Antisemitismus und NS-Vergangenheit in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte der Antisemitismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft also auch der DDR fort. Der Blick auf die Entwicklung des Antisemitismus und auf den widersprüchlichen Umgang von Staat, Partei und Bevölkerung mit der NS-Vergangenheit im Staatssozialismus beschließt die kleine Rundschau auf den Antisemitismus in Deutschland.

von Raiko Hannemann

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NS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der Juden

An dem präzedenzlosen Verbrechen des Holocaust waren ca. 500.000 Menschen als Täter direkt beteiligt. Aber deutlich mehr Menschen in verschiedenen Ländern wussten von dem Morden, viele tolerierten es stillschweigend und profitierten auf verschiedene Weise davon. Hilfe für die Juden oder gar Aufbegehren gegen die rassistische Politik der Verfolgung und Ermordung gab es weitaus seltener.

Von Andreas Strippel

Bereits unmittelbar nach dem Ende des Polen-Feldzugs verkündete Hitler im Reichstag am 6. Oktober 1939 eine ethnische Neuordnung der besetzten Gebiete, mit deren Durchführung Heinrich Himmler beauftragt wurde. Die so genannte Volkstumspolitik bildete die Matrix, auf der die Siedlungs-,  Vertreibungs-, und letztlich Mordpolitik konzipiert und durchgeführt wurden. In Hitlers „Erlass zur Festigung deutschen Volkstums“ vom 7. Oktober wurden Himmler und damit SS und Polizei nicht nur ermächtigt die „Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung“ zu übernehmen, sondern auch mit der „Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solch volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuteten“ betraut.

Umsiedlung und Rassenpolitik

Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten". Konrad Meyer mit NS-Größen (20.3.41)
Himmler und andere  NS-Größen in der Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten“  am 20. März 1941 (Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA)

Die Umsiedlung von Deutschen aus Osteuropa war ein Resultat des Hitler-Stalin-Paktes. In der sowjetischen Einflusssphäre lebten ca. eine halbe Million Deutsche, die im annektierten Westpolen angesiedelt werden sollten. Als die ersten Umsiedler im Oktober 1939 dort eintrafen, kam es zunächst zu wilden Vertreibungen von Polen, beziehungsweise polnischen Juden. In der Folge wurde daraus die systematische Vertreibung der einheimischen Bevölkerung durch den von der SS kontrollierten Umsiedlungsapparat. Jedoch scheiterte das Ziel die Deutschen Osteuropas direkt anzusiedeln, so dass die SS einen Lager-Kosmos errichtete, der ca. 1500 Lager im Reich und den besetzten Gebieten umfasste.

In diesen Lagern unterzog die SS die Menschen einer rassenpolitischen Selektion, um nur die sogenannten „rassisch Hochwertigen“ als Siedlerelite im Osten anzusiedeln. Das Personal in diesen Lagern bestand zum Teil bereits aus SS-Angehörigen, die später die Selektionen im Holocaust durchführten – der bekannteste Name ist Josef Mengele.

Das rassistische und antisemitische Weltbild der Nationalsozialisten beruhte vor allem auf der Konstruktion der Juden als Gegenrasse zum „Arier“, der Herrenrasse. Die Juden stellten dabei eben nicht nur einen vermeintlichen minderwertigen Konkurrenten dar, den es mit Gewalt und Mord zu verdrängen galt, sondern waren vielmehr Symbol aller Probleme der modernen Welt. Sich der Juden entledigen zu wollen war nicht nur Überlegenheitsfantasie, sondern der Wunsch die moderne Welt von ihren Widersprüchen und Problemen zu reinigen. Daher sieht der antisemitische Denker auch Juden überall dort, wo es Probleme gib oder zu geben scheint. Umstandslos werden so Kapitalismus, Liberalismus aber auch Marxismus als „jüdisch“ denunziert.

Antisemitismus ist damit nicht nur ein bloßes Vorurteil oder ein rassistisches Ordnungsmodel. Er fungiert als Welterklärungssystem, in dem die nationalsozialistische Weltanschauung den anzustrebenden Gegenentwurf stellt.

So verwundert es auch nicht, dass für die Täter antisemitische Praxis und Umsetzung von megalomanen Vorstellungen einer rassereinen Siedlungsgesellschaft zusammengehörten. Genau deswegen forderte das Reichssicherheitshauptamt von Himmler im Juni 1941 den Vertreibungskommandos im besetzen Polen eine Auszeichnung für „Volkspflege“ zu verleihen. Es schrieb:

„Muß doch die Befreiung des deutschen Volkskörpers von Juden und anderen lästigen Elementen als ein ebenso wichtiger Akt der deutschen Volkspflege angesehen werden, wie die Rückführung Volksdeutscher aus dem Auslande.“

Auch die Mörder der Einsatzgruppen legitimierten ihre Taten auf diese Weise. In einem Bericht der Einsatzgruppe D wird über die „bisherige Aufbauarbeit des Einsatzkommandos“ referiert. Unter Punkt 1) „Schutz der Volksdeutschen“ ist unter d) „Evakuierung von Juden und Kommunisten“ angeführt.

Die Tätersprache des Holocaust ist daher nicht bloß Tarnung, sondern auch ein Verweis auf die Entstehung des Verbrechens.

Polen als Experimentierfeld nationalsozialistischer Rassenpolitik

Krieg und Okkupation wirkten sich in erheblichem Maße radikalisierend und brutalisierend auf die antisemitische und rassistische Politik aus. Das besetzte Polen wurde von 1939 an zum Versuchslabor der NS-Rassenpolitik. Mit der Besatzung begann sowohl die gesetzlich-systematische als auch die willkürliche

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Die antisemitischen Aktionen reichten von öffentlicher Erniedrigung über Zwangsarbeit, Plünderungen und anderen Gewalttaten bis hin zu Vergewaltigungen und Morden. Die Deutschen nahmen den Juden ihre bürgerlichen Rechte und schlossen sie aus dem Wirtschaftsleben aus. Sie unterlagen dem Arbeitszwang, ihre Betriebe wurden enteignet, deutsche „Treuhänder“ übernahmen die Leitung.

Neben SS und Zivilverwaltung war von Anfang an auch die Wehrmacht an der Verfolgung der Juden beteiligt. Sie führte die zwangsweise Kennzeichnung jüdischer Geschäfte ein und war teilweise für die Zwangsrekrutierung jüdischer Arbeitskräfte verantwortlich. Zentral für die Verfolgung aber waren die Kommandeure bzw. Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, die zusammen mit den Bataillonen der Ordnungspolizei die Besatzungspolitik gewaltsam durchsetzten.

Zivilverwaltung, Polizei und SS formalisierten vor allem die Rassenhierarchie, an deren Spitze die deutschen Besatzer standen, während die Juden das entgegengesetzte Ende der Skala bildeten. Letztlich war das Ziel

Die Zentrale der Einwandererzentralstelle in Łódź (1939)
Die Zentrale der Einwandererzentralstelle der Sicherheitspolizei und des SD in Łódź (1939) (Bundesarchiv, R 49 Bild-0107 / CC-BY-SA)

alle so genannten „rassisch Unerwünschten“ aus den annektierten Gebieten zu entfernen. Die dafür nötigen Umsiedlungen führten auch zu umfangreichen Planungen innerhalb der SS. Eingebettet in Repressionen, wie die Erschießung der polnischen Intelligenz, war es Ziel der Germanisierung, die Strukturen des polnischen Staates bzw. der polnischen Gesellschaft zu zerstören. Das Amt III B im RSHA legte im November 1939 einen „Fernplan“ vor, der eine volkstumspolitische Neuordnung der Ostgebiete vorsah. Dieser Plan beschäftigte sich sowohl mit der Ansiedlung von Deutschen als auch mit der Deportation, Umsiedlung und Tötung von unerwünschten Menschen, wozu neben Juden und Polen auch Behinderte zählten. Die Verantwortung dafür lag sowohl bei Himmlers Umsiedlungsapparat als auch bei Adolf Eichmann im Reichssicherheitshauptamt. Die Vertreibung der Polen in das Generalgouvernement scheiterte in seiner Gesamtplanung an wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Jedoch wurden nach einer Statistik des Reichssicherheitshauptamtes bis zum Juni 1941 336.346 Polen und 72.179 Juden für die Ansiedlung von Deutschen aus dem annektierten Westpolen vertrieben.

