Bataclan: Ein antisemitischer Anschlag?

Das Bataclan in Paris (Foto: patrick janicek)
Das Bataclan in Paris (Foto: patrick janicek)

Welche Rolle spielt der Antisemitismus als Motiv für die Anschläge in Paris? Im Netz weisen diverse Seiten darauf hin, dass das Kulturzentrum Bataclan schon länger im Visier von Israelhassern gestanden habe und die Band „Eagles of Death Metal“ wegen ihrer Israel-Solidarität kritisiert worden sei. 

Von Patrick Gensing

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Was tun gegen den islamistischen Terror?

"Israel-Kritik" als Pop
„Israel-Kritik“ als Pop

Der islamistische Terror hat im neuen Gewand die großen Städte Europas erreicht. Keine großen Bombenanschläge, sondern Angriffe mit Schusswaffen: Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen wird über geeignete Maßnahmen diskutiert. Die Herausforderung besteht darin, vermeintlich gegensätzliche Strategien miteinander zu verbinden – und über Antisemitismus aufzuklären.

Von Patrick Gensing

Während nach den komplexen Anschlägen von New York, Madrid und London mit Tausenden Todesopfern vor allem auf erweiterte staatliche Überwachungs- und Sicherheitskonzepte gesetzt wurde, mit dem „War on terror“ sowie den Drohnen-Angriffen neue Generationen von Terroristen herangezogen worden sind, liegt der Fokus in den jüngsten Debatten offenbar anders. Denn die Konzepte zum „War on terror“ dürften als teilweise gescheitert in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar wurden sicherlich Anschläge vereitelt, Strukturen zerstört – dennoch hat der islamistische Terrorismus weltweit eine Schlagkraft entwickelt, wie sie vor zehn Jahren undenkbar war.

Zudem unterscheiden sich die jüngsten Anschläge von Islamisten von 9/11 und anderen Taten deutlich: Wir haben es heute mit radikalisierten Kleingruppen zu tun, Homegrown Terrorists, die mit relativ wenig Aufwand ihre Taten geplant und durchgeführt haben. Eine DIY-Al-Kaida: Einige handliche Schusswaffen statt riesiger Sprengsätze, ein geklauter Fluchtwagen statt ganzer Flugzeuge – die Attentäter können so unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der Sicherheitsbehörden agieren. Die Grenze zwischen Eskapismus und Terrorismus scheint sich geradezu aufzulösen, der Weg zum politischen Terrorismus kurz. Dies korrespondiert mit den Konzepten von palästinensischen Kämpfern, die auf die „Auto-Intifada“ setzen – oder schlicht mit Messern und anderen Stichwaffen losschlagen, um Terror im Alltag zu verbreiten.

Expertin aus Berlin im Weißen Haus

US-Vize Joe Biden hat bei einer Konferenz im Weißen Haus zur Radikalisierung von islamistischen Attentätern, die im Westen aufgewachsen sind, die richtigen Worte gefunden: Eine bessere Integration von Migranten ist die beste Prävention gegen Radikalisierung, die westlichen Gesellschaften müssten das bessere Angebot machen, den jungen Menschen Chancen eröffnen und ihnen Perspektiven bieten. Die USA seien für diese Aufgabe besser aufgestellt, so Biden, da die USA in ihrer Geschichte bereits kulturelle Integration immer wieder erfolgreich vollbracht hat. De facto ist es die Basis der USA – was man über Europa nicht unbedingt sagen kann. Zwar basiert auch Europas Kultur auf Wanderbewegungen und Migration, doch sind die Widerstände gegen eine multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft in vielen Staaten weit stärker als in den USA.

„Eines der besten Gegengifte gegen die hasserfüllte Ideologie, die Menschen radikalisieren und für den gewalttätigen Extremismus rekrutieren will, ist das Beispiel toleranter und vielfältiger Gesellschaften, die Beiträge aller Menschen jeden Glaubens willkommen heißt“, sagte Obama. Und bemerkenswert ist auch, dass die US-Regierung Experten aus Deutschland zu ihrem Gipfel gegen die Radikalisierung eingeladen haben, beispielsweise die geschätzte Claudia Dantschke aus Berlin, die auf Publikative über Salafisten geschrieben hatte.

In Deutschland ruft CSU-Chef Seehofer derweil auf dem Politischen Aschermittwoch lieber die Leitkultur aus und definiert Integration als pure Assimilation.

Mit Bildung gegen den IS?

Doch ausschließlich mit mehr Integration und mehr Geld für Bildung kann der islamistische Terror nicht besiegt werden. Denn dieser hat eine internationale Komponente: Der Islamische Staat und auch Boko Haram demonstrieren mit immer neuen, unfassbar brutalen Gewalttaten und Hinrichtungen, welche eliminatorische Kraft die islamistische Ideologie den fanatischen Kriegern gibt. Zudem reisen junge Leute aus Europa nach Syrien, in den Irak und in andere Staaten, um sich an diesem Kampf gegen die Moderne, gegen Menschenrechte und Würde zu beteiligen.

Viele kehren nach Europa zurück, traumatisiert, brutalisiert, enthemmt. Diese Leute können nicht einfach durch bessere Bildung oder Integrationsangebote beruhigt werden, dafür sind ihr Hass und ihre Gewalttätigkeit viel zu gefährlich. Hier müssen neben den oben skizzierten progressiven Maßnahmen auch klassische Sicherheitskonzepte greifen.

Israel als „rotes Tuch“?

Und dann fehlt noch etwas: Das Verständnis von Ideologie. Entweder wird dieses Element einfach ausgeblendet oder bestritten: Der Attentäter habe „als palästinensisches Flüchtlingskind“ das Thema Israel eben als ein „rotes Tuch“ gesehen, hieß es beispielsweise zu Kopenhagen. Doch genau das macht doch den modernen Antisemitismus aus: Jüdische Dänen werden verantwortlich gemacht für die Geschehnisse in Nahost. Es wäre so ähnlich, als würde man sagen, der NSU sei nicht rassistisch gewesen, er habe nur wegen der „Überfremdung“ in den westdeutschen Städten rot (bzw. braun) gesehen…

Die Entsorgung des Antisemitismus treibt erstaunliche Blüten. Ein Angriff auf eine Synagoge in Wuppertal sei nicht antisemitisch motiviert gewesen, meinte ein Gericht – exakt wie bei Angriffen auf Flüchtlinge gerne ein rassistisches Motiv geleugnet wird. Auch der Fall Elsässer gegen Ditfurth zeigt, welch absurden Vorstellungen von Antisemitismus in Deutschland an der Tagesordnung sind. Als im Sommer „Tod den Juden“ und ähnliche Parolen auf „Gaza“-Demos geschmettert wurden, war das Erstaunen groß – und die Konsequenzen klein. Bei einer Kundgebung zur Solidarität mit Juden in Berlin, unterstützt von großen Medien und allen Fraktionen des Bundestags, verloren sich wenige Tausend Menschen.

Auch in Dänemark hatte es bereits Angriffe auf Juden gegeben – alles unter dem Label der „Israel-Kritik“. Und das sogar bereits im Jahr 1985, als Palästinenser die Große Synagoge in Kopenhagen angreifen wollten. Der antisemitische Terror hat eine lange Tradition, wird aber jetzt erst wieder von der großen Öffentlichkeit entdeckt.

Obama - gesteuert von Israel... (Foto Sacha Stawski)
Obama – gesteuert von Israel… (Foto Sacha Stawski)

Antisemitismus beginnt für viele offenbar dann, wenn die Schornsteine rauchen – dabei handelt es sich um ein Ressentiments, das sich bereits in Haltungen und Erklärungsmustern massenhaft findet. Ein Ressentiments, das sich genau wie der Rassismus wandelt und modernisiert. Es liegt eine umfangreiche internationale wissenschaftliche Forschung dazu vor, die in Deutschland aber kaum wahrgenommen wird. Nicht antisemitische Einstellungen oder Aussagen werden skandalisiert, sondern die Kritik daran – so wie in den Fällen Augstein und Grass.

