Dortmunder Neonazis fordern Judenzählung

Die Dortmunder Neonazi-Szene interessiert sich für die in Dortmund lebenden Juden. In der Ratssitzung am Donnerstag, den 13. November stand eine entsprechende Anfrage von Dennis Giemsch auf der Tagesordnung. Giemsch, der für die Partei »Die Rechte« im Rat sitzt, fragte den Oberbürgermeister, wie viele Menschen in Dortmund bekannt und in welchen Stadtbezirken diese »registriert« seien. Giemsch begründete die Anfrage mit der Relevanz für die »politische Arbeit« seiner Partei, die den »angemessenen Umgang« mit allen Religionen suche.

Von Alexander Nabert

Was ihrer Meinung nach ein angemessener Umgang mit Juden sein könnte, ist eine gruselige Vorstellung. Nur selten wird aus dem Neonazi-Spektrum so unverhohlen nach einer Judenzählung gerufen. Die letzte umfassende Zählung fand in Deutschland ab dem 17. Mai 1939 statt. Staatlich erfasst werden derzeit Religionsgemeinschaften, die als Körperschaften des öffentlichen Rechts organisiert sind und dies zwecks Kirchensteuer wünschen. Dieses Angebot des Finanzamtes nehmen allerdings nicht alle jüdischen Gemeinden wahr und nicht alle Juden sind in jüdischen Gemeinden organisiert. Darüber hinaus gibt es verschiedene anonyme statistische Erhebungen die Aussage über den Anteil von Jüdinnen und Juden an der Gesamtbevölkerung ausmachen, etwa den (staatlichen) Mikrozensus. Eine nach Stadtbezirk aufgeschlüsselte Erfassung von allen Menschen jüdischen Glaubens gibt es nicht. Das dürfte auch der rechtsradikalen Partei klar sein. Die Anfrage dient wohl viel mehr symbolischen Zwecken: Sie ist als klare Drohung an die Juden der Stadt zu verstehen und soll gleichzeitig den Rückhalt in der Szene sichern.

Die Rechte will wissen, wo wieviele Juden in Dortmund leben.
Die Rechte will wissen, wo wieviele Juden in Dortmund leben.

„Die Rechte“ ist eine jüngere Parteigründung. In Dortmund besteht sie zu großen Teilen aus dem im August 2012 verbotenen »Nationalen Widerstand Dortmund« (NWDO). Ansonsten wurde die Gründung auch von ehemaligen Mitgliedern der »Deutschen Volksunion« (DVU) vorangetrieben. Die Verbindungen der Partei »Die Rechte« zu den »Freien Kameradschaften« sind außerordentlich eng. Diese sind der aktionsorientierte Flügel der Neonazi-Szene. Statt in den Parlamenten wird auf der Straße gekämpft – häufig im wahrsten Sinne des Wortes.

Giemsch, der zuweilen als »Chefideologe« der der Neonazi-Szene in Dortmund beschrieben wird, zählte zum harten Kern des NWDO. Heute ist er Vorsitzender der Rechten in Nordreihen-Westfalen. Nachdem der mehrfach vorbestrafte Siegfried Borchardt (bekannt als SS-Siggi) nach nur zwei Monaten sein Ratsmandat zurückgab konnte der jüngere Giemsch nachrücken. Auf seiner Facebook-Seite mobilisierte er zu den als »Hooligans gegen Salafisten« bekannt gewordenen Nazi-Gewaltexzessen nach Köln. Er wirbt außerdem für Produkte aus dem Online-Versandhandel »www.antisem.it«. Am Abend der Wahl des Rates griff er gemeinsam mit rund 20 weiteren Neonazis das Rathaus an und hatte dort in Folge dessen Hausverbot. Dieses wurde kurz vor seinem Einzug in den Rat gerichtlich gekippt.

Die Forderung der Judenzählung ist nur die Spitze des Eisberges. Auf der Tagesordnung standen außerdem etwa Fragen nach Kurden und kurdischen Einrichtungen in Dortmund oder dem Standort von »unbekannten« Flüchtlingsunterkünften. Gemeinsam mit Axel Thieme, dem Abgeordneten der NPD, wollte Giemsch außerdem wissen, wie teuer minderjährige Asylbewerber für die Stadt seien, wie viele Asylbewerber in bestimmten Unterkünften leben und wie viele Einbürgerungen es in Dortmund gegeben habe. Innenminister Ralf Jäger (SPD) lies mehrmals durchblicken, dass er ein Verbot der Partei unter bestimmten Umständen für denkbar halte. Giemsch dürfte ihm mit den Anfragen neues Material geliefert haben.

Deutscher Rap: Nicht jeder Rüpel ist ein Antisemit

Deutscher Rap hat ein Antisemitismusproblem und darüber muss gesprochen werden. Die Art, in der dies geschieht, ist bisweilen jedoch selbst fragwürdig. Das zeigte sich jüngst wieder, als ein NDR-Tatort noch vor seiner Ausstrahlung einen Sturm im Wasserglas entfachte.

Von Floris Biskamp

"Rüpel-Rapper" Haftbefehl ist reflektierter als mancher SZ-Karikaturist. (Foto: YouTube-Screenshot | https://www.youtube.com/watch?v=ve1RgXPWTdk)
„Rüpel-Rapper“ Haftbefehl ist reflektierter als mancher SZ-Karikaturist. (Foto: YouTube-Screenshot | https://www.youtube.com/watch?v=ve1RgXPWTdk)

Auslöser war eine Szene, in der sich Jugendliche ein Musikvideo des Rappers Haftbefehl ansehen. Skandalisiert wurde die – im Tatort gar nicht zu hörende – Zeile „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse.“ Auf den ersten Blick handelt es sich tatsächlich um einen Skandal: Die Zeile reproduziert ein gängiges Klischee über Juden und der Track, aus dem sie stammt, wird in einem öffentlich-rechtlichen TV-Format vor einem Millionenpublikum kritik- und kommentarlos wiedergegeben. Betrachtet man den Fall jedoch im gesellschaftlichen und künstlerischen Kontext, wird deutlich, dass die Stilisierung von Haftbefehl zum handfesten Antisemiten schlicht unangemessen ist.

Leider beruhen viele Texte über Antisemitismus im deutschen Rap darauf, dass sich Autoren die passenden Textstellen heraussuchen, sie hintereinander aufreihen und diese selbst erstellte Aneinanderreihung dann als einen roten Faden verkaufen. Mit einer solchen Herangehensweise kommt man zwar zu klaren Ergebnissen, aber zu keiner realistischen Einschätzung der Verbreitung von Antisemitismus im Hip Hop. Will man diese erreichen, muss man sich ernsthafter mit dem Genre auseinandersetzen, als es üblicherweise geschieht.

Systematische verbale Enthemmung

Zunächst gilt es zu verstehen, dass in breiten Strömungen des Hip Hop nicht nur eine verbale Enthemmung vorherrscht, sondern systematisch Normbruch um des Normbruchs willen betrieben wird – auch wenn damit oftmals gar kein entsprechendes Weltbild verbunden ist. Das lässt sich anhand der beiden Alben erläutern, die Kool Savas und Taktlo$$ um die Jahrtausendwende unter dem Namen Westberlin Maskulin veröffentlichten. Auf diesen finden sich neben einer schier endlosen Anzahl von sexistischen und frauenverachtenden Zeilen auch solche, in denen die beiden sich selbst als Nazis, die imaginären Battle-Gegner als Juden identifizieren. Wenn sie sich als „Berliner Angriffs-Sturmstaffel“ bezeichnen, ist das eine SS-Referenz, daran lassen sie keinen Zweifel: „Ich ziehe Parallelen und sehe mich als Gruppenleiter im ‚Rappen macht frei‘-Lager.“ Das Ziel „heißt Massenvernichtung von Wack-MCs.“ „Du bist Jude, ich bin Rassist.“ „Taktlesus, KKS sind Arier, Nigga!“

Jedoch findet man bei Westberlin Maskulin – so paradox es klingen mag – keinen Hinweis auf antisemitische oder rassistische Gesinnung. Es wird nirgends ein Bild von einer Gesellschaft konstruiert, die von finsteren Mächten im Hintergrund geschweige denn von Juden regiert wird; nirgends wird suggeriert, Juden seien in irgendeiner Hinsicht besonders gefährlich, hinterlistig, mächtig, klug, dumm oder sonst etwas. Im Gegenteil wird die vom Wortsinn der zitierten Stellen scheinbar implizierte ideologische Positionierung durch den Kontext immer wieder ad absurdum geführt. Beispielsweise wenn Taktlo$$ – selbst ein Schwarzer – rappt: „Ich kooperiere mit dem KKK und quäle Nigga nur so aus Spaß.“ Absurder noch Savas, der reimt: „Ich bin ein Nazi. Hitler ist mein Vater. Kool Savas ist mehr Rap als Afrika Bambaata!“

Jeder denkbare Normbruch wird vollzogen

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht darum, antisemitische Werke durch eine eigentliche, hinter den Werken verborgene Motivation der Künstler wegzudiskutieren: Wenn jemand ein antisemitisches Kunstwerk schafft, ist es relativ egal, welche Intention er damit verfolgt hat. Jedoch sind die Texte von Westberlin Maskulin einfach kein Beispiel für antisemitische Gesinnung, weil überhaupt kein entsprechendes Weltbild transportiert wird. Es wird einfach nur jeder auch nur denkbare Normbruch vollzogen. Das ist weder harmlos noch emanzipatorisch. Dumme Witze auf Kosten von Holocaust-Opfern sind schwer zu ertragende Geschmacklosigkeiten. Doch sind sie im Falle von Westberlin Maskulin eben genau das: gezielte Geschmacklosigkeiten, um den Geschmack zu verletzen. Die beiden sagen alles, ‚was man nicht sagt‘ – der Nationalsozialismus ist dabei nur eine Gelegenheit unter vielen. Einige Kostproben: „Der Fernseher ist an, ich freu mich über Tote im KZ, die Vergewaltigung im andern Film ist auch ganz nett.“ „Wer bastelt Briefbomben und verschickt sie wahllos? Taktlo$$.“ „Ich ficke dich jetzt und später dein Kind. Wenn ich AIDS haben sollte, hat es deine Mutter auch.“ „Maskulin im Auto mit der Uzi schießen wahllos auf Passanten.“

