Drei Reime auf Böhmermann

Mit „Ich hab Polizei“ hat Jan Böhmermann a.k.a. Pol1z1stens0hn einen formidablen Internet-Hit gelandet. Die Gangster-Rap-Satire lässt sich sowohl als Loblied auf die Staatsgewalt als auch als Kritik an Polizeigewalt lesen, ist am Ende aber vor allem eines: ein billiges Identifikationsangebot.

Von Floris Biskamp

Eines muss man anerkennen: Was Jan Böhmermann da unter dem Pseudonym Pol1z1stens0hn macht, macht er gut – und das in doppelter Hinsicht.

Zum einen bewegen sich der Track „Ich hab Polizei“ und das zugehörige Video auf dem Niveau der Vorbilder von Haftbefehl und Kanye West. Ob das nun Lob oder Kritik ist, sei dahingestellt. Jedenfalls befindet sich Böhmermann auf der Höhe der Zeit, was seinen Track angenehm von den schalen Albernheiten abhebt, die man sonst so als Gangster-Rap-Persiflagen zu sehen bekommt.

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Das Akademische Karussell: Kritische Theorie 2.0

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um das Debütalbum der „Antilopen Gang“.

 Von Samuel Salzborn*

 Über viele Jahre hinweg war der deutschsprachige Rap geprägt von Gangsta- und Ghettoattitüden, die gerade deshalb so trivial waren, weil sie in Style verpackten, was inhaltsleer und in grandioser narzisstischer Selbstüberhöhung, verbunden mit Sexismus, Homophobie und oft auch Antisemitismus, die eigene Marginalität, statt sie zu reflektieren, schlichtweg leugnete und das Gefühl entstehen ließ, die Provinz an der Spree sei die Metropole am Hudson River. Die wesentlichen Züge dieser postmodernen Rap-Rebellion, in der statt die tatsächliche gesellschaftliche Wirklichkeit zu reflektieren, schlicht die eigenen Phantasien für diese gehalten und in Reime verpackt wurden, haben bereits vor einiger Zeit „Anarchist Academy“ im ursprünglichen Line-Up in dem Track „Die total verrückten Crazyboys schlagen zurück“ hinreichend zusammengefasst.

Nun aber scheint ein neuer Stern am Himmel der musikalischen Gesellschaftskritik zu erleuchten, der gerade deshalb so authentischer Rap ist, weil er es nicht ist – und damit an die vor allem amerikanische Entstehungsgeschichte des Rap, aber auch an die Crossover-Projekte von Rap- und Metal-Acts in den 1990er Jahren anschließt, in denen Stilelemente des Rap aufgrund eines grundlegenden Anspruchs als Artikulationsform von Gesellschaftskritik nicht mythologisiert, sondern interaktiv collagiert wurden.

Die musikalischen Einflüsse auf dem Debütalbum „Aversion“ der „Antilopen Gang“ sind so vielfältig und gerade deshalb authentisch als Rap, weil sie die musikalische Dynamik bewahren, in der Rap eben immer auch Sampling anderer Musikstile bedeutet, was paradigmatisch in der Line „Deutschrap muss sterben, damit wir leben können“ zum Ausdruck kommt, die als variiertes „Slime“-Zitat sofort jedem auffällt, der nur rudimentär mit der Geschichte des Punk vertraut ist – und damit zugleich den Bogen spannt zum historischen Kontext, der seinerseits wiederum ein deutsch-völkisches Zitat auf einem Hamburger Kriegerdenkmal umkehrte.

Über „Aversion“ ist viel gesagt und geschrieben worden, insbesondere der Track „Beate Zschäpe hört U2“ war und ist in aller Munde, nicht erst, seitdem ein ehemaliger RBB-Radiomoderator – wie bereits erwartet – mit seinem Versuch der juristischen Abmahnung der Band gescheitert ist . Der Track ist wie lange kein Musikstück mehr auf der Höhe der gesellschaftstheoretischen Debatte und fasst die Wirklichkeit des Antisemitismus in Deutschland besser zusammen, als viele der bisher vorgelegten wissenschaftlichen oder publizistischen Analysen – weil er gleichermaßen Banalität und Brutalität einfängt, den Schmerz ebenso fühlbar macht, wie den Wahn.

Und in der Visualisierung im Videoclip wird eine Wahrheit noch angedeutet, die bis heute – soweit ich sehe – noch niemand intensiver reflektiert hat: der Zusammenhang von dem Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft durch das DFB-Team und die Eskalation rassistischer und antisemitischer Gewalt, wie er gleichermaßen nach dem WM-Titelgewinn 1990 (im Hintergrund des Videos läuft im Fernseher des Wohnzimmers das Strafstoßtor von Andreas Brehme aus dem Finalspiel) wie 2014 zu beobachten war und ist. Die „Antilopen Gang“ formuliert insofern also ganz am Rande auch eine Forschungsagenda, die es zu bearbeiten gelten würde, nämlich die Frage, ob es zu solchen rassistischen und antisemitischen Bahnbrechungen im völkischen Gemeinschaftsgefühl der Deutschen nicht nur nach 1990 und 2014 kam und die fußballerischen Erfolge also nicht nur in diesen beiden Fällen völkische Eskalationen motiviert haben, sondern auch 1954 und 1974? Ein spannendes Projekt, für das sich sicher keine Geldgeber finden werden.

Aber „Aversion“ ist noch mehr, vielleicht so etwas wie die musikalische Formulierung von Kritischer Theorie für das Jahr 2015: das Album wird nicht nur getragen von einem unglaublich weitreichenden Reflexionsniveau politischer und gesellschaftlicher Prozesse (der Track „Ikearegal“ zeichnet ein präzises Panorama der sich selbstkritisch generierenden, selbstverliebten, arroganten gesellschaftlichen Mitte, die „jeden dummen Vorschlag einfach supermegastark“ findet und die letztlich an ihrer zwanghaften Selbstdisziplinierung zwischen Veganismus und Vorzeigebetroffenheit, Pünktlichkeit und Ordnung, Hipsterkultur und Spießigkeit, „Süddeutscher Zeitung“ und Disco-Clique erstickt), einer nachhaltigen Fähigkeit zur Selbstkritik (in „Enkeltrick“ chargiert die rezipierbare Rolle des lyrischen Ich zwischen sympatisierungs- und verachtungswürdig, in „Verliebt“ wird die – geschlechtsneutral erzählte – Selbst- und Fremdwahrnehmung so subtil gewechselt, dass man beim ersten Hören selbst die Wahrnehmung verliert, ob man denn nun in den aktiven oder in den passiven Part, also in die Rolle der reflektierten oder der unreflektierten Person versetzt wird), einem ebenso klaren Wissen um Notwendigkeit und Kraft der Negation, die wohl den Kern der klassischen Kritischen Theorie ausmacht (allerdings vielleicht etwas zu unmittelbar vorgetragen in „Anti Alles Aktion“), aber auch der leisen und traurigen Erzählung vom schmerzenden Verlust eines offenbar großen Freundes (NMZS), mehrfach angedeutet, am deutlichsten aber in den „Trümmermännern“ ausbuchstabiert.

