Verfassungsschutz warnt – die NPD verteilt

Die Mahnungen des niedersächsischen Verfassungsschutzes waren unübersehbar: „Jugendorganisation der NPD kündigt die Verteilung einer Schulhof -CD an“, lautete Anfang Dezember die Titelzeile einer Meldung, die allen Medien in Niedersachsen und weit darüber hinaus in die elektronischen Briefkasten flatterte. Für die Behörde in der hannöverschen Büttnerstraße war es d i e Gelegenheit, endlich einmal deutlich zu machen, warum man die Bezeichnung „ Geheimdienst“ verschmäht und sich stattdessen lieber als „Nachrichtendienst“ bezeichnen lässt.

Eine Glosse von Stefan Schölermann NDR Info

Eine Schulhof-CD der NPD wurde indiziert.
Eine Schulhof-CD der NPD wurde indiziert.

Denn überbracht wurde mit dieser Nachricht kein Geheimnis, sondern ein Hinweis, den die sogenannte NPD- Nachwuchsorganisation namens „ JN“ auf ihrer eigenen Internetseite ins Netz gestellt hatte. Wie berechtigt diese Warnung des Verfassungsschutzes vor der Gefährlichkeit der NPD gewesen ist, dafür lieferte die braune Truppe an diesem Wochenende dann selbst ein Beispiel – schlimmer noch: Mit einer geschickten Tarnung unterlief sie die Präventionsbemühungen der Sicherheitsbehörde.

Denn statt – wie der Name „Schulhof- CD“ es eigentlich erwarten ließ – das braune Propagandamachwerk vor Gymnasien und anderen Bildungsstätten an die junge Frau und den jungen Mann zu bringen, machte man überraschend die Fußgängerzonen von Buxtehude und Schwanewede zur Hauptkampflinie der Propagandaschlacht. Ausgebremst waren damit alle Abwehrversuche der Schulrektoren, die natürlich ebenfalls im Vorwege über die drohende CD-Gefahr informiert worden waren.

Und so gelang es der NPD nach eigenen Angaben tatsächlich „einige Exemplare“ ihrer sogenannten „Musik“ zu verteilen. Offenbar wussten die rechtsextremen Strategen, dass ihr Kernpublikum am Sonnabend ohnehin lieber in Fußgängerzonen herumlungert, als für die berufliche Zukunft zu lernen.

Mittlerweile sind die Mitglieder der von Skandalen gebeutelten NPD so selbstbewusst, dass sie mit ihren Propagandaattacken selbst vor der Staatsmacht nicht Halt machten. Man habe den Beamten des polizeilichen Staatsschutzes bereitwillig einige Exemplare der CD ausgehändigt , berichtet ein NPD- Spitzenmann – offenkundig ein dreister Versuch, den Beamteneid auf die Verfassung durch eine Gratisgabe zu unterhöhlen.

Doch hinter dem „Konzept Schulhof-CD“ steckt weit mehr hinterhältige Strategie, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Während Vorläufer dieser CD zugleich gratis als Download im Internet zur Verfügung standen (wer hat denn heute noch ein CD- Laufwerk?), setzen die Rechtsextremisten diesmal auf eine gezielte Verknappungsstrategie mit Marketingpotential: Von Download ist diesmal wohlweislich nicht die Rede – wer sie im Internet erwerben will, muss sie kaufen.

Geschickt hat man die Information an den Verfassungsschutz herangespielt, dass mit einer Gesamtauflage von bundesweit lediglich 20.000 Stück zu rechnen ist: Pro Bundesland sind das weniger als 1500 Exemplare. Die NPD kann offenbar Markwirtschaft: Es funktioniert wie auf dem Wohnungsmarkt: Je knapper ein Gut ist, desto mehr Geld lässt sich damit machen. Und wenn die Auflage von vornherein auf 20.000 limitiert ist, dann ist absehbar, dass die CD demnächst sogar Kultstatus erreichen wird.

Kultstatus aber wirkt in Sachen Preisgestaltung wie ein Energydrink: Er verleiht dem Marktwert des braunen Machwerks Flügel. Und damit offenbart sich die erkennbar langfristig angelegte Strategie der NPD-Vordenker: Die hatten wohl damit gerechnet, dass das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig der NPD eine saftige Rückzahlung von Staatsknete aufbrummen würde. Die zu erwartende Preisexplosion dieser „Schulhof-CD“ ist nun der ausgeklügelte Versuch, diese Finanz-Löcher wieder zu stopfen.

Also lautet das Gebot der Stunde: merkantile Gegenwehr: Wer sich vor dem kommerziellen Erfolg des braunen Machwerks schützen will, dem bleibt eigentlich nur eine Wahl: die Schwarzbrennerei. Wenn der Markt überschwemmt wird von Kopien der CD, dann fallen die Preise automatisch wieder in den Keller und die NPD kommt zurück unter die Fittiche in des Pleitegeiers. Verfassungsschutz – es gibt viel zu tun.

