Alte Kameraden

Rommels Fahrer, Himmlers Tochter oder Freiwillige der Waffen-SS sind gern gesehene Gäste auf Veteranen-Treffen. Auch mit Nazi-Kriegsverbrechern schmücken sich bis heute Neonazis. Bislang blieben die braunen Massenmörder in Deutschland oft unbehelligt, selbst wenn sie im Ausland rechtskräftig verurteilt wurden. Der Demjanjuk-Prozess sowie ein Urteil aus Karlsruhe könnten den ruhigen Lebensabend der NS-Täter noch stören.

Von Anton Maegerle

Das Oberlandesgericht (OLG) Karlsruhe hat Anfang August entschieden, dass 70 Jahre nach einem NS-Massaker in der Toskana gegen einen damaligen SS-Kompanieführer entgegen Entscheidungen anderer Instanzen Anklage erhoben werden kann. Jahrzehnte nach der militärischen Befreiung vom Nationalsozialismus sorgen ehemalige Mörder der Waffen-SS noch immer für bundesweite Schlagzeilen. Fakt ist jedoch, dass viele der einstigen Schergen der SS und des NS-Apparates weithin ungeschoren von bundesdeutschen Gerichten ihren Lebensabend genießen können. Einzelne Unbelehrbare unter ihnen sind sogar weiterhin in rechtsextremen Kreisen aktiv und glorifizieren als Zeugen der Erlebnisgeneration ihr damaliges verbrecherisches Handeln.

Am 12. August 1944 hatten Angehörige der 16. Panzergrenadierdivision Reichsführer-SS im toskanischen Bergdorf Sant`Anna di Stazzema ein Massaker an 560 Zivilisten, darunter mehr als 100 Kinder, verübt. Die Opfer, das jüngste war gerade 20 Tage alt, wurden erschossen oder mit Handgranaten getötet. In der Bundesrepublik wurde das Massaker juristisch nie aufgearbeitet. In einer juristischen Wende hat das Oberlandesgericht Karlsruhe (Az. Ws 285/13) am 5. August entschieden, dass gegen den SS-Untersturmführer Gerhard Sommer (Jg. 1921) doch noch Anklage erhoben werden kann und frühere Bescheide damit aufgehoben seien.

Tafel für die Opfer des deutschen Massakers. (Foto: Hans Peter Schaefer http://www.reserv-a-rt.de)
Tafel für die Opfer des deutschen Massakers. (Foto: Hans Peter Schaefer http://www.reserv-a-rt.de)

Das OLG hob mit dem Beschluss Bescheide der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart auf. Die Staatsanwaltschaft hatte 2012 die Ermittlungen eingestellt, weil den damals noch 17 in der Bundesrepublik lebenden Beschuldigten keine Morde hätten nachgewiesen werden können. Sommer, letzter verbliebener Beschuldigter, sei „hinreichend verdächtig“, an dem Massaker „in strafrechtlich verantwortlicher Weise“ beteiligt gewesen zu sein, so das OLG. Es gebe auch „keine vernünftigen Zweifel“, dass ihm bekannt gewesen sei, dass sich die mörderische Aktion nicht nur gegen Partisanen, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung richten sollte. Bereits im Juni 2010 verurteilte ein Militärgericht im italienischen La Spezia Sommer und weitere neun beteiligte frühere SS-Angehörige in Abwesenheit wegen „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ zu lebenslanger Haft. Verbüßt wurden diese Strafen nicht. Sommer lebt in einem Altersheim in Hamburg. Aufgrund der Entscheidung des OLG Karlsruhe kann die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen Sommer erheben.

MEISTGESUCHTER KRIEGSVERBRECHER DÄNEMARKS

Auf der achtköpfigen Liste der weltweit meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Center mit Hauptsitz in Los Angelos findet sich der gebürtige Däne Sören Kam (Jg. 1921). Der meistgesuchte Kriegsverbrecher Dänemarks, seit 1956 bundesdeutscher Staatsbürger, lebt seit Jahrzehnten unter seinem richtigen Namen, ordentlich gemeldet im bayrischen Kempten. In Dänemark wurde der ehemalige SS-Obersturmführer und Ritterkreuzträger nach Kriegsende in Abwesenheit wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Bestraft oder auch nur vor Gericht gestellt wurde er im Freistaat Bayern nie. Zuletzt hat das Oberlandesgericht München im Februar 2007 die Auslieferung von Kam in sein Heimatland abgelehnt.

Propaganda-Motiv der dänischen Nazi-Organisation "Nationalsocialistisk Ungdom" (NSU).
Propaganda-Motiv der dänischen Nazi-Organisation „Nationalsocialistisk Ungdom“ (NSU).

Der Kopenhagener Kam war ab 1937 Mitglied der Jugendorganisation der Dänischen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSU). Im April 1940 gehörte Kam zu den ersten 40 Dänen, die sich freiwillig zur Waffen-SS (SS-Nummer 456059) meldeten. 1943 führte er zeitweilig die Schalburg-Schule in Höveltegaard nahe Kopenhagen. Diese Schule gehörte zum Schalburg-Korps, wie die Bezeichnung für die Germanische SS in Dänemark lautete. In dieser Zeit war Kam sowohl an der Gefangennahme von dänischen Juden als auch bei einer sogenannten „Säuberungsaktion“ beteiligt. Die deutschen Besatzer und ihre dänischen Kollaborateure ermordeten bei dieser „Säuberungsaktion“ im Herbst 1943 mindestens 125 Menschen. Eines der Opfer war der Journalist und Widerstandskämpfer Carl Henrik Clemmensen. Clemmensen, während der deutschen Okkupation Reporter der Zeitung „Berlingske Tidende“, war kurz vor seiner Ermordung einem Journalisten von dem Nazi-Blatt „Fadrelandet“ begegnet. Er soll vor dem Kollaborateur ausgespuckt und diesen als Landesverräter beschimpft haben. Daraufhin wurde er am Abend des 30. August 1943 in Lyngby bei Kopenhagen von Kam und zwei weiteren Waffen-SS-Kameraden ermordet.

Der Ablauf der Tat ist genau bekannt. Das Trio hatte das Mordopfer zunächst bis zu dessen Wohnung verfolgt, dann entführt, gequält und schließlich an einem Straßenrand exekutiert. Der Journalist wurde mit acht Schüssen niedergestreckt. Vier der Einschüsse, die bei der Autopsie im Leichnam des Journalisten gefunden wurden, stammten aus Kams Pistole. Einer der beiden Mordkumpane von Kam wurde für seine Tatbeteiligung nach Kriegsende zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet; der dritte Tatbeteiligte tauchte bei Kriegsende unter und ist bis heute verschwunden. Nach seinem Einsatz in Dänemark wütete Kam als Kompanieführer des 1. Bataillons des SS-Panzer-Grenadierregimentes „Germania“ in der 5.SS-Panzerdivision „Wiking“ an der Ostfront. In einer Beurteilung aus jener Zeit heißt es über Kam: „Eine ausgesprochene Führerpersönlichkeit, trotz des jugendlichen Alters reife und gefestigte Lebensgrundsätze. er weiß, was er will. Klar und offen in seiner Haltung. … Körperlich sehr groß, schlank, bestechendes nordisch bestimmtes Erscheinungsbild.“

Die Entscheidung des OLG München vom Februar 2007, Kam nicht nach Dänemark auszuliefern, sei „ein weiterer Fall von unangebrachtem Wohlwollen der deutschen Justiz für einen verachtenswerten Nazi-Kollaborateur“, sagte Efraim Zuroff, der Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem. Die deutsche Justiz habe „alles in ihrer Macht stehende unternommen, ihn seiner gerechten Strafe zu entziehen“. Das OLG München hatte den Auslieferungsantrag des dänischen Justizministeriums mit den Worten abgelehnt, dass Totschlag nach deutschem Recht verjährt sei. Für Mord gebe es keinen hinreichenden Tatverdacht, so das Gericht. Gegen die Entscheidung sei kein Rechtsmittel zulässig. Ein erstes, mehrere Jahre dauerndes Ermittlungsverfahren gegen Kam war im April 1971 aus Beweisgründen eingestellt worden.

HIMMLER-TOCHTER BEI VETERANEN-TREFFEN

Dass der in Vergessenheit geratene Kam nach mehr als zwei Jahrzehnten erneut ins Blickfeld der Justiz und erstmals ins Visier der Öffentlichkeit geriet, hat sich der SS-Mann selbst zuzuschreiben. Seine Leidenschaft, Treffen mit Ewiggestrigen zu besuchen, riss ihn aus seiner bayerischen Heimeligkeit. Im Oktober 1995 nahm Kam, geschmückt mit dem im Februar 1945 verliehenen Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes, an der „Ulrichsberg-Gedenkfeier“ bei Klagenfurt in Österreich teil. Bei der Feier zu Ehren gefallener Soldaten des Zweiten Weltkrieges marschieren alljährlich ehemalige Wehrmachtssoldaten, SS-Veteranen, Burschenschafter und Neonazis aus der ganzen Welt auf. Aus der Bundesrepublik sind regelmäßig Angehörige der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS“, des „Kameradenwerkes Korps Steiner“, der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ und der „Kameradschaft Freikorps Oberland“ zugegen. Am Rande dieser Veranstaltung im Oktober 1995 fand in Krumpendorf am Wörthersee ein von der österreichischen SS-Veteranenorganisation „Kameradschaft IV“ veranstalteter „Europaabend“ statt. Festredner war der damalige FPÖ-Vorsitzende Jörg Haider. In seiner Rede führte Haider aus: „Dass es in dieser regen Zeit, wo es noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind. […] Wir geben Geld für Terroristen, für gewalttätige Zeitungen, für arbeitsscheues Gesindel, und wir haben kein Geld für anständige Menschen.“ Logiert wurde wie in den Jahren zuvor im „Hotel Rosenheim“. Vor Ort war auch Gudrun Burwitz, die Tochter von Reichsführer-SS Heinrich Himmler. Zu diesem Zeitpunkt wirkte Burwitz als Grand Dame für die „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“, eine Gefangenenhilfsorganisation für Nazis und NS-Kriegsverbrecher. Filmaufnahmen dieses Treffens gelangten an die Öffentlichkeit und Kam wurde von dänischen Journalisten erkannt. Diese suchten Kam in seinem Reihenhausbungalow in Kempten auf. Kam erzählte ihnen, dass er CSU-Stammwähler und früher Verkaufsleiter einer bayerischen Brauerei gewesen sei.