Kritik, Selbstkritik, Negation und Empathie – gerade in dem über weite Strecken durchgehaltenen Sujet liegt die Option, die Hoffnung auf eine Erneuerung Kritischer Theorie in der Musik im Zeitalter ihrer „technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) nicht aufgeben zu müssen. Bemerkenswert hierbei ist auch, dass die „Antilopen Gang“ die Ambivalenzen bürgerlicher Vergesellschaftung auch gerade in sich selbst emanzipativ etikettierenden Bewegungen reflektiert, etwa wenn in „Beate Zschäpe hört U2“ das reaktionäre Implikat von „Volksentscheiden auf Bundesebene“ thematisiert wird, mit Blick auf Occupy- und Stuttgart21-Proteste in „Anti Alles Aktion“ der Gedanke aufgegriffen wird, dass in diesen Protesten so viel reaktionäres und totalitäres Potenzial liegt, dass es fortschrittlicher sein kann, gegen sie zu sein oder wenn in „Beton“ die dogmatischen Zementierungen der Öko-Bewegung einer Radikalkritik unterzogen werden, die das steinerne Herz so mancher Ökofundamentalisten ebenso erweichen müsste, wie allerdings auch das ihrer diametralen, technikfetischisierenden Gegner: „Unter dem Asphalt liegt nur nutzloses Brachland“, heißt es thematisch passend in historischer Anspielung in „Der goldene Presslufthammer“.

Und dann ist da noch der Track „Outlaws“ – neben „Ikearegal“ der mit Abstand beste Track auf dem Album: Ein Song, der verdeutlicht, wie die Schwachen der Gesellschaft sich durch Stigmatisierung und Ausgrenzung in einer autoritären Reaktion neue Schwache schaffen und damit ihre Pseudoetabliertheit zu etablieren versuchen. In der „Welt, in der du lebst, ist jeder jedem egal / Das Zentrum der Gesellschaft ist wie ein Ikearegal“ heißt es im gleichnamigen Track, der die gesellschaftsanalytische Folie für die Konsequenz liefert, die in „Outlaws“ formuliert wird: „… im Zweifel bleib ich lieber allein / Wenn sich die Mehrheit faschisiert, musst du Minderheit sein“.

Antilopen Gang: Aversion, JKP 2014.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“

Deutscher Rap: Nicht jeder Rüpel ist ein Antisemit

Deutscher Rap hat ein Antisemitismusproblem und darüber muss gesprochen werden. Die Art, in der dies geschieht, ist bisweilen jedoch selbst fragwürdig. Das zeigte sich jüngst wieder, als ein NDR-Tatort noch vor seiner Ausstrahlung einen Sturm im Wasserglas entfachte.

Von Floris Biskamp

"Rüpel-Rapper" Haftbefehl ist reflektierter als mancher SZ-Karikaturist. (Foto: YouTube-Screenshot | https://www.youtube.com/watch?v=ve1RgXPWTdk)
„Rüpel-Rapper“ Haftbefehl ist reflektierter als mancher SZ-Karikaturist. (Foto: YouTube-Screenshot | https://www.youtube.com/watch?v=ve1RgXPWTdk)

Auslöser war eine Szene, in der sich Jugendliche ein Musikvideo des Rappers Haftbefehl ansehen. Skandalisiert wurde die – im Tatort gar nicht zu hörende – Zeile „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse.“ Auf den ersten Blick handelt es sich tatsächlich um einen Skandal: Die Zeile reproduziert ein gängiges Klischee über Juden und der Track, aus dem sie stammt, wird in einem öffentlich-rechtlichen TV-Format vor einem Millionenpublikum kritik- und kommentarlos wiedergegeben. Betrachtet man den Fall jedoch im gesellschaftlichen und künstlerischen Kontext, wird deutlich, dass die Stilisierung von Haftbefehl zum handfesten Antisemiten schlicht unangemessen ist.

Leider beruhen viele Texte über Antisemitismus im deutschen Rap darauf, dass sich Autoren die passenden Textstellen heraussuchen, sie hintereinander aufreihen und diese selbst erstellte Aneinanderreihung dann als einen roten Faden verkaufen. Mit einer solchen Herangehensweise kommt man zwar zu klaren Ergebnissen, aber zu keiner realistischen Einschätzung der Verbreitung von Antisemitismus im Hip Hop. Will man diese erreichen, muss man sich ernsthafter mit dem Genre auseinandersetzen, als es üblicherweise geschieht.

Systematische verbale Enthemmung

Zunächst gilt es zu verstehen, dass in breiten Strömungen des Hip Hop nicht nur eine verbale Enthemmung vorherrscht, sondern systematisch Normbruch um des Normbruchs willen betrieben wird – auch wenn damit oftmals gar kein entsprechendes Weltbild verbunden ist. Das lässt sich anhand der beiden Alben erläutern, die Kool Savas und Taktlo$$ um die Jahrtausendwende unter dem Namen Westberlin Maskulin veröffentlichten. Auf diesen finden sich neben einer schier endlosen Anzahl von sexistischen und frauenverachtenden Zeilen auch solche, in denen die beiden sich selbst als Nazis, die imaginären Battle-Gegner als Juden identifizieren. Wenn sie sich als „Berliner Angriffs-Sturmstaffel“ bezeichnen, ist das eine SS-Referenz, daran lassen sie keinen Zweifel: „Ich ziehe Parallelen und sehe mich als Gruppenleiter im ‚Rappen macht frei‘-Lager.“ Das Ziel „heißt Massenvernichtung von Wack-MCs.“ „Du bist Jude, ich bin Rassist.“ „Taktlesus, KKS sind Arier, Nigga!“