Mit der Besatzung begann auch der Prozess der Ghettoisierung der Juden sowie ihire inhaftierung und Verschleppung in Arbeits- und Konzentrationslager. Die von den Besatzern erst herbeigeführten schlechten Lebensverhältnisse und die notorische Unterernährung führten dann zu Überlegungen, wie man dieses „Problem“, das man selbst geschaffen hatte, lösen könne. Der Leiter der Umwandererzentralstelle Posen, einer SS-Dienststelle, die für die Deportationen von Juden und Polen zuständig war, schrieb in einem Aktenvermerk für Adolf Eichmann:

„Es besteht in diesem Winter die Gefahr, dass die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“

Terror und Mord, Ghettoisierung und Zwangsarbeit einhergehend mit einer ständigen Unterversorgung der jüdischen Bevölkerung führten dazu, dass bereits vor dem deutschen Angriff der Sowjetunion ein „unsystematischer Massenmord“, so der Historiker Dieter Pohl, im Gange war.

Am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion begannen in Himmlers Umsieldungsimperium die Planungen für die Besiedlung des neu zu erobernden Lebensraums. Die Planungskomplexe, die unter dem Begriff Generalplan Ost zusammengefasst werden, zeichnen sich dadurch aus, dass die Juden der Sowjetunion schon gar nicht mehr vor kamen. Ihre Ermordung war so zusagend die Geschäftsgrundlage der bevölkerungspolitischen Vorstellungen der SS.

Beginn der systematischen Morde

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann die systematische Ermordung der europäischen Juden. Sie fand an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Mitteln statt. In dem seit 1939 sowjetisch besetzten Teil

Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)
Zeugnis der Mordtaten. Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)

Polens, im Baltikum und der Sowjetunion zogen mit der Wehrmacht die Einsatzgruppen ein, diesmal mit einem noch sehr viel weitergehenden Auftrag als 1939: Sie sollten die Juden im sowjetischen Machtbereich töten. Wenn die Einsatzgruppen im Schatten der Wehrmacht weiter nach Osten zogen, übernahmen lokale SS- und Polizeieinheiten die Aufgabe des Judenmords. Insgesamt ermordeten Einsatzgruppen und Polizeibataillone mehr als zwei Millionen Menschen.

In Westpolen, dem sogenannten Warthegau, begannen im Spätsommer 1941 ebenfalls Massenerschießungen. Ende 1941 richteten die Deutschen das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) ein. Dort gingen Besatzer daran, Juden aber auch in Sinti und Roma mit Hilfe von Gaswagen zu ermorden. Diese Tötungstechnik war zuvor bei der Ermordung geistig Behinderter in Deutschland erprobt worden. Zur Durchführung zog man daher auch Mitarbeiter der so genannten T4-Aktion heran, die die Ermordung geistig Behinderter organisiert hatten.

Das Morden war bereits im vollen Gange als sich Vertreter der deutschen Bürokratie im Januar 1942 zur Wannsee Konferenz trafen. Auf dieser Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden organisiert.

Massenhafte Ermordung durch Giftgas

Mit der so genannten „Aktion Reinhardt“ begann im Frühjahr 1942 die erste konzertierte massenhafte Ermordung durch Giftgas. In den Vernichtungslagern Bełżec und Sobibór im Distrikt Lublin sowie im Lager Treblinka im Distrikt Warschau ermordet die SS vom März 1942 bis zum Spätsommer 1943 ca. zwei Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma. In diesem Mordprozess, der auch einige Massenerschießungen umfasst, gab es praktisch keine Selektion arbeitsfähiger Menschen. Dem entsprechend gab sehr wenig Überlebende. Sobibór überlebten 47 Menschen, aus Bełżec sind nur drei Überlebende bekannt. Treblinka überlebten etwas mehr als 60 Menschen.

EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945
EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945 (Foto: Stanislaw Mucha, Deutsches Bundesarchiv, Commons:Bundesarchiv).

In Auschwitz begann der industrielle Massenmord bereits Ende 1941 mit der Vergasung von sowjetischen Kriegsgefangenen. Mitte 1942, mit der Errichtung und Inbetriebnahme des Lagerteils Auschwitz II Birkenau mit zunächst zwei, später vier eigens gebauten Gaskammern, wurde Auschwitz-Birkenau zu einem Zentrum des Holocausts. Von Ende 1943 an war Auschwitz-Birkenau das einzig verbliebene Vernichtungslager. Im Gegensatz zu den Tötungsstätten der Aktion Rheinhardt war Auschwitz kein reines Vernichtungslager. Zum Komplex Auschwitz gehören ca. 40 Außenlager, in den die Häftlinge arbeiten mussten.

Auch in Auschwitz wurden Sinti und Roma ermordet. Die ersten Deportationen nach Auschwitz fanden im September 1942 statt. Im Dezember 1942 begann auf Anordnung Himmlers die Errichtung des sogenannten Zigeunerlagers in Auschwitz. Von den ca. 22.600 Insassen des Familienlagers starben mindestens 19.300, mehr als Zweidrittel davon an den menschenunwürdigen Zuständen des Lagers.

Widerstand im Lager

Trotz der barbarischen Umstände gab es in den Lagern immer wieder Versuche von Sabotage und Widerstand. In Treblinka konnten nach einem von langer Hand geplanten Aufstand am 2. August 1943 nach heftigen Kämpfen ca. 250 Häftlinge fliehen, von denen allerdings nur wenige letztlich entkamen. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich in Sobibór ungefähr 600 Häftlinge gegen ihre Mörder. Die SS verfolgte die Geflohen, von denen nur Wenige überlebten. Aber ohne die Aufstände hätte es vermutlich gar keine Überlebenden dieser Lager gegeben. Denn die Konsequenz der Aufstände in Treblinka und in Sobibór war, dass die Lager bald darauf geschlossen wurden. Die SS zerstörte sie und versuchte die Spuren ihrer Taten zu verwischen.

Im Oktober 1944 lehnten sich Teile der Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau auf und sprengten dabei Krematorium Nr.4. Die Geflüchteten wurden allerdings fast vollständig aufgespürt und ermordet. Die Insassen des Zigeunerlagers in Auschwitz leisteten ebenfalls Widerstand.

Der Massenmord, den die Deutschen verübten, fand maßgeblich auf polnischem Territorium statt – fast zwei Drittel der europäischen Juden fielen ihm zum Opfer. Historiker gehen heute von zwischen 5,5 und 6 Millionen Menschen Ermordeten aus. Die größte Opfergruppe waren die polnischen Juden. Von den ca. 3,4 Millionen Juden, die im Vorkriegspolen gelebt hatten, wurden ca. 2,7 Millionen ermordet. 2,1 Millionen ermordeten Juden stammten aus der damaligen Sowjetunion. Damit hatten die Deutschen die osteuropäische jüdische Kultur weitgehend zerstört. Das Morden endete erst als die Rote Armee und die Westalliierten die Deutschen Pläne von der Neuordnung Europas stoppten.

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Akademisches Karussell: Völkische Neuordnungspolitik

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um den wichtigsten Vordenker der völkischen Bewegungen in Europa.

Von Samuel Salzborn*

Es gibt Bücher, die kann man lesen, solche, die sollte man gelesen haben und wieder andere, die zu lesen nicht schadet. Das von Ulrich Prehn über Max Hildebert Boehm gehört zu den Büchern, die man gelesen haben muss.

