Das hässliche Gesicht der APO

Michael Fischer veröffentlicht die bislang beste biographische Skizze zu Horst Mahler. Fischer untersucht, ob die Wendung Mahlers vom Propagandisten und Kämpfer der RAF zum Propagandisten des Neo-Nationalsozialismus möglicherweise gar keine Wendung war, sondern eher als Teilstück einer biographischen und politischen Kontinuität zu verstehen ist.

Von Martin Jander

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Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne

Mit der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg endete zwar die Shoa, aber nicht der Antisemitismus. Dieser hat sich abseits der extremen Rechten seit 1945 langsam in der Form gewandelt, blieb in seinem Kern aber immer das, was er seit seinem Entstehen schon immer war: Ein Aufstand gegen die Probleme der Moderne. Und ein Mordanschlag auf Juden. 

Von Andreas Strippel

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Akademisches Karussell: Gerichtssäle als Propagandabühne

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um die medialen Strategien im NSU-Prozess.

Von Samuel Salzborn

Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)
Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)

Die älteren Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionsstuben erinnern sich möglicherweise noch aus eigenem Erleben an den geschichtsmächtigen Satz, den Rudi Dutschke 1974 am Grab von Holger Meins sprach, nachdem dieser nach mehreren Wochen Hungerstreik verstorben war. Es war ein Fanal der Studierendenbewegung, Dutschke fasste damit das Gefühl weiter Teile der linken Szene zusammen und legte zugleich den Grundstein für einen Mythos um den RAF-Terroristen Meins, der vieles vergessen ließ. Denn wer erinnert sich noch – neben der Parole „Holger, der Kampf geht weiter!“ – an die Kontexte des Hungerstreiks, den Meins – nach allem, was wir wissen – auf Entscheidung der RAF-Führungsriege stellvertretend durchführen sollte, in dem offenen Bewusstsein, seinen Tod aus propagandistischen Erwägungen billigend in Kauf zu nehmen, um dadurch genau das mobilisierende Fanal zu schaffen, für das Dutschke die Parole und das Sinnbild hinzufügte? Und wer erinnert sich noch daran, dass Meins zu allererst einmal eines war: ein Terrorist?

Die RAF hat, das wissen wir inzwischen aus einer Reihe von Studien, eine teils bewusst geplante, teils unbewusst generierte Medienstrategie verfolgt, um sich selbst zu ikonisieren, selbst Märtyrerrollen zu generieren, die Öffentlichkeit und die linke Szene zu Solidarisierungen zu mobilisieren und um den bundesdeutschen Staat zu diskreditieren. Zu letzterem hat dieser im Umgang mit den Terroristen in unterschiedlicher Weise auch immer wieder selbst beigetragen und der medialen Strategie der RAF damit fortlaufend in die Hände gespielt, so dass geschichtspolitisch wirksame Mythologisierungen generiert wurden, die die historischen Kontextualisierungen überwölben. Während man Dutschkes Satz bis heute kennt, sind viele Kontexte vergessen.

Dies ist insofern bemerkenswert, als gerade die Medien auf dem besten Weg sind, den Medienstrategien der vom dem Münchner Oberlandesgericht stehenden Nazi-Terroristen in gleicher Weise wieder auf den Leim zu gehen. Man hat sich oft genug gefragt, warum der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) seine Taten nicht viel früher öffentlich eingeräumt hat, da ein wesentliches Charakteristikum des modernen Terrorismus, wie ihn unter anderem der Augsburger Soziologe Peter Waldmann beschrieben hat, darin besteht, eine mediale Öffentlichkeit für die eigenen Positionen zu schaffen, die auf andere Weise nicht zu generieren wäre: Terrorismus ist auch eine mediale Strategie.

Nazi-Braut
Über die „Nazi-Braut“ ist zu lesen, mit wem sie zusammen war, wie sie emotional das „Terror-Trio“ zusammenhielt und dass sie in der Zelle gefriert habe – und was sie beim Prozess trägt. (Foto: Iron Sky, nicht Zschäpe)

Man kennt die Strategien doch von der RAF schon zur Genüge: offensichtlich schwachsinnige Anträge zu stellen, die dann medial bis ins Detail reproduziert werden; Bilder von sich selbst zu schaffen, die die Erinnerung überwölben – im Fall der RAF waren das oft Ikonisierungen mit geballter Faust oder mit entzündeter Zigarre im Gerichtssaal, beim NSU ist es – bisher – das Bild einer Beate Zschäpe, die sich, offensichtlich mit viel Aufwand, als adrett und harmlos inszeniert hat. Statt diese Bilder bewusst nicht in Print- und Onlinemedien zu übernehmen und damit eben gerade nicht der offensichtlichen Intention von Zschäpe zu folgen, werden sie munter gedruckt, bei der „tageszeitung“ sogar in schon fast perfektionierter Ikonisierung in Dutzendfach „Klonen“ auf der Titelseite.

