Hogesa 2.0 – Angekommen in der traurigen Realität

Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner
Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner

Nur rund 1.000 Hooligans fanden am Sonntag den Weg zur „Hogesa 2.0“ nach Köln. Ihnen standen bis zu 20.000 Menschen entgegen. Am Rande kam es zu vereinzelten Zusammenstößen zwischen Hooligans und Gegendemonstranten und einem Wasserwerfer-Einsatz der Polizei.

Von Felix M. Steiner

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Hogesa 2.0 – Köln erwartet tausende Hooligans und Neonazis

Hogesa 2014, Foto: Felix M. Steiner
Hogesa 2014, Foto: Felix M. Steiner

Am Sonntag wollen Hooligans in Köln das Hogesa-Jubiläum begehen. Erlaubt ist ihnen lediglich eine Kundgebung, um deren Ort noch vor Gericht gestritten wird. Tausende werden zu den Gegenprotsten erwartet.

von Felix M. Steiner

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Köln: Der Rechtsterrorismus ist zurück – und er war nie weg

Erst richten sich Hass und Angriffe auf geflüchtete Menschen selbst, längst sind aber auch die „Volksverräter“ ins Visier genommen worden, man denke nur an den Pegida-Galgen für Merkel.

Von Patrick Gensing

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Von „HoGeSa“ und „Pegida“: Das Einfallstor der extremen Rechten

Weit über 4.000 Hooligans in Köln und über 5.000 Menschen in Dresden: Das Deckmantelthema für rassistischen und nationalistischen Protest in Deutschland ist erneut gefunden. Die organisierte extreme Rechte freut es, die Politik wirkt hilflos.

von Felix M. Steiner

HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)
HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)

Egal ob „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) oder „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida): Es gibt wieder ein Thema, unter dessen Deckmantel eine völkische und rassistische Stimmung Menschen in großer Zahl auf die Straße bringt. Was sich thematisch unter der Überschrift „Gegen Salafisten“ alles sammelt, ist eine konfuse Mischung aus rassistischen, nationalistischen und pseudo-demokratischen Forderungen, die sich in ihrer Argumentation der letzten Jahre kaum verändert haben. Im Schatten der Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum der deutschen Einheit konstruieren sich die Protestierenden als „das Volk“, die „wahren Demokraten“, die endlich aufbegehren gegen eine staatliche Unterdrückung. Wer das „Volk“ versucht kleinzuhalten, wurde schnell deutlich: Staat und Medien Hand in Hand. Die Wurzeln dieser Argumentation dürften weit zurückliegen, sind aber seit 2011 immer stärker hervorgetreten. Nicht zuletzt Thilo Sarrazin lieferte vor knapp drei Jahren die aktualisierte Blaupause des Rhetorikkonzeptes, welchem sich die meisten Gruppen heute bedienen: Sie sind die Tabubrecher, die Kämpfer für die Meinungsfreiheit dieses von Medien und Staat unterdrückten Volkes. Als symbolisch-sprachlicher Höhepunkt dient die Adaption des zentralen Protest-Slogans der Einheitszeit: „Wir sind das Volk“. So verwundert es kaum, dass auf der „Pegida“-Demonstration in Dresden vor allem die Freude darüber besteht, dass man durch den Protest die „innerdeutschen Grenzen“ endlich überwunden hat. „Der erste Schritt ist also getan, es wächst auch endlich in den Köpfen zusammen, was zusammen gehört! WIR SIND EIN VOLK!“, schwadronierte einer der Redner am vergangenen Montag in Dresden. „Das Volk“ ist also schnell wieder zu „einem Volk“ geworden.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Es ist die Protestbewegung der „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber“-Bürger, die in ihrem diffusen Weltbild sich zumindest beim „Heimatschutz“ einig sind, wie auch auf Plakaten in Dresden zu lesen war. Ohnehin lebt diese Protestbewegung – von Köln bis Dresden – von ihren dezidiert schwammigen Inhalten. Vereint scheinen alle von ihrer diffusen Angst, einem diffusen Hass auf „den Islam“, „Fremde“ oder eine Zerstörung der „deutschen Identität“. Die „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ in Dresden zeigen dies am ehesten. Es darf wohl stark bezweifelt werden, dass eine Mehrheit der über 5.000 Demonstranten irgendein Interesse am „christlich-jüdischen Erbe“ des Abendlandes hat. Eine Befragung der Teilnehmer, welche Werte denn hier genau gemeint sind, dürfte interessante Ergebnisse zu Tage fördern. Wenn auch weniger deutlich, findet sich dieser Einsatz der christlichen Tradition auch bei den „Hooligans gegen Salafisten“. In weniger vorsichtiger Weise fasst es eine Liedzeile von „Kategorie C“ zusammen, die den Soundtrack der Hooligan-Proteste stellen: „Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder“. Die Hooligan-Klientel braucht es offenbar etwas weniger blumig als die massiv um ihr bürgerliches Image bemühten „Pegida“-Organisatoren.

