Moralische Medienschelte

Viel zu viel, viel zu aufdringlich, viel zu oberflächlich – im Netz haben verschiedene Journalisten die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich angeprangert. So eine Kritik ist schnell formuliert, findet oft Zustimmung – und lässt den Absender als kritischen Geist erscheinen.

Von Patrick Gensing

Es gibt kaum Beiträge, die leichter zu recherchieren und schneller zu schreiben sind, als Artikel zur aktuellen Berichterstattung: Glotze oder Radio an – dabei noch ein Blick auf die Schlagzeilen der großen Blätter, Meinung bestätigen lassen – und los geht es. Heute Morgen eröffnete taz-Chefredakteurin Ines Pohl diese Medienkritik zum Germanwings-Absturz:

Deutschland möchte also auch ganz dringend eine Katastrophe für sich? Was soll das bedeuten? Die Lust, auch mal Opfer zu sein? Pohl erklärte etwas später auf Twitter: „Ich will nicht die Trauerenden kritisieren, die Endlosschleifen der Sondersendungen ohne Erkenntniswert berühren mich unangenehm.“

Allerdings sei hier die Frage gestattet, warum einerseits beklagt wird – auch von anderen Kollegen außer Pohl, es werde viel zu viel Wirbel um den Absturz gemacht, andererseits muss man aber selbst noch einen drauf setzen und sich unbedingt auch noch dazu äußern? Wäre es nicht konsequenter, dann einfach zu schweigen? Oder zumindest etwas differenzierter zu formulieren, als es in einem Twitter- oder Facebook-Posting möglich ist? So soll ernsthaft Oberflächlichkeit in Medien thematisiert werden?

Aasgeier, die für Leichenteile zahlen

Komplett im Ton vergreift sich Hermann Gremliza in der konkret: In einer bewusst rohen Sprache schreibt er unter anderem von Todesopfern im Straßenverkehr, die „eingelocht“ würden ohne Sondersendungen. Und es geht noch tiefer: Bei solchen Todesopfern gebe es „nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen“.

Übrigens erklärt Gremliza mit seinem Hinweis auf die alltäglichen Opfer im Straßenverkehr schon selbst, weshalb es für den Absturz eines deutschen Fliegers mehr Aufmerksamkeit gibt: Dies ist nämlich gerade nicht alltäglich. Die Unterstellungen, die kaputten Reporter würden sich ohnehin nur volllaufen lassen und Geld für Leichenteile bezahlen, ist dann einfach nur noch pures Ressentiments, das ich eher bei KenFM erwartet hätte.

„Nah an ethischen und persönlichen Grenzen“

Wer sind diese Aasgeier? Mein geschätzter Kollege Stefan Laurin beispielsweise war für Die Welt in Haltern – und schrieb danach auf Facebook: „Es war alles sehr würdig in Haltern… Sowohl vor der Schule als auch auf der Pressekonferenz im Rathaus.“ Ein anderer Kollege schrieb: „Krasser Tag. Erst am Flughafen Düsseldorf und dann an der Schule in Haltern. Darüber zu berichten, bzw vor allem davon Fotos zu machen ist echt kein schöner Job und die ganze Zeit ziemlich nah an ethischen und persönlichen Grenzen…“

Es gibt sicherlich Reporter, die sich weit weniger Gedanken machen und skrupellos agieren. Aber die meisten Kollegen diskutieren immer wieder lange und kontrovers, welche Bilder angemessen sind, welche nicht – dies gilt auch für andere Anlässe – beispielsweise Anschläge. Und es ist auch keine besonders lebensbejahende Arbeit, immer wieder aus vorliegendem Material die Bilder herauszusuchen, die eben nicht mehr gezeigt werden können. Aber mit solchen Details muss man sich auch nicht weiter belasten, wenn die These stimmen soll.

Von Trauer und Wut

Sascha Lobo veröffentlichte heute übrigens auf Spiegel Online einen klugen Artikel zu den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz, er schreibt:

Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die „sensationslüsterne Journallie“. […] Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.

taz-Chefredakteurin Ines Pohl wurde nach ihrem Tweet selbst zum Ziel dieser Klickwut und teilweise übelst beleidigt.

Gleichzeitig finden sich in den Kommentaren zu den oben erwähnten Medienkritiken umgehend auch Beiträge, die in Richtung „Lügenpresse“ und pauschale und populistische Politikerschelte gehen. Auf der Facebook-Seite des Politmagazins Monitor erhielt ein Nutzer für diesen Kommentar 73 Likes:

Wieso muss der „Halbe Bundestag“ nach Frankreich fliegen um dann irgendeinen unqualifizierten Senf in die Kameras zu labern. Und die Sender stellen diese auch noch in den Vordergrund, als wenn diese Pappnasen die Hauptfiguren in einem Theaterstück wären,. Merkel hier, Merkel da, Merkel vorne, Merkel hinten, Merkel kann nicht in die Schlucht, Merkel kann nur mit Hubschrauber über das Gebiet fliegen, Steinmeier kommt auch nicht weiter, Steinmeier war gestern schon da, Steinmeier erzählt uns, was Experten schon vorher x-mal erklärt haben. Witzfigur Dobrindet gibt auch seine Senf dazu….. Was für eine Schmierenkömödie zu einem extrem traurigen Anlass.

Ein trauriger Anlass, der offenbar eine günstige Gelegenheit bietet, Feindbilder zu pflegen oder sich mal wieder als kritischen Kopf in Szene zu setzen. Sie wisse nicht, was sie schlimmer finde, merkte eine Kollegin auf Facebook treffend an: „Das berühmte Witwenschütteln, oder aber „Kollegen“, die sich an der Berichterstattung abarbeiten und de facto den Tod von mehr als hundert Menschen nutzen, um öffentlich (!) zu erklären, wie sicher sie im moralischen Sattel sitzen.“

 

Deutscher Rap: Nicht jeder Rüpel ist ein Antisemit

Deutscher Rap hat ein Antisemitismusproblem und darüber muss gesprochen werden. Die Art, in der dies geschieht, ist bisweilen jedoch selbst fragwürdig. Das zeigte sich jüngst wieder, als ein NDR-Tatort noch vor seiner Ausstrahlung einen Sturm im Wasserglas entfachte.

Von Floris Biskamp

"Rüpel-Rapper" Haftbefehl ist reflektierter als mancher SZ-Karikaturist. (Foto: YouTube-Screenshot | https://www.youtube.com/watch?v=ve1RgXPWTdk)
„Rüpel-Rapper“ Haftbefehl ist reflektierter als mancher SZ-Karikaturist. (Foto: YouTube-Screenshot | https://www.youtube.com/watch?v=ve1RgXPWTdk)

Auslöser war eine Szene, in der sich Jugendliche ein Musikvideo des Rappers Haftbefehl ansehen. Skandalisiert wurde die – im Tatort gar nicht zu hörende – Zeile „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse.“ Auf den ersten Blick handelt es sich tatsächlich um einen Skandal: Die Zeile reproduziert ein gängiges Klischee über Juden und der Track, aus dem sie stammt, wird in einem öffentlich-rechtlichen TV-Format vor einem Millionenpublikum kritik- und kommentarlos wiedergegeben. Betrachtet man den Fall jedoch im gesellschaftlichen und künstlerischen Kontext, wird deutlich, dass die Stilisierung von Haftbefehl zum handfesten Antisemiten schlicht unangemessen ist.

Leider beruhen viele Texte über Antisemitismus im deutschen Rap darauf, dass sich Autoren die passenden Textstellen heraussuchen, sie hintereinander aufreihen und diese selbst erstellte Aneinanderreihung dann als einen roten Faden verkaufen. Mit einer solchen Herangehensweise kommt man zwar zu klaren Ergebnissen, aber zu keiner realistischen Einschätzung der Verbreitung von Antisemitismus im Hip Hop. Will man diese erreichen, muss man sich ernsthafter mit dem Genre auseinandersetzen, als es üblicherweise geschieht.