Das ist nicht witzig, das ist dämlich. Denn so generiert sich medial ein Bild, das die Nazi-Terroristen schaffen wollen: eines der netten Dame von nebenan, eines, in dem Verwirrung über Aufklärung siegt, eines, in dem die bundesdeutsche Justiz als hilflos erscheinen soll, eines, in dem vor allem sichergestellt ist, dass die vor Gericht stehenden Nazi-Terroristen den Kampf um das wahrgenommene Bild und damit die Öffentlichkeit gewinnen.

Was wäre denn verloren, würde man einmal darauf verzichtete, der bildlichen Inszenierung der Terroristen auf den Leim zu gehen? Soll die Erinnerung an den NSU-Terror wirklich durch das Bild einer sich harmlos gebenden Frau dominiert werden – und nicht durch die Erinnerung an die Barbarei und Brutalität ihrer Taten? Und an die Opfer? Will man ernsthaft über jeden verschwörerischen Unsinn im Detail berichten, den Wohlleben und Zschäpe verkünden lassen? Die politische Aufklärung findet in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen statt, in München geht es um die juristische. Und dass Terroristen Gerichtssäle als Propagandabühne zu nutzen versuchen, ist hinlänglich bekannt. Es gibt aber kein Gesetz, dass Medien dazu zwingen würde, die Nazi-Strategien auch zu reproduzieren, da neben der medialen Informationsfunktion auch die Selektionsfunktion von Nachrichten steht.

Die Medienstrategie der Nazis, die man während ihrer Morde nur szeneintern wahrnehmen konnte, begann mit dem aufwändig produzierten Bekennervideo – und bekommt erst jetzt im Münchner Gerichtssaal ihre große Bühne. Es wäre einen Versuch wert, den Nazis diese Inszenierungsbühne einfach nicht zu bieten und sich auch medial auf das zu konzentrieren, worum es geht: den Nachweis ihrer Verbrechen und die Frage, wie groß – im juristischen Sinn – der NSU tatsächlich war und wer insofern überdies – strafrechtlich – neben den derzeit Angeklagten noch belangt werden kann und muss.

Warum nicht stattdessen einmal die Zeit nehmen und lesen, was die soziologische Terrorismusforschung über mediale Strategien zu sagen hat, was die Geschichtswissenschaft über die mediale Praxis der RAF herausgefunden hat, was die kulturwissenschaftliche Bildforschung an Background bietet, um zu verstehen, dass ein Bild nicht einfach nur eine Information, sondern eine Inszenierung ist, was die Psychologie zum Verhältnis von Machtphantasien und Öffentlichkeit zu sagen hat? Das würde zu viel Zeit kosten, im Presse-Alltag? Stimmt – ein paar Stunden würde man darauf gewiss verwenden müssen. Aber sie wären vielleicht nicht schlecht investiert, um sich nicht vor den Karren der Nazi-Strategen aus dem Münchner Gerichtsaal spannen zu lassen.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen.

Siehe auch: Publikative-Ratgeber: Wohlleben, das Fashion-VictimNSU: Terror-Trio mit vier Köpfen?“NSU-Prozess ist kein Untersuchungsausschuss”Zschäpe-Show statt NSU-Komplex?

Der AStA, Schleyer und die RAF

Der AStA der Universität Hamburg macht sich in einem von ihm herausgegebenen Kalender über verstorbene Politiker aus dem liberalen, konservativen und rechtspopulistischen Spektrum lustig. Empörung löste dabei der Eintrag zum Todestag des von der RAF ermordeten, ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer aus.

Von Redaktion publikative.org

Logo des AStA dert Uni Hamburg

Rund 15.000 Exemplare des Hamburger „KalendAStA“ wurden durch den Allgemeinen Studentenausschuss der Uni Hamburg gedruckt. Finanziert durch Semesterbeiträge der Studierenden. An einigen Daten gibt es Voreintragungen. Zitate von Audrey Hepburn oder John Lennon. An anderen Tagen finden sich – laut AStA satirisch gemeinte – Bemerkungen zu toten Politikern und Funktionären wie Jürgen Möllemann, Jörg Haider oder eben Hanns Martin Schleyer.

Am 18. Oktober, dem Tag, an dem Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) ermordet wurde, kann man lesen: „Mit seinem Tod schafft Hanns Martin Schleyer die Voraussetzung für die nach ihm benannte Mehrzweckhalle in Stuttgart.“ Dieser zweifellos geschmacklose Witz auf Pennäler-Niveau könnte für den AStA nun ein juristisches Nachspiel haben: Denn der Hamburger Rechtsanwalt Walter Scheuerl, bekannt durch seine erfolgreiche Kampagne und Bürgerinitiative gegen die Schulreform in der Hansestadt und parteiloses Mitglied der CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, stellte Strafanzeige gegen den AStA.