Einfallstor der extremen Rechten

Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu "HoGeSa" nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu „HoGeSa“ nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Bei den Protesten verschwimmen die Grenzen. Was sich hier auf der Straße wiederfindet, sind in großer Zahl natürlich auch extrem rechte Einstellungsmuster, die in den Protesten ihr Ventil gefunden haben. Die meisten Protestierenden gehören wohl nicht zur organisierten extremen Rechten. Diese ist aber wichtiger Bestandteil der Proteste. Spätestens wenn sich abzeichnet, dass eine Aktion von Erfolg gekrönt ist, steigt auch die Zahl der organisierten extrem rechten Teilnehmer an den Veranstaltungen. Neonazis reisen dafür durch die ganze Bundesrepublik. Waren bei „HoGeSa“ in Köln die meisten Teilnehmer wohl aus dem Hooligan-Spektrum, sprach in Hannover selbst die Polizei schon von 45% extrem rechten Teilnehmern. Auch in Dresden zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Mit den zunehmenden Teilnehmerzahlen steigt am Ende jedes Montags die bei Facebook gepostete Zahl an Neonazi-Selfies, um zu zeigen, dass auch sie bei der Demonstration dabei waren. Die Organisatoren distanzieren sich dann fleißig – zumeist von jedem „Extremismus“. Doch so ungelegen, dass man eine wirksame Distanzierung anstrebt, scheinen die extrem rechten Teilnehmer nicht zu sein. Warum auch, im Kampf „des Volkes“ um „die Heimat“ sind ja alle willkommen, solange sie friedlich bleiben oder nicht für schädigende Aktionen verantwortlich sind. Hier schwingt immer auch das Bekenntnis mit, dass man ja eigentlich „unpolitisch“ sei, sich aber eben um „die Heimat“ sorge.

Bisher konnte die extreme Rechte noch nicht messbar von den neuen Protesten profitieren. Zunächst scheint sich hier aber ein Fenster geöffnet zu haben, welches über ein hoch emotionalisiertes Thema das Einfallstor für die extreme Rechte öffnet. Dass Sachsens Innenminister Ulbig nun versucht diese Stimmung zu bedienen, zeigt, dass er aus den 1990er Jahren nichts gelernt hat. Die Integration rassistischer und nationalistischer Themen integriert potentielles Wählerpotential zwar in die etablierten Parteien, schafft aber ein Klima, welches seine grausamen Auswirkungen bereits vor rund 25 Jahren offenbarte.

Eskalationen in Köln: Neonazis und Hooligans Hand in Hand

Zwischen 3.000 und 4.000 Hooligans haben in Köln gegen Salafisten demonstriert. Schon wenige hundert Meter nach Beginn der Demonstration eskalierte die Veranstaltung. Es kam zu schweren Angriffen auf Polizei und Presse. An der Demo nahmen bekannte Neonazis teil, zudem skandierten Teilnehmer rechtsextreme Parolen.

