Neukölln ist überall: „Liebe Anka!“

Der Journalist Ramon Schack hat auf Facebook einen Brief dokumentiert, den er bei der Recherche für sein neues Buch* gefunden hat. Es handelt sich um einen Brief an eine polnische Putzfrau, geschrieben von einem Berliner Lehrerehepaar, das sich laut Schacks Angaben als links versteht. Die Putzfrau namens Anka (Nachname unbekannt) erhielt 8 Euro pro Stunde – schwarz versteht sich. Publikative.org veröffentlicht den Brief mit freundlicher Genehmigung. 

Kündigungsschreiben eines linken Lehrer-Ehepaares aus Berlin-Neukölln, an ihre polnische Putzfrau:

„Liebe Anka,

wie wir feststellen mussten, haben Sie sich nicht daran gehalten, so wir es Ihnen nahegelegt hatten ,vegane Putzmaterialien zu verwenden.
Es mag in Ihrem Heimatland üblich sein, sich nicht um ökologische Belange zu scheren, aber hier bei uns verfolgt man einen ökologischen, nachhaltigen Ansatz, zum Schutz unserer Umwelt.
Das gilt auch gerade für die Hauswirtschaft.
Sie kennen vielleicht den Slogan“Think globally, act locally“.
Das ist Englisch und bedeutet so viel wie, “Denke global, aber handele regional.“
Ihr Hinweis, Sie könnten sich keine ökologisch abbaubaren Reinigungsmittel leisten, ohne den jetzigen Stundenlohn zu erhöhen, hatte Ihnen mein Ehemann ja neulich eindeutig widerlegt, in seiner Aufstellung.
Hätten Sie bei Ihrer Tätigkeit, hier in Berlin, von Anfang an einen nachhaltigen Ansatz verfolgt, wären Ihnen keine Unkosten entstanden.
Ferner hatten wir Ihnen- in unserem letzten Schreiben-eine Liste beigefügt, wo Sie günstig die von uns erwünschten Produkte hätten erwerben können.
Wie wir leider feststellen mussten, benutzen Sie immer noch umweltschädliche Allzweckreiniger und Reinigungstücher.
Das Selbe gilt für die von Ihnen verwendete
Schmierseife, Scheuermilch, sowie für die Laminat – und Korkpflege, als auch für die Parkettpflege.
Unsere Katze Rosa wirkt jedes Mal verstört, nachdem Sie in unserer Wohnung waren.
Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, das Arbeitsverhältnis mit dem heutigen Tage zu beenden.
Hinterlegen Sie die Wohnungsschlüssen bitte auf dem Küchentisch.
Vielleicht sollten Sie auch in Erwägung ziehen, sich in Polen eine Stelle zu suchen, um unsere Umwelt zu schonen und diese nicht durch Ihr permanentes pendeln- per PKW- zu strapazieren.“
MfG

Das Buch von Ramon Schack trägt nach seinen Angaben den Titel „Neukölln ist nirgendwo“ und soll im Sommer 2013 erscheinen. Schack versicherte auf Nachfrage von Publikative.org, dass der Brief echt sei. Er habe diesen selbst in der Hand gehabt. Der Brief liegt uns aber nicht im Original vor, wir verlassen uns auf die Angaben des Kollegen Schack.

Siehe auch:  UNO attestiert Sarrazin RassismusDie Sarrazin-Debatte und Rassismus in der LeistungsgesellschaftAngriff der Eliten: Von Spengler bis Sarrazin

Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

Im Begleitprogramm rund um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ talkte am vergangenen Dienstag eine illustre Runde in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über deutsche Geschichte und ihre (filmische) Aufarbeitung. Dabei wurde Erstaunliches behauptet: So trage Deutschland keine Verantwortung für den 1. Weltkrieg, sondern „Frankreich und Russland“. Infolge der Niederlage sei Deutschland bei „der Kolonialisierung der Welt“ „zu kurz gekommen“ – und wegen dieser Demütigung sei es dann zum 2. Weltkrieg gekommen. Ergänzend wurde festgestellt, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht zu unterschieden seien – und die industrielle Massenvernichtung von Menschen nur deshalb erdacht werden musste, weil man so viele Juden einfach nicht mehr erschießen konnte. Für nennenswerten Widerspruch oder gar einen Eklat sorgte diese Aneinanderreihung von revisionistischen Äußerungen nicht – deutsche TV-„Vergangenheitsbewältigung“ anno 2013.

Von Floris Biskamp

Rückblickend möchte man mit Martin Hohmann beinahe Mitleid haben. Denn nun ist klar: Er wurde damals nicht geschasst, weil er das Falsche gesagt hatte, sondern nur, weil er seiner Zeit weit voraus war. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann seine berühmt-berüchtigte Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin hieß es unter anderem:

„Die Schuld von Vorfahren an diesem Menschheitsverbrechen hat fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen geführt. Trotz der allseitigen Beteuerungen, dass es Kollektivschuld nicht gäbe, trotz nuancierter Wortneuschöpfungen wie ‚Kollektivverantwortung‘ oder ‚Kollektivscham‘: Im Kern bleibt der Vorwurf: die Deutschen sind das ‚Tätervolk‘. […] Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? […] Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. […] Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk.“

Das ging 2003 einfach noch nicht. Damals waren die Deutschen in ihrer Leidkultur zwar schon sehr weit auf dem Weg zur Einebnung der Täter-Opfer-Grenze, aber doch noch mit vorhergehenden Schritt beschäftigt; nämlich damit, sich selbst und gegenseitig zu versichern, dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig und wichtig ist, die Deutschen auch als Opfer des 2. Weltkrieges zu verstehen. Jörg Friedrich breitete die Schwere des deutschen Leidens anhand des Bombenkrieges, Günter Grass anhand der Vertreibung aus. Die Wörter „Juden“ und „Tätervolk“ in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang? Das war der deutschen Öffentlichkeit damals noch nicht so ganz geheuer. Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels „Unsere Mütter, unsere Väter“ erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer…Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut.