Scheuerl glaubt, dass die Hamburger Studentenvertreter gegen das Verbot eines allgemeinpolitischen Mandats verstoßen haben und somit die Gelder für die Kalender veruntreut worden seien. Auch die Junge Union, der RCDS an der Uni Hamburg und die Hamburger FDP bliesen in Presseerklärungen ins gleiche Horn. Der AStA hätte mit dieser „Verharmlosung des Terrors den Boden unserer freiheitlichen Demokratie“ verlassen und verstoße gegen „unsere zivilisatorische Norm, dass politische Konflikte niemals mit Gewalt ausgetragen werden dürfen“, verkündeten JU und RCDS beispielweise pathetisch in einer gemeinsamen Stellungnahme.

BILD schreit „Skandal“

Die mediale Skandalisierung des Kalenders besorgte die BILD-Zeitung: Unter der Überschrift „Studenten verhöhnen Schleyer“ unterstellte BILD dem AStA die Verharmlosung der RAF und die Verunglimpfung ihres Opfers. Zu Wort kommen in dem Artikel auch die Schleyer-Söhne Jörg und Hanns-Eberhard. Jörg Schleyer soll demnach gesagt haben, der AStA-Spruch sei „abartig“, eine „Verunglimpfung eines Mordopfers“ und „einfach nur irre“.

Der AStA hingegen behauptet, er habe mit dem „satirischen“ Satz auf eine „Erinnerungskultur in Deutschland“ aufmerksam machen wollen, die es zulasse, dass eine bekannte, riesige Mehrzweckhalle kritiklos den Namen eines SS-Offiziers trage. Die AStA-Kritiker glauben, dass diese Argumentation nur eine nachgeschobene Ausrede ist, um den Imageschaden zu begrenzen. Zudem soll in einer Sitzung des Studierenden-Parlaments zum Thema seitens eines AStA-Angehörigen ein Satz gefallen sein, in dem die Ermordung Schleyers gerechtfertigt worden sei, weil dieser „ein Nazi gewesen“ sei.

Was hat die RAF damit zu tun?

Das Logo der RAF
Selbsternannte Revolutionäre: Das Logo der „Roten Armee Fraktion“  (RAF).

Auch wenn Schleyer allerdings „Nazi“ war, rechtfertigt das nicht seine Ermordung durch eine linksextreme Mörderbande* (siehe Anmerkung unten), die im Laufe ihrer Existenz außerdem zunehmend antisemitischer wurde und mit den palästinensischen Judenmördern vom „Schwarzen September“ gemeinsame Sache machte. Der Hamburger AStA wird sich schon fragen (lassen) müssen, was er nun will: Mit „Satire“ auf eine fragwürdige Gedenkkultur aufmerksam machen oder die Ermordung Schleyers durch selbsternannte Revolutionäre abfeiern, die ihre politischen Gegner gerne samt und sonders als „Schweine“ bezeichneten.

Sollte das eigentliche Anliegen nicht nur vorgeschoben sein, hat der AStA mit dieser Form der Auseinandersetzung weder sich selbst, noch der Debatte einen Gefallen getan. Zu leicht macht man es so den ihrerseits geschichtsvergessenen Gegnern wie dem auf Medienaufmerksamkeit geradezu versessenen Hamburger Populisten Scheuerl. Denn BILD, Scheuerl & Co. haben ebenfalls einen Tonfall am Leib, der einen glauben machen könnte, sie müssten den Kalten Krieg noch einmal gewinnen.

Tatsächlich waren Karrieren wie die des Hanns Martin Schleyer ein typischer Teil der westdeutschen Nachkriegsrealität. Belastete NS-Größen machten ungestört Karriere und waren ein anerkannter Teil der Gesellschaft, während gleichzeitig den meisten Opfern der deutschen Politik im Zweiten Weltkrieg jede individuelle Entschädigung verweigert wurde. Franz Josef Strauß brachte die herrschende Haltung seinerzeit auf den Punkt: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“

„Ich bin ein alter Nationalsozialist und SS-Führer“

Auch Hanns Martin Schleyer wollte davon nach 1945 zeitlebens nichts hören oder wissen. Dabei war er bereits 1931 im Alter von 15 Jahren in die Hitlerjugend eingetreten – also noch vor der Machtübernahme durch die Nazis und daher wohl kaum aus opportunistischen Gründen. Nachdem er am 1. Mai 1933 gerade volljährig geworden war, folgte am 1. Juli 1933 bereits der Eintritt in die SS. Als Nationalsozialist und Corps-Student an der Universität Heidelberg trat er öffentlich aus seiner schlagenden Verbindung aus, als diese sich zunächst weigerte, jüdische „Alte Herren“ auszuschließen. In der HJ-Zeitung „Macht und Wille“ schrieb er dazu 1935: „Ich muß es allerdings ablehnen, daß man den Begriff der Treue, der uns Deutschen heilig ist, in irgendeiner Weise mit Juden in Verbindung bringt, und ich werde es nie verstehen können, daß ein Corps aus der Auflage, zwei Juden aus einer Gemeinschaft zu entfernen, eine Existenzfrage macht.“

Im Mai 1937 trat Schleyer der NSDAP bei, kurz darauf – noch vor Abschluss seines Studiums – wurde er Leiter des Studentenwerks in Heidelberg, protegiert von seinem Mentor, dem SS-Offizier und Studentenfunktionär Gustav Adolf Scheel. Dieser sorgte auch dafür, dass Schleyer nach der Annexion Österreichs in Innsbruck das Studentenwerk leiten konnte. Schleyer gehörte damit zu den zuverlässigen Nationalsozialisten, die mit der Gleichschaltung in Österreich betraut waren.

