Verkrampfung vs. Pop

Nach unserem gestrigen Artikel fragt sich die Redaktion, was eigentlich noch „verkrampfter“ sein kann, als die krampfhafte Suche nach Usain Bolts deutschem Arzt oder dem deutschen Unterwäsche-Hersteller der ugandischen Olympia-Mannschaft. Wer was weiß, schreibt das bitte in die Kommentare. Ansonsten bitten wir einstweilen zum Tanz, Olympia ist schließlich Pop:

Ach ja, wegen der zahlreichen Anfragen: Bei der Vereiningung der europäischen Rundfunkanstalten, der EBU (European Broadcasting Union), kann man jede einzelne Entscheidung (und natürlich die grandiosen Eröffnungs- und Abschlussfeiern) noch einmal anschauen. Und zwar ohne jeden Kommentar! Viel Vergnügen …

Siehe auch: Olympia: Deutschland, Deutschland über alles

Olympia: Deutschland, Deutschland über alles

Olympia ist ein Wettkampf der Nationen: Die Jugend der Welt kommt zusammen, um Sport zu machen statt Krieg zu führen. So ungefähr lautet die Grundidee. Deswegen ist es ein Ärgernis, wenn in der Berichterstattung der Sport zunehmend hinter nationaler Selbstbeweihräucherung verschwindet. Denn Kampf- und Kriegsrhetorik bestimmen längst das Geschehen.

Von Andreas Strippel

Genau wie bei den Welt- oder Europameisterschaften im Fußball ist auch bei Olympia die Nation Wettbewerbsgrundlage des sportlichen Wettkampfs. Nationalmannschaften messen sich und journalistische Parteinahme für die eigene Nation bleibt nicht aus. So lange dabei eine faire und informierte Berichterstattung stattfindet, ist das auch erträglich: Wer das partout nicht sehen und hören will, soll es eben lassen.

Denn dass das Konstrukt Nation auch bei positiver Betrachtung bestenfalls ambivalent ist, fiel auch den Olympia-Machern auf. In den sechziger Jahren änderte man deshalb den Olympischen Eid. Die Athleten nehmen seitdem „für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft“, und nicht mehr „als ehrenwerte Kämpfer“ für „die Ehre unseres Vaterlandes“ teil. Allerdings scheint dieser Zivilisierungsprozess – eingeführt vom IOC als Versuch den Nationalismus bei den Olympischen Spielen einzudämmen – an den derzeitigen Berichterstattern völlig vorübergegangen zu sein.

Leiden für sein Land

Titel der Bildzeitung (Ausschnitt 30.07.2012)
Titel der Bildzeitung (Ausschnitt 30.07.2012)

Die Spiele fingen für die Jubelperser der Nation nicht gut an: Die Schwimmer verweigerten den Dienst am Vaterland. Keine Medaillen wollten sich einstellen. Die öffentlich-rechtliche Medienmannschaft sprach in einer Mischung aus persönlicher Enttäuschung und schulmeisterlicher Entrüstung mit den und über die Athleten. Wenn die gewünschten Ergebnisse nicht eintraten,  wurde nachgetreten. Kostprobe gefällig? Als die deutsche Starterin Jenny Mensing nicht die erhoffte Leistung brachte, legte Reporter Tom Bartels los: „Der Start, ich will nicht sagen erbärmlich, aber da liegt sie schon weit zurück“, polterte Bartels. Warum sagt er erbärmlich, wenn er es doch nicht sagen will? Es kam noch ärger: Nach ihrem Ausscheiden wurde die Schwimmerin auf peinlichste Weise vom Interviewer abgekanzelt.

Und so ging es weiter. Die aggressive Enttäuschung der TV-Journalisten fiel auch der Süddeutschen Zeitung auf. Sie sprach von „Trauerberichterstattung“. Jedoch verknüpften die Münchner die Mischung aus Genörgel, Unverschämtheiten und Untergangsstimmung, die sie dokumentierten, nicht mit dem neuen deutschen Leistungsnationalismus. Es ist eben nicht nur eine „aufgebauschte Fernseh-Dramaturgie“ der Herren und Damen am Mikrofon, wie die SZ meint, sondern demonstriert das Selbstverständnis dieser „Sportreporter“ als Zeremonienmeister der Nation. Dahinter will auch der Boulevard nicht zurückstehen und malt die nationale Schande an die Wand: „Über uns lachen sogar die Kasachen“, titelte die Bild, nachdem Deutschland tagelang gar nicht im Medaillenspiegel aufgetaucht war.