Es geht, wie Christiane Paul, selbst Darstellerin des Films, ausführt, darum, dass „wir“ Deutschen verstehen, „dass wir eins sind [umschreibt mit beiden Händen einen großen Kreis], dass wir ein Teil unserer Geschichte sind, dass wir ein Teil unserer Großväter sind, der Taten unserer Großväter sind“ (Paul) – eine Sicht auf die Vergangenheit, für die sie die Juden schon lange beneide. Und dazu wollen alle ihren Beitrag leisten. Auch Rundfunkjournalist Dirk Stermann, der spekuliert, dass in Deutschland und Europa so viele Leute den Afghanistan-Krieg ablehnten, „weil wir genetisch die Information in uns gespeichert haben von Bombennächten.“ Ja, das Schicksal meint es schwer mit „uns Deutschen“, mit allen. Auch mit den „Überlebenden der DDR“ (Baring).

Beim Kolonialismus leider „zu kurz gekommen“

Und die Geschichte des deutschen Leidens ist lang. So weiß Christiane Paul, dass die Ursachen des Nationalsozialismus in noch älteren Traumata zu suchen sind, nämlich im Ersten Weltkrieg – Lanz wirft ein: „die Urkatastrophe“ – und „in der Kolonialisierung und in der Verteilung der Welt […], wo Deutschland auch zu kurz gekommen ist“. Diese Demütigung habe zu „Sehnsucht“ und dann zum Nationalsozialismus geführt. In anderen Worten: Weil die Deutschen im 19. Jahrhundert bei der kolonialen Aufteilung Afrikas nicht genug abbekommen haben, konnten sie eigentlich nicht anders, als im 20. Jahrhundert einen Vernichtungskrieg in Osteuropa und Westasien zu führen. Weil sie nicht genug Afrikaner umbringen durften, mussten sie sich nun an Juden und Russen schadlos halten. Ein schweres Schicksal und wir teilen es alle. Vielleicht auch genetisch.

Auch hier gibt es keinerlei Widerspruch aus der Runde. Dass an der Aufteilung Afrikas durch europäische Mächte vielleicht etwas falsch gewesen sein könnte, auf die Idee kommt an dem Abend niemand. Schon gar nicht darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus darin bestehen könnte, dass die Deutschen in Afrika schon Erfahrungen in Rassenpolitik und Massenmord sammelten. Nein, sie sind zu kurz gekommen und gedemütigt worden, die Deutschen. Unterbrochen werden Pauls Ausführungen nur von Baring, der die Gelegenheit nutzt, um „als Historiker“ zu betonen, dass „der Erste Weltkrieg nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen“ ist, sondern weil „Frankreich und Russland entschlossen“ gewesen seien „das Reich“ zu bekämpfen.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Trotz unermüdlichen Einsatzes „leider“ nur vorübergehend Kolonialherren: Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Baring erklärt Massenvernichtung: Es „kamen“ einfach zu viele Juden

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur. Man kann den Gesprächsverlauf wie Daniel Martienssen im Freitag hoffnungsvoll so deuten, dass es nur am „Kokon des Talkshowstudios“ und an der mangelnden historischen Bildung der Beteiligten lag, dass Baring unwidersprochen sagen konnte, was er sagte. Aber warum legten Lanz, Paul und Stermann dann so gerne noch eine Schippe drauf? Und warum gab es auch an den Folgetagen kaum nennenswerte Reaktionen? Es war ja, anders als es bei Martienssen heißt, eben kein „Eklat bei Lanz“, denn ein Eklat wäre es nur, wenn es auch skandalisiert würde. Doch abgesehen von Randbemerkungen in den treffenden Kritiken von “Unsere Mütter, unsere Väter”, die Tobias Kaufmann im Kölner Stadt-Anzeiger und Georg Diez bei Spiegel Online formulierten, einer Kurznotiz in der Jungen Welt und einem Blogeintrag von Alice Schwarzer findet sich nichts. Kein Hinweis darauf, dass der Gesprächsverlauf jemanden gestört hätte.

Und so kann man befürchten – und die weithin euphorische Rezeption von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet in diese Richtung – dass das, was vor zehn Jahren noch skandalös war, heute zum Common Sense wird: Nicht nur sind alle – auch die Deutschen – Opfer, es sind ebenfalls alle – auch die Juden – Täter. Vereint in einem schweren Schicksal von „Gewalt, die immer wieder neu Gewalt erzeugt“ (Lanz), für die am Ende kein Mensch wirklich etwas kann.

