Der Ausschluss von Frauen aus der Fankultur

Von Frederik Schindler, zuerst veröffentlicht bei Fußball gegen Nazis*

Geht es nach dem Tumblr-Blog Ultrapeinlich, der diskriminierende Spruchbänder, Choreografien und Sticker von Ultragruppen sammelt, sind wohl gerade mal wieder Sexismus-Wochen in deutschen Fankurven. Sexistische Schimpfwörter, Degradierungen von Frauen zu Sexobjekten oder sogar Vergewaltigungsfantasien –  das alles wurde allein in den letzten Monaten vom genannten Blog dokumentiert.  Frauenfeindlichkeit scheint zur Ultrakultur dazuzugehören, sichtbar sowohl in Fangesängen oder auf Transparenten, als auch in der Diskriminierung oder im Ausschluss von Frauen aus der Fankurve. Dies zeigt sich beispielsweise an einem deutlich niedrigeren Anteil von Frauen in Ultragruppen als im gesamten Stadion oder an dem Fehlen von Vorsängerinnen auf den Zäunen. Frauen werden in Fankurven von vielen männlichen Fans generell nur als Begleiterinnen oder als Groupies wahrgenommen, viele Ultragruppen schließen bei Auswärtsfahrten Frauen in ihren Bussen aus, geben Frauen keine Ämter in den Gruppen oder lassen generell keine weiblichen Mitglieder zu. „Als Begründung wird häufig angeführt, dass ‚Frauen Unruhe in die Gruppe bringen‘, ‚die Gruppe verweichlichen‘ bzw. ‚Frauen nicht das Bild der Gruppe prägen sollen'“, erklärt Fanforscher Jonas Gabler in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Auch in offenen Ultragruppen werden Frauen oftmals nicht die gleichen Rechte zugesprochen oder bestimmte Ämter und Zuständigkeiten verwehrt, beispielsweise bei der Verteidigung des Gruppenmaterials. Frauen gelten in Ultragruppen demnach als Gefahrenquelle: „Zum einen scheinen sie körperlich zu schwach zu sein, um Fahnen, Fansektoren und Busse zu verteidigen. Zum anderen wird ihnen aber auch eine große Sprengkraft innerhalb der Gruppe zugeschrieben, und zwar dann, wenn es um den zwischenmenschlichen Bereich geht“, so Heidi Thaler, die zu weiblichen Ultras promoviert, im neuen Tatort Stadion-Buch. Dieses Bild von der gewaltlosen Frau wird auch von den Fußballverbänden reproduziert, beispielsweise wenn Frauen und Kinder an sogenannten Geisterspielen teilnehmen dürfen – von verschiedenen Seiten wird demnach abgesprochen, dass Frauen „echte Fans“ sein können.

Frauen-Ultragruppen als Möglichkeit der Emanzipation

Eine mögliche Gegenstrategie für Frauen, mit Sexismus in der Fan- und Ultrakultur umzugehen ist die Ironisierung der Abwertungen und Ausschlüsse. Negativ gemeinte Begriffe werden selbst angeeignet, um sie positiv umzudeuten. Dadurch können Begriffe entmachtet werden, man kennt das von rassistischen oder homophoben Fremdzuschreibungen. Ein Beispiel hierfür sind die Chicas, ein Zusammenschluss von weiblichen Mitgliedern der Ultragruppe Schickeria München. Sie versuchen, „den Nachteil, der sich für die weibliche Minderheit im Fußball ergibt, unter dem Namen ‚Chicas‘ bewusst publik zu machen, anzupacken und zum Guten zu wenden“, greifen dabei ein „Klischee auf und drehen es auf ironische Weise ins Gegenteil um“. Nicole Selmer und Almut Sülzle entwickelten hierfür den Begriff „vorweggenommener Sexismus„. Die weiblichen Ultras können dadurch „frauenfeindliche Blicke irritieren und zurückweisen“.

Die letzte weibliche Ultragruppe gründete sich im Juli 2014 in Heidenheim: Die „Societas“ wurden Teil der Gruppe „Fanatico Boys“ und kritisieren in ihrer Gründungserklärung: „Mädels haben es oftmals auch schwerer in ihrer Rolle als Fan akzeptiert und respektiert zu werden. Von ihnen wird zumeist mehr erwartet und sie stehen unter größerer Beobachtung“. Mitglied Lea fordert in der WELT: „Ich möchte in erster Linie als Fan wahrgenommen werden, also geschlechtsunspezifisch. Es geht es darum, dass weibliche Fans genauso behandelt werden wie männliche Fans“. Ähnliches fordert Andrea aus Bremen: Es müsse den Leuten im Stadion endlich klar werden, dass auch Mädchen und Frauen Ultra sein können. „Nicht alle haben Bock auf Gewalt und Pöbeln – allerdings auch nicht bei den Jungs -, aber die meisten sind eben wirklich wegen Fußballgucken, Singen, Ultra-Zeugs in der Kurve und nicht weil der neue Stürmer so sexy Waden hat.“ Ein Schritt in die Richtung der Anerkennung kann eine Frauen-Ultragruppe sein. So lange das Ziel, dass alle gleichberechtigt nebeneinander Ultra sein können noch nicht erreicht sei, brauche es Schutzräume, meint Andrea: „Zudem ist eine reine Frauengruppe natürlich auch ein Statement. Das zeigt dann ganz plakativ, dass Mädchen das auch spannend finden und es eben auch ‚können‘.“. Wichtig ist ihr auch die Präsenz von Frauen, egal ob auf Kurvenfotos oder in der ersten Reihe beim Fanmarsch. „Das ist in Bremen schon relativ oft so, aber ein reiner Mädchen-Mob würde auch hier noch auffallen. Das wäre schon echt cool!“, sagt sie.

Ähnliches berichten die Chicas aus München. Sie wollen eine Anlaufstelle „für die Mädels sein, die sich für Ultrà interessieren aber durch die Dominanz des männlichen Geschlechts vielleicht nicht den Mut dazu haben, von Null auf Hundert in der Gruppe mitzumachen“. Als explizite Frauengruppe – oder als Untersektion einer größeren Gruppe – stehen die genannten Gruppen allerdings relativ alleine da. Zu erwähnen wären hier noch die Senhoritasaus Jena (ebenfalls nur Untergruppe der dominierenden Gruppe Horda Azzuro), die Sophia Gerschel in ihrer Diplomarbeit untersuchte und die legendäre Aktion der Ultrà Sankt Pauli Femminile aus dem Jahr 2010, die laut einem ironischen Statement die Männer aus der Gruppe prügelten. Die einzige heute existierende unabhängige Frauengruppe besteht in der Ultraszene des SV Babelsberg 03.