Deutsche Herrenreiter in Höchstform

Für die Reporter ging es um alles, um Deutschland. Deshalb ist das „Wir“ im Dauereinsatz um Gold, Silber oder Bronze, am liebsten aber um Gold. Sieger sein erlöst die Deutschen, erfüllt Sehnsüchte: Wir sind immer noch und schon wieder wer! So eingestimmt lechzte die Medienmeute nach Medaillen. Und tatsächlich war es dann so weit: Die deutschen Military- ähm Pardon, Vielseitigkeitsreiter erlösten das darbende Volk und ihre medialen Frontberichterstatter.

Als der entscheidende Reiter Gold entgegen ritt, erreichte die nationale Besoffenheit ihren medialen Tiefpunkt. Der Fernsehreporter schwätzte von vergangen Turnieren und angeblich zu Unrecht aberkannten Medaillen, steigerte sich immer weiter in einen nationalen Wutrausch hinein, an dessen Ende dann die Paraphrase des Führer-Weltkriegs-Eröffnungszitats explosiv aus ihm heraus brach: „Seit 2008 wird zurück geritten!“ Dass diese historische Entgleisung zu wenig mehr als einem kleinen Rüffel führte, spricht Bände über die Unkultur, die mittlerweile offenbar zur  nationalen Sportberichterstattung dazu gehört wie ein „innerer Reichsparteitag“.

Jetzt war der Krieg, waren die Spiele eröffnet. Erlöst waren die Deutschen, noch gelöster als ihre Kriegsberichterstatter in London. Deutschland hier, Deutschland da, Deutsche in Amerika. Gewinner wurden zu Statthaltern des nationalen Wohlbefindens, während die Verlierer als Leistungsverweigerer beschimpft wurden.

Wenn in einem Wettkampf kein Deutscher oder jemand mit deutschen Vorfahren aufzutreiben war, wurden akribisch deutsche Trainer im Ausland aufgeführt. Absurd wurde es beim Schwimmen: In einem Vorlauf über 100m Freistil ohne deutsche Beteiligung empfahl der Mann am Mikrophon die Daumen für einen Rumänen zu drücken, weil er den schönen deutschen Vornamen Norbert trägt. Ach ja, Usain Bolt hat einen deutschen Arzt. Es wird gar keinen Hehl mehr daraus gemacht, dass es um nationale Stimmungsmache geht. Die so genannten Sportjournalisten waren während der Leichtathletikwettkämpfe am 5. August so frei, sich und uns die Erlaubnis zu erteilen, unparteiisch zu sein zu dürfen, da gerade keine Deutschen teilnahmen.  Dabei ist es doch ein elementarer Reiz der Olympischen Spiele, Sportarten und Sportler zu sehen, die sonst kaum oder nie öffentlich stattfinden.

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in London die pangermanischen Spiele stattfanden, zu denen auch ein paar andere Nationen Statisten entsandt hatten. Und wenn es sich nicht vermeiden ließ, in populären Sportarten wie der Leichtathletik auch Ausländer abzubilden, so wurde mit Sicherheit gemäkelt. Oftmals lief die Beurteilung von Athleten so: War er/sie extrovertiert wurde das Negativlabel Show aufgepappt (als ob Sport keine Unterhaltung sei), war er/sie introvertiert wurde es als Arroganz gewertet, agierten Athleten „normal“ wurde paternalistisch von netten Jungen oder Mädchen geschwafelt, wurde er/sie freundlich kommentiert, ist er/sie aus Deutschland. Und natürlich gilt: Alles Doper, außer Deutsche! Hier weicht die Erzählung vom Leistungsversager der Mär vom sauberen Athleten. Immerhin waren die pseudo-ethnologischen Expertisen über das genetische Leistungsvermögen bestimmter Nationen und/oder Hautfarben weniger aufdringlich als in früheren Jahren. Ja, ab und an war die Berichterstattung auch erträglich, hin und wieder sogar gut und fair.

