Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne

Mit der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg endete zwar die Shoa, aber nicht der Antisemitismus. Dieser hat sich abseits der extremen Rechten seit 1945 langsam in der Form gewandelt, blieb in seinem Kern aber immer das, was er seit seinem Entstehen schon immer war: Ein Aufstand gegen die Probleme der Moderne. Und ein Mordanschlag auf Juden. 

Von Andreas Strippel

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"Unternehmen Weserübung" – Der Überfall auf Skandinavien

Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)
Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)

Vor 75 Jahren hat die deutsche Wehrmacht Dänemark und Norwegen überfallen. Am 9. April 1940 begann das „Unternehmen Weserübung„. In den folgenden Jahren der Besatzung wählten Norweger und Dänen recht unterschiedliche Strategien. Mit der NS-Herrschaft in Skandinavien beschäftigen sich auch zahlreiche Bücher – drei werden hier vorgestellt.

Von Patrick Gensing

Norwegen und Dänemark waren nicht am 2. Weltkrieg beteiligt, sondern neutral. Dänemark musste wegen der gemeinsamen Grenze mit dem hochgerüsteten und aggressiven Deutschen Reich mit einer sofortigen Invasion rechnen, falls sich das kleine Königreich den Alliierten angeschlossen hätte.

Norwegen verfolgte ohnehin einen streng pazifistischen Kurs und hoffte, an der nördlichen Peripherie Europas vom Krieg unbehelligt zu bleiben. Allerdings wuchs im Laufe des Krieges die strategische Bedeutung Skandinaviens – vor allem der Westküste.

Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940
Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940

Während Dänemarks Regierung nach dem Einmarsch der Deutschen im Amt bleiben konnte und versuchte, die demokratischen staatlichen Strukturen gegen die Deutschen für eine Zeit nach der Befreiung zu retten, setzten die Deutschen in Norwegen eine Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Vidkun Quisling ein. Sein Name steht bis heute in mehreren Sprachen als Synonym für einen Kollaborateur oder Verräter.

In Norwegen kämpfte eine Untergrundarmee, Milorg – militärische Organisation, gegen die Besatzer und brachte den Deutschen in dem unwegsamen Regionen Norwegens einige empfindliche Niederlagen bei. Noch heute finden sich auf den Fjorden alte Fahrzeuge der Wehrmacht, die von Milorg in Sabotageaktionen zerstört wurden. Dadurch mussten die Nazis weit mehr Truppen in Norwegen stationieren, als sie geplant hatten. Diese Einheiten fehlten beim Kampf gegen die Alliierten. Gleichzeitig wurde Milorg nach dem Krieg auch kritisiert, weil ihre Aktionen zu wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen hätten.

Livestream des norwegischen Rundfunks zu den Gedenkfeiern am 9. April

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In Dänemark ließen die Deutschen die gewählte Regierung zunächst weitestgehend agieren – was ihnen den Vorteil brachte, dass weniger Personal für neue Strukturen nach Dänemark beordert werden musste. Ohnehin galten die Dänen und Norweger der Nazi-Rassenideologie zufolge als nordische „Rasse“, so dass auch bald Lebensborn-Programme in Skandinavien aufgezogen wurden. Ein Vernichtungskrieg war hier nicht vorgesehen.

Zu der Besatzungszeit in Norwegen und Dänemark liegen diverse Bücher vor, von denen ich drei hier vorstellen möchte, auch wenn zwei davon bislang leider nicht auf Deutsch vorliegen.

Europas nördlichster Minjan

Mehr als 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt die norwegische Stadt Tromsö. Von Ende November bis Mitte Januar bekommen die knapp 80.000 Einwohner die Sonne nicht zu Gesicht. Dafür können sich die Kinder das halbe Jahr über Schnee freuen.

Tromsö ist bekannt für seine Universität, Fisch und alles, was mit Polarexpeditionen zu tun hat. So erinnert eine Statue an den norwegischen Nationalhelden Roald Amundsen. Nur 30 Meter entfernt steht ein weit weniger bekanntes Monument, das 1995 eingeweiht wurde. Darauf sind die Namen von 17 Männern, Frauen und Kindern zu lesen – sowie die Inschrift »Zur Erinnerung an die Juden aus Tromsö, die in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. In tiefer Ehrerbietung errichtet von ihren Landsleuten. Wir dürfen nie vergessen!«

Die Inschrift ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. So war es weitestgehend unbekannt, dass im fernen Nordnorwegen überhaupt jüdische Gemeinden existiert hatten. Weiterhin ist der Hinweis darauf, dass es sich bei den ermordeten Juden um Landsleute handelte, mehr als eine wohlfeile Formulierung aus einer Sonntagsrede.

Einwanderer

Die Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde in Tromsö beginnt im russischen Zarenreich sowie in Ost-Europa, wo zum Ende des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus tobte. Viele Juden flohen gen Westen, emigrierten in die USA. Einige schlugen den Weg nach Norden ein, denn auf der Suche nach einem friedlichen und abgelegenen Ort lag nichts näher als das ferne Nordnorwegen.

Zentrum und Hafen von Tromsø (Urheber: Tohma)
Zentrum und Hafen von Tromsø (Foto: Tohma)

In seinem Buch Als die Stadt still wurde (Norwegisch: Da byen ble stille) erzählt Henrik Broberg die Geschichte dieser Juden, die es nach Nordnorwegen verschlug. Der Autor hat zahlreiche Details, Dokumente sowie eindrucksvolle Bilder aus privaten Alben zusammengetragen und kann so anschaulich darlegen, wie das Leben der Gemeinde zwischen 1910 und 1945 an der nördlichen Peripherie Europas aussah.

Die Juden in Tromsö wurden schnell zu einem festen Bestandteil der Stadt. Sie waren in den örtlichen Sportvereinen organisiert, bauten kleine Firmen auf, betrieben Handel und engagierten sich sozial. Der Autor erzählt, wie eingewanderte Juden nach einigen Jahren die norwegische Staatsbürgerschaft beantragten – und auch erhielten. Das Königreich im Norden war selbst erst seit dem 17. Mai 1905 unabhängig, und die junge Nation war von neuen humanistischen Ideen geprägt.

Damit war allerdings spätestens Schluss, als 1940 die Wehrmacht Norwegen überfiel. Deutschland setzte eine norwegische Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Quisling ein. Bis heute steht sein Name in mehreren Sprachen als Synonym für Verräter. Unter der Nazi-Herrschaft begann sofort die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Broberg legt eindrucksvoll dar, wie auch Norweger von der Deportation der Juden in die Vernichtungslager profitierten, indem sie konfiszierte Möbel und andere Wertgegenstände ohne Skrupel für einen Spottpreis erwarben.

Besatzer

Besonders die vielen Fotos hinterlassen beim Leser Eindruck und schaffen eine fast emotionale Bindung zu den Protagonisten, was bei einem Sachbuch eine ungewöhnliche Leistung darstellt. Diese Vertrautheit sorgt dafür, dass der Schrecken, den die deutschen Besatzer und ihre norwegischen Handlanger verbreiteten, für den Leser zumindest ansatzweise vorstellbar wird.

So zitiert Broberg aus einem Dokument, das an das Tagebuch der Anne Frank erinnert: Am 5. Juli 1940 wurde in Tromsö Ruth Salkosky geboren. Ihre Geschichte wird anhand eines Fotoalbums erzählt, in dem ihre Eltern etliche Ereignisse notierten. Beispielsweise schrieb ihre Mutter Rebekka am 27. März 1942: »Papa und viele andere Juden wurden heute in Richtung Süden geschickt. Ruth wird nun gebadet und soll dann in ihrem Bettchen schlafen. Sie ist der einzige Trost, den ihre Mutter in diesen Tagen noch hat.«

Vom Nordpolarkreis nach Auschwitz

Das Fotoalbum erlaubt einen tiefen Einblick in die Nöte und Sorgen der Familie Salkosky – und es zeigt, wie die Familie trotz aller Widrigkeiten versuchte, der kleinen Tochter eine möglichst normale Kindheit zu bieten. So schrieb Mutter Rebekka am 5. August 1941: »Anne Liese Caplan ist ein Jahr alt geworden – und wir waren dort auf dem Geburtstagsfest. Ruth bekam dort ihren ersten Kuss von Herrn Harry Caplan, zwei Jahre alt. Der Anblick der beiden war unbezahlbar.« Das Album überlebte den Krieg, obwohl die Polizei es beschlagnahmte, als Ruth und ihre Eltern verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden.

Henrik Broberg hat die Geschichte der kleinen Ruth und weiterer Juden aus Tromsö nun wieder zu Leben erweckt. Das macht ihr Leid nicht ungeschehen, doch sein Verdienst ist es, dass sie nicht einfach vergessen werden. Das Buch Da byen ble stille hätte es verdient, auch in Deutschland veröffentlicht zu werden, da es einen wenig bekannten Teil der jüdischen Geschichte erzählt.