Doch das Unwissen bzw. offensive Leugnen von Ressentiments als Motiv verleiht den Taten eine vermeintliche Legitimation: Wenn Angreifer auf Synagogen und Juden – ob in Paris, Wuppertal oder Kopenhagen – doch nur aus Ohnmacht angesichts der israelischen Politik handeln würden, werden ihre Taten bereits ein Stück weit gerechtfertigt. Wieder der Vergleich zum Rechtsterrorismus: Würden Experten den militanten „Heimatschutz“ von Uwe, Uwe und Beate so verharmlosen, die Welle der Empörung wäre groß.

Where are they now?

Womit wir bei der so genannten Zivilgesellschaft wären, die sich seit Jahren gegen Neonazis und Rassismus engagiert. Das finde ich sehr gut. Und die Arbeit ist auch erfolgreich, Neonazis wurden in vielen Regionen zurückgedrängt, Gedenkkultur hinterfragt, alternative Jugendkulturen gefördert. Ein Fortschritt. Leider fehlen viele dieser Akteure, wenn es um Demonstrationen gegen den islamistischen Terror geht. Die Kundgebungen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren vor allem von bürgerlichen Organisationen getragen.

Warum ist das so? Vielleicht, weil die ethnische und soziale Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund als ein Grund für den Weg zum Terrorismus gilt? „Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht“, betonte der Journalist Yassin Musharbash im Deutschlandfunk. Das klinge zwar wie eine Binsenweisheit, doch tatsächlich „liegt hier ein Lösungsansatz verborgen, der in der Terrorbekämpfung viel zu kurz kommt.“ Genau so ist es: Eine intelligente Terrorbekämpfung setzt nicht nur auf Repression, sondern auch auf Prävention.

Sind die Attentäter von Paris und andere Terroristen also logische Produkte von Armut, Ausgrenzung und Rassismus? So einfach ist es auch nicht, denn dann müsste es Hunderttausende Menschen geben, die zu den Waffen greifen, was glücklicherweise nicht der Fall ist.

Es gebe aber entsprechende soziale Bedingungen, die in der Tat die Entstehung solcher Tragödien begünstigten, betont der Soziologe Dietmar Loch. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt der Professor der Universität Lille, dass soziale Ausgrenzung und rassistische sowie sozialräumliche Diskriminierung vor allem gegenüber den in den französischen Vorstädten lebenden Jugendlichen mit postkolonialem Hintergrund seit Jahrzehnten präsent und bekannt seien.

Die Frustration über die eigene Situation sei der Nährboden, so Loch. Gleichzeitig müsse es dazu aber ein entsprechendes ideologisches Angebot geben – wie beispielsweise im heutigen internationalen Kontext den Islamismus. Auf individueller Ebene seien es schließlich persönliche Erfahrungen dieser jungen Menschen, die zu Brüchen in der Biografie führen. Solche Brüche liefen zumeist nach folgendem Muster ab: Abgleiten in die Delinquenz, Aufenthalt im Gefängnis, dortige Radikalisierung durch Mitinsassen. Allerdings würden nur die allerwenigsten Jugendlichen diesen Weg der Radikalisierung einschlagen, auf dem sie dann für ihr individuelles Handeln zum allein verantwortlichen Täter werden.

Terroristen sind keine Opfer

Attentäter, die eine Bar-Mitzwa-Feier angreifen, um möglichst viele Menschen zu ermorden, die in einem Supermarkt Kunden töten, sind keine Opfer, sondern Täter. Gleichzeitig müssen aber alle Anstrengungen unternommen werden, damit nicht weitere Menschen zu solchen Tätern werden. Dazu ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Maßnahmen notwendig: mehr Integration und Respekt, dazu sinnvolle und angemessene Arbeit der Sicherheitsbehörden – und ein klares Verständnis der Ideologie der Täter.

Um ein solches Maßnahmenpaket schnüren zu können, müssten Politiker zu echten Kompromissen bereit sein, weil verschiedene eher linksliberale und konservative Konzepte verbunden werden müssen. Ob die Bundesregierung dazu in der Lage sein wird, muss leider bezweifelt werden. Echte Priorität genießt das Thema offenbar nicht, im Innenministerium dominieren zudem die Hinweise auf die Sicherheitsmaßnahmen – und der Umgang mit der Antisemitismus-Forschung lässt auch nichts Gutes erahnen.

The Krauts in Paris

Der Anschlag auf Charlie Hebdo und die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt beschäftigen auch die Krautreporter. Am Beispiel der Berichterstattung aus Paris zeigen sich exemplarisch die Schwächen des medial viel beachteten Projekts.

Von Patrick Gensing

Zuletzt ist in Kreisen von Netzjournalisten erneut eifrig über die Krautreporter diskutiert worden. Diese wollten erst den Online-Journalismus reparieren – präsentieren sich seitdem aber als eine Art Schüler AG, die gar keine großen Versprechen gegeben habe und ohnehin zunächst über Monate Ideen entwickeln und lernen müsse. Man kann das sympathisch ehrlich finden – oder schlicht dreist. Wie auch immer: Dass mit großen Ankündigungen und der großflächigen Berichterstattung von Kollegen, die das Projekt selbst unterstützen (was in anderen Fällen sicherlich ein Thema für die Netzgemeinde wäre), relativ viel Geld per Crowdfunding eingesammelt und dann wenig „geliefert“ wird – dürfte wohl mittelfristig nicht gerade zum Erfolgsmodell des Journalismus nach der digitalen Revolution avancieren.

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Als „Krönung“ erfanden die Krautreporter dann noch einen Newsletter („Morgenpost“), in dem einige Links zu lesenswerten Artikel gebündelt werden. Angesichts solcher „Neuerungen“ im Jahr 2014 erscheint es fast schon folgerichtig, dass die Krautreporter auf ihrer Seite auf eine Suchfunktion oder inhaltliche Gliederung verzichten und fehlende Aktualität als Qualitätsmerkmal verkaufen. Obendrein bleiben die Krautreporter weit hinter Ankündigungen bzw. geschürten Erwartungen zurück, was die Anzahl der Reportagen angeht, einige Autoren schreiben viel, andere gar nicht – und ob man ein Kundenmagazin für Journalisten, ein junger Old-Boys-Club oder eine Wochenendausgabe der SZ sein will, bleibt bislang auch unklar. So weit, so bekannt.

„Pulverfass Nahost“?

„Frau Meike“ thematisierte bereits die geringe Relevanz vieler KR-Beiträge. Dieser Mangel hat möglicherweise auch damit zu tun, dass die Wahrnehmung bei vielen Themen verengt erscheint: Der Mittelpunkt der Auslandsberichterstattung beispielsweise liegt bei den Krautreportern exakt im Gazastreifen: Zu keinem anderen Thema finden sich auch nur ansatzweise so viele Beiträge wie zu Nahost – ohnehin nicht gerade der blinde Fleck von deutschen Medien. Und während der Bau von Wohnungen in Jerusalem bisweilen als vermeintliches Kriegsverbrechen gebrandmarkt wird, zucken viele Kollegen derzeit nur mit den Schultern, wenn Ägypten eine halbe Stadt an der Grenze zum Gazastreifen platt macht. Doppelte Standards at  it`s best.

Über Tilo Jungs Interviews und Beiträge aus Nahost (Martin Lejeunes Ausführungen oder „Hamas wie die CDU“) wurde bereits viel gesagt und geschrieben. Aber auch IFVictoria Schneider berichtete als Reporterin für die Krauts aus Gaza. Eines ihrer Spezialgebiete, auf ihrem Twitter-Account veröffentlichte sie über viele Wochen fast ausschließlich Tweets über oder aus Gaza.

Anschläge auf Juden?

Nach dem islamistischen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt entschlossen sich die Krautreporter, Schneider nach Paris zu schicken. Dass dies wiederum mit einigen Tagen Verzögerung geschah, soll hier nicht das Thema sein.

Vor Schneiders Abreise wollten die Reporter von ihrer Crowd noch wissen, welche Themen spannend seien. Auf Facebook schlugen zwei Leser eine Reportage aus der jüdischen Community in Paris vor – immerhin richtete sich die Geiselnahme genau gegen diese – und es war leider auch nicht der erste tödliche Anschlag auf französische Juden in den vergangenen Jahren.