Im Jahr 2000 verfasste Kam das Geleitwort für das beim rechtsextremen Munin-Verlag erschienene Buch „Europas Freiwillige der Waffen-SS“. In dem Buch werden in „beeindruckender Genauigkeit“ die „persönlichen und militärischen Lebensläufe“ der „europäischen Freiwilligen anhand originalen Quellenmaterials recherchiert und in spannenden und gut lesbaren Einzelbiographien wiedergegeben“, so die Verlagswerbung. Kam beendet seinen Beitrag mit den Worten: „Wir sind davon überzeugt, dass unser Kampf für ein freies Europa eines Tages seine gerechte Würdigung findet.“

Im baden-württembergischen Göppingen-Bartenbach wohnt Wilhelm Langsam. Der Veteran des Deutschen Afrikakorps spricht bis heute in rechtsextremen Kreisen „über seine bewegte Zeit in Nordafrika“. Einen seiner jüngsten Referatsaufritte hatte Langsam am 15. März 2014 bei der „Identitären Bewegung“ im schwäbischen Ellwangen (Regierungsbezirk Stuttgart). Vor Ort hatten sich 90 Personen, darunter auch Gäste aus der Schweiz, eingefunden. Am Ende des zweistündigen Vortrags dankte das Publikum dem Ewiggestrigen „mit kräftigem Applaus“ für den „unverfälschten Einblick in diese bewegte Zeit“, so ein Szene-Bericht. Über einen Diavortrag von Langsam war auf der Homepage des NPD-Kreisverbandes Heilbronn (Regierungsbezirk Stuttgart) zu lesen: „In einem konservativ und christlich geprägten bäuerlichen Elternhaus in der Nähe von Cottbus aufgewachsen, imponierte ihm die durch den Nationalsozialismus entstandene Ordnung und Solidargemeinschaft. … Er meldet sich freiwillig zur Waffen-SS. … Er bedauerte zutiefst, dass sein Vaterland Deutschland, diesen ihm aufgezwungenen Kriege, gegen eine ungeheure Übermacht, letztlich verlieren musste. … Nach langem Bemühen konnte er mit den Verantwortlichen der NPD Kontakt aufnehmen. Seine bisherigen Eindrücke vom politischen Wollen dieser Partei und dies, auch und gerade, im Zusammenhang mit der Entwicklung unseres Volkes und Staates, ließen ihn jetzt zu der Erkenntnis kommen, dass seine Lebensmaximen und die der NPD im wesentlichen Deckungsgleich sind.“ (Fehler im Original). Seinen Vortrag beendete Langsam mit den Worten: „Ich bin einer von Euch“.

ROMMELS FAHRER BEI NEONAZIS

Unter konspirativen Umständen fand am 11. Mai 2013 in Sachsen ein von Neonazis veranstalteter sogenannter „Zeitzeugenvortrag“ statt. Geladen neben dem Dauerreferenten Langsam war Rudolf Schneider aus dem sächsischen Stauchitz (Landkreis Meißen). Schneider war als 19-jähriger Obergefreiter Fahrer des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel. Für die Sprengung eines britischen Munitionslagers wurde der heute 91-Jährige mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse, der dritthöchsten Auszeichnung für Wehrmachtssoldaten, ausgezeichnet. Dem 2013 erschienenen Buch „Als Flaksoldat beim Afrikakorps: Von Thüringen nach Tobruk“ steuerte Schneider ein Geleitwort bei. Unbeirrt von der Realität vertritt die Schneider die Auffassung: „Wir haben nicht gewusst, dass die in Berlin Verbrecher waren. Das lastet man uns heute noch an, und das ist nicht in Ordnung.“

Nazi-Propaganda für das Deutsche Afrikakorps
Nazi-Propaganda für das Deutsche Afrikakorps

Gern gesehener Gast in rechtsextremen Kreisen ist auch der Waffen-SS-Freiwillige Kurt Barckhausen (Jg. 1923) aus dem hessischen Kassel. Der einstige SS-Untersturmführer der 3. SS-Division Totenkopf Barckhausen war Redner bei einer Veranstaltung des Kreisverbandes Hamm der Neonazi-Partei Die Rechte am 30. November 2013. In einem Szene-Bericht heißt es über seinen Auftritt vor den nordrhein-westfälischen Neonazis: „Barckhausen erwähnte nachdrücklich, dass er seinen Eid, den er als Soldat geschworen hat, bis heute nicht gebrochen hat, was vom Publikum mit lebhaftem Applaus und stehenden Ovationen nach Beendigung seines Vortrages beantwortet wurde.“

Im Dezember 2013 wurde der im schwäbischen Aalen lebende gebürtige Litauer Hans Lipschis (Jg. 1919; Geburtsname: Antanas Lipsys) vom Landgericht Ellwangen wegen Demenz nach siebenmonatiger Haft aus der Untersuchungshaft entlassen. Er muss sich nicht vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte Lipschis vorgeworfen, zwischen 1941 und 1943 in zwölf Fällen zum heimtückischen und grausam begangenen Mord an 10510 Menschen Hilfe geleistet zu haben. Der einstige KZ-Wachmann im Vernichtungslager Auschwitz tat wahrscheinlich auch Dienst an der berüchtigten Rampe des Lagers. Lipschis von Beruf Bäcker, will in Auschwitz jedoch lediglich „als Koch“ die SS-Wachmannschaften bekocht haben. Von der industriell betriebenen Massenvernichtung von Menschen will er nur gehört haben. Gesehen habe er nichts, behauptete er vor Jahren gegenüber den Medien. Der SS-Rottenführer, der der 6.SS-Totenkopf-Kompanie angehörte, war Anfang der 1980er Jahre aus den USA ausgewiesen worden. In Auschwitz, dem größten Vernichtungslager der Nazis, starben 1,1 Millionen Menschen. Fast keiner der Täter wurde bestraft. 8.200 SS-Angehörige waren in Auschwitz Teil der Mord-Maschinerie; 6.500 von ihnen überlebten den Krieg. Bis zum Sommer 2014 wurden von diesen Tätern nicht einmal 50 vor deutsche Gerichte gestellt. 29 SS-Leute wurden in der alten und neuen Bundesrepublik verurteilt. Rund 20 in der DDR.

2013 stellte die Staatsanwaltschaft Halle die Ermittlungen gegen Johannes Adam (Jg. 1923) wegen des Verdachts der mehrfachen Beihilfe zum Mord in seiner Zeit als SS-Rottenführer in Auschwitz, vorrangig im Außenlager Monowitz, ein. Adam sei weder vernehmungs- noch verhandlungsfähig, hieß es. Adam war von 1978 bis 1982 Vorsitzender der Gesellschaft für physikalische und mathematische Biologie bei der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1988 beendete er seine Universitätslaufbahn.

UNBESCHWERTER LEBENSABEND FÜR NS-MASSENMÖRDER

Vor einem bundesdeutschen Gericht musste sich auch nie der einstige SS-Standartenführer Martin Sandberger (Jg. 1911) verantworten. Der Chefexekutor der Endlösung in Estland hatte seinen Lebensabend unbeschwert bis zu seinem Tod im März 2010 in einem luxuriösen christlichen Stuttgarter Seniorenstift genießen können. Sandberger, Chef der Einsatzgruppe A, war verantwortlich für die komplette Auslöschung der estnischen Juden. Beim Nürnberger Einsatzgruppen-Prozeß wurde Sandberger im April 1948 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde im Januar 1951 zu einer lebenslangen Haftstrafe umgewandelt und später aufgehoben. 1958 wurde Sandberger, für den sich viel Prominenz, unter anderem Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) eingesetzt hatte, in die Freiheit und seine Versorgungsansprüche entlassen.

KZ-Wachmann in Auschwitz war neben Lipschis unter anderem der am 23. Juli in den USA im Alter von 89 Jahren verstorbene Johann Breyer (89). Im August wollte ein US-Gericht über den in Untersuchungshaft einsitzenden Breyer entscheiden. Die Auslieferung in die Bundesrepublik galt als wahrscheinlich. Die bundesdeutsche Justiz hatte 2012 ein Ermittlungsverfahren gegen Breyer eingeleitet. Breyer wurde im Zusammenhang mit der Ermordung von Hunderttausenden Juden in Auschwitz und Buchenwald gesucht. Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen warf ihm „einen wesentlichen Tatbeitrag“ bei der Tötung von mindestens 344.000 Menschen vor. Allein zwischen dem 19. Mai und 22. Juli 1944 seien in Auschwitz-Birkenau 137 Züge mit mehr als 433.000 ungarischen Juden eingetroffen, die größtenteils sofort umgebracht worden sind. Ein Prozess gegen Breyer wäre seit fast 40 Jahren wieder der erste Kriegsverbrecherprozess gegen einen ehemaligen Wachmann aus dem größten NS-Vernichtungslager gewesen.