Von Felix M. Steiner

Schon ab kurz nach 13.00 Uhr sammelten sich auf dem Breslauer-Platz hinter dem Kölner Hauptbahnhof hunderte Hooligans und Neonazis. Zahlreiche Teilnehmer der Veranstaltung waren stark alkoholisiert und schon zu Beginn äußerst aggressiv. Schon vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung war klar, dass die Zahl der angereisten Teilnehmer weit über den angemeldeten 1.500 liegen würde. Am Ende waren es zwischen 3.000 bis 4.000 Hooligans, die es nach Köln zog.

Aus der gesamten Bundesrepublik und aus dem Ausland waren die vermeintlichen Salafistengegner nach Köln gereist. Unter den Hooligans befanden sich Neonazis aus zahlreichen Bundesländern: Von Berlin über Bremen, von Thüringen über Niedersachsen waren die Teilnehmer gekommen. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit der rechten Hooliganband „Kategorie C“, die die Stimmung weiter aufheizte.

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Nur wenige hundert Meter nach Beginn der Demonstration wurden bereits Journalisten eingeschüchtert. Eine Journalistin wurde als „Fotze“ beschimpft und massiv bei der Arbeit behindert. Anderen Journalisten wurde gedroht, dass sie bei Auftauchen von Bildern „abgeschlachtet“ werden würden.

Weder die Ordner noch die Polizei hatte die Lage unter Kontrolle. Aufgrund der Deeskalationsstrategie der Polizei waren nur wenige Einsatzkräfte direkt vor Ort. Aus der Demonstration schallten immer wieder extrem rechte Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand“ oder „Frei, sozial, national“. Nur wenige Minuten nach dem Start der Demonstration eskalierte die Lage massiv. Hooligans griffen ein Haus mit Steinen und Flaschen an, was sich nur wenig später wiederholte. Auch Polizisten wurden bereits zu Anfang massiv mit Wurfgeschossen attackiert. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Pfefferspray ein.

Im Zuge der ersten Eskalationen löste die Polizei die Demonstration auf, erlaubte den Hooligans aber weiter ihre Route zu laufen. Am Bahnhof kam es erneut zu heftigen Eskalationen. Polizisten wurden mit Gegenständen beworfen und erneut wurde Pfefferspray und Wasserwerfer eingesetzt. Dabei kam es zu erheblichen Beschädigungen rund um den Kölner Hauptbahnhof. Ein Polizeiauto wurde von den Hooligans auf die Seite gekippt. Mehr als 40 Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer.

NSU-Komplex erreicht Ultra-Szene

Bei Fankultur.com sollen Fans selbst bloggen.
Bei Fankultur.com sollen Fans selbst bloggen.

In Fan- und Ultrakreisen sorgt eine Enthüllung im NSU-Komplex für Spekulationen und Verunsicherung. Ein Fanforscher soll vor Jahren als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes den V-Mann „Tarif“ mitgeführt haben. Er initiierte später ein Netzprojekt, auf dem Ultras und Fans bloggen.

Von Patrick Gensing

Martin Thein ist Wissenschaftler, Buchautor und Fanforscher. „Seit geraumer Zeit liegt sein Schwerpunkt auf der Erforschung der deutschen Fußballfankultur“, hieß es im Jahr 2011, als er den „Netzathleten“ ein Interview gab.

Vor dem Jahr 2011 beschäftigte sich Thein allerdings mit dem Neonazismus, Veröffentlichungen zum Thema Fans sind nicht bekannt. Unter anderem legte er eine „Feldstudie“ vor, in der er Dutzende Neonazis und sogar den damaligen Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, interviewte.