Ulrich Prehn über Max Hildebert Boehm: Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik
Ulrich Prehn über Max Hildebert Boehm: Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik

Prehn, Zeithistoriker an der Humboldt-Universität zu Berlin, schildert in seinem Band minutiös und mit einer brillanten Quellenkenntnis des Leben und Schaffen von Boehm – und beschreibt dabei, fast so, als ließe sich das nebenbei bewerkstelligen, auch noch die Geschichte der wesentlichen Organisationen, in denen Boehm wirkte.

Grundlage für rechtsextremes Denken

Jetzt werden Sie vielleicht denken: Wer war eigentlich Max Hildebert Boehm? Im Unterschied zu manch anderem Volkstums- und Ordnungsdenker der Zwischenkriegszeit ist ihm ungleich weniger Prominenz in der Öffentlichkeit zuteil geworden – bis hinein in die Rechtsextremismusforschung, die Boehm geradezu fahrlässig als einen der wesentlichen Stichwortgeber nicht nur für die intellektuelle Rechte, sondern für die Grundlage rechtsextremen Denkens überhaupt, immer wieder übersieht.

Denn ohne Boehms theoretische Konzeption wäre die Formulierung eines völkischen Menschen- und Gesellschaftsbildes faktisch undenkbar gewesen, Boehm ist der intellektuelle Dreh- und Angelpunkt aller völkischen Bewegungen, auch und gerade dann, wenn er nicht direkt rezipiert wird, ist sein Denkansatz vom „eigenständigen Volk“ omnipräsent.

Worum geht es genau? Eine Rückblende in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und den Kampf der nationalen Bewegungen gegen die Pariser Vorortverträge, im Deutschen Reich gegen den Versailler Vertrag, der in der deutschnationalen Bewegung einhellig abgelehnt wurde: Neben anderen Ansätzen, etwa dem explizit imperialistischen und expansionistischen Konzept der Alldeutschen, begann sich im intellektuelleren Teil dieser Bewegung eine völkische Strömung herauszubilden, die sich gegen die liberal-demokratischen Bestimmungen der Minderheitenschutzverträge wandte und eine explizit völkische Gegenkonzeption entwickeln wollte. Kern dieses Ansinnens war die Annahme vom „eigenständigen Volk”, wie Boehm es formuliert hat.

Abgrenzung des „Volkes“

Boehm versuchte systematisch „das Volk” von allen anderen politischen und sozialen Kategorien abzugrenzen. Zentral war ihm die Abgrenzung des „Volkes” von den Kategorien Staat/Nation und somit eine Lösung vom zivilisatorischen (westlichen) Nationsbegriff, der auch die Basis für die Minderheitenschutzverträge darstellte. So sollte vor allem die „Eigenständigkeit” des deutschen Volkes bestimmt und ihm zu einer Vormachtstellung in Europa verholfen werden.

Ausgangspunkt für dieses „‚europäisch‘ gewendete deutsche Sendungsbewußtsein” war, wie Prehn herausgearbeitet hat, der fortwährende Bezug auf die Aspekte des Volkstumskampfes und der Heimatpflege in den deutschen Grenzgebieten als „Parallelmotiv zu seiner massiven Kritik an der angeblichen ‚Verwestlichung‘ Mittel- und Osteuropas”, für die „insbesondere Frankreich, England und die Wilsonsche Völkerbund- und Minderheitenpolitik verantwortlich” zu machen seien. Boehms ethnopolitischen und volkstheoretischen Arbeiten lieferten, so Prehn, „‚magische Formeln‘ zur Stiftung einer deutschen Kollektividentität, die, wie das emotional besonders aufgeladene Projekt der zu verwirklichenden Volksgemeinschaft, darauf angelegt waren, die internationale Ordnung der Nationen und ‚Volksgruppen‘ in Europa nach Beendigung des Ersten Weltkriegs aufzusprengen.”

Auf der Theorie der Volkseigenständigkeit aufbauend, die zwar das deutsche Volk in den Mittelpunkt rückte, anderen „Völkern” ihre Eigenständigkeit jedoch keinesfalls absprach, gelangte man zur Theorie der „umstrittenen Grenzstriche”, wie Boehm es formulierte, zum „Europa Irredenta” – was sich wie die intellektuelle Vorwegnahme der neurechten Idee eines „Ethnopluralismus“ liest. Im Kampf gegen den Völkerbund und für den „Sturz der französischen Kontinentalherrschaft” sollte die „Loslösung der Volkstümer aus jahrhundertelanger staatlicher Umklammerung” durch Abbau der westlichen, d. h. demokratisch-republikanisch orientierten „Staatsallmacht” zum Anwachsen des „völkischen Freiheitsbereichs” führen, so Boehm.

Das Volk als Subjekt

Die politische Perspektive verlagerte sich mit der völkischen Politik in der Weimarer Republik hin zum (völkischen) Subjekt Volk und weg vom (bürgerlich-demokratischen) Subjekt Nation. In der Begriffsanwendung begann parallel zum Ersetzen des Wortes Nation im Allgemeinen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch durch „Volk” auch die Ergänzung des Begriffs der Nationalitäten durch den der Volksgruppen, was eine, so Martin Broszat, „innere Abwendung” vom „westlichen, durch die Französische Revolution geprägten demokratisch-liberalen Begriff ‚Nation‘” bekundete. Der Begriff Volksgruppe wurde zu Beginn der 1920er Jahre von den Kritikern des Minderheitenbegriffes „neugeschaffen“ (Boehm) und damit überhaupt erst als wirkungsmächtiger und inhaltsvoller Begriff in den Sprachkontext gesellschaftlich eingeführt.

Prehn skizziert nun den Lebensweg Boehms, beginnend bei seiner familiären, schulischen und akademischen Sozialisation, seine Politisierung im Ersten Weltkrieg und seinen Kampf gegen Weimar sowie sein Engagement für den Nationalsozialismus und zeigt dabei vor allem seine Wirkmächtigkeit im Bereich der völkischen Bewegungen der Zwischen- und der Nachkriegszeit, also von den irredentistischen Minderheiten, die gegen die demokratische Reorganisation des Kontinents kämpften, bis hin zu den Vertriebenenorganisationen, die mit Blick auf die völkischen Bewegungen das Pendant nach dem Zweiten Weltkrieg darstellten.

Auch wenn die unmittelbare Intention von Boehm nicht primär in dieses Spektrum zielte, kann man Versatzstücke seines Denkens, das ja um die Begründung eines völkischen Grundkonzepts kreiste, bis heute in weite Teile des Rechtsextremismus nachverfolgen, nicht nur im Bereich der so genannten Neuen Rechten.

Ulrich Prehn: Max Hildebert Boehm. Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik, Wallstein Verlag: Göttingen 2013, 576 Seiten.

Samuel Salzborn

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Demokratie. Theorien — Formen — Entwicklungen“ (Nomos/UTB 2012).

Alle Beiträge aus der Kolumne „Das akademische Karussel

Bücherverbrennung 1933: Konkrete Vernichtungsdrohung

Angezettelt von Studenten deutscher Universitäten brannten vor 80 Jahren überall  in Deutschland Bücher. Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ war eine durchorganisierte Propagandaveranstaltung unter Federführung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Deutsche Studenten hatten bereits lange vorher die Ursuppe des deutschen Chauvinismus angerührt. Jedoch war die Verbrennung nicht nur eine symbolische Machtdemonstration, sondern  auch eine konkrete Drohung.

Von Andreas Strippel

Die Nationalsozialisten gingen von Beginn an mit aller Macht und Gewalt gegen Andersdenkende und Juden vor. Bereits vor den Bücherverbrennungen im Mai 1933 waren Tausende politische Gegner in Gefängnissen, Zuchthäusern und den so genannten „wilden“ Konzentrationslagern inhaftiert worden. Es kam zu reichsweiten antisemitischen Boykottaktionen (1. April 1933: „Deutsche! Kauft nicht beim Juden!“) und Ausschreitungen. Der Vertreter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) stand bereits seit 1931 der Deutschen Studentenschaft vor, dem Zusammenschluss der Allgemeinen Studentenausschüsse aller deutschen Hochschulen sowie der Hochschulen in Danzig und Österreich. Der NSDStB wollte mit der Bücherverbrennung seinen Beitrag zur Machtergreifung leisten.