Das Urteil des Landgerichts II München gegen John Demjanjuk im Mai 2011 hat die Sichtweise der Justiz auf KZ-Aufseher verändert. Demjanjuk, der Wachmann im Lager Sobibor war, konnte kein konkreter Mord nachgewiesen werden. Der SS-Scherge wurde wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Es war das erste Mal seit den 1960er Jahren, dass in der Bundesrepublik ein NS-Helfer verurteilt wurde, dem keine konkrete Tat zugeschrieben werden konnte. Das Gericht sah es aber als erwiesen werden, dass Demjanjuk „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ in Sobibor gewesen war. Damit war ein Präzedenzfall geschaffen. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg weitete daraufhin ihre Ermittlungen aus. Anfang April 2013 gab die Zentrale Stelle bekannt, dass sie nicht mehr nur die Kommandeure und leitenden Funktionäre der NS-Vernichtungsmaschinerie im Visier habe. Auch die niederen Dienstgrade wie Aufseher sollen jetzt vor Gericht gestellt werden. „Die pure Anwesenheit genügt, dazu gehört etwa auch der Dienst auf den Wachtürmen“, sagte der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, Kurt Schrimm. Bereits in den 1960er Jahren hatte es vereinzelte Urteile gegen Wachleute von Vernichtungslagern gegeben. So wurde 1966 Alfred Ittner, SS-Oberscharführer, für seine Verwaltungstätigkeit als Buchhalter in Sobibor zu vier Jahren Gefängnis verurteilt – wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 68.000 Menschen. Der Bundesgerichtshof (BGH) bestätigte das Urteil. Der Nachweis von Einzeltaten sei demnach nicht notwendig.

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a „Selektion“ on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the „Kanada“ section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

Im März wurde der einstige SS-Oberscharführer in Auschwitz, Ernst-Hubert Zafke (Jg. 1920), in die Untersuchungshaft im mecklenburg-vorpommerschen Justizvollzugsanstalt (JVA) Bützow überstellt. Der zwischenzeitlich wieder auf freiem Fuß befindende Zafke soll in Auschwitz den Massenmord unterstützt haben. Kurz nach der Inhaftierung von Zafke berichtete das Neonazi-Internetportal „Altermedia“ über den Fall und appellierte an die Nachwuchs-Kameraden: „Er wird sich über Solidaritätsbekundungen sicher freuen.“ Verteidiger von Zafke ist Peter-Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR.

An der Mordaktion im französischen Oradour soll der damals 19-jährige Kölner Werner Christukat beteiligt gewesen sein. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den einstigen MG-Schützen erhoben. Am 10. Juni 1944 fiel die 3. Kompanie des 1. Bataillons des SS-Panzergrenadier-Regiments 4 „Der Führer“ ins südwestfranzösische Oradour-sur-Glane ein. Sie äscherten Oradour sprichwörtlich ein. Laut Anklage wurden 181 Männer, 254 Frauen und 207 Kinder ermordet. Ein Baby war gerade eine Woche alt. Oradour war eines der schlimmsten Massaker der Waffen-SS in Westeuropa. Christukat will nicht geschossen haben.

LETZTER NOCH LEBENDER IN DEN NIEDERLANDEN GEBORENE NS-VERBRECHER AUF DEUTSCHEM BODEN

Von seiner Vergangenheit wurde am 21. September der in der Hansestadt Breckerfeld im nordwestlichen Sauerland wohnhafte ehemalige niederländische SS-Unterscharführer Siert Bruins alias Siegfried Bruns (Jg. 1921) eingeholt. An diesem Tag jährte sich der 70. Jahrestag der Ermordung des 37-jährigen niederländischen Widerstandskämpfers Aldert Klaas Dijkema. Der heutige Deutsche Bruins soll gemeinsam mit einem bereits nicht mehr lebenden Mittäter als Angehöriger einer Polizeieinheit im niederländischen Delfzijl (Provinz Groningen) Dijkema am 21. September 1944 erschossen haben. Das Opfer wurde auf der „Flucht“ von hinten erschosssen, die Hände noch in den Taschen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Alliierten bereits auf dem Vormarsch in den Niederlande.

In den Niederlanden ist Bruins wegen seiner Brutalität bei der Bekämpfung des örtlichen Widerstands als „Henker von Appingedam“ bekannt. So war er nach seinem Einsatz an der Ostfront beim Sicherheitsdienst (SD) in der Hafenstadt Delfzijl bei Appingedam tätig und jagte untergetauchte Juden. Wegen Beihilfe zum Mord an zwei niederländischen Juden in Delfzijl sass er später fünf Jahre Haft ab. Der Waffen-SS-Freiwillige flüchtete kurz vor der Befreiung der Niederlande nach Deutschland. Ein niederländisches Gericht verurteilte ihn 1949 in Abwesenheit zum Tod, das Urteil wurde später in lebenslänglich umgewandelt. Am 8. Januar 2014 hat das Landgericht Hagen entschieden, das Verfahren gegen Bruins einzustellen. Das Gericht sah sich außerstande nachzuweisen, dass das Mordmerkmal der Heimtücke vorhanden war. Nur Totschlag war nachweisbar. Und der ist -wie im Fall Sören Kam- verjährt. Obwohl das Gericht bestätigte, dass Bruins am Tatort war und geschossen hat, konnte der Täter unbestraft das Gericht verlassen. Bruins dürfte der letzte noch lebende in den Niederlanden geborene NS-Verbrecher auf deutschem Boden sein.

SS-LITERATUR

SS-apologetische Literatur ist beim rechtsextremen Verlagsimperium der Lesen & Schenken GmbH des norddeutschen Verlegers Dietmar Munier (Jg. 1954) haufenweise zu erwerben. Der Verlagskomplex bietet Bücher an wie „Mit der Leibstandarte am Feind“, „Die Ritterkreuzträger der Waffen-SS“, „Die Hölle von Kursk. SS-Grenadiere 1943 im Kampf“, „Im letzten Aufgebot 1944-1945. Die 18.SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division Horst Wessel“, „Scharfschützen in der Waffen-SS“ und „SS-Kavallerie im Osten. Vom 1.SS-Totenkopf-Reiterregiment zur SS-Reiter-Brigade Fegelein“. Im Angebot führt die in Schleswig-Holstein beheimatete Mediengruppe „Lesen & Schenken“ mit Sitz in Martensrade (Kreis Plön) auch die im dritten Jahrgang erscheinende Waffen-SS-treue Zweimonatszeitschrift „Deutsche Militärzeitschrift – Zeitgeschichte“. Den Abonnenten der Zeitschrift wurde im September der DMZ-Farbbildkalender „Männer der Waffen-SS 2015“ zugeschickt. Der Kalender zeigt „13 Männer dieser verfemten Truppe unverfälscht“, so das Schreiben an die „verehrten Leser von DMZ-Zeitgeschichte“. Einer dieser „Männer der Waffen-SS“ ist Sören Kam. Nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks (NDR) erwirtschaftete das Munier-Unternehmen allein im Jahr 2010 rund drei Millionen Euro.

Soldaten der Waffen-SS bei der Gefangennahme eines Kindes in Russland. (Datierung Juli – August 1943. Quelle: Bundesarchiv Bild 101III-Niquille-067-24)
Soldaten der Waffen-SS bei der Gefangennahme eines Kindes in Russland. (Datierung Juli – August 1943. Quelle: Bundesarchiv Bild 101III-Niquille-067-24)

In einer der jüngsten Ausgaben von „DMZ Zeitgeschichte“ findet sich ein Interview mit dem emeritierten Professor der Bundeswehrhochschule München, Franz Seidler (Jg. 1933). Ganz im Sinne des Fragestellers schwadroniert der seit Jahren in rechtsextremen Zusammenhängen aktive Seidler von der „angeblichen“ Grausamkeit der Waffen-SS. Auf die Frage „Wie erging es den Angehörigen der Waffen-SS in den Kriegsgefangenenlagern nach der Kapitulation der Wehrmacht?“, antwortet Seidler: „Angehörige der Einheiten, denen man Kriegsverbrechen unterstellte, und Waffen-SS-Soldaten, die einmal Dienst in einem KZ getan hatten, wurden besonders befragt, manchmal unter Zuhilfenahme falscher Zeugen und manchmal unter Anwendung von Folter.“

Die faschistische Kulturfabrik

Vor ein paar Tagen ist Ciro Esposito gestorben, ein junger Fan von Napoli, ermordet durch die Schüsse des hochrangigen Römer Faschisten Daniele De Santis. Das Buch „Casa Pound Italia: Mussolinis Erben“ von Heiko Koch widmet sich dem Paradeprojekt der intellektuellen Rechten, der in Rom geborenen Bewegung Casa Pound Italia.