Jedoch findet man bei Westberlin Maskulin – so paradox es klingen mag – keinen Hinweis auf antisemitische oder rassistische Gesinnung. Es wird nirgends ein Bild von einer Gesellschaft konstruiert, die von finsteren Mächten im Hintergrund geschweige denn von Juden regiert wird; nirgends wird suggeriert, Juden seien in irgendeiner Hinsicht besonders gefährlich, hinterlistig, mächtig, klug, dumm oder sonst etwas. Im Gegenteil wird die vom Wortsinn der zitierten Stellen scheinbar implizierte ideologische Positionierung durch den Kontext immer wieder ad absurdum geführt. Beispielsweise wenn Taktlo$$ – selbst ein Schwarzer – rappt: „Ich kooperiere mit dem KKK und quäle Nigga nur so aus Spaß.“ Absurder noch Savas, der reimt: „Ich bin ein Nazi. Hitler ist mein Vater. Kool Savas ist mehr Rap als Afrika Bambaata!“

Jeder denkbare Normbruch wird vollzogen

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht darum, antisemitische Werke durch eine eigentliche, hinter den Werken verborgene Motivation der Künstler wegzudiskutieren: Wenn jemand ein antisemitisches Kunstwerk schafft, ist es relativ egal, welche Intention er damit verfolgt hat. Jedoch sind die Texte von Westberlin Maskulin einfach kein Beispiel für antisemitische Gesinnung, weil überhaupt kein entsprechendes Weltbild transportiert wird. Es wird einfach nur jeder auch nur denkbare Normbruch vollzogen. Das ist weder harmlos noch emanzipatorisch. Dumme Witze auf Kosten von Holocaust-Opfern sind schwer zu ertragende Geschmacklosigkeiten. Doch sind sie im Falle von Westberlin Maskulin eben genau das: gezielte Geschmacklosigkeiten, um den Geschmack zu verletzen. Die beiden sagen alles, ‚was man nicht sagt‘ – der Nationalsozialismus ist dabei nur eine Gelegenheit unter vielen. Einige Kostproben: „Der Fernseher ist an, ich freu mich über Tote im KZ, die Vergewaltigung im andern Film ist auch ganz nett.“ „Wer bastelt Briefbomben und verschickt sie wahllos? Taktlo$$.“ „Ich ficke dich jetzt und später dein Kind. Wenn ich AIDS haben sollte, hat es deine Mutter auch.“ „Maskulin im Auto mit der Uzi schießen wahllos auf Passanten.“

Jedoch wäre es falsch, aus diesen Überlegungen zu folgern, dass es im deutschen Rap keinen Antisemitismus gibt, der kritisiert werden muss. Diesen Fehlschluss zog Frédéric Schwilden kürzlich in der Welt, indem er kurzerhand jede Äußerung von Antisemitismus im Rap zum bloßen „Spiel, um die linksliberalen Spießer zu schocken“, erklärt – ein Spiel, das für ihn erst bei handfester Gewaltkriminalität aufhört:

Kein Spiel ist natürlich der reale Angriff auf den Rabbiner, das ist eine Straftat. Kein Spiel ist es, Schwule anzugreifen. Lesben zu bespucken. Ungläubige abzuziehen, weil sie eben Ungläubige sind. Das muss strafrechtlich verfolgt werden.

Damit macht er es sich aber zu einfach. Dies wird schon deutlich, weil sein Argument so allgemein formuliert ist, dass es streng genommen auch für Nazi-Bands wie Landser oder Gigi und die braunen Stadtmusikanten gelten müsste. Auch deren Texte und Auftritte strotzen schließlich vor Mittelfinger-Mentalität und Ironie, auch deren Protagonisten kommen wohl aus Milieus, in denen man wenige verbale Hemmungen kennt und gerne die linksliberale Öffentlichkeit provoziert. Auch hier müsste man mit Schwilden sagen: Gewalt ist Gewalt, aber Kunst ist Kunst und eigentlich nur ein Spiel.

Hassverbrechen beginnen nicht bei körperlicher Gewalt

Jedoch ist ein antisemitischer Überfall mehr als bloß ein Überfall, er ist das Produkt einer Ideologie, welche die Täter zuvor aufgesogen haben. Daher ist auch das Äußern und Verbreiten der Ideologie, die zu solchen Hassverbrechen führt, Teil des Problems. Es ist relativ leicht herauszuarbeiten, dass die oben genannten Nazi-Bands ihre Ideologie trotz aller ironischen Textzeilen ernst meinen.

Ernstgemeinte antisemitische Ideologie findet man auch im deutschen Rap. Dafür sollte man aber nicht als erstes an den verbal explizitesten Stellen suchen. Im Gegenteil finden sich die ärgsten Manifestationen antisemitischer Ideologie meist in Tracks, die als kluge oder gar mutige Kritik gesellschaftlicher Zustände daherkommen. Problematisch sind vor allem zwei Motive: Zum einen verschwörungstheoretische Texte, in denen Politik und Gesellschaft insgesamt als Produkt finsterer Mächte und Geheimorganisationen dargestellt werden. Diese werden dann mal explizit mit Juden identifiziert, mal bleibt es beim Geraune über Freimaurer, Logen, Bilderberger oder andere Strippenzieher. Zum anderen sprechen deutsche Rapper immer wieder den Nahostkonflikt an, der dabei oft zu einer einseitigen völkermörderischen Unterdrückung friedlicher, hilf- und wehrloser Palästinenser durch bösartige Israelis umgedeutet wird. Sowohl die verschwörungstheoretische Deutung der Gesellschaft als auch die Dämonisierung und Delegitimierung Israels sind bekannte Ausdrucksformen antisemitischer Ideologie.

„Kontra Netanjahu“, „kontra Tel Aviv“, „kontra Zins“, „kontra Parasit“!