Jedoch wäre es falsch, aus diesen Überlegungen zu folgern, dass es im deutschen Rap keinen Antisemitismus gibt, der kritisiert werden muss. Diesen Fehlschluss zog Frédéric Schwilden kürzlich in der Welt, indem er kurzerhand jede Äußerung von Antisemitismus im Rap zum bloßen „Spiel, um die linksliberalen Spießer zu schocken“, erklärt – ein Spiel, das für ihn erst bei handfester Gewaltkriminalität aufhört:

Kein Spiel ist natürlich der reale Angriff auf den Rabbiner, das ist eine Straftat. Kein Spiel ist es, Schwule anzugreifen. Lesben zu bespucken. Ungläubige abzuziehen, weil sie eben Ungläubige sind. Das muss strafrechtlich verfolgt werden.

Damit macht er es sich aber zu einfach. Dies wird schon deutlich, weil sein Argument so allgemein formuliert ist, dass es streng genommen auch für Nazi-Bands wie Landser oder Gigi und die braunen Stadtmusikanten gelten müsste. Auch deren Texte und Auftritte strotzen schließlich vor Mittelfinger-Mentalität und Ironie, auch deren Protagonisten kommen wohl aus Milieus, in denen man wenige verbale Hemmungen kennt und gerne die linksliberale Öffentlichkeit provoziert. Auch hier müsste man mit Schwilden sagen: Gewalt ist Gewalt, aber Kunst ist Kunst und eigentlich nur ein Spiel.

Hassverbrechen beginnen nicht bei körperlicher Gewalt

Jedoch ist ein antisemitischer Überfall mehr als bloß ein Überfall, er ist das Produkt einer Ideologie, welche die Täter zuvor aufgesogen haben. Daher ist auch das Äußern und Verbreiten der Ideologie, die zu solchen Hassverbrechen führt, Teil des Problems. Es ist relativ leicht herauszuarbeiten, dass die oben genannten Nazi-Bands ihre Ideologie trotz aller ironischen Textzeilen ernst meinen.

Ernstgemeinte antisemitische Ideologie findet man auch im deutschen Rap. Dafür sollte man aber nicht als erstes an den verbal explizitesten Stellen suchen. Im Gegenteil finden sich die ärgsten Manifestationen antisemitischer Ideologie meist in Tracks, die als kluge oder gar mutige Kritik gesellschaftlicher Zustände daherkommen. Problematisch sind vor allem zwei Motive: Zum einen verschwörungstheoretische Texte, in denen Politik und Gesellschaft insgesamt als Produkt finsterer Mächte und Geheimorganisationen dargestellt werden. Diese werden dann mal explizit mit Juden identifiziert, mal bleibt es beim Geraune über Freimaurer, Logen, Bilderberger oder andere Strippenzieher. Zum anderen sprechen deutsche Rapper immer wieder den Nahostkonflikt an, der dabei oft zu einer einseitigen völkermörderischen Unterdrückung friedlicher, hilf- und wehrloser Palästinenser durch bösartige Israelis umgedeutet wird. Sowohl die verschwörungstheoretische Deutung der Gesellschaft als auch die Dämonisierung und Delegitimierung Israels sind bekannte Ausdrucksformen antisemitischer Ideologie.

„Kontra Netanjahu“, „kontra Tel Aviv“, „kontra Zins“, „kontra Parasit“!

Besonders problematisch wird es, wenn beide Motive zusammenkommen und Israel explizit als Teil einer Verschwörung inszeniert wird, welche die Gesellschaft dominiert. Ein Beispiel hierfür ist der kürzlich veröffentlichte Track Contraband der beiden Ruhrgebiet-Rapper Fard und Snaga. Die Strophen bestehen wesentlich aus einer Aneinanderreihung von Schlagworten, in denen die beiden sich für alles aussprechen was im autoritär-antisemitisch-antiimperialistischen Weltbild als gut gilt: „Pro Mujaheddin, pro Falestine“, „pro Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Che Guevara“, „pro Freiheit“ „und ja, pro Todesstrafe für Kinderschänder“.

Mit dieser Identifikation geht eine Feinderklärung einher, die aus einem Sammelsurium von Motiven aus Antisemitismus und Verschwörungstheorie besteht: „Kontra Netanjahu“, „kontra Tel Aviv“, „kontra Bank“, „kontra Zins“, „kontra Parasit“ und „kollektiv, kontra Bilderberger, Volksverräter, Hintermänner“. Frédéric Schwilden beharrt darauf, dass es sich auch bei diesem Track um ‚Spiel‘ und um bloße Provokation handelt – doch damit täuscht er sich. Denn eine ironische Brechung der antisemitischen Feindbestimmung findet sich im Track nicht. Die im Video zu sehenden Schusswaffen dürften ebenso falsch sein wie die behauptete Militanz. Das antisemitische Weltbild dagegen, das ist echt.

Versteht man, dass der Antisemitismus im deutschen Rap nicht so sehr in den Pöbel-Lines sondern in den ernsthaften zu suchen ist, wird umso deutlicher dass Hip Hop in Sachen Antisemitismus kein popkulturelles Monopol, ja nicht einmal eine Sonderstellung innehat. Sowohl strukturell antisemitische Verschwörungstheorien als auch israelbezogenen Antisemitismus findet man leicht auch im Deutschpunk, im Hardcore, bei linken und bei rechten Liedermachern sowie bei britischen Prog-Rock-Legenden.

Doch wie ist es nun um Haftbefehl bestellt? In den Texten des Offenbachers finden sich vier problematische Stellen. Die schlimmste ist die älteste. In einer seiner ersten Aufnahmen heißt es:

Du nennst mich Terrorrist ich nenne dich Hurensohn,
Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum,
Habe euch durchschaut und sage das zu eurem Krieg,
Ihr wollt nur Waffen verkaufen und die Taschen voll mit Kies.

Viel offener als in diesem Jahre vor seinen ersten professionellen Veröffentlichungen aufgenommenen Track kann Antisemitismus nicht auftreten. Antisemitische Aussagen von dieser Deutlichkeit finden sich in seinen späteren Texten jedoch überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil hat sich Haftbefehl später in aller wünschenswerten Deutlichkeit von diesen Zeilen distanziert.

Auch die Hochkultur wimmelt von „Börsenjuden“

Hinzu kommen explizite Aussagen über Juden, nämlich: „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse“, und: „Mein jüdischer Anwalt holt mich da raus“. Damit werden Klischees über Juden reproduziert, denen ‚klassisch-jüdische‘ Tätigkeiten zugeschrieben werden. Doch die jüngst von diesen Zeilen ausgelöste Aufregung ist nicht nachvollziehbar. Der Bezug auf Juden ist aufgrund der im Genre üblichen verbalen Enthemmung zwar offener formuliert, als man es gewohnt ist – doch in wie vielen anderen Zeugnissen der modernen Kultur, in wie vielen Theaterstücken, Büchern, Filmen oder Serien gibt es jüdische Figuren, die im Finanzsektor oder im Rechtswesen arbeiten? Es sei an den Bankdirektor Leo Fischel in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften sowie an den Anwalt Maurice Levy in The Wire erinnert. Hätte es im Wasserglas denn auch gestürmt, wenn im Tatort bildungsbürgerliche Protagonist_innen gezeigt worden wären, die eines dieser beiden Werke konsumieren? Oder wirklich antisemitische Zeugnisse der ‚Hochkultur‘ wie Walsers Tod eines Kritikers, Wagners Parsifal oder Fassbinders Die Stadt, der Müll und der Tod? Wäre der Tatort dann auch dann zum Fall für den Rundfunkrat geworden? Hätten bild.de, focus.de und welt.de umgehend Artikel rausgehauen? Wohl kaum.

Eine andere Qualität hat der Track Free Palestine, ebenfalls aus dem Jahre 2010. In diesem gänzlich ernsthaften, unironischen Text bekennen sich Haftbefehl und sein Partner Chaker zwar zunächst zur Gleichheit aller Menschen („Mensch ist Mensch. Egal ob Isaak, ob Ismail“), die Verletzung dieser Norm werfen sie jedoch vor allem Israel vor. Ihre Analyse des Nahostkonflikts ist nicht nur einseitig, sondern trägt auch deutlich verschwörungstheoretische Züge: „Alles dreht sich um Geld. Ihr denkt nur ans Abkassieren und an die Prämien. Alle Präsidenten dieser Welt, treffen sich auf ein‘ Kaffee und ne‘ Line in Bolivien. Alles Lügen in den Medien.“ Dementsprechend fällt auch die Lösung des Konflikts aus: „Ich sag Free Palestine! Stoppt den Krieg! Boykott Israel!“ Hier handelt es sich nicht um Ironie, Provokation oder ‚Spiel‘, sondern um Gesinnung, um israelbezogenen und verschwörungstheoretischen Antisemitismus à la Augstein, Grass, Süddeutsche Zeitung oder Linkspartei.

