ACU) und die fehlende Unterstützung des Vereins Alemania Aachen für die ACU mündeten aktuell in dem traurigen Höhepunkt des Rückzuges der ACU aus der Kurve. Patrick Gorschlüter, Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF), sagt: „Es ist traurig und schockierend zugleich, dass sich eine Gruppe junger Menschen, die sich gegen Diskriminierung einsetzt, vom eigenen Verein derart im Stich gelassen wird, dass sie sich entfremdet und enttäuscht zurückzieht.“

Interessant ist, dass die aktuellen Vorkommnisse zumeist in West-Deutschland stattfanden. Das widerspricht dem vorherrschenden Bild, es seien insbesondere ostdeutsche Vereine, die ein Problem mit Nazis und rechten Fußballfans hätten. Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass mit Aachen, Dortmund und Braunschweig Vereine betroffen sind, die auch schon in den 1980er- oder 1990er-Jahren durch rechte Tendenzen in Teilen der Fanszene aufgefallen sind. Und hier sollte man dann auch aufmerksamer werden. Es ist richtig, dass offenes rassistischen Verhalten im Gegensatz zu den 1980er- und 1990er-Jahren abgenommen hat. Es wurde aber auch immer wieder von aufmerksamen Fangruppierungen und Organisationen wie BAFF darauf hingewiesen, dass damit nicht notwendig auch die Fangruppen, die für dieses Verhalten verantwortlich waren, aus den Stadien verschwunden sind oder ihre Einstellungen geändert haben. Genau diese Befürchtung scheint sich jetzt zu bestätigen. Die Tabuisierung von Rassismus hat nicht überall auch zu einem Umdenken in den Fanszenen geführt. Dies bedeutet keinesfalls, dass die Situation so wie in den 1980er-Jahren ist. Aber es zeigt ganz eindeutig, dass die Bearbeitung des Themas nicht abgeschlossen ist. Die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und anderen Diskriminierungsformen muss weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Fans, Vereinen und Verbänden bleiben. Es gibt keinen Anlass, sich in der derzeitigen Situation zufrieden zurückzulehnen.

Mangelnde Abgrenzung der Fanszenen

Die „Pyrodebatte“ und das „Sicherheitspapier“ der DFL haben dieser Arbeit jedoch einen Bärendienst erwiesen. Insbesondere die Ultragruppen fanden sich nach dem Abbruch der Gespräche um die Pyrotechnik durch den DFB in einer Auseinandersetzung wieder, in der es um den Beweis von Stärke, Macht und Einfluss ging. Der von vielen Fans innerhalb und auch außerhalb der Ultraszene angenommene breite Konsens von Antirassismus stand nicht mehr so präsent im Vordergrund bzw. schien auch nicht (mehr?) so verbreitet zu sein wie angenommen. Das weitere Zündeln rief Polizeiaktionen und Reaktionen von Vereinen und Verbänden hervor, die Auseinandersetzung eskalierte weiter. Die Ultragruppen sahen sich in einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Institutionen. Einerseits wurde ihre Arbeit dadurch verstärkt auf diese Auseinandersetzung fokussiert und gedrängt, andererseits wurde nach Bündnispartnern geschaut.

Das zeigte sich bei der Kampagne gegen das Sicherheitspapier und der hier federführenden Initiative 12:12. Dort beteiligen sich nach Informationen von publikative.org mit den Desperados Dortmund, Ultras Chemnitz, Saalefront Halle, Boyz Köln oder der Karlsbande  auch Gruppierungen, die keine Distanzierung gegenüber rechten Fans oder organisierten Nazis in ihren eigenen Reihen vornehmen. Es gab und gibt also für wegen ihrer politischen Haltung – auch öffentlich – in der Kritik stehende Gruppen, die Möglichkeit, in vereinsübergreifenden Kampagnen „Fanpolitik“ zu machen und so auch ihr Standing in der Fanszene wieder aufzupäppeln. Das gilt etwa auch für die Bushwhackers Düsseldorf, die im letzten Jahr dadurch auffielen, dass ein Mitglied mit Thor-Steinar-Kleidung bei einem Fanturnier auftrat. Zudem bleiben ohne eindeutige Distanzierung nach rechts auch positiv zu bewertende fanpolitische Anliegen leider anschluss- und kampagnenfähig für Nazis. Versuche in diese Richtung gibt es.

Nazis in Dortmund (Foto: Ruhrbarone)
Auf der Straße in der Defensive – Nazis in Dortmund (Foto: Ruhrbarone)

Fokus im Westen

Gerade in dem Bundesland, in dem der Innenminister eine Vorreiterrolle im Kampf gegen Nazis einnehmen möchte, dominierte der Konflikt um Nazis im Stadion die Berichterstattung des letzten Jahres. In Nordrhein-Westfalen befindet sich die Naziszene durch das Verbot von Organisationen wie der Kameradschaft Aachener Land und des Nationalen Widerstandes Dortmund aktuell in einer defensiveren Position als noch vor einigen Jahren. Dass sich deren Akteure daher nach Orten umsehen, wo sie sich präsentieren können, ist naheliegend, ebenso dass sie dies bevorzugt dort tun, wo sie auch schon seit Jahren anwesend sind, ist vorhersehbar.

Und hier macht sich ein weiteres Problem bemerkbar: Bei Alemannia Aachen und Borussia Dortmund, allerdings nicht nur dort, scheinen der Ordnungsdienste mit der der Naziszene verquickt zu sein. So schreiben z.B. die von Angriffen betroffenen Aachen Ultras: „Dass die Personen dabei auf Unterstützung des Ordnungsdienstes hoffen können, da vor unserem Block nun wiederholt ein Gründungsmitglied der Kameradschaft Aachener Land als Ordner ‚arbeitete‘,“. Über das Ordnerproblem bei Borussia Dortmund berichtete Spiegel Online, der Verein hat den Betroffenen inzwischen suspendiert und eine Reihe von Maßnahmen vorgestellt.