Und andere – ebenfalls widerspruchslos hingenommene – Aussagen Barings deuten an, dass das Ende der erinnerungspolitischen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Er ist sich sicher, dass es noch weiter gehen muss. So kritisiert er den ZDF-Film dafür, dass die „Grausamkeit der Russen“ nicht genug Raum erhalte, die zu thematisieren nun an der Zeit sei. Vielleicht nimmt das ZDF die Anregung ja auf. Dann könnte Baring in einer neuen Runde bei Lanz seinen Gedanken zu Ende führen, dass „[e]in Teil der Brutalität der Deutschen […] natürlich auch dadurch zu erklären [ist], dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“ Dann aber am besten aber mit Martin Hohmann und Ernst Nolte als Mitdiskutanten, denn die sind ja zuerst auf diese Ideen gekommen.

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Siehe auch: Verdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

Polen empört über „Unsere Mütter, unsere Väter“

Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left - the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Während in Deutschland die Zufriedenheit über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) dominiert, ist der Film in Polen massiv kritisiert worden.  Das Werk sei antipolnisch, die Darstellung des Widerstands als Räuber und wahre Antisemiten falsch.

Von Patrick Gensing

Der Journalist und ehemalige Berlin-Korrespondent Bartosz T. Wieliński schreibt für die größte polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Auf seinem Blog widmet er sich vor allem der deutschen Politik, Gesellschaft und Geschichte. Im Gespräch mit Publikative.org wird deutlich, dass Wieliński an seinem bisherigen Urteil über Deutschland zweifelt.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung - auf Kosten der Polen?
Deutsche Vergangenheitsbewältigung – auf Kosten der Polen?

„Das deutsche Fernsehen hat bisher keinen guten Kriegsfilm gedreht“, betont Wieliński. Er habe fast alle gesehen, sie seien nur seichte Unterhaltung, bei der die Kriegsgeschichte den Hintergrund stellt. Auch UMUV hat sich Wieliński angeschaut – und er ist entsetzt: „Die dargestellte polnische Heimatarmee (AK) wurde wegen des Antisemitismus und Bereitschaft, die Juden zu ermorden, mit der SS gleichgestellt. Das ist völlig falsch!“ Es habe zwar Zwischenfälle gegeben, doch diese seien nicht die Regel gewesen, betont Wieliński.

„Deutsche Publizisten schweigen“

Er vermutete, dass dem Autor des Drehbuchs „ein bisschen historisches Wissen“ fehle. Der Journalist bedauerte, dass die Zuschauer in Deutschland das verlogene Bild des polnischen Widerstands so einfach angenommen hätten. „Deutsche Publizisten, die gerne über polnische Überempfindlichkeit gegenüber der Geschichte sprachen, schweigen dazu“, stellte Wieliński fest. Tatsächlich war es Andrej Reisin auf Publikative.org vorbehalten, die verzerrte Darstellung des polnischen Widerstands als fanatische Judenmörder zu thematisieren.

Lange Jahre war es in Deutschland sehr wichtig, die Beziehungen zu Polen sorgsam zu pflegen. Der Film UMUV reißt hier einiges wieder ein. „In Polen wird der Film als ein Beweis betrachtet, dass die Deutschen ihre Geschichte verfälschen wollen“, sagt Wieliński. Viele Polen hätten den Eindruck, die Deutschen wollten die Schuld für den Judenmord von sich schieben. Wieliński hofft, dass dies aber falsch sei, dass es sich nicht um die meisten Deutschen, sondern lediglich um ein paar historisch wenig gebildete Filmleute handele.

„Anti-polnischer Film“

Das Magazin wPolityce  kritisierte am 21. März, dass UMUV erst im Jahr 1941 beginne, also zwei Jahre nach dem Überfall auf Polen. Es werde so getan, als sei bislang nichts passiert.  Der polnische Widerstand werde als Ansammlung von extremen Antisemiten und Räubern dargestellt. Prof. Zdzislaw Krasnodębski, Soziologe an der Uni Bremen, bezeichnet den dritten Teil des Films in einem Interview mit wPolityce als „anti-polnisch“. So sei es beispielsweise auch wenig wahrscheinlich, dass polnische Bauern unter der deutschen Besatzung bewaffnet gewesen seien, so wie es in UMUV dargestellt wurde. Die Deutschen seien durch den Krieg und das System zu Antisemiten geworden, suggeriere der Film, die Polen hingegen die echten Antisemiten – der Hass kommt aus ihnen.

UMUV sei eine Entfremdung von den Nazis, stellt Krasnodębski heraus: Die Deutschen wollten sich als Nachfahren der dargestellten jungen Leute, den fünf Freunden, fühlen, die vom System und dem Krieg radikalisiert worden seien, also selbst Opfer seien, und nicht der Nazis, die immer die anderen seien.

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Die Kritik aus Polen könnte den in Deutschland selbst ausgehandelten Frieden mit den eigenen Müttern und Vätern noch einmal empfindlich stören, da die wahren Opfer der Nazis wenig begeistert darüber sind, nun von Deutschen als eigentliche Antisemiten dargestellt zu werden.

*Bldbeschreibungen zum Bild oben: Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left – the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Siehe auch: “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer

Die Internationale der Rechtsterroristen

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NSU, Breivik, der Anschlag auf Sikhs in den USA – und nun der vereitelte Terrorangriff auf das polnische Parlament: Rechtsextreme töten und bomben weltweit – scheinbar unabhängig voneinander. Doch die Internationale der Rechtsterroristen ist in Ideologie und Motivation vereint. Wie viele „Homegrown Terrorists“ noch losschlagen, kann niemand sagen – auch die Sicherheitsbehörden nicht.