Beschlagnahmtem Bücher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776 / CC-BY-SA)
Beschlagnahmtem Bücher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776 / CC-BY-SA)

Vorläufer und Impulsgeber für die durchgeplanten Verbrennungen waren mehrere Aktionen von SS und SA. Im März 1933 hatten die Kampftruppen der Nazi-Bewegung vielerorts Verlagshäuser, die zu SPD, KPD oder Gewerkschaften gehörten, gestürmt. Dabei wurden bereits Bücher von unliebsamen Autoren verbrannt. Bei den Aktionen kam es auch zu gewaltsamen Übergriffen. 

Ursuppe des deutschen Chauvinismus

Die Studenten, die die Verbrennungen organisiert hatten, beriefen sich auch auf historische Vorbilder. Explizit war das Wartburgfest ein Anknüpfungspunkt für den NSDStB. Dorthin lud 1918 die Jenarer Urburschenschaft zu einem Nationalfest ein, indem sich deutscher Nationalismus und Protestantismus durchzogen mit Germanenkult, Franzosen- und Judenfeindschaft zur Ursuppe des deutschen Chauvinismus verband – und in einer Bücherverbrennung entlud, bei der unter anderem das wegweisende Gesetzeswerk Code civil verbrannt wurde. In diese Tradition wollten sich die Studenten 1933 stellen.

Antidemokratischer Geist an deutschen Hochschulen

Die deutschen Universitäten waren bereits vor 1933 eine Hochburg antidemokratischen Denkens. Viele junge studentische Funktionäre machten im NS-Staat Karriere, nicht wenige von ihnen, wie beispielsweise Martin Sandberger, stellten im Zweiten Weltkrieg das Führungscorps der SS. Für diese „Generation des Unbedingten“ (Michael Wildt), war wissenschaftliches Vorgehen und Rationalität mit ideologischer Radikalität vereinbar.

Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde (Original: Staatsarchiv Würzburg, Akten der Deutschen Studentenschaft, I 21 C 14/I)
Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde

Bereits in der Weimarer Republik setzte sich der Antisemitismus als politische Forderung nicht nur im NSDStB, sondern auch in zahlreichen Burschenschaften und anderen Verbindungen durch, die innerhalb ihrer eigenen Strukturen „Arierparagraphen“ einführten. Diese Gruppen organisierten Protestaktionen gegen demokratische und/oder jüdische Hochschullehrer, wie etwa die Störung von Vorlesungen. Ihr Kampf gegen das, was sie als „undeutsch“ bezeichneten, hatte lange vor der Machteroberung der NSDAP begonnen.

Geplantes Vorgehen

Die Planungen zur Bücherverbrennung begannen direkt nach den antisemitischen Boykottaktionen Anfang April 1933.  Die Führung des NSDStB entwarf einen genauen Ablaufplan und informierte in einem Rundschreiben die einzelnen Universitäten. Darin bezog man sich explizit auf die schlechte Presse, die die Boykott-Aktion im Ausland ausgelöst hatte.

„Die Deutsche Studentenschaft plant anläßlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewußtes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen ,Wider den undeutschen Geist’ und endet am 10. Mai mit öffentlichen Kundgebungen an allen deutschen Hochschulorten.“

Neben den Bücherverbrennungen gab es noch begleitende Pressekampagnen sowie ab dem 19. April eine Boykottaktion gegen missliebige Professoren. Zur letzteren gehörte auch der Aufruf zur Denunziation von Hochschullehrern. Insbesondere die noch verbliebenen jüdischen Dozenten und Professoren waren Ziel der öffentlichen Hetze.

Ab dem 26. April 1933 begannen Studenten, anhand einer Schwarzen Liste Universitätsbibliotheken und Buchhandlungen nach den verfemten Büchern zu durchsuchen. Öffentliche Büchereien beteiligten sich selbstständig am Aussortieren.

Unterstützung erhielten die Studenten von ihren Professoren, aber auch vom Buchhandel und seitens der Bibliotheksleitungen. Sowohl das Börsenblatt des deutschen Buchhandels als auch die Zeitschrift des Verbandes Deutscher Volksbibliothekare verbreiteten die Schwarze Liste.

Verbrennung als öffentliche Inszenierung

Am 10. Mai 1933 fanden rund zwei Dutzend öffentliche Bücherverbrennungen statt, in den Wochen und Monaten danach folgten viele weitere. Die Bücherverbrennungen waren öffentliche Propagandaveranstaltungen. Man begnügte sich nicht damit, die Bücher öffentlich zu verbrennen: Es wurden dafür so genannte Feuersprüche entworfen, die rezitiert wurden, wenn die Bücher ins Feuer geworfen wurden. Hinzu kamen – quasi als Rahmenprogramm – Reden. Wie wichtig den Nazis diese Inszenierung war, zeigt die Rede Goebbels‘ bei der zentralen Veranstaltung auf dem Opernplatz in Berlin, welche im Radio übertragen wurde. Davon inspiriert gab es auch Bücherverbrennungen, die nicht von Studenten organisiert waren.

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin, durch Studenten der Berliner Universitäten! (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA)
Bücherverbrennung am 10. Mai in Berlin. (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA)

Die Feuersprüche waren nicht bloß pompöses Beiwerk, sondern durchaus programmatisch für den Nationalsozialismus. Sie fassten plakativ zusammen, was die Nazis wollten und wer in ihrer Vision von Volksgemeinschaft dieser nicht angehörte. Die Gemeinschaftsfremden waren nicht nur Schriftsteller, die dezidiert kritisch, links oder demokratisch waren, sondern auch Pazifisten und Juden, sowie jeder, der nicht in die Vorstellung von Kultur passte, die die Nazis und ihre Unterstützer hatten. So ging es „gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung“, für „Zucht und Sitte“ und „Hingabe an Volk und Staat“, gegen „volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung“, „dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache“, „Frechheit und Anmaßung“, aber „für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!“ Hier tauch als vage Vision das deutsche Herrenmenschentum auf, das ab 1938 Tod und Vernichtung über Europa bringen sollte.

Mehr als nur eine Bücherverbrennung

Das symbolische Auslöschen von Ideen, die als gefährlich angesehen werden, gab es über unterschiedliche Zeiten und Kulturen hinweg lange vor der nationalsozialistischen Bücherverbrennung. Das Verbrennen von Büchern ist jedoch mehr als ein Akt von Zensur. Den Beteiligten war klar, dass sie Gedanken nicht verbrennen können, daher beinhaltete die Bücherverbrennung auch eine Vernichtungsdrohung gegen die Urheber und Anhänger der abgelehnten Ideen. Daher lässt sich die nationalsozialistische Bücherverbrennung nicht bruchlos in eine Reihe mit anderen öffentlichen Bücherverbrennungen einfügen. Die Nazis griffen nicht einfach nur auf ein bekanntes Schema zurück, sondern untermauerten damit auch die Gewalt- und Vernichtungselemente ihrer Ideologie, die sich bereits in den ersten KZ-Lagern, den Ausbürgerungen von Schriftstellern und den rassistischen Gesetzen und Verordnungen gegen Juden angedeutet hatten.

 

 Siehe auch: Kapitulation 1945: Das Geschenk der FreiheitDeutsche Karrieren: Horst Mahnke, Jüdischer Widerstand: Aufstand im Warschauer Ghetto, Carl Schmitt und die Machtübernahme der Nazis, Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden, “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer, „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90, Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende derGewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seineerbärmliche Existenz zu verlängern

Deutsche Karrieren: Horst Mahnke

Vom Sicherheitsdienst der SS zum Journalisten bei Spiegel und Springer-Verlag. Die Karriere von Dr. Horst Mahnke lief problemlos. Das Know-how und die Beziehungen aus der Zeit als Geheimdienstmann des Nazis-Regimes nützten sehr, seine Belastung als NS-Täter schadete nicht.

