Moralische Medienschelte

Viel zu viel, viel zu aufdringlich, viel zu oberflächlich – im Netz haben verschiedene Journalisten die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich angeprangert. So eine Kritik ist schnell formuliert, findet oft Zustimmung – und lässt den Absender als kritischen Geist erscheinen.

Von Patrick Gensing

Es gibt kaum Beiträge, die leichter zu recherchieren und schneller zu schreiben sind, als Artikel zur aktuellen Berichterstattung: Glotze oder Radio an – dabei noch ein Blick auf die Schlagzeilen der großen Blätter, Meinung bestätigen lassen – und los geht es. Heute Morgen eröffnete taz-Chefredakteurin Ines Pohl diese Medienkritik zum Germanwings-Absturz:

Deutschland möchte also auch ganz dringend eine Katastrophe für sich? Was soll das bedeuten? Die Lust, auch mal Opfer zu sein? Pohl erklärte etwas später auf Twitter: „Ich will nicht die Trauerenden kritisieren, die Endlosschleifen der Sondersendungen ohne Erkenntniswert berühren mich unangenehm.“

Allerdings sei hier die Frage gestattet, warum einerseits beklagt wird – auch von anderen Kollegen außer Pohl, es werde viel zu viel Wirbel um den Absturz gemacht, andererseits muss man aber selbst noch einen drauf setzen und sich unbedingt auch noch dazu äußern? Wäre es nicht konsequenter, dann einfach zu schweigen? Oder zumindest etwas differenzierter zu formulieren, als es in einem Twitter- oder Facebook-Posting möglich ist? So soll ernsthaft Oberflächlichkeit in Medien thematisiert werden?

Aasgeier, die für Leichenteile zahlen

Komplett im Ton vergreift sich Hermann Gremliza in der konkret: In einer bewusst rohen Sprache schreibt er unter anderem von Todesopfern im Straßenverkehr, die „eingelocht“ würden ohne Sondersendungen. Und es geht noch tiefer: Bei solchen Todesopfern gebe es „nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen“.

Übrigens erklärt Gremliza mit seinem Hinweis auf die alltäglichen Opfer im Straßenverkehr schon selbst, weshalb es für den Absturz eines deutschen Fliegers mehr Aufmerksamkeit gibt: Dies ist nämlich gerade nicht alltäglich. Die Unterstellungen, die kaputten Reporter würden sich ohnehin nur volllaufen lassen und Geld für Leichenteile bezahlen, ist dann einfach nur noch pures Ressentiments, das ich eher bei KenFM erwartet hätte.

„Nah an ethischen und persönlichen Grenzen“

Wer sind diese Aasgeier? Mein geschätzter Kollege Stefan Laurin beispielsweise war für Die Welt in Haltern – und schrieb danach auf Facebook: „Es war alles sehr würdig in Haltern… Sowohl vor der Schule als auch auf der Pressekonferenz im Rathaus.“ Ein anderer Kollege schrieb: „Krasser Tag. Erst am Flughafen Düsseldorf und dann an der Schule in Haltern. Darüber zu berichten, bzw vor allem davon Fotos zu machen ist echt kein schöner Job und die ganze Zeit ziemlich nah an ethischen und persönlichen Grenzen…“

Es gibt sicherlich Reporter, die sich weit weniger Gedanken machen und skrupellos agieren. Aber die meisten Kollegen diskutieren immer wieder lange und kontrovers, welche Bilder angemessen sind, welche nicht – dies gilt auch für andere Anlässe – beispielsweise Anschläge. Und es ist auch keine besonders lebensbejahende Arbeit, immer wieder aus vorliegendem Material die Bilder herauszusuchen, die eben nicht mehr gezeigt werden können. Aber mit solchen Details muss man sich auch nicht weiter belasten, wenn die These stimmen soll.

Von Trauer und Wut

Sascha Lobo veröffentlichte heute übrigens auf Spiegel Online einen klugen Artikel zu den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz, er schreibt:

Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die „sensationslüsterne Journallie“. […] Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.

taz-Chefredakteurin Ines Pohl wurde nach ihrem Tweet selbst zum Ziel dieser Klickwut und teilweise übelst beleidigt.

Gleichzeitig finden sich in den Kommentaren zu den oben erwähnten Medienkritiken umgehend auch Beiträge, die in Richtung „Lügenpresse“ und pauschale und populistische Politikerschelte gehen. Auf der Facebook-Seite des Politmagazins Monitor erhielt ein Nutzer für diesen Kommentar 73 Likes:

Wieso muss der „Halbe Bundestag“ nach Frankreich fliegen um dann irgendeinen unqualifizierten Senf in die Kameras zu labern. Und die Sender stellen diese auch noch in den Vordergrund, als wenn diese Pappnasen die Hauptfiguren in einem Theaterstück wären,. Merkel hier, Merkel da, Merkel vorne, Merkel hinten, Merkel kann nicht in die Schlucht, Merkel kann nur mit Hubschrauber über das Gebiet fliegen, Steinmeier kommt auch nicht weiter, Steinmeier war gestern schon da, Steinmeier erzählt uns, was Experten schon vorher x-mal erklärt haben. Witzfigur Dobrindet gibt auch seine Senf dazu….. Was für eine Schmierenkömödie zu einem extrem traurigen Anlass.

Ein trauriger Anlass, der offenbar eine günstige Gelegenheit bietet, Feindbilder zu pflegen oder sich mal wieder als kritischen Kopf in Szene zu setzen. Sie wisse nicht, was sie schlimmer finde, merkte eine Kollegin auf Facebook treffend an: „Das berühmte Witwenschütteln, oder aber „Kollegen“, die sich an der Berichterstattung abarbeiten und de facto den Tod von mehr als hundert Menschen nutzen, um öffentlich (!) zu erklären, wie sicher sie im moralischen Sattel sitzen.“

 

Der Fall Jung und die Empörung über die Empörung

Bis in die FAZ hat es ein Posting von Tilo Jung auf Instagram zum Weltfrauentag schließlich gebracht. In fast allen Beiträgen zu der Causa Jung geht es aber vor allem um einen hysterischen Twitter-Mob und angemessene Reaktionen. Was hinter solchen „Witzen“ steckt, bleibt bestenfalls nebensächlich.