Von Kai Tippmann, Altravita

„Seit 10 Jahren existiert die populistische Bewegung CasaPound Italia. Ihre Wurzeln sieht sie im historischen Faschismus zu Beginn der 1920er Jahre; in der Zeit als der italienische Faschismus noch nicht Bewegung mit revolutionärem Anstrich war und sich mit Terror und Gewalt den Weg zur Macht ebnete.“

Ich bin ein großer Fan davon, sich mit Dingen auseinanderzusetzen und sich eine fundierte Meinung zu bilden, Mechanismen und Hintergründe zu erkennen, zu verstehen und nicht beim Slogan stehenzubleiben. Das gilt besonders für Dinge, die mir nicht gefallen. Eines der erfolgreichsten Projekte Italiens ist die von Gianluca Iannone, eloquenter Sänger der Rechtsrockband ZetaZeroAlfa, gegründete Casa Pound-Bewegung. Ausgehend von einem besetzten Haus in Rom haben sich diese Zentren unter dem Siegel der Schildkröte mittlerweile in ganz Italien verbreitet. Medienwirksame Aktionen, ein lebendiger Auftritt im Internet, erfolgreiche europäische Vernetzungen, Verwurzelung in der Musikszene, ein eigener Kleidungsstil und die Adaption und Umwidmung popkultureller Phänomene und Symboliken sorgen für regen Zulauf in Italien. Grundlage für diesen Erfolg ist vor allem auch ein unpolitischer Anstrich und das Andocken an bereits bestehende jugendliche Subkulturen – wie z.B. Ultràs -, der sich als niedrigschwelliges Angebot übersetzen lässt.

Casa Pound
Faschismus goes Popkultur: Das Casa Pound in Rom

Hoch anzurechnen ist dem Autoren hierbei, dass er die vielschichtigen Aktivitäten und Ausdrucksformen von Casa Pound detailliert, kenntnisreich, aber eben auch unaufgeregt und sachlich darstellt und dabei spannend lesbar aufbereitet. Es gelingt Heiko Koch, die verwendete Symbolik und Sprache aufzubereiten und so als das darzulegen, was es ist: eine ungemein erfolgreiche, aber eben auch höchst politische Initiative der extremen Rechten. Er schlüsselt historische Verweise auf, erklärt und demaskiert und lässt so den Leser nachvollziehen, was hinter vordergründig unpolitischem Auftreten, aber auch eigentlich positiv erscheinenden Formen sozialer Aktivität, Hilfe für Arme, Einsatz für Naturschutz und Einsatz für mehr Bildung eben immer steckt: der Versuch, ein gescheitertes Modell durch popkulturellen Zuckerguss als innovativ und revolutionär zu verkaufen.

„Dort, wo sich der italienische Staat partiell von seiner Verantwortung zurückgezogen hatte, engagierte sich Casa Pound. So ersetzten die Faschisten, zwar nur temporär und im sehr Kleinen, aber in Zeiten der Not, den Staat. Man muss kaum betonen, wie positiv sich dies auf das Renommee der CasaPound innerhalb der Bevölkerung auswirkte und wie phantastisch dies in ihr Propagandakonzept passte. Derart gut beleumundet baute sich La Salamandra in den letzten Jahren zu einer kleinen, aber landesweit aktiven Zivilschutzorganisation auf. Sie engagiert sich im Alltag der Kommunen, räumt Schnee beiseite, leistet Aufräumarbeiten bei Überschwemmungen […] oder verteilt, wie Anfang Dezember 2012 (ganz Winterhilfswerk des Deutschen Volkes), Decken an frierende Obdachlose in Mailand und Rom.“

Denn wenn man Casa Pound verstehen will, muss man sich unter die Oberfläche begeben, hinter die Fassade einer scheinbar modernen, in ihren Ausdrucksformen durchaus innovativen Bewegung blicken. Und Koch ist hingegangen, hat verschiedene faschistische Zentren und Läden (nicht nur in Rom) aufgesucht, sich vor Ort unterhalten, ein Bild gemacht. Ebenso hat er sich Originalmaterialien beschafft, mit den diversen Antifagruppierungen und Experten geredet. Er hat dutzende Websites durchforstet, die Biografien von direkt beteiligten oder referenzierten Politikern, Literaten, Malern oder Sängern durchleuchtet. Und er entlarvt Casa Pound als das, was es ist: modernes Copy & Paste-Marketing, ironisches Spiel mit kulturellen Versatzstücken, um eine alte Ideologie in das neue Jahrtausend zu heben. Eine durchaus clevere Strategie mit dem Ziel, einen Männerbund mit Gewaltfetisch als sozial wünschenswerte Antwort auf akute Probleme der Globalisierung zu verkaufen. Dass man dafür auch Che Guevara auf die Plakate druckt, unterdrückte Minderheiten im Ausland unterstützt, Erdbebenopfern hilft oder gegen staatliche Einschnitte ins Bildungswesen demonstriert, ist Mittel zum Zweck.

„Dabei ist es hilfreich, einer rechten Denktradition anzugehören, die, wenn auch 100 Jahre alt, linke Wurzeln aufweist. Ziel dieser Marketingfirma und Kulturfabrik ist, das Produkt Faschismus als uno stile di vita, als Lebensstil, an den Mann und die Frau zu bringen. […] Kulturkampf von rechts, in dem es zuerst eine kulturelle Hegemonie in der Gesellschaft zu erringen und die Herzen und Köpfe der Menschen zu gewinnen gilt, bevor es eine gelungene politische Wandlung geben kann.“

Unbedingte Leseempfehlung für alle politisch interessierten Menschen. Bestellen kann man das Buch z.B. beim Unrast-Verlag in Münster.

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Siehe auch: Das “Casa Pound” – Vorbild für deutsche NeonazisGianluca Casseri – der “italienische Breivik”

„Speziale Libero“: Die Meinungsfreiheit der anderen

Die Parole „Speziale Libero“ („Freiheit für Speziale“) ist zurzeit in vielen Fußballstadien zu lesen. Antonio Speziale ist ein sizilianischer Ultra, der 2007 bei Krawallen einen Polizisten getötet haben soll. 2012 wurde der zum Tatzeitpunkt 17-Jährige dafür letztinstanzlich zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Das Urteil ist wegen zahlreicher Ungereimtheiten umstritten. Doch statt sich mit dem Fall auseinanderzusetzen, streitet man in Italien und neuerdings auch hierzulande lieber darüber, ob man die Forderung nach Freiheit für Speziale in Fußballstadien äußern darf. Einige Medienvertreter glänzen dabei durch ein erstaunliches Verständnis von Meinungsfreiheit.

Von Andrej Reisin

Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)
Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)

Doch der Reihe nach: Bei Krawallen rund um das sizilianische Fußball-Derby zwischen Catania und Palermo am 2. Februar 2007 soll Antonio Speziale gemeinsam mit einem Mittäter die Blechverkleidung eines Waschbeckens nach dem Polizisten Filippo Raciti geworfen haben, und diesen damit angeblich tödlich verletzt haben. Zeugen dafür gibt es nicht. Niemand hat etwas gesehen: Keiner der Kollegen Racitis, kein Krawallmacher, kein Unbeteiligter.

Alles, was es gibt, sind die Aufnahmen zweier Überwachungskameras, die das Geschehen zwischen 19:04 und 19:09 Uhr zeigen: Man sieht, wie Speziale und sein Komplize den Gegenstand werfen, der übrigens laut Akten 1,16 Meter lang und 5,820 Kilogramm schwer ist. Eine zweite Kamera zeigt die Polizisten, in deren Richtung geworfen wird. Zu sehen sind Teile des Waschbeckens, die zur Erde fallen und und in Stücke zerspringen. Den getöteten Polizisten Raciti sieht man nicht. Auch sonst ist niemand zu sehen, der getroffen wird. Antonino Speziale hat genau diesen Tatbestand zugegeben: „Ich habe das Ding geworfen, aber niemanden getroffen„, so der Angeklagte.

Doch erst knapp 1,5 Stunden nach dem Speziale zur Last gelegten Angriff, bricht Raciti plötzlich zusammen. Die Ausschreitungen sind zu diesem Zeitpunkt weiter eskaliert. Ultras von Catania und Palermo bekriegen einander und die Polizei mit brutaler Gewalt: Es fliegen Steine, Feuerlöscher, Feuerwerkskörper und Rauchbomben. Um 20.34 Uhr bittet Raciti um Hilfe, weil es ihm schlecht gehe – und wird ohnmächtig. Im Krankenhaus wird ein Herzstillstand festgestellt, zudem großflächige Hämatome und innere Blutungen. Um 22:10 können die Ärzte nur noch den Tod feststellen. Die Obduktion ergibt später eine Verletzung der Lebervene durch äußere Gewalteinwirkung als Ursache der inneren Blutungen und damit des Todes.

Berechtigte Zweifel an der offiziellen Version

Doch wie plausibel ist es, dass jemand mit einer solchen Verletzung noch 90 Minuten lang mitten in schweren Krawallen Dienst tut und sogar andere Polizisten als deren Vorgesetzter kommandiert und anführt? Die Zweifel mehren sich, als ein anderer Polizist zunächst zu Protokoll gibt, er habe beim Zurücksetzen seines Jeeps inmitten von Panik, Rauch und Chaos (das Fahrzeug war bereits von den Ultras attackiert worden und besaß unter anderem keine Außenspiegel mehr) einen Aufprall verspürt und Raciti am Boden liegen sehen. Zudem wurden an Racitis Kleidung Farbspuren gefunden, die zur blauen Lackierung des Jeeps passen. Doch vor Gericht erinnert sich der Zeuge plötzlich anders als in der Vernehmung und gibt an, Raciti sei in Wirklichkeit viel weiter entfernt gewesen und er habe ihn auch nicht am Boden liegen sehen. Speziales Anwalt Giuseppe Lipera fasst die Beweisaufnahme so zusammen: „Der Moment, in dem Filippo Raciti die tödliche Verletzung beigebracht bekommen haben soll, wird von niemandem wahrgenommen – nicht einmal von ihm selbst.“

Selbst, wenn man nicht davon ausgeht, dass kaum eine westeuropäische Justiz derart zu Schlamperei, Verschleppung von Verfahren und Fehlurteilen neigt, wie die italienische (und all dies beklagen Menschenrechtsgruppen, Anwaltsvereine und sogar die europäische Kommission immerhin seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten), handelt es sich also um ein Urteil, an dem man berechtigte Zweifel haben kann. Zweifel, die zum Beispiel auch Italiens oberste Spurensicherer hatten: Der wissenschaftliche Dienst der Carabinieri (RIS – „Reparto investigazioni scientifiche“) kam in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass der in hohem Bogen geworfene Waschbecken-Blechmantel für Racitis schwere und tödliche Verletzungen (vier Rippenbrüche und der Riss der Leber) verantwortlich gewesen sein könne. Auch das höchste italienische Gericht, die Corte Suprema di Cassazione (der oberster Kassationsgerichtshof, vergleichbar mit dem BGH) in Rom scheint nicht restlos überzeugt: Denn es folgte am 7. Februar 2014 einem Antrag von Speziales Anwalt Lipera, der die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt hatte – und verwies das Verfahren zurück an das zuständige Revisionsgericht in Messina.