Haftbefehl ist weiter als mancher Feuilleton-Karikaturist

Jedoch hat Haftbefehl dem linksliberalen Feuilleton zweierlei voraus: Erstens datieren seine letzten antisemitischen Textpassagen aus dem Jahre 2010, in den zahlreichen neueren Veröffentlichung finden sich keine derartigen Zeilen mehr. Zweitens fällt Haftbefehl dadurch angenehm auf, dass seine Reaktionen auf die Kritik an den antisemitischen Passagen von tatsächlichem Problembewusstsein zeugen. In seiner nach dem Tatort veröffentlichten Erklärung nimmt er zwar zunächst die in solchen Erklärungen leider üblichen Verleugnungen vor und führt aus, er könne gar kein Antisemit sein, weil er ja nichts gegen Juden habe. Jedoch hält er auch fest:

Ein Aspekt des Antisemitismus ist die Gleichsetzung vom Judentum und Geld, die ich für falsch und dumm halte. Ich verstehe und sehe ein, dass bei Vorurteilen gegenüber Juden und anderen Minderheiten – besonders in diesem Land – jede Aussage auf die Goldwaage gelegt werden muss.

Für einen „antisemitischen Rüpel-Rapper“ (so Daniel Killy in der Jüdischen Allgemeinen über Haftbefehl) gar nicht so schlecht, oder? Jedenfalls um Längen reflektierter als die typischen Reaktionen linksliberaler Feuilletonisten. Nachdem der SZ-Karikaturist Burkhard Mohr dafür kritisiert worden war, dass er Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als gierige Krake illustriert hatte, schrieb er: „Es tut mir sehr leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist.“ Damit negiert er den antisemitischen Gehalt seines Bildes einfach. Der Subtext lautet: „Das Problem ist nicht, dass ich Juden als Kraken zeichne, das Problem seid Ihr, die Ihr mich missversteht.“

Kurzum: Die deutsche Gesellschaft hat ein Antisemitismusproblem, das auch im deutschen Rap im Allgemeinen und in einigen Zeilen von Haftbefehl im Besonderen zum Ausdruck kommt. Deswegen aber so zu tun, als sei Haftbefehl ein relevanter Akteur des deutschen Antisemitismus, dessen bloßes Auftauchen im Tatort skandalös wäre, ist maßlos übertrieben und übersieht relevantere Ausdrucksformen von Antisemitismus – sowohl im Hip Hop als auch in der sonstigen Gegenwartskultur.

Jüdischer Widerstand: Aufstand im Warschauer Ghetto

Das zerstörte Warschauer Ghetto. Das Foto wurde etwa 1950 aufgenommen.
Das zerstörte Warschauer Ghetto. Das Foto wurde etwa 1950 aufgenommen.

Zum 70. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 erzählen wir eine Geschichte von medizinischer Verpflichtung und Selbstlosigkeit, eine Geschichte vom Sieg des Geistes über den Rassenwahnsinn der Nationalsozialisten, eine Geschichte vom Leiden und Tod im Ghetto und vom Überleben und Weiterleben nach der Schoa…

Von Andrea Livnat, zuerst erschienen auf HaGalil.com

 “Während der letzten Tage starben ca. 150 Menschen täglich. Die Sterblichkeitsziffer wächst. Nachts, zwischen 1 und 5 Uhr morgens begräbt man die Toten. Heute war ich im Verschlag für die Toten. Ein makaberes Bild! Zugedeckt mit schwarzem Papier stapeln sich da Riesenhaufen von Leichen. Wie in einem Fleischerladen. Dabei sind es fast alles Skelette. Über den Knochen sieht man nur die dünne Haut.” Im Mai 1941 war, wie dieser Bericht aus dem Ringelblum-Archiv[01] belegt, die Situation im Ghetto Warschau bereits katastrophal.

Bis zu 450.000 Menschen lebten im Ghetto, dessen Bildung die Deutschen im Oktober 1940 angeordnet hatten. Durchschnittlich 13 Menschen teilten sich ein Zimmer, Krankheiten und Seuchen breiteten sich aus. Mit der systematischen Aushungerung der eingepferchten Bevölkerung leiteten die Nazis den Massenmord ein. Der Hunger bestimmte Leben und Sterben im Ghetto Warschau.

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In dieser verzweifelten Lage entstand eine bemerkenswerte wissenschaftliche Studie. Zwischen Januar und Juli 1942 waren 28 jüdische Ärzte an einem breit angelegten Forschungsprojekt beteiligt, das die klinischen, metabolischen und pathologischen Auswirkungen von Hunger und Verhungern auf den menschlichen Körper untersuchte.[02] Die Ärzte waren sich einig, dass die unter wissenschaftlich-medizinischem Gesichtspunkt einmaligen Bedingungen innerhalb der Ghettomauern wissenschaftlich untersucht werden müssen. Sie schenkten der modernen Medizin damit die umfassendste Untersuchung zum Thema, die bis heute in weiten Teilen noch immer maßgeblich ist.

Initiator und Organisator des Projektes war Israel Milejkowski, der als Mitglied des “Judenrates” den medizinischen Dienst im Ghetto leitete und mit Hilfe von Schmugglern auf komplizierten Wegen die nötige technische Ausrüstung organisierte. Das Projekt musste vor den Deutschen geheim gehalten werden, die zwar die medizinische Grundversorgung auf niedrigstem Niveau in den Krankenhäusern des Ghettos duldeten, jegliche wissenschaftliche Forschung oder Weiterbildung aber verboten und bestraften.

Anna Heller (Foto: Yad Vashem, Jerusalem)
Anna Heller (Foto: Yad Vashem, Jerusalem)

Die Forschungen begannen im Februar 1942. Die Ärzte hatten insgesamt 140 Patienten ausgewählt. Ihre Teilnahme an der Studie war freiwillig und verbesserte erheblich ihre Überlebenschance. Bei manchen Patienten verschlechterte sich ihr Zustand nach Entlassung erneut drastisch, so dass sie zurückkehrten und wieder aufgenommen wurden. Trotz der schwierigen Umstände und selbst hungernd, arbeiteten die Ärzte mit größter Fachkenntnis und Sorgfalt.

Von Beginn an gehörte unter anderem auch die Leiterin des Berson-Baumann Kinderkrankenhauses, Dr. Anna Braude Heller, zum Planungskomitee.

Die bekannte Kinderärztin, die 1888 als älteste von vier Töchtern in Warschau geboren wurde, hatte in der Schweiz und Berlin Medizin studiert und in St. Petersburg die Approbation erhalten. Zurück in Polen half sie beim Aufbau des Kindersanatorium Medem und war für die zentrale jiddische Schul-Organisation tätig, die dem Bund angeschlossen war. 1913 kehrte sie nach Warschau zurück und arbeitete im neu gegründeten Berson-Bauman Kinderkrankenhaus, das jedoch aus finanziellen Gründen trotz großem Bedarf bald wieder geschlossen wurde.

1916 heiratete Anna Braude den Ingenieur Elieser Heller. Das Ehepaar bekam zwei Söhne, Ari und Olum. Anna engagierte sich aktiv bei der Gründung einer Kinderhilfsorganisation, die sich unter anderem für die Wiedereröffnung des Kinder-Krankenhauses einsetzte. 1930 war er schließlich so weit. Das wieder eröffnete Krankenhaus galt als modernste Kinder-Klinik in Polen. Anna Braude Heller wurde Chefärztin der Klinik und gleichzeitig Mitglied des Direktoriums.

Gleichzeitig musste Anna persönliche Tragödien mit dem Tod ihres Sohnes Olum und ihres Mannes erleben. Sie vergrub sich in die Arbeit im Krankenhaus und widmete ihr Leben den Kindern. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte sie ganz im Krankenhaus, das sie auch im Ghetto bis zu seiner endgültigen Schließung nach den Deportationen vom Sommer 1942 leitete.

Für die Studie untersuchte Anna Braude Heller mit ihrem Team die klinischen Aspekte des Hungerns bei Kindern. Die ersten Veränderungen waren hier psychologischer Natur und zeigten sich im Verhalten. Bei Kindern wurden im Besonderen Wachstumsstörungen durch den anhaltenden Proteinmangel beobachtet. Eine andere wichtige Beobachtung der Ärzte war der Zusammenhang zwischen Hunger und Infektionskrankheiten wie Tuberkulose.

Patienten und Ärzte wurden deportiert

Auch Annas Sohn Ari Heller, ein angehender Arzt, war an der Studie beteiligt und gehörte zum Team verschiedener Forschungsgruppen unter Leitung von Julian Fliederbaum, Arzt für Innere Medizin, die sowohl die allgemeinen klinischen Aspekte des Hungerns wie auch metabolischen Veränderungen untersuchten. Ari Heller gehörte außerdem dem Team von Emil Apfelbaum, Leiter der Kardiologie im Czyste, an, das die Pathophysiologie des Blutkreislaufes unter Hunger erforschte.