Systematische verbale Enthemmung

Zunächst gilt es zu verstehen, dass in breiten Strömungen des Hip Hop nicht nur eine verbale Enthemmung vorherrscht, sondern systematisch Normbruch um des Normbruchs willen betrieben wird – auch wenn damit oftmals gar kein entsprechendes Weltbild verbunden ist. Das lässt sich anhand der beiden Alben erläutern, die Kool Savas und Taktlo$$ um die Jahrtausendwende unter dem Namen Westberlin Maskulin veröffentlichten. Auf diesen finden sich neben einer schier endlosen Anzahl von sexistischen und frauenverachtenden Zeilen auch solche, in denen die beiden sich selbst als Nazis, die imaginären Battle-Gegner als Juden identifizieren. Wenn sie sich als „Berliner Angriffs-Sturmstaffel“ bezeichnen, ist das eine SS-Referenz, daran lassen sie keinen Zweifel: „Ich ziehe Parallelen und sehe mich als Gruppenleiter im ‚Rappen macht frei‘-Lager.“ Das Ziel „heißt Massenvernichtung von Wack-MCs.“ „Du bist Jude, ich bin Rassist.“ „Taktlesus, KKS sind Arier, Nigga!“

Jedoch findet man bei Westberlin Maskulin – so paradox es klingen mag – keinen Hinweis auf antisemitische oder rassistische Gesinnung. Es wird nirgends ein Bild von einer Gesellschaft konstruiert, die von finsteren Mächten im Hintergrund geschweige denn von Juden regiert wird; nirgends wird suggeriert, Juden seien in irgendeiner Hinsicht besonders gefährlich, hinterlistig, mächtig, klug, dumm oder sonst etwas. Im Gegenteil wird die vom Wortsinn der zitierten Stellen scheinbar implizierte ideologische Positionierung durch den Kontext immer wieder ad absurdum geführt. Beispielsweise wenn Taktlo$$ – selbst ein Schwarzer – rappt: „Ich kooperiere mit dem KKK und quäle Nigga nur so aus Spaß.“ Absurder noch Savas, der reimt: „Ich bin ein Nazi. Hitler ist mein Vater. Kool Savas ist mehr Rap als Afrika Bambaata!“

Jeder denkbare Normbruch wird vollzogen

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht darum, antisemitische Werke durch eine eigentliche, hinter den Werken verborgene Motivation der Künstler wegzudiskutieren: Wenn jemand ein antisemitisches Kunstwerk schafft, ist es relativ egal, welche Intention er damit verfolgt hat. Jedoch sind die Texte von Westberlin Maskulin einfach kein Beispiel für antisemitische Gesinnung, weil überhaupt kein entsprechendes Weltbild transportiert wird. Es wird einfach nur jeder auch nur denkbare Normbruch vollzogen. Das ist weder harmlos noch emanzipatorisch. Dumme Witze auf Kosten von Holocaust-Opfern sind schwer zu ertragende Geschmacklosigkeiten. Doch sind sie im Falle von Westberlin Maskulin eben genau das: gezielte Geschmacklosigkeiten, um den Geschmack zu verletzen. Die beiden sagen alles, ‚was man nicht sagt‘ – der Nationalsozialismus ist dabei nur eine Gelegenheit unter vielen. Einige Kostproben: „Der Fernseher ist an, ich freu mich über Tote im KZ, die Vergewaltigung im andern Film ist auch ganz nett.“ „Wer bastelt Briefbomben und verschickt sie wahllos? Taktlo$$.“ „Ich ficke dich jetzt und später dein Kind. Wenn ich AIDS haben sollte, hat es deine Mutter auch.“ „Maskulin im Auto mit der Uzi schießen wahllos auf Passanten.“

Jedoch wäre es falsch, aus diesen Überlegungen zu folgern, dass es im deutschen Rap keinen Antisemitismus gibt, der kritisiert werden muss. Diesen Fehlschluss zog Frédéric Schwilden kürzlich in der Welt, indem er kurzerhand jede Äußerung von Antisemitismus im Rap zum bloßen „Spiel, um die linksliberalen Spießer zu schocken“, erklärt – ein Spiel, das für ihn erst bei handfester Gewaltkriminalität aufhört:

Kein Spiel ist natürlich der reale Angriff auf den Rabbiner, das ist eine Straftat. Kein Spiel ist es, Schwule anzugreifen. Lesben zu bespucken. Ungläubige abzuziehen, weil sie eben Ungläubige sind. Das muss strafrechtlich verfolgt werden.

Damit macht er es sich aber zu einfach. Dies wird schon deutlich, weil sein Argument so allgemein formuliert ist, dass es streng genommen auch für Nazi-Bands wie Landser oder Gigi und die braunen Stadtmusikanten gelten müsste. Auch deren Texte und Auftritte strotzen schließlich vor Mittelfinger-Mentalität und Ironie, auch deren Protagonisten kommen wohl aus Milieus, in denen man wenige verbale Hemmungen kennt und gerne die linksliberale Öffentlichkeit provoziert. Auch hier müsste man mit Schwilden sagen: Gewalt ist Gewalt, aber Kunst ist Kunst und eigentlich nur ein Spiel.

Hassverbrechen beginnen nicht bei körperlicher Gewalt

Jedoch ist ein antisemitischer Überfall mehr als bloß ein Überfall, er ist das Produkt einer Ideologie, welche die Täter zuvor aufgesogen haben. Daher ist auch das Äußern und Verbreiten der Ideologie, die zu solchen Hassverbrechen führt, Teil des Problems. Es ist relativ leicht herauszuarbeiten, dass die oben genannten Nazi-Bands ihre Ideologie trotz aller ironischen Textzeilen ernst meinen.

Ernstgemeinte antisemitische Ideologie findet man auch im deutschen Rap. Dafür sollte man aber nicht als erstes an den verbal explizitesten Stellen suchen. Im Gegenteil finden sich die ärgsten Manifestationen antisemitischer Ideologie meist in Tracks, die als kluge oder gar mutige Kritik gesellschaftlicher Zustände daherkommen. Problematisch sind vor allem zwei Motive: Zum einen verschwörungstheoretische Texte, in denen Politik und Gesellschaft insgesamt als Produkt finsterer Mächte und Geheimorganisationen dargestellt werden. Diese werden dann mal explizit mit Juden identifiziert, mal bleibt es beim Geraune über Freimaurer, Logen, Bilderberger oder andere Strippenzieher. Zum anderen sprechen deutsche Rapper immer wieder den Nahostkonflikt an, der dabei oft zu einer einseitigen völkermörderischen Unterdrückung friedlicher, hilf- und wehrloser Palästinenser durch bösartige Israelis umgedeutet wird. Sowohl die verschwörungstheoretische Deutung der Gesellschaft als auch die Dämonisierung und Delegitimierung Israels sind bekannte Ausdrucksformen antisemitischer Ideologie.

„Kontra Netanjahu“, „kontra Tel Aviv“, „kontra Zins“, „kontra Parasit“!

Besonders problematisch wird es, wenn beide Motive zusammenkommen und Israel explizit als Teil einer Verschwörung inszeniert wird, welche die Gesellschaft dominiert. Ein Beispiel hierfür ist der kürzlich veröffentlichte Track Contraband der beiden Ruhrgebiet-Rapper Fard und Snaga. Die Strophen bestehen wesentlich aus einer Aneinanderreihung von Schlagworten, in denen die beiden sich für alles aussprechen was im autoritär-antisemitisch-antiimperialistischen Weltbild als gut gilt: „Pro Mujaheddin, pro Falestine“, „pro Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Che Guevara“, „pro Freiheit“ „und ja, pro Todesstrafe für Kinderschänder“.