Irritiert sein muss man auch über das Handeln vom NRW Innenminister Ralf Jäger. Er generiert er sich als Hardliner gegen Neonazis, indem er einige Organisationen wie die Kameradschaft Aachener Land oder den Nationalen Widerstand Dortmund verbietet. Wobei anzumerken ist, dass diese Verbote so lange medial angekündigt wurden, dass bei den Durchsuchungen eigentlich nicht viel Verwertbares gefunden wurde. Gleichzeitig führte aber Jägers Agieren in der Debatte um das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“, als er mehrmals nach vorne preschte und die Vorreiterrolle als Hardliner einnahm, zu einem unschönen Nebeneffekt. So erzeugt er Solidarisierungsmöglichkeiten für rechte Fangruppen, um sich in die aktuelle Sicherheitsdebatte einzuklinken. Wenn pauschal unter dem Label „Sicherheit“ gegen Fans agiert wird, ohne zu differenzieren, was welche Gruppierung eigentlich macht und gleichzeitig Themen wie Rassismus und Rechtsextremismus aktuell vonseiten der Verbände eher vernachlässigt werden, bleibt dies nicht folgenlos: Im Interview mit eurosport sagt Fanforscher Gerd Dembowski über das Konzept der DFL: „Neonazismus und Rassismus sind eine Fußnote. Schlimmer noch, sie werden sogar mit Gewalt und Pyro vermischt.“ Und weist daraufhin, dass der Druck auf antirassistisch positionierte Fangruppen wächst.

Nur wenige explizit antirassistische Fangruppen wie aus Babelsberg oder von St. Pauli sagen offen, dass sie sich nicht an der Kampagne 12:12 beteiligen, weil sie eine Abgrenzung von rechten Fangruppen vermissen. Auf Dauer kann dies dazu führen, dass antirassistisch eingestellte Fangruppen an den Rand der Fanorganisierung gedrängt werden. Schon jetzt häufen sich die Rückmeldungen einzelner Fanszenen, dass es ungemütlicher in ihren Kurven geworden ist, was die offenere Präsenz von und Bedrohung durch Nazis angeht. Wenn sich diese Tendenz verstärkt, würde sich der Einfluss von Gruppen die sich gegen Diskriminierung stellen, und damit der oft herbeigesehnte Effekt der „Selbstreinigung der Kurve“, schwinden oder gar ganz wegfallen.

Kein Problem von außen

Verwundern tut auch weiterhin die Darstellung der Problematik in den Medien. Gerne wird von Unterwanderung gesprochen. In einem früheren Artikel habe ich versucht auf die Problematik des Begriffs, der weiterhin vielfach auftaucht, hinzuweisen. Dies beschreibt sehr deutlich, wie das Problem wahrgenommen wird, nämlich als eines, das von außen kommt. Aber was ist mit den Fans, die schon in den 1980er-Jahren in den Kurven der Vereine waren? Waren diese nicht viel früher da, als die Fangruppen die sich gegen Rassismus, Homophobie und andere Diskriminierungsformen aussprechen? Und was bedeutet Unterwanderung? Die Vereine werden in ihren Strukturen ganz sicher nicht unterwandert. Das gelingt ja noch nicht einmal den Mitbestimmungsstrukturen der Mitglieder, wie das Abstimmungsverhalten der Vereine bei der aktuellen Sicherheitsdebatte deutlich zeigt. Offen bekennende Nazis werden im Bedarfsfall relativ schnell ausgeschlossen.

Und in der Kurven? Unterwanderung suggeriert, dass hier etwas organisiert und heimlich mit Plan passiert. Diesen Unterwanderungsplan gibt es aber in der derzeitigen Nazibewegung nicht. Es gibt keine Diskussionen darum, wie die Fanszene am besten großflächig zu unterwandern sei. Was es gibt, ist, dass rechte Fans und Nazis sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit präsentieren. Sie wollen ihren Raum. Der an manchen Orten wie dargelegt auch dadurch wichtiger wird, da Nazis auf der Straße gesellschaftlich gerade in der Defensive sind. (Was in keinster Weise heißt, dass das Bedrohungspotenzial für mögliche Opfer abgenommen hat!) Großaufmärsche wie in Wunsiedel zum Heß-Gedenken oder zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden sind jedoch derzeit nicht mehr durchzuführen. Die Debatte um die NSU bringt die Naziszene weiter in die politische Defensive. Es gab immer wieder Zeiten, in denen sich Nazis umorientieren mussten, weil sie gerade nicht weiterkamen. So war ein Effekt aus den Erfahrungen ab Mitte der 1990er-Jahre die Entwicklung von Kameradschaftsstrukturen, die in die Gründung von Autonomen Nationalisten mündete. Genau in diesem Kreis finden wir viele der Nazis, die sich beim Fußball tummeln.

Um das Problem von Diskriminierung beim Fußball und die Präsenz von Nazis in der Kurve nachhaltig zu lösen, ist in den Fanszenen ein breiterer Konsens gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus notwendig. Denn nur so fühlen sich rechte Fußballfans dort nicht mehr wohl.

Yuppies raus…?!

Kritik an der Gentrifizierung ist richtig und wichtig, wenn sie öffentlichen Raum reklamiert und ohne personalisierte Feindbilder auskommt, so wie es bei vielen gelungenen Aktionen der Fall ist – zuletzt mit der „Fuck U!“-Installation in Hamburg. Doch schon viel zu lange wird in linken Kreisen akzeptiert, dass Feindbilder aufgebaut werden, die in die totale Regression kippen, wie am Wochenende im Schanzenviertel zu sehen war.

Von Patrick Gensing

In Hamburg haben am Wochenende Tausende Menschen das Schanzenfest gefeiert. Wieder einmal war das eigentliche Fest friedlich, selbstverwaltet, chaotisch, laut und bunt – also ganz wunderbar. Wieder einmal erklärte die Polizei einen ganzen Stadtteil zum Gefahrengebiet – schlicht unverhältnismäßig. Und leider hat sich gezeigt, welche Folgen Bürgerkriegsszenarien der Polizei, Mackergehabe und platte Gentrifizierungskritik haben können.

Während in der Nacht noch rund um das Schulterblatt gefeiert wurde, zündeten junge Männer vor der Roten Flora Feuer an – wie die Erfahrung lehrt: Ein willkommener Anlass für die Polizei, die Hundertschaften und das Gerät einzusetzen und so der Öffentlichkeit  zu demonstrieren, dass 1400 Beamte und Wasserwerfer für diesen Anlass kein bisschen überdimensioniert wären.