Glorreiches Dänemark: Die Ausnahme

Während sich also auch in Norwegen Bürger nach Enteignungen von jüdischen Mitbürgern bereicherten, kann Dänemark auf eine geradezu vorbildliche Geschichte beim zivilen Widerstand gegen die Nazi-Schergen und deren Vernichtungspläne verweisen.

Der Journalist und Historiker Bo Lidegaard hat mit seinem Buch „Die Ausnahme – Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen“ ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, in dem er nicht nur detailliert die Tage vor der Flucht von 7000 jüdischen Dänen nach Schweden rekonstruiert, sondern auch ein genaues und nachvollziehbares Bild der dänischen Gesellschaft zeichnet.

Dabei wird deutlich, wie sehr sich die dänische Gesellschaft von großen Teilen der Gesellschaft in Deutschland unterschied – und wohl noch immer unterscheidet: Republikanische Werte wurden nicht einfach zum eigenen Vorteil über Bord geworfen – oder ohnehin bekämpft, vielmehr definierten die Dänen ihre eigene Identität weniger über das Dänisch-sein an sich – sondern als zutiefst republianisch. Der dänische Patriotismus wurde pro-demokratisch geprägt und war um Ausgleich bemüht – der deutsche Nationalismus kam hingegen zutiefst antidemokratisch und expansiv daher. Zu der dänischen Identität gehörte auch, Risiken für eine Radikalisierung möglichst präventiv zu bekämpfen, so beispielsweise durch eine gerechte Sozialpolitik – zudem wurden antidemokratische Kräfte nicht auch noch politisch umworben, sondern stigmatisiert.

Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))
Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))

Viele dänische Juden wollten den Gerüchten nicht glauben, als sich Ende September 1943 die Anzeichen verdichteten, wonach die Deutschen eine „Judenaktion“ vorbereiteten. Doch da die demokratischen Institutionen erhalten werden konnten, verbreiteten sich gesicherte Informationen von der Regierung aus schnell im ganzen Land bis in die jütländische Provinz – via Arbeiterpartei, Kirchen und jüdischen Gemeinden: Die Deportation der jüdischen Bürger Dänemarks stand unmittelbar bevor.

Blumen gießen statt Wohnungen übernehmen

Lidegaard zeigt in seinem Buch, wie selbstverständlich sich die Juden des Königreichs Nachbarn anvertrauten, als es um mögliche Fluchtwege oder Verstecke ging. Denunziantentum war offenkundig geradezu undenkbar. Die Nachbarn rissen sich auch nicht die Möbel und Häuser der geflohenen jüdischen Nachbarn unter den Nagel, sondern kümmerten sich um deren Hab und Gut – gossen sogar bisweilen ihre Blumen.

Der "Danmarks Plass" in Jerusalem.
Der „Danmarks Plass“ in Jerusalem.

Im jenem Oktober flohen 7742 Personen in Jachten und Fischerbooten über den Öresund nach Schweden, dänische Juden, nach Dänemark geflohene deutsche Juden, Staatenlose und ihre Angehörigen. 472 Juden wurden von der Gestapo und ihren Helfern gefunden und ins KZ Theresienstadt verschleppt, 423 von ihnen überlebten und kamen im April 1945 nach Schweden. Mindestens 401 Personen haben ihr Leben aufgrund der deutschen Judenverfolgung verloren.

Lidegaard erzählt nicht nur eine dramatische Geschichte, sondern das Buch spendet auch Mut und beinhaltet politische Ideen, die bis heute brandaktuell sind: Politik kann nämlich durchaus ein gesellschaftliches Klima schaffen, „in dem demokratische und humanistische Werte zu einer ganz selbstverständlichen Handlungsanweisung für die Zivilgesellschaft werden„. Man muss es aber auch wollen.

Eine Schule der Gewalt

Trotz des Loblieds auf die dänische Gesellschaft unter der NS-Besatzung: Es gab selbstverständlich auch Dänen, die sich den neuen Machthabern anschlossen, mit ihnen kollaborierten. Mit diesem weniger ruhmreichen Kapitel der dänischen Geschichte beschäftigen sich Dennis Larsen und Therkel Stræde. In ihrem Buch „En skole i vold“ (Eine Schule der Gewalt) dokumentieren die Historiker von der Universität Süddänemark in Odense den Anteil von Dänen an den unfassbar grausamen Verbrechen der Nazis gegen Zwangsarbeiter, Zivilbevölkerung und Juden.

Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)
Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)

Es handelte sich dabei um 800 bis 1000 Dänen, die sich 1942/43 zum Freikorps Dänemark gemeldet hatten. Sie verbrachten ihre Ausbildungszeit im „Waldlager“, einer Militärbasis der SS in Bobruisk, Weißrussland. Hier wurden die jungen Dänen gedrillt – und jüdische Zwangsarbeiter zu Tode geschunden.

Die dänische Einheit beteiligte sich an dem Massenmord sowie dem Kampf gegen angebliche oder tatsächliche Partisanen. Die Verfasser des Buchs „En skole i vold“ setzen dabei den dänischen Anteil an den Verbrechen in den Gesamtkontext des Vernichtungskriegs an der Ostfront und der NS-Herrenmenschenideologie.

Die dänische Tageszeitung Berlingske würdigte das Buch als „ungeheuer wichtig“. Es zeige die verdrängte Grausamkeit von Dänen, die mit den Nazis kollaboriert hatten.

Gleichzeitig sei streng genommen aber nicht eindeutig belegt, betont Af Palle Andersen von der „Historisk Samling fra Besættelsestide„, wie die dänischen SS-Männer konkret agiert hätten. Allerdings seien sie in die „Gewaltkultur“ der SS eingebettet gewesen, daher liege der Schluss nahe, dass sie auch an schweren Gewalttaten beteiligt waren.

Letztendlich erzähle das Buch aber mehr über das deutsche Besatzungsregime im Osten allgemein und in Bobruisk im Speziellen. Hier glänze das Werk durch eine überragende Darstellung und einen großen Reichtum an Details.

Videos zum Thema:

Dänischer Rundfunk aus der Serie „24 timer vi aldig glemme“ (24 Stunden, die wir niemals vergessen): Der 9. April, der Tag als die Deutschen kamen“

Norwegischer Rundfunk mit Originalmaterial aus dem Jahr 1940: Die Deutschen kommen:

Weitere Informationen:

IF

Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

Im Begleitprogramm rund um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ talkte am vergangenen Dienstag eine illustre Runde in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über deutsche Geschichte und ihre (filmische) Aufarbeitung. Dabei wurde Erstaunliches behauptet: So trage Deutschland keine Verantwortung für den 1. Weltkrieg, sondern „Frankreich und Russland“. Infolge der Niederlage sei Deutschland bei „der Kolonialisierung der Welt“ „zu kurz gekommen“ – und wegen dieser Demütigung sei es dann zum 2. Weltkrieg gekommen. Ergänzend wurde festgestellt, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht zu unterschieden seien – und die industrielle Massenvernichtung von Menschen nur deshalb erdacht werden musste, weil man so viele Juden einfach nicht mehr erschießen konnte. Für nennenswerten Widerspruch oder gar einen Eklat sorgte diese Aneinanderreihung von revisionistischen Äußerungen nicht – deutsche TV-„Vergangenheitsbewältigung“ anno 2013.

Von Floris Biskamp

Rückblickend möchte man mit Martin Hohmann beinahe Mitleid haben. Denn nun ist klar: Er wurde damals nicht geschasst, weil er das Falsche gesagt hatte, sondern nur, weil er seiner Zeit weit voraus war. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann seine berühmt-berüchtigte Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin hieß es unter anderem:

„Die Schuld von Vorfahren an diesem Menschheitsverbrechen hat fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen geführt. Trotz der allseitigen Beteuerungen, dass es Kollektivschuld nicht gäbe, trotz nuancierter Wortneuschöpfungen wie ‚Kollektivverantwortung‘ oder ‚Kollektivscham‘: Im Kern bleibt der Vorwurf: die Deutschen sind das ‚Tätervolk‘. […] Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? […] Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. […] Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk.“

Das ging 2003 einfach noch nicht. Damals waren die Deutschen in ihrer Leidkultur zwar schon sehr weit auf dem Weg zur Einebnung der Täter-Opfer-Grenze, aber doch noch mit vorhergehenden Schritt beschäftigt; nämlich damit, sich selbst und gegenseitig zu versichern, dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig und wichtig ist, die Deutschen auch als Opfer des 2. Weltkrieges zu verstehen. Jörg Friedrich breitete die Schwere des deutschen Leidens anhand des Bombenkrieges, Günter Grass anhand der Vertreibung aus. Die Wörter „Juden“ und „Tätervolk“ in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang? Das war der deutschen Öffentlichkeit damals noch nicht so ganz geheuer. Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels „Unsere Mütter, unsere Väter“ erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer…Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut.