Mit dieser Identifikation geht eine Feinderklärung einher, die aus einem Sammelsurium von Motiven aus Antisemitismus und Verschwörungstheorie besteht: „Kontra Netanjahu“, „kontra Tel Aviv“, „kontra Bank“, „kontra Zins“, „kontra Parasit“ und „kollektiv, kontra Bilderberger, Volksverräter, Hintermänner“. Frédéric Schwilden beharrt darauf, dass es sich auch bei diesem Track um ‚Spiel‘ und um bloße Provokation handelt – doch damit täuscht er sich. Denn eine ironische Brechung der antisemitischen Feindbestimmung findet sich im Track nicht. Die im Video zu sehenden Schusswaffen dürften ebenso falsch sein wie die behauptete Militanz. Das antisemitische Weltbild dagegen, das ist echt.

Versteht man, dass der Antisemitismus im deutschen Rap nicht so sehr in den Pöbel-Lines sondern in den ernsthaften zu suchen ist, wird umso deutlicher dass Hip Hop in Sachen Antisemitismus kein popkulturelles Monopol, ja nicht einmal eine Sonderstellung innehat. Sowohl strukturell antisemitische Verschwörungstheorien als auch israelbezogenen Antisemitismus findet man leicht auch im Deutschpunk, im Hardcore, bei linken und bei rechten Liedermachern sowie bei britischen Prog-Rock-Legenden.

Doch wie ist es nun um Haftbefehl bestellt? In den Texten des Offenbachers finden sich vier problematische Stellen. Die schlimmste ist die älteste. In einer seiner ersten Aufnahmen heißt es:

Du nennst mich Terrorrist ich nenne dich Hurensohn,
Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum,
Habe euch durchschaut und sage das zu eurem Krieg,
Ihr wollt nur Waffen verkaufen und die Taschen voll mit Kies.

Viel offener als in diesem Jahre vor seinen ersten professionellen Veröffentlichungen aufgenommenen Track kann Antisemitismus nicht auftreten. Antisemitische Aussagen von dieser Deutlichkeit finden sich in seinen späteren Texten jedoch überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil hat sich Haftbefehl später in aller wünschenswerten Deutlichkeit von diesen Zeilen distanziert.

Auch die Hochkultur wimmelt von „Börsenjuden“

Hinzu kommen explizite Aussagen über Juden, nämlich: „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse“, und: „Mein jüdischer Anwalt holt mich da raus“. Damit werden Klischees über Juden reproduziert, denen ‚klassisch-jüdische‘ Tätigkeiten zugeschrieben werden. Doch die jüngst von diesen Zeilen ausgelöste Aufregung ist nicht nachvollziehbar. Der Bezug auf Juden ist aufgrund der im Genre üblichen verbalen Enthemmung zwar offener formuliert, als man es gewohnt ist – doch in wie vielen anderen Zeugnissen der modernen Kultur, in wie vielen Theaterstücken, Büchern, Filmen oder Serien gibt es jüdische Figuren, die im Finanzsektor oder im Rechtswesen arbeiten? Es sei an den Bankdirektor Leo Fischel in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften sowie an den Anwalt Maurice Levy in The Wire erinnert. Hätte es im Wasserglas denn auch gestürmt, wenn im Tatort bildungsbürgerliche Protagonist_innen gezeigt worden wären, die eines dieser beiden Werke konsumieren? Oder wirklich antisemitische Zeugnisse der ‚Hochkultur‘ wie Walsers Tod eines Kritikers, Wagners Parsifal oder Fassbinders Die Stadt, der Müll und der Tod? Wäre der Tatort dann auch dann zum Fall für den Rundfunkrat geworden? Hätten bild.de, focus.de und welt.de umgehend Artikel rausgehauen? Wohl kaum.

Eine andere Qualität hat der Track Free Palestine, ebenfalls aus dem Jahre 2010. In diesem gänzlich ernsthaften, unironischen Text bekennen sich Haftbefehl und sein Partner Chaker zwar zunächst zur Gleichheit aller Menschen („Mensch ist Mensch. Egal ob Isaak, ob Ismail“), die Verletzung dieser Norm werfen sie jedoch vor allem Israel vor. Ihre Analyse des Nahostkonflikts ist nicht nur einseitig, sondern trägt auch deutlich verschwörungstheoretische Züge: „Alles dreht sich um Geld. Ihr denkt nur ans Abkassieren und an die Prämien. Alle Präsidenten dieser Welt, treffen sich auf ein‘ Kaffee und ne‘ Line in Bolivien. Alles Lügen in den Medien.“ Dementsprechend fällt auch die Lösung des Konflikts aus: „Ich sag Free Palestine! Stoppt den Krieg! Boykott Israel!“ Hier handelt es sich nicht um Ironie, Provokation oder ‚Spiel‘, sondern um Gesinnung, um israelbezogenen und verschwörungstheoretischen Antisemitismus à la Augstein, Grass, Süddeutsche Zeitung oder Linkspartei.

Haftbefehl ist weiter als mancher Feuilleton-Karikaturist

Jedoch hat Haftbefehl dem linksliberalen Feuilleton zweierlei voraus: Erstens datieren seine letzten antisemitischen Textpassagen aus dem Jahre 2010, in den zahlreichen neueren Veröffentlichung finden sich keine derartigen Zeilen mehr. Zweitens fällt Haftbefehl dadurch angenehm auf, dass seine Reaktionen auf die Kritik an den antisemitischen Passagen von tatsächlichem Problembewusstsein zeugen. In seiner nach dem Tatort veröffentlichten Erklärung nimmt er zwar zunächst die in solchen Erklärungen leider üblichen Verleugnungen vor und führt aus, er könne gar kein Antisemit sein, weil er ja nichts gegen Juden habe. Jedoch hält er auch fest:

Ein Aspekt des Antisemitismus ist die Gleichsetzung vom Judentum und Geld, die ich für falsch und dumm halte. Ich verstehe und sehe ein, dass bei Vorurteilen gegenüber Juden und anderen Minderheiten – besonders in diesem Land – jede Aussage auf die Goldwaage gelegt werden muss.

Für einen „antisemitischen Rüpel-Rapper“ (so Daniel Killy in der Jüdischen Allgemeinen über Haftbefehl) gar nicht so schlecht, oder? Jedenfalls um Längen reflektierter als die typischen Reaktionen linksliberaler Feuilletonisten. Nachdem der SZ-Karikaturist Burkhard Mohr dafür kritisiert worden war, dass er Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als gierige Krake illustriert hatte, schrieb er: „Es tut mir sehr leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist.“ Damit negiert er den antisemitischen Gehalt seines Bildes einfach. Der Subtext lautet: „Das Problem ist nicht, dass ich Juden als Kraken zeichne, das Problem seid Ihr, die Ihr mich missversteht.“

Kurzum: Die deutsche Gesellschaft hat ein Antisemitismusproblem, das auch im deutschen Rap im Allgemeinen und in einigen Zeilen von Haftbefehl im Besonderen zum Ausdruck kommt. Deswegen aber so zu tun, als sei Haftbefehl ein relevanter Akteur des deutschen Antisemitismus, dessen bloßes Auftauchen im Tatort skandalös wäre, ist maßlos übertrieben und übersieht relevantere Ausdrucksformen von Antisemitismus – sowohl im Hip Hop als auch in der sonstigen Gegenwartskultur.

#Hoodiejournalismus? Wie wär’s denn mal mit Inhalt?