Notoperation nach Messerattacke

Vor diesem Hintergrund versuchten Leute aus der Roten Flora und Besucher des Festes, die Feuer zu löschen, auch nichts Neues. Dieses mal aber mit fatalen Folgen. Zwei Menschen wurden von den Randalierern niedergestochen, mehrere durch Schläge verletzt. Die taz berichtete:

Nachdem die Konzertbühne vor dem linken Zentrum Rote Flora abgebaut war, zogen erste Vermummte durch die Menge und zündeten Bengalos und Silvesterknaller. „Verpisst euch hier“ riefen ihnen einige entgegen. „Halt’s Maul, Yuppie-Wichser“ war die Antwort, die jeder zu hören bekam, der das Auftreten der meist jungen Männer kritisierte. […]

Beim Versuch des Löschens wurde ein 29-Jähriger niedergestochen.  „Viermal stach der Täter in den Brustkorb“, sagt ein Aktivist der Flora, der sich um den Betroffen sofort kümmerte. Häufig versuchten auch andere Festbesucher Randalierer davon abzuhalten zu zündeln. Die Zündler verteidigten ihr Feuer mit purer Gewalt: Faustschläge ins Gesicht, Tritte, Drohgebärden mit Metallstangen. Ein weiterer Mann, 27 Jahre alt, wurde mit einem Messer niedergestochen – aber nur oberflächlich verletzt. Er wollte einen Streit schlichten.

Der Mob skandierte dazu Parolen wie „Ganz Hamburg hasst die Polizei“ – obwohl die sich den ganzen Abend nur am Rand des Schanzenfestes zeigte und nicht in das Geschehen eingriff. In der Roten Flora wurde die beiden Niedergestochen erstversorgt und ins Krankenhaus gebracht. In der Nacht musste der 29-Jährige notoperiert werden. […]

Doch die Krawallmacher wollten nicht gehen und zündelten weiter, bis Aktivisten aus der Roten Flora den Brand mit Feuerlöschern erstickten. Auch sie wurden bedroht und als „scheiß Antifa-Fotzen“ beschimpft.

Eine unrühmliche Rolle spielen nach den Ereignissen beim Schanzenfest einmal mehr viele Medien, welche landesweit von den „Krawallen“ beim Schanzenfest berichten. Im Gegensatz zur taz ordneten sie die Geschehnisse dabei nicht ein: Das Stadtteilfest endete in einer Messerstecherei, heißt es, und die Polizei habe durchgegriffen. Nur als Randnotiz: Es gab sechs Festnahmen – bei sicherlich mehr als 10.000 Besuchern. Einige Dutzend Randalierer erreichen also ihr Ziel: Sie konnten Hundertschaften von Polizisten in Bewegung setzen und schafften es bundesweit in die Medien.

Wie wäre es mit einem Fragebogen?

Die Ereignisse beim Schanzenfest sind der vorläufige Tiefpunkt einer bitteren Entwicklung und sicherlich eine Zäsur. Städte wie Hamburg werden gnadenlos kommerzialisiert, stinknormaler Wohnraum wird zum Luxus. Yuppie ist in bestimmten Szenestadtteilen mittlerweile zum beliebtesten Schimpfwort avanciert. Am Wochenende prangten an Wänden Parolen wie „Bonzen raus“ oder „Yuppies raus!“

Wer in diese Kategorien fällt, ist dabei vollkommen unklar. Wie lange muss jemand in einem Szenestadtteil leben, um als „Alteingesessen“ anerkannt zu werden? Wie viel darf jemand maximal verdienen, um hier wohnen zu dürfen? Darf jemand schicke Klamotten tragen – und ist vielleicht dennoch KEIN Yuppie? Ist es okay, Wein zu trinken, der nicht den Schädel spaltet?

Fragen über Fragen, auf die es natürlich keine vernünftigen Antworten gibt. Der Yuppie ist der, der dafür verantwortlich sein soll, dass sich Stadtteile in rasanter Geschwindigkeit verändern, alte Läden schließen, Anwohner verdrängt werden, wie es in vielen Vierteln der Metropolen in den vergangenen Jahren zu beobachten war – und sich nun in anderen Stadtteilen abzeichnet. Dass dabei Wut entsteht, ist verständlich. Dies rechtfertigt aber nicht, das Gehirn auszuschalten.

Yuppie, der Spießer des 21. Jahrhunderts

Früher wollte niemand der Spießer sein, heute mag niemand zum Yuppie werden. Doch sind zahlreiche Leute, auch szenige Linke, längst Yuppies. Sie sind Young urban professionals, sie arbeiten als Grafiker, in Agenturen, in der Musikbranche, als Journalisten oder Rechtsanwälte.

Sicherlich keine Yuppies sind hingegen die Mitglieder von Streetgangs, die das Feindbild dankbar aufgreifen, um diese für ihre Lage verantwortlich zu machen. Solche Gangs werden nicht wegen verkürzter Gentrifizierungskritik gewalttätig, aber sie benutzen eben solche Vorlagen, um Gewalt zu legitimieren. Denn leider wird von einigen Linken der ominöse Yuppie sogar mit Nazis und Rassisten auf eine Stufe gestellt: „Nazis zerhacken, Yuppies verjagen!“, so eine Parole an einer Häuserwand in Hamburg. Auf einem Flyer für ein Hinterhoffest in Hamburg heißt es aktuell: „Nazis, Rassisten, Sexisten und Yuppies haben keinen Zutritt!“ Nazi-Gewalt wird so geradezu verharmlost, komplexe gesellschaftliche Prozesse unzulässig vereinfacht und personalisiert. Der Erkenntnisgewinn liegt bei Null.

„Tourists welcome!“

Und es gibt bereits die ideologische Gegenbewegung – beispielsweise die Hipster Antifa in Berlin. Die sich hier abzeichnenden Fronten gleichen teilweise denen zwischen Antiimps und Antideutschen – doch auch bei der berechtigten Kritik an platter Gentrifizierungskritik ist das Gegenteil von vollkommen falsch nicht gleich goldrichtig.