Die Ultras Babelsberg mit einem abgewandelten Zitat von Rosa Luxemburg

Der Fanblock als Raum für untypisches Geschlechterverhalten

Über die Konstruktion von „echten Fans“ erfolgt auch eine Ablehnung von weiblichen Fans, die dem „Klischeebild des rosa-zickigen Groupie-Mädchens“ entsprechen, erklärt Fanforscherin Almut Sülzle in ihrer Studie „Fußball, Frauen, Männlichkeiten„. Hierbei entsteht allerdings kein genereller Ausschluss von Frauen. Frauen, die nicht den typischen Geschlechterklischees entsprechen und „Groupies“ ebenfalls ablehnen, können so im Fanblock einen Raum finden, in dem sie sich nicht ständig als Frau inszenieren oder über ihren Körper darstellen müssen. Verhaltensweisen, die gesellschaftlich als „typisch männlich“ wahrgenommen werden, wie zum Beispiel fluchen oder schreien können durch Frauen im Stadion angeeignet werden, ohne dafür sanktioniert zu werden oder in ihrer Weiblichkeit infrage gestellt zu werden. Sie müssen sich allerdings immer wieder beweisen, um ebenfalls als „echte Fans“ wahrgenommen zu werden. Frauen stützen so die männerbündischen Strukturen, Sülzle bezeichnet sie daher gleichzeitig als „Konstrukteurinnen und Opfer der hierarchisierenden Geschlechterdichotomie“. Ähnliches berichtet auch Andrea aus Bremen. Sie ist 25 Jahre alt, seit 11 Jahren im Weserstadion und seit 9 Jahren Mitglied einer Ultragruppe. Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de erklärt sie: „Die Mädchen die präsenter sind, sind es zu einem guten Teil auch deswegen, weil sie hegemonial männliche Verhaltensweisen annehmen können und/oder wollen. Laut und vielleicht etwas gröber sein, gehört beim Fußball nach wie vor zum guten Ton, den müssen sich alle ein bisschen angewöhnen“. Menschen, die sich hier nicht anpassen wollen oder können, werden so weiter aus dem Fanblock ausgegrenzt.

Auch für Männer gibt es in der Kurve Möglichkeiten für die Ausübung von Verhaltensweisen, die außerhalb des Stadions als unmännlich gelten. Umarmungen und Berührungen zwischen Männern sind unter Fans vollkommen selbstverständlich, während sie in anderen Kontexten homophob abgewehrt werden. Die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky sieht in Männerbünden auch eine „emotionale, affektive und häufig erotische Basis„, die sich im Fanblock beispielsweise in öffentlichem Weinen zeigt. Dass dieses Verhalten möglich ist, ohne als unmännlich wahrgenommen zu werden, liegt an der extremen Assoziation von Fußball und Männlichkeit, die fast jedes Verhalten als männlich erscheinen lässt. Frauen, deren Verhalten oder deren Kleidung als „typisch weiblich“ wahrgenommen werden, erfahren Ablehnung und Ausgrenzung. „Man reproduziert in Verbindung mit Autoritarismen Männlichkeitsvorstellungen, zum Beispiel dass Frauen ‚männlich‘ sein müssen, es gibt eine männliche Struktur, die auch historisch von Männern entwickelt wurde und jeder Mann und jede Frau muss durch diese Strukturen durch“, so Gerd Dembowski in einem Gespräch 2013.

Hierarchien reproduzieren althergebrachte Männlichkeitsvorstellungen

In einer 2006 von dem Fanforscher Gunther A. Pilz durchgeführten Studie, gaben 85 Prozent der befragten Ultras an, dass Frauen ihrer Meinung nach keine Ultras sein können. 62 Prozent erklärten, dass Frauen nicht die Rolle des Capos, also des Vorsängers, übernehmen können. Der Anteil von Frauen in Ultragruppen liegt laut der Studie bei 5 Prozent, mittlerweile wird er auf ein Zehntel geschätzt – während der Frauenanteil im Stadion insgesamt mittlerweile bei einem Drittel liegt. Dies liegt unter anderem an der Entstehung von eigenen Konventionen und Regelsystemen der aktiven Fanszene, die „durch interne Hierarchien gewährleistet werden. Diese sind geprägt durch die Vorherrschaft der Männer im Fußball und in den Kurven, weshalb zentrale Charakteristika von Fußballfankultur bis heute durch Männlichkeit bzw. männliche Stereotypen geprägt sind“, so Gabler. Die meisten größeren Ultra-Gruppen haben beispielsweise eine Art Vorstand, ein sogenanntes direttivo. Dieses wird in der Regel nicht gewählt, sondern setzt sich aus erfahrenen Mitgliedern der Gruppe zusammen. Bei der Zusammensetzung gilt der Vorrang von Mitgliedern mit höherem Lebensalter oder längerer Gruppenzugehörigkeit. „Auf Dauer ist dieses Konstrukt so instabil, dass sich Formen von althergebrachter Männlichkeit und Autoritarismus tradieren können, also genau solche Dinge reproduziert werden, die es in bürgerlichen Taubenzüchtervereinen auch gibt“, meint Dembowski. Und auch Heidi Thaler schreibt im oben genannten Buchbeitrag, dass der Einstieg für Frauen leichter sei, je weniger die Hierarchien innerhalb der Gruppe bereits ausgeprägt sind. „Je früher in der Entstehungsgeschichte einer Ultragruppe auch Frauen beteiligt sind, desto mehr Spielraum besteht, die Teilhabe von Frauen in der Gruppe auszuhandeln beziehungsweise als Selbstverständlichkeit zu etablieren.“