Deutscher Flammenwerfertrupp in Warschau
Deutscher Flammenwerfertrupp in Warschau

Die Ärzte konnten ihre Studie nicht vollständig abschließen. Mit dem Einsetzen der Massendeportationen am 22. Juli 1942 fand die Arbeit ein jähes Ende. Nicht nur Patienten, auch Ärzte wurden in die Vernichtungslager geschickt. Nach dieser ersten „Aktion“ sammelten die noch lebenden Ärzte das Material und stellten es zusammen. Weitere beteiligte Ärzte wurden im Januar 1943 deportiert, darunter auch Israel Milejkowsi. Die Studie selbst konnte aus dem Ghetto geschmuggelt werden und wurde 1946 erstmals veröffentlicht. Von den 28 beteiligten Ärzten überlebten nur acht die Schoa. Einer von ihnen war Israel Rotbalsam, der in der Gruppe von Anna Braude Heller gearbeitet hatte und später nach Israel emigrierte. In seinen Erinnerungen beschreibt er Anna Braude Heller als perfekte Ärztin, sowohl in theoretischer als auch praktischer Hinsicht. Sie hätte die Fähigkeit besessen, “ihre Seele und ihre Kräfte einer einzigen Idee voll und ganz zu verschreiben, … der Kinderheilkunde”.[03]

Anna Braude Heller hatte mehrfach die Möglichkeit, mit Hilfe von Freunden aus dem Ghetto zu fliehen. Sie lehnte ab. Wie genau sie starb, ist nicht bekannt. Sie suchte offensichtlich gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa und Freunden und Kollegen Schutz in einem Bunker. Anna Braude Heller wurde im April 1943 im Innenhof des Gęsia Straßenkrankenhauses tot aufgefunden.

Ari überlebte. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, dass er und seine Familie aus dem Ghetto fliehen und sich auf der arischen Seite verstecken konnten. Ari hatte im Juni 1939 Maria Natanblut geheiratet. Das Paar verbrachte einen unbeschwerten Sommer mit Zelt und Kajak in der Natur. Nach dem deutschen Überfall auf Polen versuchten sie, sich nach Russland durchzuschlagen. Wegen des kalten Herbstes und ungenügender Ausrüstung kehrten sie um. Ihre Tochter Ewa kam im April 1940 im Berson-Baumann-Krankenhaus zur Welt. Als das Ghetto geschlossen wurde war Ewa 6 Monate alt.

Im Herbst 1942 gelang es, Ewa gegen Bezahlung aus dem Ghetto zu schmuggeln. Mit Schlafmitteln ruhig gestellt, wurde sie in die Obhut einer Frau übergeben, für deren Aufrichtigkeit es keine Garantie gab. Aber sie hielt sich an die Abmachung und Maria konnte Ewa am nächsten Tag am vereinbarten Ort bei nichtjüdischen Freunden abholen.  Mutter und Tochter bekamen arische Identitäten und blieben in Warschau. Ari musste sich verstecken und oft mehrmals am Tag den Unterschlupf wechseln. Schließlich konnte er außerhalb von Warschau auf einem Bauernhof über Mitglieder des Widerstands unterkommen.

Auf Dauer wurde die Situation auch für Maria zu gefährlich, Ewa machte sie verdächtig. Sie wurde daher in einem Kloster in der Nähe von Warschau untergebracht, wo sie bis nach Kriegsende blieb. Ewa berichtet, dass ihre Mutter sie von Zeit zu Zeit besuchen kam, so dass sie sie nicht vergaß, den Vater konnte sie jedoch nicht sehen. 1978 reiste sie erstmals nach Polen, um die Orte ihrer Kindheit zu besuchen. Sie spricht noch immer polnisch und in den 1970er Jahren lebte noch eine Cousine der Mutter in Warschau. Sie besucht auch das Kloster und sprach mit einer alten Nonne, die sich gut an sie erinnern konnte.

Die SS führt jüdische Bewohner des Ghettos ab (Foto:  Photo from Jürgen Stroop Report to Heinrich Himmler from May 1943).
Die SS führt jüdische Bewohner des Ghettos ab (Foto: Photo from Jürgen Stroop Report to Heinrich Himmler from May 1943).

Ari und Maria, die ebenfalls Medizinerin war, beendeten nach dem Krieg in Warschau ihre Ausbildungen. Im April 1946 wanderten sie wegen des starken Antisemitismus in Polen nach Schweden aus, wo sie 1949 eine weitere Tochter bekamen. Ewa berichtet, dass die Eltern nicht über die Zeit der Schoa und das Leben in Polen sprachen.[04] “Sie hatten ein gutes Leben in Schweden, auch wenn es am Anfang nicht einfach war, Ausländer zu sein.” Ari, der sich in Schweden Leo Heller nannte, arbeitete als Virologe und starb im Alter von 91 Jahren. Maria spezialisierte sich auf Kinderpsychiatrie und starb im April 2001. Ewa Heller Ekblad arbeitete zunächst als Sozialarbeiterin und wurde schließlich Psychologin. Im Laufe der Jahre behandelte sie viele “second generation” Patienten.

In medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen ist die Studie zu Hunger, an der Anna Braude Heller und Ari Heller arbeiteten, durchaus bekannt. Ansonsten ist diese enorme Leistung jedoch in Vergessenheit geraten. Die große Mehrheit der Ärzte wie auch ihrer Patienten überlebte nicht, gemeinsam  konnten sie jedoch einen Sieg des Geistes und der Wissenschaft über den Vernichtungswahnsinn der Nazis erringen.

Siehe auch: Deutsche Karrieren: Walter Zirpins, Deutsche Karrieren: Konrad Meyer, Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden, Polen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”, „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90, Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Abschied eines Überlebenden, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012, Steinbach, linke Nazis und der Nachhilfeunterricht, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”, Die nationalsozialistische Machteroberung, “Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”

Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

Im Begleitprogramm rund um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ talkte am vergangenen Dienstag eine illustre Runde in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über deutsche Geschichte und ihre (filmische) Aufarbeitung. Dabei wurde Erstaunliches behauptet: So trage Deutschland keine Verantwortung für den 1. Weltkrieg, sondern „Frankreich und Russland“. Infolge der Niederlage sei Deutschland bei „der Kolonialisierung der Welt“ „zu kurz gekommen“ – und wegen dieser Demütigung sei es dann zum 2. Weltkrieg gekommen. Ergänzend wurde festgestellt, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht zu unterschieden seien – und die industrielle Massenvernichtung von Menschen nur deshalb erdacht werden musste, weil man so viele Juden einfach nicht mehr erschießen konnte. Für nennenswerten Widerspruch oder gar einen Eklat sorgte diese Aneinanderreihung von revisionistischen Äußerungen nicht – deutsche TV-„Vergangenheitsbewältigung“ anno 2013.

Von Floris Biskamp

Rückblickend möchte man mit Martin Hohmann beinahe Mitleid haben. Denn nun ist klar: Er wurde damals nicht geschasst, weil er das Falsche gesagt hatte, sondern nur, weil er seiner Zeit weit voraus war. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann seine berühmt-berüchtigte Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin hieß es unter anderem:

„Die Schuld von Vorfahren an diesem Menschheitsverbrechen hat fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen geführt. Trotz der allseitigen Beteuerungen, dass es Kollektivschuld nicht gäbe, trotz nuancierter Wortneuschöpfungen wie ‚Kollektivverantwortung‘ oder ‚Kollektivscham‘: Im Kern bleibt der Vorwurf: die Deutschen sind das ‚Tätervolk‘. […] Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? […] Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. […] Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk.“

Das ging 2003 einfach noch nicht. Damals waren die Deutschen in ihrer Leidkultur zwar schon sehr weit auf dem Weg zur Einebnung der Täter-Opfer-Grenze, aber doch noch mit vorhergehenden Schritt beschäftigt; nämlich damit, sich selbst und gegenseitig zu versichern, dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig und wichtig ist, die Deutschen auch als Opfer des 2. Weltkrieges zu verstehen. Jörg Friedrich breitete die Schwere des deutschen Leidens anhand des Bombenkrieges, Günter Grass anhand der Vertreibung aus. Die Wörter „Juden“ und „Tätervolk“ in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang? Das war der deutschen Öffentlichkeit damals noch nicht so ganz geheuer. Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels „Unsere Mütter, unsere Väter“ erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer…Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut.

Es geht, wie Christiane Paul, selbst Darstellerin des Films, ausführt, darum, dass „wir“ Deutschen verstehen, „dass wir eins sind [umschreibt mit beiden Händen einen großen Kreis], dass wir ein Teil unserer Geschichte sind, dass wir ein Teil unserer Großväter sind, der Taten unserer Großväter sind“ (Paul) – eine Sicht auf die Vergangenheit, für die sie die Juden schon lange beneide. Und dazu wollen alle ihren Beitrag leisten. Auch Rundfunkjournalist Dirk Stermann, der spekuliert, dass in Deutschland und Europa so viele Leute den Afghanistan-Krieg ablehnten, „weil wir genetisch die Information in uns gespeichert haben von Bombennächten.“ Ja, das Schicksal meint es schwer mit „uns Deutschen“, mit allen. Auch mit den „Überlebenden der DDR“ (Baring).

Beim Kolonialismus leider „zu kurz gekommen“

Und die Geschichte des deutschen Leidens ist lang. So weiß Christiane Paul, dass die Ursachen des Nationalsozialismus in noch älteren Traumata zu suchen sind, nämlich im Ersten Weltkrieg – Lanz wirft ein: „die Urkatastrophe“ – und „in der Kolonialisierung und in der Verteilung der Welt […], wo Deutschland auch zu kurz gekommen ist“. Diese Demütigung habe zu „Sehnsucht“ und dann zum Nationalsozialismus geführt. In anderen Worten: Weil die Deutschen im 19. Jahrhundert bei der kolonialen Aufteilung Afrikas nicht genug abbekommen haben, konnten sie eigentlich nicht anders, als im 20. Jahrhundert einen Vernichtungskrieg in Osteuropa und Westasien zu führen. Weil sie nicht genug Afrikaner umbringen durften, mussten sie sich nun an Juden und Russen schadlos halten. Ein schweres Schicksal und wir teilen es alle. Vielleicht auch genetisch.