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Eine Antwort der Krautreporter auf diesen von relativ vielen anderen Nutzern unterstützen Vorschlag blieb auf Facebook aus. Dafür adelten sie eine andere Idee als „interessante Frage“:

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„VERARSCHE“ und eine „interessante Frage“ nach Brüderpaaren also: Die bösen Vorahnungen sind mittlerweile Realität geworden. Wer in den Krautreporter-Texten aus Paris Begriffe wie jüdisch oder antisemitisch sucht, wird wenig Erfolg haben. Der Fokus liegt hier auf der sozialen Benachteiligung von Jugendlichen aus Einwandererfamilien – und auf der Stigmatisierung von Muslimen.

Das hat zwar durchaus eine Menge mit Paris zu tun, ist aber eben wiederum nur ein Teil der Geschichte, eine bestimmte Perspektive, die zumeist aus antikolonialer Sicht stark betont wird, während die islamistische Ideologie gerne relativiert oder übersehen wird. Dabei kann die soziale oder ethnische Diskriminierung zwar der Nährboden für homegrown terrorists sein – ohne passende Ideologie dürfte der Weg von Betroffenen aber eher in die organisierte Kriminalität führen – und nicht in den politischen Terrorismus.

Die Ideologie und somit auch die jüdischen Opfer werden in der Berichterstattung der Krautreporter schlicht ausgeblendet. Der Begriff Judentum taucht in einem Text der Krautreporter aus Paris über die Attentate beispielsweise lediglich auf, als es um den Zeichner Siné geht: Dieser sei wegen eines Witzes über das Judentum von Charlie Hebdo gefeuert worden, heißt es in dem KR-Artikel.

Es ging nicht um einen Witz über das Judentum

Ist das nicht typisch und ungerecht? Die Muslime sollen Karikaturen klaglos ertragen, aber bei Witzchen über das Judentum werden Zeichner gleich gefeuert? Vor der jüdischen Lobby wird eingeknickt… Ja, so könnte man denken, so als Mitteleuropäer, der einige Ressentiments als kulturelles Erbe des Abendlandes mit auf den Weg bekommen hat und diese deswegen gar nicht als solche wahr nimmt.

Doch wenn man sich die Mühe macht, zum Fall Siné ein bisschen zu googlen, so wird schnell klar, dass die Sache etwas anders lag – und man stößt beispielsweise auf folgendes Zitat des Zeichners Siné:

In 1982, soon after a terrorist attack had taken place on Jews in Paris, Siné gave an interview on the radio during which he stated: „Yes, I am anti-Semitic and I am not scared to admit it […] I want all Jews to live in fear, unless they are pro-Palestinian. Let them die.“ He later apologised for his comments. (The Guardian, 3. August 2008)

In dem Konflikt, der 2008 zum Bruch zwischen Charlie Hebdo und Siné führte, ging es keineswegs um einen Witz oder Satire über das Judentum als Religion allgemein, sondern ganz konkret um den Sohn des damaligen konservativen Präsidenten – um Jean Sarkozy, zu der Zeit 21-jähriger Student, der eine jüdische Französin heiraten wollte, was umgehend zu Spekulationen führte, Jean Sarkozy wolle zum Judentum konvertieren. Die taz übersetzte den umstrittenen Artikel von Siné folgendermaßen:

„Jean Sarkozy, würdiger Sohn seines Papas, sitzt schon im Regionalparlament. Und ist vor ein paar Tagen praktisch unter dem Applaus seiner Kumpel von einem Strafgericht freigesprochen worden, das ihn wegen Fahrerflucht vorgeladen hatte. Aber der Kläger war ja nur Araber. Das ist nicht alles: Jean Sarkozy hat erklärt, er wolle zum Judentum übertreten, bevor er seine Verlobte heiratet, eine Jüdin, Erbin der Darty-Haushaltsgeräte-Kette. Der Kleine wird es weit bringen.“

Die Diskussion um die Siné-Affäre war äußerst kontrovers und vor allem komplex, sie stand zudem in einem größeren Kontext. Worum es in dieser Angelegenheit aber auf jeden Fall nicht ging, war ein Witz oder eine Karikatur über die jüdische Religion, sondern die Debatte drehte sich um das Ressentiments, Juden seien auf allen Ebenen – gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch – erfolgreicher; und das, weil sie jüdisch seien, was einer Reproduktion von alten Stereotypen entspricht – und eben keiner progressiven Religionskritik oder Satire.

Von all dem erfährt man bei den Krautreportern nichts. Sogar der staatliche iranische Sender Press TV erwähnte in einem Beitrag zu Charlie Hebdo immerhin, worum es in der Siné-Affäre ging – auch wenn man dennoch versuchte, einen vermeintlichen Widerspruch in dem Agieren von Charlie Hebdo bei Religionskritik aufzuzeigen.

Aggressive Juden in Paris

Das war Mitte Januar. Nun dachte ich mir: „Warte mal lieber ab, was die Krautreporter noch aus Paris liefern, denn die Geschwindigkeit (Aktualität) soll bei diesem Projekt ja offenbar keine entscheidende Rolle spielen.“ Und tatsächlich legte Victoria Schneider am 3. Februar nach, mit einem Porträt des Künstlers Anthony Verlaine aus Paris, der „aus Wut aktivistische Mode“ mache – mit hippiesken T-Shirt-Sprüchen wie „I am Jew – and I love Arabs“ oder andersherum: „I am arab – and I love Jews“. Auch eine Taube in den Farben Palästinas und Israels wird in der Kollektion der Marke angeboten. Ein bisschen Frieden.

Die Relevanz des Beitrags erschließt sich mir zwar ehrlich gesagt kaum, doch das mag Geschmackssache sein; aber immerhin werden in diesem Krautreporter-Stück auch französische Juden erwähnt – sogar das Pariser Viertel Le Marais. Und das klingt dann so:

Er [Anthony Verlaine] erinnert sich an einen Vorfall in seiner Kindheit, als er von einem radikalen Muslim angegriffen wurde, weil er auf der Straße eine Wurst aus Schweinefleisch aß. Ebenso habe er im jüdischen Viertel von Paris, Le Marais, einmal beobachtet, wie eine Gruppe radikaler Juden der Befreiungsfront einen Touristen angriffen, weil der eine Kiffije trug.

Radikale Juden aus der Befreiungsfront? Nach den Anschlägen von Paris sind französische Juden bei den Krautreportern entweder gar nicht existent – oder treten nur als aggressive Radikale auf, die Menschen mit Palästinensertüchern attackieren. Chapeau!

Kommt noch was?

Krautreporter-Macher Sebastian Esser betonte in einem Interview jüngst noch einmal, wie wichtig es sei, Ideen für Geschichten mit der Crowd zu entwickeln. Dass die Crwod der Krautreporter allerdings wiederum vor allem aus Medienmenschen aus Berlin und Hamburg besteht, spricht nicht unbedingt dafür, dass hier ganz neue Perspektiven entwickelt werden. Und der Wunsch zahlreicher Leser auf Facebook, die Krautreporter mögen doch über die jüdische Gemeinde in Paris berichten, wurde bislang offenkundig ignoriert.

Kommt vielleicht noch etwas aus Paris?, wollte ich von den Krautreportern wissen, um nicht vorschnell zu urteilen. Die Antwort: Victoria Schneider arbeite an einem Stück über das Bildungssystem.

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Origineller oder zumindest aktueller werden die Krautreporter also offenbar nicht, denn die Debatte über die Bildungspolitik in Frankreich läuft bereits seit einigen Wochen auf Hochtouren. Auf die Nachfrage, ob es vielleicht doch noch eine Reportage aus der jüdischen Gemeinde geben werde, folgte dann keine Antwort mehr.

Und was sagt uns das alles? Die Berichterstattung der Krautreporter bringt zu dem bislang wichtigsten Thema des Jahres keine neuen Erkenntnisse, sie ist sogar einseitig und unterkomplex. Nun ist es für kleine Medien schwierig, sich bei Themen zu profilieren, die bereits von den großen Playern über Wochen (Paris) oder Jahre (Nahost) ausgeleuchtet wurden. Aber warum setzt man dann auf solche Themen? Warum entschließen sich die Krautreporter nach Wochen der öffentlichen Diskussionen, irgendetwas zu PEGIDA zu machen?

Vegetarische Kraut? Weder Fisch noch Fleisch!