Hysterische Medien – illusionäre Berichte

Napoli-Ultra Gennaro De Tommaso (Foto: Screenshot Rai)
Napoli-Ultra Gennaro De Tommaso (Foto: Screenshot Rai)

So weit der Hintergrund zur Kurven-Solidarität mit einem möglicherweise unschuldig Inhaftierten, der vor einem deutschen Gericht aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wegen Totschlags verurteilt worden wäre, auch wenn man natürlich niemals nie sagen sollte. Doch diese Hintergründe sind vielen Medien offenbar weitgehend egal: Seit es beim italienischen Pokalfinale vor wenigen Wochen zu erneuten Ausschreitungen kam, in deren Folge ein Napoli-Fan eine schwere Schussverletzung davontrug, herrscht wie immer Hysterie. Zwar entpuppte sich der vermutliche Schütze binnen kürzester Zeit als stadtbekannter Römer Faschist und Gewaltverbrecher mit zahlreichen Vorstrafen, aber der Hauptskandal wird in Italien darin gesehen, dass der Vorsänger der Napoli-Kurve (die nach dem Vorfall mit dem Spielabbruch drohte) ein T-Shirt anhatte, auf dem „Speziale Libero“ zu lesen war. Nämlichem „Ultra-Chef Gennaro De Tommaso, alias „Genny der Schreckliche„, wie Hans-Jürgen Schlamp auf Spiegel Online meint, werden aufgrund seiner familiären Herkunft gute Beziehungen zur Mafia nachgesagt. Kai Tippmann ist auf altravita.com dagegen gut begründet anderer Meinung:

Erstaunlicherweise [gilt] “Genny” als Symbolmonster dieses blutigen Abends. Den Spitznamen hat er von seinem Vater, einem Camorra-Boss, geerbt. Entgegen der im Spiegel vorherrschenden Meinung, steht er für einen “Unglücksraben”. Unabhängig davon wüsste ich nicht, dass Schuld vom Vater auf den Sohn übertragen wird, jedenfalls nach 1945. Dem Publicity-Experten Roberto Saviano reicht das jedenfalls, um ihn zum Emblem dafür zu stilisieren, dass die Napoli-Kurve von der Mafia regiert wird. Deutlich besser belegt sind zwar entsprechende Infiltrationen in Parlament und Unternehmen, aber ältere Herren in Nadelstreifen eignen sich weniger, um das Böse zu illustrieren, als ein tätowierter Kerl mit “bösem Gesicht” auf einem Stadionzaun.

Birgit Schönau beklagt in der „Süddeutschen Zeitung“ (nicht online) wortreich, dass „von Berlin bis Lissabon, vom rumänischen Cluj-Napoca bis München“ der Spruch „Speziale Libero“ gezeigt werde. Ohne auf die näheren Umstände einzugehen, befindet sie anschließend:

Wer jetzt „Speziale libero“ skandiert, solidarisiert sich also erstens mit einem verurteilten Polizistenmörder und zweitens mit einem Handlanger der Camorra. Wissen das die Fans des FC Bayern, von Dortmund und von Hertha BSC, in deren Kurven dieses Spruchband erschien?

Die perfide Unverfrorenheit dieser Art von sogenanntem „Journalismus“ muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Erst werden die Leserinnen und Leser hinters Licht geführt, indem man ihnen entscheidende Informationen vorenthält (hier: Es gibt durchaus berechtigte Zweifel an der Verurteilung). Dann wird die angeblich sakrosante Trennung von Nachricht und Meinung (an die ich allerdings zugegebenermaßen auch nicht glaube – aber die SZ offenbar – oder wozu leistet man sich sonst extra Meinungsseiten?) flugs über Bord geworfen. Und mit juristischen Feinheiten, wie der sauberen Trennung zwischen Mord und Totschlag, die mir im 1. Semester Medienrecht eingebläut wurde, braucht man sich auf der Kanzel der Moralpredigt schon mal gar nicht aufhalten. Dazu erneut Kai Tippmann auf altravita.com:

Es geht nicht darum zu sagen, dass ein “Polizistenmörder” freigelassen werden soll, die Aussage lautet: “Antonio Speziale hat Philippo Raciti nicht getötet”. Eine Ansicht, eine nicht völlig unbegründete Meinung, die von jeder Menge Prozessbeobachtern geteilt wird und die im Übrigen von Artikel 21 selbst der italienischen Verfassung gedeckt ist, die das Recht auf freie Meinungsäußerung festschreibt. Selbst wenn man den Eindruck haben kann, dieser Passus sei in Fußballstadien lokal außer Kraft gesetzt.

Meinungsfreiheit? Aber nicht im Stadion!

Auch in deutschen Stadien herrscht im Grunde Meinungsfreiheit, die jedoch zuweilen vom Hausrecht und der Polizei außer Kraft gesetzt zu werden scheint. So zum Beispiel in Essen, wo der Sicherheitsbeauftragte von Rot-Weiß Essen den Ultras beim letzten Heimspiel der Saison mitteilte, „dass der Verein das sofortige Abhängen des Transparents wünscht“. Gemeint war „Speziale Libero“. Die Polizei bestätigte, sie habe ebenfalls darauf gedrängt, dass das Banner abgehängt wird. Warum scheint uninteressant. Strafrechtlich relevant ist das Banner keinesfalls, noch nicht mal nach Einschätzung der Beamten, die sich nach eigenen Angaben stattdessen auf die (strafrechtlich ebenfalls umstrittene) Verfolgung der gerufenen Parole „All cops are bastards – ACAB“ konzentrieren wollen.

Die Ultras Essen erklärten nach der Partie, man habe aus „Rücksicht auf die anderen Stadionbesucher kein zweites Szenario wie in Gelsenkirchen oder Hamburg mit unbeteiligten Verletzten“ herbeiführen wollen. Aus der Luft gegriffen ist diese Vorahnung keinesfalls: Beim letzten Rückrunden-Heimspiel des HSV kam es zu schweren Auseinandersetzungen, als die Polizei einen Block stürmte, um ein „ACAB“-Banner zu entfernen. Und in Gelsenkirchen wurden Dutzende Menschen verletzt, als die Polizei der Auffassung war, die mazedonische Fahne eines mit den Schalker Ultras befreundeten Klubs habe zu verschwinden.

Ein Plädoyer gegen die Meinungsfreiheit in der SZ

Doch Birgit Schönau geht flugs noch drei Schritte weiter:

Rom will jetzt ermitteln,ob es sich um italienische Einzeltäter handelt, die die Spruchbänder in die Kurven geschmuggelt haben – möglicherweise im Auftrag der Camorra. Oder doch um ein internationales Netz so genannter „Ultràs“, deren gemeinsamer Feind die Polizei ist. Beim DFB-Pokalfinale am Samstag in Berlin sollte der DFB genau in die Kurven schauen. Erst Montagabend waren die Funktionäre beim Training der Nationalmannschaft im Hamburger Millerntorstadion eingeschritten, um vom alten St. Pauli-Motto „Kein Fußball den Faschisten“ die beiden letzten Wörter zu verdecken. Die DFB-Veranstaltungsorte würden regelmäßig „neutralisiert“, rechtfertigte sich der Verband. In Hamburg stand nur noch: „Kein Fußball“ – die Aktion war unfreiwillig komisch. Hoffentlich wird es in Berlin nicht ernst.

Hier wird der DFB mehr oder minder aufgefordert beim Pokalfinale eventuelle Solidaritätsbekundungen zugunsten von Speziale zu unterbinden. Mithin: In der „Süddeutschen Zeitung“ fordert eine Journalistin die Einschränkung der Meinungsfreiheit anderer. Garniert wird das Ganze mit vollkommen unbelegten (und unhaltbaren) Spekulationen und Geraune über Mafia und Camorra und ein „internationales Netz so genannter Ultràs„. Die These von den in deutsche Kurven geschmuggelte Spruchbänder der Camorra ist derartig aus der Luft gegriffen, dass einem kaum Gegen-„Argumente“ einfallen mögen – schließlich wird ja nicht mal versucht jenseits wilder Assoziationsketten auch nur den geringsten handfesteren Hinweis vorzutragen. Nach exakt demselben Muster funktioniert übrigens der „Nachweis“ von „Chemtrails„. Da hilft nur noch ein Aluhut.