Siehe auch: „Die neue Volksmusik…“: vom Nazi-Rap zur Schulhof-CD, Damage für NS-HipHop, Nazi-Rock vom Schulchor: Und alle singen mit

„Die neue Volksmusik…“: vom Nazi-Rap zur Schulhof-CD

Die rechtsextreme Szene hat sich besonders seit dem Auftreten der „Autonomen Nationalisten“ unzähliger Jugendkulturen bedient. Auch HipHop blieb davon nicht verschont. Neben Graffiti nutzen Neonazis auch Rap für sich. Die NPD weiß ebenfalls um die Möglichkeiten mit Musik junge Menschen zu erreichen und stellt ihre „Schulhof-CD 2013“ vor.

von Benjamin Mayer

Die rechtsextreme Szene hat sich in den letzten 10 Jahren stark gewandelt – zumindest in ihrem Auftreten. Besonders die „Autonomen Nationalisten“ haben mir ihrem von den linken

Screenshot des Facebookprofils

Autonomen entnommenen Stil der Szene ein neues, ein modernes Äußeres verpasst. Der springerstiefeltragende Skinhead dürfte mittlerweile selbst unter Kameraden eher belächelt werden. Mit dieser stilistischen Modernisierung bedient sich die Szene bei nahezu allen Subkulturen, die sich zeitgemäß präsentieren. Egal, ob linke Stilelemente oder Hardcore, übernommen wurde alles, was gefiel. Seit einigen Jahren finden sich zunehmend auch immer mehr rechtsextreme Musiker, welche den Rap für die Verbreitung ihrer Ideologie nutzen. Sie nennen sich n’Socialist Soundsystem, Villain051 oder Mic Revolte. Hört man sich den rechtsextremen Rap an, plärrt es einem aus den Boxen entgegen: „Das ist die neue Volksmusik…“. Doch auch der RechtsRap ist mit seinen Aussagen alles andere als subtil. So veröffentlichte der Rapper Villain051 den Track „Rap Holocaust“, der von Gewalt bis hin zum NS-Bezug alles enthält, was die Szene begeistert:

„Wir schreiben ein Buch, wie wir Deutschland befreien und nennen es mein Kampf Teil 2 […] Zusammen stehen wir in der blutigen Schlacht gegen die Migranten und Feinde des Volks“

Die rechtsextreme Szene selbst scheint ein eher gespaltenes Verhältnis zum RechtsRap zu haben. Ein Teil ist begeistert davon, dass nun endlich auch rassistischer und nationalistischer Rap als Wahlmöglichkeit zur Verfügung steht. Ein anderer Teil kann sich damit nicht anfreunden. In einschlägigen Foren spricht man vom „Niggergestammel“ und lehnt die allzu „undeutsche Musik“ für die „nationale Bewegung“ ab. Doch viele denken strategisch und haben ein rein instrumentelles Verhältnis zur Musik: „Es geht dabei nicht um gedanklich/weltanschauliche Anpassung an das BRD-System. Mit dieser Musik können wir unseren Wirkungskreis erweitern und somit nationale Inhalte in sämtlichen Jugendkulturen etablieren.“, schreiben beispielsweise die Nationalen Sozialisten Rostock zum Thema RechtsRap. Die Ideologie wird mit angesagter Musik, gut verpackt und teils kostenlos zum Download unter Jugendliche gebracht. Doch dies ist bereits seit vielen Jahren Strategie der Szene. Schon in den 1980ern stellte Ian Stuart Donaldson, Sänger der Band Skrewdriver, fest:

„Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden.“

Geändert hat sich an dieser Feststellung wenig. Nur die Vielfalt, die rechtsextreme Musiker heute bedienen, wäre wahrscheinlich noch in den 1990er Jahren undenkbar gewesen. Diesem Trend kann sich auch die NPD nicht verschließen. Ständig ist man hier auf der Suche nach Möglichkeiten vor allem junge Menschen für die menschenverachtende Ideologie zu begeistern. Schon 2004 vor der Landtagswahl in Sachsen verteilte die rechtsextreme Partei Musik-CD’s, um für sich zu werben. Unter dem Namen „Schulhof-CD“ ist dies eine mittlerweile bekannte Strategie der Partei.

„Seid stets Selbstdenker und unbequem…“

Cover der neuen Schulhof-CD

Auch im Januar 2013 wird es wieder eine derartige CD geben, wie die Partei vor kurzem bekannt gab. Eingebettet hatte die NPD ihre „Schulhof-CD“ immer in eine Erzählung von Rebellion und Aufstand. Die aktuelle CD wird von den Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der Partei, herausgegeben. Gezwungen jugendlich präsentiert sich dann auch deren frisch gewählter Vorsitzender in einem ersten Werbevideo. Nach altem Muster will man gegen „System“ und „Politische Korrektheit“ Jugendliche für die CD begeistern. Die auf der CD zusammengestellten Stücke decken daher auch eine breite Palette an Musikrichtungen ab. Vom RechtsRap über Hardcore bis zum klassischen Liedermacher ist alles auf der neuen „Schulhof-CD“ zu finden. Auch das n’Socialist Soundsystem ist auf der neuen Ausgabe der Propaganda-CD vertreten. Außerdem bieten Videos und das ausführliche Booklet ausreichend Möglichkeiten zur Selbstdarstellung der Jungen Nationaldemokraten:

„Ziel unserer Arbeit ist die Bildung einer eingeschworenen Gemeinschaft heimatverbundener Deutscher mit festen Wertvorstellungen. Dafür bieten wir zahlreiche Alternativen zum bestehenden System mitsamt seines tristen Alltags an.“

Damit auch eine Kontaktaufnahme zu den Rechtsextremen erleichtert wird, finden sich von Mail über Homepage bis zu Facebook allerlei Möglichkeiten sich an die Jugendorganisation der NPD zu wenden. Ab Januar 2013 soll die CD dann wieder an Schulen verteilt werden. Dies dürfte vor allem vor den anstehenden Wahlen 2013 von Bedeutung sein und als Vorbereitung dienen.

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