Von Patrick Gensing

Polnische Medien veröffentlichten Bilder von den Waffen, die bei Bruno K. gefunden wurden.

Der radikale Nationalist Bruno K., der einen Anschlag auf das Parlament in Polen geplant hatte, hatte laut dem polnischen Ministerpräsident Donald Tusk Verbindungen zum norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik, der im vergangenen Jahr in Norwegen 77 Menschen getötet hatte. Das berichtet tagesschau.de. „Er hat seine Faszination für Breivik nicht verhehlt“, sagte Tusk demnach.

Das polnische Fernsehen berichtete den Angaben zufolge, der Verdächtige habe Breiviks Methoden kopieren wollen. Diese hatte im Juli 2011 einen Bombenanschlag auf das Osloer Regierungsviertel verübt und dann auf der Insel Utöya unter den Teilnehmern eines Ferienlagers der sozialdemokratischen Jugend ein Massaker angerichtet. Tatmotiv des vereitelten Anschlags in Warschau seien Fremdenhass, Antisemitismus und Nationalismus. Ministerpräsident Tusk sprach von einer neuen und dramatischen Erfahrung. „Bisher hatten wir in Polen keine Erfahrung mit solchen Vorfällen“, sagte er. Die Ermittler waren auf K. aufmerksam geworden, da er im Netz offenbar Anschläge angedeutet hatte, wie die Gazetta Wyborca berichte.

Rechtsrocker schlägt los

Erst im Sommer hatte der Neonazi Wade Michael Page in den USA sechs Menschen erschossen, offenbar weil er sie für Muslime hielt. Ungezählte Male hatte der Rechtsrocker solche Gewalttaten zuvor propagiert – öffentlich. Page war Mitglied in mehreren NS-Hatecorebands, bei Gruppen wie   „Definite Hate“ und „End Apathy“ – Musik von weißen Rassisten für weiße Rassisten.

„Its 2010 and here we are to get rid of them
the enemies of the white race
here we are to get rid of them
we have got to win
if we fail our children will pay
we wont let that happen
ill see you in the end“
(End Apathy)

Die bekannteste seiner Bands dürften die „Blue eyed devils“ (BED) gewesen sein, bei denen er laut NYT angeblich Mitglied war. Das „Netz gegen Nazis“ schreibt, in Deutschland seien die „Blue Eyed Devils“ anfangs durch die Werbearbeit des „Blood & Honour“-nahen Versands „Hatesounds“ aus Werder (Brandenburg) bekannt geworden. Im Dezember 2009 sollen die BED angeblich auch in Sachsen-Anhalt aufgetreten sein, nach nicht bestätigten Berichten auf Szene-Seiten mit Faustrecht und Sleipnir (deren „unpolitisches“ Liedgut an einer deutschen Schulen bei der Abschlussfeier gesungen wurde…).

Nigger lover! Race traitor! Walk in shame and hide your face
Nigger lover! Race traitor! For false pride you sold out your race

So now it’s a civil war, white against white

Cause you’re a scared little bitch, an empty threat
And in this game you lost your bet
In the search for respect, what did you find
Are all this drugs fucking up your mind?
Kissing nigger ass, how does it taste?
You lost your dignity and sold out your race

On your knees, my gun to your head
Worthless scum you know what lies ahead
With the pull of the trigger, now you’re dead!

(BED – Walk in shame)

Im Jahr 2006 wurden BED zum Ian-Stuart-Gedächtnisfestival gemeinsam mit den deutschen Bands Kraftschlag und Oidoxie angekündigt. Das Konzert wurde dem Plakat zufolge von dem kriminellen Neonazi Sebastian S. organisiert – S. verkaufte zu dieser Zeit dem Inlandsgeheimdienstes namens Verfassungsschutz in NRW Informationen. Ein weiteres Kapitel in der skandalträchtigen Geschichte der Kooperation zwischen Staat und Neonazis.

Definite Hate bei Lastfm
Definite Hate bei Lastfm
Werbung des Labels56 für Page`s Band "Definite Hate"
Werbung des Labels56 für Page`s Band „Definite Hate“

Platten sowie Merchandise der oben erwähnten Bands gehören auch bei gut sortierten Neonazi-Versandhändlern ins Programm. So bietet Wewelsburg Records Musik von Definite Hate an, unter anderem bei FrontRecords aus Sachsen werden die BED verkauft. Der Versandhandel wird nach Angaben des Blogs gamma maßgeblich von Neonazis aus dem „Aryanbrotherhood“-Umfeld beeinflusst. Gamma zeigt auch ein Bild, auf dem ein Front-Records-Macher bewaffnet  zu sehen sein soll – eine Horde Neonazis, die sich als Chapter Leipzig der „arischen Bruderschaft“ bezeichnet.

Auch die Spuren der NSU-Unterstützerszene führten in die Musikszene, NSU-Mitglieder wurden Ende der 90er Jahre „Blood & Honour“ zugerechnet, weitere Hinweise führen zu „Arischen Bruderschaften“ sowie Hammerskins – exakt die Netzwerke, zu denen auch Page sowie dessen Bands gezählt werden können.