Solidarität mit einem Sündenbock

Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: "Kein Fussball den Faschisten". Foto: Jan Weckwerth
Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: „Kein Fussball den Faschisten“. Foto: Jan Weckwerth

Demgegenüber sieht das, was ich geneigt wäre, Realität zu nennen, in etwa so aus: Die Geschichte von Antonio Speziale ist in der Lesart vieler Kurvengänger die Geschichte eines bettelarmen 17-Jährigen aus einem Ghetto in Catania, eines Bauernopfers und Sündenbocks, der für alles herhalten muss, was in Italiens Fußball und Gesellschaft schiefläuft. Speziale ist für sie* kein Engel, kein unbescholtener Bürger, aber eben auch kein Totschläger oder gar Mörder. Das Gefühl, mit etwas Pech zur falschen Zeit am falschen Ort könnte man selbst dieser Speziale sein – das ist es, was diejenigen umtreibt, die ihre Solidarität zeigen. Ob man dieser Interpretation folgt oder nicht, ist irrelevant: Sie allein reicht aus, um für die entsprechenden Solidaritätsbekundungen zu sorgen.

Um das zu begreifen, muss man sich keine unbelegten Camorra- und Netzwerk-Geschichten ausdenken, es würde völlig ausreichen, wenn man wenigstens googeln könnte – und in kürzester Zeit auf das, das, das und das hier stoßen würde. Doch lieber folgt am Ende auch noch die hanebüchene Vermengung des Überklebens eines antifaschistischen Slogans (die italienische Nachkriegsrepublik bekannte sich einst zum Antifaschismus als Staatsziel, lang, lang ist’s her …) durch den DFB mit der Forderung nach einer Zensur der Solidaritätsbekenntnisse. In diesem Sinne: Alle Spruchbänder sind Polizistenmörder.

*siehe Kommentare

Italien: Schusswaffen gegen Flüchtlingsboote

„Wir waren sicher, keine Menschen zu treffen.“ Mit diesen Worten gibt die italienische Marine wohl erstmals offiziell zu, dass beim Versuch, Flüchtlingsboote vom eigenen Staatsgebiet fernzuhalten, auch Waffen eingesetzt werden.

Von Kai Tippmann, Altravita.com

Es hat in Italien bereits viele Gerüchte, Mutmaßungen oder Unterstellungen gegeben, was den Einsatz von Waffen gegen Flüchtlingsboote anging. Aber nun liegt eine offizielle Aussage vor:

„Am 9. November des letzten Jahres wurden von Bord der Fregatte Aliseo Schüsse abgegeben.“

Als Ultima Ratio, wie es in der Pressemitteilung heißt, um die Flucht der Schleuser zu verhindern. Und natürlich erst, nachdem man sich „mit absoluter Sicherheit“ davon überzeugt habe, keine Menschenleben zu gefährden. Wie man das eben so macht, wenn man von Kriegsschiffen auf Flüchtlingsboote schießt.

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Der von der „Repubblica“ in der heutigen Online-Ausgabe dokumentierte Sachverhalt ist die Reaktion auf die Ermittlungen des Militärstaatsanwalts Lucio Molinari, der dem Fall nachgeht. Insgesamt gab die „Aliseo“ demnach drei Maschinengewehrsalven ab, dazu neun Schuss Einzelfeuer über eine Distanz von 40 Metern. Einige Kugeln trafen das Heck des angeblich nur noch mit den Schleppern besetzten Flüchtlingsschiffs.

Militärstaatsanwalt Molinari setzt sich nun mit Fragen auseinander wie „Konnten diese Schüsse Menschen töten?“ oder „Wurden Befehle oder Anweisungen missachtet?“ Zunächst muss er nach eigener Aussage aber nachvollziehen, wie diese Anweisungen genau aussehen. Und hierin besteht auch der Kern, der an den Ermittlungen besonders interessant erscheint. Klar ist, dass die 16 festgenommenen ägyptischen Staatsbürger gerade ein Beiboot mit 176 syrischen Flüchtlingen in der „Straße von Sizilien“ sich selbst überlassen hatten.

Den Männern wird vorgeworfen, Mitglieder einer bekannten Schlepperbande zu sein, „einer kriminellen Vereinigung“, wie es im amtsitalienisch der Anklage heißt. Laut der Aussage des Oberstaatsanwalts von Catania, Giovanni Salvi, waren diese allerdings unbewaffnet. In den Prozessakten finden sich keine Hinweise auf Schusswaffen, die den Waffengebrauch der Marine ausgelöst haben könnten.

Kurzum: Welche Handlungsfreiheit haben die an der Operation „Mare Nostrum“ zur Flüchtlingsabwehr im Mittelmeer beteiligten Kriegsschiffe also? Antwort: Die Regeln, mit denen Europa seine südlichen Grenzen schützt, sind dem italienischen Militärstaatsanwalt (noch) gar nicht bekannt.

Ein Handyvideo zeigt die Schüsse auf das Schlepperboot.
Ein Handyvideo zeigt die Schüsse auf das Schlepperboot.
Das Schlepperboot
Das Schlepperboot in Schieflage

Zusätzliche Brisanz gewinnt der Fall durch ein Handyvideo von Bord der Fregatte, auf dem die Schüsse deutlich zu hören sind. Auch ist zu sehen, wie einzelne Treffer am Heck des Bootes einschlagen. Am Ende des Videos sieht man ein von dem Marineschiff in Schlepptau genommenes Boot langsam versinkt. Dabei handelt es sich offenbar um das Schiff der Ägypter. Bislang hatte das italienische Verteidgungsministerium behaupet, das Schiff sei wegen schlechten Wetters untergegangen. Folgt man dem Video kann man allerdings durchaus zu dem Schluss gelangen, dass es durch die Schüsse offenbar beschädigt und letztlich versenkt wurde.

Siehe auch: Hetze gegen Flüchtlinge: Ein echtes 90er Revival?, Deutsche Asylpolitik: Flüchtlinge sollen zurück nach Italien, AI: “EU für Tod von Flüchtlingen verantwortlich”,  Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge

Krim-Krise spaltet Europas Nationalisten

Der Konflikt um die Ukraine sorgt allerorts für hitzige Debatten – und besonders beinharte Ideologen stellt die Krise vor große Probleme. So hat die NPD zwar Kontakte mit Nationalisten aus der Ukraine gepflegt, doch dieses Bündnis steht nun zur Debatte. Viele Nationalisten halten es mit Russland, was auch für die Europawahl wichtig ist.

Von Patrick Gensing

Plakat der Forza Nuova in Rom (Foto: Patrick Gensing)
Plakat der Forza Nuova für die Konferenz in Rom (Foto: Patrick Gensing)

Am 1. März haben sich in Rom Nationalisten aus mehreren Ländern getroffen, um ein Bündnis für das Europa-Parlament auf den Weg zu bringen. Die italienische Forza Nuova lud dazu Redner aus Großbritannien, Griechenland, Spanien und Deutschland in einen Saal im Hotel Pineta Palace ein. Für das Treffen unter dem „hübschen“ Motto „Frei, souverän, bewaffnet“ wurde in Rom großflächig plakatiert.

Aus Großbritannien sprach der Chef der British National Party, Nick Griffin, bei dem Kongress vor zahlreichen Besuchern. Griffin betonte, im künftigen Europäischen Parlament sollten so viele Nationalisten wie möglich zusammen arbeiten. Der nationalistische Block müsse den Menschen in der EU eine radikale Alternative bieten. Was Griffin nicht erwähnte: Die Kooperation verschiedener Splitterparteien kann durchaus lukrativ sein, denn erst ab einer bestimmten Anzahl von Sitzen würden die extrem Rechten einen Status als Fraktion erreichen, was diverse Vorteile in Sachen Ausstattung und Rechten in der alltäglichen Arbeit des EU-Parlaments bringt. Dass die extreme Rechte die EU eigentlich ablehnt, spielt selbstverständlich ebenfalls keine Rolle.

„Le Pen auf falschem Kurs“

Doch die Probleme der extremen Rechten, eine Internationale der Nationalisten zu schmieden, sind altbekannt – und wurden auch in Rom schnell deutlich: Griffin sagte in einem Interview zu einer möglichen Zusammenarbeit mit Marine Le Pen aus Frankreich, der radikale Flügel des Front National sei der BNP ideologisch sicherlich ähnlich, doch Le Pen selbst wähle einen Mittelweg, um die Gunst der „zionistischen“ und „neokonservativen“ Elite zu erhaschen. Wenn sie erkenne, dass dieser Weg der falsche sei, würde man sie als Partnerin begrüßen, doch falls Le Pen ihre derzeitige Strategie weiter verfolge, müssten sich die europäischen Nationalisten in Frankreich neue Partner suchen.

Hintergrund dieses Konflikts ist unter anderem eine Grundsatzdebatte darüber, wie die extreme Rechte zu Israel steht. Während die modernisierte Variante der extremen Rechten eine Solidarität mit Israel im Kampf gegen die „Islamisierung“ benutzt, beharren eher nationalsozialistisch-orientierte Parteien auf ihrem krassen und offen völkischen Antisemitismus.

Für Russland, gegen EU und USA

Doch dieser Grabenkampf ist nicht der einzige, der die extreme Rechte beschäftigt. Aktuell bringt die Krise in der Ukraine die Ultra-Nationalisten in ideologische Schwierigkeiten. So betonte BNP-Chef Griffin, seine Partei unterstütze das Recht aller europäischen Völker zur Selbstbestimmung. Es sei beeindruckend, dass die Nationalisten in der Ukraine den Umsturz maßgeblich unterstützt hätten. Dies sei eigentlich eine gute Sache, so Griffin, allerdings würden die Nationalisten von den „Neocons“ der EU finanziert und gegen Russland benutzt, was eine sehr schlechte Sache sei. Denn der größte Feind der klassischen extremen Rechten bleibt der Westen und die USA.