Besonders problematisch wird es, wenn beide Motive zusammenkommen und Israel explizit als Teil einer Verschwörung inszeniert wird, welche die Gesellschaft dominiert. Ein Beispiel hierfür ist der kürzlich veröffentlichte Track Contraband der beiden Ruhrgebiet-Rapper Fard und Snaga. Die Strophen bestehen wesentlich aus einer Aneinanderreihung von Schlagworten, in denen die beiden sich für alles aussprechen was im autoritär-antisemitisch-antiimperialistischen Weltbild als gut gilt: „Pro Mujaheddin, pro Falestine“, „pro Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Che Guevara“, „pro Freiheit“ „und ja, pro Todesstrafe für Kinderschänder“.

Mit dieser Identifikation geht eine Feinderklärung einher, die aus einem Sammelsurium von Motiven aus Antisemitismus und Verschwörungstheorie besteht: „Kontra Netanjahu“, „kontra Tel Aviv“, „kontra Bank“, „kontra Zins“, „kontra Parasit“ und „kollektiv, kontra Bilderberger, Volksverräter, Hintermänner“. Frédéric Schwilden beharrt darauf, dass es sich auch bei diesem Track um ‚Spiel‘ und um bloße Provokation handelt – doch damit täuscht er sich. Denn eine ironische Brechung der antisemitischen Feindbestimmung findet sich im Track nicht. Die im Video zu sehenden Schusswaffen dürften ebenso falsch sein wie die behauptete Militanz. Das antisemitische Weltbild dagegen, das ist echt.

Versteht man, dass der Antisemitismus im deutschen Rap nicht so sehr in den Pöbel-Lines sondern in den ernsthaften zu suchen ist, wird umso deutlicher dass Hip Hop in Sachen Antisemitismus kein popkulturelles Monopol, ja nicht einmal eine Sonderstellung innehat. Sowohl strukturell antisemitische Verschwörungstheorien als auch israelbezogenen Antisemitismus findet man leicht auch im Deutschpunk, im Hardcore, bei linken und bei rechten Liedermachern sowie bei britischen Prog-Rock-Legenden.

Doch wie ist es nun um Haftbefehl bestellt? In den Texten des Offenbachers finden sich vier problematische Stellen. Die schlimmste ist die älteste. In einer seiner ersten Aufnahmen heißt es:

Du nennst mich Terrorrist ich nenne dich Hurensohn,
Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum,
Habe euch durchschaut und sage das zu eurem Krieg,
Ihr wollt nur Waffen verkaufen und die Taschen voll mit Kies.

Viel offener als in diesem Jahre vor seinen ersten professionellen Veröffentlichungen aufgenommenen Track kann Antisemitismus nicht auftreten. Antisemitische Aussagen von dieser Deutlichkeit finden sich in seinen späteren Texten jedoch überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil hat sich Haftbefehl später in aller wünschenswerten Deutlichkeit von diesen Zeilen distanziert.

Auch die Hochkultur wimmelt von „Börsenjuden“

Hinzu kommen explizite Aussagen über Juden, nämlich: „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse“, und: „Mein jüdischer Anwalt holt mich da raus“. Damit werden Klischees über Juden reproduziert, denen ‚klassisch-jüdische‘ Tätigkeiten zugeschrieben werden. Doch die jüngst von diesen Zeilen ausgelöste Aufregung ist nicht nachvollziehbar. Der Bezug auf Juden ist aufgrund der im Genre üblichen verbalen Enthemmung zwar offener formuliert, als man es gewohnt ist – doch in wie vielen anderen Zeugnissen der modernen Kultur, in wie vielen Theaterstücken, Büchern, Filmen oder Serien gibt es jüdische Figuren, die im Finanzsektor oder im Rechtswesen arbeiten? Es sei an den Bankdirektor Leo Fischel in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften sowie an den Anwalt Maurice Levy in The Wire erinnert. Hätte es im Wasserglas denn auch gestürmt, wenn im Tatort bildungsbürgerliche Protagonist_innen gezeigt worden wären, die eines dieser beiden Werke konsumieren? Oder wirklich antisemitische Zeugnisse der ‚Hochkultur‘ wie Walsers Tod eines Kritikers, Wagners Parsifal oder Fassbinders Die Stadt, der Müll und der Tod? Wäre der Tatort dann auch dann zum Fall für den Rundfunkrat geworden? Hätten bild.de, focus.de und welt.de umgehend Artikel rausgehauen? Wohl kaum.

Eine andere Qualität hat der Track Free Palestine, ebenfalls aus dem Jahre 2010. In diesem gänzlich ernsthaften, unironischen Text bekennen sich Haftbefehl und sein Partner Chaker zwar zunächst zur Gleichheit aller Menschen („Mensch ist Mensch. Egal ob Isaak, ob Ismail“), die Verletzung dieser Norm werfen sie jedoch vor allem Israel vor. Ihre Analyse des Nahostkonflikts ist nicht nur einseitig, sondern trägt auch deutlich verschwörungstheoretische Züge: „Alles dreht sich um Geld. Ihr denkt nur ans Abkassieren und an die Prämien. Alle Präsidenten dieser Welt, treffen sich auf ein‘ Kaffee und ne‘ Line in Bolivien. Alles Lügen in den Medien.“ Dementsprechend fällt auch die Lösung des Konflikts aus: „Ich sag Free Palestine! Stoppt den Krieg! Boykott Israel!“ Hier handelt es sich nicht um Ironie, Provokation oder ‚Spiel‘, sondern um Gesinnung, um israelbezogenen und verschwörungstheoretischen Antisemitismus à la Augstein, Grass, Süddeutsche Zeitung oder Linkspartei.

Haftbefehl ist weiter als mancher Feuilleton-Karikaturist

Jedoch hat Haftbefehl dem linksliberalen Feuilleton zweierlei voraus: Erstens datieren seine letzten antisemitischen Textpassagen aus dem Jahre 2010, in den zahlreichen neueren Veröffentlichung finden sich keine derartigen Zeilen mehr. Zweitens fällt Haftbefehl dadurch angenehm auf, dass seine Reaktionen auf die Kritik an den antisemitischen Passagen von tatsächlichem Problembewusstsein zeugen. In seiner nach dem Tatort veröffentlichten Erklärung nimmt er zwar zunächst die in solchen Erklärungen leider üblichen Verleugnungen vor und führt aus, er könne gar kein Antisemit sein, weil er ja nichts gegen Juden habe. Jedoch hält er auch fest:

Ein Aspekt des Antisemitismus ist die Gleichsetzung vom Judentum und Geld, die ich für falsch und dumm halte. Ich verstehe und sehe ein, dass bei Vorurteilen gegenüber Juden und anderen Minderheiten – besonders in diesem Land – jede Aussage auf die Goldwaage gelegt werden muss.