Mehr als nur schlechter Journalismus

Fackellauf bei den Olympischen Spielen 1936
Ohne Pathos geht es nicht. Der Olympische Fackellauf, eine deutsche Erfindung. (Bundesarchiv Bild 146-1976-116-08A/ CC-BY-SA)

Wenn das Ganze nur ein Medienphänomen wäre, dann wäre alles nicht so dramatisch. Doch greift das nationale Fieber allenthalben um sich und alte nationale Rivalitäten und Ressentiments feiern – ganz ohne Ironie – fröhliche Urstände. Menschen, die sonst freundliche Zeitgenossen sind und Formen von Weltoffenheit zeigen, lassen sich vom medialen Kriegsgeheul anstecken und ergeben sich der nationalen Geiferei. Der Medaillen-Spiegel wird zur Fieberkurve der eigenen Erregtheit. Vernunftbegabte Menschen, die im Alltag vom nationalen Getöse angewidert sind, zeigen sich enttäuscht, dass Deutschland so schlecht abgeschnitten hat – und nicht über die Leistung von Sportlern, denen sie als Fans gern bei der Arbeit zusehen. Ein Blick in die Kommentarspalten von großen Sport- und Nachrichtenportalen bestätigt die Regression in die kollektive Identität „Deutscher“. Die Vorstellung von Patriotismus als positivem Selbstbild, ohne dabei auf andere herabzusehen, entlarvt sich dabei als Märchen: Denn die eigenen Nabelschau und die manische Suche nach dem Deutschen in der Welt wird zur Abwehr der bösen Anderen, die im Zweifel etwas Schlechtes im Schilde führen.

Olympia wird zur Inszenierung der Nation, weil das Ereignis sowohl das Gemeinschaftsgefühl bedient, als auch die individuelle Leistungsethik. Die mediale Inszenierung ist notwendig, um das Fest als nationales Ereignis zu verwirklichen, an dem alle teilnehmen können. Dabei entsteht eine klebrige Melange aus völkischer Tradition und modernem Leistungswahn. Das Sportfest mutiert bzw. kehrt zurück zum Nationalfest, das den Menschen auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland versichert, dass sie eine Gemeinschaft sind – was sie ohne diesen ganzen Klimbim eben nicht wären. Wer nun meint, das sei „in anderen Ländern aber auch nicht besser“, ist schon auf halbem Wege zur Erkenntis, was das Problem an Nationalismus sein könnte.

Siehe auch: Von Hetzjagd kann keine Rede seinDie Entdeckung der NazisBreaking News: Auch Nazis halten zu “Schland”

Dahin, wo es weh tut!

Es gibt ein erstaunliches Missverhältnis bei der Berichterstattung über Fußballfans: Bei nahezu keinem anderen Thema unterscheiden sich das Erleben der vielen Beteiligten und die mediale Repräsentation der Ereignisse derart eklatant. Schafft die Zunft der Sportjournalisten sich selbst ab?

Von Redaktion Publikative.org

Was haben die Ereignisse in der Alsterdorfer Sporthalle vom vergangenen Freitag und die Ausschreitungen vor der Partie Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden gemeinsam? Ganz einfach: Beide sind einzelne Perlen in einer langen Kette medialen Versagens bei einer der ureigensten Aufgaben und Existenzberechtigungen von Journalismus überhaupt: Nämlich dem Versuch, das, was man gängigerweise Realität nennt, halbwegs adäquat abzubilden.

Fußballfans waren in der landläufigen Wahrnehmung in den 1980er Jahren ungefähr das, was von Aufklärung und Fortschritt ungefähr soweit entfernt schien, wie die Wehrsportgruppe Hoffmann: Saufender, rechtsradikaler Pöbel, der sich Wochenende für Wochenende prügelte, ohne Sinn und Verstand, lost boys, in jeder Hinsicht. Die Linke rümpfte die Nase, die Rechte sah wahlweise ein Sicherheits-Problem oder einen instrumentalisierbaren Gegenpol gegen den vermeintlich oder tatsächlich grassierenden Linksradikalismus.

