Niggemeier – der Internet-Göring?

In den vergangenen Tagen hat sich der Journalist Matthias Matussek öffentlich tüchtig blamiert, da er einen Fragebogen für Siebtklässler nicht richtig verstanden hatte. Stefan Niggemeier bloggte über Matusseks Fauxpas – und der schlägt nun zurück. Da Matussek offenbar die Argumente fehlen, verlegt er sich gleich auf Pöbeleien – und garniert diese mit Nazi-Vergleichen.

Von Patrick Gensing

Matusseks „Argumentation“ im European sieht ungefähr so aus: Er sei seit Jahrzehnten als Journalist tätig, habe verrückte Dinge getan, viele Länder gesehen und sei ein aufgeklärter Weltenbürger, während Niggemeier ein gestörter Onlinekauz sei, der internetsüchtig vor dem Bildschirm hocke und linke Gesinnungsschnüffelei betreibe.

Das Erschreckende an Matusseks Text ist, dass er offenbar nicht erkennt: Er selbst ist der Forentroll. Sowohl seine Angriffe auf die Person Niggemeiers als auch sein offenkundiger Hass auf alles, was er irgendwie als links identifiziert, sind typische Merkmale von vielen unerfreulichen Onlinebebatten.

Nazi-Vergleich

Hermann Göring nach seiner Gefangenname 1945
Hermann Göring nach seiner Gefangennahme 1945

Und was darf in solchen Diskussionen nicht fehlen? Godwin’s law (englisch für ‚Godwins Gesetz‘) ist ein Begriff, der von dem Rechtsanwalt und Sachbuchautor Mike Godwin 1990 geprägt wurde. Er besagt, dass sich im Verlaufe längerer Diskussionen, beispielsweise in Usenet-Newsgroups, mit zunehmender Dauer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich einbringt, dem Wert eins annähert.

Los gehts: Matussek wirft Niggemeier an den Kopf, dieser argumentiere wie „ein Hitlerjunge, dem die bürgerliche Bildung ein Popanz ist; die gute Gesinnung, jetzt nicht die völkische, sondern der derzeit herrschende linke Konsens, finden Sie eher „in der Kommentardiskussion im Internet“, als deren Blockwart sie sich verstehen“.

Göring im Dachgeschoss

Niggemeier ein Hitlerjunge und Blockwart? Nicht einmal Blogwart? Das soll schon alles gewesen sein? Nein, Matussek lädt nach: „Fragwürdige Gestalten dort, man wird über die ‚Abgeschotteten‘ wohl Dossiers anlegen müssen im Dunkel Ihres Kellers. Oder ist es mittlerweile schon das ausgebaute Dachgeschoss? Egal, Sie hören Kultur, und sie entsichern den Revolver.“

Das ergibt zwar alles nur bedingt Sinn, denn wer beispielsweise legt schon im Dunkeln Dossiers an, aber es geht wohl auch mehr um den Nazi-Vergleich an sich. „Wenn ich Kultur höre, entsichere ich meine Browning.“ Dieser Satz wird oft Hermann Göring zugeschrieben, stammt aber von dem NS-Dramatiker Hanns Johst.

Der Spiegel-Journalist Matussek verlinkt PI-News, auch wenn der Titel der Seite hier falsch angegeben wird.
Der Journalist Matussek verlinkte 2011 auf PI-News, scheiterte aber an der korrekten Benennung der Hetzseite.

Matusseks Text ist noch voll von Beleidigungen, die wohl zeigen sollen, was für ein lockerer bzw. verrückter Typ der Matthias sei. Dabei spricht aber Oppa, der vom Krieg erzählt, wenn es heißt:

„Wissen Sie, Niggi, aufgeschwemmter Mausepaul, ich habe als 15-Jähriger meine eigenen Erfahrungen gemacht, ganz ohne Lehrbuch oder Puff, die heutzutage offenbar die Pole sind, zwischen denen eine komplett verdinglichte Sexualität pendelt – sie schwankt zwischen völliger Ratlosigkeit oder käuflichem Sex. Wir damals dagegen hatten ganz einfach Spaß und waren ständig entweder verliebt oder traurig, wenn wir es nicht waren, aber es ging immer um die große Liebe.“

Nebenbei erklärt Matussek noch, dass es wohl gar keine Diskriminierung von Schwulen mehr gäbe, geriert sich im typischen deutschen Opferkult zum potentiellen Gulag-Gefangenen der Grünen und bescheinigt sich heldenhaften Mut gegen die Internet-Hools: „Jetzt können Sie Ihre Truppen um sich scharen. Die meisten kenne ich ja von der Klowand ihres Blogs mitsamt ihrem FB-Krakeele.“

„Kurz vor dem völligen gaga“

Man muss zu diesem Text nicht mehr viel schreiben, bemerkenswert ist jedoch, wie maintreamkompatibel dieser reaktionäre Unsinn ist.

Ein Kommentator auf der Seite des European bringt die Sache aber gut auf den Punkt:

Also wie haben die Leute vom Postillon es geschafft, auf die Homepage von „The European“ einzudringen und einen Text, der in seiner ganzen Absurdität doch wieder eine so originelle wie geniale Parodie auf das Matussek-Geschwurbel darstellt, unter dessen Namen zu platzieren? Gut, er ist stellenweise schon extrem ins Lächerliche überzogen, aber fast könnte man meinen, es wäre Original-Matussek in der finalen Phase kurz vor dem völligen gaga.

Matussek wählte für seinen Artikel die Überschrift „Notwendige letzte Worte“. Das lässt doch zumindest hoffen. Ansonsten wird sich die Frage stellen: Quo vadis, Matussek – Kopp-Verlag oder Compact?

Siehe auch: “Herrenmenschen-Fantasien” an Berliner UnisMoin, moin, Konservatismus!,