Im Zweiten Weltkrieg verletzte er sich 1940 so schwer an der Schulter, dass er aus der Armee entlassen wurde. Nahtlos setzte er seine Karriere als NS-Studentenfunktionär fort und ging im Juli 1941 ins besetzte Prag, um das Studentenwerk der Karls-Universität zu leiten – eines der größten der damaligen Zeit. Doch Schleyer reichte das nicht: „Ich bin ein alter Nationalsozialist und SS-Führer“ führte er in einem Schreiben an das Innenministerium aus, das ihn zuvor wiederholt aufgefordert hatte, sein Referendariat anzutreten, was er jedoch ablehnte, da es seinen Karrieredrang nicht erfüllte.

Eine typische NS- und BRD-Karriere

Hanns Martin Schleyer
Hanns Martin Schleyer (November 1973) (Foto: Engelbert Reineke)

1943 wurde Schleyer dann die rechte Hand von Bernhard Adolf, dem Präsidenten des „Zentralverbandes der Industrie für Böhmen und Mähren“, mit dem er auch nach dem Krieg ein gutes Verhältnis pflegte. Eine der wichtigsten Aufgaben des Zentralverbandes war die „Arisierung“ der Kriegswirtschaft sowie die zu deren reibungslosem Funktionieren organisierte Verschleppung von Zwangsarbeitern. Schleyer knüpfte hier die Kontakte, die ihm nach dem Krieg dabei halfen, eine Karriere als Wirtschaftsfunktionär in der Bundesrepublik zu machen.

Schleyer blieb bis zu seiner Flucht vor der Roten Armee in Prag, wurde aber im Januar 1944 aus verwaltungstechnischen Gründen zum SS-Führer im Reichssicherheitshauptamt – der Zentrale des Völkermords – ernannt. Auch auf persönlicher Ebene profitierte Schleyer vom Mord an den europäischen Juden: 1944 zog er mit seiner Familie in die Villa Waigner im vornehmen Prager Diplomatenviertel Bubentsch. Die rechtmäßigen Besitzer Emil Waigner und Marie Waignerová waren bereits lange zuvor von Schleyers SS-Kameraden nach Mauthausen bzw. Auschwitz deportiert worden, wo sie 1942 bestialisch ermordet wurden.

Schleyers Rolle als Beschaffer und Verwalter „arisierter“ Wohnungen und anderer Besitztümer war offenbar so bekannt, dass sogar die damals berühmte Schauspielern Margot Hielscher ihm einmal etwas vorgesungen haben soll, um an eine Wohnung in Prag zu gelangen. Diese Anekdote spielte später sogar während Schleyers Entführung durch die RAF eine Rolle: Um die Entführer zu überprüfen, stellte das BKA ihnen Fragen, die nur Schleyer beantworten konnte. Unter anderem wollten die Fahnder wissen, wer die Sängerin in Prag gewesen sei.

Nach Kriegsende geriet Schleyer aufgrund seiner SS-Zugehörigkeit in französische Gefangenschaft, fälschte seinen Dienstgrad jedoch um drei Ränge nach unten, womit er kein Offizier mehr war, was ihm schließlich zur Entlassung und Einstufung als Mitläufer verhalf. Seine Vergangenheit war für Schleyer keine Hypothek in der westlichen Nachkriegsrepublik – im Gegenteil: Laut Aussage seiner Weggefährten nutzte er seine Erfahrungen während seiner Zeit im Besatzungsapparat in Prag so sehr, dass er sie für einen maßgeblichen Grund seiner Nachkriegskarriere hielt. Am 6. Mai 1975 feiert Schleyer auf Einladung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände seinen 60. Geburtstag im Kölner Hotel Inter-Continental aus. Ein dort entstandenes Foto zeigt Schleyer vergnügt lachend mit seinem ehemaligen Prager Chef Bernhard Adolf.

Von Tätern und Opfern

Noch einmal: Das alles rechtfertigt in keiner Weise die Entführung und den Mord Schleyers durch die RAF – und schon gar nicht die Ermordung von vier weiteren Menschen in diesem Zusammenhang. Der wenig kluge Kalender des AStA illustriert besipielhaft, wie unreflektiert der Umgang mit der RAF innerhalb von Teilen der Linken heute noch aussieht. Sich über RAF-Opfer lustig zu machen, weil sie „Nazis“ gewesen seien, ist politisch und moralisch nicht zu rechtfertigen. Stattdessen würde es sich lohnen, darüber nachzudenken, zu welchen Methoden die RAF in ihrem Furor griff – und warum auch sie den Feind vor allem in den USA und später auch in Israel erblickte.