Es geht, wie Christiane Paul, selbst Darstellerin des Films, ausführt, darum, dass „wir“ Deutschen verstehen, „dass wir eins sind [umschreibt mit beiden Händen einen großen Kreis], dass wir ein Teil unserer Geschichte sind, dass wir ein Teil unserer Großväter sind, der Taten unserer Großväter sind“ (Paul) – eine Sicht auf die Vergangenheit, für die sie die Juden schon lange beneide. Und dazu wollen alle ihren Beitrag leisten. Auch Rundfunkjournalist Dirk Stermann, der spekuliert, dass in Deutschland und Europa so viele Leute den Afghanistan-Krieg ablehnten, „weil wir genetisch die Information in uns gespeichert haben von Bombennächten.“ Ja, das Schicksal meint es schwer mit „uns Deutschen“, mit allen. Auch mit den „Überlebenden der DDR“ (Baring).

Beim Kolonialismus leider „zu kurz gekommen“

Und die Geschichte des deutschen Leidens ist lang. So weiß Christiane Paul, dass die Ursachen des Nationalsozialismus in noch älteren Traumata zu suchen sind, nämlich im Ersten Weltkrieg – Lanz wirft ein: „die Urkatastrophe“ – und „in der Kolonialisierung und in der Verteilung der Welt […], wo Deutschland auch zu kurz gekommen ist“. Diese Demütigung habe zu „Sehnsucht“ und dann zum Nationalsozialismus geführt. In anderen Worten: Weil die Deutschen im 19. Jahrhundert bei der kolonialen Aufteilung Afrikas nicht genug abbekommen haben, konnten sie eigentlich nicht anders, als im 20. Jahrhundert einen Vernichtungskrieg in Osteuropa und Westasien zu führen. Weil sie nicht genug Afrikaner umbringen durften, mussten sie sich nun an Juden und Russen schadlos halten. Ein schweres Schicksal und wir teilen es alle. Vielleicht auch genetisch.

Auch hier gibt es keinerlei Widerspruch aus der Runde. Dass an der Aufteilung Afrikas durch europäische Mächte vielleicht etwas falsch gewesen sein könnte, auf die Idee kommt an dem Abend niemand. Schon gar nicht darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus darin bestehen könnte, dass die Deutschen in Afrika schon Erfahrungen in Rassenpolitik und Massenmord sammelten. Nein, sie sind zu kurz gekommen und gedemütigt worden, die Deutschen. Unterbrochen werden Pauls Ausführungen nur von Baring, der die Gelegenheit nutzt, um „als Historiker“ zu betonen, dass „der Erste Weltkrieg nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen“ ist, sondern weil „Frankreich und Russland entschlossen“ gewesen seien „das Reich“ zu bekämpfen.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Trotz unermüdlichen Einsatzes „leider“ nur vorübergehend Kolonialherren: Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Baring erklärt Massenvernichtung: Es „kamen“ einfach zu viele Juden

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur. Man kann den Gesprächsverlauf wie Daniel Martienssen im Freitag hoffnungsvoll so deuten, dass es nur am „Kokon des Talkshowstudios“ und an der mangelnden historischen Bildung der Beteiligten lag, dass Baring unwidersprochen sagen konnte, was er sagte. Aber warum legten Lanz, Paul und Stermann dann so gerne noch eine Schippe drauf? Und warum gab es auch an den Folgetagen kaum nennenswerte Reaktionen? Es war ja, anders als es bei Martienssen heißt, eben kein „Eklat bei Lanz“, denn ein Eklat wäre es nur, wenn es auch skandalisiert würde. Doch abgesehen von Randbemerkungen in den treffenden Kritiken von “Unsere Mütter, unsere Väter”, die Tobias Kaufmann im Kölner Stadt-Anzeiger und Georg Diez bei Spiegel Online formulierten, einer Kurznotiz in der Jungen Welt und einem Blogeintrag von Alice Schwarzer findet sich nichts. Kein Hinweis darauf, dass der Gesprächsverlauf jemanden gestört hätte.

Und so kann man befürchten – und die weithin euphorische Rezeption von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet in diese Richtung – dass das, was vor zehn Jahren noch skandalös war, heute zum Common Sense wird: Nicht nur sind alle – auch die Deutschen – Opfer, es sind ebenfalls alle – auch die Juden – Täter. Vereint in einem schweren Schicksal von „Gewalt, die immer wieder neu Gewalt erzeugt“ (Lanz), für die am Ende kein Mensch wirklich etwas kann.

Und andere – ebenfalls widerspruchslos hingenommene – Aussagen Barings deuten an, dass das Ende der erinnerungspolitischen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Er ist sich sicher, dass es noch weiter gehen muss. So kritisiert er den ZDF-Film dafür, dass die „Grausamkeit der Russen“ nicht genug Raum erhalte, die zu thematisieren nun an der Zeit sei. Vielleicht nimmt das ZDF die Anregung ja auf. Dann könnte Baring in einer neuen Runde bei Lanz seinen Gedanken zu Ende führen, dass „[e]in Teil der Brutalität der Deutschen […] natürlich auch dadurch zu erklären [ist], dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“ Dann aber am besten aber mit Martin Hohmann und Ernst Nolte als Mitdiskutanten, denn die sind ja zuerst auf diese Ideen gekommen.

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Siehe auch: Verdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

„Unsere Mütter, unsere Väter“: Das ZDF und die deutschen Opfer

Für ihren Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) ernten Nico Hofmann und das ZDF von (fast) allen Seiten nichts als Lob. Und in der Tat: Die Produktion, die sich (zuweilen sehr eng) an US-Vorbildern wie „Private James Ryan“ und „Band of Brothers“ orientiert, beeindruckt mit schnellen und aufwendigen Schnitten, Zeitlupen, Super Close-Ups und kaum geschönter Brutalität. So spannend und gut inszeniert war der Zweite Weltkrieg in einer deutschen Fernsehproduktion vielleicht noch nicht zu sehen. Schade, dass der Film inhaltlich vor allem der Beweihräucherung deutscher Befindlichkeiten dient.

Von Andrej Reisin

Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

Vieles ist an diesem Film inzwischen gelobt worden, auch aus dem berufenem Munde führender deutscher Militär- und Zeithistoriker. Vieles, was in den Erzählungen „unserer Väter, unserer Mütter“ (wobei hier eine gewisse Merkwürdigkeit liegt, denn man muss schon deutlich jenseits der 50 sein, wenn die Generation der um 1920 geborenen ernsthaft noch Vater und Mutter sein sollen) jahrzehntelang tabuisiert war: Die Darstellung des Massenmordes anhand blutdurchtränkten russischen Bodens, das Abschlachten einer Bauernfamilie durch Wehrmachtssoldaten, der Befehl wahllos Wohnhäuser anzuzünden, Hinrichtungen von Zivilbevölkerung, die man nach Partisanenangriffen als Geiseln nahm sowie die Hinrichtung einer Deutschen wegen lächerlicher Äußerungen über den immer unwahrscheinlicher werdenden Endsieg kurz  vor Kriegsende.

Bei so viel Lob, dem mittlerweile zumindest einige kritische Zwischentöne an die Seite gestellt wurden, möchte ich mich darauf beschränken, die offensichtlichsten Schwächen des Dreiteilers zu benennen.

It don’t mean a thing if it ain’t got that Swing

Der Film verharmlost von Beginn an die Entrechtung der deutschen Juden. 1941 sollen deutsche Frontsoldaten noch mit jüdischen Freunden gemeinsam in öffentlichen Lokalen gefeiert und zu Swingmusik auf den baldigen Endsieg gegen die Sowjetunion angestoßen haben? Natürlich könnte es das in Berlin unter (eher konspirativen) Umständen gegeben haben, aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch wären diese jungen Leute durch diverse Diskriminierugsmaßnahmen einander völlig fremd. Bereits 1937 wurden an deutschen Schulen Sonderklassen gebildet und ab November 1938 wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten. Im gleichen Monat folgte bereits das Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, Ende des Jahres das Verbot des Besuchs von Hochschulen, später das Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen, wozu je nach regionaler Verordnung auch Gaststätten gehörten.

Ab 1939 und spätestens mit Kriegsbeginn verschärft sich die Lage dramatisch: Bereits ab Ende April müssen Juden „arische“ Wohnhäuser räumen und „Judenhäuser“ beziehen. Mit Kriegsbeginn am 1. September gilt für Juden eine Ausgangssperre ab 20 Uhr, im Sommer ab 21 Uhr, ab Oktober gibt es die ersten Deportationen. Trotzdem sitzen unsere fünf Freunde zu Beginn des Films knapp zwei Jahre später zusammen und feiern und trinken mit ihrem jüdischen Kumpel, als wäre nichts gewesen, obwohl dieser sich in nichts anderes als akute Lebensgefahr begibt, von den ebenfalls nicht ganz unempfindlichen Strafen für die anwesenden „Arier“ einmal abgesehen.

Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland, Berlin 1. April 1933
Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland am 1. April 1933 in Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Je unwahrscheinlicher desto besser

Dieser „Trick“ – nämlich jeweils das Unwahrscheinlichste, die absolute historische Ausnahme, zur vermeintlichen Normalität zu machen – zieht sich wie ein Roter Faden durch den gesamten Dreiteiler: Ja, einzelne Wehrmachts-Angehörige beschwerten sich über die Brutalität der Einsatzgruppen und die Auswüchse der Massenerschießungen. Die Mehrheit aber sah weg, hielt den Mund oder machte mit. In UMUV aber widerspricht der junge Leutnant Wilhelm nicht nur einem wesentlich ranghöheren Obersturmbannführer der Waffen-SS, während sein Bruder Friedhelm dessen ukrainischen Helfer mit der Waffe in Schach hält, nein, am Ende des Films erschießt Friedhelm den SS-Mann glatt, um seinem alten jüdischen Kumpel das Leben zu retten. Auch ein solcher Fall ist angesichts der schieren Masse von 18,2 Millionen Angehörigen der Wehrmacht nicht auszuschließen, aber ebenfalls sehr, sehr unwahrscheinlich.

Wilhelm selbst desertiert derweil, um dann den Offizier* Feldwebel seines Strafbataillons umzubringen, nachdem er bereits das Anzünden einer russischen Bauernhütte verweigert hat, eine direkte Befehlsverweigerung, die ihn nicht das Leben kostet – obwohl er bereits in einer sogenannten Bewährungseinheit ist. Am Ende – der Gipfel der unwahrscheinlichen Geschmacklosigkeit – sitzen der überlebende Deserteur, der überlebende Jude und die überlebende vergewaltigte Krankenschwester in derselben übrig gebliebenen Kneipe in Berlin, trinken Schnaps und prosten sich, mit „Schön, dass Du noch am Leben bist!“ zu.

Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

„Unsere Mütter, unsere Väter“ – und die bösen Nazis

Die Nazis sind immer die anderen: Der blonde Fanatiker in Wilhelms Einheit, der Offizier des Sicherheitsdienstes, der Greta vermeintlich dabei hilft, Viktor zu retten, in Wirklichkeit aber erst ihn und dann sie verrät, die fanatische und verlogene Oberschwester, der SS-Obersturmbannführer auf der Jagd nach kleinen Kindern und die arische Berliner Proletarierin, die sich die jüdische Wohnung unter den Nagel reißt.

Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)
Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)

Der Staat plünderte die besetzten Gebiete und den jüdischen Besitz – Göring raubte seine Kunstschätze und die Masse der Bevölkerung kam zu neuem Wohlstand, wie Götz Aly in seinem Buch über den Volksstaat gezeigt hat. Nach dem „Anschluss“ Österreichs, den schnellen Siegen über Polen und Frankreich war die NS-Begeisterung der Deutschen auf dem absoluten Höhepunkt. Nichts davon ahnt man im Film: UMUV zeigt offenbar vor allem Außenseiter, die aber dennoch – so suggeriert es der Titel und so feiern es die Feuilletons – stellvertretend für die deutsche Mehrheitsbevölkerung stehen sollen.

Dabei glaubte diese Generation wie keine andere vor oder nach ihr an die historische Notwendigkeit und Richtigkeit des Nationalsozialismus und einer deutschen Vorherrschaft in Europa und der Welt. Kaum jemand von ihnen hielt Juden für „normale Menschen“, geschweige denn Deutsche. Die Generation der 1941 gerade erwachsen Gewordenen war die erste, die sämtliche NS-Einrichtungen ab der Hitler-Jugend durchlaufen hatte (oder doch zumindest die meisten von ihnen). Gerade diese Jugend war hoch politisch und in ihrer weit überwältigenden Mehrheit dem Führer und dem NS-Staat treu ergeben – bis hin zu romantisierender Anhimmelung.

Diese Jugend träumte in ihrer Masse von der Weltherrschaft – und sie liebte ihren Führer, der Deutschland aus der „Schande“ der Weltkriegsniederlage, des Versailler Vertrags und der wirtschaftlichen Not geführt hatte. Man klammerte sich nicht nur aus Angst vor der Rache der Allierten an den Endsieg – sondern weil man ihn für richtig hielt – genauso wie man die Vertreibung der Juden für richtig hielt. Ob man sie denn gleich hätte umbringen müssen, darüber wurde sicher schon zu Kriegszeiten hinter manch verschlossener Tür diskutiert, aber verschwinden sollten sie – ohne Wenn und Aber.

Der Film benennt die Haltung dieser glühend völkischen und antidemokratischen Jugend nicht, weil es dann wohl doch zu schwierig geworden wäre, Empathie mit „unseren Vätern, unseren Müttern“ zu empfinden. Zu weit weg, zu unverständlich – und vielleicht auch zu gefährlich – erschien offenbar der Versuch, begeisterte Nazis zu sympathischen Protagonisten zu machen. Nico Hofmann und das ZDF machen aus ihnen dagegen lieber Abziehbilder heutiger Jugendlicher: Ein bisschen Rebellion da, ein bisschen Swing hier, garniert mit fröhlichem „Party-Patritotismus“ – und ein wenig literarischer Hochkultur, plus französische Chansons. Erst der Krieg „bringt nur das Schlechteste“ in ihnen hervor – so der Leitsatz des Films, gesprochen von Friedhelm.

Polnische Antisemiten, brandschatzende Russen, verlogene Amerikaner

Stattdessen aber wird der Film gerade im letzten Teil in nicht minder verstörendem Maße relativierend, indem er die Schuldfrage implizit mit dem Bösen in der Welt schlechthin beantwortet: Die Russen haben bis auf einen unglaubwürdigen weiblichen Offizier, die ihre Soldaten am Vergewaltigen hindert, gleich gar kein Gesicht: Sie trinken, rauben und vergewaltigen einfach und führen sich insgesamt auf wie Barbaren. Eine Vergewaltigung durch deutsche Soldaten hat man dagegen bis dahin nicht zu sehen bekommen. Und der – natürlich klischeehaft Zigarre rauchende – amerikanische Offizier macht als erstes den ehemaligen SD-Mann und Denunzianten zu seinem bürokratischen Gehilfen – schöne Befreier.

Besonders perfide aber ist der Versuch, die polnischen Partisanen zu den wahren Antisemiten zu stempeln. Sie tauchen im letzten Teil als diejenigen auf, die „Juden riechen können“ und jüdische KZ-Häftlinge in Eisenbahnwagen verdursten und verhungern lassen wollen. In mehr als 270 Minuten sind sie allen Ernstes die einzigen inbrünstigen Judenhasser, die der Film zeigt – während ein SS-Oberstumbannführer seinem Mordhandwerk offenbar eher rational nachgeht: „Wo der Jude ist, ist der Partisan“ – was soll man da machen?

Ein differenziertes und authentisches Bild?

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Dass die polnische Heimatarmee „Armia Krajowa“ antisemitische Tendenzen hatte, ist unbestreitbar. Auch an der Erschießung von jüdischen Flüchtlingen waren einzelne ihrer Mitglieder beteiligt – ob aus genuin antisemitischen Motiven oder aus Habgier ist nicht immer ganz klar. Dass sie allerdings ihrerseits Juden auch nur im Ansatz genauso aktiv verfolgt hätte wie die Deutschen (und diese Gleichsetzung nimmt der Film indirekt vor), ist schlechterdings eine grobe Verfälschung der historisch belegbaren Tatsachen. Nur zur Erinnerung: Es war der polnische Offizier Jan Karski, der als Kurier der „Armia Krajowa“ als erster die allierten Regierungen und die Weltöffentlichkeit über den Holocaust informierte. In einer Uniform der ukrainischen Miliz ließ er sich in ein Vernichtungslager einschleusen und wurde so zu einem der ersten Augenzeugen der Nazi-Verbrechen.

Die widersprüchlichen Tendenzen innerhalb der Parisanengruppen zeigte Daniel Craigs „Defiance“ filmisch übrigens viel differenzierter als UMUV – fiel damals bei der deutschen Kritik aber weitgehend als „Hollywood-Kitsch“ mit „historischen Fehlern“ durch – übrigens zum Teil bei den gleichen Kritikern, die heute UMUV feiern – ohne dessen Schwächen auch nur zu bemerken.

Die polnische Volksgarde „Gwardia Ludowa“ rettete sogar jüdische Kämpfer aus dem Warschauer Ghetto, als die SS deren Aufstand gegen die Räumung niederschlug. In der Gwardia Ludowa, die ab 1943 am bewaffneten Kampf gegen die Deutschen Besatzungstruppen teilnahm, kämpften bis Kriegsende viele Juden. Und in den polnischen Wäldern agierte die später in „Armia Lodowa“ umbenannte Partisanenearmee gemeinsam mit der „Armia Krajowa“ und leistete drei deutschen Divisionen erfolgreich Widerstand. Von einem eliminatorischen Antisemitismus, den der Film aus Sicht des historisch unbedarften Publikums dem polnischen Widerstand pauschal unterschiebt, war dieser jedenfalls weit entfernt.