Von Patrick Gensing

Rund 51.500 Tweets, 380 Videos auf YouTube, mehr als 1000 Beiträge auf Instagram – dazu eine gut gefütterte Facebook-Seite: Der Journalist Tilo Jung ist ein Online-Profi und geradezu omnipräsent im Netz. Bekannt wurde er vor allem durch das Interview-Format „Jung & Naiv“, in dem er „Politik für Desinteressierte“ anbieten möchte.

Warum allerdings Uninteressierte ausgerechnet durch 50-minütige Interviews ihre Begeisterung für Politik entdecken sollten, ist mir ziemlich unklar. Das ging auch Nadja Schlüter von der SZ so – und durfte sich dafür als Replik anhören, wer Jung & Naiv so kritisiere, sei schön blöd. Denn Jung & Naiv sei „eine Einladung an die Interviewten, keine Phrasen für die üblichen 90 Sekunden der Tagesschau sagen zu müssen, von denen dann nur 7 Sekunden verwendet werden“. Mit dieser Einladung reüssierte Jung mit „Jung & Naiv“ – vor allem in Medienkreisen, weniger bei den „normalen“ Zuschauern: Denn eine Breitenwirkung erreichen die Videos kaum; bei den meisten blieben die Zähler bei 5000 bis 10.000 Abrufen stehen – manche schaffen noch weniger, einige dafür mehrere Zehntausend.

„Die Medien sind politikverdrossen, weil sie kein Interesse mehr haben, Sachverhalte erklärend darzustellen“, erklärte Jung zu seiner Motivation für das Format. Klingt prima, wenn auch nicht sonderlich differenziert. Und erklären tut Jung auch nur recht wenig: Er lässt die von ihm ausgewählten Leute ausführlich zu Wort kommen, so dass sich die Zuschauer aus einem Wust von Statements nicht nur die relevanten Stellen raussuchen sollen, sie sollen diese auch noch einordnen bzw. auf Glaubwürdigkeit / Wahrheitsgehalt überprüfen. Da wo die Arbeit des Journalisten anfängt, hört Jung & Naiv sozusagen einfach auf.

„Ohne Scheiß“

Diese Ungereimtheiten des Konzepts legen den Schluss nahe, dass sich Jung & Naiv – wie es der Titel bereits anzeigt – zu mindestes 50 Prozent um den Namensgeber dreht. Dazu passt, dass Jung in sozialen Medien hauptsächlich Bilder von sich postet, eine Mischung aus Modeln und Journalismus: Jung mimt den charmanten Lümmel aus der ersten Reihe, den erwachsenen Kinderreporter: selbstbewusst im Auftreten, gut im Aussehen, locker im Ton – eben „ohne Scheiß“ (im Gegensatz zu den mittlerweile gelöschten „Penisdialogen“ – „absolut unbeschnitten“).

//platform.twitter.com/widgets.jsEs geht also um Inszenierung. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, Jung legt einen beachtlichen Einsatz an den Tag und scheint ehrgeizig den Weg in die große Öffentlichkeit zu suchen. Dazu gehören dann wohl auch gezielte Provokationen: Für ein Interview mit Glenn Greenwald, der beispielsweise die Unabhängigkeit der Kurden im Nordirak nach dem US-Einmarsch mit dem „Anschluss“ des Sudentenlandes durch Hitler verglich, setzte sich Jung auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin, um sich über das „American Empire“ unterrichten zu lassen. Das erzeugte keinen „Aufschrei“ in den sozialen Netzwerken, sehr wohl aber Irritation bei einigen Kollegen. 

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Später kritisierte Jung wiederum Peer Steinbrück für eine Weihnachtskarte aus Berlin, auf dem das Mahnmal groß zu sehen ist. Während sich Steinbrück wenigstens zeitnah für dieses Motiv entschuldigte, wollte Jung in seinem Verhalten keinen Widerspruch erkennen.

Was Nazi-Vergleiche angeht, ließ Jung einen Fatah-Sprecher ohne jegliche Nachfrage erklären, die israelischen Juden folgten einer Reinheitsideologie wie die der Nazis:

„Es gibt ja auch palästinensische Israelis, Palästinenser, die als israelische Staatsbürger diskriminiert werden. Israelische Juden sind die Oberschicht, die sind die Reinsten. Es ist traurig, dass Leute, die in deinem Land selbst Opfer einer solchen Reinheitsideologie wurden, die zur Vernichtung von Millionen von Menschen führte, dass diese Leute jetzt genauso denken.“

Wie geschrieben: Keine Nachfrage. Dafür trieb es Jung um, dass Israels Ministerpräsident Netanjahu im Kontext des iranischen Atomprogramms und den antiisraelischen Tiraden aus Teheran vor einem „zweiten Holocaust“ warnte:

Keine Sorge, ich werde Tilo Jung jetzt nicht in die „rechte Ecke“ stellen, so wie es einige vielleicht vermuten bzw. von mir erwarten. Mir geht es darum, dass Jungs Format vollkommen passend Jung & Naiv heißt; immerhin gibt es gar nicht vor, sonderlich kritisch oder vom Mainstream abweichend zu sein. Zudem zeigen die erwähnten Beispiele, dass Jung gerne provoziert; testet, wie weit er gehen kann. Auch die Kritik an seinem Posting zum Weltfrauentag konterte er noch mit einem Tweet, in dem er von „symbolischer Selbstverbrennung“ orakelte. Später räumte er selbst in einer Erklärung ein, er habe „eine große Klappe“.

Herrenwitze ernten Widerspruch

So wie Jung & Naiv nicht sonderlich kritisch ist, verhält es sich auch mit Jungs Posting: „Herrenwitze“ sind im schlechtesten Sinne stinknormal. Was sich verändert hat: Solche Sprüche bleiben nicht mehr ohne Widerspruch. Die Kritik wird dann aber gerne als „Shitstorm“ bezeichnet, wodurch die Reaktionen disqualifiziert und unterschiedliche Argumente eingeebnet werden.

Die eigentliche Nachricht für größere Medien ist dann nicht die Aussage an sich – sondern die Reaktionen darauf werden zum Berichtsgegenstand. Zeitungen wollen modern wirken, indem sie berichten, was gestern im Netz war – und das klingt dann so: „Dass dieser Fehltritt nicht lange unbemerkt bleiben würde, war abzusehen: Schnell meldeten sich bekannte Feministinnen zu Wort“, wusste die Wilhelmshavener Zeitung zu melden. Jung sei geteert und gefedert worden, schreibt die Zeit. Und die FAZ wählte die Überschrift: „Ein Fehltritt, schon sind alle auf der Palme“.

Wo genau wurde Jung geteert und gefedert?