Das Wortspiel „Kraut & Rüben“ drängt sich geradezu auf: Einige gute Texte von bekannten Journalisten machen noch kein lesenswertes Online-Magazin. Es fehlt eine redaktionelle Linie, ein eigener Ansatz, eine grundsätzliche Entscheidung, was die Krautreporter sein sollen.

Dass die Krautreporter angesichts ihrer Mittel und Unterstützung bislang wenig erfolgreich sind, zeigt auch deren weitestgehende Abwesenheit in sozialen Medien: Ihre Artikel werden auf Facebook und Twitter kaum geteilt und diskutiert, bei Alexa liegen sie auf der Liste von deutschen Seiten auf Rang 7202; es gibt einen beachtlichen Männerüberschuss in der Leserschaft und die Nutzer kommen auf die Seite, weil sie nach dem Begriff „Krautreporter“ oder „Niggemeier“ gesucht haben – nicht nach bestimmten Inhalten.

Auch wenn die Krautreporter nicht müde werden zu betonen, viele Spender seien zufrieden und würden wieder ein paar Euro pro Monat geben, erzählen die Rückmeldungen in Blogs und sozialen Medien eine andere Geschichte. Ein befreundeter Fotograf brachte die Sache bei Facebook auf den Punkt: „Ich finde die so belanglos, schaue da kaum noch vorbei und Geld bekommen die von mir keins mehr.“

"Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun": Was man damit tut

„Das hat nichts mit dem Islam zu tun“, sagen die einen. „Das hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun“, sagen die anderen. So wird im Nachgang der Massaker von Paris wieder einmal über das Verhältnis zwischen djihadistischem Terror und dem Islam gestritten. Nachdem im ersten Teil dieses Essays das Verhältnis von Islam und Djihadismus reflektiert wurde, geht es hier um diese Frage, was es eigentlich heißt, das eine oder das andere zu sagen.

Ein Essay von Floris Biskamp, Teil II

Eine Reflexion über den Satz: „Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun“, muss auf zwei Ebenen stattfinden: Auf der ersten, offensichtlicheren Ebene ist nach dem Wahrheitsgehalt der beiden Aussagen zu fragen, also danach, inwiefern sie die Taten, ihre Ursachen und ihren Kontext angemessen beschreiben. Auf der zweiten Ebene sind die Äußerungen als Sprechakte zu verstehen, also als soziale Handlungen, die selbst soziale und politische Konsequenzen haben. Die erste Ebene habe ich hier diskutiert, nun geht es um die zweite Ebene:

Stellt man die Frage, ob die Massaker „etwas mit dem Islam zu tun“ haben, also im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt der Aussage, kann man sie so beantworten: Die djihadistische Ideologie der Mörder ist eine bestimmte, relativ junge Linie innerhalb der islamischen Tradition. Diese Traditionslinie lässt sich vom islamischen Mainstream in Europa unterscheiden und wird von der großen Mehrheit der Muslim_innen in Europa verurteilt, hat aber auch einige inhaltliche Verbindungen mit dem Mainstream. Die Gründe dafür, dass sich junge Menschen dieser Ideologie anschließen und zu Mörder_innen werden, sind jedoch in erster Linie nicht in der islamischen Ideengeschichte, sondern in den sozialen und politischen Umständen zu suchen.

Allerdings versteht man die aufgeregten Aushandlungen über die Frage ob die Massaker etwas „mit dem Islam zu tun“ haben, bestenfalls halb, wenn man nur nach dem Wahrheitsgehalt der Aussagen fragt. Mindestens ebenso wichtig sind die politischen Aushandlungen, die mit dem Aussprechen der Aussagen vollzogen, die sozialen Differenzierungen die hergestellt oder bestritten werden.

Der Streit darüber, ob die Anschläge „etwas/nichts mit dem Islam zu tun“ haben, hat eine gewisse Ähnlichkeit zum Streit darüber, ob „der Islam zu Deutschland gehört“. Es geht hier nicht nur um die mehr oder weniger angemessene Beschreibung der Realität – Was ist schon ‚Deutschland‘? Was ist schon ‚der Islam‘? Was heißt hier ‚dazugehören‘? –, sondern auch um politische Aushandlungen, um Fragen von Zugehörigkeit, Schuldzuweisung, Stigmatisierung, Verantwortung, um Ein- und um Ausgrenzung – oder anders gesagt: um so ziemlich alles, was schon mal unter dem Label „Integration“ verhandelt oder beschwiegen wurde. Will man diese Seite des Konflikts verstehen, ist nicht nach dem Wahrheitsgehalt, sondern repräsentationskritisch nach der sozialen Funktion und nach den zu erwartenden politischen Effekten der Äußerungen zu fragen.

Freilich darf man diese zweite Perspektive nicht einfach gegen die erste ausspielen, wie es in den Tagen nach den Massakern von Paris teils geschehen ist. Einige Reaktionen auf die Anschläge klangen so, als müsse die erste Sorge nun dem guten Ruf des Islam gelten. Diese Gewichtung ist mehr als fragwürdig. In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe djihadistischer Anschläge und Massaker in Europa, von denen zuletzt drei offensiv antisemitisch waren: 2012 wurden vor einer jüdischen Schule in Toulouse, 2014 im jüdischen Museum in Brüssel nun in einem jüdischen Lebensmittelladen in Paris jeweils vier Personen ermordet. Angesichts dessen muss die Aufgabe von höchster Priorität darin bestehen, die Ursachen dieser djihadistischen und antisemitischen Morde möglichst genau zu benennen und zu bekämpfen.

Die sehr reale Gefahr der Stigmatisierung und Polarisierung

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Feindbild Islam und antimuslimischer Rassismus eine Fiktion wären und in diesem Kontext ganz ausgeblendet werden könnten. So scheinen die jüngsten Erfolge des Front National nicht zuletzt daraus zu resultieren, dass Marine le Pen den traditionellen Antisemitismus der Partei hat zurücktreten lassen und stattdessen verstärkt auf die Hetze gegen Islam und Muslim_innen setzt. Ebenfalls real ist die Gefahr, dass der Hass auf den Islam sich im Nachgang von djihadistischen Anschlägen intensiviert. Dies zeigen die zahlreichen, unmittelbar nach den Massakern begangenen Übergriffe auf islamische Einrichtungen und auf Muslim_innen in Frankreich.

Das heißt nicht, dass man irgendwelche Wahrheiten verschweigen müsste, es heißt aber zumindest, dass man bedenken sollte, welche Effekte es haben könnte, die Wahrheiten in bestimmten Weisen auszusprechen. Die zu vermeidenden Effekte sind dabei nicht, dass irgendwelche religiöse Normen oder Gefühle verletzt werden, und auch nicht, dass der Ruf des Islam sich verschlechtert. Der gefährliche und zu vermeidende Effekt besteht vielmehr darin, dass Islam und Muslim_innen stigmatisiert werden, so dass ein ohnehin schon bestehendes gesellschaftliches Klima verschärft wird, in dem sie Opfer von Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt werden.

Wer in einem solchen Klima über den Islam spricht, trägt eine gewisse Verantwortung dafür, in welche Diskurse sie oder er sich dabei einschreibt. Damit ist nicht der „verantwortliche Umgang mit der Meinungsfreiheit“ gemeint, den manche in den letzten Jahren von Karikaturist_innen gefordert haben. Auch diese falsche Forderung nach Verantwortung ist eine biedermännische Unterstützung der djihadistischen Brandstifter, weil damit die Karikaturist_innen als Provokateur_innen verunglimpft werden und ihnen so eine Mitschuld an der gegen sie gerichtete Gewalt zugeschoben wird. Derartiges Victim-Blaming ist entschieden zurückzuweisen.

Die Verantwortung, um die es hier geht, ist eine Reflexion darüber, ob das eigene Sprechen dazu beiträgt, ein Feindbild Islam zu stabilisieren, das zu Diskriminierung, Hass und Gewalt gegen reale oder vermeintliche Muslim_innen führt; eine Reflexion darüber, ob sich die Probleme auch auf eine Weise benennen lassen, bei der das unwahrscheinlicher ist. Natürlich sind die diskursiven Effekte des eigenen Sprechens nie in Gänze abzusehen oder zu kontrollieren, aber man kann doch Abschätzungen vornehmen.