Für einen „antisemitischen Rüpel-Rapper“ (so Daniel Killy in der Jüdischen Allgemeinen über Haftbefehl) gar nicht so schlecht, oder? Jedenfalls um Längen reflektierter als die typischen Reaktionen linksliberaler Feuilletonisten. Nachdem der SZ-Karikaturist Burkhard Mohr dafür kritisiert worden war, dass er Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als gierige Krake illustriert hatte, schrieb er: „Es tut mir sehr leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist.“ Damit negiert er den antisemitischen Gehalt seines Bildes einfach. Der Subtext lautet: „Das Problem ist nicht, dass ich Juden als Kraken zeichne, das Problem seid Ihr, die Ihr mich missversteht.“

Kurzum: Die deutsche Gesellschaft hat ein Antisemitismusproblem, das auch im deutschen Rap im Allgemeinen und in einigen Zeilen von Haftbefehl im Besonderen zum Ausdruck kommt. Deswegen aber so zu tun, als sei Haftbefehl ein relevanter Akteur des deutschen Antisemitismus, dessen bloßes Auftauchen im Tatort skandalös wäre, ist maßlos übertrieben und übersieht relevantere Ausdrucksformen von Antisemitismus – sowohl im Hip Hop als auch in der sonstigen Gegenwartskultur.

Samy Deluxe: „Fußball-Fans viel schlimmer als Rap-Fans“

Gestern libertär, heute reaktionär: Der Hamburger Vorzeigerapper Samy Deluxe ist bei weitem nicht das erste Popkultur-Sternchen, dass den wertkonservativen Spießbürger in sich entdeckt. Aber getreu dem Motto „Scheiße erkennen – Scheiße beim Namen nennen“, lassen wir es uns nicht nehmen, zu dissen, wer gedisst werden muss.

Von Redaktion publikative.org

In einem Interview mit Sport1, das sich eigentlich um die spüortliche Situation des HSV drehte, fühlte sich Samy Deluxe bemüßigt, folgendes Geplapper von sich zu geben:

Hooligans? Ultras? Alles, was im Leben extrem ist, ist sehr gefährlich. Vielen Leuten fehlt heutzutage der Glaube an innere Werte. […] Was mich schockiert ist, dass Rap immer noch das Unheil der Menschheit sein soll. Dabei sind Fußball-Fans viel schlimmer drauf als Rap-Fans bei einem Konzert. Jeder Fußballer wird mit Millionen-Deals zugeschüttet und das, was da an negativem Kram passiert, schockiert auch, aber die Leute reflektieren das nie auf den Fußball. Sobald ein Rapper Gangster ist, sind wir alle Gangster. Das nervt mich.

Genau. Uns nervt dagegen, wenn Leute unreflektiert vor sich hinbrabbeln, um ihr Weltbild noch ein bisschen besser zementieren zu können. Aber darin gefällt sich Samy Deluxe ja schon länger, spätestens seit er sich berufen fühlte, eine Nationalstolz-Debatte loszutreten, die mit Versen wie „Wir haben keinen Nationalstolz – und das alles bloß wegen Adolf – ja toll schöne Scheiße der Typ war doch eigentlich ’n Österreicher“ untermauert wurde. In diesem Sinne: Dis is wo wir herkommen. Und tschüß.

Typisch deutscher Vorzeigerapper: Samy Deluxe macht Konsensmucke für Mehrheiten. (Foto: filedump | http://www.flickr.com/photos/filedump/ | CC BY-SA 2.0)
Typisch deutscher Vorzeigerapper: Samy Deluxe macht Konsensmucke für Mehrheiten. (Foto: filedump | http://www.flickr.com/photos/filedump/ | CC BY-SA 2.0)

Rapper Haftbefehl: Deutschland im Spiegel

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl ist derzeit einer der erfolgreichsten Künstler des Genres. Während er von der Kritik zumeist überschwänglich gefeiert wird, halten sich Lob und offener Hass im Internet die Waage.

Von Boris M. Peltonen

Rap ist Wettkampf. Der Konkurrenzkampf zwischen den Akteuren auf dem Markt für Rapmusik dehnt sich je nach Genre auf alles Erdenkliche aus: Raptechnik, Kreativität im Vergleichen, Penislänge, Potenz, Anzahl der Geschlechtspartner Reichtum usw. Im Bereich Straßenrap geht es zusätzlich um die Behauptung und Anzweiflung der Straßenkredibilität der Künstler. Der Wettstreit ist also nicht nur auf das Lyrische beschränkt. Der Kampf um die Gunst der Hörerschaft, sprich um die Verkaufszahlen, ist real und soll den Weg aus dem Leben im Viertel ebnen.

Im deutschen Straßenrap ist ein Name seit fast drei Jahren nicht mehr wegzudenken: Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan. Die Meinung unter Rapkennern über Haftbefehl scheint einhellig: Ob andere Künstler wie Jan Delay, Kulturjournalisten oder Produzenten: Haftbefehl wird auf musikalischer und sprachlicher Ebene als Bereicherung für das Rapgeschäft gesehen.

Doch auf Youtube fällt bei seinen Videos neben den hohen Klickzahlen auf, dass der Bewertungsbalken oft einer zweifarbigen Kapsel ähnelt, positive und negative Stimmen halten sich die Waage. Die Reaktion darauf, dass seine Musik sich zunehmend durchsetzt, und er den Sprung aus Offenbach in die Charts geschafft hat, ist gespalten. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass es mittlerweile eine Armada von Haftbefehlhassern gibt, die sich hinter einer Vielzahl von Nutzernamen auf diversen Portalen verstecken. Doch woher weht der Gegenwind, der Haftbefehl im Internet orkanartig entgegen pfeift?