Abgesehen von der Frage, wo genau Jung geteert und gefedert worden sein soll: Feministinnen, die sofort „auf der Palme“ sind – wer kennt sie nicht, diese „hysterischen Hühner“…?! In sozialen Netzwerken war die Empörung über die Empörung auf jeden Fall größer und vor allem weit radikaler in der Sprache, als die Kritik an Jung zuvor. Auch die Kommentare zu dem erwähnten FAZ-Artikel ließen keine Wünsche offen:

„welche gesellschaftliche und mediale Macht sogenannte Feministinnen und Feministen haben, die auf der einen Seite Männer beleidigen und dann wegen eines im Vergleich dazu harmlosen Fotos in der Lage sind ein Unternehmen zu gefährden, das es wagt unpassende Fotos zu veröffentlichen. Übrigens sind Männer öfter Opfer von Gewalt!“

Männer als Opfer der Feministinnen – es fehlen eigentlich nur noch Deutsche als Opfer von Rassismus sowie Dresdner als Opfer von Systemmedien und angloamerikanischen Bombenhagel  – man kennt das. Einige Kommentatoren waren sich nicht zu schade, eine Parallele von der Kritik an Jung zu den Anschlägen von Paris zu ziehen. Wieder von der FAZ-Seite:

In dieser völlig infantilen Gesellschaftsverfassung sind sich die Schreihälse mit den Mördern von Paris irritierend gleich: In der säkularen deutschen Gesellschaft haben sich neue religiöse Bewegungen konstituiert: Veganer, AufschreihysterikerInnen, Kopftuchverteidiger etc. Deutschland 2015 – ein Land geht dem Abgrund entgegen.

Auf Facebook posteten Leute ernsthaft „Je suis Tilo“-Bilder, nachdem Krautreporter-„Herausgeber“ Sebastian Esser klipp und klar erklärt hatte, worum sich die FAZ gedrückt hat – nämlich, dass Jungs Post „frauenfeindlich“ ist. Jung kokettiere zudem „mit Gewalt gegen Frauen“ und werde daher vorübergehend nicht mehr bei den Krautreportern veröffentlichen. Einen lesenswerten Kommentar zu dieser Entscheidung hat Journelle veröffentlicht.

Jung & Naiv zum Thema Sexismus?

Ob aber nun eine inhaltliche Debatte bei den Krautreportern folgt, in der nicht nur der Herausgeber, Chefredakteur und Politik-Autor ihre Sicht zum Thema Sexismus und Kritik-Management anbieten, ließ Esser unbeantwortet. Jung solle seinen „blinden Fleck“ ausleuchten, hieß es lediglich. Licht aus, Spot an: Denn was wäre geeigneter für diese Suche, als eine Interviewreihe zu genau diesem Thema bei Jung & Naiv?

Siehe auch: The Krauts in Paris

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Nach "Todesanzeigen": Keine Erkenntnisse zu Attacken auf Journalisten

drohung

Pressefreiheit – was geht mich das an?“ – so lautete der Titel eines Wettbewerbs für Schülerinnen und Schüler, den die Bundesregierung ausgeschrieben hatte. Die Frage könnte man aber auch der Regierung selbst stellen. Denn bei Drohungen und Angriffen auf Journalisten in Deutschland verweist sie einfach auf die Bundesländer, wie eine Anfrage anlässlich der „Todesanzeigen“ von Journalisten zeigt. 

Von Patrick Gensing

Sicher, nach dem Staat zu rufen, wenn Probleme auftauchen, ist nicht unbedingt die klügste Reaktion. Doch in Zeiten, da in Frankreich fast eine ganze Redaktion von Terroristen liquidiert wurde und in Deutschland das Wort „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres avanciert, könnte es vielleicht schon ganz aufschlussreich sein, wie viele Drohungen und Attacken es gegen Redaktionen und Journalisten in den vergangenen Jahren gegeben hat.

Nachdem mutmaßlich Neonazis in NRW Anfang Februar 2015 gefälschte Todesanzeigen von Journalisten verbreitet hatten, wollten die Grünen im Bundestag von der Bundesregierung wissen, welche Erkenntnisse und Informationen der Bundesregierung über Einschüchterungsversuche bis hin zu Gewalttaten gegen Journalisten vorliegen. Die mir nun vorliegende Antwort: keine. Durch die Bundesregierung erfolge keine statistische Erfassung, die als Grundlage für die Schätzung der Bedrohung dienen könnten. Der Schutz von bedrohten Journalisten sei ohnehin Ländersache.

Der Hass als Kunst?

Nun gehören Drohungen gegen Journalisten längst zum Alltag, auch ich durfte im Netz schon mehrfach lesen, wie Fanatiker sich Gewaltfantasien gegen meine Person ausmalten – und dies ist verglichen mit dem, was Kolleginnen und Kollegen ohne biodeutsch-klingenden Namen erleben, noch harmlos. Viele von ihnen können ein Lied von dem Hass singen – und tun das auch fast schon. Zumindest treten sie in vielen Städten auf und tragen bei „Hate Poetry„-Abenden die wüstesten und absurdesten Beschimpfungen vor.

Diese Abende sind sicherlich äußerst unterhaltsam und der Umgang der Kolleginnen und Kollegen mit dem abgrundtiefen Hass ist bewundernswert – doch handelt es sich dabei auch um einen Ausweg, um mit den Drohungen und Beleidigungen umzugehen, und um einen Weg, um überhaupt darauf aufmerksam zu machen.

Dass Journalisten Sperrvermerke bei Einwohnermeldeämtern beantragen müssen, dass sie bei rechtsextremen Demonstrationen immer wieder angegriffen werden und dass Tausende Bürger „Lügenpresse“ skandieren, könnte die Bundesregierung zumindest dazu verleiten, mal zu prüfen, wie groß und konkret die Bedrohung wohl sein könnte. Andererseits ist es unter anderem die Aufgabe der „vierten Gewalt“ selbst, sich um solche politischen Entwicklungen und Missstände zu kümmern – und wie der NSU-Komplex bewiesen hat, sind solche Aufgaben bei uns wohl auch besser aufgehoben. Konkreter: Bei den Interessensvertretungen, also Gewerkschaften.

Die Reporter ohne Grenzen bieten bereits einen Länderbericht zu Deutschland, doch angesichts der Entwicklungen der vergangenen Jahre wäre es möglicherweise an der Zeit, den Hass und den Druck auf Journalistinnen und Journalisten genauer zu untersuchen und zu dokumentieren. DJV & Co., wäre das nicht etwas für Euch?