Interview mit Wade Page

Die taz berichtet derweil über weitere Spuren vom NSU-Umfeld zum KuKluxKlan. Amerikanischen Medien zufolge hatte sich auch Page um eine Mitgliedschaft beim Klan bemüht, eine seiner Bands, Definate Hate, spielte bei Treffen der Rassisten-Ritter.

Die Mär vom edlen Ritter

Auch Anders Breivik inszenierte sich als vermeintlich edler Ritter, der auf dem Kreuzzug sei. Der Norweger bediente sich in seiner Argumentation allerdings bei der „islamkritischen“ Internet-Sekte, die ihren Rassismus als Religionskritik verkleidet.

Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.
Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.

Bei Breivik ist nicht von Blut und Boden die Rede, er  verpackt seinen Hass als Kulturkampf gegen den Islam, der angeblich die ganze Welt beherrschen will. Diese modernisierte Form des Rassismus war in den vergangenen Jahren zur wirkungsmächtigsten Waffe der extremen Rechten geworden, die Sarrazin-Debatte kann in Sachen Breitenwirkung als Dammbruch gewertet werden, ähnlich wie beim Antisemitismus die Grass- und Beschneidungsdebatten.

Der Hass auf Muslime hat mittlerweile die Züge eines Ressentiments entwickelt, selbst Migranten, die gar nichts mit dem Islam oder sogar Islamismus am Hut haben, werden zur Teil einer weltweiten Verschwörung erklärt; die säkularen Migranten oder gemäßigten Muslime hätten die Aufgabe, die europäische Öffentlichkeit in Sicherheit zu wiegen, so das Hirngespinst. Jedes Argument gegen diese Theorie wird so zum Argument dafür; ein typisches Merkmal für Verschwörungslegenden.

Offene Gewaltaufrufe

Breivik hat seine Tat bereits begangen, anderen Protagonisten aus dieser Szene kann man praktisch beim Prozess der Radikalisierung zuschauen. Internet-Pranger, offene Gewaltaufrufe, Mitglieder der German Defence League, die offen den Aufbau einer Miliz verkünden  – nach Breiviks Massenmord an sozialdemokratischen Jugendlichen, die er als Kollaborateure des Islams ausgemacht hatte, haben sich einige „Islamkritiker“ verbal etwas gemäßigt – andere verlieren sich immer weiter im Gedankenbunker der „Reconquista“.

Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.
Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.

Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang die Einschätzung von Bundesregierung und Verfassungsschutz, die im September 2011, also nach Breiviks Doppelanschlag, allen Ernstes mitteilte, dass man islamfeindliche Blogs wie PI-News nicht als rechtsextremistisch einschätze.  Islamkritische bis hin zu muslimfeindliche Einstellungsmuster seien “Ausdruck von Ängsten vor Überfremdung”, begründete die Regierung diese Einschätzung. Der Begriff “Überfremdung” ist übrigens ein zentraler Kampfbegriff der extremen Rechten.

Weiter hieß es, die überwiegende Mehrheit der Einträge auf PI bediene sich keiner klassischen rechtsextremistischen Argumentationsmuster, sondern sei „im islamkritischen Spektrum anzusiedeln“. Dieser Lesart zufolge ist auch Breivik kein Rechtsextremist, da er nicht “klassisch rechtsextrem” argumentiert. 

Warnung vor NSU-Nachahmern

Nachdem der Inlandsgeheimdienst jahrelang überhaupt keinen Rechtsterrorismus erkannt haben wollte, warnt der VS nun, dass nach der NSU-Terrorserie Nachahmungstaten „denkbar“ seien. Dabei haben die Behörden aber eine wichtige Sache übersehen, nämlich das Potential aus dem „islamkritischen“ Milieu. Der NSU ist ein Echo aus der Vergangenheit, wie die Journalisten Staud und Radke treffend formulierten – die Gewaltaufrufe der „Islamkritiker“ sind hingegen die Gegenwart.

Das FBI betonte im Fall Page, man habe nicht damit rechnen können, dass der Neonazi eine solche Tat beginge. Auch der Verfassungsschutz muss nun einräumen, dass man im Prinzip kaum Möglichkeiten hat, potentielle Rechtsterroristen zu stoppen: „Der unvermittelte Angriff auf Menschen, die dem Feindbild der rechtsextremistischen Szene entsprechen [und das sind viele Millionen Menschen, PG], könnte von potentiellen Nachahmern als Strategie nach der vom NSU verwandten These „Taten statt Worte“ verstanden werden. […] Die „Wiederentdeckung“ von Konzepten der Vergangenheit (z.B. „leaderless resistance“) ist ebenso vorstellbar wie eine Beeinflussung durch Vorgehensweisen von Terroristen anderer Phänomenbereiche. Dort wie hier erhöht sich infolge der vielfältigen Möglichkeiten internetbasierter Kommunikation die Gefahr von Gewalttaten durch selbstradikalisierte Einzeltäter oder Kleinstgruppen.“

Leben im "Untergrund": Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004
Leben im „Untergrund“: Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004

Der Angriff von rechts

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die biographischen Ähnlichkeiten bei Breivik, Bönhardt, Mundlos und Page – allesamt ledig, geboren innerhalb einer Dekade: Page 1971, Mundlos 1973, Böhnhardt 1977, Breivik 1979. Weiße, ledige Männer, die sich seit Jahren radikalisieren – wie viele solcher rassistischen Zeitbomben noch herumlaufen und wann diese hochgehen, darüber kann nur spekuliert werden. Ein Blick ins Internet auf Kommentarspalten oder Rechtsrock-Lieder reicht, um zu erahnen, welches Potential hier zumindest schlummert.