Auch hier gibt es keinerlei Widerspruch aus der Runde. Dass an der Aufteilung Afrikas durch europäische Mächte vielleicht etwas falsch gewesen sein könnte, auf die Idee kommt an dem Abend niemand. Schon gar nicht darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus darin bestehen könnte, dass die Deutschen in Afrika schon Erfahrungen in Rassenpolitik und Massenmord sammelten. Nein, sie sind zu kurz gekommen und gedemütigt worden, die Deutschen. Unterbrochen werden Pauls Ausführungen nur von Baring, der die Gelegenheit nutzt, um „als Historiker“ zu betonen, dass „der Erste Weltkrieg nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen“ ist, sondern weil „Frankreich und Russland entschlossen“ gewesen seien „das Reich“ zu bekämpfen.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Trotz unermüdlichen Einsatzes „leider“ nur vorübergehend Kolonialherren: Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Baring erklärt Massenvernichtung: Es „kamen“ einfach zu viele Juden

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur. Man kann den Gesprächsverlauf wie Daniel Martienssen im Freitag hoffnungsvoll so deuten, dass es nur am „Kokon des Talkshowstudios“ und an der mangelnden historischen Bildung der Beteiligten lag, dass Baring unwidersprochen sagen konnte, was er sagte. Aber warum legten Lanz, Paul und Stermann dann so gerne noch eine Schippe drauf? Und warum gab es auch an den Folgetagen kaum nennenswerte Reaktionen? Es war ja, anders als es bei Martienssen heißt, eben kein „Eklat bei Lanz“, denn ein Eklat wäre es nur, wenn es auch skandalisiert würde. Doch abgesehen von Randbemerkungen in den treffenden Kritiken von “Unsere Mütter, unsere Väter”, die Tobias Kaufmann im Kölner Stadt-Anzeiger und Georg Diez bei Spiegel Online formulierten, einer Kurznotiz in der Jungen Welt und einem Blogeintrag von Alice Schwarzer findet sich nichts. Kein Hinweis darauf, dass der Gesprächsverlauf jemanden gestört hätte.

Und so kann man befürchten – und die weithin euphorische Rezeption von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet in diese Richtung – dass das, was vor zehn Jahren noch skandalös war, heute zum Common Sense wird: Nicht nur sind alle – auch die Deutschen – Opfer, es sind ebenfalls alle – auch die Juden – Täter. Vereint in einem schweren Schicksal von „Gewalt, die immer wieder neu Gewalt erzeugt“ (Lanz), für die am Ende kein Mensch wirklich etwas kann.

Und andere – ebenfalls widerspruchslos hingenommene – Aussagen Barings deuten an, dass das Ende der erinnerungspolitischen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Er ist sich sicher, dass es noch weiter gehen muss. So kritisiert er den ZDF-Film dafür, dass die „Grausamkeit der Russen“ nicht genug Raum erhalte, die zu thematisieren nun an der Zeit sei. Vielleicht nimmt das ZDF die Anregung ja auf. Dann könnte Baring in einer neuen Runde bei Lanz seinen Gedanken zu Ende führen, dass „[e]in Teil der Brutalität der Deutschen […] natürlich auch dadurch zu erklären [ist], dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“ Dann aber am besten aber mit Martin Hohmann und Ernst Nolte als Mitdiskutanten, denn die sind ja zuerst auf diese Ideen gekommen.

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Siehe auch: Verdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

Polen empört über „Unsere Mütter, unsere Väter“

Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left - the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Während in Deutschland die Zufriedenheit über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) dominiert, ist der Film in Polen massiv kritisiert worden.  Das Werk sei antipolnisch, die Darstellung des Widerstands als Räuber und wahre Antisemiten falsch.

Von Patrick Gensing

Der Journalist und ehemalige Berlin-Korrespondent Bartosz T. Wieliński schreibt für die größte polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Auf seinem Blog widmet er sich vor allem der deutschen Politik, Gesellschaft und Geschichte. Im Gespräch mit Publikative.org wird deutlich, dass Wieliński an seinem bisherigen Urteil über Deutschland zweifelt.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung - auf Kosten der Polen?
Deutsche Vergangenheitsbewältigung – auf Kosten der Polen?

„Das deutsche Fernsehen hat bisher keinen guten Kriegsfilm gedreht“, betont Wieliński. Er habe fast alle gesehen, sie seien nur seichte Unterhaltung, bei der die Kriegsgeschichte den Hintergrund stellt. Auch UMUV hat sich Wieliński angeschaut – und er ist entsetzt: „Die dargestellte polnische Heimatarmee (AK) wurde wegen des Antisemitismus und Bereitschaft, die Juden zu ermorden, mit der SS gleichgestellt. Das ist völlig falsch!“ Es habe zwar Zwischenfälle gegeben, doch diese seien nicht die Regel gewesen, betont Wieliński.

„Deutsche Publizisten schweigen“

Er vermutete, dass dem Autor des Drehbuchs „ein bisschen historisches Wissen“ fehle. Der Journalist bedauerte, dass die Zuschauer in Deutschland das verlogene Bild des polnischen Widerstands so einfach angenommen hätten. „Deutsche Publizisten, die gerne über polnische Überempfindlichkeit gegenüber der Geschichte sprachen, schweigen dazu“, stellte Wieliński fest. Tatsächlich war es Andrej Reisin auf Publikative.org vorbehalten, die verzerrte Darstellung des polnischen Widerstands als fanatische Judenmörder zu thematisieren.

Lange Jahre war es in Deutschland sehr wichtig, die Beziehungen zu Polen sorgsam zu pflegen. Der Film UMUV reißt hier einiges wieder ein. „In Polen wird der Film als ein Beweis betrachtet, dass die Deutschen ihre Geschichte verfälschen wollen“, sagt Wieliński. Viele Polen hätten den Eindruck, die Deutschen wollten die Schuld für den Judenmord von sich schieben. Wieliński hofft, dass dies aber falsch sei, dass es sich nicht um die meisten Deutschen, sondern lediglich um ein paar historisch wenig gebildete Filmleute handele.

„Anti-polnischer Film“

Das Magazin wPolityce  kritisierte am 21. März, dass UMUV erst im Jahr 1941 beginne, also zwei Jahre nach dem Überfall auf Polen. Es werde so getan, als sei bislang nichts passiert.  Der polnische Widerstand werde als Ansammlung von extremen Antisemiten und Räubern dargestellt. Prof. Zdzislaw Krasnodębski, Soziologe an der Uni Bremen, bezeichnet den dritten Teil des Films in einem Interview mit wPolityce als „anti-polnisch“. So sei es beispielsweise auch wenig wahrscheinlich, dass polnische Bauern unter der deutschen Besatzung bewaffnet gewesen seien, so wie es in UMUV dargestellt wurde. Die Deutschen seien durch den Krieg und das System zu Antisemiten geworden, suggeriere der Film, die Polen hingegen die echten Antisemiten – der Hass kommt aus ihnen.

UMUV sei eine Entfremdung von den Nazis, stellt Krasnodębski heraus: Die Deutschen wollten sich als Nachfahren der dargestellten jungen Leute, den fünf Freunden, fühlen, die vom System und dem Krieg radikalisiert worden seien, also selbst Opfer seien, und nicht der Nazis, die immer die anderen seien.

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Die Kritik aus Polen könnte den in Deutschland selbst ausgehandelten Frieden mit den eigenen Müttern und Vätern noch einmal empfindlich stören, da die wahren Opfer der Nazis wenig begeistert darüber sind, nun von Deutschen als eigentliche Antisemiten dargestellt zu werden.

*Bldbeschreibungen zum Bild oben: Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left – the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Siehe auch: “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer

„Unsere Mütter, unsere Väter“: Das ZDF und die deutschen Opfer

Für ihren Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) ernten Nico Hofmann und das ZDF von (fast) allen Seiten nichts als Lob. Und in der Tat: Die Produktion, die sich (zuweilen sehr eng) an US-Vorbildern wie „Private James Ryan“ und „Band of Brothers“ orientiert, beeindruckt mit schnellen und aufwendigen Schnitten, Zeitlupen, Super Close-Ups und kaum geschönter Brutalität. So spannend und gut inszeniert war der Zweite Weltkrieg in einer deutschen Fernsehproduktion vielleicht noch nicht zu sehen. Schade, dass der Film inhaltlich vor allem der Beweihräucherung deutscher Befindlichkeiten dient.

Von Andrej Reisin

Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

Vieles ist an diesem Film inzwischen gelobt worden, auch aus dem berufenem Munde führender deutscher Militär- und Zeithistoriker. Vieles, was in den Erzählungen „unserer Väter, unserer Mütter“ (wobei hier eine gewisse Merkwürdigkeit liegt, denn man muss schon deutlich jenseits der 50 sein, wenn die Generation der um 1920 geborenen ernsthaft noch Vater und Mutter sein sollen) jahrzehntelang tabuisiert war: Die Darstellung des Massenmordes anhand blutdurchtränkten russischen Bodens, das Abschlachten einer Bauernfamilie durch Wehrmachtssoldaten, der Befehl wahllos Wohnhäuser anzuzünden, Hinrichtungen von Zivilbevölkerung, die man nach Partisanenangriffen als Geiseln nahm sowie die Hinrichtung einer Deutschen wegen lächerlicher Äußerungen über den immer unwahrscheinlicher werdenden Endsieg kurz  vor Kriegsende.

Bei so viel Lob, dem mittlerweile zumindest einige kritische Zwischentöne an die Seite gestellt wurden, möchte ich mich darauf beschränken, die offensichtlichsten Schwächen des Dreiteilers zu benennen.