Die hysterischen Reaktionen von BILD und Scheuerl auf der anderen Seite zeigen jedoch auch, wie man in Deutschland welchen Opfern gedenkt. Im selben Atemzug, in dem man in eine moralisch empörte Verurteilung des AStA verfällt, die man mit strafrechtlichen Konsequenzen zu ahnden sucht, wird Schleyers niemals gesühnte NS-Vergangenheit einfach verschwiegen.

Zu fragen wäre stattdessen, welche Zeichen gesetzt werden, wenn Straßen, Sporthallen und Wirtschaftspreise nach ehemaligen SS-Offizieren benannt werden, die nie die geringste Reue im Hinblick auf ihre Vergangenheit gezeigt haben? Vor allem aber wäre es an der Zeit zu überlegen, welche Hypothek die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik und die damals weitgehend unaufgearbeitete NS-Vergangenheit bis heute darstellen. Angesichts des totalen Versagens des Staates im Hinblick auf den NSU-Terror stellt sich diese Frage nach der Blindheit auf dem rechten Auge täglich dringender und drängender.

*Anm. d. Red.:
Man muss kein Anhänger der Extremismustheorie sein, um die RAF eine „linksextreme Mörderbande“ zu nennen. Einen angemessenen Begriff für eine klandestine Kleingruppe zu finden, die bereit war, ein Fahrer einfach abzuknallen, wenn diese ihren hehren revolutionären Plänen gerade im Weg waren, fällt auch dann schwer genug, wenn man sich nicht einer Sprache bedienen wollte, die von einigen Leser/innen als „VS-Jargon“ kritisiert wurde. „Links“ oder „linksradikal“ träfe es jedenfalls noch weniger, bzw. würde die Rest-Linke noch mehr diskreditieren. Es handelt sich hier um jenes Spektrum einer „extremen“ oder „radikalen“ (aber „radikal“ dann eben als deutlich abwertender Begriff, der nichts mit radikalem Denken zu tun hat, sondern mit den mörderischen Konsequenzen der eigenen Hybris) Linken, die von sich selbst glaubt(e), man könne, dürfe und müsse sich einfach mal das Recht nehmen,  Menschen im Namen der „guten Sache“ zu töten.

Nahezu alle Gruppierungen dieses Spektrums begingen früher oder später nicht zu rechtfertigende Verbrechen oder halfen bei diesen mit. Dazu gehören insbesondere die Taten der antisemitisch-antiimperialistischen Internationalen, wie wir sie hier einmal nennen wollen, denjenigen also, die Bomben im jüdischen Gemeindehaus Berlin platzierten, die israelische Sportler in München wie Vieh abschlachteten und am selben Ort (vermutlich) ein jüdisches Altenheim mit Shoah-Überlebenden in Brand steckten, die in Entebbe Juden und Nicht-Juden selektierte, die in Damaskus Gerd Albartus hinrichteten und den einfachen US-Soldaten Edward Pimental erschossen, um an dessen Papiere zu gelangen. Diese „Mörderbanden“ sind für uns keine „Linken“. Oder jedenfalls gehören sie nicht zu einer „Linken“, mit der wir noch etwas zu tun haben wollten.

Siehe auch: Die “RAF-Fahne” von Mainz: Ein Witz, der keiner ist, Nichtaufklärung ist systemimmanent, Schuldumkehr auf Österreichisch, Vernichtung als politisches Programm, Komplett im Visier des Verfassungsschutzes, Die Hundertschaft des NSU, Der Zeitgeist und Helmut Kohls geistig-moralische Wende, Der tiefe Staat, Lehrreiche Provokation, Im Zweifel gegen Israel, Neues von der Waffen-SS.

Die „RAF-Fahne“ von Mainz: Ein Witz, der keiner ist

Bei Mainz 05 war beim letzten Heimspiel ein roter Doppelhalter mit weißem Stern und einer Maschinenpistole zu sehen, auf dem in roten Lettern „USM“ prangte – das Kürzel für Ultra Szene Mainz. Das Symbol ist abgekupfert – von der RAF. Obwohl der Halter keineswegs neu ist, sorgt er nun für künstliche Empörung, vor allem bei der „BILD“ und dann beim DFB – bei dessen „Ermittlungen“ man nicht erst seit gestern den Eindruck haben muss, sie seien vor allem von medialen Stichwortgebern abhängig. 