Viele jüngere Mitglieder richten sich nach der Meinung der Capos und ordnen sich dieser unter. Für Frauen ist es noch schwieriger, als Vorsängerin die Gruppe anzuführen. Erst vor wenigen Jahren gab es bei einer Ultra-Gruppe des SV Babelsberg 03 die erste weibliche Vorsängerin, die jedoch nach einem halben Jahr aufgab, weil sie sich von den Fans nicht akzeptiert fühlte. Gerd Dembowksi dazu: „Ultras lassen zwar hier und da mal Frauen mitmachen – ähnlich wie in der Gesellschaft, in der Emanzipation: Man lässt Frauen jetzt Managerinnen werden, aber man ändert nicht den gesamten Betrieb. Man benutzt das Amt, das Männer irgendwann erfunden haben und genau so funktioniert es in der Ultra-Szene auch.“ In Andreas Augen sei die Bremer Ultraszene allerdings schon lange bereit für eine Frau auf dem Podium. Schon ein paar Mal sei das ausprobiert worden, die organisierten Gruppen standen alle dahinter und es gab viel Support. „Aber die Fans, die weiter oben stehen, Bierbecher werfen und jetzt mal nicht ‚Fahne runter‘, sondern ‚Was will die Fotze auf dem Zaun?‘ schreien, die hast du halt nicht im Griff. Traurig, aber wahr“, stellt Andrea fest. Gerade haben die aktiven Frauen verständlicherweise keine Lust, zur Zielscheibe zu werden und deshalb gibt es auch momentan keine Vorsängerin in Bremen.

Es geht auch anders: Die Pugnatores Ultras aus der Fanszene des FSV Frankfurt mit einem Spruchband zum Frauen*kampftag 2015

„Einfach nur Ultra unter Ultras sein“

Andrea aus Bremen stört sich schon lange daran, dass andere Ultras „als die großen Macker“ auftreten: „Selbst die progressiven Gruppen wollen Stärke ausstrahlen und die Spruchbänder der nicht so progressiven Gruppen sind auch nicht gerade einladend“, kritisiert sie. „Dazu kommt dieses Gruppending. Zusammenhalt und Geschlossenheit sind super wichtig. Es ist schwer für neue da reinzukommen. Auch für Jungs. Und für die Mädchen ist es eben besonders schwer, weil es mehr Überwindung kostet einen Jungen anzusprechen und eben nicht überall Mädchen rumlaufen, die man einfacher ansprechen könnte“. Dabei wollen Frauen im Stadion doch einfach nur das gleiche machen wie Männer. Doch bestimmte Mechanismen erschweren dies, wie Heidi Thaler im genannten Buchbeitrag erklärt: „Wer es satt hat, sich aufgrund des Geschlechts von vornherein ständig erklären zu müssen und als Exotin zu gelten, hat wahrscheinlich wenig Lust, noch gesondert auf die eigene Situation als Frau hinzuweisen. Einmal abschalten, einmal nur Fußball und die eigene Kurve im Kopf haben, einfach nur Ultra unter Ultras sein – das wär was!“

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.

Grüner "Aufschrei" gegen FDP-Spitzenkandidatin

Twitter-Account von Katja Suding (FDP)
Twitter-Account von Katja Suding (FDP)

Nach der Wahl in Hamburg hat ein Grünen-Politiker auf Twitter für viel Verärgerung gesorgt. Jörg Rupp schrieb zum Erfolg der FDP mit Spitzenkandidatin Katja Suding in der Hansestadt: „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten“. Wir meinen: Man muss auch Verständnis für den armen Mann haben…

Von Patrick Gensing

Die Reaktionen auf Rupps „Wahlanalyse“ ließen nicht lange auf sich warten. Der Kommentar sei unter aller Sau und übelst sexistisch, merkten mehrere Leute an.

Schließlich entschuldigte sich Rupp, immerhin Mitglied des Landesvorstands der Grünen in Baden-Württemberg, für seine „Wortwahl“ und beklagte sich, ein „Shitstorm“ sei eine Erfahrung, die man nicht machen müsse. Dass es bei der Kritik gar nicht unbedingt um den Begriff „Titten“ ging – geschenkt.

Denn ehrlich, man (!) muss auch Verständnis für Rupp und seinen Brass auf Frauen haben, immerhin twitterte der Grüne nur zwei Tage zuvor, dass die Grippewelle nun auch in seinem „Haushalt“ angekommen sei – und seine Frau flach liege. Und hey, wer wäre da nicht etwas angespannt, wenn man die Geschirrspülmaschine am Wochenende schön selbst ausräumen muss?

Im Ernst: Rupp hat eine längere Erklärung zu seinem Tweet veröffentlicht, darin heißt es:

Ich wollte provozieren und ich wollte verkürzen. Und ich war verärgert. Ich erinnerte mich an einen Spiegelartikel von Vera Kämper, den ich sehr eindrücklich fand und in dem Katja Suding mit den Worten zitiert wird:

“Attraktivität hilft, Aufmerksamkeit zu bekommen”, erklärt die FDP-Politikerin,

und schon das fand ich ärgerlich. Nicht, dass ich sie wegen ihrer vermeintlichen Attraktivität als nicht intelligent empfand, sondern weil ich finde, dass Äußerlichkeiten, als Attribut im Wahlkampf nichts verloren haben. Weder bei Frauen noch bei Männern.

Schade, dass Rupp aber genau das Aussehen von Suding ausführlich thematisiert. Dabei hatte sich bereits die tagesschau bei Suding entschuldigt, als ihre Beine in einer Kamerafahrt sehr genau abgebildet wurden, obgleich Suding nicht als Sportlerin, sondern als Politikerin auftrat. Rupp tut so, als sei es Sudings eigene Schuld, dass sie medial so dargestellt wurde. Was hat die Frau auch solche Beine?!

"Titten und Beine" statt Inhalte? Wahlplakat von Katja Suding in Hamburg-Teufelsbrück (Foto: Patrick Gensing)
„Titten und Beine“ statt Inhalte? Wahlplakat von Katja Suding in Hamburg-Teufelsbrück (Foto: Patrick Gensing)
Inhaltsreicher Grüner Wahlkampf: Mit Hamburg für Hamburg. Na dann. (Foto: Patrick Gensing)
Inhaltsreicher Grüner Wahlkampf: Mit Hamburg für Hamburg. Na dann. (Foto: Patrick Gensing)

Zudem erinnert der Hinweis darauf, dass das Aussehen von Frauen und Männern nicht thematisiert werden solle, an Warnungen, es dürfe auch keinen Rassismus gegen Deutsche geben. Dabei haben Ressentiments und Vorurteile stets auch viel mit realen gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun. So dürfte die Zahl der Fälle, in denen das Aussehen von Männern diskutiert wird, überschaubar sein.