Im „Kölner Stadtanzeiger“ sagte Thein zu den Gesprächen mit den Neonazis, es sei „anfangs beklemmend“ gewesen, „da hatte ich schon einen kleinen Kloß im Hals“. Er habe sich „wie in eine andere Welt versetzt“ gefühlt, sei „sogar etwas ängstlich und verunsichert“ gewesen. Thein habe über Monate keinen Zugang zu Neonazis gefunden:

„Von etwa 100 Mails an rechtsextremistische Gruppen kamen nur zwei zurück, und dies waren dann Absagen. Schließlich habe ich einen Telefonkontakt zu Thomas Brehl bekommen. Einem bundesweit bekannten Rechtsextremisten, der in den 1980er Jahren als engster Weggefährte des mittlerweile verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen galt. Brehl konnte ich dann für ein Gespräch gewinnen. Er hat mich in der Szene weiterempfohlen. Dann ging das Schneeballsystem los, und ich bekam immer mehr Interviewpartner.“

Eine Darstellung, die nun fragwürdig erscheint. Denn die Autoren Stefan Aust und Dirk Laabs schreiben in ihrem Buch „Heimatschutz“, Thein sei beim Bundesamt für Verfassungsschutz tätig gewesen – und zwar im Bereich Rechtsextremismus. Recherchen in einem NSU-Untersuchungsausschuss stützen diese Darstellung.

Auszug aus dem Buch "Heimatschutz" zu Martin Thein. Über rechtliche Schritte wegen einer falschen Tatsachenbehauptung ist nichts bekannt.
Auszug aus dem Buch „Heimatschutz“ zu Martin Thein. Über rechtliche Schritte wegen einer falschen Tatsachenbehauptung ist nichts bekannt.

Thein soll sogar den V-Mann „Tarif“ mitbetreut haben – einen bundesweit bekannten Neonazi, der heute in Schweden lebt (Publikative berichtete mehrmals). Sollte dies zutreffen, hätte Thein also bereits professionell Kontakt zu mindestens einem Nazi gehabt, bevor er seine angeblichen Anfragen an Neonazis abgeschickt haben will.

Akten geschreddert

Hinter dem Tarnnamen „Tarif“ versteckte sich Michael See, der für die NPD kandidierte und als ein Vordenker des rechten Terrors gilt. Seine Akte schredderte das Bundesamt für Verfassungsschutz im November 2011 – sieben Tage nachdem der NSU sich selbst enttarnt hatte. Nun ist die V-Mann-Tätigkeit von „Tarif“ aber bereits einige Jahre her, die letzten Zahlungen an den Neonazi aus der Kasse des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln konnte der NSU-Untersuchungsausschuss in den Jahren 2002 und 2003 finden. „Tarif“ galt als Top-Quelle beim Verfassungsschutz. Offenbar war es kein Problem, sondern eher attraktiv für den Geheimdienst, dass gegen See zuvor bereits wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt worden war; das Verfahren wurde eingestellt. In Haft saß See wegen versuchten Totschlags.

Der mutmaßliche Quellenführer Thein dürfte also bereits vor seiner Dissertation einiges gewusst haben über Neonazi-Strukturen und den V-Mann „Tarif“. Zudem hatte „Tarif“ beste Kontakte zu führenden Neonazis in Deutschland und Skandinavien; einen ideologischen Schlussstrich zog er offenbar nicht nach seinem Umzug nach Schweden, sondern beschäftigt sich mit brauner Esoterik und Ökologie.

Vom Neonazi-Experten zum Fanforscher

Thein promovierte indes an der TU Dresden und trat als Autor zum Thema Neonazis in Erscheinung, publizierte 2009 unter anderem in dem „Jahrbuch Extremismus“ der Wissenschaftler Jesse und Backes, die die Extremismus-Doktrin des Verfassungsschutzes seit Jahren theoretisch unterfüttern. Theins Studie zum Thema Neonazis lobte das Juso-Projekt Endstation Rechts aus MVP vor allem dafür, dass der Autor „auch Einblick in Dokumente [gehabt habe], die in keiner Bibliothek zu finden sind“. 