Siehe auch: Die “Lügenpresse” – ein Begriff und seine Geschichte,  alle Artikel aus der Rubrik Medien

#Hoodiejournalismus? Wie wär’s denn mal mit Inhalt?

Ja, es gibt ihn, den Altherren-(Nicht-)Gönnerstyle mancher Redakteure, die gleichzeitig Anteilseigner, Fernsehchefs oder Genossenschafter sind – und jedem Online-Kollegen stets mit derselben „charmanten“ „Na, Sie kleiner Racker“-Attitüde begegnen. Derselbe Schlag von Männern begegnet übrigens in exakt derselben Art auch gerne allen Frauen im Job, allen Menschen mit Migrationshintergrund oder sonst irgendeinem Wesen, das nicht der eigenen Vorstellung des Normsubjekts (ergo: man selbst) entspricht. Augenhöhe? Nein, danke! Wenn mich allerdings irgendetwas noch mehr auf die Palme bringen kann als diese Art traditioneller Snobismus, dann sind es selbstgefällige Selfies in Kapuzenpullis. Daher: ein Rant.

Von Andrej Reisin

Doch bevor wir zur aktuellen Pullover-Mode kommen, der Reihe nach: Die „Zeit“ hatte berichtet, dass es bei Ressortleitern und Redakteuren der „Süddeutschen Zeitung“ offenbar Widerstände dagegen gibt, Stefan Plöchinger, seit 2011 Leiter von süddeutsche.de, zum Mitglied der Chefredaktion der gesamten Zeitung zu machen. Laut „Zeit“ stößt sich die Runde daran, dass Plöchinger sich bisher zu wenig journalistische Meriten verdient habe, also nicht durch große Geschichten aufgefallen sei, sondern lediglich durch „Selbstbewusstsein“ und Organisationstalent bei der Neustrukturierung des Online-Auftritts der SZ. Außerdem spiele beim fehlenden Stallgeruch Plöchingers auch eine Rolle, dass dieser „Kapuzenpulliträger” sei.

Harald Staun legte dann in seiner Kolumne in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ noch einen drauf, indem er nach kurzer Wiedergabe des „Zeit“-Artikels einen an Blasiertheit tatsächlich schwer zu überbietenden Satz zu Papier (sic!) brachte: „Wobei ja vielleicht wirklich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungsriege der Zeitung aufzunehmen. Wäre es aber dann nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von Süddeutsche.de zu holen?

Seit Sonntag: Nur noch Qualität im Netz

An der Stelle platzte dann vielen Kollegen, die hauptsächlich oder ausschließlich online arbeiten, der Kragen: Sie wollten sich „nicht länger unqualifiziert einen aufs Maul geben lassen„, wie der Online-Branchendienst Meedia meint. Und deshalb haben sich die versammelten Onliner der Republik hinter „uns Plöchinger“ geschart und schreiben seit Sonntag einen Pulitzerpreis-verdächtigen Artikel nach dem anderen. Online only, versteht sich.

Ein Hoodie. (Foto: http://www.flickr.com/photos/redesignyourshirt |CC BY-SA 2.0)
Hoodie: 2014 hierzulande etwa so rebellisch wie die Toten Hosen und die CDU. Nicht, dass die Online-Punks am Ende noch Jeans tragen. (Foto: http://www.flickr.com/photos/redesignyourshirt |CC BY-SA 2.0)

Sorry, just kidding. Denn was tun die (ganz überwiegend männlichen) Online-Alphatiere – latürnich! – stattdessen? Sie twittern unter dem Hashtag #hoodiejournalismus – und veröffentlichen Fotos von sich im Kapuzenpulli. Und selbstredend gibt es schon einen entsprechenden Tumblr-Blog. Dankenswerterweise hat das Hip-Hop-Duo „Zugezogen Maskulin“ zu solchen Phänomenen in anderem Kontext schon alles gesagt: „Undercut, Tumblr-Blog – nix zu erzählen„.

Womit wir beim Kern des Problems wären: Denn warum verwechselt Staun „Internetexperte“ und „Journalist“ oder suggeriert zumindest, die beiden Begriffe schlössen einander aus? Warum wird „online“ (oder was man dafür hält) in so vielen journalistischen Institutionen (und zwar keineswegs nur bei den „Holzmedien“, sondern genauso im Radio oder Fernsehen!) immer noch stiefmütterlich behandelt? Ja, ja, die Arroganz des Establishments spielt dabei ohne Zweifel eine Rolle. Und Strukturprobleme. Und Öltanker sind halt nur langsam zu drehen. Und so weiter und so oft und so zahlreich schon beklagt.

Staun hat ungewollt Recht

Leider aber gilt mindestens im gleichen Maße, dass „Online-Journalisten“ häufig genug vor allem eins machen: alles so schön bunt. Von den derzeit (genau wie jederzeit) auf sueddeutsche.de namentlich gekennzeichneten Artikeln ist die Mehrheit von Journalisten, die ihre Artikel vor allem für die Zeitung schreiben – und die sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht selbst „online stellen“, sondern sie einem „Onliner“ zuschicken, der sie dann für online „produziert“, wie es im Jargon gerne heißt. Damit aber schrumpft die Rolle dieser „Onliner“ auf diejenige von „Produzenten“ – womit sie vollkommen zu Recht nicht als „Journalisten“ im engeren Sinne bezeichnet werden.

Meine kleine Privat-Wette an dieser Stelle: Nahezu jeder „Online-Job“ im Journalismus, egal, ob bei sueddeutsche.de oder bei taz.de, beim „Online-Auftritt“ einer Fernsehsendung oder eines Radiosenders besteht zu einem gewissen Teil, meist jedoch zu einem Großteil daraus, die Inhalte anderer Leute zu „produzieren“. Wenn aber zwei Drittel aller „Onliner“ zu zwei Dritteln ihrer Zeit „Webseiten bauen“, auf die sie die Artikel, Beiträge, Filme anderer Leute „einpflegen“ und mit Bildern, Links, Hintergrundinfos, Agenturmaterial, Audios und Gott weiß was anreichern, dann hat das mit Journalismus so viel zu tun wie die Schlussredaktion einer klassischen Zeitung oder Zeitschrift. Man liest gegen, korrigiert, platziert (setzt), sucht Bilder (oder beauftragt Bildredaktionen mit selbigem), schneidet in Photoshop und Premiere rum, verlinkt, bedient Content Management Systeme und bestückt Webseiten. Man schreibt aber nicht seinen Namen unter die Titelgeschichte der „Süddeutschen Zeitung“ – und zwar weder on- noch offline (letzteres schon gar nicht).