Ja, es gibt ihn, den Altherren-(Nicht-)Gönnerstyle mancher Redakteure, die gleichzeitig Anteilseigner, Fernsehchefs oder Genossenschafter sind – und jedem Online-Kollegen stets mit derselben „charmanten“ „Na, Sie kleiner Racker“-Attitüde begegnen. Derselbe Schlag von Männern begegnet übrigens in exakt derselben Art auch gerne allen Frauen im Job, allen Menschen mit Migrationshintergrund oder sonst irgendeinem Wesen, das nicht der eigenen Vorstellung des Normsubjekts (ergo: man selbst) entspricht. Augenhöhe? Nein, danke! Wenn mich allerdings irgendetwas noch mehr auf die Palme bringen kann als diese Art traditioneller Snobismus, dann sind es selbstgefällige Selfies in Kapuzenpullis. Daher: ein Rant.

Von Andrej Reisin

Doch bevor wir zur aktuellen Pullover-Mode kommen, der Reihe nach: Die „Zeit“ hatte berichtet, dass es bei Ressortleitern und Redakteuren der „Süddeutschen Zeitung“ offenbar Widerstände dagegen gibt, Stefan Plöchinger, seit 2011 Leiter von süddeutsche.de, zum Mitglied der Chefredaktion der gesamten Zeitung zu machen. Laut „Zeit“ stößt sich die Runde daran, dass Plöchinger sich bisher zu wenig journalistische Meriten verdient habe, also nicht durch große Geschichten aufgefallen sei, sondern lediglich durch „Selbstbewusstsein“ und Organisationstalent bei der Neustrukturierung des Online-Auftritts der SZ. Außerdem spiele beim fehlenden Stallgeruch Plöchingers auch eine Rolle, dass dieser „Kapuzenpulliträger” sei.

Harald Staun legte dann in seiner Kolumne in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ noch einen drauf, indem er nach kurzer Wiedergabe des „Zeit“-Artikels einen an Blasiertheit tatsächlich schwer zu überbietenden Satz zu Papier (sic!) brachte: „Wobei ja vielleicht wirklich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungsriege der Zeitung aufzunehmen. Wäre es aber dann nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von Süddeutsche.de zu holen?

Seit Sonntag: Nur noch Qualität im Netz

An der Stelle platzte dann vielen Kollegen, die hauptsächlich oder ausschließlich online arbeiten, der Kragen: Sie wollten sich „nicht länger unqualifiziert einen aufs Maul geben lassen„, wie der Online-Branchendienst Meedia meint. Und deshalb haben sich die versammelten Onliner der Republik hinter „uns Plöchinger“ geschart und schreiben seit Sonntag einen Pulitzerpreis-verdächtigen Artikel nach dem anderen. Online only, versteht sich.

Ein Hoodie. (Foto: http://www.flickr.com/photos/redesignyourshirt |CC BY-SA 2.0)
Hoodie: 2014 hierzulande etwa so rebellisch wie die Toten Hosen und die CDU. Nicht, dass die Online-Punks am Ende noch Jeans tragen. (Foto: http://www.flickr.com/photos/redesignyourshirt |CC BY-SA 2.0)

Sorry, just kidding. Denn was tun die (ganz überwiegend männlichen) Online-Alphatiere – latürnich! – stattdessen? Sie twittern unter dem Hashtag #hoodiejournalismus – und veröffentlichen Fotos von sich im Kapuzenpulli. Und selbstredend gibt es schon einen entsprechenden Tumblr-Blog. Dankenswerterweise hat das Hip-Hop-Duo „Zugezogen Maskulin“ zu solchen Phänomenen in anderem Kontext schon alles gesagt: „Undercut, Tumblr-Blog – nix zu erzählen„.

Womit wir beim Kern des Problems wären: Denn warum verwechselt Staun „Internetexperte“ und „Journalist“ oder suggeriert zumindest, die beiden Begriffe schlössen einander aus? Warum wird „online“ (oder was man dafür hält) in so vielen journalistischen Institutionen (und zwar keineswegs nur bei den „Holzmedien“, sondern genauso im Radio oder Fernsehen!) immer noch stiefmütterlich behandelt? Ja, ja, die Arroganz des Establishments spielt dabei ohne Zweifel eine Rolle. Und Strukturprobleme. Und Öltanker sind halt nur langsam zu drehen. Und so weiter und so oft und so zahlreich schon beklagt.

Staun hat ungewollt Recht

Leider aber gilt mindestens im gleichen Maße, dass „Online-Journalisten“ häufig genug vor allem eins machen: alles so schön bunt. Von den derzeit (genau wie jederzeit) auf sueddeutsche.de namentlich gekennzeichneten Artikeln ist die Mehrheit von Journalisten, die ihre Artikel vor allem für die Zeitung schreiben – und die sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht selbst „online stellen“, sondern sie einem „Onliner“ zuschicken, der sie dann für online „produziert“, wie es im Jargon gerne heißt. Damit aber schrumpft die Rolle dieser „Onliner“ auf diejenige von „Produzenten“ – womit sie vollkommen zu Recht nicht als „Journalisten“ im engeren Sinne bezeichnet werden.

Meine kleine Privat-Wette an dieser Stelle: Nahezu jeder „Online-Job“ im Journalismus, egal, ob bei sueddeutsche.de oder bei taz.de, beim „Online-Auftritt“ einer Fernsehsendung oder eines Radiosenders besteht zu einem gewissen Teil, meist jedoch zu einem Großteil daraus, die Inhalte anderer Leute zu „produzieren“. Wenn aber zwei Drittel aller „Onliner“ zu zwei Dritteln ihrer Zeit „Webseiten bauen“, auf die sie die Artikel, Beiträge, Filme anderer Leute „einpflegen“ und mit Bildern, Links, Hintergrundinfos, Agenturmaterial, Audios und Gott weiß was anreichern, dann hat das mit Journalismus so viel zu tun wie die Schlussredaktion einer klassischen Zeitung oder Zeitschrift. Man liest gegen, korrigiert, platziert (setzt), sucht Bilder (oder beauftragt Bildredaktionen mit selbigem), schneidet in Photoshop und Premiere rum, verlinkt, bedient Content Management Systeme und bestückt Webseiten. Man schreibt aber nicht seinen Namen unter die Titelgeschichte der „Süddeutschen Zeitung“ – und zwar weder on- noch offline (letzteres schon gar nicht).

Jetzt könnte man einwenden, dass die meisten Chefredakteure dies auch nicht tun, was stimmt, aber zumeist haben sie zuvor durchaus. Und vor allem: 99 Prozent der genannten „Onliner“ in den genannten Jobs sind keine Chefs a la Plöchinger, sondern sitzen tatsächlich im Bauch des Schiffes und rudern. Völlig zu Recht fragt Christoph Kappes daher, warum es keine Sachdebatte über inhaltliche Schwächen des Mediums „Online“, keine Diskussion über Arbeitsbedingungen gibt, sondern „ein Konflikt um Macht und Geld am Ende in einer popkulturellen Veranstaltung mündet„. Word.

Darin aber liegt eine der Antworten auf die Frage nach der Wahrnehmung von Staun. Der Mann hat ganz einfach nicht ganz Unrecht. Von „Spiegel Online“ einmal abgesehen sind die meisten anderen Online-Plattformen zu großen Teilen Abspielstationen für Content, der für Zeitung, Zeitschrift, Radio oder Fernsehen beauftragt und produziert worden ist. Nicht umsonst sollen die Grabenkämpfe mit „Nordkorea“ (wie „Spiegel“-Chefredakteur Wolfgang Büchner die Print-Ausgabe angeblich genannt hat) beim „Spiegel“ besonders heftig toben. Im allerbesten Falle verschmelzen die Formate und große Geschichten werden on- und offline von denselben Autoren betreut. In der Mehrzahl der Fälle aber eben (noch?) nicht.