Kritik zwischen Sexismusvorwürfen und offenem Rassismus

Grob lassen sich aus der Masse der Leute, die ihn vehement ablehnen, zwei Gruppen herausdestillieren. Einmal die Moraltrompeter, um sich bei Nietzsche zu bedienen: Haftbefehl sei in seinen Texten sexistisch und gewaltverherrlichend. Weil Haftbefehl das Koksdealen im Frankfurter Bahnhofsviertel gelernt hat und darüber rappt, wird auch behauptet, Haftbefehl verleite mit seinen Geschichten über den Verkauf von Drogen jugendliche Hörer zum Dealen und Kokainkonsum. Über solche Schlussfolgerungen lässt sich streiten, dass Haftbefehls Texte genreüblich Drogenkonsum, Gewalt, Macho-Gangstertum und Sexismus verherrlichen, ist dagegen unbestreitbar.

Die weniger feinfühligen Hasser greifen nicht selten zu rassistischen Diffamierungen, die Haftbefehl auf Basis seiner kurdischen Herkunft angreifen. Haftbefehl solle erst einmal richtig Deutsch lernen, bevor er Musik mache, lautet das Lieblings-„Argument“ der Haft-Hasser . Genau diesen „Vorwurf“ greift der Rapper auf seinem letzten Album ‚Blockplatin’ explizit auf. So heißt es im Track „Money, Money“: „Sie sind neidisch wollen mir keinen Erfolg gönnen“, worauf eine Stimme in akzentfreiem Hochdeutsch eingespielt wird, die sagt, Haftbefehl habe „nicht mal einen Abschluss, der soll erstmal Deutsch lernen“. Haftbefehl antwortet: „Ich bang Euch mit ’ner deutschen P99 Handgun, reicht mein Deutsch denn?“ Und unter demselben Eindruck heißt es in einem weiteren Song: „Hast Du auch schwarze Haare? Welcome to Alemania.“

Ein unter dem Namen ‚Julien’ auftretender Video-Blogger hat sich an die Spitze der eher ressentimentgeladenen Gegnerschaft gestellt und besticht durch plumpe Belustigungsvideos, die nicht lustig sind, aber den Geschmack vieler Witzbolde treffen und dementsprechend Anklang finden. Außerordentlich beliebt sind Videos, in denen Julien Texte von Haftbefehl analysiert und ihre vermeintliche inhaltliche Sinnlosigkeit und den angeblich niedrigen reimtechnischen Standard offen legt. Dabei werden Reimketten und Originalität im Vergleichen denen anderer, ‚technischer’ Rappern wie Kollegah gegenübergestellt, mit dem Ergebnis, Haftbefehl sei Schrott. Das ist so, wie wenn man behauptet, E-Gitarren Virtuosen aus den 80ern wie Eddie van Halen, Joe Satriani oder Yngwie Malmsteem seien insgesamt ‚besser’ als John Lee Hooker oder andere Bluesgrößen.

Die Evolution des deutschen Straßenrap

Haftbefehl ist kein Rapper, der jedes Wort gestochen scharf ausspricht. Seine Texte sind von den Beats, auf die er rappt, nicht abgekoppelt, sondern zur Musik geschrieben. Man merkt das, wenn man auf den Versrhythmus achtet oder einen Remix seiner Lieder hört. Zu anderer Instrumentierung funktionieren die gesetzten Akzente nicht mehr. Um zu verstehen, warum seine Musik trotz allem populär ist, muss man sich in die Zeit zurückversetzen, als man selber Kind war und amerikanischen Rap gehört hat, ohne ihn zu verstehen. Die Stimme von Notorious BIG, Haftbefehls Idol, funktionierte auch als Instrument einfach gut. Die deutsche Sprache hat sich dazu lange nicht richtig geeignet. Verglichen mit englischsprachigem, französischem oder auch türkischen Rap flossen die Strophen auf Deutsch nicht so, wie sie es sollten. Der Klang war ungelenk, es hakte an Ecken und Enden und das tut es oftmals noch weiterhin.

In dieser Hinsicht war Kool Savas um die Jahrtausendwende eine Art poetische Revolution. Zunächst unter dem Einfluss von Harmonien betonendem Westcoast-Rap auf Englisch rappend und das Deutsche im Angesicht des Klangs deutscher Rapmusik seiner Zeit ablehnend, hat er angefangen das Deutsche fließen zu lassen. Sein Kreuzbergerisch mit einer türkisch angehauchten Aussprache hat die Musik unabhängig von seinen absolut versauten bzw. sexistischen Textinhalten stimmig klingen lassen. „Viele Leute mögen meine Flows und hassen meine Texte“, rappte Savas damals auf dem Westberlin-Maskulin-Klassiker „Battlekings“. Heute ist diese Aussprache, die z.B. sperrige ‚ch’-Laute zu weichen ‚sch’-Lauten einschmilzt, nahezu Usus. Auch der deutschstämmige Gymnasiast rappte seitdem zumeist so.

Haftbefehl setzt noch einmal einen drauf. Seine Sprache nennt er ‚Kanakisch’. Er hebt das ‚ch’ wieder hervor. Sein ‚ch’ ist aber ein arabisches ‚ch’, was bei der Aussprache des ‚H’s’ auftritt, beispielsweise jenes mit dem sein Künstlername beginnt. Er ist kein Araber, aber das ist egal. Es ist ihm gleich, ob er Wörter irgendwann auf der Straße aufgeschnappt hat, oder sie seinem alltäglichen Wortschatz entstammen. Es kann Türkisch, Kurdisch, Französisch, Englisch, Serbokroatisch oder gar Romani sein. Schlauköpfe bemerken gerne, dass sich die Texte an manchen Stellen nicht ‚richtig’ reimen und führen das auf die mangelnden Fähigkeiten des Künstlers zurück. Als ob ein Gedicht, das sich nicht reimt, von einem schlechten Poeten geschrieben sein muss.