Jetzt könnte man einwenden, dass die meisten Chefredakteure dies auch nicht tun, was stimmt, aber zumeist haben sie zuvor durchaus. Und vor allem: 99 Prozent der genannten „Onliner“ in den genannten Jobs sind keine Chefs a la Plöchinger, sondern sitzen tatsächlich im Bauch des Schiffes und rudern. Völlig zu Recht fragt Christoph Kappes daher, warum es keine Sachdebatte über inhaltliche Schwächen des Mediums „Online“, keine Diskussion über Arbeitsbedingungen gibt, sondern „ein Konflikt um Macht und Geld am Ende in einer popkulturellen Veranstaltung mündet„. Word.

Darin aber liegt eine der Antworten auf die Frage nach der Wahrnehmung von Staun. Der Mann hat ganz einfach nicht ganz Unrecht. Von „Spiegel Online“ einmal abgesehen sind die meisten anderen Online-Plattformen zu großen Teilen Abspielstationen für Content, der für Zeitung, Zeitschrift, Radio oder Fernsehen beauftragt und produziert worden ist. Nicht umsonst sollen die Grabenkämpfe mit „Nordkorea“ (wie „Spiegel“-Chefredakteur Wolfgang Büchner die Print-Ausgabe angeblich genannt hat) beim „Spiegel“ besonders heftig toben. Im allerbesten Falle verschmelzen die Formate und große Geschichten werden on- und offline von denselben Autoren betreut. In der Mehrzahl der Fälle aber eben (noch?) nicht.

„Innovativ“, „witzig“, „ironisch“, „kreativ“… ja, und?

Hoodie? Unser Autor bevorzugt beruflich den Anzug. Aus Gründen. (Foto: © Andrej Reisin / Publikative.org / Alle Rechte vorbehalten)
Hoodie? Unser Autor bevorzugt beruflich den Anzug. Aus Gründen. (Foto: © Andrej Reisin / Publikative.org / Alle Rechte vorbehalten)

Die wichtigen Inhalte, die großen Stories werden eben somit nach wie vor von Journalisten geschrieben, gedreht und erzählt, die nicht vornehmlich als „Onliner“ wahrgenommen werden, was natürlich auch mit den Möglichkeiten Geld zu verdienen zu tun hat. Häufig genug müssen sich „Onliner“ damit begnüngen (und schlimmstenfalls gefallen sie auch noch darin) einen besonders „witzigen“ oder „originellen“ Zugang zu bereits existierenden Themen oder politischen Auseinandersetzungen zu finden, um mit etwas „Eigenem“ zu reüssieren. Dieses „Eigene“ aber ist häufig eben nur unpolitisches, irrelevantes Rumgenerde. Ein Augenzwinkern für Eingeweihte, eine Nachricht auf den Kreativ-Klowänden des Internets: „Guck mal, ich habe eine interaktive Karte gebastelt, mit allen vermissten Flugzeugen in der Geschichte der zivilen Luftfahrt.“ Lob vom Chef, Applaus auf Twitter, danke, husch, husch ins Körbchen.

Solche Gimmicks sind typisch für eine ganzes Spektrum an „Onlinejournalismus“, der sich als „crossmedial“ und „trimedial“, als „Visualisierung“ und „Datenjournalismus“ zwar permanent neu erfindet, aber vor allem damit auffällt, die hübsche Verpackung für Stories zu liefern, die anderweitig entstanden sind. Die investigative Recherche, die große Reportage, die tiefe inhaltliche Auseinandersetzung und die großen Debatten muss man leider nach wie vor anderen überlassen – oder tut es sogar freiwillig, erst Recht jenseits der etablierten Medienunternehmen. Wenn man sich in Blogs und Online-Formaten umschaut, muss man sich fragen, was „online“ im deutschen Journalismus 2014 an originär eigenen Inhalten zu bieten hat? Natürlich gibt es halbwegs gelungene Beispiele wie „Jung & Naiv“ – Nomen est omen. Aber welt- oder auch nur republikbewegend?

Wo bitte sind sie spektakulären Enthüllungen, die großen Stories, die vernetzten Produkte, die crossmediale Recherche, die unabhängigen Plattformen, vor allem aber: Wo ist die politische, gesellschaftliche – und somit journalistische Relevanz? Mit staunenden Augen schaut man zu, wie der politische Journalismus der „Old Boys“ angesichts von großen Themen wie der Krim-Krise fest im Sattel sitzt (oder sogar: zurückschlägt?), wie marginalisiert „Netz-Themen“ als solche verhandelt werden (nämlich unter: ferner liefen), während „Onliner“ im Hoodie vermissten Flugzeugen hinterher tickern (der Live-Ticker als Online-Leitkultur*) – und davon auch noch Selfies bei Instagram hochladen. Substanz, Tiefe, Analyse, Gewicht? Da zieht man die Kapuze lieber nochmal etwas tiefer ins Gesicht …

Offenlegung: Andrej Reisin ist freier Journalist und arbeitet vor allem als „Onliner“ für den Norddeutschen Rundfunk (NDR).

*Stefan Niggemeier hat zum Liveticker auf derselben FAS-Seite, auf der Stauns Kolumne zu finden ist, übrigens eine aktualisierte inhaltlich hervorragende Abrechnung mit dem Phänomen Liveticker geschrieben. Leider ist diese nicht online verfügbarKorrektur: jetzt doch! – und interessierte offenbar auch auffällig wenige „Online-Journalisten“. Oh, the irony …

Verfassungsschutz in Niedersachen spionierte Journalisten aus

Der niedersächsische Verfassungsschutz hat über Jahre hinweg Daten von publizistisch und journalistisch tätigen Personen rechtswidrig gespeichert. Darüber hat der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius den Landtagsausschuss für Angelegenheiten des Verfassungsschutzes sowie die Öffentlichkeit informiert.

 Der Niedersächsische Verfassungsschutz hatte unter anderem die als Rechtsextremismusexpertin bekannten Diplom-Politologin und freien Journalistin Andrea Röpke mehr als sechs Jahre lang überwacht und Daten gesammelt. Darüber hinaus hatte ihr der Verfassungsschutz diese Überwachung 2012 auch dann noch verschwiegen, als die Journalistin explizit danach fragte.