Von Andrej Reisin

Irgendwo hier ist angeblich ein RAF-Logo versteckt (Foto: Rheinhessen on Tour)
Irgendwo hier ist angeblich ein RAF-Logo versteckt (Foto: Rheinhessen on Tour)

Nach dem BILD-Artikel, in dem von einem „Skandal“ und einer „RAF-Fahne“ die Rede war, ermittelt nun der DFB und hat Mainz 05 zu einer Stellungnahme aufgefordert. Fast schon zerknirscht musste das große Meinungsbilderblättchen später feststellen, dass die Fahne „kein strafrechtliches Nachspiel“ hat. Grund ist allerdings nur bedingt, dass „die RAF sich aufgelöst hat und nicht mehr existiert„, wie BILD mit atemberaubendem Nachrichtenwert eine Staatsanwältin zitiert, sondern dass das Symbol in Deutschland zu keinem Zeitpunkt verboten war  – geschweige denn ist. Zur Aufdeckung dieses „Skandals“ brauchte BILD aber immerhin mindestens drei namentlich genannte Journalisten.

Im Schlepptau der BILD bekleckerte sich auch die Deutsche Presseagentur dpa nicht gerade mit Ruhm: Sie bezeichnete in einer von vielen Medien wie immer ungeprüft übernommenen Meldung „das rote Tuch mit dem weißen Stern und der Maschinenpistole“ als „das untrügliche Zeichen der ehemaligen Rote Armee Fraktion„. Der Mainzer Pressechef Tobias Sparwasser durfte dazu von einem „geschmacklosen Transparent“ sprechen und versichern, der Club „werde in aller Form dagegen vorgehen„. Außerdem empfahl er „den Fahnenschwenkern Nachhilfeunterricht“: „Die Jugendlichen, die ich hinter dem Objekt sehe, waren zu Zeiten der RAF noch gar nicht geboren. Sie scheinen gar nicht zu wissen, was für ein Symbol sie da verwenden„, erklärte Sparwasser.

Selbsternannte mediale Nachhilfelehrer

Das Logo der RAF
Das Logo der RAF.

Geschenkt sei den ahnungslosen Aushilfspädagogen ihre mangelnde Sachkenntnis im Hinblick auf „das untrügliche Zeichen der ehemaligen Rote Armee Fraktion„, nämlich einen ROTEN Stern auf WEIßEM Grund – denn welch historischen Bezug hätte wohl ein weißer Stern gehabt? Geschenkt sei Herrn Sparwasser sein paternalistischer Gestus im Hinblick auf „Jugendliche“, die nicht wissen, was sie tun. Er lese dazu den FAZ-Autor Daniel Meuren, der völlig zu Recht darauf hinweist, dass der Doppelhalter „als satirischer Konter gedacht“ war, „gegen die Generalverurteilung der Ultras als Gewalttäter, um mit Satire auf Populismus zu reagieren„. Auch kann man wissen, dass Ultrà-Gruppen sich Zeit ihrer Existenz immer wieder extremer politischer Symbolik bedienten, und zwar in den seltensten Fällen, um sich selbst politisch zu positionieren, sondern vor allem um mit der eigenen „Gefährlichkeit“ zu kokettieren. Man sehe sich in dieser Hinsicht nur einmal das Ultrà-Mutterland Italien an und frage sich, wieso es wohl Brigate Rossonere oder Collettivo Autonomo Viola hieß? Doch wie gesagt: geschenkt!

Meuren macht auf mindestens zwei weitere Punkte aufmerksam, die das Vorgehen der medialen Meinungsbildner und ihrer als DFB-„Ermittler“ getarnten Schoßhündchen erst so richtig ärgerlich machen: Denn erstens muss eine „offene Gesellschaft, die sich Satire gestattet und als Kunstform versteht, auch mit bissigen Stellungnahmen aus Fankurven zurechtkommen, solange nicht Menschen direkt verunglimpft werden.“ Und zweitens sind „demagogische Parolen wie auf den kürzlich gezeigten Transparenten Rechtsradikaler im Dortmunder [Stadion]“ eben etwas völlig anderes – und nicht einfach dieselbe Kategorie von „Fußball-Skandal“, wie BILD mit dem Dachzeilen-Dreiklang „RAF-FAHNE – NAZI-PLAKATE – DFB-BELEIDIGUNG“ suggeriert.

DFB-Justiz: Willkürlich, „unpolitisch“, BILD-hörig

Beim Dortmunder Gastspiel in Hamburg am vergangenen Samstag hing in der Heimkurve erneut das Banner der „Löwen“ – das Symbol einer Gruppierung mit mehr als dubioser Vergangenheit, deren damalige Mitglieder für den Tod des 16-jährigen Bremer Fans Adrian Maleika 1982 maßgeblich mitverantwortlich waren – und die zudem starke rechtsradikale Tendenzen hatte. Passenderweise hatten die alten Hauer auf der Dortmunder Gegenseite auch noch die Fahne der „Borussenfront“ gehisst – offenbar das erste Mal seit langer Zeit. Die von Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt gegründete Nazi-Hool-Truppe ist in der Szene eine Legende.