Ich bin ein Nationaler Sozialist
Ein geistiger Brandstifter, Antisemitist
Ein Staatsfeind, ein ewig Gestriger und toller Rassist
Ein Idealist, ein brauner Terrorist

(Sturm 18 – brauner Terrorist)

Wehret den Anfängen? Dieser Spruch kommt satte 25 Jahre zu spät, damals hätte man die Anfänge dieser internationalen Rassisten-Bewegung, den Rechtsrock, noch leicht zerschlagen können, doch die Ignoranz war grenzenlos.

Der nette Terrorist von nebenan

Das soziale Umfeld des amerikanischen Rassisten Page äußerte sich US-Medien zufolge vollkommen überrascht – und natürlich schockiert über die Tat. Page sei ein unauffälliger Typ gewesen. Ähnliches wurde über Breivik berichtet.

Auch die NSU-Terroristen werden von Nachbarn als nett und hilfsbereit beschrieben. Ganz fürchterlich normale Männer in den besten Jahren, keine langen Bärte, kein obskurer Besuch von schwarzhaarigen Fremden – die Rechtsterroristen sind Paradebeispiele für den Homegrown Terrorism – hausgemachter Terrorismus. In Polen war der angebliche Rechtsterrorist bislang wissenschaftlicher Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Hochschule Krakau.

Angesichts der rechtsterroristischen Aktivitäten lässt sich  von einer ganzen Serie von Anschlägen sprechen, denn auch in Italien gab es bereits einen „Breivik“, der vor rund einem Jahr zwei Menschen erschoss, weil sie schwarz waren.

Eine größere Debatte über die Zusammenhänge der Taten ist bislang ausgeblieben. Hätten Islamisten in Europa und den USA innerhalb von zwei Jahren fast 100 Menschen ermordet und beinahe ein Parlament in die Luft gejagt, wäre dies wohl „etwas“ anders.

Alle Meldungen zum Rechtsterrorismus.

Ukraine: Ultra-Nationalisten erstmals im Parlament

Mitglieder der erstmals im ukrainischen Parlament vertretenen Partei „Swoboda“ („Freiheit“) organisieren regelmäßig Aufmärsche, um die „Ukrainische Aufständische Armee“ (UPA) zu feiern, die im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit begangen hat. Ihr Held ist der 1959 in München verstorbene ukrainische Nationalist Stepan Bandera.

Von Lara Schultz

Auch fünf Tage nach der Parlamentswahl in der Ukraine dauert die Auszählung der Stimmen noch immer an. Die Opposition um Vitali Klitschko befürchtet Manipulationen, Oppositionsführerin Julija Timoschenko von der Vaterlandspartei ist seit Montag in der Haft im Hungerstreik und am Mittwochabend attackierten mehrere Personen Mitarbeiter der Wahlkommission in Kiew mit Pfefferspray.

Nach der bisherigen Auszählung kam die Partei von Präsident Janukowitsch bei der Parlamentswahl auf 30,07 Prozent der Stimmen, Timoschenkos Partei erhielt 25,48 Prozent. Vor allem aber hat die rechtspopulistische Partei Swoboda („Freiheit“) offenbar 10,42 Prozent der Stimmen geholt. Die  Swoboda unter Oleg Tiagnibok hat damit erstmals die 5%-Hürde überschritten.

Feierlichkeiten zu Ehren von Kriegsverbrechern

Zehntausende feierten bereits vor zwei Wochen in der Ukraine den 70. Jahrestag der Gründung der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ (UPA). Der militärische Arm der „Organisation der Ukrainischen Nationalisten“ war bis 1944 an der Ermordung zehntausender Juden, Polen und Russen beteiligt. Seit 2005 veranstalten Nationalist/innen jährlich am 14. Oktober unterschiedliche Kundgebungen und Aufmärsche.  Eine der Veranstalterinnen ist „Swoboda“.

Allein in Kiew nahmen am 14. Oktober Tausende an dem Aufmarsch teil, Swoboda sprach gar von 10.000 Teilnehmenden. Diese bestanden hauptsächlich auf Parteianhänger/innen und trugen Parteifahnen, die rot-schwarze Fahne der „Aufständischen Armee“, die ukrainische Flagge sowie Portraits der UPA-Gründer Stepan Bandera und Roman Schuchewitsch. Auch Bürger/innen und Vertreter/innen anderer Organisationen reihten sich ein.

Swoboda, die im vergangenen Jahr von einem Verbot bedroht war, knüpft in ihrer rassistischen und antirussischen Ausrichtung durchaus an die „Organisation der Ukrainischen Nationalisten“ unter Stepan Banderas an. Banderas „Organisation der Ukrainischen Nationalisten“ (OUN-B) hatte zunächst mit Nazideutschland kooperiert.