Dies wurde der Journalistin durch die Präsidentin des Nds. Verfassungsschutzes, Maren Brandenburger, heute telefonisch mitgeteilt. Nach ihren Angaben ist eine Auskunft vom 18.04.2012, nach der „in der Niedersächsischen Verfassungsschutzbehörde […] weder eine Akte geführt wird noch Angaben in Dateien gespeichert sind“ falsch. Tatsächlich seien über die Journalistin von 2006 bis März 2012 Daten gesammelt worden. Der falschen Auskunft vom 18.04.2012 ging eine Anfrage auf Benennung gespeicherter personenbezogener Daten vom 09.02.2012 voraus.

„Zum Zeitpunkt der Anfrage wurde meine Mandantin noch überwacht. Offensichtlich sollte mit der Lüge vom 18.04.2012 die sechsjährige rechtswidrige Überwachung vertuscht werden“, so Rechtsanwalt Sven Adam. Er hatte im Auftrag der Journalistin die Anfrage verfasst und prüft für sie auch die Erhebung einer verwaltungsgerichtlichen Klage gegen die falsche Auskunft. Es wird von nun an aber auch um die vollständige Rekonstruktion der gesammelten Daten gehen, um das Ausmaß erfassen und die Erhebung der Daten auf ihre Rechtmäßigkeit überprüfen zu können. Dies entfaltet hier besondere Relevanz, denn bei Journalisten handelt es sich um grundrechtlich verbriefte Berufsgeheimnisträger.

Broschüre des Verfassungsschutzes
Broschüre des Verfassungsschutzes

Es ist nicht das erste Mal, dass eine niedersächsische Sicherheitsbehörde die Sammlung von Daten über Journalisten nicht zugibt. Die Polizeidirektion Göttingen hatte im Jahr 2011 dem Göttinger Hörfunkredakteur und Publikative-Autor Kai Budler zunächst mitgeteilt, dass über ihn keine Daten gespeichert seien. Später gab die Polizeiführung zu, dass dies nicht der „ganzen“ Wahrheit entsprach. Gegen diese Vorgehensweise ist vor dem Verwaltungsgericht Göttingen bereits seit November 2011 eine Klage anhängig, die am 06.11.2013 verhandelt wird.

Durch Stichproben hatte die seit März amtierende Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger mindestens sechs Fälle unzulässiger Speicherungen von Personendaten „entdeckt“, die bis zum Ende des Jahres 2012 reichen, teilte das Innenministerium mit. Das Erheben und Speichern von Daten über diese Personen war demnach wegen „mangelnden Extremismusbezuges oder auch wegen mangelnder Relevanz“ nicht gerechtfertigt.

Gemäß der gesetzlichen Regelungen sind diese unzulässig gespeicherten Datensätze nach Kenntnisnahme durch Frau Brandenburger sofort gelöscht worden. Aktuell werden beim niedersächsischen Verfassungsschutz alle personenbezogenen Dateien systematisch und vollständig auf Unzulässigkeit überprüft. Die bisherigen Ergebnisse erhärten die Vermutung der Verfassungsschutzpräsidentin, dass in weiteren Fällen rechtswidrig gespeichert wurde. Der aktuelle Sachverhalt bestätigt die Einschätzung der niedersächsischen Landesregierung, dass ein zwingender Reformbedarf in der niedersächsischen Verfassungsschutzbehörde besteht. Dazu hatte Innenminister Pistorius bereits vor zwei Wochen eine Arbeitsgruppe berufen.

Siehe auch: Außer Kontrolle, Verfassungsschutz als rechtsfreier RaumJournalist wegen Ausübung seines Berufs im Visier des Verfassungsschutz, Kalter Krieg und Extremis-Mus in Deutschland,

Neue Gefahr: Neonazis als Journalisten

Journalisten sind für Neonazis nicht nur ein erklärtes Feindbild. Gerade in der letzten Zeit geben sich Rechtsextremisten immer öfter als Journalisten aus, um einerseits Fotos für „Anti-Antifa-Karteien“ anfertigen zu können und anderseits Journalisten einschüchtern und an ihrer Arbeit hindern zu können. Der DJV zeigt sich alarmiert.

Von Felix M. Steiner und Johannes Hartl, zuerst veröffentlicht beim Zeit-Online-Störungsmelder

Egal ob Demonstrationen, Kundgebungen oder Parteitage – kritische Journalisten sind bei Rechtsextremen nicht gern gesehen. Sie werden angepöbelt, bedroht oder attackiert. Dies betrifft vor allem Fachjournalisten, die seit Jahren kritisch über Rechtsextremismus berichten. Auch Andrea Röpke kennt die Anfeindungen der Neonaziszene genau. Als Journalistin ist sie seit vielen Jahren auf rechtsextremen Veranstaltungen unterwegs. „Es geht eigentlich nicht eine Demo ohne Ärger gegen Fotografen oder der Neonazi-Szene bekannte Berichterstatter ab. Da wird geschubst, die Sicht verstellt, gedroht, gespuckt – das

Ordner einer NPD-Demonstration behindert Journalisten, Foto: Publikative.org
Ordner einer NPD-Demonstration behindert Journalisten, Foto: Publikative.org

ganze Repertoire.“, beschreibt die Fachjournalistin ihre Erfahrungen. Dahinter steckt vor allem auch der Versuch der Szene, die nach außen dringende Darstellung selbst genau kontrollieren zu wollen. So wurde in den letzten Jahren der Slogan „Die Presse lügt“ zur gängigen Antwort der Szene auf die meisten Pressenachfragen. Noch gefährlicher ist die Recherche bei konspirativ geplanten oder sogar illegalen Veranstaltungen. Zuletzt war es der Journalist Thomas Kuban, der durch seine Recherchen im Rechtsrockmilieu für Aufsehen sorgte. Seine Bilder entstanden unter Lebensgefahr und zeigten das Innenleben einer menschenverachtenden Szene mit all ihrem Hass. Auch der Deutsche Journalisten Verband (DJV) kennt diese Gefahren. „Die Gefahren für Journalisten, die kritisch über den Rechtsextremismus berichten, sind erheblich. Es gibt bei Rechtsextremisten keine Akzeptanz für kritische Berichterstattung“, sagt der Pressesprecher des DJV, Hendrik Zörner. Hinter der Ablehnung einer freien Presseberichterstattung steckt nicht zuletzt auch die Ablehnung von Demokratie und Parlamentarismus, meint Andrea Röpke: „Wir sind ‚Systempresse‘, so formulierte es mal einer der Anführer, und gehören ins Lager der Todfeinde.“ Besonders problematisch sind die Übergriffe auf Journalisten, die unter den Augen der Polizei stattfinden. Die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Polizei unterscheiden sich dabei oft erheblich. Zahlreiche Fachjournalisten berichten mittlerweile auch von Übergriffen, bei denen die Polizei gar nicht oder erst auf Nachfrage einschreitet. Auch Röpke kennt diese Situationen: „Und meistens ist es so, dass Polizeibeamte daneben stehen, wegschauen oder sogar sagen: ‚Die Herrschaften möchten nicht, dass Sie fotografieren!‘“