„Tourists welcome“ – in Anlehnung an das Motiv „Refugees welcome“ – ist auf den ersten Blick sicherlich provokant witzig und möglicherweise geeignet, auf die falschen Feindbilder (in Berlin vor allem Hipster und Touris) hinzuweisen, aber Touristen sind eben keine entrechteten Flüchtlinge, die staatlich bevormundet werden. Titanic-Chefredakteur Leo Fischer hat in der jungle World die vermeintliche Opferrolle von Touristen in einem Gastbeitrag wunderbar überzeichnet:

„Die Flucht aus der modischen Sperrzone war beschwerlich. Kein Taxi wollte für einen Rolliträger halten. Am nächsten Morgen fanden wir Bilder von uns in der Zeitung: »Touris machen den Kiez kaputt!« Meine Gastgeber sagten mir, dass ich nun zu gehen habe. Sie liebten mich heiß und innig, doch wollten sie nicht in den Ruch kommen, auf ihrem Dachboden Touris zu verstecken. Ich schloss mich einer Gruppe von Jeansjackenträgern an. Eine Zeitlang lebten wir im Untergrund, dann bezahlten wir einen Schleuser und ließen uns in die weltoffene und tolerante Provinz bringen.“

Die stumpfe Massenevent-Kultur dürfte auch „dem“ Hipster/Yuppie eher zuwider sein, Besuchergruppen von Musicals wie „Tarzan“ oder Publicviewing-Besucher zeichnen sich eher durch kleinbürgerliches oder extrem prolliges Verhalten aus. Mit dem typischen Yuppie – bekannt aus den 1980er Jahren aus den USA – hat dies wenig zu tun. Der Yuppie ist schlicht nicht greifbar, das macht das Feindbild so attraktiv, weil man es auf fast jeden anwenden kann – und sich selbst auch noch vergewissern kann, auf der richtigen Seite zu stehen.

Was also tun?

Die weitsichtigen Gentrifizierungskritiker haben längst das Dilemma erkannt und benannt, denn als „Szene“ gehört man selbst zu den weichen Standortfaktoren einer attraktiven Metropole.

 Die große Stärke des modernen Kapitalismus ist es ja leider, dass eben die Kritik, wie an diesem Beispiel allzu deutlich zu sehen, mittlerweile fast problemlos assimiliert werden kann in die Vermarktung. Wir sind am Arsch. (Chris Brummbär auf der Facebook-Seite von Publikative.org)

„Wir sind wie alle Künstler, die in die dreckigen Viertel gehen, immer Mitverursacher der Gentrifizierung“, sagte Rocko Schamoni beispielsweise in der taz und stellte fest: „Das ist schrecklich, aber man kann es nicht verhindern. Man kann sich höchstens tarnen, die Spuren verwedeln, versuchen, das verrottete Biotop, in das man zieht, nicht in seinem Verrottungsprozess zu stören. Denn das brauchen Städte wie Hamburg: einen gesunden Verrottungsprozess.“ Oder neue Wohnungen, die für jeden bezahlbar sind.

Druck auf „die“ Politik ist also gefragt – und eine fundierte Kritik. Die Themen Verdrängung und Mietpreise sowie Stadtentwicklung sind zu wichtig, um diese mit Parolen nach dem Motto „Yuppies raus!“ zu entwerten oder um weitere ideologische Grabenkämpfe zu führen. Großstädte verändern sich? Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie. Denn jede/r hat ein Recht auf Stadt.

Siehe auch: Feeling blue: Fuck U!

Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vor

Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Feltes hat die Vorfälle beim Hamburger Schweinske-Cup im Januar untersucht und nun seinen Bericht vorgelegt. Darin werden vor allem Polizei und Veranstalter kritisiert. Damit werden die Darstellungen von Augenzeugen bestätigt, die das Vorgehen der Polizei angeprangert – und den einseitigen Medienberichten widersprochen hatten.

Von Patrick Gensing

St. Pauli-Fans hatten im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung zu den Vorfällen beim Schweinske-Cup beschlossen, eine unabhängige Untersuchungskommission einzuberufen. Die Fans konnten mit Prof. Dr. Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum einen renommierten Wissenschaftler* für die Kommission gewinnen, die nun ihren Bericht vorlegte. Dieser sei allerdings nur „eine erste, eher oberflächliche Prüfung und Bewertung der Ereignisse“. Es liege „nunmehr an denjenigen, die für den Ablauf der Veranstaltung, die Sicherheitsmaßnahmen und den Polizeieinsatz verantwortlich waren, diese Fragen aufzugreifen und zu beantworten.

Massive Kritik an der Polizei

Die Experten nehmen vor allem den Einsatz der Polizei ins Visier, denn es habe bereits im Vorfeld Hinweise auf mögliche Eskalationen gegeben, so dürfte die Ankündigungen aus der HSV-Szene, dass es dort bei dem Turnier „krachen“ würde, „weil es nie wieder so einfach sein wird, an die Anderen ranzukommen“, auch der Polizei bekannt gewesen sein. Entsprechend intensiv hätten die Vorbereitungen sein müssen, kritisieren die Autoren.

Ebenfalls sei der Polizei spätestens seit der Ankunft der Lübecker Fans bekannt gewesen, dass 20 HSV-Anhänger diese Fangruppe „verstärkten“. Nach Informationen der Polizei Schleswig-Holstein war zudem laut Experten davon auszugehen, dass sich „unter den zu erwartenden 80-120 Anhängern des VfB Lübeck 30 – 40 Problemfans befinden würden“. Der Polizei Hamburg sei dies ebenfalls bekannt gewesen, stellen die Wissenschaftler fest. „Spätestens hier hätte dem Einsatzleiter der Polizei bewusst sein müssen, dass es sich bei der Lübecker Gruppe um gewaltbereite Fans handelte.“

Dennoch konnten sich die Lübecker- und HSV-Fans in der Halle frei bewegen, eine Fan-Trennung, in der Alsterdorfer Sporthalle leicht zu realisieren, habe nicht stattgefunden. Die Angriffe auf den St. Pauli-Block hätten leicht unterbunden werden können, stellen die Wissenschaftler fest – und kritisieren, dass die Polizei im Folgenden offenkundig einseitig gegen St. Pauli-Fans vorging, während  Straftaten von Lübecker-Fans offenbar nicht geahndet wurden:

Diese beinhalteten insbesondere rechtsextreme Äußerungen, welche offensichtlich die als „links“ bekannten St. Pauli-Fans provozieren sollten. Hier hätte die Polizei aufgrund des Legalitätsprinzips (es bestand der begründete Verdacht, dass gleich gegen mehrere Straftatbestände verstoßen wurde) und aus polizeirechtlicher Sicht (§ 3 SOG) einschreiten und die Personalien feststellen müssen (§ 13 SOG). Dies gilt besonders, weil die Lübecker Fans beim Einlass das Sicherheitspersonal angriffen und unter diesen Personen bis zu 40 gewaltbereite Fans des HSV waren, die den szenekundigen Beamten bekannt gewesen sein mussten. Die Tatsache, dass hier keine Festnahmen erfolgten und diese Fans sich danach noch relativ unkontrolliert in der Halle bewegen konnten, dürfte ein wesentlicher Grund für die späteren gewalttätigen Auseinandersetzungen gewesen sein. Hier sehen die Autoren (zum gegenwärtigen Stand) ein polizeiliches Einsatzversagen.