Die Abwesenheit des industriellen Massenmordes

Ähnlich weit entfernt sind unsere fünf Freunde übrigens vom Zentrum des Völkermordes in den Todesfabriken im Osten. Zwar kommt ihnen der Jude Viktor logischerweise noch am nächsten, aber ihm gelingt die Flucht aus einem der Viehwaggons (noch so eine Unwahrscheinlichkeit). Keiner der Protagonisten jedoch nimmt ein Lager wahr oder kommt auch nur dran vorbei, noch nicht einmal irgendeine Art der Verbalisierung gibt es, abgesehen von der polnischen Widerstandskämpferin, die Viktor fragt, ob es nicht komisch sei, dass die Züge immer voll abfahren, aber leer zurückkommen. Ansonsten ist Auschwitz die große Leerstelle des Films. Das müsste nicht zwangsläufig ein Problem sein, korrespondiert aber auf unangenehme Art und Weise mit der generationsübergreifenden deutschen Lebenslüge, „davon nichts gewusst“ zu haben, was nicht erst aufgrund neuer Zahlen über die schiere Anzahl der NS-Lager längst ad absurdum geführt worden ist.

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Deutschland einig Opferland

Am Ende sind irgendwie alle unterschiedslos Opfer: Die beiden Frontsoldaten desertieren oder töten Vorgesetzte, der eine läuft nach zwischenzeitlich schwerer Verwundung kurz vor Kriegsende in einen russischen Kugelhagel, der andere überlebt wie durch ein Wunder. Krankenschwester Charlotte verrät eine Jüdin und schläft zwischendurch mit einem Stabsarzt, weil sie glaubt, ihre große Liebe Wilhelm sei tot. Der Vergewaltigung durch die Russen knapp entronnen, kehrt sie desillusioniert ins zerstörte Berlin zurück. Sängerin Greta wird hingerichtet – und der jüdische Viktor verliert seine Eltern und den Glauben an die Menschheit. „So wären die Deutschen gern gewesen – ‚Weiße Rose II'“, schreibt der Zeithistoriker Ulrich Herbert zu Recht in der TAZ. Und weiter heißt es dort:

„Aber solange man nicht einmal einen weder sadistischen noch naiven oder verrückten Menschen vorführt, der völkisch denkt, den Krieg für richtig hält, im Krieg gegen die Sowjetunion keine Kompromisse akzeptiert, der die Juden weghaben will und auch die Euthanasie als im Grunde richtig erachtet, der also die „völkischen Lebensgesetze“ als die harte, aber unausweichliche, im Kern schöne Grundlage des Lebens ansieht – so lange werden wir nicht verstehen, was da geschehen ist.“

Das ist das größte Versagen des „Fernsehereignisses des Jahres“: Dass seine vermeintliche „Revolution“ in Schnittechnik, guten Schauspielern, einer Aneinanderreihung beeindruckender Bilder und spannender Erzählung liegt. Inhaltlich hingegen fällt der Film weit hinter die Erkenntnisse der jüngsten zeithistorischen Forschung zurück – und verschenkt damit genau jene „letzte Chance“ zur interfamiliären Auseinandersetzung über Generationen hinweg – von der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher raunt. Dass man es als Deutscher auch nicht leicht hatte – und „wir alle“ zusammen mit „unseren (Groß-)Vätern und (Groß-)Müttern“ irgendwie Opfer der Nazis geworden sind – das „wusste“ man hierzulande schließlich schon zur „Stunde Null“ – spätestens.

Siehe auch: Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Verdrehtes Gedenken, Die nationalsozialistische Machteroberung, Ernst Nolte: Ein deutscher Konservativer, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012, Die Novemberpogrome 1938, Akte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen, “Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”,

*Danke an die zahlreichen Hinweisgeber. 

Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens

Das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) führt derzeit eine genaue Dokumentation aller NS-Lager und Ghettos durch. Die neuesten Ergebnisse zeigen, dass das Ausmaß des Lagersystems der Nationalsozialisten viel größer war, als bisher angenommen. Statt der vermuteten 7.000, gab es ungefähr 42.500 Zwangsarbeits- und Gefangenenlager, Konzentrationslager und Ghettos in Europa.

Von Andreas Strippel

Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Geoffrey Megargee und Martin Dean hat Daten und Quellen aus ganz Europa ausgewertet, um alle Orte zu erfassen, an denen die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft Lager errichteten. Die Ergebnisse zeigen, wie die Deutschen ihr Lagersystem in allen von ihnen beherrschten Ländern aufbauten. Die meisten Lager lagen im Gebiet des Deutschen Reiches und in Polen. Die New York Times berichtete gestern, dass die noch nicht abgeschlossene Studie bislang etwa 42.400 Ghettos und Lager (Zwangsarbeiter- und Gefangenlager sowie KZs) dokumentiert hat.

Die Forschungsergebnisse wurden Ende Januar im Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C., vorgestellt. „Die Zahlen sind viel höher, als wir ursprünglich dachten“, sagte Hartmut Berghoff, Direktor des Deutschen Historischen Instituts, der New York Times. „Wir wussten schon vorher, wie grausam das Leben in den Lagern und Ghettos war, aber diese Zahlen sind unglaublich.“

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Gigantisches Lagersystem in Europa

Die 42.500 Ghettos und Lager entstanden im Zeitraum von 1933 bis 1945, aber die wenigstens existierten über den gesamten Zeitraum. Auch waren sie in ihrer Größe sehr unterschiedlich. Sie umfassten Kleinstlager, wie die frühen, so genannten „wilden KZs“, über so genannte „Judenhäuser“ in kleineren und größeren Städten, bis hin zu den großen Ghettos wie Warschau oder Lodz sowie alle Konzentrations- und Vernichtungslager. Ebenso wurden Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager mitgezählt.

So unterschiedlich diese Orte auch gewesen sind, so dienten sie doch alle einem Zweck: Als Terrorinstrument sollten sie so genannte „Gemeinschaftfremde“, also Juden, Sinti- und Roma, politische Gegner des Nazi-Regimes, aber auch so genannte „Asoziale“, „Berufsverbrecher“, Homosexuelle und „Bibelforscher“ (Zeugen Jehovas u.a.) von der restlichen Bevölkerung separieren. Damit wurde eine Voraussetzung für den Massenmord geschaffen.

Denn die Lager erfuhren vor allem im Verlauf des Zweiten Weltkriegs einen Funktionswandel: Ab 1938, spätestens aber mit Kriegsbeginn expandierte das Lagersystem rapide und wurde immer mehr direktes Mittel zum Völkermord. Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass es circa 30.000 Zwangsarbeiterlager, 1.150 jüdische Ghettos und 980 Konzentrationslager gab. Hinzu kommen tausende andere Lager – beispielsweise für die so genannten „Euthanasie“-Morde oder Durchgangslager, in denen die Häftlinge beim Transport von einem Lager ins andere untergebracht wurden.

Viele der Lager sind – wenn überhaupt – nur noch regional bekannt. Aber gerade die Dichte in Deutschland zeigt sehr deutlich, wie viel die deutsche Bevölkerung über die Existenz der Lager gewusst haben muss. „Man konnte buchstäblich nirgends hingehen, ohne über Zwangsarbeitslager, Kriegsgefangenenlager, oder Konzentrationslager zu stolpern“, sagte Studienleiter Martin Dean der New York Times. „Sie waren überall.“

Siehe auch: Berlinale: Ehrung für Claude Lanzmann, Gedenken an Holocaust-Opfer am Millerntor, „Widerstand leisten heißt Neues schaffen“ – zum Tod von Stéphan Hessel, Die nationalsozialistische Machteroberung, Der vergessene Genozid, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Opferverband UOKG: Aufrechnen statt Aufarbeiten, Die Novemberpogrome 1938, “Wir hatten verbrannte und eitrige Finger…”, Die Erinnerung bleibt

Abschied eines Überlebenden

Im Jahr 1970 qualifizierte sich Israel zum einzigen Mal für eine Weltmeisterschaft, verantwortlich dafür war Emanuel »Eddy« Schaffer. Der Schoah-Überlebende setzte als Trainer mit dem Nationalteam ein deutliches Lebenszeichen und leistete zudem Pionierarbeit im deutsch-israelischen Verhältnis. Am 30. Dezember ist Schaffer nach langer Krankheit verstorben.

Von Ralf Piorr

Zuerst erschienen in der aktuellen Ausgabe des österreichischen Fußballmagazins ballesterer

Drückend liegt die Sonne auf Ramat Hasharon nördlich von Tel Aviv. Schabbat, der letzte Tag der Woche, die meisten Geschäfte sind geschlossen, die Straßen leer. Vor dem Haus der Straße Nach­shon 46 trotzt ein knorriger Olivenbaum der brütenden Hitze. Hinter heruntergelassenen Jalousien wartet Emanuel »Eddy« Schaffer, Vertriebener und Überlebender des 20. Jahrhunderts, auf seinen Gast. Aufgewachsen ist er im Ruhrgebiet zwischen Bergarbeitersiedlungen und Fördertürmen, ein Selfmademan, israelischer Patriot, nachdem seine Familie in der Schoah ermordet wurde, Fußballtrainer. 1970 hat Schaffer die israelische Nationalmannschaft zu ihrer einzigen WM-Teilnahme geführt. Die Amateure aus Tel Aviv und Haifa gegen die Weltelite mit Pele, Beckenbauer, Bobby Moore und Co.