Das stumpfe und bisweilen regelrecht genüssliche Insistieren darauf, dass die Attentate „etwas mit dem Islam zu tun haben“ dürfte oftmals zur Stärkung marginalisierender und kulturrassistischer Diskurse beitragen – zumindest dann, wenn es nicht mit den notwendigen Differenzierungen einhergeht. Wenn die sozialen und politischen Umstände, unter denen sich die drei Mörder radikalisiert haben, ausgeblendet und die Ursachen in irgendwelchen Koranversen, Hadithen oder Aussagen von islamischen Gelehrten gesucht werden, werden die Taten kulturalisiert und werden Muslim_innen als gefährliche Minderheit stigmatisiert – ganz unabhängig davon, ob die Sprecher_innen das beabsichtigen oder nicht, ganz unabhängig davon, ob ihre Aussagen wahr sind oder nicht.

Die Gefahr einer Islamisierung der Debatten

Doch die Stigmatisierung und Diskriminierung von Muslim_innen ist nicht die einzige negative Konsequenz, die ein allzu stumpfes Insistieren auf dem „Mit-dem-Islam-zu-tun-Haben“ mit sich bringt. Es trägt auch zu dem bei, was Bassam Tibi als „Religionisierung“ und Nina Clara Tiesler spezifischer als eine „Islamisierung der Debatten“ bezeichnet: Zahlreiche Themen wie Immigration, „Integration“, Jugendgewalt, Antisemitismus, Homophobie oder Sexismus werden seit einigen Jahren zunehmend als primär „islamische“ Themen diskutiert – und dies in einem Ausmaß, das in der Sache kaum gerechtfertigt ist.

Dieser Islamisierung der Debatten entspricht eine Muslimisierung der Individuen. Menschen, die zuvor als Gastarbeiter_innen, Ausländer_innen oder Türk_innen – in günstigeren Fällen auch einfach nur als Kolleg_innen, Nachbar_innen oder Freund_innen – wahrgenommen wurden, werden immer stärker auf ihre (vermeintliche) religiöse Identität als Muslim_innen reduziert. Je mehr über den Islam gesprochen wird, desto häufiger werden Individuen auf ihre vermeintliche oder reale „islamische Identität“ angesprochen. Und je häufiger junge Menschen in einem strukturell rassistischen (sprich: ethnisiert unterschichteten) Kontext als „Muslim_innen“ angerufen werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Umgang mit strukturell bedingtem Dissonanzen mit der Suche nach „ihrer muslimischen Identität“ verknüpfen.

Dies gilt umso mehr, wenn einzelne Muslim_innen sich immer wieder für den Terrorismus entschuldigen, sich von ihm distanzieren, sich für ihn erklären müssen. Diese Kulturalisierung, Religionisierung und Islamisierung der Debatten trägt nicht zu einer Bekämpfung der Ursachen von Djihadismus bei, sondern eher zu einer Polarisierung der Gesellschaft und zur Reproduktion des Problems. Denn gerade die Islamisierung der Debatten und die Muslimisierung der Individuen ist einer der Faktoren, der salafistischen Gruppen einen stetigen Zulauf garantiert. Je mehr junge Menschen ohne ernsthafte religiöse Sozialisation sich auf die „Suche“ nach „ihrer“ muslimischen Identität begeben, desto mehr von ihnen werden im Internet auf salafistische Videoportale stoßen, die ihnen einfache, didaktisch gut aufbereitete Antworten auf ihre Fragen bieten – und unter ungünstigen Bedingungen den Weg in eine Radikalisierung weisen.

Weil die Aussage, dass die Morde von Paris „etwas mit dem Islam zu tun“ haben, zu eben diesen Prozessen der Islamisierung von Debatten, der Polarisierung der Gesellschaft und der Stigmatisierung einer Minderheit beitragen kann, ist ihr mit Vorsicht zu begegnen. Dementsprechend ist es durchaus zu begrüßen, wenn politische Würdenträger_innen und Publizist_innen in erster Linie betonen, dass die übergroße Mehrheit der Muslim_innen in Europa nichts mit den Morden zu tun hat.

Religiöse Sprechakte als Sonderfall

Auch von Seiten islamischer Verbände und Intellektueller wurde in den letzten Tagen immer wieder betont, dass die Attentate „nichts mit dem Islam zu tun“ hätten oder zumindest im Islam keine Rechtfertigung fänden.

Wenn solche Äußerungen von islamischer Seite kommen, nehmen sie automatisch eine andere Qualität an – und zwar insbesondere dann, wenn es sich bei den Sprecher_innen um religiöse Autoritäten oder Vertreter_innen muslimischer Organisationen handelt. Wenn sich säkulare Beobachter_innen darüber äußern, was islamisch ist und was nicht, kann es nur um die Beschreibung sozialer Sachverhalte gehen. Sie können sich nur darüber äußern, was Muslim_innen selbst als islamisch verstehen, und dementsprechend keinen Unterschied zwischen mehr oder minder authentischen oder richtigen Islamauslegungen machen.

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Photo Credit: Mohammed Jaffar via Compfight cc

Religiöse Sprecher_innen können das dagegen sehr wohl und müssen es in gewissem Sinne auch. Wer gläubig ist, muss sich in der einen oder anderen Weise dazu positionieren, welche Formen des Glaubens und des Handelns religiös richtig sind. Religiöse Personen können anderen Auslegungen mehr oder weniger tolerant und offen gegenüberstehen, sie können nach Dialog und „Ökumene“ streben oder nicht, aber sie müssen doch ungefähr wissen, woran sie glauben. Sie können eindeutige Haltungen dazu haben, ob ihnen die Verehrung von Heiligen als Teil ihres Glaubens gilt oder nicht, ob sie bestimmte Gebets- und Speisevorschriften für eine religiöse Pflicht halten oder nicht, ob sie bestimmte Formen der Gewalt mit ihrer Religion für vereinbar halten oder nicht.

Wenn beispielsweise eine Muslima im Islam in erster Linie eine universalistische Ethik angelegt sieht, in der auch alle Anders- und Nichtgläubigen Geschwister sind, denen keine Gewalt angetan werden darf, kann sie in gewissem Sinne gar nicht anders als zu sagen: „Die Attentate finden im Islam keine Rechtfertigung und haben nichts mit dem Islam zu tun.“ Aus der säkularen Beobachter_innenperspektive ist zu ergänzen: „…im Islam wie diese Muslima ihn versteht…“.

In dem Sinne ist es ausdrücklich zu begrüßen, wenn von muslimischer Seite geäußert wird, dass die Attentate „nichts mit dem Islam zu tun“ haben.

Bequeme Verleugnung und innerislamischer Deutungskampf

Jedoch ist es nicht einfach nur zu begrüßen, weil diese Äußerungen auch zur wohlfeilen Verleugnung des Problems beitragen können. Von religiöse Sprecher_innen kann erwartet werden, dass sie beizeiten auch eine Beobachter_innenperspektive einnehmen und sehen, dass innerhalb derselben Tradition verschiedene, einander widersprechende Positionen existieren. Dann müssen Muslim_innen wohl oder übel der schmerzhaften Tatsache ins Auge sehen, dass die Mörder von Paris sich in derselben Tradition bewegen und sich auf dieselben Quellen berufen wie sie selbst. Die Behauptung, die Attentate hätten nichts mit dem Islam zu tun, kann auch dazu dienen, diesen unangenehmen Sachverhalt wegzuschieben.

Daher ist von islamischen Organisationen und Wortführer_innen eine gewissermaßen paradoxe Positionierung zu erhoffen: Einerseits ist zu wünschen, dass sie mit allem Nachdruck betonen, dass sie den Djihadismus nicht nur als Menschen, sondern auch aus religiösen Gründen verurteilen und mit dem Islam, wie sie ihn verstehen, für unvereinbar erklären – dies tun sie auch fast unisono. Andererseits ist zu wünschen, dass sie sich nicht auf die wohlfeile Verteidigung beschränken, das alles habe „nichts mit dem Islam zu tun“, und nicht einfach allen, die das Gegenteil behaupten, Islamophobie vorwerfen.