Rechtsextreme Regionalzeitungen als Informationsquelle

Jenseits der „Freien Kameradschaften“ und der „Autonomen Nationalisten“ ist es vor allem die NPD, die auf eine positive Außendarstellung angewiesen ist. Besonders seit dem Einzug in die Parlamente versucht die Parteiführung ihr bürgerliches Bild in der Öffentlichkeit zu stärken. Nicht zuletzt steckt auch hinter

Immer wieder fotografieren Anti-Antifa-Fotografen Journalisten, um sie einzuschüchtern, Foto: Kai Budler
Immer wieder fotografieren Anti-Antifa-Fotografen Journalisten, um sie einzuschüchtern, Foto: Kai Budler

Holger Apfels Konzept der „seriösen Radikalität“ der Wunsch, sich nach außen ohne Szenekleidung oder Szenerhetorik zu präsentieren. Auch hier wird versucht die Kontrolle über die Außendarstellung nicht aus den Händen zu geben. Um dies glaubwürdig zu vertreten, hat die Parteiführung in den letzten Jahren immer wieder einzelne Parteitage teils für die Presse geöffnet. Zumindest für einige Journalisten. Fachjournalisten wie Andrea Röpke müssen dennoch meist draußen bleiben. „Ausgewählte große TV-Teams zum Beispiel werden dann begleitet, bekommen Ansprechpartner zugewiesen und dürfen von dort berichten, wo wir als Freie dann von den Ordnern offen rausgeschmissen werden“, berichtet Röpke. Neben der Reglementierung einer freien Berichterstattung versucht die NPD eigene Publikationen zu schaffen. Diese sollen – vor allem auf kommunaler Ebene – die Verbreitung von Partei-Ideologie ohne kritische Berichterstattung ermöglichen. In den letzten Jahren hat die Partei verstärkt Regionalzeitungen herausgegeben, welche in die Lücke einer rückläufigen Presselandschaft zu stoßen versuchen. Allein in Thüringen gibt es für diese „Graswurzelarbeit“ bereits zehn NPD-Blättchen. Hier kann dann ein regionales Thema mit der dazugehörigen Ideologie unter das Volk gebracht werden. Besonders in ländlichen Strukturen eine Tendenz, die es im Auge zu behalten gilt.

Neonazis mit Presseausweisen

Doch in letzter Zeit ist noch ein weiteres Phänomen zu beobachten: Neonazis als vermeintliche Journalisten. In Bayern zum Beispiel versuchten Neonazis zuletzt immer wieder als Journalisten aufzutreten. Kennern der Szene sind mehrere Fälle bekannt, in denen Rechtsextreme mit Presseausweisen ausgestattet waren und so teilweise mühelos Polizeiketten durchqueren konnten. Vor allem so genannte Anti-Antifa-Fotografen des „Freien Netzes Süd“ agieren mit Presseausweisen ungestört und können häufig unbeobachtet von der Polizei antifaschistisch engagierte Bürger ablichten.

Doch nicht nur das Ablichten von politischen Gegnern zählt zur Aufgabe der rechtsextremen Fotografen. Diese schüchtern auch gezielt Journalisten ein und versuchen deren Film- und Fotoaufnahmen durch herumschubsen, vor die Kamera stellen oder schlicht und einfach subtile Bedrohungen zu verhindern. Besonders deutlich wurde diese Strategie im Vorfeld des neonazistischen 1. Mai des „Freien Netzes Süd“. Bei der Propagandatour anlässlich des jährlichen Aufmarsches, der dieses Jahr in Würzburg stattgefunden hat, grenzten sich bekannte Anti-Antifa-Fotografen bewusst von den „Kameraden“ im uniformierten 1. Mai-T-Shirt ab und hielten eine bestimmte Distanz zu den anderen rechtsextremen Veranstaltungsteilnehmern ein. Ausgestattet mit professionellen Kameras und Objektiven konnten sie so anwesende Gegendemonstranten fotografieren.

In Berlin weisen sich am 1. Mai mehrere rechtsextreme Fotografen mit Presseausweisen aus, Foto: Publikative.org
In Berlin weisen sich am 1. Mai mehrere rechtsextreme Fotografen mit Presseausweisen aus, Foto: Publikative.org

Diese Strategie zeichnet sich bereits seit längerer Zeit ab. Mehrere Vorfälle, in denen Neonazis als vermeintliche Pressevertreter auftreten, sind in Bayern inzwischen bekannt. So gelangte bei der Gerichtsverhandlung gegen den Ottobrunner Neonazi Norman Bordin und Philipp G. ein bekannter Neonazi aus dem Raum München erfolgreich in die reservierten Presseplätze und konnte gegenüber Journalisten eine regelrechte Drohkulisse aufbauen, weil er sich zuvor bei den Justizbeamten mit einem Presseausweis als vermeintlicher Journalist ausgab.

Dass Neonazis dabei so ungestört agieren und ihre „Anti-Antifa-Archive“ füllen können, wird für engagierte Personen zusehends zu einem großen Problem. Prinzipiell jeder, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert, muss mittlerweile befürchten, öffentlich mit Bild und einem diffamierenden Text auf Nazi-Websites angeprangert zu werden. Ziel dieser so genannten Outing-Artikel ist es, die Betroffenen einzuschüchtern, zu demoralisieren und ihren Ruf öffentlich zu zerstören. Engagierte Bürger sollen dadurch gezielt psychisch unter Druck gesetzt und zum Aufgeben bewegt werden. In vielen Fällen wird die Bebilderung solcher Artikel allerdings überhaupt erst möglich, weil „Anti-Antifa-Fotografen“ von Seiten der Polizei immer wieder derart viel Freiraum eingeräumt bekommen, kritisieren Betroffene regelmäßig.