Auf die Frage, ob Griffin in dem Ukraine-Konflikt also eher zu Putin als zu Obama halte, stellte Griffin klar: nicht nur in dieser, sondern in jeder Frage stehe er nicht auf der Seite der USA.

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Dies werden die Kameraden in Kiew nicht sonderlich gerne hören, denn sie hassen die Russen abgrundtief. Auf den Seiten des Rechten Sektors werden Russen als feige Kämpfer sowie Putin als Ratte dargestellt. Die einzelnen Beiträge in dem sozialen Netzwerk VK, sozusagen dem osteuropäischen und russischen Facebook, erhalten beachtliche Like-Zahlen.

Die NPD und die Swoboda

Das wiederum bringt die NPD in eine ungünstige Position. In Rom war Jens Pühse von der deutschen Nazi-Partei dabei. Pühse

Jens Pühse bei seiner Rede in Rom (Screenshot Youtube)
Jens Pühse bei seiner Rede in Rom (Screenshot Youtube)

betonte in seiner Rede, er sei stolz darauf, dass er und Robert Fiore von der Forza Nuova sich bereits seit 15 Jahren kennen und dass die NPD eine starke Kraft wie die FN in Italien als Partner habe.

Peinlich wurde es, als Pühse Grüße des Parteichefs Udo Pastörs überbrachte: Der Übersetzer sagte, Pühse überbringe die Grüße des Parteichefs Udo Voigt, woraufhin Pühse erklärte, der Vorname Udo sei wohl der Grund für die Verwechselung – der alte Vorsitzende sei Udo Voigt gewesen, der neue heiße Udo Pastörs. Den Namen Holger Apfel überging Pühse. Den Skandal um dessen Absetzung wollte Pühse den italienischen Kameraden wohl nicht auch noch erläutern; Fiore wirkte bei Pühse Redes ohnehin schon wenig interessiert.

Zur Europawahl betonte Pühse, dass in Deutschland die Fünf- und nun auch die Drei-Prozent-Hürde nicht mehr gelte. Daher werde die NPD am 22. Mai in das Europäische Parlament einziehen und mit den „Kameraden der Goldenen Morgenröte“ und möglicherweise der BNP gemeinsam einen Weg „der authentischen nationalen Opposition“ gehen. „Wir werden garantiert nicht nach Israel pilgern“, so Pühse. Zur Ukraine äußerte er sich offenbar nicht.

„Wühlarbeit“ in der Ukraine

Dafür veröffentlichte die NPD-Bayern eine Pressemitteilung zum Konflikt, in der es heißt, die „westlichen Warnungen vor einer weiteren Eskalation sind angesichts einer mehr als zwanzigjährigen Wühlarbeit des Westens in der Ukraine und einer milliardenschweren finanziellen Unterstützung für pro-westliche und anti-russische Kräfte pure Heuchelei“.

Lesetipp: Politik in der Ukraine – mehr als ein Krankenbericht

Eine bemerkenswerte Position, hatte die NPD doch vor nicht einmal einem Jahr noch selbst eine Delegation aus der Ukraine in Dresden empfangen. Die NPD in Bayern in Person von Parteivize Karl Richter stellt sich damit gegen die bisherige Linie der NPD.

Apfel und Pühse mit Kameraden der Swoboda (Screenshot NPD-Fraktion in Sachsen)
Apfel und Pühse mit Kameraden der Swoboda (Screenshot NPD-Fraktion in Sachsen)

Denn in einer Pressemitteilung hieß es Ende Mai 2013, die Sächsische NPD-Fraktion habe eine parlamentarische Delegation der nationalen Partei „Swoboda“ aus der Ukraine im Sächsischen Landtag empfangen. „Angereist waren, zusammen mit dem Auslandsreferenten und Bundesgeschäftsführer der NPD, Jens Pühse, der junge Kiewer Parlamentsabgeordnete Mychajlo Holowko sowie zwei Stadträte aus Ternopil.“

Und weiter:

„Der 1991 gegründeten Partei „Swoboda“ gelang bei den Parlamentswahlen 2012 mit 10,4 Prozent erstmals der Sprung in die „Werchowna Rada“ (Nationalparlament der Ukraine). Ihre 37 Abgeordneten haben nach der Wahl mit der Klitschko-Partei UDAR und der Partei „Vaterland“ Julija Tymoschenkos ein Oppositionsbündnis gegen die regierende „Partei der Regionen“ des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch und die diesen unterstützenden Kommunisten gegründet.“

Das sind also genau die Kräfte, denen man nun ihre pro-westliche bzw. anti-russische Haltung vorwirft.

Diesen Konflikt thematisiert auch der rechtsextreme Publizist Jürgen Schwab. Er fragt: „Warum hört man von Voigt zu diesem Thema nichts? Warum hüllen sich auch diverse freie Kameradschaften in eisiges Schweigen über das Thema Ukraine?“ Seine Antwort: Weil die mit der NPD Swoboda sowie der rechte Sektor gemeinsam mit Timoschenko, Klitschko und anderen ukrainischen EU- und NATO-Freunden den rußlandfreundlichen Präsidenten Janukowitsch und dessen Regierung gestürzt hätten. Schwab weiter: „Der Hauptmann Voigt ist demnächst wohl nicht mehr erwerbslos, da im Europaparlament gut versorgt; genauso wie seine Bündnispartner von „Swoboda“, die als NATO-gefügige Faschisten in der neuen Regierung in Kiew gebraucht werden.“

Nationalisten sind und bleiben Nationalisten

Das Dilemma, vor dem die NPD steht, ist offenkundig: Wenn man die Parole des Europas der Vaterländer und Völker schwingt, klingt das für die Anhänger vielleicht ganz gut. Aber wenn sich verschiedene völkische Nationalisten gegenüber stehen, ist es mit der Kampfgemeinschaft schnell vorbei. Denn das viel gepriesene „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ birgt viel Sprengstoff in sich. Sei es auf der Krim, in Spanien oder auch Italien. Oder wie stehen NPD und Forza Nuova eigentlich zum Thema Südtirol?

Angesichts dieses Konfliktpotenzials könnte eine mögliche nationalistische Fraktion im künftigen Europaparlament schnell wieder auseinander brechen. Für die Auseinandersetzung mit der extremen Rechten bietet es sich an, solche Widersprüche zu thematisieren. Denn Nationalisten sind und bleiben eben Nationalisten; internationale Zusammenarbeit ist nicht ihre Stärke, ethnische Konflikte anheizen hingegen schon.

Siehe auch: JN-”Europakongress” mit Fantasiegästen?Europa 2014: “Jude, verpiss dich!”Die blutige Spur des rechten TerrorsEuropäische Rechtsextreme tagen in JapanIn basso a destra: Angriff der Nazi-Hools in RomUkraine: Ultra-Nationalisten erstmals im ParlamentPolitik in der Ukraine – mehr als ein Krankenbericht

Für mehr Anarchie und Esel in den Stadien

Die Situation in deutschen Stadien ist verglichen mit Italien bei allen Problemen idyllisch: Die Kurven sind voll, bunt und laut, deutsche Ultràs machen jede Menge richtig. Aber fehlt manchmal der Spaß, das Anarchische, das Spontane? Ein alter Sack fordert mehr Anarchie, Esel und Spaß in den Stadien.

Von Kai Tippmann, Altravita.com

Ein kleiner, schöner Moment in den letzten Jahren, die ich durch viele deutsche Kurven der ersten bis achten Liga gereist bin, trug sich in Darmstadt zu. Oft genug verstecken sich Denkanstöße, Wahrheiten und wichtige Themen in winzigen, unbedeutenden Anekdoten und unterstreichen das einzig wichtige Konzept, wenn man eine Sache richtig verstehen will: man muss hinschauen und hinhören. Die Darmstädter stehen in ihrer Ecke der Hauptttribüne und supporten, wie sich das für Ultràs gehört. Der Spielstand von 3:0 befeuert die Ränge und die Stimmung ist ausgelassen.

Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit erhebt sich Kutten-Kalli – ein Faktotum, das im Böllenfalltor verwurzelt ist wie niedliche Katzenbilder im Internet -, geht vor an „sein“ Geländer, die Ultràs verstummen und Kalli stimmt seine zwei Sprechchöre an, auf die seine Hälfte der Haupttribüne antwortet: 60-jährige im Sitzen, 16-jährige im Stehen. Mit einem Lächeln setzt er sich wieder hin und die Lilien-Ultras nehmen den Tifo wieder auf. Vermutlich hat Kalli das schon immer so gemacht und dass er einen Platz bekommt für „sein“ Ritual fand ich so herzerwärmend, dass er mich zu einem Versuch einer Kurzgeschichte animierte. Mach ich ja sonst nie.

„Wir kopieren zuviel“

Mir fiel diese kleine Episode am Samstag wieder ein, inmitten eines langen, schönen Gesprächs über die Situation deutscher Kurven, das ich – Bier in der Hand – in Leverkusen führen durfte. Es hätte aber wohl auch in jeder anderen Szene stattfinden können, so oft ist das Thema schon aufgetaucht. Stichworte? „Uns ist der Spaß verloren gegangen“, „Wir kopieren zuviel“, „Image ist viel zu wichtig“. Um gleich allen Mißverständnissen vorzubeugen, sage ich erst einmal deutlich, dass das Folgende einfach nur meine persönliche Meinung ist, geboren aus den Erfahrungen von jemandem, der in den 80er Jahren fußballerisch sozialisiert wurde und der niemals in Erwägung ziehen würde, bewerten zu wollen, wie Ultràs oder Kurvenfans ihre 90 Minuten Stadion feiern.