Stattdessen ist zu wünschen, dass sie den von den Djihadist_innen eröffneten Deutungskampf um die islamische Tradition annehmen und entschlossen führen. Dies kann nicht durch bloße Distanzierungen und Verurteilung von Terrorismus geschehen, sondern muss noch mindestens zwei zusätzliche Formen annehmen: Zum einen ist es gefährlich, dass junge Menschen, die in islamisierten Debatten nach „ihrer“ islamischen Identität „suchen“ im Internet kaum attraktive Alternativen zu den Angeboten salafistischer Gruppen finden. Zum anderen besteht wie oben dargelegt das Problem, dass für einige Elemente djihadistischer Ideologie Anknüpfungspunkte im islamischen Mainstream bestehen. Zwar ist Antisemitismus kein in erster Linie „islamisches“, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem; aber es ist eines, das unter Muslim_innen besonders verbreitet und mitunter religiös aufgeladen ist. Es wäre wünschenswert, wenn es dagegen nicht nur vereinzelte „Aktionstage“ gäbe, sondern langfristige, ernsthafte Programme aufgelegt würden, in denen gegen Antisemitismus – auch gegen israelbezogenen – gearbeitet wird.

Haben die Attentate von Paris also „etwas mit dem Islam zu tun“? Wenn damit gemeint ist, dass die Täter ihre Taten religiös legitimiert haben und sich dabei in einer bestimmten, relativ jungen und marginalen Linie der islamischen Tradition bewegen, sicherlich. Viel spricht jedoch dafür, dass das Insistieren auf der Beantwortung dieser Frage mit ja oder nein eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösungsfindung ist. Die Reflexion der sozialen und politischen Ursachen der Attentate ist dringend geboten, dasselbe gilt für die Suche nach Maßnahmen, die verhindern, dass es zu immer neuen Massakern kommt. Dabei ist Religion sicherlich ein Faktor. Wer ihn anspricht sollte dies aber im Bewusstsein der Gefahr tun, dass dadurch mitunter ein Beitrag zur Stigmatisierung einer Minderheit, zur weiteren Islamisierung der Debatten, aber nicht zur Lösung von Problemen geleistet wird.

„Frankreichs Werte stehen auf dem Spiel“

Während in ganz Europa anti-israelische Demonstrationen, antisemitische Übergriffe und andere Unzumutbarkeiten zunehmen, ist die Situation für Jüdinnen und Juden in Frankreich besonders kritisch. Publikative.org sprach über dieses Thema mit der Leiterin des Pariser Büros des American Jewish Committes (AJC), Simone Rodan-Benzaquen.

Von Jan-Niklas Kniewel

Es waren beängstigende Bilder, welche da in den letzten Wochen aus Paris um die Welt gingen. Demonstranten lieferten sich, unter dem Vorwand gegen die erneute Eskalation in Nahost zu protestieren, Straßenschlachten mit der Polizei, viele davon vermummt mit der Kufiya, dem Palästinensertuch – inmitten des Trubels brennende Barrikaden. Am 13. Juli attackierten pro-palästinensische Kräfte die Synagogue de la Roquette und setzen etwa 100 Jüdinnen und Juden fest. Der französische Großrabbiner Haim Korsia sprach in der Zeitung Libération davon, dass man Zielscheibe eines tiefen Hasses sei und berichtete von einem Neunzigjährigen, der ihm weinend sagte, dass der Angriff Erinnerung an die Reichskristallnacht in ihm hervorgerufen hätte. Andere Synagogen wurden mit Brandsätzen beworfen. Immer wieder sangen Demonstranten „Tod den Juden“, weitere riefen dazu auf „Juden zu schlachten“. Im auch La Petite Jérusalem genannten Vorort Sarcelles wurden jüdische Geschäfte gezielt Opfer von Vandalismus und Brandanschlägen. Einrichtungen, darunter Jüdische Kindergärten, mussten evakuiert werden, nachdem es Mord- und Bombendrohungen gegeben hatte.

Anti-Israelische Demonstration in Paris. (Foto: Alain Bachellier / https://www.flickr.com/photos/alainbachellier/ CC BY-NC-SA 2.0)
Anti-Israelische Demonstration in Paris. (Foto: Alain Bachellier / https://www.flickr.com/photos/alainbachellier/ CC BY-NC-SA 2.0)

Es wäre jedoch ein Fehler, die gegenwärtigen antisemitischen Übergriffe und Demonstrationen, die auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine neue Intensität erreichen, einzig als eine Reaktion auf die Eskalation im israelisch-palästinensischen Konflikt zu verstehen. Der Hass, der sich entlädt, greift tiefer, dessen werden sich Journalisten wie Politiker in Frankreich langsam bewusst. 2013 wanderten etwa 3.300 französische Juden nach Israel aus – das ist eine Steigerung von gut 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das israelische Immigrationsministerium geht davon aus, dass dieses Jahr ein weiterer Anstieg von etwa 60 Prozent folgen wird. Dies spricht, wie auch die Tatsache, dass die Zahl antisemitischer Vorfälle – unabhängig von Ereignissen im Nahen Osten – um 58 Prozent gestiegen ist für ein strukturelles Problem. In den letzten 14 Jahren hat sich die Situation für die jüdische Gemeinde stetig verschlechtert und immer mehr fragen sich, ob es für sie und ihre Kinder noch eine lebenswerte Zukunft in Frankreich geben kann – laut einer EU-Studie aus dem Jahr 2013 sehen 52 Prozent von ihnen den Antisemitismus als ein „sehr großes Problem“, 74 Prozent sagen, dass er „stark gestiegen“ ist. Das ist nicht nur mehr als in Großbritannien, Schweden, Italien oder Deutschland, sondern sogar mehr als in Ungarn. Mitverantwortlich dafür ist jener Antisemitismus, den der französische Premierminister Manuel Valls als „neuen Antisemitismus aus den Vororten“, bezeichnete.

„Eine neue Art von Antisemitismus“

Simone Rodan-Benzaquen, AJC Frankreich. (Foto: AJC France, alle Rechte vorbehalten)
Simone Rodan-Benzaquen, AJC Frankreich. (Foto: AJC France, alle Rechte vorbehalten)

Das bekräftigt auch die Leiterin des Pariser Büros des American Jewish Committes (AJC), Simone Rodan-Benzaquen im Gespräch: „Mit diesem Satz spielt Herr Valls auf Frankreichs Einwandererviertel an. Wir haben tatsächlich das Problem, dass eine Minorität von Muslimen, französischer oder ausländischer Herkunft antisemitische Akte begehen. Viele leiden selber an Rassismus und Integrationsproblemen und haben große sozioökonomische Probleme. Mit dem Phänomen des Humoristen Dieudonné haben sie es geschafft ein wahres Netzwerk mit traditionellen rechtsextremen Antisemiten zu kreieren. Jetzt hört man sie zusammen in den Straßen von Paris „Tod den Juden“ schreien.“ Letzteres zeigt sich auch an der unübersehbaren Präsenz des faschistischen Quenelle-Grußes auf den anti-israelischen Demonstrationen. Der rechtsextreme Dieudonné, der nicht nur gegen Juden hetzt, sondern auch im Rahmen der Großproteste gegen die gleichgeschlechtliche Ehe eine nennenswerte Rolle spielte, war es, der diesem Gruß zu großer Popularität verholfen hat.

Es wäre allerdings auch verkürzt, das Problem auf die muslimischen Einwanderer und rechtsextremen Kräfte zu reduzieren: Wie in Deutschland spielen auch in Frankreich viele Linke und linksradikale Parteien eine große und unrühmliche Rolle bei den anti-israelischen Demonstrationen. Die Antikapitalistische Partei (NPA), so Rodan-Benzaquen, habe den Antizionismus als ein Hauptthema auserkoren. Nachdem sich die Behörden nicht anders zu helfen wussten, als die Demonstrationen zu verbieten, rief sie dazu auf, das Verbot nicht zu respektieren und war anschließend wieder auf den Demonstrationen präsent – ohne sich am Quenelle-Gruß zu stören. „Sie verstecken sich hinter einem so genannten Antizionismus, der in Realität eine neue Art von Antisemitismus ist“, erklärt Roden und stellt auch der gemäßigten Mainstream-Linken kein gutes Zeugnis aus: „Sie haben immer noch nicht verstanden, dass es heute eine neue Art von Antisemitismus gibt. Während es ihnen leicht fällt, Antisemitismus von Neonazis und Rechtsextremen zu bekämpfen, haben sie es nicht verstanden, dass auch eine andere Minorität rassistisch und judenfeindlich sein kann.“

Ferner, so Rodan-Benzaquen, sei es auch die Eigenart des israelisch-palästinensischen Konflikts, dass dieser, von einer bestimmten – vor allem linken – Elite als Therapie genützt würde, um sich wegen der komplizierten französischen Geschichte sowohl hinsichtlich der Shoa, als auch der Kolonisation weniger schuldig zu fühlen. Auch darin ähnelt die französische Problematik der deutschen – der Antisemitismus ist eben freilich kein Import, sondern hat hier wie dort eine Jahrhunderte alte Tradition und ist auch in der Mehrheitsgesellschaft verankert. Die politische Debatte habe das Thema zu lange ignoriert, glaubt Rodan,-Benzaquen beziehungsweise habe die politische Korrektheit es verhindert es zu thematisieren, dass Antisemitismus nicht nur von der xenophoben Rechten und der radikalen antiisraelischen Linken kommt.