Ab dem Jahr 2011 trat Thein dann plötzlich als Fanforscher auf, er initiierte das Netzprojekt „Fankultur.com“, zunächst für wissenschaftliche Zwecke, später sollten Fans dort selbst bloggen. Zudem trat Fankultur.com an Fangruppen für Interviews und Erlebnisberichte heran. Die Reaktionen waren verhalten, da die Macher des Projekts bis dahin weitestgehend unbekannt waren. Auch heute sind die Meinungen über Fankultur.com geteilt, wie beispielsweise aus Köln zu hören ist, wo Thein nach eigenen Angaben als „selbstständige Fachkraft im Bereich Forschung“ tätig ist. Einige Fans gehen noch weiter in ihrer Kritik und spekulieren, das ganze Projekt sei möglicherweise vom Verfassungsschutz unterstützt worden. Auf der Facebook-Seite von Fankultur.com fordern Leser daher eine Stellungnahme zu Martin Thein und posten ironisch Grüße an den Verfassungsschutz.

Thein gab innerhalb von 1,5 Jahren vier Bücher heraus. (Screenshot Amazon)
Thein gab innerhalb von nicht einmal 1,5 Jahren vier Bücher heraus. (Screenshot Amazon)

Was hat Thein mit Fankultur.com heute noch zu tun? Im Impressum war bis zum 3. Juli 2014 als Projektleiter Christoph Burr aufgeführt, als Postanschrift wurde eine Adresse in Köln angegeben. Unter dieser Adresse konnte aber kein Briefkasten oder Klingel mit entsprechendem Namen gefunden werden. Seit dem Nachmittag des 3. Juli wird in dem Impressum nun eine Adresse in Stuttgart angegeben. Burr erklärte dazu, er sei kürzlich nach Stuttgart umgezogen.

„Nichts mehr mit Fankultur.com zu tun“

Burr teilte auf Anfrage zudem mit, er betreibe die Seite privat. Thein habe seit Längerem nichts mehr mit Fankultur.com zu tun. Allerdings führt Thein das Projekt selbst noch als Referenz auf (siehe Screenshot unten), auch eine entsprechende Email-Adresse existiert noch – und im Dezember 2012 trat Thein im Namen von Fankultur.com an andere Blogger heran, also vor gut 1,5 Jahren. Burr sagte, ungefähr zu dieser Zeit hätten sich die Wege getrennt – wegen inhaltlicher Differenzen. Dass Thein für den Verfassungsschutz tätig war, will Burr nicht gewusst haben.

Eine Tätigkeit, die auch auf die wissenschaftliche Arbeit von Thein bezogen, Fragen aufwirft: Hat Thein möglicherweise Kontakte zu Neonazis, Geheimdienstlern und Erfahrungen mit dem V-Mann „Tarif“ genutzt, um seine Dissertation zu verfassen?

Martin Thein auf der Seite der "Akademie für Fussballkultur"
Martin Thein auf der Seite der „Akademie für Fussballkultur“

Fragen, die nur Thein beantworten könnte. Doch bei Facebook hat Thein sich zurückgezogen, Blogger, die mit ihm befreundet waren, hat er mittlerweile entfreundet – oder er hat sein Profil komplett gelöscht. Auffällig ist, dass Thein zuvor den Kontakt zu vielen Personen aus der Fußball-Szene offensiv suchte, sowohl zu Journalisten als auch Fangruppen und Bündnissen. Einige beschreiben sein Vorgehen als „aufdringlich“, andere lehnten eine Zusammenarbeit ab. Thein schaffte es aber innerhalb relativ kurzer Zeit, zu zahlreichen Aktiven und Kennern der Fanszene Kontakte aufzubauen.

Das Blog „EricCantona“ merkt zu Theins Wirken an: „Her­aus­ge­sto­chen ist sei­ner­zeit zum einen, dass er selbst kaum Bei­trä­ge ver­fass­te, son­dern mehr durch In­ter­views glänz­te, die er im Rah­men die­ser Bü­cher geben durf­te. Zum an­de­ren war auf­fäl­lig, dass er zu einem sehr brei­ten Spek­trum an Teils re­no­mier­ten und pro­mi­nen­ten Per­so­nen Kon­tak­te pflegt. Das muss per se nicht ver­un­si­chern, ist aber auf­fäl­lig.“ Auffällig ist auch, dass Thein auf Sammelbände setzte – er gewann bekannte Fachjournalisten und Forscher sowie Fans für seine Publikationen, konnte so zahlreiche Kontakte knüpfen.

