Biodeutsch mit Migrationshintergrund

Die Stadt Hamburg fragt ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach deren „Wurzeln“. Man wolle feststellen, wie viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei der Stadt arbeiten. Sicherlich gut gemeint – doch diese Kategorisierung ist weitestgehend wertlos, wie ein prominentes Beispiel zeigt.

Von Patrick Gensing

Früher hießen die Menschen, die nach Deutschland kamen, „Ausländer“. Dabei war es für den Volksmund weitestgehend egal, ob die jeweilige Person hier geboren wurde, seit 30 Jahren in Deutschland lebt oder als Flüchtling ein besseres Leben sucht.

Seit der rassistischen Gewaltwelle Anfang der 1990er Jahre bekam der Begriff eine zu offensichtliche negative Färbung. Ausländer – das klingt nach „Ich habe nix gegen Ausländer, aber…“ oder einem Mob vor brennenden Flüchtlingsheimen.

"Ausländer rauß!" - Ausländerfreindliche Parole an einem Geschäft von Nicht-Deutschen in Mecklenburg-Vorpommern.
Unmodern: „Ausländer rauß!“ – Parole an einem Geschäft in Mecklenburg-Vorpommern.

Und so setzte sich nach und nach das Begriffsungeheuer „Menschen mit Migrationshintergrund“ durch. Für Propheten des Untergangs ein Glücksfall, hat sich diese Konstruktion mittlerweile als viel geeigneter erwiesen, um zwischen echten und nicht-echten Deutschen (gerne als Pass- oder Plastedeutschen bezeichnet) zu unterscheiden. Einen Migrationshintergrund haben alle die, die irgendwie undeutsche Namen tragen oder eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Damit fallen nicht nur Ausländer in diese Gruppe, sondern alle, die irgendwas mit Ausländern familiär zu tun haben.

„In Deutschland als Deutsche geborene“

Diese Einteilung ist auch offiziell festgeschrieben: Laut Definition beim Mikrozensus 2005 gehören „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ zu dieser Gruppe. Beim Zensus 2011 wurde dann eine leicht veränderte Definition des Migrationshintergrundes zugrunde gelegt. Hier wurde nicht die Zuwanderung nach 1949, sondern nach 1955 abgefragt.

Und so wurden Bundesbürger zu „Ausländern“ – auch wenn sie so nicht genannt werden. Einer von ihnen ist Sandro Matiolli. Er schrieb anlässlich des erwähnten Mikrozensus‘ einen lesenswerten Beitrag, in dem es hieß:

Man muss Vordergrund und Hintergrund sauber auseinander halten, sonst weiß man nicht, wo man steht. Doch jetzt drängt der Migrationshintergrund in den Vordergrund. Früher hielt ich mich für einen Schwaben, für einen aus meinem Dorf. Ich wurde gehänselt wegen meines Namens, Sandra, Ravioli, Mafiosi. Erst spät habe ich verstanden, was Namen eigentlich sind: Bilder. Ein Tisch ist ein Tisch und ein Mehmet immer ein Mehmet. Und wenn Mehmet sich am Telefon meldet, weiß sein Gegenüber, mit wem er es zu tun hat. Oder er glaubt es zumindest zu wissen.

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund steigt übrigens. Und das ist kein Wunder, denn heiratet eine Deutsche, deren Familie seit 300 Jahren in Hessen gelebt hat, einen „Menschen mit Migrationshintergrund“, also beispielsweise jemanden, der als kleines Kind vor dem Balkankrieg in Sicherheit gebracht werden musste und seitdem hier lebt, so werden auch deren Kinder einen Migrationshintergrund haben, obgleich sie möglicherweise Müller heißen und nicht einmal die Bundesrepublik verlassen haben.

Das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in NRW vermeldete 2005: Jeder vierte Bürger in NRW habe einen Migrationshintergrund.
Das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in NRW vermeldete 2005: Jeder vierte Bürger in NRW habe einen Migrationshintergrund.

Sogar das urdeutsche Blutsrecht sticht die Konstruktion „Menschen mit Migrationshintergrund“ aus: Auch Menschen, die als Deutsche nach Deutschland zugewandert sind (vor allem Spätaussiedler) gelten als „Menschen mit Migrationshintergrund“.