Obwohl die Mainstream-Politik in Frankreich von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten sich einig ist, dass der Antisemitismus bekämpft werden muss, und auch das Verbot der Demonstrationen breite Unterstützung fand, instrumentalisieren die Populisten die Geschehnisse. „In dem Moment, in dem die Bevölkerung Ausschreitungen in den Straßen sieht und die Autorität von Staat und Polizei herausgefordert wird“, so Rodan-Benzaquen, „während die Republik durch eine extreme sozioökonomische sowie eine Identitätskrise geht, ist es die extreme Rechte, die Front National, die ihren Nutzen daraus zieht, indem sie sich auf den Mangel an Integration von Immigranten und anderen Problemen durch Immigration beziehen. Das muss uns allen Sorgen bereiten.“

Im Hass vereint

Eine Minderheit der zweiten und dritten Einwanderer-Generation verneint französische und europäische Werte. Dies geht mit steigender Radikalisierung einher, für die Individuen wie Mehdi Nemmouche ein erschreckendes Beispiel sind. Der französische Dschihadist hatte im Mai diesen Jahres mutmaßlich im Zuge eines antisemitischen Attentats auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen erschossen. Nachdem der Täter verhaftet werden konnte, versicherte François Hollande entschieden gegen Dschihadisten vorgehen zu wollen. „Wir werden sie bekämpfen“, versprach er, doch dies kann keine Lösung sein, ohne auch dem Judenhass entgegenzutreten, denn es war bei weitem nicht der erste Anschlag eines Franzosen dieser Art. Unvergesslich das Attentat auf das jüdisch-orthodoxe Collège Ozar Hatorah in Toulouse vom März 2012, dem der Rabbiner Jonathan Sandler, dessen zwei Kinder und die achtjährige Tochter des Schuldirektors zum Opfer fielen.

Die belgischen Anwälte des Attentäters von Brüssel, Mehdi Nemmouche, beim Zeigen der "Quenelle"-Grußes mit Dieudonné (Foto: Screenshot Europe1 France).
Die belgischen Anwälte des Attentäters von Brüssel, Mehdi Nemmouche, beim Zeigen der „Quenelle“-Grußes mit Dieudonné (Foto: Screenshot Europe1 France).

Auch die Anwälte Henri Laquay und Sebastien Courtoy, die Nemmouche verteidigen, scheinen Überzeugungstäter zu sein: So verteidigte Courtoy beispielsweise das Belgische Islamische Zentrum (IBC), nachdem dieses ein Video verbreitet hatte, das Benjamin Netanjahu mit Adolf Hitler verglich. Ebenso gehören zu seinen Mandaten mehrere ehemalige Politiker des belgischen Ablegers der Front National, darunter deren ehemaliger Generalsekretär, der einen jüdischen Studenten antisemitisch beleidigt hatte. Vor kurzem tauchte ein Foto auf, das die beiden Anwälte zeigt, wie sie Seite an Seite mit Dieudonné den Quenelle-Gruß performen, was Rodan-Benzaquens These vom antisemitischen Netzwerk untermauert.

Rodan-Benzaquen glaubt, dass „Frankreich sein einigendes Ethos zurückerobern muss, das Vielfalt erlaubt und feiert“. „Mehr Gleichheit und sozialer Zusammenhalt wird den Impuls Juden zu attackieren reduzieren. Es muss mehr und bessere Bildung gegen gruppenbezogene Vorverurteilung geben, die den Fokus auf Ähnlichkeiten und gemeinsame Werte zwischen Religionen und Kulturen legt. Interkultureller Dialog ist ein wesentlicher Aspekt“, glaubt Rodan-Benzaquen und warnt: „Nicht nur die jüdische Community, die gesamte Zivilgesellschaft muss das alles extrem ernst nehmen: Es sind Frankreichs Werte, die auf dem Spiel stehen.“

„Israel-Kritik“ revisited: Die Judenhasser lassen die Maske fallen

Eigentlich müsste man ihnen dankbar sein: Während es – gerade in der Linken – seit Jahrzehnten Streit darum gibt, ob und inwiefern sogenannte „Israel-Kritik“ und sogenannter „Anti-Zionismus“ nur schlecht getarnter Antisemitismus im neuen Gewand sind, lassen viele der aktuellen Pro-Gaza-Demos keinen Zweifel mehr: Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ dürften wohl seit 1945 nicht mehr in der Offenheit auf Berlins Straßen gebrüllt worden sein. Wer diesen Zusammenhang jetzt noch leugnet, macht wissentlich gemeinsame Sache mit einer hasserfüllten Meute.

Von Redaktion Publikative.org

Im Grunde gibt es gar nicht viel zu sagen, denn die Argumente scheinen ausgetauscht: Detailliert und immer wieder wurde in den letzten 20-30 Jahren versucht darzulegen, warum es sich bei der als „anti-imperialistisch“ oder „anti-zionistisch“ verbrämten „Israel-Kritik“ in Wirklichkeit um Spielarten antisemitischer Agitation handelt. Immer wieder wurde entgegnet, nein, es gehe in Wirklichkeit um menschliche Werte, um Betroffenheit, um die Opfer, um den Frieden, um die Bedeutung des Nahost-Konfliktes, um die Vermeidung eines „Flächenbrandes“ im nahen Osten – oder schlicht: den Weltfrieden.

Nun allerdings ist Syrien im mittlerweile vierten(!) Kriegsjahr, die Anzahl der Toten liegt bei mindestens 170.000, die Anzahl der Flüchtlinge bei mindestens 2,8 Millionen. In Teilen Syriens und dem Irak errichtet ISIS/ISIL einen Kalifatstaat, der Al-Kaida zu radikal wäre, von der prekären Lage in Libyen, Ägypten, Jemen, dem Libanon und den „ganz normalen“ Diktauren in Saudi-Arabien  und dem Iran gar nicht erst zu reden. Flächenbrand? You bet. Doch wo ist das Interesse der Friedensfreunde, Menschenrechtsaktivisten und „Israel-Kritiker“? Ganz genau: kaum wahrnehmbar. Stattdessen: eine Gaza-Demo nach der nächsten. Denn nur Israel vs. Palästinenser bietet einen Bonus, den andere Konflikte – auch weitaus blutigere in exakt derselben Region – nicht zu bieten haben: Antisemitismus als Welterklärung, als Exit aus der Moderne, als Fluchtpunkt allen Übels einer ungerechten Welt. „Glücklicherweise“ machen die Beteiligten daraus auch keinen Hehl mehr, sondern tragen gleich Tätowierungen wie dieser junge Mann hier:

Pro-Palästinensische Demonstration in Berlin 17.07.2014 (Foto: Boris Niehaus / http://1just.de/ CC BY NC ND 4.0.)
(Foto: Boris Niehaus / http://1just.de/ CC BY NC ND 4.0.)

Das tapfere palästinensische Volk sollte man ehren
da sie noch die einzigen sind auf dieser Welt
die sich gegen den Zionisten wehren

Garniert wird der Rumpelreim mit „88“ und anderen NS-Tattoos. Besagter Herr ist dann auch in Videos zu sehen, wo er zusammen mit seinen Kameraden Sprechchöre wie „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ anstimmt, was trotz zusätzlicher „Cop Killer“-Tätowierung im Nacken bei den anwesenden Beamten noch nicht mal zu einer Nachfrage im Hinblick auf Volksverhetzung führt – offenbar eine ganz normale Pogromstimmung. Die herrscht auch auf diversen Profilen in sozialen Medien, wo man sich munter an Hitler-Zitaten und Hashtags wie #hitlerwasright bedient.