Tiere und Kinder

Ach ja, und was den Vorwurf „inhaltsleer“ in Richtung FDP-Wahlkampf angeht: Vielleicht sollte sich Rupp einmal die Wahlplakate der Grünen in Hamburg anschauen. Da sind zwar keine angezogenen Frauen zu sehen, dafür aber so knuffige Tierchen und ein putziges Kleinkind.

Grüne Wahlplakate in Hamburg
Grüne Wahlplakate in Hamburg

Einfach süß!

„Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“

Abstruse Theorien, homophobe Sprüche und ein Veranstalter, der die Anwesenden filmt und fotografiert. Ein Abend mit Christa Meves in Donaustauf. Sie gilt als Deutschlands führende Homophobe.

Von Mathias Roth, mit freundlicher Genehmigung von regensburg-digital übernommen

Nach einer rassistisch motivierten Unterschriftenliste gegen ein Asylbewerberheim und der geschichtsrevisionistischen Rede von Bürgermeister Jürgen Sommer am Volkstrauertag war dieses Mal das Katholische Pfarramt St. Michael in Donaustauf Kulisse für veraltete Ideologien.

Zusammen mit der „Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Regensburg“ hatte Pfarrer Erich Renner die „Psychagogin“ Christa Meves zum Vortrag geladen: „SOS – Die Familie retten, heißt Europa bewahren“ lautete die Botschaft, die es zu verbreiten galt.

So muss es laut Christa Meves sein- Die Mutter mit ihren Kindern. Foto: Roth

Für die Wahrheit zahlt man gern mal mehr…

Die konservativen Anhänger von Meves sind zahlreich. Und so füllt sich das Pfarrheim bis auf den letzten Platz. Insgesamt kommen über 120 Menschen, um ihr zu lauschen. Doch zuvor signiert die 88-Jährige noch persönlich ihre Bücher: Werke mit Titeln wie „Verführt. Manipuliert. Pervertiert: Die Gesellschaft in der Falle modischer Irrlehre“ und „Mütter heute: entwertet, beraubt, vergessen“ kommen beim geneigten Publikum an. In der Kasse landen mehrere hundert Euro Gewinn. Denn für die „Wahrheit“, sagt eine Frau mit fünf neuen Büchern, zahle man gerne mal mehr …

Einkaufstrubel am Büchertisch. Foto: Roth

Wahrheit – auch Christa Meves spart nicht mit diesem Begriff. Immer wieder betont sie in ihrem knapp einstündigen Vortrag, dass die Wahrheit auf der Seite der „Schere liegt, die für die Familie ist“. Die andere Seite dieser Schere seien jene gegen die Familie: die Ideologen. Diejenigen, die „vom bösen Geist erfasst sind, der nicht will, das die Bevölkerung aufwacht“.

Schwule: „Unnatürliche Konstrukte“

Doch wer ist das eigentlich – dieser „böse Geist“? Es sind, wie während des Vortrags und bei der anschließenden Diskussion zu erfahren ist, beispielsweise „die selbstbewussten Frauen, vor denen die jungen Männer Angst haben sie zu heiraten“. Es ist „das Gefühl von Autonomie bei den verselbstständigten Frauen, das sich negativ auf den ehelichen Zusammenhalt auswirkt und den Scheidungsboom heraufbeschworen hat“, beklagt Meves. „Pro Jahr werden in Deutschland jeweils 150.000 Kinder zu Scheidungswaisen.“

Filmte und fotografierte Anwesende: Thomas Albertin. Foto: Roth

Und Meves weiß genau, woher dieser Trend in Deutschland kommt: Mit der 68er-Generation habe eine Ära begonnen, mit der das „Volk mit relativen gesunden Familien und ohne Rauschgift – denn vor 1969 gab es noch kein Rauschgift in unserem Land“ bewusst von „Ideologen kaputt gemacht wurde“. So stammen aus dieser Zeit die Emanzipation der Frauen, das Gender Mainstreaming, von dem Meves weiß, dass es die „feste geschlechtliche Identität des Menschen abschaffen will“ und die Schwulen als „unnatürliche Konstrukte“, die die „gesunde Familie“ zerstören wollen.

Herr Albertin filmt und fotografiert

Dass nicht alle Zuhörerinnen und Zuhörer unkritisch an dieser „Wahrheit“ interessiert sind, bemerkt der Geschäftsführer der „Katholischen Erwachsenenbildung“ recht früh. Bereits vor der Veranstaltung filmt und fotografiert Thomas Albertin gezielt vermeintliche „Störer“. Beraten lässt er sich dabei von einem Neonazi aus dem Dunstkreis der NPD. Wahrscheinlich nichtsahnend.

Gegen drei junge Erwachsene, die am Anfang des Vortrags ein Transparent mit der Aufschrift „we hate homophobia“ entrollen, wird Albertin handgreiflich und bugsiert sie aus dem Pfarramt. Vorsorglich ruft er die Polizei, die ab diesem Zeitpunkt vor dem Pfarramt patrouilliert.

Tumultartige Szenen: Aktivistinnen entrollen ein Transparent im Pfarrheim. Albertin geht dazwischen. Foto: Roth

Spätestens nach dem zweiten Rauswurf eines jungen Mannes – er verneint Albertins Frage danach, ob ihm der Vortrag gefalle und fliegt daraufhin aus dem Saal – wird klar, dass hier nicht zimperlich mit Kritikern umgegangen wird.

Meves: Lügen und Erinnerungslücken

Auch Pfarrer Renner nutzt seine Moderatorenrolle, um KritikerInnen mundtot zu machen. Einem Journalisten, der Christa Meves auf ihre Lüge, dass sie nie für Leute in der rechten Szene referiert habe, anspricht, entzieht Renner das Wort. Positiven Stimmen für Meves werden mehrere Minuten Monolog eingeräumt. Kritische Beiträge werden mitten im Satz unterbrochen. Die so gestoppten Diskutanten dürfen sich nicht weiter beteiligen.

Würgte kritische Stimmen ab: Pfarrer Renner. Foto: Roth

Dennoch kommt der eine oder andere zu Wort. „Das, was Frau Meves sagt, ist für viele im Saal hart an der Grenze des Erträglichen“, so ein älterer Herr. Ein anderer meint: „Das, was hier gesagt wird, kann man als Demokrat nur schwer ertragen.“

Als ein junger Mann bei Meves nachfragt, weshalb ein homosexuelles Pärchen keine „gesunde Familie“ sein könne, schreit eine Frau aus den vorderen Reihen: „Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“. Meves überhört dies und kann sich plötzlich nicht mehr an ihre These von gleichgeschlechtlichen Lebensformen als „unnatürliche“ Konstrukte erinnern: „Wo habe ich denn etwas über Homosexuelle in dem Vortrag gesagt?“. Thomas Albertin fotografiert unterdessen den Fragesteller. Pfarrer Renner unterbindet weitere Nachfragen.