Zweifelhafter „Held“ Bandera

Stepan A. Bandera * 1. Januar 1909 † 15. Oktober 1959 in München (Foto: gemeinfrei)
Stepan A. Bandera * 1. Januar 1909 † 15. Oktober 1959 in München (Foto: gemeinfrei)

Im Juni 1941 proklamierte Bandera nach dem Einmarsch der Wehrmacht die ukrainische Unabhängigkeit. In der Unabhängigkeitserklärung war eine „enge Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Großdeutschland unter dem Führer Adolf Hitler“ vorgesehen, um so „dem ukrainischen Volk zu helfen, sich von der Moskauer Okkupation zu befreien“.

Allerdings hatte die deutsche Führung andere Pläne und deportierte Bandera und die Begründer der unabhängigen Ukraine kurzerhand in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. 1944 aus der Haft entlassen, kämpfte Bandera anschließend teilweise mit den sowjetischen Partisanen gegen die Deutschen, dann wieder gegen die Rote Armee für die ukrainische Unabhängigkeit.

2007 wurde Bandera vom damaligen Präsidenten Wiktor Juschtschenko posthum der Orden „Held der Ukraine“ verlieben, diese Auszeichnung wurde aber 2010 durch ein Donezker Gericht als unrechtmäßig wieder aberkannt.

Siehe auch: “Wir hatten verbrannte und eitrige Finger…”, “Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz”, Stadien des Hasses?, Politik in der Ukraine – mehr als ein Krankenbericht,

Breaking News: Auch Nazis halten zu „Schland“

Offenbar scheint es völlig überraschend zu sein, dass Deutschland-Spiele auch (nicht: nur) immer wieder Anziehungspunkt für diejenigen sind, die ihre Entspannung beim Wettstreit der Nationen am liebsten durch einen Faustkampf herstellen. Dabei sind martialisches Auftreten und diskrminierendes Schrei- und Liedgut an der Tagesordnung.

Von Andrej Reisin

Deutsche Hooligans in Ungarn 2010 (YouTube-Screenshot)
Deutsche Hooligans in Ungarn 2010 (YouTube-Screenshot)

Um es gleich nochmal klar zu stellen, auch wenn es von denjenigen, die es am meisten betrifft, vermutlich eh nicht zur Kenntnis genommen wird: Niemand hat behauptet, die Mehrheit der Deutschland-Fans während der EM seien Nazis, Hools oder Rassisten. Dann wäre das Land ja ehrlich gesagt aber auch fest in deren Hand, was den Unsinn einer solchen Unterstellung deutlich macht. Gerade umgekehrt wird aber ein Schuh draus: Offenbar reicht es schon, darauf hinzuweisen, dass es durchaus wahrnehmbare Personen und Gruppen aus diesem Spektrum vor Ort gibt, um bei einigen den nationalen Beißreflex auszulösen: Weil man selbst auch zu Deutschland hält und kein Nazis ist, kann und darf es auch nicht sein, dass da auch noch ganz andere Gestalten mit im Block oder auf der Fanmeile rumlaufen. Dabei war dies in der Vergangenheit auch immer so.

Wie gesagt: Es geht nicht darum, dass die Mehrheit (geschweige denn alle) der Deutschland-Fans in Wirklichkeit Nazis seien. Aber die sind eben auch da – und das ist eben kein Zufall, sondern Notwendigkeit: Denn schließlich sind sie auch Deutschland-Fans. Wer diese Realität polternd und wütend nicht zur Kenntnis nehmen will, weil man selbst auch mit der deutschen Elf mitfiebert, der weist nur auf seine eigene mangelnde Fähigkeit zur Differenzierung hin. Eben dieses übersteigerte „Wir-Gefühl“ aber kennzeichnet den kollektiven nationalistischen Rausch. Dass bei Deutschland-Spielen nur noch „entspannte Patrioten“ zugegen sind (deren Existenz man eh anzweifeln darf), ist jedenfalls ein Märchen. Wer das nicht glauben will, sollte Augen und Ohren aufmachen.

Publikative.org präsentiert deswegen hier eine lose Sammlung (kann gerne in den Kommentaren ergänzt werden) von tollen Fahrten der „besten Fans der Welt“ aus den letzten Jahren: Eine Gaudi nach der anderen, viel Spaß!

Ungarn – Deutschland (29.05.2010)

„Zick-Zack-Zigeunerpack!“ Das wird man ja wohl grade noch rufen dürfen, oder?

Belgien – Deutschland (03.09.2010)

Hier singt der selbstbetitelte „Mob“ ein weiteren Gassenhauer, nämlich „Wir hassen die Türkei“ zur Melodie von „Jingle Bells“.

Derselbe „Mob“ ein paar Straßen weiter, diesmal hat man „Mexico“ von den Böhsen Onkelz auf den Lippen, auf die anschließenden „Deutschland“-Rufe folgt jeweils klar und deutlich „Hooligans“.

Böhse Onkelz "Mexico / Freitag Nacht" Cover
Böhse Onkelz „Mexico / Freitag Nacht“ Cover

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht ein kleiner Exkurs: „Mexico“, das Lied der Onkelz zur Weltmeisterschaft 1986 ist seit Jahrzehnten im Repertoire von Fußball-Fans, insbesondere bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft. Der Song bewegt sich im Onkelz-typischen Fahrwasser von „Wir“-Gefühl-Vermittlung, angereichert mit ein paar Mexico-Klischees („Land der Kakteen“), Männerphantasien („Senoritas im Arm …“), der deutschen Urangst vor mangelnder Hygiene im Ausland („von Durchfall geplagt“) , der Betonung des Alkoholkonsums („Tequila lauwarm“, „im Siegesrausch, voller Alkohol“) und dem Wunsch „wieder Weltmeister zu sein“.