Emanuel "Eddy" Schaffer, Foto: Ralf Piorr
Emanuel „Eddy“ Schaffer, Foto: Ralf Piorr

Lebenszeichen
Dabei begann Schaffers Engagement beim israelischen Nationalteam mit einem Missverständnis. Als er seinen WM-Kader beisammenhatte, erklärte er, dass man fortan dreimal trainieren werde. »An welchen Tagen denn?«, fragten die Spieler. »Ich war verblüfft«, sagt Schaffer an diesem sonnigen Juli-Samstag 2011, und ein Lächeln umspielt seinen Mund. »Ich habe natürlich dreimal täglich gemeint.« Als Trainer schwor er auf »deutsche« Fußballtugenden wie taktische Disziplin und körperliche Fitness. Mit seinen professionellen Trainingsmethoden revolutionierte er den israelischen Fußball. So begannen der Trainer, der »der Deutsche« genannt wurde, und seine Mannschaft ihre Mission. »Was haben Sie sich von der WM erhofft?«, frage ich. Schaffer zögert mit seiner Antwort, das Sprechen fällt ihm schwer. Er leidet unter den Folgen eines 1998 erlittenen Schlaganfalls, hinzu kommt ein inoperabler Gehirntumor, der das Sprachzentrum zunehmend beeinträchtigt. »Was haben Sie erhofft?«, frage ich erneut. Als er die richtigen Worte gefunden hat, presst er sie fast heraus: »Dass wir zeigen können, dass wir auch eine Fußballmannschaft sind. Dass wir zeigen können, dass wir leben.«

Die deutschen Jahre
Schaffer verbrachte seine ersten Lebensjahre in Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet, wo seine Familie wenige Wochen nach seiner Geburt am 11. Februar 1923 im polnischen Drohobycz hingezogen war. Der Vater, Moses Schaffer, verdingte sich als Handlungsreisender. Eddy lernte in der jüdischen Grundschule Lesen und Schreiben, auf dem Weg dorthin kickte er mit allem, was ihm im Weg lag. »Zu Hause hat es dann oft Ärger wegen der kaputten Schuhe gegeben.« Seine Leidenschaft für den Fußball war erwacht. Als Adolf Hitler und die NSDAP 1933 in Deutschland an die Macht kamen, erkannte der Vater die Gefahr. Die Familie verließ das Ruhrgebiet und kehrte nach Stationen im französischen Metz und dem Saarland 1936 ins ostpolnische Galizien zurück.

Eddy besuchte in Drohobycz das Gymnasium und spielte erstmals in einem richtigen Verein: Betar Drohobycz, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. Die Familie lebte im Milieu jener Dörfer und Kleinstädte, in denen das jiddische Leben zwischen Rabbiner und Nebbich pulsierte. Einem Milieu, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausgelöscht werden sollte. Als die deutsche Wehrmacht im September 1939 Polen überfiel, waren die Schaffers im von der Roten Armee besetzten Teil des Landes noch geschützt. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gerieten auch sie in den Fokus von Verfolgung und Vernichtung. Nur Eddy entkam dem deutschen Zugriff: »Ich war in der Schule, als die Nachricht gekommen ist. Die Russen sind alle weggelaufen, also bin ich einfach mitgerannt.« Er erkrankte an Diphtherie und Typhus, kam nach Alma Ata in Kasachstan, wurde in einem Arbeitslager interniert, werkte in einer Schuhfabrik und spielte Fußball bei Dynamo Alma Ata. Dann erfuhr er, dass seine Eltern und seine drei Schwestern bei einem Massaker in Stanislawow von den Deutschen ermordet worden waren. Im hohen Alter kehrte Schaffer Mitte der 1990er Jahre in das ländliche Galizien zurück, wo es zwar neue Straßen und Dorfzentren gab, aber keinen Ort zum Gedenken. Mit seiner Unterstützung, so erzählt er, wurde 2003 der jüdische Friedhof von Stanislawow restauriert und eine Gedenktafel für die ermordeten Familienmitglieder angebracht.

Der Rest ist Schweigen. Nicht ein Schweigen aufgrund der Mühen beim Sprechen, sondern das viel ältere Schweigen angesichts der zahllosen Toten. Auch seinen Söhnen hat Schaffer kaum etwas vom Schicksal seiner Familie erzählt. »Über Polen und die Schoah habe ich alles nur aus zweiter Hand erfahren«, sagt Moshe Schaffer, der sonst die Geschichten des Vaters präzise fortführen kann, wenn diesem einmal die Worte abhanden kommen.

»Niemand kam gesund zurück«
Nach Kriegsende kehrte Emanuel Schaffer aus Kasachstan nach Polen zurück, ein unerwünschter Überlebender, der im Antisemitismus der Nachkriegszeit kein Zuhause mehr hatte, mit vielen Sprachen aufgewachsen und doch ohne Muttersprache. »Am besten konnte ich noch Deutsch«, sagt er mehr als 60 Jahre später. Schaffer wollte nach Palästina auswandern, aber fehlende Papiere und ein von der britischen Mandatsmacht verhängter Einwanderungsstopp hielten ihn in Polen fest. Dort begann seine Karriere als Fußballer. Er spielte bei ZKS Bielawa, einem jüdischen Sportverein, und in der niederschlesischen Fußballauswahl – bis 1949 die polnische Regierung das jüdische Vereinswesen verbot. Als Schaffer in die polnische Armee eingezogen werden sollte, setzte er sich schließlich ab. Über die Tschechoslowakei, Österreich und Italien landete er 1950 völlig mittellos im jungen Staat Israel.

Trotz der erfolgreichen Flucht ließ ihn das alte Leben nie los. Viele Jahre später fragte ihn ein Sportjournalist, warum er beim Training immer so fluchen würde. »Ich weiß, ich bin verrückt«, soll Schaffer geantwortet haben. »Aber du musst wissen, dass, wer auch immer da war und überlebt hat, verrückt zurückgekommen ist. Auch die, die glauben, sie sind normal, sind verrückt. Niemand ist gesund zurückgekehrt.«

Im Trikot von Hapoel Haifa trat Schaffer wieder gegen den Ball, arbeitete tagsüber als Mechaniker im Hafen und debütierte als 33-Jähriger in der Reserve der Nationalmannschaft. Der Fußball sollte seine Zukunft sein: »Ich habe davon geträumt, Trainer zu werden.« Und von wem konnte man besser lernen als vom amtierenden Weltmeister? 1958 kehrte Schaffer nach Deutschland zurück, um an der Sporthochschule Köln das Trainerdiplom zu machen. Leiter des Lehrgangs war Hennes Weisweiler, der bis 1970 als Hochschuldozent das internationale Renommee der DFB-Trainerausbildung begründete und sich danach als einer der besten Vereinstrainer der Welt etablierte. Um Erfahrungen zu sammeln und den Kurs zu finanzieren, trainierte Schaffer gleichzeitig den Verbandsligisten Rhenania Würselen.

Diplomaten in kurzen Hosen
Berührungsängste mit Deutschland, dem Land der Täter, hatte Schaffer nicht. In den 1970er Jahren liefen viele deutsch-israelische Fußballkontakte über ihn, auch in der Wirtschaft. Schaffer baute eine israelische Vertretung des Sportartikelherstellers Adidas auf. Später gelang ihm sogar das Kunststück, auch die Vertretung für die Konkurrenzmarke Puma zu ergattern.

Nach Israel zurückgekehrt, trainierte er die Mannschaft der Luftwaffe und anschließend das Nachwuchsnationalteam. 1967 wurde Schaffer zum Teamchef ernannt. Parallel dazu baute er eine Trainerschule nach deutschem Vorbild auf. Mit seinem Mentor Weisweiler, der mittlerweile bei Borussia Mönchengladbach mit jungen Spielern das »Fohlenwunder« eingeläutet hatte, hielt er Kontakt. So entstand eine Reihe von Gastspielen der Gladbacher in Israel. Das erste fand am 28. Februar 1970 vor 30.000 Zuschauern im ausverkauften Bloomfield-Stadion in Tel Aviv statt. Borussia gewann 6:0, und die Zuschauer feierten Netzer & Co. mit stehenden Ovationen. »Also, ich verstehe die Welt nicht mehr! Wir mühen uns jahrelang in kleinen Schritten um Wiederherstellung des Vertrauens zu uns Deutschen, wohingegen Sie nur 45 Minuten benötigen, um einen Freudentaumel auszulösen«, soll ein Vertreter der deutschen Botschaft bereits in der Halbzeitpause zu Gladbachs Geschäftsführer Helmut Grashoff gesagt haben. Die diplomatische Verwirrung war durchaus zu verstehen. Ein Jahr später bei der ersten Deutschen Kulturwoche in Tel Aviv wurden Günter Grass und andere als progressiv geltende Literaten noch mit Tomaten und Eiern beworfen.