Von diesem Abend nehmen viele etwas mit …

Nach knapp eineinhalb Stunden spricht der Pfarrer das Abschiedswort. Die Dinge seien „komplex“. Es brauche „Hintergrundinfos“. „Darum ist es schwer, auf alle Fälle einzugehen.“ Dennoch sei es, so Renner, „gelungen, auf alle Fragen und Ansichten einzugehen und etwas mitzunehmen“.

Eine Polizeistreife musste vor dem Pfarramt Wache schieben. Foto: Roth

In der Tat werden viele von diesem Abend im Katholischen Pfarramt Donaustauf etwas mitnehmen: Die Anhängerinnen und Anhänger von Christa Meves viele neue Bücher und die „Wahrheit“. Die Polizisten vor der Tür die Frage, weshalb sie ein katholisches Pfarramt überwachen mussten. Die Kritiker von Meves die Einsicht, dass eben nicht jede Kritik erwünscht ist. Und natürlich Frau Meves selbst. Sie kann sich über einen gefüllten Geldbeutel freuen sowie über ein reines Gewissen, die „Wahrheit“ gegen „die Schere der Ideologen“ und Universitäten, die Medien und wohl allgemein gegen die Grundpfeiler einer humanistischen Moderne verteidigt zu haben.

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Siehe auch:  Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag“Made in Papa + Maman”: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle Deutscher, Deutscher Islamhass in Schweizer Zeitungen,  Alle Artikel zu Sexismus und Homophobie

Sexismus: Fernsehkritik mit Bauchweh

Sexismus, was war das noch mal? Das Phänomen, das im Alltag, in Büchern oder auch im Internet kaum je anzutreffen ist oder thematisiert wird, gibt vielen Menschen noch immer Rätsel auf. Eine neue Sendung verspricht jetzt Abhilfe: Sie enttarnt Sexismus. „Das könnte einen Grimme-Preis geben!“, ruft der Freitag.

Von Nicole Selmer

Foto: CC-Lizenz, capl@washjeff.edu
Foto: CC-Lizenz, capl@washjeff.edu

Es gibt ein neues TV-Format beim Privatsender Tele 5: „Who wants to fuck my girlfriend?“ Dahinter steht, wie der Freitag in seiner Besprechung schreibt, der „Fernsehliebhaber“ Christian Ulmen. Ich habe die Show nicht gesehen. Es gäbe Gründe für eine Grimme-Preis-Nominierung, sagt der Freitag. Die Sendung habe die Titelmelodie einer alten Gottschalk-Show übernommen, in der auch sprechende Hunde einen Platz hatten: „Wahnsinn des Alltags“. Bei Ulmen jedoch sind es keine Hunde, sondern Frauen, die „im Zentrum“ stehen. Die Beschreibung des Konzepts – zwei echte Kandidaten wetteifern bei Ulmens gespielter Moderatorenfigur darum, welche ihrer beiden Frauen häufiger angemacht wird oder einen besseren Preis als Prostituierte erzielt – klingt nicht danach, als ob es um Frauen ginge. Es klingt danach, als ginge es um Sexismus.

Findet auch der Freitag. Ja, da wird Sexismus gezeigt. Aber auf gute Art. Nicht wie der „Bachelor“-Sexismus, der alles so mit Rosen zukleistert, dass er außer für sehr pfiffige und kritische Zuschauer wie den Freitag-Autor gar nicht mehr zu erkennen ist. Sondern einen Sexismus, der der Realität abgeschaut ist. Ulmens Show nämlich „enttarnt“ ein weit verbreitetes Frauenbild, sie beleuchtet Sexismus so, dass man beim Zusehen Bauchweh bekommt. Sie ist also, genau genommen, Kritik am Sexismus. Nur verstehen das manche Kritikerinnen nicht, obwohl Ulmens Show doch das gleiche Anliegen hat wie sie. Wer genau Bauchweh bekommt, schreibt der Freitag-Autor nicht. Er hat offenbar keins. In der Kommentarspalte wird die Erwartung formuliert, die Sendung sei zum „Brüllen“, allerdings auch nicht vor Schmerzen, wie es scheint.

Es gibt in der Besprechung einen klugen Satz: „Sexismus ist auch nicht gut, wenn er am Ende enttarnt wird“. Der stammt aus der Vorabkritik der Mädchenmannschaft an Ulmens Show und er hätte auch im Nachhinein gereicht.

Siehe auch: Die FDP und der Sexismus gegen MännerBrüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!Der “Focus” und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denkenDoppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart,  In einem fernen Land …Quo vadis Piraten?Zwischen Testosteron und Tradition – Menstruation ist MensurneidPutzgutschein über 350 Millionen EuroNicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

Die FDP und der Sexismus gegen Männer

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Wäre es nicht so typisch für den Umgang mit gesellschaftlichen Problemen, man hätte die Reaktionen der FDP im Fall Brüderle einfach ignorieren sollen. Als wahre Kämpfer wider des politisch-korrekten Totalitarismus gerierten sich die Liberalen. Nun, da die Debatte um den Sexismus und Rainer Brüderle medial am Abebben ist, geht Dirk Niebel zum Gegenangriff über: Er ruft zum Kampf gegen den Sexismus auf – Sexismus gegen Männer versteht sich.