Was man den Onkelz nicht vorhalten kann, ist die fast schon geniale Mischung, mit der sie hier die Sehnsüchte einer vornehmlich jungen, vornehmlich männlichen Klientel bedienen, was auch der Grund sein dürfte, warum der Song bis heute weit verbreitet ist. Lediglich die erste Zeile „Mit Sombrero auf und Doc Martens an, so geht die Reise los“ gibt einen klitzekleinen Hinweis auf das Umfeld der Entstehung des Liedes in der Hool- und Skinhead-Szene der 80er Jahre in Frankfurt am Main, wie auch das Plattencover deutlich macht. Die Debatte um die Onkelz kann uns soll an dieser Stelle nicht geführt werden. Dass da, wo „Mexico“ auf der Straße gesungen wird, Hooligans bis heute in der Regel nicht weit weg sind, ist allerdings unbestreitbar, wie neben dem o.a. Video eine Vielzahl weiterer zeigen.

Deutschland – England (19.11.2008)

Hier greift der „Mob“ englische Fans anlässlich eines Länderspiels in Berlin an. Dabei wird gegen Ende mit „Bomben auf Engelland“ lupenreines Nazi-Flieger-Liedgut intoniert, komponiert vom Goebbels’schen Propaganda-Barden Norbert Schultze.

Slowakei – Deutschland (11.10.2006)

Und schließlich zum Abschluss ein Schwenk über die deutsche Kurve beim Spiel Slowakei-Deutschland im Oktober 2006. Vor und während des Spiels hatte es heftige Auseinandersetzungen mit anderen Fans und der Polizei gegeben. Zahlreiche deutsche Hools beglückwünschten sich anschließend in diversen Foren zur „gelungenen Aktion“. Bevorzugtes Liedgut auch hier: „Mexico“.

Siehe auch: “Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz”, Wettbewerbsgrundlage NationalismusDie Sozialpsychologie des Fußballpatriotismus

Stadien des Hasses?

Letzte Woche zeigte die Mutter aller TV-Politmagazine, „Panorama“ in der BBC, eine verstörende Reportage aus Polen und der Ukraine. Im Bild zu sehen: Rassismus und Antisemitismus in lupenreiner Vorführung, inklusive Hitler-Gruss und dem Verprügeln indischer Austauschstudenten auf den Rängen vor laufender Kamera. Doch über den Bericht und das Ausmaß des Problems gehen die Meinungen auseinander.

Von Andrej Reisin

White Legion Wandmalerei in Waarschau (Foto: Screenshot / BBC)
White Legion Wandmalerei in Waarschau (Foto: Screenshot / BBC)

Der ehemalige Kapitän der englische Nationalmannschaft Sol Campell riet nach Ansicht der Bilder vor allem seinen schwarzen und asiatischen Landsleuten davon ab, zur EM zu reisen. Die Empörung war groß, aber nicht (nur) über die gezeigten Bilder, sondern vor allem auch über den vermeintlichen Kampagnenjournalismus der BBC. Sowohl in Polen als auch in der Ukraine beschwerten sich Repräsentanten auf allen Ebenen, bis hin zum Premierminister und dem Außenministerium. Die Rhetorik der Abwehr klang dabei seltsam vertraut: Die BBC habe sich einzelne Extremfälle herausgepickt, das Ganze sei hochgespielt worden und in Wirklichkeit ginge es nur darum, den Sponsoren das Turnier madig zu machen, damit mehr Geld in die Olympischen Spiele in London fließe.

Aber auch einige Protagonisten des Films, wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Krakau, der in der Sendung als Kronzeuge für polnischen Antisemitismus zu Wort gekommen war, distanzierten sich von dem BBC-Beitrag. Seine Aussagen seien benutzt worden, um eine einseitige Darstellung zu verbreiten und „Sensationsjournalismus“ zu betreiben. Gegenbeispiele, wie zwei israelische Spieler, die für Wisla Krakau spielen und sich sehr wohl fühlten, seien nicht erwähnt worden.

Seit gestern allerdings haben bestimmte Befürchtungen in Bezug auf den Alltagsrassismus und den Hass in den Stadien Polens und der Ukraine erneut Nahrung erhalten: Beim öffentlichen Training der niederländischen Nationalmannschaft in Krakau soll eine Gruppe von Wisla-Fans Affengeräusche in Richtung der schwarzen Oranje-Spieler gemacht haben. Trainer Bert van Marwijk sagte anschließend sarkastisch: „Nun wissen wir immerhin, was uns erwartet. Tolle Stimmung.“ Auch die ARD berichtet über rechtsextreme Fans in der Ukraine.

Leider ist der Film derzeit weder bei der BBC noch bei YouTube in voller Länge vorhanden, aber bei google kann man trotzdem fündig werden. Gibt es ein flächendeckendes Problem mit Rassismus, Antisemitismus und Hasskriminalität in Polen und der Ukraine? Oder ist der BBC-Bericht reißerischer Sensationsjournalismus, der ein paar Spinnern zu viel Raum schenkt? Wir sind auf Eure Meinungen gespannt!

Siehe auch:  Ultras: Wer mit dem Feuer spielt, Das unpolitische Wir der Fanszene, Keine EM in der Ukraine!