It don’t mean a thing if it ain’t got that Swing

Der Film verharmlost von Beginn an die Entrechtung der deutschen Juden. 1941 sollen deutsche Frontsoldaten noch mit jüdischen Freunden gemeinsam in öffentlichen Lokalen gefeiert und zu Swingmusik auf den baldigen Endsieg gegen die Sowjetunion angestoßen haben? Natürlich könnte es das in Berlin unter (eher konspirativen) Umständen gegeben haben, aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch wären diese jungen Leute durch diverse Diskriminierugsmaßnahmen einander völlig fremd. Bereits 1937 wurden an deutschen Schulen Sonderklassen gebildet und ab November 1938 wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten. Im gleichen Monat folgte bereits das Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, Ende des Jahres das Verbot des Besuchs von Hochschulen, später das Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen, wozu je nach regionaler Verordnung auch Gaststätten gehörten.

Ab 1939 und spätestens mit Kriegsbeginn verschärft sich die Lage dramatisch: Bereits ab Ende April müssen Juden „arische“ Wohnhäuser räumen und „Judenhäuser“ beziehen. Mit Kriegsbeginn am 1. September gilt für Juden eine Ausgangssperre ab 20 Uhr, im Sommer ab 21 Uhr, ab Oktober gibt es die ersten Deportationen. Trotzdem sitzen unsere fünf Freunde zu Beginn des Films knapp zwei Jahre später zusammen und feiern und trinken mit ihrem jüdischen Kumpel, als wäre nichts gewesen, obwohl dieser sich in nichts anderes als akute Lebensgefahr begibt, von den ebenfalls nicht ganz unempfindlichen Strafen für die anwesenden „Arier“ einmal abgesehen.

Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland, Berlin 1. April 1933
Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland am 1. April 1933 in Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Je unwahrscheinlicher desto besser

Dieser „Trick“ – nämlich jeweils das Unwahrscheinlichste, die absolute historische Ausnahme, zur vermeintlichen Normalität zu machen – zieht sich wie ein Roter Faden durch den gesamten Dreiteiler: Ja, einzelne Wehrmachts-Angehörige beschwerten sich über die Brutalität der Einsatzgruppen und die Auswüchse der Massenerschießungen. Die Mehrheit aber sah weg, hielt den Mund oder machte mit. In UMUV aber widerspricht der junge Leutnant Wilhelm nicht nur einem wesentlich ranghöheren Obersturmbannführer der Waffen-SS, während sein Bruder Friedhelm dessen ukrainischen Helfer mit der Waffe in Schach hält, nein, am Ende des Films erschießt Friedhelm den SS-Mann glatt, um seinem alten jüdischen Kumpel das Leben zu retten. Auch ein solcher Fall ist angesichts der schieren Masse von 18,2 Millionen Angehörigen der Wehrmacht nicht auszuschließen, aber ebenfalls sehr, sehr unwahrscheinlich.

Wilhelm selbst desertiert derweil, um dann den Offizier* Feldwebel seines Strafbataillons umzubringen, nachdem er bereits das Anzünden einer russischen Bauernhütte verweigert hat, eine direkte Befehlsverweigerung, die ihn nicht das Leben kostet – obwohl er bereits in einer sogenannten Bewährungseinheit ist. Am Ende – der Gipfel der unwahrscheinlichen Geschmacklosigkeit – sitzen der überlebende Deserteur, der überlebende Jude und die überlebende vergewaltigte Krankenschwester in derselben übrig gebliebenen Kneipe in Berlin, trinken Schnaps und prosten sich, mit „Schön, dass Du noch am Leben bist!“ zu.

Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

„Unsere Mütter, unsere Väter“ – und die bösen Nazis

Die Nazis sind immer die anderen: Der blonde Fanatiker in Wilhelms Einheit, der Offizier des Sicherheitsdienstes, der Greta vermeintlich dabei hilft, Viktor zu retten, in Wirklichkeit aber erst ihn und dann sie verrät, die fanatische und verlogene Oberschwester, der SS-Obersturmbannführer auf der Jagd nach kleinen Kindern und die arische Berliner Proletarierin, die sich die jüdische Wohnung unter den Nagel reißt.

Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)
Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)

Der Staat plünderte die besetzten Gebiete und den jüdischen Besitz – Göring raubte seine Kunstschätze und die Masse der Bevölkerung kam zu neuem Wohlstand, wie Götz Aly in seinem Buch über den Volksstaat gezeigt hat. Nach dem „Anschluss“ Österreichs, den schnellen Siegen über Polen und Frankreich war die NS-Begeisterung der Deutschen auf dem absoluten Höhepunkt. Nichts davon ahnt man im Film: UMUV zeigt offenbar vor allem Außenseiter, die aber dennoch – so suggeriert es der Titel und so feiern es die Feuilletons – stellvertretend für die deutsche Mehrheitsbevölkerung stehen sollen.

Dabei glaubte diese Generation wie keine andere vor oder nach ihr an die historische Notwendigkeit und Richtigkeit des Nationalsozialismus und einer deutschen Vorherrschaft in Europa und der Welt. Kaum jemand von ihnen hielt Juden für „normale Menschen“, geschweige denn Deutsche. Die Generation der 1941 gerade erwachsen Gewordenen war die erste, die sämtliche NS-Einrichtungen ab der Hitler-Jugend durchlaufen hatte (oder doch zumindest die meisten von ihnen). Gerade diese Jugend war hoch politisch und in ihrer weit überwältigenden Mehrheit dem Führer und dem NS-Staat treu ergeben – bis hin zu romantisierender Anhimmelung.

Diese Jugend träumte in ihrer Masse von der Weltherrschaft – und sie liebte ihren Führer, der Deutschland aus der „Schande“ der Weltkriegsniederlage, des Versailler Vertrags und der wirtschaftlichen Not geführt hatte. Man klammerte sich nicht nur aus Angst vor der Rache der Allierten an den Endsieg – sondern weil man ihn für richtig hielt – genauso wie man die Vertreibung der Juden für richtig hielt. Ob man sie denn gleich hätte umbringen müssen, darüber wurde sicher schon zu Kriegszeiten hinter manch verschlossener Tür diskutiert, aber verschwinden sollten sie – ohne Wenn und Aber.

Der Film benennt die Haltung dieser glühend völkischen und antidemokratischen Jugend nicht, weil es dann wohl doch zu schwierig geworden wäre, Empathie mit „unseren Vätern, unseren Müttern“ zu empfinden. Zu weit weg, zu unverständlich – und vielleicht auch zu gefährlich – erschien offenbar der Versuch, begeisterte Nazis zu sympathischen Protagonisten zu machen. Nico Hofmann und das ZDF machen aus ihnen dagegen lieber Abziehbilder heutiger Jugendlicher: Ein bisschen Rebellion da, ein bisschen Swing hier, garniert mit fröhlichem „Party-Patritotismus“ – und ein wenig literarischer Hochkultur, plus französische Chansons. Erst der Krieg „bringt nur das Schlechteste“ in ihnen hervor – so der Leitsatz des Films, gesprochen von Friedhelm.

Polnische Antisemiten, brandschatzende Russen, verlogene Amerikaner

Stattdessen aber wird der Film gerade im letzten Teil in nicht minder verstörendem Maße relativierend, indem er die Schuldfrage implizit mit dem Bösen in der Welt schlechthin beantwortet: Die Russen haben bis auf einen unglaubwürdigen weiblichen Offizier, die ihre Soldaten am Vergewaltigen hindert, gleich gar kein Gesicht: Sie trinken, rauben und vergewaltigen einfach und führen sich insgesamt auf wie Barbaren. Eine Vergewaltigung durch deutsche Soldaten hat man dagegen bis dahin nicht zu sehen bekommen. Und der – natürlich klischeehaft Zigarre rauchende – amerikanische Offizier macht als erstes den ehemaligen SD-Mann und Denunzianten zu seinem bürokratischen Gehilfen – schöne Befreier.

Besonders perfide aber ist der Versuch, die polnischen Partisanen zu den wahren Antisemiten zu stempeln. Sie tauchen im letzten Teil als diejenigen auf, die „Juden riechen können“ und jüdische KZ-Häftlinge in Eisenbahnwagen verdursten und verhungern lassen wollen. In mehr als 270 Minuten sind sie allen Ernstes die einzigen inbrünstigen Judenhasser, die der Film zeigt – während ein SS-Oberstumbannführer seinem Mordhandwerk offenbar eher rational nachgeht: „Wo der Jude ist, ist der Partisan“ – was soll man da machen?

Ein differenziertes und authentisches Bild?

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Dass die polnische Heimatarmee „Armia Krajowa“ antisemitische Tendenzen hatte, ist unbestreitbar. Auch an der Erschießung von jüdischen Flüchtlingen waren einzelne ihrer Mitglieder beteiligt – ob aus genuin antisemitischen Motiven oder aus Habgier ist nicht immer ganz klar. Dass sie allerdings ihrerseits Juden auch nur im Ansatz genauso aktiv verfolgt hätte wie die Deutschen (und diese Gleichsetzung nimmt der Film indirekt vor), ist schlechterdings eine grobe Verfälschung der historisch belegbaren Tatsachen. Nur zur Erinnerung: Es war der polnische Offizier Jan Karski, der als Kurier der „Armia Krajowa“ als erster die allierten Regierungen und die Weltöffentlichkeit über den Holocaust informierte. In einer Uniform der ukrainischen Miliz ließ er sich in ein Vernichtungslager einschleusen und wurde so zu einem der ersten Augenzeugen der Nazi-Verbrechen.

Die widersprüchlichen Tendenzen innerhalb der Parisanengruppen zeigte Daniel Craigs „Defiance“ filmisch übrigens viel differenzierter als UMUV – fiel damals bei der deutschen Kritik aber weitgehend als „Hollywood-Kitsch“ mit „historischen Fehlern“ durch – übrigens zum Teil bei den gleichen Kritikern, die heute UMUV feiern – ohne dessen Schwächen auch nur zu bemerken.