Die Gladbacher hingegen kehrten schon im Dezember 1970 zu einem zehntägigen Besuch zurück und bewährten sich als Diplomaten in kurzen Hosen, Helmut Grashoff und Schaffer verband fortan eine enge Freundschaft, die auch den ersten Israeli aus dem WM-Kader in die Bundesliga brachte: Shmuel Rosenthal debütierte im September 1972 am Bökelberg.

Helden für drei Millionen
Als wir auf die Weltmeisterschaft 1970 zu sprechen kommen, kehrt Schaffers charismatische Präsenz für Augenblicke zurück. Obwohl ihn jeder Satz sichtlich Energie kostet, beginnt er zu erzählen. »Alle haben mit drei klaren Niederlagen gerechnet. Das erste Spiel ist auch nicht gut gelaufen. Für die Beobachtung des Gegners hat der Verband kein Geld mehr gehabt. Wir sind also fast blind in das Spiel gegen Uruguay gegangen und haben 0:2 verloren. Gegen Schweden und Italien waren wir besser vorbereitet und haben unentschieden gespielt«, sagt er. »Bei unserer Rückkehr sind die Spieler wie Helden empfangen worden. Sie haben nicht für Geld, sondern für ihr Land gespielt. Wir haben für drei Millionen Menschen einen echten Erfolg errungen.«

Kapitän der Mannschaft war Mordechai Spiegler, der später gemeinsam mit Pele und Beckenbauer bei New York Cosmos kickte. Spiegler scherzt gerne, er habe alle WM-Tore Israels erzielt, was stimmt, auch wenn es nur das eine am 7. Juni 1970 gegen Schweden war. Wenn er ernsthafter über die WM-Teilnahme Israels redet, ist er eindeutig: »Der Vater des damaligen Erfolgs war unser Trainer Eddy Schaffer.« Respekt erntete der Coach auch von anderer Seite. Der italienische Stürmerstar Luigi Riva, Vizeweltmeister von 1970 und beim WM-Spiel gegen Israel im Einsatz, begrüßte ihn Jahre später mit den Worten: »Ich erinnere mich an Sie! Wir haben uns damals fast in die Hosen gemacht, dass wir gegen Ihre Mannschaft verlieren könnten.«

Nach anderthalb Stunden Gespräch ist Eddy Schaffer von den vielen Fragen ermüdet. Die Bilder an den Wänden seines Wohnzimmers zeugen von einer bewegten Biografie: Schnappschüsse mit der Fußballprominenz aus aller Welt, Lithografien mit Schtetl-Motiven und eine Tuschezeichnung der Recklinghäuser Altstadt. »Was soll ich Ihnen erzählen? Ich bin geblieben und ich lebe«, sagt Schaffer irgendwann und hebt ein wenig ratlos seine Hände. In den folgenden Monaten versank er immer tiefer in der Krankheit. »Wir haben uns Stück für Stück verabschieden müssen. Es war eine sehr schwere Zeit für meinen Vater und die ganze Familie«, sagt Moshe Schaffer über das vergangene Jahr. Am 30. Dezember 2012 starb »Eddy« Schaffer im Alter von 89 Jahren in Ramat Hasharon. An seinem Grab sagte Avi Luzon, der Präsident des israelischen Fußballverbands: »Er war der größte Trainer, den wir je hatten.«

Die Unfähigkeit Antisemitismus zu begreifen

Die „Debatte“ um die Rangliste der „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs 2012“ des Simon Wiesenthal Centers (SWC) zeigt vor allem eines: Die Unfähigkeit der Mehrheit der deutschen Medien, zum Thema Antisemitismus überhaupt inhaltlich zu debattieren.

Ein Kommentar von Andrej Reisin

Das Simon Wiesenthal Center (SWC) habe seine Kritik an Jakob Augstein „relativiert“, meldeten viele deutsche Medien am Mittwoch unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur (dpa). Insbesondere Augsteins Hausmedium Spiegel Online fühlte sich bemüßigt, seinen Kolumnisten gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen – und nun seinerseits  das SWC anzugreifen. Doch worin besteht die vermeintliche „Relativierung“ des SWC? Nun, laut dpa sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper: „Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten.“ Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab.

Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)
Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)

Das SWC hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt behauptet, Augstein gehöre zu „den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten“ bzw. „den weltweit größten Antisemiten“ bzw. „den zehn schlimmsten Antisemiten der Welt“ oder zu „den schlimmsten Judenfeinden“. All diese Behauptungen stammen nicht vom SWC, sondern aus der deutschen Presse, die Augstein damit seit einer guten Woche gegen einen Angriff verteidigt, der in dieser Form gar nicht erfolgt ist. Genau dieser Mechanismus zeigt aber umso schöner die Befindlichkeiten eines großen Teils der deutschen Journalisten auf. Denn erst so kommt die Empörung richtig in Gang: Der Vorwurf sei „ungeheuerlich“, da fallen einem doch sofort mindestens zehn „gefährlichere“, „echte“ Judenhasser ein. Mithin: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird mit großer Verve erklärt, Augstein sei „kein Antisemit“ – und schon gar nicht einer der „zehn schlimmsten weltweit“.

Die aktuellen Äußerungen des SWC sind daher auch keinesfalls die „Relativierung“, welche die dpa und angeschlossene deutsche Massenmedien gerne hören möchten, sondern das erneute Hereinfallen des deutschen Mehrheitsjournalismus auf die Dürftigkeit der eigenen Berichterstattung, die das „BILDblog“ und andere bereits zu Recht bemerkten. Man fällt gewissermaßen auf die eigenen Fehler ein zweites Mal herein und proklamiert: „Seht her, jetzt rudert das ‚jüdische Zentrum‘ (Spiegel Online) zurück: Augstein ist gar kein Antisemit.“ Über Inhalte wird dagegen weiterhin nur in Randspalten gesprochen.

Die Vorwürfe sind keineswegs neu – nur haben sie bislang nicht interessiert

Dabei sind Augsteins Tiraden natürlich keinesfalls zuerst vom SWC kritisiert worden, ganz im Gegenteil: Publikative.org hatte bereits mehrfach darauf hingewiesen, wie Augstein – aus unserer Sicht eindeutig – antisemitische Klischees bedient. Von Henryk M. Broder, über die Titanic bis hin zur Konkret gab es auch vor dem SWC bereits kritische Leser, die in Augsteins Kolumnen zu Israel das erblickten, wofür wir sie auch nach wie vor halten: Eine nahezu bilderbuchartige Ansammlung von anti-israelischen und antisemitischen Klischees, über die der Autor dieser Zeilen bereits am Karfreitag 2012 schrieb:

Natürlich nimmt auch Augstein genau wie Grass für sich in Anspruch, kein Feind Israels, kein Judenfeind zu sein. Nun sind bekennende Antisemiten jenseits der Nazis aber leider immer Mangelware. Daher die Gegenfrage: Wenn so viele Komponenten einer antisemitischen Bilderbuch-Wahnwelt zusammen kommen, darf man dann von Antisemitismus reden? Wenn die eigene faktenfreie Welt zur Grundlage für den vermeintlichen Mut wird, für “uns alle” eine scheinbar endgültige Wahrheit auszusprechen?

Was, wenn nicht diese Imagination des Erlösers vom israelischen Übel, diese Paraphrasen von “Wahrheit macht frei” und “Die Juden sind unser Unglück” soll Antisemitismus denn sonst noch sein? Wer sich fragt, warum Henryk M. Broder und andere sich vor Jahren angewidert von der deutschen Linken abwandten und heute nur noch als “Neocons” gelten, der findet in Augsteins Text die Antwort: So lange dieses antisemitische Geschwätz “im Zweifel links” ist – so lange ist diese Linke so weit von einer vernünftigen Politik- und Gesellschaftsanalyse entfernt wie Mahmud Ahmadinedschad von der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

Genützt hat es freilich nichts – interessiert hat es auch kaum jemanden. Deswegen kann Jakob Augstein sich auch vor all seinen Freunden und Verteidigern hinstellen und ehrlicherweise überrascht sein. Denn der Stand der medialen Diskussion in deutschen Mainstream-Medien ist – von Ausnahmen abgesehen – zumeist derselbe wie 1968, 1982 oder 1997. Die gängige Formel lautet: Antisemitismus=Neonazis=Holocaust=Massenmord=schlimmstes Verbrechen der deutschen Geschichte. Die zahlreichen Debatten zu Augsteins leiblichen und geistigen Vätern, zu Martin Walser und zu linkem Antisemitismus werden dagegen erfolgreich ignoriert oder verdrängt. Alles unterhalb der Nazi-Messlatte ist schlichtweg kein Antisemitismus, sondern höchstens „Israelkritik“ – und die wird ja wohl gerade noch erlaubt sein. Schließlich schrieb Rudolf Augstein vor mehr als 20 Jahren schon fast dasselbe wie nun sein Sohn:

„Inzwischen nehmen wir die Formel ,Israel-Kritiker = Antizionist = Antisemit’ als unvermeidlich hin. Ich habe längst gelernt, dass einer ein Antisemit ist, der die Politik des Staates Israel kritisiert.“

Keine Antisemiten außer Hitler

Als nun das SWC mit seiner jährlichen Top Ten Schlagzeilen machte, gab es auf einmal den Aufschrei, von dem man eigentlich hätte annehmen sollen, dass ihm – zumindest jetzt endlich – eine Debatte über die gebrandmarkten Zitate folgen würde. Stattdessen jedoch führt man in Deutschland lieber „Debatten“ über „Seinsfragen“, nämlich darüber, ob Augstein nun „Antisemit“ ist – obwohl es eigentlich darum gehen sollte, ob seine Texte antisemitische Klischees bedienen. So weist Nahost-Korrespondent Sebastian Engelbrecht Augstein in seinem Kommentar zwar zahlreiche handwerkliche und sachliche Fehler nach, nur, um im unmittelbar folgenden Absatz festzustellen, Augstein sei „kein Antisemit“, sondern ein „kritischer Denker.“

Warum diese Art kritischen Denkens nichts mehr mit dem gemein hat, was die Frankfurter Schule einst als „Kritische Theorie“ zu etablieren suchte, hat Philip Meinhold in der TAZ in einem satirischen Text auf den Punkt gebracht. Offenbar ist die Satire hierzulande heutzutage der Ort für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Bereits vor Jahren illustrierte die „Titanic“ das Ergebnis der antisemitischen „Wesensfindung“ in deutschen Medien in dem kongenialen Witz: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Statt sich auch nur ein einziges Mal genauer mit Augsteins Zitaten zu befassen, wird das „Argument“, dass es jenseits der Nazis eben keine „echten“ Antisemiten gäbe, zur Verteidigung Augsteins bemüht. So schreibt einer der Lieblingskolumnisten des deutschen Publikums, Harald Martenstein, im „Tagesspiegel„:

„Von Jakob Augsteins Antisemitismus lässt sich sagen, dass er aus Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung besteht. […]  Nicht die Neonazis sollen also Deutschlands schlimmste Judenhasser sein – nein, ein Journalist, der gegen Israels Regierung polemisiert. Wenn Jakob Augstein Deutschlands schlimmster Antisemit wäre, dann hieße dies, dass es in Deutschland keinen wirklich gefährlichen Antisemitismus mehr gibt.“

Auf derartig geschichts- und gegenwartsblinden Blödsinn muss man erst einmal kommen: Als hätte die Geschichte antisemitschen Denkens immer nur aus geifernden Stiefelnazis bestanden, denen ihr stets zum Massenmord bereiter Hass praktisch schon anzusehen gewesen wäre. Als hätte es die sattsam belegte Judenfeindschaft von zahlreichen deutschen Geistes- und Kulturgrößen wie Wagner, Treitschke, „Turnvater“ Jahn, Brentano, Klages und wie sie alle hießen, nie gegeben. Als hätten 1817 bei der Gründung der Urburschenschaft auf dem Wartburgfest die anwesenden Studenten nicht „Wehe über die Juden!“ gerufen, als sie unliebsame Schriften jüdischer Autoren ins Feuer warfen.

Antisemitismus mit Todesfolge

Vor allem aber: Als hätten Deutschland und Europa nicht ein Jahr hinter sich, in dem offener Judenhass – auch in gewalttätiger und tödlicher Form – sich nahezu permanent offen artikulierte. Eine kleine Auswahl:

– Am 26. November fordert der Abgeordnete im ungarischen Parlament, Marton Gyongyosi, jüdische Abgeordnete müssten gezählt und registriert werden, um ein Risiko für die Nationale Sicherheit zu vermeiden.

– Am 18 November rufen Demonstranten in Antwerpen: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“

– Am 18. November werden in Barcelona ein Hakenkreuz sowie anti-israelische Parolen auf eine Synagoge gesprüht.

– Am 18. November werden in Lodz 20 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zerstört.

– Am 9. November wird in Greifswald anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht das örtliche Holocaust-Mahnmal geschändet.

– Am 25. Oktober verbrennen Anhänger der Jobbik-Partei eine israelische Fahne vor der Budapester Hauptsynagoge.

– Am 22. Oktober wird ein 12-jähriger jüdischer Schuljunge in Paris attackiert und mit Gürteln verprügelt.

– Am 9. Oktober wird ein 19-Jähriger beim Verlassen einer Synagoge in Paris mit Schrotkugeln aus einem Luftdruckgewehr am Arm verletzt.

– Am 28. September wird im schwedischen Malmö ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der jüdischen Gemeinde verübt, welches bei der Detonation beschädigt wird.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der weltberühmte jüdische Friedhof in Prag geschändet, 26 Grabsteine werden beschädigt.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, im Beisein seiner beiden Kinder in Berlin nach dem Besuch einer Synagoge bedroht. Um den Angreifer abzuschrecken, zeigt Kramer ihm seine Schusswaffe. Kramer trägt seit Jahren legal eine Pistole zum eigenen Schutz.

– Am 29. August wird der Berliner Rabbiner Daniel Alter von Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er die Frage, ob er Jude sei, bejaht hat. Seine sechsjährige Tochter muss alles mit ansehen und wird mit dem Tod bedroht. Der jüdische Geistliche muss stationär im Krankenhaus behandelt werden.

– Am 25. August rufen Anhänger der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft „Drecksjuden“ („mocskos zsidók“) vor dem Heimspiel gegen Israel.

– Am 22. Juli werden in Barcelona ein Davidstern und das Wort „Juden“ auf die Fassaden zweier Banken gesprüht.

– Am 2. Juni werden drei jüdische Jugendliche in Lyon von mehr als zehn mit Hämmern und Holzlatten bewaffneten Angreifern mit dem Schlachtruf „Drecksjuden“ attackiert.

– Am 25. März wird in Budapest das Hauptdenkmal für die Ermordung der ungarischen Juden während des Holocausts mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet. Die Juden werden zum Verlassen des Landes aufgefordert. Nur wenige Tage zuvor war eine Statur von Raoul Wallenberg mit Schweinsfüßen geschändet worden.

– Am 19. März werden der Rabbiner Jonathan Sandler, 30, sowie seine beiden Kinder Aryeh, 6, und Gabriel, 3, von einem antisemitischen Attentäter in Toulouse auf offener Straße ermordet. Der Täter schießt anschließend innerhalb einer jüdischen Schule um sich und ermordet die achtjährige Miriam Monsonego. Zuvor hatte er bereits drei französische Soldaten ermordet. Sein Motiv nach eigenen Angaben bei einem Anruf bei einem französischen Nachrichtensender: „Rache für Gaza“.
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Von den spektakulären Einzelfällen abgesehen ist all dies in seiner Gesamtheit kaum mehr als eine Randnotiz für deutsche Medien. Mit Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus beschäftigen sich sich in aller Regel maximal im Feuilleton – und auch dies eher sporadisch und zumeist in historischer Perspektive. Aber sicherlich haben Harald Marteinstein, Jan Fleischhauer, Christian Bommarius, Frank Drieschner, Nils Minkmar, Klaus Holz und all die anderen medialen Verteidiger Augsteins trotzdem recht: Mit „Israelkritik“ haben die genannten Besipiele antisemitischer Gewalt bestimmt nichts zu tun, denn es kann ja wie gesagt nicht sein, was nicht sein darf. Seine „grenzwertige Israelkritik“ wird man sich nicht kaputtmachen lassen, egal, wie viele Judenmörder noch ein „Rache für Gaza“ auf den Lippen führen. Sonst müsste man am Ende noch anfangen, sich „kritisch“ (sic!) mit eigenen Positionen zu beschäftigen. Wo kämen wir da hin?

Eine ernsthafte Debatte über die Begrifflichkeiten und Strömungen des modernen Antisemitismus, sowie eine Auseinandersetzung mit seiner brandaktuellen Gewaltätigkeit ist deshalb in naher Zukunft nicht zu erwarten. Denn die Verwobenheit dieses mörderischen Potenzials mit dem, was man hieruzulande gerne „Israelkritik“ nennt, ist der wahre blinde Fleck der deutschen Debatte. Man gibt sich lieber weiterhin feierlich-bekümmert, wenn der 27. Januar ansteht, und zeigt sich aufrichtig betroffen in seiner Trauer um all die toten Juden. Wie gut, dass wir diesen barbarischen Antisemitsmus historisch überwunden haben. Und gerade wegen dieser „historischen Verantwortung“ darf Auschwitz sich nicht im „Lager Gaza“ (Augstein) wiederholen. Die Lebenserwartung dort liegt übrigens bei 74.16 Jahren – aber das ist sicher israelisch-amerikanische Propaganda.

Siehe auch: Was hat Augstein eigentlich geschrieben?Antisemiten, das sind die anderenAugsteins Israelkritik: Eine Frage der ObsessionDie Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”,(Israelische) Soldaten sind Mörder!Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-FrageMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Wahn und WirklichkeitIm Zweifel gegen Israel