Aktionismus

Nun wurde bekannt, dass Thein für den Verfassungsschutz tätig war – und nicht wenige Blogger und Fans befürchten, diese Verbindung habe noch länger bestanden – in welcher Form auch immer. Theins Wirken erinnert an das Agieren von Verbindungspersonen in anderen Szenen: Äußerst umtriebig werden Kontakte geknüpft, Projekte angeschoben – und man bringt sich selbst ein, um so Credibility zu erreichen und neue Leute kennen zu lernen.

Aktive Fans und Fachjournalisten erinnern sich zudem nun an handfeste Gerüchte von vor etwa zwei Jahren, als die Information die Runde machte, der Geheimdienst nehme die Kölner Fanszene massiv ins Visier. Und ausgerechnet in Nürnberg, wo Thein eine „Feldstudie“ über Ultras recherchierte, wurde mindestens ein Fan von der Polizei angesprochen, um diesen als Spitzel anzuwerben. Das sind alles keine Beweise, aber zumindest Merkwürdigkeiten.

Fans2Trends.com - das neue Projekt von Martin Thein?
Fans2Trends.com – das neue Projekt von Martin Thein?

Merkwürdig ist auch, dass Thein nicht zu erreichen ist. Anfragen über die Email-Adresse bei Fankultur.com blieben bislang unbeantwortet. Bei der „Deutschen Akademie für Fußballkultur“, die ich wegen weiteren Kontaktmöglichkeiten zu Thein angefragt habe, hieß es, dort sei nur dessen Email-Adresse von Fussbalkultur.com bekannt, man bemühe sich um andere Kontaktmöglichkeiten. Der Verlag „Die Werkstatt“, wo Thein vier Bücher herausgab, versucht ebenfalls seinen Autor zu erreichen – erfolglos.

Bei der Seite „Fans2Trends.com“, bei der Thein zuletzt eine Email-Adresse hatte, wie Christoph Burr von Fussballkultur.com sagte, sind auch keine Auskünfte über ihn zu bekommen. Zunächst meldete sich unter der Rufnummer im Impressum von „Fans2Trends.com“ eine männliche Stimme, die sagte, ich sei hier falsch, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Bei dem zweiten Anruf war eine Mailbox zu hören, welche ebenfalls zu erreichen ist, wenn man eine Mobilfunknummer aus dem ehemaligen Impressum von Fankultur.com anruft – aus einer Zeit, als Thein noch verantwortlich für die Seite war. Handelt es sich bei „Fans2Trens.com“ möglicherweise um Theins jüngstes Projekt? Die GmbH, die hinter der Seite steht, versicherte auf Anfrage, Thein habe seit Längerem nichts mehr mit dem Projekt zu tun. Unter der auf der Seite angegebenen Adresse – wiederum in Köln –  findet sich aber kein Hinweis auf die Seite bzw. auf die Betreiber.

Fachleute im Visier des Geheimdienstes

In Niedersachsen ist bereits bekannt geworden, dass auch Journalisten und Rechtsanwälte zum Beuteschema des Geheimdienstes gehören: Hier wurden Fachjournalisten über Jahre beobachtet.

Der NSU-Komplex hat über den Umweg „Tarif“ und Geheimdienst nun also auch die Fan- und Ultra-Szene erreicht. Das Wirken eines ehemaligen Quellenführers des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln in dieser Szene wirft zwangsläufig die Frage auf, ob der deutsche Inlandsgeheimdienst gezielt und verdeckt bei Wissenschaftlern, Journalisten und Faninitiativen Informationen abgreift. Auch wenn Beweise fehlen: Ganz abwegig erscheint das nicht. Leider.

Siehe auch: Skandalöse Speicherwut in NiedersachsenVerfassungsschutz bespitzelt Göttinger AnwaltAlle Artikel aus der Kategorie Fußball.