BA will stärker nachfragen

Obwohl die Bestimmung der „Menschen mit Migrationshintergrund“ also maximal unspezifisch ist, scheint sich das Hantieren mit dem Begriff noch auszuweiten. So will die Bundesagentur für Arbeit laut Medienberichten künftig intensiver nach dem Migrationshintergrund ihrer „Kunden“ fragen.

Dazu erklärte Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen: „Was da auf den ersten Blick als Empowerment für Migranten  daher kommt, ist höchst problematisch. Es gibt gute Gründe  dafür, dass in Deutschland keine Behörde mehr Daten über den Stammbaum und dessen Zusammensetzung oder ohne Grund beispielsweise über die Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung erfassen darf.“ Datenerhebungen dürften nur vorgenommen werden, wenn sie zur Verfolgung gesetzlich geregelter Ziele und Zwecke erforderlich seien.

Hamburger „Kulturkreise“

Auch in Hamburg meint man es nur gut. Die Stadt fragt ihre Mitarbeiter noch bis zum 21. Februar, wie viele von ihnen einen Migrationshintergrund hätten. Die Erhebung sei anonym und freiwillig, wird in dem Schreiben, das Publikative.org vorliegt, zwar betont, doch sei es wichtig, dass möglichst viele Personen sich daran beteiligten. Um zu dokumentieren, wie bedeutsam die Sache sei, wird im Briefkopf der „Erste Bürgermeister“ aufgefahren.

Ziel sei es, „die kulturelle Vielfalt unserer Stadt unter unseren Beschäftigten widerzuspiegeln“. Es solle Personal bereitgestellt werden, das beispielsweise über „Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen“ verfüge.

Die Stadt Hamburg möchte wissen, wie viele Mitarbeiter einen "Migrationshintergrund" haben.
Die Stadt Hamburg möchte wissen, wie viele Mitarbeiter einen „Migrationshintergrund“ haben.

„Kulturkreis“ – da schwingt christliches Abendland und islamischer Orient mit. Wikipedia weiß dazu:

Die Kulturkreislehre wurde vor allem von der Wiener Schule der Völkerkunde Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, von Pater Wilhelm Schmidt und Pater Wilhelm Koppers. Sie erfanden den Begriff „Urkulturkreis“, der von Anfang an monotheistischmonogam und patriarchalisch gelebt habe und daher völkerkundlich der wertvollste sei. Die Lehre wurde so zu einer Rassentheorie.

Was einen Kulturkreis ausmacht, ist nicht leicht zu definieren, wissenschaftlich umstritten und wohl auch nicht Gegenstand der Erhebung. Daher kann hier eigentlich nur der Umkehrschluss gezogen werden: Gemeint ist wohl alles, was irgendwie nicht-Deutsch ist (wobei auch hier wieder ungeklärt bleibt, was das Deutschsein definiert).

Zugleich ist unklar, was für interkulturelle Kompetenzen jemand mitbringen soll, dessen Vater in den 1950er Jahren nach Deutschland eingewandert ist – außer, dass er möglicherweise selbst Erfahrungen mit Diskriminierung sammeln musste – siehe oben das Beispiel Matiolli.

Der Journalist ergänzte in seinem erwähnten Artikel:

mit der Tatsache, dass fünfzehn Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben, kann man hervorragend argumentieren – je nach politischer Ausrichtung. Man kann sagen: Seht, wir sind doch längst ein Einwanderungsland! Oder man kann vor dem Untergang des Deutschtums warnen. So lässt sich das Wort leicht missbrauchen.

In der Tat: Die Stadt Hamburg kann sich auf die Schulter klopfen und betonen, wie viele „Kulturkreise“ in ihren Behörden wirken. Thilo Sarrazin kann seine Statistiken über das sterbende Deutschland mit Zahlen anfüttern, wonach ein Drittel der hier geborenen Kinder einen Migrationshintergrund hätten.