Von Robert von Seeve

Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)
Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)

Der Mann ist Entwicklungsminister – und dementsprechend befragt die Zeitung „Die Welt“ Dirk Niebel auch einleitend zur Lage in Afrika, sprich: Ägypten. Viel Erhellendes hat er nicht beizutragen, sein Fazit des arabischen Frühlings in Kairo lautet, geblieben sei „ein Transformationsprozess, der Herausforderungen mit sich bringt. Manches ist verbesserungsfähig.“

Der Minister betonte, in Ägypten sollten, so wie in Deutschland, kleine und mittlere Unternehmen gestärkt werden – wohl auch, um die Kooperationen zu verbessern. Dass Niebel die Entwicklungspolitik stärker an deutschen Wirtschaftsinteressen ausrichten wolle, hatte er bereits freimütig im Jahr 2009 erklärt. „Es darf der deutschen Wirtschaft nutzen, wenn wir Entwicklungszusammenarbeit betreiben“, zitierte ihn die „Süddeutsche Zeitung“. Niebel wolle deutsche Hilfe zwar nicht direkt an Aufträge koppeln, aber „die Tür zu öffnen für den deutschen Mittelstand das ist richtig, wichtig und darum auch meine Aufgabe.“

Und da stört es dann auch nicht mehr weiter, dass ein ägyptischer Präsident Juden als Nachkommen von „Schweinen und Affen“ bezeichnet hat. Und es stört dabei ebenfalls wenig, dass Staaten, die für die Deutschen wirtschaftlich uninteressant sind, weil sie eben so arm sind, einfach ignoriert werden. Man soll es mit den oft beschworenen „Werten“ ja auch nicht übertreiben…

Vor allem, weil die Familie Niebel nur zu genau weiß, was politische Korrektheit anrichten kann! Da wären beispielsweise Niebels Kinder, die unter einem „Promi-Malus“ leiden – und dies „erst recht, wenn der Vater in der FDP ist und viele Lehrer rot-grün angehaucht sind“. Das sei „nicht immer einfach“, so Niebel, aber „meine Söhne haben gelernt sich durchzusetzen“.

Echte Leistungsträger werden wohl nur diejenigen, die durch das rot-grün angehauchte Fegefeuer müssen. Davon profitieren dann auch die rot-grünen Gammler und Bedenkenträger, folgt man Niebel, denn die FDP sei die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Liberale Politik sei „im Kern die gerechteste Politik, weil sie den Menschen die Chance gibt, ihr Leben selbst zu gestalten“ – wenn sie dazu in der Lage sind und das nötige Kleingeld haben, möchte man hinzufügen. Aber: Der Markt wird es schon richten!

Erfolg bei Frauen durch kluge Familienpolitik

Leider hat es der Markt noch nicht gerichtet, dass sich mehr Frauen bei der FDP engagieren, gerade einmal 20 Prozent beträgt der weibliche Anteil des FDP-Personals. Woran es liegen könnte, verrät Niebel unfreiwillig:

Entscheidend ist, dass unsere Inhalte deutlicher die Lebenswirklichkeit von Frauen widerspiegeln. […] In der Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik wird uns eine ausgesprochene Kompetenz zugewiesen. Aber unsere kluge Familienpolitik ist in der Vergangenheit zu wenig nach außen transportiert worden.

Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik = Männersache, kluge Familienpolitik, die nur besser kommuniziert werden muss, damit die dusseligen Hühner das auch verstehen, soll dann aber „auch“ den Erfolg bei Frauen bringen. Dass eben genau dieses Weltbild von Niebel, Brüderle und Kubicki das Problem sein könnte, kommt den Liberalen, die Liberalismus als reines Leistungsdenken und Freiheit als das Recht des Stärkeren definieren, offenbar nicht in den Sinn.

Und so behauptet Niebel denn auch kurzerhand, es gebe gar keine Brüderle-Debatte, „sondern eine Debatte über guten Journalismus“. Gesellschaftliche Debatten sind nicht Niebels Sache, der Einzelne steht in der Pflicht und muss alles selbst klären: Es stehe die Frage im Raum, so Niebel, ob „jemand, der sich von irgendwas gestört fühlt, so etwas in einem persönlichen Gespräch ausräumen sollte oder ein Jahr wartet und dann eine parteipolitische Kampagne daraus machen will“. Andererseits, werter Herr Niebel, sollte Leistung sich nicht lohnen? Und ist nicht ein am rechten Zeitpunkt veröffentlichtes Porträt auch eine Leistung?

Das verschwiegene Problem

Aber man soll nicht ungerecht sein, denn Niebel räumt ein, dass die Debatte über das Verhältnis der Geschlechter in Deutschland – die es nun doch offenbar gibt, obwohl der Minister diese zuvor als nicht existent erklärt hatte – vernünftig und notwendig sei. Und, man höre und staune: „Es gibt viele Frauen, die belästigt werden.“ Was darf bei einem solchen Satz auf keinen Fall fehlen? Richtig: das „aber“. Here we go:

„Aber es gibt auch viele Männer, die belästigt werden. Darüber wird kaum gesprochen, und dieser Aspekt wird extrem verschämt behandelt. Dass Männer belästigt werden, passt ja nicht zum Mainstream.“

Niebel entwickelt hier eine Art Sexismus-Extremismus-Theorie, ein nicht zu leugnender gesellschaftlicher Befund wird stets mit einem „aber“ verknüpft, um zu relativieren oder auf andere vermeintliche Probleme abzulenken. Bei Kristina Schröder heißt es sinngemäß: Ja, es gibt mordende Neonazis, aber wir dürfen nicht die Verfassungsfeinde von Links aus den Augen verlieren. Bei Augstein & Co. klingt es ungefähr so: Ja, es gibt Antisemitismus, aber nicht bei mir und ich lass mir doch nicht meine Israel-Kritik von Juden verbieten. Und bei den Freunden des N*-Wortes in Kinderbüchern heißt es, Rassismus sei schlimm, aber den weißen Kinderchen könne man ja den Begriff erklären und wenn sich schwarze Kinderchen oder deren Eltern davon gestört fühlen, sollen sie sich a) nicht so anstellen und b) halt etwas anderes lesen.

Leistungsdenken überall, außer bei der FDP

Angereichert werden solche Nonsense-Argumentationsketten dann noch mit einem Verweis auf die eigene vermeintlich rebellische Haltung und den gesellschaftlichen Mainstream, gegen den man sich stemme. Es ist die Rhetorik derer, die arm an Argumenten sind, die sich nur noch mit Verschwörungstheorien über den linken Meinungsterror zu helfen wissen, denn dass das Problem vielleicht bei ihnen selbst als Teil des Mainstreams liegen könnte, ist als mögliche Option in diesen Weltanschauungen nicht vorgesehen.

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Wobei man Niebel in einer Sache recht geben muss: Das FDP-Bashing ist wenig originell und zum Volkssport geworden. Aber (!) vielleicht auch, weil sich die individuelle Leistung, die längst zum wichtigsten gesellschaftlichen Wert erhoben wurde, ausgerechnet bei der FDP eben nicht lohnt – oder welche Leistungen genau qualifizieren Rainer Brüderle eigentlich zum Spitzenkandidaten einer Regierungspartei? Oder auch Dirk Niebel zum Entwicklungsminister? Vielleicht ist es Niebels Weitsicht, mit der er das kommende Thema der Entwicklungspolitik, nämlich Sexismus gegen Männer, erkannt hat. Um auf dieses drängende Problem hinzuweisen, empfiehlt Publikative.org der FDP eine Twitter-Aktion zu initiieren – hashtag: #urschrei.