„Innovativ“, „witzig“, „ironisch“, „kreativ“… ja, und?

Hoodie? Unser Autor bevorzugt beruflich den Anzug. Aus Gründen. (Foto: © Andrej Reisin / Publikative.org / Alle Rechte vorbehalten)
Hoodie? Unser Autor bevorzugt beruflich den Anzug. Aus Gründen. (Foto: © Andrej Reisin / Publikative.org / Alle Rechte vorbehalten)

Die wichtigen Inhalte, die großen Stories werden eben somit nach wie vor von Journalisten geschrieben, gedreht und erzählt, die nicht vornehmlich als „Onliner“ wahrgenommen werden, was natürlich auch mit den Möglichkeiten Geld zu verdienen zu tun hat. Häufig genug müssen sich „Onliner“ damit begnüngen (und schlimmstenfalls gefallen sie auch noch darin) einen besonders „witzigen“ oder „originellen“ Zugang zu bereits existierenden Themen oder politischen Auseinandersetzungen zu finden, um mit etwas „Eigenem“ zu reüssieren. Dieses „Eigene“ aber ist häufig eben nur unpolitisches, irrelevantes Rumgenerde. Ein Augenzwinkern für Eingeweihte, eine Nachricht auf den Kreativ-Klowänden des Internets: „Guck mal, ich habe eine interaktive Karte gebastelt, mit allen vermissten Flugzeugen in der Geschichte der zivilen Luftfahrt.“ Lob vom Chef, Applaus auf Twitter, danke, husch, husch ins Körbchen.

Solche Gimmicks sind typisch für eine ganzes Spektrum an „Onlinejournalismus“, der sich als „crossmedial“ und „trimedial“, als „Visualisierung“ und „Datenjournalismus“ zwar permanent neu erfindet, aber vor allem damit auffällt, die hübsche Verpackung für Stories zu liefern, die anderweitig entstanden sind. Die investigative Recherche, die große Reportage, die tiefe inhaltliche Auseinandersetzung und die großen Debatten muss man leider nach wie vor anderen überlassen – oder tut es sogar freiwillig, erst Recht jenseits der etablierten Medienunternehmen. Wenn man sich in Blogs und Online-Formaten umschaut, muss man sich fragen, was „online“ im deutschen Journalismus 2014 an originär eigenen Inhalten zu bieten hat? Natürlich gibt es halbwegs gelungene Beispiele wie „Jung & Naiv“ – Nomen est omen. Aber welt- oder auch nur republikbewegend?

Wo bitte sind sie spektakulären Enthüllungen, die großen Stories, die vernetzten Produkte, die crossmediale Recherche, die unabhängigen Plattformen, vor allem aber: Wo ist die politische, gesellschaftliche – und somit journalistische Relevanz? Mit staunenden Augen schaut man zu, wie der politische Journalismus der „Old Boys“ angesichts von großen Themen wie der Krim-Krise fest im Sattel sitzt (oder sogar: zurückschlägt?), wie marginalisiert „Netz-Themen“ als solche verhandelt werden (nämlich unter: ferner liefen), während „Onliner“ im Hoodie vermissten Flugzeugen hinterher tickern (der Live-Ticker als Online-Leitkultur*) – und davon auch noch Selfies bei Instagram hochladen. Substanz, Tiefe, Analyse, Gewicht? Da zieht man die Kapuze lieber nochmal etwas tiefer ins Gesicht …

Offenlegung: Andrej Reisin ist freier Journalist und arbeitet vor allem als „Onliner“ für den Norddeutschen Rundfunk (NDR).

*Stefan Niggemeier hat zum Liveticker auf derselben FAS-Seite, auf der Stauns Kolumne zu finden ist, übrigens eine aktualisierte inhaltlich hervorragende Abrechnung mit dem Phänomen Liveticker geschrieben. Leider ist diese nicht online verfügbarKorrektur: jetzt doch! – und interessierte offenbar auch auffällig wenige „Online-Journalisten“. Oh, the irony …

#HH2112: Die Polizei, die Medien und die Gewalt

Der Streit um die richtige Darstellung der Ereignisse in Hamburg ist voll entbrannt. Dabei ist das Ergebnis der Debatten einigermaßen vorhersehbar: Eine „objektive Wahrheit“ gibt es nicht. Journalismus ist nicht „Realität abbilden“ – wie leider viele Kolleg/innen noch immer glauben – sondern „Storytelling“: positiv wie negativ, durchkomponierte Erzählung, Versionen von Ereignissen. Dennoch lohnt sich der Streit um zeitliche Abläufe und belegbare Behauptungen. Und auch das Nachdenken über die Gewalt selbst ist keinesfalls sinnlos. 

Von Andrej Reisin

1. Das Stoppen der Demonstration

Eine Frage der Perspektive: Demonstration und Polizei in Hamburg am 21.12.2013 (Foto: publiktive.org)
Eine Frage der Perspektive: Demonstration und Polizei in Hamburg am 21.12.2013 (Foto: publiktive.org)

Warum wurde die Hamburger Demonstration am Samstag nach wenigen Metern gestoppt? Wenn die Hamburger Innenbehörde im Vorfeld davon ausgehen musste, dass die angemeldete Demonstration gewalttätig eskalieren würde, warum ist sie nicht den juristischen Weg des Verbots gegangen? Stattdessen erklärte man präventiv die gesamte Hamburger Innenstadt defacto zur demonstrationsfreien Zone, in dem man ein Gefahrengebiet ausrief, das weitreichende Grundrechtseinschränkungen und polizeiliche Maßnahmen (Personenkontrollen ohne konkreten Anlass, Platzverweise etc.) ermöglicht.

Am Samstag wurde den Anmelder/innen bereits im Vorfeld ein Teil der zuvor genehmigten Route untersagt, nur um die Demonstration dann nach 50 Metern zu stoppen und nach der anschließenden Eskalation für beendet zu erklären. Hier drängte sich nun vielen Anwesenden der Eindruck auf, dass dieses polizeiliche Handeln von Anfang an so geplant war. Dazu ein Auszug aus der Polizeipressemeldung vom 22.12., 00:52 Uhr:

Ab 13:30 Uhr versammelten sich bis zu 7.300 Personen am Antreteplatz in der Straße Schulterblatt. Darunter befanden sich bis zu 4.700 gewaltbereite Personen, die sich in einem Block an der Spitze des Aufzuges formierten. Gegen 14:09 Uhr liefen zahlreiche Personen an der Spitze des Aufzuges unvermittelt und ohne Absprache los in Richtung Sternbrücke. Aus der Personengruppe wurden Steine und Flaschen sowie entzündete Pyrotechnik gezielt auf Polizeibeamte geworfen. Daraufhin wurde der Aufzug aufgestoppt. Die eingesetzten Polizeibeamten wurden weiter massiv mit Steinen beworfen, sodass Wasserwerfer eingesetzt wurden. Vermummte Personen bewarfen Polizeibeamte von der Sternbrücke herab mit Steinen, sodass der Schienenverkehr eingestellt werden musste.

Dazu ist anzumerken, dass die Polizei hier den Beginn der Demonstration einfach um eine ganze Stunde nach vorne verlegt. Die Demonstration setzte sich jedenfalls erst deutlich nach 15 Uhr in Bewegung. Da sie für 14 Uhr angemeldet war, kann hier von „zu früh“ einfach keine Rede sein – einmal davon abgesehen, dass Unpünktlichkeit sowieso ein schlechter Grund für das Aushebeln des Demonstrationsrechts zu sein scheint. Nach der übereinstimmenden Beobachtung vieler Augenzeug/innen und zahlreicher ins Netz gestellter Videos kam es zudem erst nach dem Aufstoppen der Demonstration zu massiver Gewalt.