Und? „Ermittelt“ der DFB wegen dieser Banner, die einen eindeutigen Bezug zur dunklen rechtsradikal dominierten Gewaltvergangenheit des deutschen Fußballs herstellen? „Ermittelt“ er gegen Alemannia Aachen wegen der teilweise mit Nazi-Schlägern bestückten „Karlsbande“ und deren gewalttätigen Übergriffen auf andere Aachener Ultras? Jede Woche kommt es in deutschen Stadien zum Beispiel zu homophoben oder sexistischen Äußerungen, die sogar in derber Wortwahl auf Bannern stehen können, ohne dass es den Verband groß interessiert. Auch für Gruppenfahnen, auf denen beispielsweise „NS-Boys“ steht, zeigten die „Ermittler“ bislang wenig Interesse.

Nicht, dass irgendetwas an solchen „Ermittlungen“ besonders nützlich wäre, weswegen man sie hier auch nicht zu fordern braucht. Aber wieso rückt nun ausgerechnet der uralte Mainzer Doppelhalter in den DFB-Fokus? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Weil es in der BILD stand.

Siehe auch: GEH mir WEG damitFußballfans und Medien: Ein schwieriges VerhältnisMainzer Fantage: Ein Stückchen Hoffnung“Sicherheit” nur für Nazi-Hools?“Einer muss aufhören”Die Entdeckung der NazisQuo vadis DFB?Unsportliches SportgerichtUltras: Wer mit dem Feuer spieltFußball, Schwachsinn, DFB

Die „Superunterhalter unserer Zeit“

Sind Medien in gesellschaftlichen Debatten Berichterstatter, oder erschaffen Medien durch einprägsame Bilder und ihre Art der Berichterstattung erst gesellschaftliche Phänomene wie Terrorismus? Ob im Kontext von islamistischem Terrorismus oder jüngst in den Debatten um Rechtsterrorismus: Die Verknüpfung von Massenmedien und Terrorismus sowie ihr Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs zieht mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sich. Die Geburtsstunde dieser Wechselwirkung wird dabei häufig im sogenannten „Heißen Herbst“, dem Höhepunkt des Terrors der RAF im Jahr 1977, vermutet.

 Von Katharina Trittel, Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Vor dem Hintergrund dieses Wechselverhältnisses erhalten die Medienwirksamkeit der Terroristen und ihre mediale Selbstinszenierung einen besonderen Stellenwert.  Die historische Verankerung des Phänomens Terrorismus in den Medien ist eine zentrale Erklärung, warum das mediale Interesse an der RAF bis heute fortbesteht und mit der öffentlichen Versteigerung des Gehirns von Ulrike Meinhof auf ebay 2002 einen zweifelhaften Höhepunkt erreichen konnte.

Das Logo der RAF
Das Logo der RAF

Die Gründe für die überzogene Medienpräsenz der RAF liegen in dem zuvörderst medial vermittelten Gesicht der Terroristen, welches die Erinnerung im öffentlichen Bewusstsein wach hält. Die Presse greift dabei in ihrer Darstellung der Terroristen und ihrer Taten auf bereits etablierte Aussagemuster zurück – es scheint also, als wären 1977 bestimmte Mechanismen im Wechselverhältnis zwischen Medien und Öffentlichkeit entstanden, die noch heute in Bezug auf die RAF funktionieren und sich auch auf aktuelle Terrorismusdebatten übertragen lassen. Diese Mechanismen fußen auf einer spezifischen Vermischung von Stilisierungen seitens der Terroristen und den vereinfachten Deutungsangeboten der Medien sowie deren Interpretation in der öffentlichen Wahrnehmung.  Daraus resultiert schließlich eine Unklarheit,  in welcher Ursache-Wirkung-Beziehung Terrorismus und Medien stehen.

Einerseits wurde von der neueren Forschung mehrfach darauf hingewiesen, inwiefern sich in der gezielten Selbstinszenierung und dem Sendungswahn der RAF politische und popkulturelle Elemente vermischten. Ihr ausgeprägtes Bewusstsein für die Macht der Bilder half bei der Selbststilisierung der Terroristen zu einem Mythos und stärkte die öffentliche Darstellung ihres Leidens und Sterbens als vermeintliche Märtyrer. Andererseits: Ohne die Medien wäre diese Selbstdarstellung nicht möglich gewesen, hätten die Forderungen der Entführer 1977 keine Öffentlichkeit erreicht, wäre dem Terrorismus die Plattform entzogen worden, wäre Terrorismus per se nicht möglich gewesen.

Nachdem Massenmedien wie Spiegel und BILD schon im Kontext der Studentenbewegung als Akteure in Erscheinung getreten waren, spielten sie auch eine wesentliche Rolle beim „Medienereignis Herbst ʼ77“, in dem sich die geschilderten Zusammenhänge beispielhaft verbanden. Bei einem zu einem Medienereignis stilisierten Geschehen sind die Medien bemüht, Ereignisse in einen kausalen Deutungszusammenhang zu stellen. Unterschiedlichste Elemente werden in eine lineare Anordnung gebracht, Erklärbarkeit wird suggeriert und ein Diskurs generiert, der anschlussfähig ist an bestehende Diskurse der Öffentlichkeit.