Doch so einfach ist es nicht. Haftbefehls Zeilen müssen für ihn frisch klingen und in den Vibe des jeweiligen Songs passen, den er gerade schmiedet. Das hat Priorität, nicht die Schnelligkeit, mit der ein Text vorgetragen wird, oder die reimtechnische Versiertheit. Ein beeindruckendes Lied, das es wohl vorher im Deutschrap so noch nicht gegeben hat, ist „Mann im Spiegel“, in dem Haftbefehl den Suizid seines einst schwer depressiven Vaters reflektiert, was auch Auslöser dafür war, dass er als Jugendlicher auf die schiefe Bahn geriet und sich letztlich wegen eines Haftbefehls, daher der Name, im Ausland versteckt hat. Das Lied beginnt: „Viel zu lang glaubtest Du an die Liebe, das war Dein Untergang, Mann im Spiegel, guck Dich an, Du bist alt, krank und müde, wurdest allein gelassen, sogar von Familie (sic!).“ Die letzte Zeile des Liedes bezieht sich wieder auf die erste, die Verbindung wird durch die Wiederaufnahme des Reims, mit dem der Text beginnt, hergestellt: „Ich hab’ sie satt, Eure ganze Spiele und schreie ‚fickt Euch alle’ und baller’ mit mit ’ner Pumpgun in die Rübe.“

Der geneigte Hobbygermanist kann natürlich schmunzeln und behaupten, so etwas ist nun wirklich nichts Besonderes. Der Profilinguist sollte sich jedoch freuen. Für ihn eröffnet sich ein Feld, das ohne Haftbefehls Musik im Reich des Gesprochenen verborgen bleiben würde. Denn neben seiner Fähigkeit, seine Poetik in eine musikalisch und visuell ästhetisch ansprechende Form zu gießen, was weitaus nicht jedem deutschen Rapper gelingt, offenbart er sein eigenes Deutsch mit dem er nichts weniger tut, als gegen Sprache aufzubegehren. Ja, es geht hier um einen aus Offenbach stammenden Künstler mit kurdisch-türkischen Eltern, der keinen Schulabschluss hat und mit der Musik einen Weg gefunden hat, legal für seine Familie, zwei Brüder und seine Mutter, zu sorgen. Ein großmütiges Hinwegsehen über angebliche sprachliche Unzulänglichkeiten sind hier völlig fehl am Platz. Es ist völlig unsinnig, sein eigenes Mittelstufendeutsch als Maßstab zu nehmen. Das ist seine Sprache, sein Deutsch. Womit wir wieder bei der Moral angekommen sind.

Das Video zu dem Lied „Mann im Spiegel“ ist von den Klickzahlen auf Youtube das am wenigste erfolgreiche. Es beweist ein weiteres Mal, das Rap der härteren Gangart in Deutschland weiterhin hauptsächlich über die Entertainmentschiene läuft. Die Musik funktioniert in der breiten Öffentlichkeit über Provokation und kommt in den großen Medien nur dann vor, wenn „Rüpelrapper“ rote Linien überschreiten. Schnell gerät der Künstler in die Mühlen einer systematischen Desklassifizierung. Ohne die Texte zu kennen oder tatsächlich schlimm zu finden, werden sie von Seiten der Medien skandalisiert. Der Künstler ist frauenfeindlich, schwulenfeindlich sowieso. Als Teil einer Generation, die mit guter harter amerikanischer Rapmusik aufgewachsen ist, denkt man, man müsse sich angesichts seiner Freude darüber, dass es jetzt schon seit mehreren Jahren guten Straßenrap gibt, der auf der eigenen Muttersprache geschrieben ist, schämen.

Antisemitismus-Debatten? Ja, bitte!

Aber nicht jede Kritik und Ablehnung an der Musik Haftbefehls ist Teil des Ressentiments gegen erfolgreiche Straßenrapper. Es gibt die reinen Moralisten. Vor etwa einem Jahr habe auch ich dem Musiker und dem bei seinem Label unter Vertrag stehenden Künstlerduo Ćelo&Abdi Antisemitismus mit allen dazugehörenden Klischees in ihren Texten vorgeworfen. Über einen einzigen Kommentar zu dem Artikel hatte ich mich ganz besonders gefreut: „Lese ich zwischen den Zeilen ein hohes Maß an Verständnis für diese so genannten musikalischen Hassorgien?“ Ja, werter Leser, so ist es, denn Hassorgien sind es nicht.

Antisemitismus ist in allen seinen auftretenden Formen verachtenswert, aber es gibt wie bei jedem Ressentiment Abstufungen: Der amerikanisch-israelische Schriftsteller Tuvia Tenebom beschrieb seinen Eindruck eines Treffens mit türkischen Migranten aus Duisburg-Marxloh so: „Sie sagen ‚ihr verdammten Juden’, ich antworte mit ‚ihr verdammten Moslems’ – und dann gehen wir gemeinsam in ein Restaurant und lachen zusammen. Wie wir wissen, geht leider nicht jedes Treffen mit anti-israelisch und antisemitisch indoktrinierten Jugendlichen so aus, aber dennoch zeigt das Beispiel, dass es sich lohnen kann, nicht sofort jeden Dialog abzubrechen, sofern die Gegenseite zu einem solchen bereit ist.

Haftbefehl hat sich laut eigener Aussage in der Zeit, in der die kritisierten Textstellen entstanden sind, viel in arabischen Cafés herumgetrieben, die unter Al-Jazeera- Dauerbeschallung standen, in denen die Besucher wahrscheinlich ganz oft Beiträge über Israel mit „verdammte Juden“ kommentiert haben. Dennoch benutzt er diese Wortwahl nicht, sondern paart zum Teil anti-israelische Ressentiments mit Verschwörungsquatsch. Wenn solche Inhalte in die Musik einfließen, wird es vor allem dann problematisch, wenn niemand darüber stolpert oder es bei einem „so sind die halt“ belässt, anstatt die Debatte zu eröffnen…

Tuvia Tenenbom hat vor allem damit ein Problem, wenn Antisemitismus nicht offen „auf dem Tisch liegt.“ Deshalb: Hat es nicht ein andere Brisanz, wenn etwa ein greiser Professor Baring im ZDF behauptet, Juden seien auch Täter während des Zweiten Weltkriegs gewesen, mit dem offenbar inbrünstigen Wunsch eine Ehrenrettung Deutschlands voranzutreiben, er dann aber in der Öffentlichkeit nahezu ungeschoren davonkommt?

Oder ein Jakob Augstein, der in der wohl berühmtesten Verlegerfamilie der alten BRD aufgewachsen ist, der israelischen Regierung im haarsträubenden Duktus vorwirft „die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs“ zu führen? Wenn dann auf der anderen Seite dann ein Haftbefehl erzählt, dass bei seiner Familie die Polizei unangekündigt einreitet, weil sich auf der Facebook-Seite seines kleinen Bruders Fans antisemitisch äußern und sein Computer deshalb beschlagnahmt wird, dann wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen.