Ob diese andernfalls zu verhindern gewesen wäre, sei dahingestellt, selbstverständlich kann man daran angesichts des martialischen Aufzugs und der offenkundigen Bewaffnung vieler Demonstrant/innen berechtigte Zweifel haben. Dennoch muss es eine Antwort auf die Frage nach dem Grund des Stoppens geben, denn die bisher genannten Gründe sind leider schlicht und ergreifend sachlich unzutreffend, insbesondere im Hinblick auf den vermeintlich zu frühen Beginn, der polizeilich bislang mit falschen Angaben zur Uhrzeit belegt wird. Die Grünen wollen daher unter anderem diese Frage in einer Sondersitzung des Innenausschusses der Bürgerschaft klären.

2. Die Berichterstattung

Wer die Berichterstattung des linken Hamburger Freien Sender Kombinats (FSK) oder der TAZ mit dem Live-Ticker der BILD vergleicht, wird meinen müssen, hier sei in zwei Parallelwelten über zwei völlig verschiedene Ereignisse berichtet worden. Daran wird sich nichts ändern. Irgendwo dazwischen findet mit allen verfügbaren Quellen und Meinungen gesellschaftliche Realitätsvermittlung statt – und die Auseinandersetzung darum. Natürlich erschließen sich in einer medial vermittelten Welt die meisten Menschen ihre Version der Realität fast ausschließlich aus medialen Quellen. Jeder und jedem von uns geht es im Hinblick auf jedes x-beliebige Ereignis, das wir nicht persönlich wahrnehmen können, ebenso. Es gibt in aller Regel keine erfahrbare „Realität“ jenseits der Beobachtung und es wäre für jedwede Diskussion hierüber sicherlich hilfreich, Niklas Luhmanns „Die Realität der Massenmedien“ etwas öfter in die Hand zu nehmen.

Denn der Hinweis, Realität sei nicht aus YouTube-Video zu rekonstruieren, ist zwar grundsätzlich richtig, mutet aber seltsam voreingenommen an, wenn es darum geht, dass Menschen, die vor Ort waren, ihre Sicht der Dinge mithilfe von solchen Videos zu untermauern versuchen. Denn dabei geht es eben nicht um eine Bewertung vom Sofa aus. Nur allzu gerne hätte man das Material der zahlreichen professionellen Kameras, die das Aufstoppen der Demonstration ebenfalls filmten, später auch im Fernsehen betrachtet, doch dort gab es dann – wie häufig in solchen Fällen – nur Gewaltszenen zu sehen – nachdem die Situation bereits eskaliert war. Wenn Polizei, Profis und Amateure ihr gesamtes Material zur Verfügung stellten, ließe sich daraus jedenfalls selbstredend ein halbwegs multiperspektivischer Blick auf das Geschehen rekonstruieren – jedenfalls sofern Kameras dieses eingefangen haben.

Dass weder Polizei noch Medienprofis dieses tun, hat seine jeweiligen Gründe, die aber dafür mitverantwortlich sind, dass Augenzeug/innen, die anderes erlebt haben, keine andere Wahl haben, als sich auf selbstgedrehtes YouTube-Material zu berufen. Natürlich erzählen diese 30 Sekunden YouTube dann nicht „die Wahrheit“ – aber das tun 30 Minuten Sondersendung im Fernsehen eben auch nicht. Dennoch ist der mediale Verstärker, den eine Polizeipressemeldung oder der Pressesprecher der Polizei bekommen, um ein Vielfaches größer als derjenige irgendwelcher Demonstrationsteilnehmer/innen. Dass der Hinweis auf die zwangsläufige Perspektive, die Filmmaterial nun einmal immer hat, ausgerechnet an der Stelle stark gemacht wird, wo die Bilder eine andere Version als diejenige der Polizei zeigen, scheint mir daher eine merkwürdige Verkennung des journalistischen Prinzips „Give voice to the voiceless“ zu sein.

Polizei und Senat werden ihre Sicht der Dinge mithilfe von Pressekonferenzen und Filmmaterial (an dessen ebenfalls selektivem Charakter sich übrigens in der Regel kaum ein Kollege oder eine Kollegin stört) schon zu erzählen wissen. Dass es in Blogs wie diesem eher darum geht, was die andere Seite zu erzählen hat, sollte deshalb nicht überraschen. Es wäre im Übrigen auch die Aufgabe eines Journalismus, der sich nicht als Lautsprecher offizieller Verkündigungen versteht, alle Seiten zu hören und wiederzugeben. So zum Beispiel die Stimme dieser Anwohnerin der Juliusstraße im Hamburger Schanzenviertel, die derart erschütternde Vorwürfe gegen die Polizei erhebt, dass deren Verifizierung ein handfester Skandal wäre.

Wer stattdessen nur über verletzte Polizisten berichtet, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, aus eigener Anschauung, bei Rettungsstellen, Demonstrations-Sanitäter/innen, Krankenhäusern oder anderen Quellen die Zahl verletzter Demonstranten in Erfahrung zu bringen, sollte sich irgendwann mal fragen, was das eigene Verständnis von Journalismus ist – und ob dieses möglicherweise auch mit der viel beschworenen „Medienkrise“ zusammenhängt. Ich persönlich jedenfalls brauche die abstruse Mischung aus Voreingenommenheit, sich permanent widersprechenden Angaben und sensationsgeiler Berichterstattung, die beispielsweise der Ticker der Hamburger Morgenpost am Samstag geliefert hat, beim besten Willen nicht zu meiner Informations- und Meinungsbildung – und ich bin bereit, Wetten darauf zu halten, wie lange überhaupt noch irgendwer solche Modelle von „Journalismus“ braucht.

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3. Gewalt als mediales Phänomen

Wir leben nicht in einer gewaltfreien Gesellschaft. Sondern wir haben die Ausübung von Gewalt aus sehr guten Gründen exklusiv an die Staatsgewalt und ihr Gewaltmonopol delegiert. „Covenants, without the sword, are but words“, wie schon Thomas Hobbes wusste*. So banal dieser Umstand ist – und so viel an Universitäten und anderen Institutionen über Gewalt und ihre Begrifflichkeiten nachgedacht wird – so sehr wird die mediale und öffentliche Gewaltdebatte jedes Mal aufs Neue wieder mit einer geradezu beneidenswerten Naivität geführt, sobald es irgendwo zu einem öffentlichen Gewaltausbruch kommt. Immer wieder wird dann so getan und argumentiert, als lebten wir eben doch in einer völlig gewaltfreien Umgebung – abgesehen von der jeweiligen gewalttätigen Gruppe, die gerade im Fokus der Berichterstattung steht, seien es Fußball-Ultras, Jugendgangs oder eben ein „Schwarzer Block“ bei politischen Demonstrationen.

Gerade weil es insgesamt immer weniger Gewalt gibt, man werfe einen Blick auf die entsprechenden Zahlen zu Mord, Totschlag und Körperverletzung, die – trotz gestiegener Anzeigebereitschaft – seit Jahrzehnten rückläufig sind, fallen die in Wirklichkeit sehr vereinzelten Ausbrüche von Gewalt stärker ins Auge – und erfahren medial eine quasi grenzenlose Aufbereitung. Einerseits will sich die Gesellschaft also von möglichst jeder anderen Gewalt als der staatlichen distanzieren – andererseits aber räumt sie Bildern und Beschreibungen von Gewalt einen höheren medialen Stellenwert ein als nahezu allen anderen Phänomenen. Je friedlicher die Gesellschaft insgesamt wird, desto größer scheint ihre Faszination für gewalttätige Phänomene zu werden.