Von Andreas Strippel

Geheimdienstmann im Dritten Reich, Journalist und Medienmanager in der Bundesrepublik, das sind die beruflichen Stationen des Dr. Horst Mahnke. 1913 geboren gehörte er zu den jungen akademischen Eliten des Nationalsozialismus. Er studiert in Königsberg Zeitungswissenschaften sowie Philosophie und Germanistik. Sein akademischer Mentor, Franz Alfred Six, war auch der Förderer seiner Karriere im Reichssicherheitshauptamt. Six selbst machte dort Karriere, zunächst als Chef des Amtes II („Gegnererforschung“), ab 1941 als Chef des Amtes VII („Weltanschauliche Forschung“). Seit 1936, also bereits während seines Studiums, war Mahnke hauptamtlich für den Sicherheitsdienst der SS (SD) tätig. Von 1937 an war er auch an führender Stelle im NS-Studentenbund tätig. 1939 wurde er Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), zuständig für die die Bekämpfung des Marxismus. 1940 wurde er obendrein Assistent für Auslandswissenschaften in Berlin. Damit war er einer der typischen Multifunktionäre des NS-Staates.

SD-Einsatz im Krieg

Mahnke zeigte sehr schnell, dass er willens und fähig war, den Anforderungen des SD als „Weltanschauungs-Elite“ zu genügen. 1941 promovierte ihn die Universität Königsberg mit dem Thema „freimaurerische Presse in Deutschland“. Im selben Jahr ging er als rechte Hand von Six in das sogenannte „Vorkommando Moskau“ der Einsatzgruppe B. Die Aufgaben waren die Bekämpfung von Partisanen, Saboteuren, kommunistischer

Franz Six, Amtschef im RSHA, war Förderer von Mahnke (Foto: 1948 beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg)
Franz Six, Amtschef im RSHA, war Förderer von Mahnke (Foto: 1948 beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg)

Funktionäre. Dabei kam es auch zu Erschießungen, beispielsweise bei Smolensk, wo auch Mahnke im Einsatz war. Ob er an den Erschießungen persönlich teilgenommen hat, ist unklar.

1942 beförderte man Mahnke zum Hauptsturmführer der SS und Six machte ihn zu seinem Adjutanten. Mahnke stieg zum wichtigsten Mitarbeiter von Six auf, der ihn 1943 als seinen persönlichen Assistenten mit zu seiner neuen Stelle im Auswärtigen Amt mitnahm. Dort leitete Mahnke die Propaganda des Außenministeriums des Nazi-Regimes. Seine Position im RSHA behielt er während dieser Zeit bei. Darüber hinaus war er als Dozent für Auslandswissenschaften tätig.

Internierung und Neustart

Direkt nach Kriegsende entging der SS-Offizier Mahnke einer Inhaftierung, wurde jedoch im Januar 1946 von der britischen Besatzungsmacht verhaftet. Er kam in das Internierungslager Bad Nenndorf. Das Lager betrieb der britische Geheimdienst, der dort vor allem SS-Offiziere aus Gestapo und Geheimdienst einsperrte. Die Angst der Briten vor Nazi-Untergrund-Aktionen schlug in Gewalt gegen die Gefangen um. 1948 wurde das Lager von den britischen Behörden aufgelöst und dem Personal der Prozess gemacht. Damit gelangte auch Mahnke wieder in Freiheit. Der Umstand, dass er in diesem Lager einsaß, gereichte im letztlich zum Vorteil. Das Spruchgericht in Benefeld-Bomlitz verurteilte Mahnke unter ausdrücklichen Verweis auf seine Haft in Bad Nenndorf nur zu einer Geldstrafe von 400 Mark. Er bekam jedoch unter Hinweis auf seine Tätigkeit als Propagandist des Dritten Reiches und Förderer des Nationalsozialismus die Auflage nicht als „Lehrer, Jugendpfleger, Journalist, Redakteur“ zu arbeiten. Bereits 1950 wurde diese Einschränkung aufgehoben.

Nachrichtenmagazin statt Nachrichtendienst

Nun stand einer neuen Karriere nichts mehr im Wege. Jedoch stand den ehemaligen SD-Angehörigen im Gegensatz zu ihren RSHA-Kollegen, die auch Polizeibeamte waren, eine Übernahme in den Staatsdienst der Bundesrepublik nicht offen. Als Zeitungswissenschaftler und Nachrichtenoffizier im SD sowie als Propagandist verfügte Mahnke bereits über publizistische Kenntnisse. Er heuerte beim Spiegel an. Dort arbeiten in 50er Jahren mehrere ehemalige Angehörige des RSHA. Nach Forschungen des Kommunikationswissenschaftlers Lutz Hachtmeister waren dies mehrere SD-Offiziere aus dem Umfeld von Six, die enge Kontakte zwischen dem Spiegel und der Organisation Gehlen herstellten. So war es sicherlich kein Zufall, dass 1954 eine große Titelgeschichte über Gehlen im Spiegel erschien, die den Geheimdienst-Chef in ein sehr gutes Licht rückte. Später wurde Mahnke auch informeller Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst. Obendrein verfügten die SD-Leute über Know-how, das man für das Konzept des investigativen Journalismus gut gebrauchen konnte. Aus Sicht des Spiegels waren dies lange nur bloße Zufälligkeiten und Einzelfälle.

Die erste große Geschichte von Mahnke erschien 1950. Gemeinsam mit Georg Wolff, einem Weggefährten von Mahnke aus dem RSHA, der später zum Ressortleiter „Internationales“ und stellvertretenden Chefredakteur des Spiegels Aufstieg, veröffentlichte er eine Serie über Kaffee Schmuggel in Hamburg. In den Artikeln

Spiegel Titelgeschichte von Horst Mahnke über Kaffeeschmuggel (Screenshot)
Spiegel Titelgeschichte von Horst Mahnke über Kaffeeschmuggel (Screenshot)

verunglimpften Wolff und Mahnke jüdische Displaced Persons als Diebe und suspekte Gestalten. Dabei griffen sie auf das antisemitische Repertoire ihrer SD-Zeit zurück. Mit Wolf veröffentlichte Mahnke 1954 ein Buch über außenpolitische Aspekte, das im Leske-Verlag erschien. Dort war ihr alter Mentor Six als Geschäftsführer tätig. In Leske-Verlag war schon zuvor ein Buch von Augstein veröffentlicht worden. Die SD-Kameraden von einst waren zwar nicht mehr direkt politisch aktiv, bildeten aber ein gut funktionierendes publizistisches Netzwerk, das sie zu nutzen wussten.

Beim Spiegel stieß man sich nicht daran. Im Gegenteil: 1952 beförderte man Mahnke zum Ressortleiter Ausland. Dort war er unter anderem verantwortlich für Serien über den ehemaligen Pressechef des Außenministeriums im Zweiten Weltkrieg, Paul (Karl) Schmidt, der unter dem Namen Paul Carell in den 60er Jahren Bestseller über die Wehrmacht veröffentlichte. Wie so oft kamen die ehemaligen Nazi-Funktionäre dabei deutlich besser weg als die jüdischen Displaced Persons.

1960 wechselte Mahnke als Chefredakteur zu Springers Zeitschrift Kristall, die er bis zu deren Einstellung 1966 leitete. Dort veröffentlichte er unter Mitarbeit alter Kammeraden glorifizierende Geschichten über die Wehrmacht, die später in Buchform zu Bestsellern wurden. Mahnke wirkte damit an der Legende der sauberen Wehrmacht mit. In den 60er Jahren beförderte Springer ihn zum Vorsitzenden des redaktionellen Beirats beim Springer-Verlag, ehe Mahnke 1969 als Hauptgeschäftsführer zum Verband deutscher Zeitungsverleger wechselt. In dieser Funktion war er bis 1980 tätig. Wegen seiner Rolle im RSHA und im Vorkommando Moskau wurde Mahnke nie vor Gericht gestellt. Er verstarb respektiert und angesehen 1985.