Die ersten Rangeleien habe die Polizei zum Anlass genommen, eine behelmte Hundertschaft vor dem St. Pauli-Fanblock und ganz offensichtlich auch zwischen den St. Pauli-Fans zu positionieren, die teilweise die Sicht der Fans auf das Spielfeld einschränkten, und dies, obwohl  von dort offensichtlich keine unmittelbare Bedrohung ausgegangen sei, wie die Experten betonen. „Dass dies von den St. PauliFans als Provokation empfunden wurde, zumal vor dem Lübeck-Block deutlich weniger Beamte standen, obwohl von dort aus Straftaten verübt wurden, ist nachvollziehbar.“ Ein solches Vorgehen in einer bereits aufgeheizten Situation sei „weder angemessen, noch taktisch klug“.

St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei
St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei

Auch der folgende Einsatz von Pfefferspray wird in dem Bericht scharf kritisiert: Dabei seien auch Frauen, Kinder und Ältere getroffen worden. Unbeteiligte, die eingeschritten, um Verletzten zu helfen, seien weggedrängt oder selbst Opfer polizeilicher Maßnahmen geworden. „Offensichtlich hatte die Polizei zu diesem Zeitpunkt den Überblick über die Gesamtsituation verloren. Gründe für das aggressive Vorgehen der polizeilichen Einsatzkräfte konnten wir den uns vorliegenden Unterlagen nicht entnehmen. Insbesondere wird von keiner gegenwärtigen Gefahr berichtet, die man hätte dadurch abwehren müssen“, so die Autoren.

Risiko einer Panik

In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, wieso Pfefferspray, obwohl die gefährlichen Wirkungen und Nebenwirkungen bekannt seien, von der Polizei als „milderes Mittel“ gegenüber dem Schlagstock gesehen werde – und dies in einer Halle, in der es leicht zu panikartigen Reaktionen mit entsprechenden Verletzungen kommen könnte, wie die Experten betonen.

Zu klären sei außerdem, ob Polizeihunde auch in der Halle eingesetzt und ob dabei oder auch außerhalb der Halle auch Unbeteiligte oder Personen, die anderen helfen wollten gebissen worden seien. Mindestens ein Polizeihunde-Einsatz erfolgte auch nach den Darstellungen der Polizei selbst nicht zu Selbst- oder Fremdverteidigungszwecken sondern, um einen Verdächtigen festzunehmen. Dieses Vorgehen ist dem Bericht zufolge nicht von der PDV 350 gedeckt, wonach Hunde grundsätzlich nur als „defensives Einsatzmittel“ (und nicht als taktisches) verwendet werden dürfen.

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Intensive Aufarbeitung

Die Autoren weisen darauf hin, dass ihr  Bericht auch die Notwendigkeit verdeutlichen soll, solche und ähnliche Ereignisse rund um Fußballspiele „intensiv aufzubereiten und durch unabhängige, externe Experten auswerten zu lassen“. Die üblichen internen Aufarbeitungen von Seiten der Vereine und der Polizei reichen nach Auffassung der Autoren des Berichtes nicht aus, um die nötige Transparenz herzustellen.

Insgesamt erscheine eine detaillierte Untersuchung und Bewertung der Vorkommnisse derzeit aber nicht möglich. Allerdings gebe es „deutliche Anhaltspunkte“ dafür, dass sowohl in der Vorbereitung, als auch während und nach dem Turnier durch die Veranstalter, aber auch durch die Polizei „Fehler gemacht wurden, die dringend aufzuarbeiten sind“. Das hatte Innensenator Neumann auch versprochen, nach dem jüngsten Großeinsatz der Polizei in Hamburg darf aber daran gezweifelt werden, dass den großen Worten auch Taten folgen.

Richter in Stadien gefordert

Dieser Appell dürfte weitestgehend ungehört verhallen, denn im öffentlichen Bild sind „sogenannte Fußballfans“ mittlerweile wieder zu gewalttätigen Primaten mutiert, während Polizeilobbyisten ausreichend medialen Raum erhalten, um die absurdesten Forderungen auszubreiten.

Die jüngste Idee: In Fußballstadien sollen Richter sitzen, die angebliche oder tatsächliche Straftäter direkt aburteilen. Rechtstaatliche Prinzipien spielen im Bürgerkrieg gegen den Fußball-Mob offenbar keine Rolle mehr. Der Bericht der unabhängigen Experten verdeutlicht hingegen, dass die Law-and-Order-Fantasien genau der falsche Weg sind, mehr Transparenz ist nötig – und Polizeiarbeit, die effektiv gegen tatsächliche Gewalttäter vorgeht. In einer Zeit, in der ganze Kurven in Kollektivhaft genommen werden, ein naiver Wunsch. Denn merke: Sachbeschädigung bei einem Fußballspiel = mediale Hysterie, Dutzende Verletzte durch Pfefferspray = Randnotitz, bestenfalls.

*Thomas Feltes ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2007 ist er auch kooptiertes Mitglied der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Von 2006 bis 2008 gehört Feltes dem Gründungssenat der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster an. Über seine Tätigkeit als Lehrender hinaus ist Feltes Wissenschaftlicher Berater des Europarates, der UN und der OSZE. Zudem war er Generalberichterstatter und Chairperson der Konferenz „Polizei und Menschenrechte“ des Europarates im Juni 1999 sowie Gutachter für das amerikanische Justizministerium zum gleichen Thema (1999). Zwischen 1999 und 2002 war er Mitglied der Sucht- und Drogenkommission der Bundesregierung. Seit vielen Jahren ist er als forensischer Gutachter (vor allem zur Sicherungsverwahrung und zu Rückfallprognosen) für Gerichte tätig.  Er gibt seit 1992 zusammen mit Hans-Jürgen Kerner die Reihe “Empirische Polizeiforschung” im Felix-Verlag, Holzkirchen heraus und seit 2005 die “Bochumer Schriften zu Rechtsdogmatik und Kriminalpolitik” (zusammen mit Rolf D. Herzberg und Holm Putzke). Er ist Herausgeber des „Polizei-Newsletter“, der seit 1999 erscheint. Sein Literaturverzeichnis enthält über 160 Buch- und Zeitschriften-Veröffentlichungen in den Bereichen Polizei, Justiz, Kriminologie, (Jugend-)Strafrecht. (Quelle: Wikipedia)

Siehe auch: Alles Chaoten!Moralische DiskussionslatteHurra, wir leben noch!,  Dahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und StrafenÜber Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigenDistanzlos gegen FangewaltEtwas Besseres als diesen JournalismusSogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

Ganz Sankt Pauli fragt die Polizei

Die Hamburger Polizei hat bekommen, was sie angeblich verhindern wollte: Eine Straßenschlacht, jede Menge Aufmerksamkeit in ihrem Sinne durch eine willfährige Lokalpresse und zahlreiche „Argumente“, künftig noch härter durchzugreifen. Wir fragen uns dagegen: Was sollte dieser Polizeieinsatz?