Die durchaus auch von der Politik instrumentalisierten Medien entwickeln Stereotype – in erster Linie kraft einprägsamer Bilder –, und formen ein „Wir“ und ein „Sie“. Die Berichterstattung über das Ereignis geht mit vereinfachten Deutungsangeboten einher, indem man sich schematischer Darstellungstypen und des selbst geprägten Freund-Feind-Schemas bedient.

Durch diese Darstellungsweise wird die Öffentlichkeit mit einer medialen Konstruktion der Wirklichkeit konfrontiert. Aufgrund von Kategorien wie gut-böse, Täter-Oper usw. weisen die Medien nicht nur bezüglich ihrer Darstellung eine Tendenz zur Verdichtung auf, sondern sie verdichten auch den aktuellen Diskurs. Komplexe Zusammenhänge werden auf leicht fass- und abbildbare Ereignisse reduziert. Konkrete Beispiele suggerieren eindeutige Wirklichkeit, über Strategien wie Personalisierung und Psychologisierung werden ein Identifikationsangebot ebenso wie Abgrenzungsmöglichkeiten geschaffen. Vor dem Hintergrund dieses Schwarz-Weiß-Denkens findet innerhalb der Gesellschaft und im öffentlichen Diskurs eine Aktualisierung von Moralvorstellungen statt.

Die ideologische Prägung der Darstellung resultiert aus dem Anschlussbestreben der Beteiligten – gemeinsame Werte und Moralvorstellungen ermöglichen Selbstvergewisserungstendenzen innerhalb des Diskurses. Die Medien schaffen damit für das Phänomen Terrorismus einen Deutungsraum, der wegen seiner scheinbaren Eindeutigkeit konsens- und mehrheitsfähig ist. Er regt eine Wertedebatte an und aus vormaligen Ambivalenzen werden Eindeutigkeiten, die die Mehrheitsgesellschaft eng zusammenrücken lassen;  auch das vorher möglicherweise kritisierte Vorgehen des Staates wird nun bereitwillig absegnet: Eine Katharsis vollzieht sich.

Der Sprachwissenschaftler Andreas Musolff [1] verdeutlicht anhand des in der Terrorismusdebatte verwendeten Kriegsvokabulars, wie die Medien auch sprachlich die Selbstdeutung der RAF und ihre Einstellung zum politischen Diskurs übernahmen. Damit unterstützten sie die Ziele der Terroristen, deren Propaganda der Tat auf mediale Darstellung und deren Katalysatorfunktion angewiesen ist. Denn die Handlungen der RAF (insbesondere im Herbst 1977) zielten vor allem auf mediale Aufmerksamkeit: Sie wollte Live-Bilder im Fernsehen auf den besten Sendeplätzen, um die Ohnmacht des Staates und ihre eigene Macht über Deutungsräume zu demonstrieren. Die strategische Verwendung der Medien als Bedeutungsproduzenten erzeugt nicht nur die gewünschte Beachtung, sondern sie korreliert auch mit dem Sendungswahn der RAF. Instrumentell-expressiv eingesetzte Bilder führen zu einer Selbststilisierung und zu einer Selbstermächtigung: Schlagzeilen bedeuten Macht über den Diskurs. Der Spiegel titelte: „Terroristen – die Superunterhalter unserer Zeit“. [2] Doch ist diese Wechselwirkung in allen Einzelheiten steuerbar, die gewünschte Interpretation der Bilder durch die Öffentlichkeit kontrollierbar? Ihre Eigendynamik wird deutlich in der kommunikativen Niederlage, die die RAF 1977 während der Entführung von Hanns Martin Schleyer hinnehmen musste. Obwohl das Fernsehen die Bilder des entführten Arbeitgeberpräsidenten, inszeniert als Gefangener der RAF, zur besten Sendezeit ausstrahlte,  kehrte sich die erhoffte Wirkung um: Denn die Öffentlichkeit nahm Anteil an dem Schicksal des ehemaligen SS-Mannes, da er hier als leidendes Opfer gezeigt wurde. Die Kontrolle über die Deutung des inszenierten Bildes und damit über den Diskurs war der RAF entglitten.

Der Verlauf der medialen Debatte im Herbst ʼ77 zeigt damit beispielhaft die kommunikativen Auswirkungen der Deutung von Terrorismus durch die Massenmedien und ihre diskursprägende Kraft. Diese äußert sich bis heute in Empörungswellen über Gnadengesuche der letzten inhaftierten RAF-Mitglieder und lässt BILD auch dreißig Jahre später mit dem gleichen Impetus der Entrüstung fragen: „Warum darf so einer frei rumspazieren?“

 

[1] Musolff, Andreas: Terrorismus im öffentlichen Diskurs der BRD: Seine Deutung als Kriegsgeschehen und die Folgen. In: Weinhauer, J. u.a (Hg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren. Frankfurt am Main 2006. S. 302-317.

[2] Walter Laqueur, Der Spiegel 37/1977.