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Deutsche Karrieren: Walter Zirpins

Die Polizei war im Dritten Reich ein zentrales Herrschaftsinstrument. Gestapo, Kripo und Ordnungspolizei produzierten willige und überzeugte Täter im Nationalsozialismus. Walter Zirpins war einer von ihnen. In der Bundesrepublik stieg er zu einem der führenden Kriminalisten auf.

Von Andreas Strippel

Die Polizei des Weimarer Staates stellte sich bereitwillig in den Dienst der Nationalsozialisten. Der autoritäre Staat, ohne die vermeintlichen Hemmungen der Exekutive durch das Recht, die weite Verbreitung kriminalbiologischer Vorstellung, also eugenischer Rassismus, waren bereits vor 1933 zentrale Vorstellungen vieler Polizisten. Der 1901 geborene Walter Zirpins brachte beides mit und machte Karriere.

Nachdem Studium der Rechtswissenschaft und der Promotion im Wirtschaftsrecht durch die Universität Breslau trat Zirpins in den Polizeidienst ein. Von 1929 bis 1932 war er bei der Polizei Elbing-Marienburg (bei Danzig) tätig. Dort wurde er mit nur 28 Jahren Leiter der Politischen Polizei. Im Januar 1933 erfolgte die Versetzung zur Politischen Polizei beim Polizeipräsidenten in Berlin, Übernahme zur neugegründeten Gestapo inklusive. Jedoch endete auf Grund einer internen Intrige seine Gestapo-Laufbahn bereits im Mai 1933. Dies tat seiner Karriere jedoch keinen Abbruch.

Aufstieg zur Führungsfigur der NS-Kripo

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Im Prozess um den Reichstagsbrand trat Zirpins als einer der Sachverständigen auf, weil er zuvor an zentraler Stelle mit den Ermittlungen betraut war. Er vertrat damals die These der Alleinschuld von Marinus van der Lubbe. Wie jedoch die historische Forschung mittlerweile dargelegt hat, fälschte Zirpins die Aussage von van der Lubbe, um diese These überhaupt aufstellen zu können. In der Bundesrepublik sollte er mit dieser Auffasung wieder für Furore sorgen.

organigramm ns polizei

Nach dem Ausscheiden aus der Gestapo begann Zirpins Karriere bei der Kripo. Zirpins wechselte als Lehrer zum Polizeiinstitut in Berlin und wurde im Dezember 1934 zum Kriminalrat befördert. Im April 1937 ernannte man ihn zum Stabsführer der Führerschule Sicherheitspolizei, einer Behörde mit der die Arbeit von Kripo und Gestapo unter der Leitung der SS zentralisiert wurde. 1938 kam der nächste Karriereschritt. Zirpins wurde in das im Jahr zuvor neu eingerichtete Reichkrimalpolizeiamt in Berlin berufen.

Die Bedeutung der Kriminalpolizei für die Etablierung rassistischer Normen war sehr groß. Die Kriminalpolizei war zuständig für die Verfolgung sogenannter Rassenschande, die Kriminalisierung von Homosexualität sowie die Verfolgung von Kriminellen und so genannten Asozialen. Ebenso fiel die Verfolgung der Sinti und Roma in das Aufgabengebiet der Kriminalpolizei.

Die Ziele der Polizeiarbeit im NS-Staat gingen weit über Verbrechensbekämpfung hinaus. So genannte Gemeinschaftsfremde sollten aus dem „Volkskörper“ hinausgedrängt werden. Nicht mehr Schutz von Individuen, sondern Pflege des Volkskörpers war das Ziel. Von 1936 an führte Heinrich Himmler die Polizei. Himmlers Ziel, beide Institutionen als Staatsschutz-Korps gänzlich zu verschmelzen, wurde formal nicht erreicht. Nichtsdestotrotz traten viele führende Polizeibeamte der SS bei. Dies war auch folgerichtig, sahen sich doch sowohl SS als auch Polizei als Hüter der nationalsozialistischen Weltanschauung.

1937 trat Walter Zirpins der SS bei. Gleichzeitig begann er seine publizistische Tätigkeit in Fachzeitschriften. Mit seiner Ausbildungstätigkeit hatte er sich bereits als ideologisch zuverlässig exponiert, ohne jemals der NSDAP beizutreten. Nun gab er sein „Wissen“ an die Fachöffentlichkeit weiter. In der Zeitschrift Der deutsche Polizeibeamte gab er 1937 seine Anschauung zum Besten und machte deutlich, dass man gegen Feinde der Volksgemeinschaft „ohne Rücksicht auf ihre strafrechtliche Verfolgbarkeit“ polizeilich Einschreiten müsse, um „den Gegner zu zerschlagen.

Besatzungspolizist und Räuber für die Volksgemeinschaft

Im Zweiten Weltkrieg hatten Kripobeamte zentrale Positionen im Besatzungsapparat inne. Das mit Beginn des Krieges neu gegründete Reichssicherheitshauptamt – hier wurden die Sicherheitspolizei und der

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Sicherheitsdienst der SS institutionell zusammengeschlossen – entsandte seine Führungskräfte in das besetzte Europa. Zirpins wurde 1940 als Leiter der Kriminalpolizei nach Łódź versetzt. Łódź war nach der Annektion damals die sechstgrößte Stadt des Reiches. Dort wurde das zweitgrößte jüdische Ghetto im besetzten Polens errichtet.

Zirpins Aufgabe in Łódź war unter anderem die Abriegelung des Ghettos und die Ausplünderung seiner Bewohner zu organisieren. Auf seine Anweisung hin wurde eine Sonderkommission „Ghetto“ gegründet. In wichtigen Fällen schaltet sich Zirpins persönlich in den Raub jüdischer Vermögen ein. Und Raub bedeutet in der Situation des Ghettos nicht nur gewaltsame Entwendung, sondern auch Folter und Mord. Noch vor Beginn der systematischen Ermordung der Ghettobewohner im Vernichtungslager Chełmno ging Zirpins wieder in die Berliner Zentrale des Reichssicherheitshauptamtes und bildete dort Gestapo- und Kripo-Beamte aus. Darüber hinaus soll er an der Judenverfolgung in den Ghettos Lodz und Warschau weiterhin beteiligt gewesen sein. Kurz vor Kriegsende im Februar 1945 wurde er noch zum Chef der Hamburger Kripo befördert und sorgte für das Funktionieren des NS-Polizei-Apparates bis zum einrücken englischer Truppen. Das bedeutete gerade am Kriegsende KZ-Haft und Hinrichtungen für Kleinstvergehen.

Ideologische Festigkeit und rücksichtslose Machtausübung prägten Zirpins Vorgehen. Er selbst hat in einen Aufsatz in der Zeitschrift „Kriminalistik, der im Oktober 1941 erschien, dies dokumentiert. Zunächst bringt er die Juden mit Seuchen in Verbindung, behauptetet dann mit dem Ghetto seien die Seuchen in der restlichen Stadt verschwunden. Er fährt dann fort:

„Es bedarf keines besonderen kriminalistischen Scharfblicks, um auf den ersten Blick zu ahnen, dass eine solche Zusammenpferchung von Kriminellen, Schiebern, Wucherern und Betrügern auch sofort ihre besonderen kriminalpolizeilich bedeutsamen Erscheinungsformen gezeitigt hat. […] Es hat daher eines umfangreichen Studiums der jüdischen Mentalität und Gepflogenheiten […] bedurft, um die Wege zur präventiven und repressiven Bekämpfung durch die Kriminalpolizei herauszufinden.“

Das menschenverachtende Ghetto ist für ihn offensichtlich nur so ein Art Versuchsanordnung, um seine eigenen antisemitischen Fantasien zu bestätigen. Herrenmensch sein ist für Zirpins offensichtlich auch ein Lebensgefühl gewesen.