Ministerin mit Migrationshintergrund

Ursula von der Leyen im Jahr 2012 (Quelle: CSU/CSU-Fraktion)
Ursula von der Leyen im Jahr 2012 (Quelle: CSU/CSU-Fraktion)

Die Migrationshintergrund-Erhebungsverordnung der Bundesagentur für Arbeit verleiht sogar Bundesbürgern einen Migrationshintergrund, wenn sie im Ausland geboren wurden.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen Ernst Albrecht und dessen Ehefrau Heidi Adele – und sie hat demnach einen Migrationshintergrund. Von der Leyen wurde nämlich 1958 in Brüssel geboren. Damit hat sie sich möglicherweise besonders für das Amt der Verteidigungsministerin qualifiziert, kann sie doch mit ihrer interkulturellen Kompetenz viel eher nachvollziehen, wie die Taliban ticken…

Von der Leyen ist aber in guter Gesellschaft, denn im Jahr 2006 gab es in Deutschland 7,9 Millionen Menschen, die einen Migrationshintergrund sowie die deutsche Staatsangehörigkeit hätten. Das entspricht fast 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland bzw. 53 % der Menschen mit Migrationshintergrund. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sind also Deutsche; bei vielen Lesern und Fernsehzuschauern dürfte als Botschaft aber „Ausländer“ ankommen.

Deutsche zweiter Klasse

Und was sagen die Leute dazu, die in Deutschland durch offizielle Kriterien plötzlich selbst zu einem „Menschen mit Migrationshintergrund“ gemacht werden? Sie dürften sich oft als Bürger zweiter Klasse fühlen. Sie gehören irgendwie nicht richtig dazu oder verursachen Probleme, da die Debatten über Migration eher selten positiv besetzt sind. Es ist von Deutsch-Türken die Rede, wenn Deutsche gemeint sind; von Deutsch-Schweden liest man übrigens eher selten.

In Hamburg wird auch abgefragt, in welchen Ländern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre „Wurzeln“ hätten. Gleichzeitig sollen die Befragten auch angeben, in welcher Behörde, Schule oder welchem Bezirksamt sie tätig sind, seit wann sie für die Stadt arbeiten und in welcher Laufbahngruppe sie sich derzeit befinden.

Alles anonym, aber recht detailliert: Befragung in Hamburg.
Alles anonym, aber recht detailliert: Befragung in Hamburg.

Wie erwähnt: Die Erhebung soll freiwillig sein, doch angesichts dieser Fragen erscheinen Rückschlüsse darauf, wer sich nicht beteiligt hat, zumindest denkbar. Ein Mitarbeiter der Stadt fühlt sich auf jeden Fall zum einen unter Druck gesetzt – zum anderen versteht er nicht, warum er plötzlich einen Migrationshintergrund haben sollte.

Weitestgehend unbrauchbar

Der Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ verschleiert mehr, als er erklärt. Er ist euphemistisch, weil er oft „Ausländer“ meint. Auch und gerade im journalistischen Bereich ist die Kategorisierung somit weitestgehend unbrauchbar, weil sie kaum dazu beiträgt, Realität zu beschreiben.

Siehe auch:  Diskriminierung an Schulen und Unis weit verbreitetUNO attestiert Sarrazin Rassismus,  Es gibt keinen Rassismus mit Herz!Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter RassismusDemografie als Mittel der sozialpolitischen Demagogie

Deutschland atmet auf: Polizei schafft Rassismus ab

Die Berliner Polizei hat auf Anfrage von Publikative.org bekräftigt, dass ein Mitarbeiter eines Döner-Imbisses „fremdenfeindlich“ beleidigt worden sei, obwohl dieser möglicherweise gar nicht fremd sei, sondern deutscher Staatsbürger. Um einen rassistischen Vorfall könne es sich aber nicht handeln, denn dieser Begriff sei bei der Polizei nicht vorgesehen. 

Von Roland Sieber

Heute Morgen um 10:30 Uhr veröffentlichte die Berliner Polizei folgende Pressemitteilung:

Imbiss-Mitarbeiter beleidigt  Pankow  Ein Mitarbeiter eines Döner-Imbisses ist in der vergangenen Nacht in Buch beleidigt worden. Kurz nach 2 Uhr stiegen vier Personen aus einem Bus an der Endhaltestelle am S-Bahnhof Buch in der Wiltbergstraße grölend aus. Während zwei von ihnen ihren Weg fortsetzten, liefen die anderen beiden auf den Imbiss zu, warfen eine Bierflasche gegen einen Blumenkübel vor dem Geschäft und beleidigten den 44-Jährigen unter anderem fremdenfeindlich, bevor auch sie unerkannt ihren Weg fortsetzten. Erste Ermittlungen ergaben, dass das Quartett zuvor schon in dem Bus randaliert und dabei einen Signalknopf abgerissen hatte. Es wird wegen Sachbeschädigung und Beleidigung mit politischem Hintergrund ermittelt.
Imbiss-Mitarbeiter beleidigt - Pankow Ein Mitarbeiter eines Döner-Imbisses ist in der vergangenen Nacht in Buch beleidigt worden. Kurz nach 2 Uhr stiegen vier Personen aus einem Bus an der Endhaltestelle am S-Bahnhof Buch in der Wiltbergstraße grölend aus. Während zwei von ihnen ihren Weg fortsetzten, liefen die anderen beiden auf den Imbiss zu, warfen eine Bierflasche gegen einen Blumenkübel vor dem Geschäft und beleidigten den 44-Jährigen unter anderem fremdenfeindlich, bevor auch sie unerkannt ihren Weg fortsetzten. Erste Ermittlungen ergaben, dass das Quartett zuvor schon in dem Bus randaliert und dabei einen Signalknopf abgerissen hatte. Es wird wegen Sachbeschädigung und Beleidigung mit politischem Hintergrund ermittelt.

 

Auf die Nachfrage bei der Polizeipressestelle welche Hinweise vorliegen, dass der beleidigte Imbiss-Mitarbeiter „fremd“ sei, hieß es, dass dieser „einen Migrationshintergrund“ habe. Die Frage danach, ob es sich dabei um eine rassistische Beleidigung handeln könnte, wurde verneint. Es gäbe zwar keine Dienstvorschrift hierzu, aber es sei bundesweiter Sprachgebrauch bei der Polizei von dem Tatbestand der „Fremdenfeindlichkeit“ zu sprechen, weshalb es verneint werden müsse, dass dies ein rassistischer Vorfall vor dem Döner-Imbiss gewesen sei.

Das Wort „Fremdenfeindlichkeit“ würde bei betroffenen Menschen mit „Migrationshintergrund“ angewendet, wenn ein entsprechender politischer Hintergrund bei der Straftat eine Rolle spiele, unabhängig davon, ob der oder die Betroffene die deutsche Staatsbürgerschaft besitze oder nicht. Die Nachfrage, ob die Polizei damit auch deutsche Staatsangehörige als fremd bezeichne, wurde mit dem Hinweis auf den „Migrationshintergrund“ indirekt bejaht. Ob der 44-jährige Betroffen aus Berlin die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, wollte oder konnte die Pressestelle nicht beantworten.

Der Versuch zu erfahren, was die Grundlage des Tatbestandes der „Fremdenfeindlichkeit“ sei und ob diese sich auf ein Gesetz oder einer anderen Vorgabe beziehe, wurde von der Polizei mit dem Hinweis auf den allgemeinen Sprachgebrauch sowie auf das Innen- und Justizministerium abgewiesen. Weder § 130 (Volksverhetzung) noch § 185 (Beleidigung) im Strafgesetzbuch führen den Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ auf.

Leitfaden: Rassistisch, fremdenfeindlich oder rechtsextrem? Schwarze, weiße oder farbige Menschen?

Damit bestätigt eine Polizeibehörde offiziell, dass Menschen unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft, ihrem Geburtsort und / oder ihres Wohnsitzes als fremd bezeichnet werden, wenn diese einen „Migrationshintergrund“ haben. Rassistisch motivierte Straftaten gibt es im Polizeisprachgebrauch nicht, nur fremde Menschen. Die völkische Ideologie der Täter wird somit in Deutschland zur offiziellen Lesart erhoben.

Siehe auch: Geithain ist nicht Bollywood, Arsch huh und Gesicht zeigen, Gute Mitte, böse Nazis, Kontrolle wegen Hautfarbe: SS-Vergleich zulässig, Rassismus, Sexismus, Menschenverachtung – Humor bei der PolizeiDas Innenministerium und die Vielfalt der “Rassen”Polizeiberichte: “Deutscher Gruß” und SchwarzafrikanerBuchtipp: “Deutschland Schwarz Weiß – Der alltägliche Rassismus”Leitfaden: Rassistisch, fremdenfeindlich oder rechtsextrem? Schwarze, weiße oder farbige Menschen?