Von Redaktion Publikative.org

Eine Anmerkung in eigener Sache vorab: Publikative.org ist personell maßgeblich in Hamburg verortet und es ist kein Geheimnis, dass wir dem FC St. Pauli näher stehen als anderen Vereinen. Am Sonntag waren drei Autor/Innen selbst vor Ort und haben zahlreiche weitere Augenzeug/Innen um ihre Einschätzung gebeten. Wir waren sowohl am Rande der Rostocker Demonstration als auch vor und im Stadion, aber natürlich nicht immer an allen Orten zu jeder Zeit. Auch unsere Wahrnehmung ist subjektiv und unterliegt Fehleinschätzungen. Bitte schickt uns weitere Bilder und Videos sowie Gedächtnisprotokolle an publikative(at)web.de oder anonym hier.

MoPo Sankt Pauli Chaoten greifen Jolly Roger an (Screenshot)
Glanzstück der Berichterstattung: „St Pauli-Chaoten“ greifen laut „MoPo“ die eigene Kneipe mit Steinen an.

Aber wenigstens schreiben wir nicht Polizeiberichte ab und tarnen dies als Journalismus wie die „Kollegen“ Frenzel und Gaertner von der „Hamburger Morgenpost“ (MoPo). In Koproduktion mit der Hamburger Polizei haben Frenzel/Gaertner zweifellos das Glanzstück des Jahres abgeliefert: Jetzt greifen die „St. Pauli“-Chaoten schon ihre eigene Kneipe an. Später hätten sie dann die Polizei angegriffen, heißt es.

(Hier der später in der Überschrift korrigierte MoPo-Artikel, der durch einige kosmetische Änderungen „eigenes“ Erleben suggerieren soll und hier das Original, der Bericht der Pressestelle der Hamburger Polizei. „We report – you decide“ oder so ähnlich.)

Das Geschehen des Tages lässt sich ansonsten relativ schnell zusammenfassen: Circa 2.000 (nach Polizeiangaben: 1.700) Fans von Hansa Rostock demonstrierten friedlich in Hamburg-Altona gegen die Verbotsverfügung der Hamburger Polizei, die ihnen die Möglichkeit der Unterstützung ihrer Mannschaft am Millerntor genommen hatte.

Nach unserer Einschätzung circa 1.200 (Polizei: 800) St. Pauli-Fans verfolgten das Spiel ihrer Mannschaft aus Protest ebenso friedlich vor statt im Stadion. Gegen Ende des Spiels blieb die Situation rund um das Stadion dann nicht ganz so friedlich, aber die Polizei konnte mit gefühlt 10.000 Beamten (Polizei: 1512 Polizisten der Landespolizeien aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, sowie 650 Bundespolizisten) gerade noch das Schlimmste verhindern, ansonsten wären St. Pauli und die angrenzenden Stadtteile im Chaos versunken (siehe MoPo).

Unserer Wahrnehmung nach hat sich die Hamburger Polizei durch ihre Verbotsverfügung in eine rein polizeilich wesentlich schwerer zu beherrschende Lage manövriert als dies in einem Szenario mit organisiert anreisenden Auswärtsfans – die man vom Bahnhof zum Stadion und zurück hätte bringen müssen – der Fall gewesen wäre. Stattdessen musste man eine Demo und ein Fußballspiel sichern und dabei sowohl die verfeindeten Fanlager voneinander trennen, als auch im und rund um das Stadion für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sorgen. Zu letzterem Zweck nahm man ein ganzes Viertel per „Gefahrengebiet“ in Geiselhaft und schaffte es trotz allem nicht, einzelne Ausschreitungen zu verhindern, deren Schwere man je nach eigenem Erleben und Erfahrungen unterschiedlich bewerten mag.

Die taz-Nord beschrieb das Geschehen angenehm unaufgeregt: „Ein(e) Gruppe organisierter junger Autonomer greift eine Gruppe Polizisten aus der Paulinenstraße heraus so schlagartig an, dass diese die Flucht ergreifen. Wenig später fahren Wasserwerfer auf und rücken Festnahme-Einheiten an. Es kommt zum Wasserwerfer-Einsatz und wieder fliegen Steine und Flaschen. Die Randale schwappt auch auf die umliegenden Straßen St. Paulis über. Nach kurzer Zeit und einsetzendem Regen beruhigt sich aber dann die Lage wieder.“

Screenshot Bild.de: Hier wird behauptet, die verletzte Frau habe randaliert und gehöre zu den "verdammten Pauli-Chaoten".
Screenshot Bild.de: Hier wird behauptet, die verletzte Frau habe randaliert und gehöre zu den "verdammten Pauli-Chaoten".

Auf dem folgenden Video ist dokumentiert, wie die Polizei gegen friedliche Leute und Journalisten  mit Wasserwerfern gezielt vorgeht. Von einem massiven Angriff, kann zumindest in den dargestellten Sequenzen keine Rede sein, im Gegenteil, es ist überhaupt keine Gewalt seitens der Fans vor dem Jolly Roger und der  Passanten zu erkennen. Dafür gehen die Beamten mit Härte gegen eine Frau vor, die sich zwar augenscheinlich der Anweisung widersetzt, die Straße zu räumen, sich ansonsten aber vollkommen friedlich verhält und bis zu ihrer ebenfalls unter Einsatz massiver körperlicher Gewalt durch zwei gepanzerte und behelmte Polizisten keinerlei Angriff auf die Beamten erkennen lässt.