Die polnische Volksgarde „Gwardia Ludowa“ rettete sogar jüdische Kämpfer aus dem Warschauer Ghetto, als die SS deren Aufstand gegen die Räumung niederschlug. In der Gwardia Ludowa, die ab 1943 am bewaffneten Kampf gegen die Deutschen Besatzungstruppen teilnahm, kämpften bis Kriegsende viele Juden. Und in den polnischen Wäldern agierte die später in „Armia Lodowa“ umbenannte Partisanenearmee gemeinsam mit der „Armia Krajowa“ und leistete drei deutschen Divisionen erfolgreich Widerstand. Von einem eliminatorischen Antisemitismus, den der Film aus Sicht des historisch unbedarften Publikums dem polnischen Widerstand pauschal unterschiebt, war dieser jedenfalls weit entfernt.

Die Abwesenheit des industriellen Massenmordes

Ähnlich weit entfernt sind unsere fünf Freunde übrigens vom Zentrum des Völkermordes in den Todesfabriken im Osten. Zwar kommt ihnen der Jude Viktor logischerweise noch am nächsten, aber ihm gelingt die Flucht aus einem der Viehwaggons (noch so eine Unwahrscheinlichkeit). Keiner der Protagonisten jedoch nimmt ein Lager wahr oder kommt auch nur dran vorbei, noch nicht einmal irgendeine Art der Verbalisierung gibt es, abgesehen von der polnischen Widerstandskämpferin, die Viktor fragt, ob es nicht komisch sei, dass die Züge immer voll abfahren, aber leer zurückkommen. Ansonsten ist Auschwitz die große Leerstelle des Films. Das müsste nicht zwangsläufig ein Problem sein, korrespondiert aber auf unangenehme Art und Weise mit der generationsübergreifenden deutschen Lebenslüge, „davon nichts gewusst“ zu haben, was nicht erst aufgrund neuer Zahlen über die schiere Anzahl der NS-Lager längst ad absurdum geführt worden ist.

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Deutschland einig Opferland

Am Ende sind irgendwie alle unterschiedslos Opfer: Die beiden Frontsoldaten desertieren oder töten Vorgesetzte, der eine läuft nach zwischenzeitlich schwerer Verwundung kurz vor Kriegsende in einen russischen Kugelhagel, der andere überlebt wie durch ein Wunder. Krankenschwester Charlotte verrät eine Jüdin und schläft zwischendurch mit einem Stabsarzt, weil sie glaubt, ihre große Liebe Wilhelm sei tot. Der Vergewaltigung durch die Russen knapp entronnen, kehrt sie desillusioniert ins zerstörte Berlin zurück. Sängerin Greta wird hingerichtet – und der jüdische Viktor verliert seine Eltern und den Glauben an die Menschheit. „So wären die Deutschen gern gewesen – ‚Weiße Rose II'“, schreibt der Zeithistoriker Ulrich Herbert zu Recht in der TAZ. Und weiter heißt es dort:

„Aber solange man nicht einmal einen weder sadistischen noch naiven oder verrückten Menschen vorführt, der völkisch denkt, den Krieg für richtig hält, im Krieg gegen die Sowjetunion keine Kompromisse akzeptiert, der die Juden weghaben will und auch die Euthanasie als im Grunde richtig erachtet, der also die „völkischen Lebensgesetze“ als die harte, aber unausweichliche, im Kern schöne Grundlage des Lebens ansieht – so lange werden wir nicht verstehen, was da geschehen ist.“

Das ist das größte Versagen des „Fernsehereignisses des Jahres“: Dass seine vermeintliche „Revolution“ in Schnittechnik, guten Schauspielern, einer Aneinanderreihung beeindruckender Bilder und spannender Erzählung liegt. Inhaltlich hingegen fällt der Film weit hinter die Erkenntnisse der jüngsten zeithistorischen Forschung zurück – und verschenkt damit genau jene „letzte Chance“ zur interfamiliären Auseinandersetzung über Generationen hinweg – von der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher raunt. Dass man es als Deutscher auch nicht leicht hatte – und „wir alle“ zusammen mit „unseren (Groß-)Vätern und (Groß-)Müttern“ irgendwie Opfer der Nazis geworden sind – das „wusste“ man hierzulande schließlich schon zur „Stunde Null“ – spätestens.

Siehe auch: Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Verdrehtes Gedenken, Die nationalsozialistische Machteroberung, Ernst Nolte: Ein deutscher Konservativer, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012, Die Novemberpogrome 1938, Akte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen, “Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”,

*Danke an die zahlreichen Hinweisgeber. 

Die Unfähigkeit Antisemitismus zu begreifen

Die „Debatte“ um die Rangliste der „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs 2012“ des Simon Wiesenthal Centers (SWC) zeigt vor allem eines: Die Unfähigkeit der Mehrheit der deutschen Medien, zum Thema Antisemitismus überhaupt inhaltlich zu debattieren.

Ein Kommentar von Andrej Reisin

Das Simon Wiesenthal Center (SWC) habe seine Kritik an Jakob Augstein „relativiert“, meldeten viele deutsche Medien am Mittwoch unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur (dpa). Insbesondere Augsteins Hausmedium Spiegel Online fühlte sich bemüßigt, seinen Kolumnisten gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen – und nun seinerseits  das SWC anzugreifen. Doch worin besteht die vermeintliche „Relativierung“ des SWC? Nun, laut dpa sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper: „Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten.“ Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab.

Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)
Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)

Das SWC hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt behauptet, Augstein gehöre zu „den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten“ bzw. „den weltweit größten Antisemiten“ bzw. „den zehn schlimmsten Antisemiten der Welt“ oder zu „den schlimmsten Judenfeinden“. All diese Behauptungen stammen nicht vom SWC, sondern aus der deutschen Presse, die Augstein damit seit einer guten Woche gegen einen Angriff verteidigt, der in dieser Form gar nicht erfolgt ist. Genau dieser Mechanismus zeigt aber umso schöner die Befindlichkeiten eines großen Teils der deutschen Journalisten auf. Denn erst so kommt die Empörung richtig in Gang: Der Vorwurf sei „ungeheuerlich“, da fallen einem doch sofort mindestens zehn „gefährlichere“, „echte“ Judenhasser ein. Mithin: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird mit großer Verve erklärt, Augstein sei „kein Antisemit“ – und schon gar nicht einer der „zehn schlimmsten weltweit“.

Die aktuellen Äußerungen des SWC sind daher auch keinesfalls die „Relativierung“, welche die dpa und angeschlossene deutsche Massenmedien gerne hören möchten, sondern das erneute Hereinfallen des deutschen Mehrheitsjournalismus auf die Dürftigkeit der eigenen Berichterstattung, die das „BILDblog“ und andere bereits zu Recht bemerkten. Man fällt gewissermaßen auf die eigenen Fehler ein zweites Mal herein und proklamiert: „Seht her, jetzt rudert das ‚jüdische Zentrum‘ (Spiegel Online) zurück: Augstein ist gar kein Antisemit.“ Über Inhalte wird dagegen weiterhin nur in Randspalten gesprochen.

Die Vorwürfe sind keineswegs neu – nur haben sie bislang nicht interessiert

Dabei sind Augsteins Tiraden natürlich keinesfalls zuerst vom SWC kritisiert worden, ganz im Gegenteil: Publikative.org hatte bereits mehrfach darauf hingewiesen, wie Augstein – aus unserer Sicht eindeutig – antisemitische Klischees bedient. Von Henryk M. Broder, über die Titanic bis hin zur Konkret gab es auch vor dem SWC bereits kritische Leser, die in Augsteins Kolumnen zu Israel das erblickten, wofür wir sie auch nach wie vor halten: Eine nahezu bilderbuchartige Ansammlung von anti-israelischen und antisemitischen Klischees, über die der Autor dieser Zeilen bereits am Karfreitag 2012 schrieb:

Natürlich nimmt auch Augstein genau wie Grass für sich in Anspruch, kein Feind Israels, kein Judenfeind zu sein. Nun sind bekennende Antisemiten jenseits der Nazis aber leider immer Mangelware. Daher die Gegenfrage: Wenn so viele Komponenten einer antisemitischen Bilderbuch-Wahnwelt zusammen kommen, darf man dann von Antisemitismus reden? Wenn die eigene faktenfreie Welt zur Grundlage für den vermeintlichen Mut wird, für “uns alle” eine scheinbar endgültige Wahrheit auszusprechen?