Jeder, der gerne Rapmusik hört, dem aber der Sound von Haftbefehls Musik nicht ausreichend Freude bereitet, als dass er oder sie über die nicht selten auftretenden bis an die Schmerzgrenze des Akzeptablen gehenden Zeilen hinwegschauen kann, sollte ein Lied weiterskippen. Ich mache das auch so. Etwa das Lied „Parallelen“ von Ćelo&Abdi und Haftbefehl, welches sich verschwörungstheoretischem Gebrabbel widmet und mit dümmlichen Anspielungen auf Selbstmordattentate versucht, „politisch“ daherzukommen. Wenn ich so etwas höre, läuten bei mir die Alarmglocken und ich schalte weg, um nicht mit solchem Unsinn zugemüllt zu werden. Das Hören des nächsten Liedes kann sich aber immer lohnen. Es könnte „Mann im Spiegel“ sein.

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Wer Armut sät, wird Gewalt ernten

„Plan B“, einer der derzeit erfolgreichsten englischen Rapper und Soul-Musiker, thematisiert in „Ill Manors“ soziale Isolation als Hintergrund der Londoner Riots vom vergangenen Sommer. Der Guardian feiert den Titeltrack bereits als „großartigsten britischen Protest-Song seit Jahren“.

Von Andrej Reisin

„We’ve had it with you politicians
you bloody rich kids never listen
There’s no such thing as broken Britain
we’re just bloody broke in Britain

What needs fixing is the system
not shop windows down in Brixton
Riots on the television
you can’t put us all in prison!

Oi! I said Oi!
What you looking at you little rich boy?“

So heißt es in „Ill Manors“, dem neuen Song und Musikvideo von „Plan B“, einem der derzeit erfolgreichsten englischen Rapper und Soul-Musiker, der mit seinem zweiten Studioalbum „The Defamation of Strickland Banks“ 2010 die britischen Charts anführte. Zu seinem neuen Konzeptalbum „Ill Manors“ hat das Multitalent, der bislang auch als Schauspieler tätig war, nun gleich einen ersten Spielfilm produziert. Thema: Soziale Isolation als Hintergrund der Londoner Riots vom vergangenen Sommer. Der Guardian feiert den Titeltrack bereits als „großartigsten britischen Protest-Song seit Jahren„. Trotz der in Video und Musik transportierten Wut geht es „Plan B“ nicht darum, die Gewalt der Riots zu glorifizieren, ganz im Gegenteil. In einem BBC-Interview erläutert er seine Motive:

Straßenszene während der Riots in London 2011 (Video-Screenshot)
So stellt sich die mediale Öffentlichkeit „Chavs“ vor: Straßenszene während der Riots in London 2011 (Video-Screenshot)

„Für mich macht es keinen Unterschied, ob man über Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts abwertend spricht oder in Bezug auf ihre soziale Herkunft. Der Begriff „Chav“ unterscheidet sich inhaltlich überhaupt nicht von anderen abwertenden Wörtern dieser Art, der einzige Unterschied ist, dass dieser Begriff einfach so in jeder Zeitung benutzt wird. Die Leute sollten sich darüber klar  werden, was es bedeutet, wenn sie sich über jemanden lustig machen, der weniger gebildet ist oder ärmer ist oder weniger Glück hatte: Wenn man jemanden dafür angreift, wie er redet, wie er sich anzieht, welche Musik er hört oder wie ungebildet er ist – und es völlig akzeptiert ist, all das in der Öffentlichkeit einfach so zu tun, dann fühlt sich derjenige massiv ausgegrenzt. Diese Leute fühlen sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft. Jedes Mal, wenn jemand „Chav“ sagt, gibt es da draußen jemanden, der bereit ist, dieses Stereotyp zu erfüllen, der sich sagt: ‚Ich werde eh nie ändern, wie ihr über mich denkt, also werde ich jetzt einfach euer Bild erfüllen und Öl ins Feuer gießen.'“

Kriminelle Kinder, die vor ihren Eltern gerettet werden müssen?

Weise Worte eines jungen Musikers, der die Mechanismen von sozialer Ausgrenzung besser verstanden zu haben scheint als die meisten Politiker oder Journalisten, egal ob in England oder in Deutschland, wo das Geschwätz über die „Unterschicht“ der HARTZ-IV-Empfänger, deren „Kinder vor ihnen Eltern gerettet“ werden müssten, auch ganze Zeitungsseiten füllt. Nutzlos zu erwähnen, dass es in dem zitierten Artikel von Dorothea Siems (der nur ein Beispiel unter vielen ist), von öffentlich verbreiteten Vorurteilen und Stereotypen nur so wimmelt und noch nicht mal der Versuch unternommen wird, irgendwelche empirisch belegbaren Argumente vorzutragen.

Gleiches gilt für die immer wiederkehrenden Endlosschleifen der „Randale“-Berichte hierzulande, egal ob zum 1. Mai, zu Fußballgewalt oder Jugendgangs. Außer dem stumpfen Verurteilen der Gewalt und der Diffamierung aller Beteiligten (außer der Polizei natürlich) als „hirnlose Kriminelle“ haben Politik und Presse in aller Regel nichts Analytisches beizutragen. Und wer es wagt, die Ereignisse kritischer zu hinterfragen, muss sich in aller Regel anhören, er verharmlose oder unterstütze den Gewaltexzess. Ein Vorwurf, der auch diesen Blog in schöner Regelmäßigkeit ereilt. Auch dazu äußert sich „Plan B“:

„Ich will in keiner Weise gutheißen, was während der Riots passiert ist. Es hat mich zutiefst abgestoßen und mich ganz krank gemacht. Aber mehr als alles andere hat es mich mit tiefer Traurigkeit erfüllt, denn durch all die Gewalt und all das Plündern haben diese Kids ihr eigenes Leben zehn Mal schwerer gemacht. Sie haben exakt das bestätigt, was bestimmte Teile der englischen Mittelschicht eh über sie denken. Die Frage, die ich stelle, lautet: Warum gibt es so viele Kids da draußen, denen es offenbar scheißegal ist, vorbestraft zu sein oder in den Knast zu gehen? Warum ist das so – und was werden wir dagegen unternehmen?“

Siehe auch: Weder gedankenlos noch unpolitischHalbzeitbilanz: Schwarz-Gelb spaltet die Gesellschaft