Prellungen und ein gebrochenes Handgelenk

Publikative.org hat mit der Betroffenen gesprochen, E. berichtet, sie sei von drei Polizisten fixiert und mit Kabelbindern an den Händen gefesselt worden. Dann musste sie in einem Polizeifahrzeug warten, schätzungsweise eine Stunde. Mehrmals bat sie um ärztliche Hilfe, da sie bei dem Vorgehen der Polizei diverse Verletzungen erlitt, vor allem Prellungen. Danach wurde sie auf eine Wache gebracht – dort sollte sie sich entkleiden, was sie ablehnte. Die Polizei führte demnach erkennungsdienstliche Maßnahmen durch – und erst danach erhielt sie ärztliche Hilfe im Krankenhaus. Dort traf sie einen Hansa-Fan, der sich das Handgelenk gebrochen hatte – angeblich ebenfalls durch Polizeieinwirkung. Medien benutzen derweil groß Bilder von der Festnahme von E. und texten dazu, „St. Pauli-Chaoten“ hätten die Polizei angegriffen.

Die einfachste aller Fragen

Man muss daher wirklich kein linksradikaler Polizeihasser sein, um die einfachste aller Fragen des bürgerlich-liberalen Journalismus zu stellen. Da dieser in der Freien und Hansestadt derzeit aber nicht zu existieren scheint, übernehmen wir notgedrungen diese Aufgabe: Gemessen an den Kosten, der Verhältnismäßigkeit der Mittel und des zweifelhaften Erfolges: Was sollte dieser Polizeieinsatz? Es sei denn, er diente bestimmten Führungskräften dazu, ihr politisches Süppchen zu kochen, wie wir bereits gestern mutmaßten.

Dann aber muss man die Hamburger SPD fragen, warum sie dieses Spielchen mitmacht, obwohl ihr Erster Bürgermeister Olaf Scholz und dessen Innensenator Michael Neumann mit einer absoluten Mehrheit regieren? Nämlicher Innensenator erklärte nach einem ebenfalls überzogenen Polizeieinsatz bei einem Hallenturnier auf einer Versammlung von St. Pauli-Fans, er wolle an seinen „Taten gemessen“ werden. Wir nehmen ihn beim Wort und fragen die Hamburger SPD und ihren Innensenator nach diesen „Taten“. Und wir fordern jede/n auf, dies bei der nächsten SPD-Ortsversammlung in seinem oder ihrem Stadtteil ebenfalls zu tun: Fragen wir die Regierung – stellvertretend für den Teil der Exekutive, der sich scheinbar keiner Diskussion zu stellen braucht, da er mit seinen „Polizeiberichten“ bereits alles für gesagt hält.

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Siehe auch:
St. Pauli vs. HRO: Police and Thieves,Die Büchse der PandoraQuo vadis DFB?Fußball, Schwachsinn, DFBUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einDahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und Strafen

St. Pauli vs. HRO: Police and Thieves

Die Hamburger Polizeiführung hat mit ihrem Verbot des Verkaufs von Eintrittskarten an Fans von Hansa Rostock exakt die Situation heraufbeschworen, vor der das Verbot die Öffentlichkeit vermeintlich schützen sollte. Angesichts der vermutlich bevorstehenden Ausschreitungen muss betont werden, wie gefährlich dieser Vorgang für unsere Vorstellung von öffentlichem Raum in einer Demokratie insgesamt ist – jenseits von Fußball und Gewalt.

Von Andrej Reisin 

Eine unkalkulierbare Gefahr? Hansa-Fans  am Millerntor. (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)
Eine unkalkulierbare Gefahr? Hansa-Fans am Millerntor. (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)

Am Sonntag werden tausende Fans des FC Hansa Rostock nach Hamburg reisen, obwohl sie keine Karten für das Spiel haben. Denn der Verkauf von Karten an Hansa-Fans ist dem FC St. Pauli polizeilich verboten worden. Das Verbot hatte vor zwei gerichtlichen Instanzen Bestand. Eine Demonstration von Hansa-Fans am Spieltag in Hamburg gegen die polizeiliche Verfügung darf dagegen laut Hamburger Oberverwaltungsgericht stattfinden – obwohl die Hamburger Polizei auch diese zunächst verbieten wollte. Hansa-Fans werden also durch Hamburg  laufen, dürfen aber das Spiel gehen nicht besuchen. Tausende St. Pauli-Fans werden aus Protest ebenfalls nicht zum Spiel gehen und sich stattdessen vor dem Stadion aufhalten. Nicht nur Laien erschließt sich die Polizeitaktik, durch die diese Situation entstanden ist, auch auf den zweiten Blick nur bedingt.

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Mit ihrer Verbotsverfügung hatte sich die Hamburger Polizei jedenfalls ganz bewusst auf juristisches Glatteis begeben. Zu ihrem Glück – oder auch aufgrund der internen Verflechtungen des Polizei- und Justizapparates – fanden sich dann in der Hansestadt auch ein paar Richter, die ein Paar Schlittschuhe im Frühling herumliegen hatten: Auch die zweite Instanz hat das Verbot aufrecht erhalten, weil man der polizeilichen Gefahrenprognose nicht widersprechen konnte oder wollte. Die grundsätzlichen Fragen können jedoch nach Meinung beider Instanzen ohnehin nur in einem ordentlichen Haupt-, nicht aber in einem Eilverfahren erörtert werden. Die zweite Instanz hat dabei immerhin zum Ausdruck gebracht, dass sie die betroffenen Rechtsgüter – bis hin zu Grundrechten – für sehr schwerwiegend hält.

Mithin ist es keinesfalls sicher, dass das Verbot in einem Hauptverfahren Bestand hat – bis dahin aber ist das Spiel vorbei. Einstweilen also macht die Hamburger Polizeiführung Politik – und präzise dafür ist sie weder zuständig noch berechtigt. Auch ohne langes Lamento über die grundsätzliche Problematik der Gewaltenteilung in Theorie und Praxis, wird im konkreten Fall schnell deutlich, dass die Trennung von Polizei (Exekutive), Justiz (Judikative) und Politik (Legislative) zur kompletten Farce mutiert, wenn erstere  sich zweiterer bedient, um die Aufgabe der dritten zu übernehmen und – wenn schon nicht Gesetze – so doch wenigstens die Rechtsprechung zu ändern.