DJV zeigt sich beunruhigt

Auch der DJV ist durch diese Entwicklung beunruhigt. „Das verurteilen wir auf das Schärfste. Offenbar versuchen Nazis, auf diese Weise durch Polizeiabsperrungen zu gelangen oder an Informationen zu kommen, die die Polizei den Medien gibt.“, sagt Hendrik Zörner. Außerdem informiere der Verband jedes Jahr die Polizeibehörden über den aktuell gültigen Presseausweis. Doch die konkrete Erfahrung vor Ort zeigt, dass viele eingesetzte Beamte von der Vielzahl unterschiedlicher Presseausweise häufig überfordert sind und auch auf Hinweise kaum reagieren.

Brüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!

Rainer Brüderle, Spitzenkandidat der FDP, soll anzügliche Sprüche gegenüber einer jungen Journalistin losgelassen und versucht haben, sich ihr körperlich zu nähern. Doch es geht nicht um Rainer Brüderle und Laura Himmelreich, sondern es geht um den ganz alltäglichen Sexismus, auch – aber nicht nur – in der Berufswelt.

Von Helene Heise*

Rainer Brüderle, Spitzenkandidat der FDP, soll anzügliche Sprüche gegenüber einer jungen Journalistin losgelassen haben. Das war vor einem Jahr: Nun hat der Stern diese Anekdote in einer großangelegten Geschichte über den Kandidaten und seine schmierigen Sprüche verwurstet. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung riecht wohlkalkuliert nach Aufmerksamkeitsheische zum Relaunch des Wochenblatts. Die FDP schreit „Schmierenkampagne“, der Stern widerspricht. Geschenkt. Der Anlass ist unwichtig.

Sexismus ist Scheiße (Foto: Gender Blog / CC BY-NC-SA 2.0)
(Foto: Gender Blog / CC BY-NC-SA 2.0)

Denn es geht nicht um Rainer Brüderle und Laura Himmelreich, sondern es geht, wie Patricia Dreyer es sehr treffend schreibt, um den ganz alltäglichen Sexismus, auch – aber nicht nur – in der Berufswelt. Und es geht bei weitem nicht nur um Journalistinnen, die von ältlichen Parteioberen mit überholtem Rollenbild in unangemessener Weise angegangen werden. Erst vor wenigen Tagen hat die Kollegin Annett Meiritz ihre Erfahrungen mit Sexismus in der Piratenpartei beschrieben – das ist übrigens der viel bessere Artikel zu diesem Thema.

Was haben Himmelreichs Kollegen eigentlich gemacht?

Aber das Beispiel von Frau Himmelreich und Herrn Brüderle zeigt sehr deutlich und beispielhaft, wie alltäglicher Sexismus funktioniert. Die Situation kann sich wohl jede Frau schmerzhaft deutlich vorstellen: Abends, nach dem Dreikönigstreffen der FDP, treffen sich Politiker und Journalisten an der Bar des Hotels. Eine sehr übliche Begegnung, denn hier werden im lockeren Rahmen die wirklich wichtigen Informationen weitergegeben. Der Politiker ist mindestens angetrunken und nähert sich in dieser durchaus öffentlichen Situation auf unangemessene Weise einer jungen Journalistin. Das darf er nicht. Aber fast noch schlimmer ist das Verhalten der umstehenden Kollegen: Was haben die eigentlich gemacht, als es für alle offensichtlich für die Journalistin unangenehm wurde? Zur Seite geguckt? Betreten? Aber nichts gesagt?

Das Problem ist, dass die junge Journalistin aus dieser Situation einfach nicht ohne Gesichtsverlust herauskommen kann. Erst wird sie nicht ernst genommen, von ihrer inhaltlichen und professionellen Kompetenz auf ihren Ausschnitt reduziert. Lächelt sie es weg, gibt sie dem Gegenüber recht, dass er sie so reduziert. Sagt sie etwas dazu in der eigentlich nötigen Schärfe, ist sie eine Zicke und unsouverän. Macht sie eine schlagfertige Bemerkung (und wünschen wir uns nicht alle in diesen Situationen, dass wir das, was uns zehn Minuten später einfällt, schon in diesem Moment im Kopf gehabt hätten?), wahrt sie vielleicht im Idealfall für beide – und die Umstehenden – halbwegs das Gesicht, hat aber wieder einmal nicht klar und deutlich gesagt, was diese Situation eigentlich ist; nämlich sexistisch.

Jede Frau kennt die Situation

„Stell dich nicht so an!“ heißt es nach solchen Situationen gern. Oder noch schlimmer: „Nimm’s als Kompliment.“ Wenn ein betrunkener älterer Mann Kommentare zum Ausschnitt macht? Das ist kein Kompliment, sondern eine Demütigung. Jede Frau kennt diese Situationen. Sie sind so alltäglich, dass wir sie meistens schon gar nicht mehr bemerken. Der hinterher gegrölte Kommentar in der S-Bahn. Der Typ, der sich breitbeinig auf die Bank gegenüber setzt und im Sitz immer weiter runter rutscht, bis seine Knie an deine stoßen. Der Versicherungsvertreter, der gönnerhaft die Tür aufhält, ganz zufällig landet seine Hand dabei sehr tief an deinem Rücken. Der Kollege, der dir mitten in der Nacht anzügliche Facebook-Nachrichten schickt. Und nicht zuletzt auch der andauernde Verdacht in der Arbeitswelt, dass eine Frau im gebärfähigen Alter nicht für voll genommen werden kann, denn sie könnte ja jederzeit ausfallen.

Wir haben uns daran gewöhnt, all das möglichst zu ignorieren, wegzulächeln. Mach dich nicht angreifbar. Was bringt es? Und außerdem wirkt es doch irgendwie unsouverän, daraus jetzt ein große Nummer zu machen. Aber wieso eigentlich? Es ist eine große Nummer! Es ist ein ums andere Mal herabwürdigend, so behandelt zu werden. Und es macht ein ums andere Mal unzufrieden, sich nicht laut und deutlich dagegen gewehrt zu haben.

*Helene Heise arbeitet als Freie Journalistin, hauptsächlich für den Norddeutschen Rundfunk

Siehe auch: Der “Focus” und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denkenGaming: Den Endsieg erleben, Doppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart,  In einem fernen Land …Quo vadis Piraten?Zwischen Testosteron und Tradition – Menstruation ist MensurneidPutzgutschein über 350 Millionen EuroNicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

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