Siehe auch: Brüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!Der “Focus” und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denkenGaming: Den Endsieg erlebenDoppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart,  In einem fernen Land …Quo vadis Piraten?Zwischen Testosteron und Tradition – Menstruation ist MensurneidPutzgutschein über 350 Millionen EuroNicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

Wenn der Aufschrei im Halse stecken bleibt…

Manchmal will ich auch aufschreien. Eigentlich sogar ziemlich oft. Allerdings sind Männer und ihre missglückten Anmachsprüche eher seltener der Grund dafür. Die kontert man weg und wendet sich dann wieder anderen Dingen zu …

Von Ramona Ambs, zuerst veröffentlicht bei Hagalil

Wirklich aufschreien will ich, wenn ich höre, wie vor zwei Tagen in Berlin eine obdachlose Frau so schwer von zwei Männern vergewaltigt wurde, dass sie kurzzeitig in Lebensgefahr schwebte. Da will ich aufschreien, weil man Frauen nicht schützt und weil sich offenbar kaum jemand für diese Geschichte intressiert, weil: war ja nur ne Obdachlose und die Täter hatten keine gehobene Position in einer abkratzenden Partei. Schreien könnt man da…

Aufschreien will ich auch, wenn ich auf Frauenrechtlerinnen treffe, deren Aktivitäten man getrost als zudringlich und übergriffig bezeichnen kann, mit Äußerungen über andere Frauen, die es an jedem Respekt mangeln lassen. Insbesondere Prostituierte werden von Feministinnen oft in einer Weise „opferisiert“ und entmündigt, dass man sich fragt, unter wem Sexarbeiterinnen eigentlich mehr zu leiden haben. Unkalkulierbare Freier oder engagierte Frauenbefreierinnen? Sexarbeiterinnen seien psychisch defekte Wesen: Entweder sie sind traumatisiert durch ihre Kindheit (und deshalb in diesen Beruf gerutscht) oder sie werden traumatisiert durch ihren Job. Aber auf jeden Fall sind sie traumatisiert und deshalb nicht mehr ernst zu nehmen so der feministische Tenor.[01] Fragt sich eigentlich auch mal jemand, was in einer Kindheit los war, wenn sich jemand entscheidet, Polizist zu werden? Und was lief schief, wenn einer Lehrer wird? Oder Journalist? Wo hocken denn da die feministischen Hobbypsychologen? – Schreien könnt man da …

Aufschreien will ich aber vor allem bei der letzten Aktion solcher Feministinnen. Die ukrainische Frauenrechtsgruppe Femen, die sich nun auch in Deutschland formiert hat, marschierte durch die Hamburger Herbertstraße, um gegen Prostitution zu demonstrieren. “Fire and Sword” nannte man die Aktion, die als barbusiger Fackelmarsch nur wenige Minuten gedauert hat. Und weil man ja nur hehre Ziele verfolgt und die armen Frauen befreien will, beschreibt man deren Situation so drastisch wie möglich. In Deutschland heißt das: man vergleicht die Situation der Prostituierten (und zwar egal ob freiwillig oder nicht) mit der Situation der Juden in Deutschland während der Shoa. Und deshalb sind bei Femen Bordelle “Sex-Ghettos”, die Sexindustrie ist der reine Faschismus und Prostitution natürlich Genozid an Frauen.

Sexindustrie als der Faschismus des 21. Jahrhunderts.
Sexindustrie als der Faschismus des 21. Jahrhunderts.

Und weil das offenbar nicht schon genug ist, mit den offensichtlichen Parallelen zum Judenmord, schmiert man dann auch an das Absperrgitter (das bezeichnenderweise von den Nazis eingeführt wurde, weil die es mit der Prostitution auch schon nicht so hatten) den Spruch: „Arbeit macht frei“.

Schreien könnt man da, wenns einem nicht die Sprache verschlagen würde …

Sie glauben, das sei ein Witz ?
Dann schauen Sie sich doch das Video der Aktion an:

Oder lesen Sie die Erklärung zu der Aktion „Fire and Sword“ auf der Facebookseite von Femen. Dort heißt es:

„Femen celebrated the opening of its German branch today with a protest aimed at shocking the Hamburg sex-industry. Naked and angry, armed with burning torches, the German sextremists marched in formation through the most famous brothel district of Germany. With their torches held high, the activists shined a light on the horrifying reality of the sex ghetto, where well-fed citizens buy up living female flesh in single and in bulk, overwhelmingly imported from Eastern Europe. FEMEN activists stood together powerfully in their determination to ban the sex-industry as the last existing form of female slavery. At the main entrance of the red light district, FEMENists painted the most notorious concentration camp slogan “Arbeit macht frei” (Work will set you free). The FEMEN movement believes that brothels are sex-concentration camps for woman, and the sex-industry as a whole is the modern embodiment of faschism and genocide. The torch march was a war cry against the German sex-industry and its mafia guardians. FEMEN Germany demand from the German government, to criminalize the sex-industry and hold its perpetrators, the client and the pimp, responsible. By doing this, they would bring an end to the shameless trading of women on the territory of the cultural-economical center of the European Union. “If in the near future we won’t succeed in eradicating prostitution legally, we will have to fall back on illegal methods. We will wash Germany clean of its shame as the European center of sex-genocide and this archaic form of slave trade”.

Jakob Augstein und die neue „Menschenrasse“

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Dafür, dass seine Kolumnen angeblich unproblematisch und nicht-antisemitisch waren, hat Jakob Augstein schon relativ lange nichts mehr über Israel geschrieben. Die Knesset-Wahl scheint für Israel-Kritiker eher nebensächlich  zu sein. Aktuell befasst sich Augstein mit der „Krise des weißen Mannes“ – und zeigt dabei ein fragwürdige Verständnis von Rassismus.