Was, wenn nicht diese Imagination des Erlösers vom israelischen Übel, diese Paraphrasen von “Wahrheit macht frei” und “Die Juden sind unser Unglück” soll Antisemitismus denn sonst noch sein? Wer sich fragt, warum Henryk M. Broder und andere sich vor Jahren angewidert von der deutschen Linken abwandten und heute nur noch als “Neocons” gelten, der findet in Augsteins Text die Antwort: So lange dieses antisemitische Geschwätz “im Zweifel links” ist – so lange ist diese Linke so weit von einer vernünftigen Politik- und Gesellschaftsanalyse entfernt wie Mahmud Ahmadinedschad von der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

Genützt hat es freilich nichts – interessiert hat es auch kaum jemanden. Deswegen kann Jakob Augstein sich auch vor all seinen Freunden und Verteidigern hinstellen und ehrlicherweise überrascht sein. Denn der Stand der medialen Diskussion in deutschen Mainstream-Medien ist – von Ausnahmen abgesehen – zumeist derselbe wie 1968, 1982 oder 1997. Die gängige Formel lautet: Antisemitismus=Neonazis=Holocaust=Massenmord=schlimmstes Verbrechen der deutschen Geschichte. Die zahlreichen Debatten zu Augsteins leiblichen und geistigen Vätern, zu Martin Walser und zu linkem Antisemitismus werden dagegen erfolgreich ignoriert oder verdrängt. Alles unterhalb der Nazi-Messlatte ist schlichtweg kein Antisemitismus, sondern höchstens „Israelkritik“ – und die wird ja wohl gerade noch erlaubt sein. Schließlich schrieb Rudolf Augstein vor mehr als 20 Jahren schon fast dasselbe wie nun sein Sohn:

„Inzwischen nehmen wir die Formel ,Israel-Kritiker = Antizionist = Antisemit’ als unvermeidlich hin. Ich habe längst gelernt, dass einer ein Antisemit ist, der die Politik des Staates Israel kritisiert.“

Keine Antisemiten außer Hitler

Als nun das SWC mit seiner jährlichen Top Ten Schlagzeilen machte, gab es auf einmal den Aufschrei, von dem man eigentlich hätte annehmen sollen, dass ihm – zumindest jetzt endlich – eine Debatte über die gebrandmarkten Zitate folgen würde. Stattdessen jedoch führt man in Deutschland lieber „Debatten“ über „Seinsfragen“, nämlich darüber, ob Augstein nun „Antisemit“ ist – obwohl es eigentlich darum gehen sollte, ob seine Texte antisemitische Klischees bedienen. So weist Nahost-Korrespondent Sebastian Engelbrecht Augstein in seinem Kommentar zwar zahlreiche handwerkliche und sachliche Fehler nach, nur, um im unmittelbar folgenden Absatz festzustellen, Augstein sei „kein Antisemit“, sondern ein „kritischer Denker.“

Warum diese Art kritischen Denkens nichts mehr mit dem gemein hat, was die Frankfurter Schule einst als „Kritische Theorie“ zu etablieren suchte, hat Philip Meinhold in der TAZ in einem satirischen Text auf den Punkt gebracht. Offenbar ist die Satire hierzulande heutzutage der Ort für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Bereits vor Jahren illustrierte die „Titanic“ das Ergebnis der antisemitischen „Wesensfindung“ in deutschen Medien in dem kongenialen Witz: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Statt sich auch nur ein einziges Mal genauer mit Augsteins Zitaten zu befassen, wird das „Argument“, dass es jenseits der Nazis eben keine „echten“ Antisemiten gäbe, zur Verteidigung Augsteins bemüht. So schreibt einer der Lieblingskolumnisten des deutschen Publikums, Harald Martenstein, im „Tagesspiegel„:

„Von Jakob Augsteins Antisemitismus lässt sich sagen, dass er aus Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung besteht. […]  Nicht die Neonazis sollen also Deutschlands schlimmste Judenhasser sein – nein, ein Journalist, der gegen Israels Regierung polemisiert. Wenn Jakob Augstein Deutschlands schlimmster Antisemit wäre, dann hieße dies, dass es in Deutschland keinen wirklich gefährlichen Antisemitismus mehr gibt.“

Auf derartig geschichts- und gegenwartsblinden Blödsinn muss man erst einmal kommen: Als hätte die Geschichte antisemitschen Denkens immer nur aus geifernden Stiefelnazis bestanden, denen ihr stets zum Massenmord bereiter Hass praktisch schon anzusehen gewesen wäre. Als hätte es die sattsam belegte Judenfeindschaft von zahlreichen deutschen Geistes- und Kulturgrößen wie Wagner, Treitschke, „Turnvater“ Jahn, Brentano, Klages und wie sie alle hießen, nie gegeben. Als hätten 1817 bei der Gründung der Urburschenschaft auf dem Wartburgfest die anwesenden Studenten nicht „Wehe über die Juden!“ gerufen, als sie unliebsame Schriften jüdischer Autoren ins Feuer warfen.

Antisemitismus mit Todesfolge

Vor allem aber: Als hätten Deutschland und Europa nicht ein Jahr hinter sich, in dem offener Judenhass – auch in gewalttätiger und tödlicher Form – sich nahezu permanent offen artikulierte. Eine kleine Auswahl:

– Am 26. November fordert der Abgeordnete im ungarischen Parlament, Marton Gyongyosi, jüdische Abgeordnete müssten gezählt und registriert werden, um ein Risiko für die Nationale Sicherheit zu vermeiden.

– Am 18 November rufen Demonstranten in Antwerpen: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“

– Am 18. November werden in Barcelona ein Hakenkreuz sowie anti-israelische Parolen auf eine Synagoge gesprüht.

– Am 18. November werden in Lodz 20 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zerstört.

– Am 9. November wird in Greifswald anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht das örtliche Holocaust-Mahnmal geschändet.

– Am 25. Oktober verbrennen Anhänger der Jobbik-Partei eine israelische Fahne vor der Budapester Hauptsynagoge.

– Am 22. Oktober wird ein 12-jähriger jüdischer Schuljunge in Paris attackiert und mit Gürteln verprügelt.

– Am 9. Oktober wird ein 19-Jähriger beim Verlassen einer Synagoge in Paris mit Schrotkugeln aus einem Luftdruckgewehr am Arm verletzt.

– Am 28. September wird im schwedischen Malmö ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der jüdischen Gemeinde verübt, welches bei der Detonation beschädigt wird.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der weltberühmte jüdische Friedhof in Prag geschändet, 26 Grabsteine werden beschädigt.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, im Beisein seiner beiden Kinder in Berlin nach dem Besuch einer Synagoge bedroht. Um den Angreifer abzuschrecken, zeigt Kramer ihm seine Schusswaffe. Kramer trägt seit Jahren legal eine Pistole zum eigenen Schutz.

– Am 29. August wird der Berliner Rabbiner Daniel Alter von Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er die Frage, ob er Jude sei, bejaht hat. Seine sechsjährige Tochter muss alles mit ansehen und wird mit dem Tod bedroht. Der jüdische Geistliche muss stationär im Krankenhaus behandelt werden.

– Am 25. August rufen Anhänger der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft „Drecksjuden“ („mocskos zsidók“) vor dem Heimspiel gegen Israel.

– Am 22. Juli werden in Barcelona ein Davidstern und das Wort „Juden“ auf die Fassaden zweier Banken gesprüht.

– Am 2. Juni werden drei jüdische Jugendliche in Lyon von mehr als zehn mit Hämmern und Holzlatten bewaffneten Angreifern mit dem Schlachtruf „Drecksjuden“ attackiert.

– Am 25. März wird in Budapest das Hauptdenkmal für die Ermordung der ungarischen Juden während des Holocausts mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet. Die Juden werden zum Verlassen des Landes aufgefordert. Nur wenige Tage zuvor war eine Statur von Raoul Wallenberg mit Schweinsfüßen geschändet worden.

– Am 19. März werden der Rabbiner Jonathan Sandler, 30, sowie seine beiden Kinder Aryeh, 6, und Gabriel, 3, von einem antisemitischen Attentäter in Toulouse auf offener Straße ermordet. Der Täter schießt anschließend innerhalb einer jüdischen Schule um sich und ermordet die achtjährige Miriam Monsonego. Zuvor hatte er bereits drei französische Soldaten ermordet. Sein Motiv nach eigenen Angaben bei einem Anruf bei einem französischen Nachrichtensender: „Rache für Gaza“.
[…]

Von den spektakulären Einzelfällen abgesehen ist all dies in seiner Gesamtheit kaum mehr als eine Randnotiz für deutsche Medien. Mit Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus beschäftigen sich sich in aller Regel maximal im Feuilleton – und auch dies eher sporadisch und zumeist in historischer Perspektive. Aber sicherlich haben Harald Marteinstein, Jan Fleischhauer, Christian Bommarius, Frank Drieschner, Nils Minkmar, Klaus Holz und all die anderen medialen Verteidiger Augsteins trotzdem recht: Mit „Israelkritik“ haben die genannten Besipiele antisemitischer Gewalt bestimmt nichts zu tun, denn es kann ja wie gesagt nicht sein, was nicht sein darf. Seine „grenzwertige Israelkritik“ wird man sich nicht kaputtmachen lassen, egal, wie viele Judenmörder noch ein „Rache für Gaza“ auf den Lippen führen. Sonst müsste man am Ende noch anfangen, sich „kritisch“ (sic!) mit eigenen Positionen zu beschäftigen. Wo kämen wir da hin?

Eine ernsthafte Debatte über die Begrifflichkeiten und Strömungen des modernen Antisemitismus, sowie eine Auseinandersetzung mit seiner brandaktuellen Gewaltätigkeit ist deshalb in naher Zukunft nicht zu erwarten. Denn die Verwobenheit dieses mörderischen Potenzials mit dem, was man hieruzulande gerne „Israelkritik“ nennt, ist der wahre blinde Fleck der deutschen Debatte. Man gibt sich lieber weiterhin feierlich-bekümmert, wenn der 27. Januar ansteht, und zeigt sich aufrichtig betroffen in seiner Trauer um all die toten Juden. Wie gut, dass wir diesen barbarischen Antisemitsmus historisch überwunden haben. Und gerade wegen dieser „historischen Verantwortung“ darf Auschwitz sich nicht im „Lager Gaza“ (Augstein) wiederholen. Die Lebenserwartung dort liegt übrigens bei 74.16 Jahren – aber das ist sicher israelisch-amerikanische Propaganda.

Siehe auch: Was hat Augstein eigentlich geschrieben?Antisemiten, das sind die anderenAugsteins Israelkritik: Eine Frage der ObsessionDie Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”,(Israelische) Soldaten sind Mörder!Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-FrageMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Wahn und WirklichkeitIm Zweifel gegen Israel