Die Zweite Karriere

Nach Gefangennahme durch englische Truppen gelang es Zirpins erfolgreich seine Rolle als unideologischer Fachmann zu spielen, der nur aus lästigen formalen Gründen bei der SS war. Eine Erzählung, die nicht nur für Zirpins zur Erfolgsgeschichte wurde. Zwar war er bis 1947 interniert und auf der Liste der Kriegsverbrecher des polnischen Staates, aber dennoch lautete die Einstufung Kategorie 5, unbelastet. Dazu trug nicht nur seine Kooperation mit den Engländern bei, sondern auch, dass er so gar nicht dem Klischeebild eines fanatisierten Mörders entsprach; wie die wenigsten der Nazi-Täter diesen Bild entsprachen.

Zirpins war nach 1945 Teil eines Netzwerkes ehemaliger Nazi-Polizisten, die an der Rehabilitierung der Kriminalpolizei arbeitet. Eine wichtige publizistische Hilfe war dabei das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dort arbeiten einige ehemalige SS und SD Offiziere, die von ihren alten Kameraden Exklusivwissen für Geschichten erhielten und sich im Gegenzug für die Wiederverwendung der NS-Kripo-Spitze in der Bundesrepublik einsetzten. 1951 verniedlichte ein Spiegel Artikel Zirpins Rolle im Polizei-, Besatzungs- und Unterdrückungsapparat zum „SS-Hauptsturmführer honoris causa“, der eigentlich ein unbescholtener Fachmann sei. Den Artikel verfasste Bernd Wehner, ein alter Kollege aus den Tagen des Reichssicherheitshauptamtes, der selbst von der Kampagne profitierte: 1954 wurde er Leiter der Kripo in Düsseldorf.

Die Legendenbildung von der unpolitische Kripo, die als fachlicher, sachlicher Gegenpol zur Gestapo dargestellt wurde, hatte zum Ziel die Verantwortung für die Einweisung in Konzentrationslager herunterzuspielen. Dazu konstruierte er eine Kripo, die bis auf wenige Ausnahmen im Prinzip noch mit Rechtsbindung arbeitet. Dies hatte jedoch auch einen anderen Effekt, wie der Historiker Patrik Wagner in seiner Studie über „Hitlers Kriminalisten“ schreibt. Die Erschaffung einer „fiktiven rechtsstaatlichen Tradition“ hatte zur Folge, dass sich die Kriminalisten für die Zukunft sich „an die Respektierung rechtsstaatlicher Prinzipien banden – und dies war, wie die kriminalpolitischen Debatten im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik zeigen sollten, weder selbstverständlich noch für die Kriminalisten schmerzlos“.

Für Zirpins ging es günstig weiter. 1951 stellte das Land Niedersachsen ihn als Leiter des Landeskriminalamtes ein. Einer erfolgreichen Karrieren stand danach nichts mehr im Wege, nicht mal, dass Zirpins in Publikationen weiterhin Nazi-Kompatible Sprache benutzte. Wahrscheinlich hat es aber die alten Kameraden, die dies lasen, nicht gestört.

In den 60er Jahren hatte Zirpins nochmal einen großen Auftritt. Der Spiegel lancierte die Geschichte von Fritz Tobias über den Reichstagsbrand. Bis dahin war die gängige Meinung, die Nazis stünden hinter dem Brand. Tobias, mit Zirpins als Kronzeugen, schaffte es im Verein mit Spiegel und einigen Historikern die Alleintäterschaft von van der Lubbe als die „richtige Version“ zu etablieren. Heute muss der Reichstagsbrand als ungeklärt gelten, insbesondere nachdem die Fälschung von van der Lubbes Aussage durch Zirpins bekannt wurde.

Die Karriere von Zirpins lief ungestört weiter. Er selbst war einer der wichtigsten Protagonisten in den 50er Jahren das Märchen von der unpolitischen und sauberen Kripo zu etablieren. Darüber hinaus prägte sein Wirken die Nachkriegspolizei. Noch in den 80er Jahren fanden sich Zirpins Vorstellungen in Polizeilehrbüchern, darunter solche zynischen Passagen über die Kriminalität in der Nachkriegszeit. So sei die „Freilassung des größten Teils der strafgefangenen und sicherungsverwahrten Berufsverbrecher, Asozialen und kriminellen Landfahrer“ dafür verantwortlich. Das ist keine Analyse, sonder eine widerliche Rechtfertigung der eigenen Praxis diese Menschen ohne Urteil ins KZ zu sperren. In der Bundesrepublik wurde nie ein Verfahren gegen Walter Zirpins eröffnet. Nach seiner Pensionierung lebte er unbehelligt noch bis 1976 und war als Autor eines Standardwerkes über Wirtschaftskriminalität hoch angesehen.

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Deutsche Karrieren: Konrad Meyer

Konrad Meyer war in den 1950er und 1960er Jahren Professor für Raumplanung an der Universität Hannover. Sein Know-How erwarb er sich in den 1930ern. In diese Zeit fällt auch seine erste Karriere: Als Chefplaner für die Germanisierung Osteuropas entwarf er Siedlungspläne für Heinrich Himmler. Die Planungen des SS-Offiziers Meyer waren keineswegs harmlose akademische Spielereien, denn er setzte rassistische Neuordnungsfantasien wissenschaftlich um und schuf damit die Voraussetzungen des mörderischen Handelns.

Von Andreas Strippel

Der Generalplan Ost – ein Konglomerat von Plänen für die deutsche Besiedlung und Beherrschung Osteuropas – ist eng mit dem Namen Konrad Meyer verbunden. Meyer erstellte im Sommer 1942 eine erste Fassung dieses Plans. Er sah eine Neubesiedlung Osteuropas auf Grundlage der Rassenfantasien der SS vor. Beteiligt daran waren keine akademischen Außenseiter und skurrilen Ideologen, sondern junge, akademisch geschulte Experten, die eben auch stramme Nationalsozialisten waren. Für diese Männer waren akademische Rationalität und nationalsozialistische Weltanschauung keine Gegensätze. Ihr Einsatz war eine wesentliche Grundlage dafür, dass aus vagen und teilweise obskuren Rasseideen operationalisierbare Politik wurde. Die Siedlungsplanung unter den Vorzeichen einer „völkischen Neuordnung Europas“ bildete die Folie, auf der die deutschen Besatzer ihre Vertreibungs- und Mordpolitik entwickelten und durchführten.

Multifunktionär im NS-Staat

Konrad Meyer zählte zu jener Gruppe junger Männer, die im „Dritten Reich“ dank ihrer akademischen Bildung und ideologischen Linientreue schnell Karriere machten, sehr häufig  innerhalb der SS. Meyer, Jahrgang 1901, war studierter Agrarwissenschaftler und

Konrad Meyer-Hetling, in allierter Haft (Ohne Datum)
Konrad Meyer-Hetling  (Foto für den achten Nürnberger Nachfolgeprozess. Ohne Datum, APO 696-A, US Army. Public Relations Photo Section Office Chief Counsel for War Crimes)

Raumplaner. Seine wissenschaftliche und politische Prägung war typisch für die studentischen Milieus der 1920er-Jahre. Die Universitäten dieser Zeit waren von Antisemitismus und rechten antidemokratischen Gruppierungen wie Burschenschaften oder studentischen Verbindungen geprägt.  Meyer gehörte dazu. Er wurde im Februar 1932 Mitglied der NSDAP  und trat sogleich als Parteiredner auf, vor allem an der Universität Göttingen, wo er seit 1930 als Privatdozent tätig war. 1933 wurde er Mitglied der SS.