Von Patrick Gensing

Es geht um Rainer Brüderle, um Sexismus und Frauen. „Indische Verhältnisse drohen uns nicht“, gibt Augstein in seiner Kolumne bei Spiegel Online Entwarnung. Sicher, die Offenheit der sexualisierten Gewalt gegen Frauen unterscheidet sich wohl deutlich, in Deutschland finden die meisten Übergriffe in den Familien oder im sozialen Nahbereich statt. Allerdings übersieht Augstein, dass die Zahlen von geschätzten Vergewaltigungen und tatsächlichen Verurteilungen auch im Westen erschreckend sind. Und der alltägliche Sexismus in Deutschland wird nicht dadurch besser, dass es in Indien Gruppenvergewaltigungen gibt.

Welche Rolle spielt es in Augsteins Text, dass sexualisierte Gewalt und Sexismus zudem viel mit Machtverhältnissen zu tun haben? Es spielt eine Rolle:

Was tat die Frau da um Mitternacht an der Bar? Sie hat in einer Provokation die Macht der Jugend gegenüber der Schwäche des Alters ausgespielt.

Armer alter Mann – Rainer Brüderle als Opfer. Dagegen setzt Jakob Augstein die ambitionierte junge Frau, die ihre jugendlichen Reize zu fortgeschrittener Stunde an der Theke ausspielt. Er zieht den Vorfall damit auf eine rein individuelle Ebene.

Gleichzeitig meint Augstein aber, es spiele ohnehin keine Rolle, „ob Herr Brüderle an jenem denkwürdigen Abend vor dem Dreikönigstreffen der FDP an die Pforte der Frau Himmelreich klopfte oder nicht“. Die Geschichte erkläre „auch nicht die gemessene Windstärke des Debattensturms.“ Es sei nicht so, dass darüber noch nie geredet wurde, so Augstein weiter. Sicher, doch neu ist, dass die Debatte nicht einfach wieder beendet werden kann, da Tausende Frauen sich im Netz zu Wort melden und den Alltagssexismus dokumentieren.

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Augstein hat Größeres als dies im Sinn: „Diese Debatte legt für kurze Zeit den Blick auf eine viel bedeutungsvollere Entwicklung frei: Die Macht des weißen Mannes wankt.“ Eine These, die Publikative.org vor Kurzem ebenfalls aufgestellt hat, allerdings auch im Hinblick auf rassistische Kinderbücher und antisemitische Israel-Kritik, die zunehmend auf Widerspruch stoßen. Die Zeit und andere Zeitungen diskutierten bereits im vergangenen Jahr die Krise des weißen Macho-Mannes.

Augstein wählt aber einen anderen Ansatz, er übernimmt kurzerhand die Phantasmen von weißen Rassisten, die vor der „Vermischung der Rassen“ warnen und einen „Volkstod“ prophezeien. Der Verleger warnt zwar nicht vor dieser „Vermischung“ – im Gegenteil: Er findet sie gut – doch teilt er ein Weltbild, in dem  „Menschenrassen“ regieren, „Rassen“, die bislang unter sich geblieben seien und sich nun zunehmend vermischten. Es ist bei dieser Rhetorik nicht weit zu den „Samenkanonen“  – und zu der Demografie als Waffe.

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Interessanterweise beruft sich Augstein in diesem Zusammenhang auf den Journalisten Peter Scholl-Latour. Dieser schrieb mehrfach für die neurechte Junge Freiheit, die er ausdrücklich lobte, da es hier „noch unabhängige Geister in der deutschen Medienlandschaft“ gebe. Zum Thema weißer Mann zitiert Augstein diesen Experten mit Hang zum kulturalistischen Weltbild folgendermaßen:

Peter Scholl-Latour, der als einer der wenigen in Deutschland solche Fragen mit kühlem Kopf beurteilt, hat in Brasilien schon das Entstehen einer „raza cosmica“ beobachtet, einer globalisierten, vermischten Rasse, in der er die Zukunft der globalisierten Menschheit erkennt.

Ganz im Stil des neokolonialen Menschenkundlers wird bei Augstein also die Entdeckung einer neuen „Menschenrasse“ im geheimnisvollen Südamerika gemeldet. So ganz neu ist diese vermeintliche Entdeckung allerdings nicht, denn bereits im Jahr 1925 veröffentlichte der mexikanische Philosoph José Vasconcelos einen Essay mit dem Titel „La Raza Cósmica“. In dieser Dekade war die Idee einer „fünften Rasse“ populär, das Beste von indigenen Völkern und von europäischen Einwanderern sollte die neue „Rasse“ sein. Das Ganze basierte auf einem höchst biologistischen Weltbild – und so überrascht es auch nicht unbedingt, dass Vasconcelos offenbar ein Bewunderer Hitlers war:

Hitler represents, ultimately, an idea, the German idea, so often humiliated previously by French militarism and English perfidy. Truthfully, we find civilian governed ‚democracies‘ fighting against Hitler. But they are democracies in name only“. („La Inteligencia se impone“, Timon 16, June 8, 1940)

Zurück zu Augstein, der von Brasilien den Blick gen Norden wendet – zumindest dürfte die USA gemeint sein, wenn er schreibt:

In Amerika kehrt sich die Definition der ethnischen Minderheit gerade um: Zum ersten Mal wurden im vergangenen Jahr mehr nicht-weiße Babys als weiße geboren.

Gesellschaftliche Macht ergibt sich allerdings nicht einfach aus der zahlenmäßigen Stärke einer Gruppe, sonst hätte es nie eine Apartheid in Südafrika gegeben und die Frauen hätten längst das Zepter in Deutschland übernommen, die Sache ist deutlich komplexer. Gesellschaftliche Macht wird nicht im Kreißsaal gleichmäßig verteilt.

Veralteter Rassismus-Begriff

Gesellschaft ist für Augstein offenbar die Summe von Individuen, Anti-Rassismus bedeutet  für ihn Augstein offenkundig nicht, die Einteilung von Menschen in „Rassen“ oder geschlossene Kultursysteme abzulehnen, sondern Rassismus beginnt für ihn womöglich erst dann, wenn ein Neonazi „Neger raus!“ ruft. Zu der Sexismus-Debatte sei auf diese Artikel verwiesen.

Augsteins Rassismus-Ausführungen kommen noch antiquierter daher als seine Definition von Antisemitismus. Er nennt seine Kolumne „Im Zweifel links“ – doch Zweifel scheint er nicht zu kennen. Und das ist die wahre Krise des weißen Mannes.

Siehe auch: Weiße Zeitungen, buntes Netz – Definitionsmacht adéAugsteins Israelkritik: Eine Frage der Obsession