„Sogenannte Fans – der Sport spielt für uns keine Rolle. Gewalt und Randale ist das was zählt. Wir schlagen alles kaputt – alles kaputt.“
(Ostmaul – „Sogenannte Fans“)

Ungefähr aus dieser Zeit muss die Herangehensweise vieler Sportjournalisten stammen, dass man über diese Gruppe in etwa in der gleichen Weise schreiben und berichten kann wie über Primaten kurz vor der Menschwerdung. Selbst wenn die Protagonisten heute zum Teil deutlich jünger sind, scheinen kulturelle Codes aus jener Zeit weiterhin äußerst mächtig zu wirken: Fußballfans haben keine Lobby, weil sie der organisierten politischen Linken verdächtig erscheinen und für die Rechte mittlerweile nur noch Störfaktor im Spaßbetrieb einer längst millionschweren Unterhaltungsindustrie sind.

Die potentielle Gewalttätigkeit von Fußballfans ist daher mindestens im gleichen Maße geächtet wie öffentliches Rauchen, Alkohol trinken im ÖPNV und fettes, ungesundes Essen: Von der grünen Öko-Erziehungsdiktatur bis zur konservativen Repression abweichenden Verhaltens trifft das ungehörige Gebaren dieser zumeist jungen Männer auf eine Phalanx bürgerlichen Unverständnisses, auf Abscheu und den Willen zur Repression. Weil der innere Schweinehund auf den Redaktionsfluren und in den Amtsstuben längst erfolgreich domestiziert wurde, sollen nun gefälligst auch alle andern die Schnauze halten – und zwar endgültig. Ansonsten setzt es spaßige Stahlgewitter bürgerlichen Spießertums – von Stromberg bis Pfefferspray. Vernichtung von Familie, Beruf und Existenz wegen eines geworfenen Bierbechers? Kein Problem, „selber Schuld“ ruft der Lynchmob der selbstgerechten Pseudo-Weltverbesserer. Die Frage nach der Relation stellt sich nicht mehr.

„Und sie sind so gebildet und natürlich furchtbar schlau – sie sind niemals mit dabei, wissen alles genau!“
(Muff Potter – „Der Hundescheißetrick“)

Doch schreibt und filmt die Zunft der Berichterstatter oft weitgehend am Publikum vorbei: „Ich Kriegsgewinnler“, schrieb Norbert Harz von St. Pauli-Fanblog Magischer FC vor wenigen Tagen angesichts der Klickzahlen seines vom Medien-Mainstream massiv abweichenden Blog-Posts. Und wir können uns anschließen: Ganze sieben Absätze über ein Ereignis, das ganz offensichtlich keinen erfolgreichen Polizeieinsatz konstituieren kann, reichten für mehr als 25.000 Abrufe in drei Tagen und zahlreiche Zitate – teilweise mit, teilweise ohne Quellenangabe. Vom betroffenen St. Pauli Fan, der jedem Klischee entspricht, bis zum Mitfünfziger Marketingleiter und Eintracht-Frankfurt-Dauerkartenbesitzer reichen die Zuschriften derjenigen, die – aus völlig unterschiedlichen Gründen – die polizeiliche und mediale Beschreibung der Ereignisse für einen einzigen Witz halten, weil ihnen ihre jahrelange Erfahrung eben eine völlig andere Interpretation nahe legt.

Das alles ficht die Gilde der hauptberuflichen Sportjournalisten kaum an. Noch kann man sich bisweilen königlich amüsieren und auf den der Klowänden des Sportjournalismus bezahltermaßen „seine Meinung“ kund tun und dazu aufrufen, dass die „St. Pauli-Bosse“, die vermeintlich „zur Gewalt aufrufen“ „gestoppt werden müssen“. Jetzt rächt sich die in Fankreisen bereits oft parodierte und eindimensionale Darstellung des FC St. Pauli als „Kultverein“, wohl die inhaltsleerste Umschreibung, die in den vergangenen 20 Jahren erschaffen worden ist. Von der Realiät, die eigentlich zu beschreiben wäre, ist all das mittlerweile vollkommen entkoppelt: Stattdessen drischt man medial auf Pappkameraden ein, die man selbst erfunden hat. Waren die „Pauli-Piraten“ seit Ende der 1980er Jahre allesamt tanzende, kreative und stets gutgelaunte Alternativ-Freaks, ist nun vom Krawall-Club die Rede, bei dem paramilitärisch gedrillte Ultras die Marschrichtung vorgäben.