Auch diejenigen, die auf Twitter und bei Facebook, in Kommentarspalten und Artikeln, in Fernsehbeiträgen und Radiokommentaren die Gelegenheit nutzen, um angesichts der Ereignisse ihrem Entsetzen Ausdruck zu verliehen und die Gewalt zu verabscheuen und zu verurteilen, betätigen sich in diesem Sinne nur als Verstärker. In gewisser Hinsicht gilt dies auch für die Deutsche Polizeigewerkschaft und andere innenpolitische Hardliner, die nun auch wieder tage- oder wochenlang deutlich mehr Gehör für ihre Forderungen nach diversen Verschärfungen bestehender Gesetze finden – so abstrus diese auch sein mögen

Die Auseinandersetzung um die Rote Flora ist durch die Ereignisse nicht nur zwischenzeitlich zum meist gesuchten Hashtag auf Twitter geworden, sondern vor allem von den hinteren Seiten Hamburger Lokalblätter auf Platz eins der bundesweiten Nachrichten gerückt, inklusive Sondersendungen im Fernsehen, auch die Zugriffszahlen des entsprechenden Artikels auf Publikative.org spiegeln die gestiegene Aufmerksamkeit eindrucksvoll wieder. Natürlich gerät der Hamburger Senat dadurch auch unter stärkeren Druck, den „Investor“ Klausmartin Kretschmer von seinem Konfrontationskurs abzubringen.

Wer gewalttätige Eskalationen zukünftig verhindern will, sollte zum einen für dauerhafte politische Lösungen sorgen – wie der seit Jahrzehnten entschärfte Konflikt um die Hamburger Hafenstraße eindrucksvoll beweist. Zum anderen sollte man sich an Hannah Arendts Diagnose vom „Zauber des kollektiv gewalttätigen Handelns“ erinnern. Denjenigen, die ihren politischen Zielen durch Gewalt Gewicht verleihen wollen, kann die erfolgte Eskalation nämlich sehr wohl als „Erfolg“ erscheinen – und damit eben keinesfalls als „sinnlos“, wie viele Kommentare vorschnell meinen. So lange die Dynamik der Aufmerksamkeit für gewalttätige Ereignisse so bleibt, wie sie derzeit ist, wird sich daran leider wenig ändern.

*(„Verträge ohne Schwert sind bloße Worte.“ Thomas Hobbes, Leviathan, Zweiter Teil) 

Siehe auch: Eskalation in der SchanzeHamburg: Jenseits von Gut und Böse, Lampedusa und die Hamburger SPD: Cui bono?, Blockupy: Forscher kritisieren Polizeigewalt, Prügel, die prägen? – Wie Gewalt bei Großveranstaltungen Biografien formt

Schneeberg: Polizei schützt Reporter nicht vor Neonazis

Schneeberg im Erzebirge ist zum Symbol für den Streit um Asylunterkünfte geworden. Beim von Neonazis organisierten „Lichtellauf“ werden Journalisten besonders drangsaliert. Das Medienmagazin Zapp berichtet über schlagende Neonazis und eher passive Polizisten.

Siehe auch: Schneeberg, Paul Spiegel-TV und der braune Mopp, NPD-Demo: Hurra, das ganze Dorf ist da!

„Wo ist Euro? Wo ist Euro?“

In der Welt sind vier südeuropäische Politiker aufs Korn genommen worden: Die Zeitung bezeichnete die Herren Berlusconi, Samaras, Erdogan und Ponta als Hütchenspieler und rührt nationalistische und rassistische Klischees an, die dazu dienen, Deutschland als Zahlmeister und Opfer der zahlreichen Krisenerscheinungen zu inszenieren.

Von Andreas Strippel

Die Überschrift warnt vor der „Invasion der südeuropäischen Hütchenspieler“ und zeigt dazu Portraits der amtierenden Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan (Türkei), Victor Ponta (Rumänien), Antonis Samaras (Griechenland) sowie des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. In der Bildunterschrift werden sie als „gewaltbereit, korrupt, verschlagen, schamlos – vier Sargnägel Europas“ bezeichnet.

Die Zusammenstellung ist erratisch, obwohl es gute Gründe gibt, jeden dieser Herren zu kritisieren. Doch darum geht es nicht. Es geht um mehr. Es geht mal wieder um Deutschland, das von bösen Ländern ausgebeutet werde. Und dafür unterbietet der Autor Ulrich Clauß bereitwillig jedes Niveau.

„Wo ist Euro? Wo ist Euro?“

Clauß ist der Meinung, dass alle vier Betrüger sind, Betrüger an Deutschland und Europa. Und um das darzulegen, reicht ihm ein Griff in die Klischeekiste nationalistischer und rassistischer Ressentiments.

„Man kennt und fürchtet sie, und sie kommen in vielen Verkleidungen – als Ku’damm-Touristen, Einkaufszonen-Animateure, ein andermal als Regierungsvertreter südeuropäischer Kleptokratien: die Hütchenspieler. Das Spiel ist immer das gleiche: Wo ist Euro? Wo ist Euro? Zack – und dann ist er meistens weg, und keiner hat ihn gesehen und sieht ihn auch nie wieder“

Screenshot Welt-Online
Screenshot Welt-Online

So sieht der Herr Südeuropa. Alles Verbrecher, die den redlichen Deutschen das Geld aus Tasche ziehen. Und wer Deutschland schädigt, schadet in der Logik von Clauß auch Europa. Statt Politik oder tatsächliches kriminelles Handeln zu kritisieren, beschränkt sich Clauß darauf, gebrochenes Deutsch in seinem Artikel zu imitieren, um so die Assoziationskette von Südländer – Ausländer – Krimineller stumpf zu wiederholen.

Aber das reicht ihm noch nicht. Um die Korruption in Rumänien zu charakterisieren, bedient er sich einer Portion Kolonial-Rassismus: „Sein Land ist auf der Korruptionsskala im Sektor afrikanischer Stammesregime verortet.“ Afrika als vermeintlich vorzivilisatorischer Raum, dient als Bedrohungsszenario. Es gibt selbst in den dunklen Kommentarbezirken des Internets nicht sehr viele Äußerungen, die weniger Qualität haben als dieser Meinungsartikel eines „Qualitätsjournalisten“. Soweit so schlecht.

Vier Länder, vier Politiker, deren Politik aus sehr unterschiedlichen und sehr guten Gründen als falsch, desaströs oder gar korrupt bezeichnet werden kann, dienen einzig als Projektionsfläche für alles, was derzeit falsch ist oder zu sein scheint in Europa. Deutschland ist im Subtext das unschuldige Opfer. Demokratiedefizite, Polizeigewalt, wirtschaftliche Problem und Korruption sind grundsätzlich nur die Probleme der Anderen, und nur durch die Anderen eine Bedrohung der hiesigen Gesellschaft. Dass es diese Probleme, wenn auch in anderer Form und Qualität, auch hier gibt, wird auf diesen Weg einfach geleugnet. Es handelt sich um die extreme Form eines Phänomens, das immer häufiger anzutreffen ist, beispielsweis in der Berichterstattung über Drohnen.

Artikel entschärft

Der „Welt“ war der Artikel in seiner ursprünglichen Fassung offensichtlich auch zu peinlich. Nachdem das Machwerk am Samstag auf der Homepage von Welt-Online erschien, ist er seit  Montag dort in einer entschärften Fassung – das Bedrohungsszenario der Invasion wurde zu einer Benotung der vier Herren heruntergestuft – unter dem Titel „Wo is‘ Kugel …?“ zu finden.

Dass solche Artikel aber überhaupt Online gehen können, zeigt jedoch wie sehr die Ideologie vom guten Deutschland, das von böswilligen und schlechten Freunden umgeben ist, im Mainstream angekommen ist. Diese provinzielle Stilisierung Deutschlands als Opfer der Krise und Hort des Guten, ist die aktuelle Form eines deutschen Streber- und Besserwissernationalismus, der den Anderen gern zeigen möchte, wo es lang geht.