In Paris beließ man es nicht bei derlei Verbalinjurien, sondern ging gleich zum Angriff auf Synagogen über, schon seit Jahren häufen sich ohnehin die Übergriffe auf in der Öffentlichkeit als Juden erkennbare Menschen – in Frankreich wie in Deutschland. Und, wer seiner „Israel-Kritik“ noch direkter Audruck verleihen will, der geht am Wochenende der Europawahl in die europäische „Hauptstadt“ Brüssel und knallt dort im Jüdischen Museum ein paar Besucher ab, nimmt anschließend den Bus zurück nach Marseille – und wird dort nur wegen eines dummen Zufalls bei einer Drogenkontrolle erwischt – die Tasche voller Handfeuerwaffen. Um tote Juden trauert man gerne in Deutschland und Europa 2014 – lebende hingegen vermag man kaum zu schützen – wenn man ihnen nicht ohnehin ablehnend gegenüber steht.

So sieht es aus, das postmoderne „Nie wieder“ auf paneuropäisch: Statt sich mit dem brachialstem, gewalttätigsten Ausbruch von Antisemitismus und antisemitischer Gewalt auf dem Kontinent seit 1945 zu beschäftigen, pflegt man lieber „Israel-Kritik“ und inszeniert sich als Opfer der USA. Nach den jüngsten Ausbrüchen sollte allerdings endgültig klar sein: Eine Linke, die mit dieser Art von „Anti-Imperialismus“ nicht endgültig Schluss macht, hat jeden, aber wirklich jeden emanzipatorischen Anspruch aufgegeben.

Europa 2014: „Jude, verpiss dich!“

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Im Europa des Jahres 2014 ist der Hass auf Juden wieder laut zu hören: Tausende Rechtsextreme, Nationalisten und katholische Abtreibungsgegner sowie Schwulenhasser sind durch Paris gezogen. Dabei skandierten Teilnehmer Parolen wie „Jude, verpiss dich!“. Viele solidarisierten sich mit einem Komiker, der ein Paradebeispiel für eine neue antisemitische Querfront ist. 

Von Patrick Gensing 

Aufruf "Jour de Colere" im Netz
Aufruf „Jour de Colere“ im Netz

Die Initiatoren des „Tags des Zorns“ sprachen von mehr als 100.000 Demonstranten. Die Polizei zählte bei strömendem Regen nach eigenen Angaben rund 17.000 Teilnehmer. Auf jeden Fall waren es also viele Tausend bis Zehntausende Menschen, die durch Paris marschierten, um gegen den sozialistischen Präsidenten Hollande, die Ehe für alle, gegen Juden und für Familie und Vaterland zu demonstrieren. Dabei gab es auch Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Bereits im vergangenen Jahr hat die französische Rechte bei Protesten gegen die Ehe für alle ihre Fähigkeit zur Mobilisierung gezeigt.

Lesetipp: “Made in Papa + Maman”: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle

Im Jahr 2014 geht es vor allem gegen Europa und Juden. Bei der Europawahl ist in Frankreich (und weiteren europäischen Staaten) ein massiver Rechtsrutsch zu erwarten, zudem erhitzte zuletzt die Debatte um den Komiker Dieudonné das Land.

Der Tagesspiegel berichtete über den Komiker:

„Ich möchte mich an Hitler wenden“, sagt der Mann auf der Bühne, und das Publikum des vollbesetzten kleinen Theaters spitzt gespannt die Ohren. „Dieser Monsieur war kein Rassist“, fährt er fort. „Er war wie die anderen, nicht schlechter.“ Begeisterter Applaus. „Welches ist das Neonazi-Projekt heute?“, fragt er weiter. „Ein kollektiver Selbstmord im Bunker? Die Produktion von Seife aus den Stars des Pariser Showgeschäfts?“ Dröhnendes Gelächter. Und dann kommt er zur Sache, um die es ihm zu gehen scheint, die Ausbreitung antijüdischer Klischees bis hin zur Behauptung, Israel regiere Frankreich: „Der einzige Hass, den ich kenne, ist der Hass der Juden auf die Welt.“

So geht es Abend für Abend im Théâtre de la Main d’Or im elften Pariser Arrondissement zu, wenn der Komiker Dieudonné vor seinen Fans das, was er für Humor hält, absondert, sich damit aber den Ruf eines antisemitischen Hetzers eingehandelt hat. Seine braunen Possen krönt der 47-jährige dunkelhäutige Bartträger jedes Mal mit dem „Quenelle“ (Klößchen) genannten umgekehrten Hitlergruß. Dazu streckt er den rechten Arm nach unten und legt die linke Hand quer über die Brust. Einen makabren Höhepunkt seiner Auftritte erreichte er kürzlich, als er dem Journalisten Patrick Cohen, der ihm ein „krankes Hirn“ bescheinigte, nachrief, es sei schade, dass er den Gaskammern entkommen sei.

An der Existenz dieser Kammern zweifeln indes viele Demonstranten in Paris. Sie skandieren Parolen wie „Faurisson hatte Recht, die Gaskammern sind Schwindel!“ Bei Faurisson handelt es sich um einen bekannten Holocaust-Leugner. Außerdem riefen Demonstranten „Juden, verpisst Euch!“. Frankreich gehöre nicht den Juden.

Während also beim französischen „Tag des Zorns“ die antisemitische Figur des jüdischen Vaterlandsverräters lautstark wiederbelebt wird, setzt sich die BDSmovement unterstützt von vielen Linken für weitere Boykottaktionen gegen Israel ein.

Zuletzt wurde die Schauspielerin Scarlett Johansson Ziel der Aktivisten, die sich pro-palästinensisch nennen, aber eigentlich hauptsächlich anti-israelisch handeln, wie der Umstand zeigt, dass das Aushungern eines palästinensischen Flüchtlingscamps in Syrien kaum eine Rolle in diesen Kreisen spielt. Auch hier gilt: Denn es geht um die „Täter“, nicht um die „Opfer“.

Lesetipp: Protest gegen Indien als Lehre aus Auschwitz

Was das mit den antisemitischen Protesten in Frankreich zu tun hat? Eine Menge: Der Komiker Dieudonné ist nicht nur ein Freund der Holocaust-Leugnung, sondern bedient sich auch der Tarnung des „Antizionismus“, mit dem sich Querfronten von Ahmadinedschad über europäische linke Antiimperialisten bis hin zu Neonazis schmieden lassen.

Für jeden etwas dabei

Der italienische Journalist Giulio Meotti brachte diese politische Verwahrlosung gekonnt auf den Punkt:

Dieudonné pleases everybody’s personal form of anti-Semitism: the leftist audience with the white slavery discourse, anti-Americanism and colonialism, the never dulled sense of the guilty; he excites resentment among the youth of the suburbs, the excluded, the pariahs; he courts the neo-Nazis with anti-European nationalism, and especially he excites the Muslims with slander against the Jewish State.

Dieudonné’s „quenelle“ embodies a grudge, a pallor, a hidden passion, that of the poor against the rich, of the immigrants against the locals, of non-Jews against Jews, and, of course, of everybody against Israel.

Zu ergänzen wären noch die selbsternannten Freunde Israels und der Juden, die den Antisemitismus anderer benutzen, um ihrem eigenen Hass auf Muslime einen zivilisatorischen Anstrich zu verpassen.

Einmal mehr ist es also die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit, die den Antisemitismus so unheimlich erfolgreich machen.

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Siehe auch: Schaumschlägerei gegen AntisemitismusCDU, FW und DLVH verhindern StolpersteineElsässers Volksfront: Sarrazin, Herman und Scholl-Latour gegen die “Schwulen-Ehe”Karikatur im “Stürmerle”: Die Banalität des GutenHawkings Israel-Boykott: “Schwerwiegende Heuchelei”Deutsches Stiftungsgeld für antiisraelische Propaganda?

Dank an Andrej für die Übersetzung!