„Und für Bärbel Schäfer bin ich von mir aus ein Faschist. Und für den Hool von nebenan bin ich so gern ein Kommunist.“
(But Alive – „Pete“)

Leider wird dabei übersehen, dass die Gewaltdiskussion bei St. Pauli bereits vor 20 Jahren geführt wurde, als einige Haudegen für ihre Gewaltbereitschaft fanintern als linke  Hooligans kritisiert wurden. Der Grat zwischen Selbstverteidigung gegen Neonazis und Bock auf Boxen ist schmal – auf jeden Fall deutlich zu schmal für die Geländewagen der Boulevard-Journalisten, die nun von einem Extrem (Kult) ins andere (Krawall) kippen, weil Differenzierung nicht gefragt ist. Dementsprechend wird auch die politische Auseinandersetzung bewusst klein geredet: Hitler-Grüße sind auf einmal „Provokationen“ – und keine Straftaten mehr. Nazis haben aber die unangenehme Angewohnheit, dass sie von vorneherein gewaltbereit sind, weil dies ihrer politischen Ideologie entspricht. Die Erkenntnis mag einige Medienvertreter hart treffen, aber die gehen nicht weg, wenn man sie lieb drum bittet. Natürlich wäre es Aufgabe der Polizei, derlei Straftaten zu unterbinden. Schade nur, wenn sie es eben nicht tut. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich hat auch der FC St. Pauli gewaltbereite und gewalttätige Fans.  Weder waren diese jemals allesamt friedlich, noch sind sie heute überwiegend gewalttätig.

Spiegelverkehrt kommen diese Zerrbilder auch im Fall Dynamo Dresden zur Anwendung: War der „Kultverein des Ostens“ nach Stadion-Neubau, Aufstieg und Pokalsieg gegen Bayer Leverkusen eben noch „auf einem guten Weg“ und ein „positives Beispiel in der häufig tristen Fußballlandschaft Ostdeutschlands“, wurden nach den Ausschreitungen bei Borussia Dortmund wieder alle Register gezogen: „Unverbesserlich“, „Horden von 100-Kilo-Hühnen“, „Große Teile der Dynamo-Fans nicht zu kontrollieren“  hieß es nun, und die Forderung „Ausschließen! Auf unbestimmte Zeit!“ wurde vom DFB dann mit dem Pokalaus für Dynamo auch prompt umgesetzt – zumindest für eine Saison. Dass die Welt nicht schwarz und weiß wie Zeitungsspalten, sondern bisweilen ganz schön grau ist – ist offenbar zu viel Erkenntnis für die Kollegen, dafür haben sie keine Zeit, die nächste PK wartet schon.

„I’ve been laying, waiting for your next mistake – I put in work, and watch my status escalate“
(Gang Starr – „Work“)

Zum Glück allerdings werden wir alle – sofern „wir“ nach 1960 geboren sind – das Ende dieser Art von so genanntem Journalismus noch erleben: Diejenigen, die Fußballstadien immer nur aus der Perspektive der VIP-Tribünen gesehen haben und dennoch der Meinung sind, dass das Abtippen von Polizeiberichten schon Ausweis ihrer beruflichen Daseinsberechtigung ist, werden ihr blaues Wunder in Zeiten des Internets schon noch erleben: Sport-BILD-Kommentator Hesse wird sicherlich viel Zustimmung für seine Abrechnung mit St. Pauli ernten, fraglich nur von wem. Viele Fußballfans, die sich zwar nicht zum Anhang der Braun-Weißen zählen, dafür aber selbiges bis Drei können, ahnen, dass ihr Verein der nächste sein könnte, der als Oberrandale-Sau durchs mediale Dorf getrieben werden könnte, während die Polizei auch den stümperhaftesten Einsatz kritiklos abbuchen kann. Die Unzufriedenheit mit dem etablierten Sportjournalismus hat bereits zu Alternativen wie den „11 Freunden“ und dem „Ballesterer“ geführt – und diesen eine große Leserschaft beschert. Es darf gemutmaßt werden, wer Publikationen wie die „Sport-Bild“ langfristig lesen wird, aber knapp 15 Prozent Auflageverlust allein in den letzten zwei Jahren lassen ahnen, wohin die Reise gehen könnte.