1933 kam die Karriere von Konrad Meyer ins Rollen. Parallel zu seiner universitären Karriere wurde er nach der Machtübernahme der Nazis ins Preußische Kulturministerium berufen, kurz darauf ins Reichserziehungsministerium. Als Referatsleiter war er u.a. für die Politisierung der Agrarwissenschaften verantwortlich. Politisierung heißt hier: völkische und rassistische „Blut und Boden“-Ideologie zur Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens zu machen. 1934 wurde er auf eine Professur an der Universität Jena berufen, im selben Jahr wechselt er ohne reguläres Berufungsverfahren auf eine Professur nach Berlin. 1935 werden auf seine Anregung hin alle landwirtschaftswissenschaftlichen Einrichtungen zusammengelegt. Meyer wurde Obmann dieses Forschungsdienstes. Ein Jahr später wurde er zum Vizepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) berufen. Die Förderungspraxis der DFG in der Raumplanung und Agrarwissenschaft verlief danach auch im Sinne Meyers. Zusätzlich leitete er von 1936 bis 1939 die „Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung“. Damit war Meyer einer der neuen Multifunktionäre des NS-Staates, bei dem fachliches Know-how und politische Ausrichtung Hand in Hand gingen und die enorme Gestaltungsmacht und Geltungsdrang entfalteten.

Chefplaner von Heinrich Himmler

Mit Beginn des Kriegs machte Meyer schnell Karriere in der SS. Heinrich Himmler war mit der ethnischen Neuordnung Europas beauftragt worden, also mit der Ansiedlung von Deutschen und „Entfernung“ von so genannten Fremdvölkischen. Als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums baute Himmler ein SS-Imperium auf, das die Ansiedlung von sogenannten Volksdeutschen, Zwangsdeportationen und Mordpolitik ausführte. Meyer wurde von Himmler ins Stabshauptamt „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ – kurz RKF – berufen, dort leitete er die Hauptabteilung „Planung und Boden“. Bereits 1940 erstellte er in Kooperation mit dem Reichssicherheitshauptamt Pläne zur Besiedlung der annektierten polnischen Gebiete.

Mit dem Krieg systematisierte sich nicht nur die Politik zur Ermordung der europäischen Juden, auch die Siedlungsexperten verplanten die Räume, die erobert werden sollten. Das Schicksal der dort lebenden Menschen sah Meyer so:

„Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass der Osten erst in dem Augenblick wirklich für alle Zeiten deutsch bleiben wird, in dem aus dem geschlossenen deutschen Siedlungsraum alles fremde Blut, das die einheitliche Geschlossenheit des grenzdeutschen Volkstums irgendwie gefährden könnte, restlos entfernt wird“

Im November 1941 fantasierte eine Denkschrift aus dem Stabshauptamt des RKF: „Der Kampf der Waffen um Eurasien ist entschieden; der Kampf des Blutes beginnt“. Was das bedeutete, wusste Meyer genau. In seinen Planungen tauchten Juden als Bevölkerungsgruppe gar nicht mehr auf. Ihre Ermordung war bereits mitgedacht.

Auch mit seinen Kollegen im RSHA hielt Meyer regen Kontakt. Dem Volkstumsplaner und Leiter der Abteilung Volkstum beim  Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, Dr. med. Hans Ehlich, ließ Meyer über Mitarbeiter mitteilen, dass er, Meyer, derjenige sei, der das Stabshauptamt auf „volkstumspolitischer“ Linie halte, also rassistische Elemente gegenüber wirtschaftlichen in den Vordergrund stelle. Die gigantomanische Planungen wurde zwar nie ganz umgesetzt, jedoch gab es Pilotprojekte wie im ostpolnischen Zamosc oder im ukrainischen Shitomir. Meyer besuchte die Orte auch selbst, wusste also, was seine Planungen für die nichtdeutsche Bevölkerung zu bedeuten hatten.

Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten". Konrad Meyer mit NS-Größen (20.3.41)
Meyer (r.) führt NS-Größen durch die Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten. von links nach rechts: Rudolf Hess, Heinrich Himmler, Philipp Bouhler, Dr. Fritz Todt, Reinhard Heydrich am 20. März 1941 (Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA)

Meyers Planungen zum Generalplan Ost, die ein zentraler Baustein der Gesamtsiedlungsplanung der SS waren, basierten dabei auf einer rassistischen Vorstellung von der Eindeutschung Osteuropas durch eine Förderung des deutschen Bauerntums, einer sogenannten Aufartung der Deutschen und „Entfernung“ der „Fremdvölkischen“.

Nach dem Krieg ist vor der zweiten Karriere

Nach dem Krieg wurde Meyer interniert und 1948 im achten Nürnberger Nachfolgeprozess, dem sogenannten Rasse- und Siedlungshauptamtsprozess, angeklagt. In diesem Prozess standen, bis auf die RSHA-Angehörigen, zentrale Akteure aus Himmlers RKF-Apparat vor Gericht. Meyer gelang es – auch mithilfe von Leumundszeugen – das Gericht zu überzeugen, er sei nur ein harmloser wissenschaftlicher Planer ohne Einfluss gewesen. Wozu laut der Historikerin Isabel Heinemann auch die „aseptische Nüchternheit“ von Konrad Meyers wissenschaftlicher Sprache beitrug. Er rechnete einfach die vertriebenen oder gar ermordeten Menschen aus den Planungen heraus, ohne sie weiter zu erwähnen. Dies erlaubte ihm „später, die von ihm verfassten oder in Auftrag gegebenen Planungen als rein theoretische Friedens- und Wiederaufbaupläne darzustellen, ohne jede Verbindung zur NS-Vernichtungspolitik“, wie Heinemann schreibt. Meyer wurde in den Anklagepunkten „Verbrechen gegen die Menschheit“ und „Kriegsverbrechen“ freigesprochen. Wegen „Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation“ verurteilte ihn das Gericht zu zwei Jahren und 10 Monaten Haft, die durch die Internierung abgegolten war. Meyer verließ den Gerichtssaal als freier Mann.

Nach der Haft nahm die zweite akademische Karriere des Konrad Meyer einen stotternden Start. Zunächst übernahm er die Leitung eines Saatzuchtbetriebes im niedersächsischen Einbeck. In den frühen 1950er-Jahren begann er bereits wieder, wissenschaftlich zu veröffentlichen. Ein Kollege, der Meyer aus seiner DFG-Tätigkeit in den Jahren vor 1945 verbunden war, ermöglichte ihm den Wiedereinstieg in die Universität. Heinrich Wiepking-Jürgensmann hatte in Hannover die Fakultät für „Gartenbau und Landeskultur“ aufgebaut und holte Meyer 1954 als Dozent an die Universität Hannover. 1956 erhielt er die neugeschaffene Professur für „Landbau und Landesplanung“.

In Hannover versammelten sich seit den 1950ern alte wissenschaftliche Seilschaften aus der Zeit des Nationalsozialismus, sodass Meyer im Kreise alter Kollegen unbehelligt von unschönen Fragen seine wissenschaftliche Laufbahn vorantreiben konnte. Inhaltlich transformierte er seine Planungstätigkeit ohne größere Probleme in die Regionalentwicklungsplanung und auch zu Fragen des Umweltschutzes. Seine Leidenschaft zur Großplanung erhielt durch die Schritte zur europäischen Einigung ein neues Betätigungsfeld. Darüber hinaus trat Meyer in Forschungsorganisationen auf und wurde wieder in der Politikberatung tätig. Die niedersächsische Landesregierung engagierte ihn 1966 als Landentwicklungsexperte.

Meyer emeritierte 1968. Individuelle Bedürfnisse der Menschen fanden in seinem Spätwerk durchaus Beachtung, während noch in den 1950ern das Volk als Bezugsgröße diente. In den 1960er-Jahren ist er wohl von den radikalen völkischen Vorstellungen abgerückt, die noch in den Nachkriegsjahren in seinem Werk zu finden sind. Jedoch kämpfte Meyer auf wissenschaftlicher Ebene weiter gegen „Verstädterung“ und „Vermassung“ an. Konrad Meyer verstarb 1973. Zu seiner Rolle als Chefplaner für die SS und Heinrich Himmler hat er sich nach dem Prozess 1948 nie wieder öffentlich geäußert.

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