Die übliche Leier in neuer Darbietung

Sollte es zu den befürchteten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und Hansa Rostock einerseits und der Polizei andererseits kommen, wird ein weiteres Mal die übliche Leier aus Ignoranz und Polemik von Behörden und Medien abgespult werden: Die Gewalt wird als „neue Eskalationsstufe“ oder „Bürgerkriegsszenario“ bezeichnet werden, Polizeivertreter werden „härtere Maßnahmen“ und „strengere Gesetze“ fordern, die Politik wird verurteilen und die Vereine „in die Pflicht“ nehmen wollen, die sich ihrerseits „erschüttert“ von der Gewalt „distanzieren und diese selbstverständlich ebenfalls verurteilen“ werden. Man kann getrost ein Monatsgehalt darauf setzen, dass die entsprechenden Pressemitteilungen, Statements, Polizeiberichte und Artikel für Montagmorgen schon vorgeschrieben auf den Festplatten liegen.

Willkommen in Hamburg, sogar die Wasserwerfer wurden für den Einsatz am Sonntag in Altona, St. Pauli und angrenzenden Vierteln geputz...
Willkommen in Hamburg, sogar die Wasserwerfer wurden für den Einsatz am Sonntag in Altona, St. Pauli und angrenzenden Vierteln geputz...

Die Win-Win-Situation der Hamburger Polizeiführung sieht in diesem Szenario folgendermaßen aus: Kommt es zu den befürchteten Ausschreitungen, wird sie sich hinstellen und sinngemäß behaupten: „Seht ihr! Wären wir und unsere Maßnahmen nicht gewesen, hätten die Chaoten die ganze Stadt angezündet und Frauen und Kinder geschändet, verbrannt und aufgegessen.“ Bleiben die schwersten Krawalle seit Ben Hur dagegen aus, wird man sagen: „Seht ihr! So erfolgreich sind unsere Maßnahmen. Dank uns steht die Stadt noch und Frauen und Kinder sind ihres Lebens sicher.“

Eskalation als taktisches Kalkül?

Ohne verschwörungstheoretisch zu werden, darf man daher getrost vermuten, dass hinter diesem Vorgehen Kalkül steckt: Nach gut zehn Jahren Hamburger Stadtregierung unter Führung der Union (unter zeitweiser Zuhilfenahme zwielichtiger Rechtspopulisten) gibt es zahlreiche Kräfte im Polizeiapparat, die der SPD-Regierung und Innensenator Michael Neumann nicht gerade positiv gegenüberstehen. Dieser machte sich darüber hinaus bereits mehrfach unbeliebt: Zunächst berief er einige Führungskräfte ab, später tauchte er bei einer Versammlung von St. Pauli-Fans auf, um sich – mehr oder weniger – für einen eskalierten Polizeieinsatz im Rahmen eines Hamburger Fußball-Hallenturniers zu entschuldigen.

Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail
Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail

Insbesondere letzter Vorgang dürfte einigen Kräften innerhalb der Hamburger Polizei ziemlich übel aufgestoßen sein, kommt er doch einem „Verrat“ durch den obersten Dienstherren ziemlich nahe – erst recht in Polizeikreisen mit traditionell starkem Korpsgeist. Offenbar versucht die Hamburger Polizeiführung – wie immer sekundiert von den hauptberuflichen Horrorbühnenbildnern der polizeilichen Gewerkschaften – daher ganz bewusst, mit einer harten Linie wieder die Hoheit über einen Diskurs zu gewinnen, der ihr in den letzten Monaten teilweise entglitten ist. Sie will deutlich machen, wer gut und wer böse ist – und warum man die Öffentlichkeit vor gewaltbereiten Fußballfans auch dann schützen muss, wenn durch polizeiliche Maßnahmen möglicherweise mehr Bedrohungen und Einschränkungen entstehen als ohne diese. Die damit verbundene Botschaft gilt nicht nur den Fans und den Medien – sondern auch und vor allem dem politischen Personal, das gefälligst (wieder) auf 100%-igen Polizeikurs schwenken soll.

Die Polizei soll ihren Job machen – und keine Politik

Keine Liebe für die Polizei: Wandmalerei in St. Pauli (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)
Keine Liebe für die Polizei: Wandmalerei in St. Pauli (Foto: seven_resist / CC BY-NC-SA 2.0)

Zu befürchten ist, dass dieses Kalkül aufgeht: Auf beiden Seiten der verfeindeten Fanlager übertrifft die Wut auf die Polizei diejenige aufeinander mittlerweile deutlich. Sowohl aus dem Aufruf der Rostocker „Suptras“ als auch aus demjenigen von Ultrà Sankt Pauli (USP) kann man unschwer herauslesen, wer der Hauptfeind ist und wo er steht. Natürlich muss die Öffentlichkeit vor Gewalttätern geschützt werden. Wenn es dazu allerdings Verkaufsverbote, Reiseverbote (indirekt), Aufenthaltsverbote, Demonstrationsverbote und Gefahrengebiete bedarf – die allesamt Grundrechte einschränken – dann wird man wohl zu Recht nach der Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen fragen dürfen: Im Falle eines „Gefahrengebietes“ für einen ganzen Stadtteil sind beispielsweise zehntausende Menschen einer polizeilichen Sonderbehandlung unterworfen. Werden sie dadurch tatsächlich geschützt oder nur schikaniert?

Insgesamt handelt es sich um nichts weniger als den Versuch, Grundrechte wie Bewegungs- und Reisefreiheit sowie sogar das Recht auf freie Meinungsäußerung in Form einer Demonstration einzuschränken bzw. auszuhebeln. Wenn darüber hinaus alle diese Maßnahmen doch nur zu einem gigantischen Polizeieinsatz mit gigantischen Kosten führen – und am Ende von alldem dennoch (oder gerade deswegen) schwere Ausschreitungen stehen – dann stellt sich jenseits der Demokratieverträglichkeit auch ganz einfach die pure Sinnfrage. Eine Polizeiführung, die diejenigen Gefahren, die sie vermeintlich abzuwehren versucht, erst heraufbeschwört, braucht in einem demokratischen Rechtsstaat jedenfalls kein Mensch. Die Polizei ist nicht dafür da, die Rechtsprechung zu ändern oder gar Politik zu machen. Im Gegenteil: Derartigem Treiben muss politisch ein Ende bereitet werden.

Siehe auch: Die Büchse der PandoraQuo vadis DFB?Fußball, Schwachsinn, DFBUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einDahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und Strafen