Man mag es kaum glauben, aber wenn man nachts lange genug wach bleibt, kann man der Tagesschau vor 20 oder auch 30 Jahren tatsächlich entnehmen, dass damals selbst Nachrichtenjournalisten es wagten, der Darstellung der Polizei zu widersprechen. Zu sehen sind verschwommene Demo-Bilder von irgendwoher. Menschen rennen hin und her, Blaulicht, Wasserwerfer, Tränengas. Und der Sprecher aus dem Off sagt: „Nach Angaben der Polizei … wir haben allerdings im Gegensatz dazu beobachtet, dass …“.

„A friend of a friend he got beaten. He looked the wrong way at a policeman.“
(Kaiser Chiefs – „I predict a riot“)

Liebe Kollegen, es ist an der Zeit, dass Ihr dahin geht, wo es nach Pfefferspray riecht. Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder merkt, aus welchem Material Polizeiknüppel sind. Es ist an der Zeit, dass Ihr Euch nicht mehr wie geladene Gäste, sondern wie von der Öffentlichkeit bezahlte, kritische Beobachter des Zeitgeschehens benehmt. Kurzum: Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder Euren Job macht.

Ansonsten werdet Ihr erst etwas merken, wenn Eure Auflage Eurem kaum noch vorhandenen Aufwand entspricht. Dann, wenn selbst der letzte Dorfbewohner im Emsland das Märchen der universellen Bedrohung durch den Ultra von nebenan nicht mehr hören kann, wenn die letzte Pressemitteilung der Polizei beim letzten Stadionbesucher nur noch ungläubiges Achselzucken hervorruft, dann nämlich haben Huffington Post & Co. Euren Job übernommen.

Siehe auch: Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung, Überbieten und Strafen, Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen, Distanzlos gegen Fangewalt, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung

Laut Spiegel Online rätselt die Hamburger Polizei nach eigenen Angaben über den Auslöser der Massenschlägerei in der Alsterdorfer Sporthalle, die am Freitagabend für den Abbruch des traditionsreichen „Schweinske-Cup“-Hallenturniers in eben jener Hamburger Halle sorgte.

Redaktion publikative.org

Nun, den Kollegen kann geholfen werden: Wie nämlich selbst der Veranstalter mittlerweile erkannt hat, war der Auslöser die Anwesenheit von ca. 80-120 gewaltbereiten Hools des VfB Lübeck und wohl auch des Hamburger Sportvereins (HSV) in der Halle. Diese hatten sich dort zum Zweck der Provokation, des Fahnenklaus und der Ausübung ihres Verständnisses von Freizeit-Kampfsport eingefunden. Seit Jahren nämlich nutzt die Fanszene des FC St. Pauli den Schweinske-Cup, um sich in der Halle zu inszenieren und davon YouTube-Videos zu machen. Viele andere Fanszenen haben ebenfalls „ihr“ Turnier oder ein ähnlich gelagertes jährliches Event, wo man sich kollektiv mit neuen Songs in Ekstase singt und sich einfach abfeiert:

Woran mag es also gelegen haben, dass dieses Jahr kein Stimmungs-Sing-Sang dokumentiert wurde, sondern eine Gewalt-Eskalation? Doch nicht etwa an „Gästen“, die sich an der Party nicht beteiligen wollten? Denn exakt diese wollten die Lübecker und Hamburger „Jungs“ dieses Jahr den verhassten „Zecken“ eben nicht gönnen und zettelten erfolgreich Stunk an.  In der Halle befanden sich bis zu 1.000 St. Pauli-Fans, von denen laut Hamburger Polizei exakt 230 ebenfalls gewaltbereit gewesen seien. Wie man diese Zahl errechnet hat, obwohl man nach eigenen Angaben noch mit der Auswertung des Geschehens beschäftigt ist, entzieht sich unserer Kenntnis.