Siehe auch: Drohnen und Überwachung – deutsches Neuland?

, Deutsche Asylpolitik: Flüchtlinge sollen zurück nach Italien, Von “Armutsflüchtlingen” und klugen Köpfen, FAZ: “Integrationsunwillige” mitschuldig am NSU-TerrorNeukölln ist überall: “Liebe Anka!”Proteste, Abschiebungen und ein Todesfall

Akademisches Karussell: Gerichtssäle als Propagandabühne

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um die medialen Strategien im NSU-Prozess.

Von Samuel Salzborn

Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)
Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)

Die älteren Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionsstuben erinnern sich möglicherweise noch aus eigenem Erleben an den geschichtsmächtigen Satz, den Rudi Dutschke 1974 am Grab von Holger Meins sprach, nachdem dieser nach mehreren Wochen Hungerstreik verstorben war. Es war ein Fanal der Studierendenbewegung, Dutschke fasste damit das Gefühl weiter Teile der linken Szene zusammen und legte zugleich den Grundstein für einen Mythos um den RAF-Terroristen Meins, der vieles vergessen ließ. Denn wer erinnert sich noch – neben der Parole „Holger, der Kampf geht weiter!“ – an die Kontexte des Hungerstreiks, den Meins – nach allem, was wir wissen – auf Entscheidung der RAF-Führungsriege stellvertretend durchführen sollte, in dem offenen Bewusstsein, seinen Tod aus propagandistischen Erwägungen billigend in Kauf zu nehmen, um dadurch genau das mobilisierende Fanal zu schaffen, für das Dutschke die Parole und das Sinnbild hinzufügte? Und wer erinnert sich noch daran, dass Meins zu allererst einmal eines war: ein Terrorist?

Die RAF hat, das wissen wir inzwischen aus einer Reihe von Studien, eine teils bewusst geplante, teils unbewusst generierte Medienstrategie verfolgt, um sich selbst zu ikonisieren, selbst Märtyrerrollen zu generieren, die Öffentlichkeit und die linke Szene zu Solidarisierungen zu mobilisieren und um den bundesdeutschen Staat zu diskreditieren. Zu letzterem hat dieser im Umgang mit den Terroristen in unterschiedlicher Weise auch immer wieder selbst beigetragen und der medialen Strategie der RAF damit fortlaufend in die Hände gespielt, so dass geschichtspolitisch wirksame Mythologisierungen generiert wurden, die die historischen Kontextualisierungen überwölben. Während man Dutschkes Satz bis heute kennt, sind viele Kontexte vergessen.

Dies ist insofern bemerkenswert, als gerade die Medien auf dem besten Weg sind, den Medienstrategien der vom dem Münchner Oberlandesgericht stehenden Nazi-Terroristen in gleicher Weise wieder auf den Leim zu gehen. Man hat sich oft genug gefragt, warum der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) seine Taten nicht viel früher öffentlich eingeräumt hat, da ein wesentliches Charakteristikum des modernen Terrorismus, wie ihn unter anderem der Augsburger Soziologe Peter Waldmann beschrieben hat, darin besteht, eine mediale Öffentlichkeit für die eigenen Positionen zu schaffen, die auf andere Weise nicht zu generieren wäre: Terrorismus ist auch eine mediale Strategie.

Nazi-Braut
Über die „Nazi-Braut“ ist zu lesen, mit wem sie zusammen war, wie sie emotional das „Terror-Trio“ zusammenhielt und dass sie in der Zelle gefriert habe – und was sie beim Prozess trägt. (Foto: Iron Sky, nicht Zschäpe)

Man kennt die Strategien doch von der RAF schon zur Genüge: offensichtlich schwachsinnige Anträge zu stellen, die dann medial bis ins Detail reproduziert werden; Bilder von sich selbst zu schaffen, die die Erinnerung überwölben – im Fall der RAF waren das oft Ikonisierungen mit geballter Faust oder mit entzündeter Zigarre im Gerichtssaal, beim NSU ist es – bisher – das Bild einer Beate Zschäpe, die sich, offensichtlich mit viel Aufwand, als adrett und harmlos inszeniert hat. Statt diese Bilder bewusst nicht in Print- und Onlinemedien zu übernehmen und damit eben gerade nicht der offensichtlichen Intention von Zschäpe zu folgen, werden sie munter gedruckt, bei der „tageszeitung“ sogar in schon fast perfektionierter Ikonisierung in Dutzendfach „Klonen“ auf der Titelseite.

Das ist nicht witzig, das ist dämlich. Denn so generiert sich medial ein Bild, das die Nazi-Terroristen schaffen wollen: eines der netten Dame von nebenan, eines, in dem Verwirrung über Aufklärung siegt, eines, in dem die bundesdeutsche Justiz als hilflos erscheinen soll, eines, in dem vor allem sichergestellt ist, dass die vor Gericht stehenden Nazi-Terroristen den Kampf um das wahrgenommene Bild und damit die Öffentlichkeit gewinnen.

Was wäre denn verloren, würde man einmal darauf verzichtete, der bildlichen Inszenierung der Terroristen auf den Leim zu gehen? Soll die Erinnerung an den NSU-Terror wirklich durch das Bild einer sich harmlos gebenden Frau dominiert werden – und nicht durch die Erinnerung an die Barbarei und Brutalität ihrer Taten? Und an die Opfer? Will man ernsthaft über jeden verschwörerischen Unsinn im Detail berichten, den Wohlleben und Zschäpe verkünden lassen? Die politische Aufklärung findet in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen statt, in München geht es um die juristische. Und dass Terroristen Gerichtssäle als Propagandabühne zu nutzen versuchen, ist hinlänglich bekannt. Es gibt aber kein Gesetz, dass Medien dazu zwingen würde, die Nazi-Strategien auch zu reproduzieren, da neben der medialen Informationsfunktion auch die Selektionsfunktion von Nachrichten steht.

Die Medienstrategie der Nazis, die man während ihrer Morde nur szeneintern wahrnehmen konnte, begann mit dem aufwändig produzierten Bekennervideo – und bekommt erst jetzt im Münchner Gerichtssaal ihre große Bühne. Es wäre einen Versuch wert, den Nazis diese Inszenierungsbühne einfach nicht zu bieten und sich auch medial auf das zu konzentrieren, worum es geht: den Nachweis ihrer Verbrechen und die Frage, wie groß – im juristischen Sinn – der NSU tatsächlich war und wer insofern überdies – strafrechtlich – neben den derzeit Angeklagten noch belangt werden kann und muss.

Warum nicht stattdessen einmal die Zeit nehmen und lesen, was die soziologische Terrorismusforschung über mediale Strategien zu sagen hat, was die Geschichtswissenschaft über die mediale Praxis der RAF herausgefunden hat, was die kulturwissenschaftliche Bildforschung an Background bietet, um zu verstehen, dass ein Bild nicht einfach nur eine Information, sondern eine Inszenierung ist, was die Psychologie zum Verhältnis von Machtphantasien und Öffentlichkeit zu sagen hat? Das würde zu viel Zeit kosten, im Presse-Alltag? Stimmt – ein paar Stunden würde man darauf gewiss verwenden müssen. Aber sie wären vielleicht nicht schlecht investiert, um sich nicht vor den Karren der Nazi-Strategen aus dem Münchner Gerichtsaal spannen zu lassen.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen.

Siehe auch: Publikative-Ratgeber: Wohlleben, das Fashion-VictimNSU: Terror-Trio mit vier Köpfen?“NSU-Prozess ist kein Untersuchungsausschuss”Zschäpe-Show statt NSU-Komplex?