Klar ist jedoch Folgendes: Wenn man den polizeilichen Auftrag hat, gewalttätige Auseinandersetzungen zu unterbinden, und es dann zu eben jenen kommt, und man dann innerhalb einer geschlossenen Räumlichkeit massiv Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzt, und wenn man dann eine Massenpanik mit zu verantworten hat, und es dann Eltern gibt, die nicht wissen, wohin mit ihren Kindern, und man dann 21 verletzte Zuschauer beklagen muss, wovon acht ärztlich im Krankenhaus behandelt werden mussten, über 40 Personen, die sich wegen „Reizstoffwirkungen“ von Rettungskräften die Augen spülen lassen mussten, und 14 verletzte Beamte, und das Turnier schließlich nach nur einem Tag abgebrochen werden muss, dann hat man wohl schlechterdings seinen polizeilichen Auftrag mangelhaft oder gar nicht erfüllt. Punkt.

St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei
St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei

Hier beginnt das eigentliche Rätsel, denn wie immer in solchen Fällen fühlen sich die allermeisten Medien leider nicht bemüßigt, kritisch zu hinterfragen, inwieweit ein Polizeieinsatz, der mehr Verletzte (darunter laut Augenzeugen zahlreiche Kinder) nach sich zieht, als das ganze Geschehen vorher, nicht als völlig unverhältnismäßig bezeichnet werden muss. Stattdessen wird gebetsmühlenartig das Bild der gewaltbereiten Chaoten bedient, die an allem und jedem Schuld sind, was im konkreten Fall auch nicht völlig falsch, aber deswegen leider noch lange nicht richtig ist.

Die politische Dimension (natürlich waren unter den Hools der VfB-HSV-Connection auch Nazis, oder zumindest Leute, die gerne den deutschen Gruß zeigen und andere als „Zigeunerpack“ titulieren) wird genauso ausgeblendet wie das eklatante polizeiliche Versagen: Wozu gibt es „szenekundige Beamte“, wenn diese noch nicht mal merken, dass ein Mob geschlossen anfängt zu randalieren, damit andere zum Bannerklau starten können? Warum geleitetet man eben jenen Mob inklusive des mithilfe schweren Raubes erbeuteten Materials „sicher“ aus der Halle, verhaftet aber anschließend 72 gegnerische Fans? Warum hat sich augenscheinlich niemand darüber gewundert, dass VfB-Anhänger zwar 100 Karten für den Freitag aber laut „Lübecker Nachrichten“ keine einzige für den Samstag haben wollten? Warum hat man die Lübecker, die laut Polizei bereits beim Einlass das Sicherheitspersonal angriffen, überhaupt unkontrolliert durch die Halle spazieren lassen?

Nein, rätselhaft ist am Geschehen in der Alsterdorfer Sporthalle gar nichts: Eine sorgfältig formierte und in ihrem Sinne äußerst motivierte Hool-Gang hat sich vorgenommen, St. Pauli bei „deren“ Turnier mal zu zeigen, was eine Harke ist – mit beachtlichem Erfolg. Begünstigt allerdings durch eine unfähig agierende Polizei, die sich selbst auch einen Tag später noch genauso erschütternd uninformiert zeigt, wie am Abend selbst. Und begünstigt durch eine medial-vermittelte Öffentlichkeit, die weder das Geschehen, noch den Polizeieinsatz zu bewerten in der Lage ist – dass irgendwer der angesprochenen Beteiligten einfach mal seinen Job macht –  möglicherweise auch noch gut – das wäre wohl zu viel verlangt.

Der FC St. Pauli schreibt in einer Stellungnahme: Es hat sich vielmehr eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, die ihren Ausgang jedoch nicht im Verhalten der Fans des FC St. Pauli hatte. Wenn die Polizei ihrem Dienstauftrag nachgeht und Straftäter verfolgt, so hat dies für jeden nachvollziehbar und auf dem Boden der Rechtstaatlichkeit zu erfolgen. Eine Anwendung unmittelbaren Zwangs darf nie eine solche Zahl an unbeteiligten Opfern zur Folge haben!  

Siehe auch: “Tolle Kulisse”: TeBe-Fans flüchten von HallenturnierAngriff der “Karlsbande”: Offener Brief an die Alemannia, Alle Meldungen aus der Rubrik Fußball.