Mithin: Macht, was ihr wollt! Geht ab! Feiert! Und hört nicht auf den misogynen 42-jährigen. Die Situation in deutschen Stadien ist verglichen mit Italien bei allen Problemen idyllisch, die Kurven sind voll, bunt und laut, deutsche Ultràs machen – meiner Meinung nach – jede Menge richtig.

Aber mir fehlt manchmal der Spaß, das Anarchische, das Spontane. Mir fehlt der Witzbold, den es früher in jeder Kurve gab und dessen Aufgabe nur war, jede Spielszene und Schiedsrichterentscheidung mit einem blöden Spruch zu kommentieren. Mir fehlen die Typen mit der ewigen braunen Bierflasche in der Hand, die nie was sagten. Mir fehlen die spontanen Gesänge, die live gedichtet wurden, um auf ein Mißgeschick des gegnerischen Stürmers zu antworten, auf dessen Frisur oder Schuhwerk. Mir fehlt die komplette Albernheit, die nur in Stadionkurven gedeihen kann, das Dumme, das Anarchische, der Punkrock.

Esel bei einem Fußballspiel in Italien in den 1970er Jahren.
Esel bei einem Fußballspiel in Italien in den 1970er Jahren.

In Italien wurde die Ironie mit dem Knüppel der Repression aus den Kurven vertrieben. Italien, wo früher Schweine, Hühner und Esel mit ins Stadion gebracht wurden, Mopeds und Fahrräder, wo Parma einen Heißluftballon ans Geländer des San Siro knüpfte, der dann für 90 Minuten unterm Dach baumelte. Italien, wo die „Acquatici“ von Hellas ihren Auswärtsbus in Badehose, Schnorchel und Tauchermaske entern, lange Ruder aus dem Fenster stecken, einen Trommler neben den Fahrer stellen und die Autobahn als Galeere entlangrudern. Warum? Weil sie Bock drauf hatten. Weil sie darüber lachen konnten. Weil irgendein Bekloppter die Idee hatte.

Unperfekte Banner

Fußballer sind mittlerweile zu Fußballbeamten geworden, die Interviews sind wie von der PR-Abteilung fertiggebügelt und strotzen nur so von „Ärmel hochkrempeln“ und „das war natürlich ein tolles Gefühl“. Verschwunden sind die Gattusos und Materazzis, die Effenbergs und Baslers, die Kahns, Cantonas, George Bests und Paul Cascoignes, bei denen man nie genau wusste, was sie ins Mikrofon sagen würden. Einzig Ibra trägt die Fahne des Fußballers, der Emotionen schürt, der polarisiert, einsam weiter. Auf den Rängen sind die Maximalausdrücke proletarischen Humors verschwunden, von „Giuglietta è na Zoccola“ (Julia ist ne Schlampe) bis „Semo tutti parucchieri“ (Wir sind alles Frisöre). Verschwunden sind die herrlich unperfekten selbstgemachten Banner der früheren Jahrzehnte, die mittlerweile am PC designten, grafisch millimeterperfekten professionell hergestellten Produkten gewichen sind. Verschwunden sind selbstgestrickte Schals, furchtbar schlecht gezeichnete Aufkleber und schlechte Witze.

Gediehen ist hingegen die Bereitschaft deutscher Ultràgruppen, sich anhand von Kategorien wie Boxkampf-Fähigkeiten zu klassifizieren oder einem „Image“ nachzulaufen. „Meine“ Curva Sud zum Beispiel machte die BRN und die Fossa unsterblich, weil sie in ganz Europa für ihre Choreografien respektiert wurde, Meisterwerke der Stadionkunst: Auch Fossa und BRN wussten, dass eine Auswärtsfahrt im Zweifel kein Spaziergang ist und wenn man in Bergamo falsch abbiegt, dann kann es zu dem kommen, das gern „scheppern“ genannt wird. Aber bekannt, geachtet und respektiert waren sie für ihre Fähigkeit, das San Siro in einen atemberaubenden Tempel des Fußballs zu verwandeln: für Choreos, Gesänge, Pyrotechnik. Hauen konnten sie sich auch, aber ich hatte in Italien immer das Gefühl, das „gehört einfach dazu, sonst kriegt man das gegnerische Banner ja nicht.“ Auch dass man sich in der Curva Sud bemüht hätte, irgendeinem Image zu entsprechen, hatte ich so nicht wahrgenommen. Wir gingen in die Kurve, machten wozu wir gerade Spaß hatten und lachten über die komischen Käuze in unserer Mitte.

Immer perfekt organisiert?

Und vermutlich deshalb hat sich mir die kleine Anekdote in Darmstadt ins Gedächtnis gebrannt: eine kleine Ecke für etwas eigenes, für etwas, das „schon immer so war“, für etwas deutsche Tradition, die nicht von Youtube entlehnt ist. Normalität eben, ohne Nachdenken darüber, wie so etwas wohl „ankommt“, ohne Youtube, ohne Northface, ohne Facebook. Dafür lustig, menschlich und entspannt. Ich, ganz allein und ganz persönlich, empirisch nicht untermauert und wissenschaftlich auf tönernen Füßen stehend, würde mir wünschen, dass ihr in der Kurve wieder lachen lernt.

Kurven sind ein Ort um frei zu sein, spontan. Zwei Bier oben rein und abgehen. Dumme Sprüche hauen, Spielern „live“ Gesänge dichten, nackten Hintern an die Plexiglasscheibe drücken und nicht drüber diskutieren. Korrekt, perfekt, abgewogen, organisiert können wir alle in den anderen 6 Wochentagen lang genug sein. Ihr müsst mich nicht fragen, „wie ihr wart“, ich finde ausnahmslos jede deutsche Kurve toll. Aber vor allem ist meine Antwort zwischen den Zeilen immer: „Hattet ihr Spaß? Ja? Na dann ist doch alles knorke.“ Druck gibt es von Außen mehr als genug, macht euch keinen eigenen Stress. Spaß ist, mitzumachen, nicht die Bilder auf der Facebook-Seite. Ich wünsche mir also mehr Punkrock im Stadion und weniger Glam. Und vor allem: Macht doch was ihr wollt und lasst euch von dem alten Sack nicht reinreden. Der wollte nur auch mal was sagen. Peace.

Kai Tippmann lebt seit 1999 in Italien und betreibt seit dem Tod von Gabriele Sandri im Jahr 2007 den Blog Altravita. Dort berichtet er über Fanthemen. Außerdem übersetzte er die Ultra-Bücher “Tifare Contro”, “Cani sciolti – streunende Köter” und “Il Teppista – der Rowdy”.

Siehe auch: Ultras for Homeless, Das Jägerlatein des Roten Sheriffs

Boateng wegen Rassismus zu Schalke 04 gewechselt?

Ist Kevin-Prince Boateng vor Rassismus in der italienischen Serie A zu Schalke 04 geflüchtet? Das behauptete zumindest ein Funktionär der Königsblauen. Boateng selbst hatte sportliche Gründe für den Wechsel angeführt – und auch sonst spricht viel dafür, dass der Profi beim AC Milan keine Perspektive mehr sah.

Von Kai Tippmann, Altravita.com

Heute meldet die u.a. die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, dass der Spieler Kevin-Prince Boateng laut Aussage von Schalkes Finanzvorstand Peter Peters wegen Rassismus die Serie A verlassen hätte und nicht aus sportlichen Gründen, wie der Spieler selbst immer wieder betont. Nun bin ich zwar persönlich nicht begeistert darüber, dass einer meiner Lieblingsspieler meinen AC Milan verlassen hat, und ich habe selbst die rassistischen Ausfälle beim Freundschaftsspiel gegen Pro Patria hier auf dem Blog begleitet, aber trotzem kann ich Herrn Peters’ Aussage nicht nachvollziehen.

Kevin-Prince Boateng wechselte vom AC Milan zu Schalke 04.
Kevin-Prince Boateng wechselte vom AC Milan zu Schalke 04.

Boateng war letzte Saison leider nur noch ein Schatten seiner selbst, d.h. er hat schlecht gespielt. Richtig schlecht. Den „Bang Bang Boateng“ aus meinem Artikel vom Februar 2012 gab es nur in der Meistersaison zu sehen, danach eigentlich nur noch bei seinem Abschiedsspiel gegen den PSV. Stimmen aus dem Vereinsumfeld, dass man ihn gehen lassen wollte, solange man noch Geld bekommt (sein Vertrag lief 2014 aus, danach wäre er ablösefrei gewechselt), gab es schon lange vor dem Pro-Patria Eklat. Es drehten Gerüchte die Runde, er würde wahlweise Spielerfrauen angraben oder einen sonstig unsportlichen Lebenswandel führen. Aber vor allem leideten ihm die Fans, dass der Medienrummel um ihn und seine Verlobte Melissa Satta, sein extravaganter Kleidungsstil und seine Vorliebe für lombardische In-Diskotheken in keinerlei Verhältnis mehr zu seinen sportlichen Leistungen auf dem Platz standen. Oder diese zu seinem Einkommen beim sich selbst finanzierenden Club aus Mailand.

Aber ich bringe einmal etwas handfestere sportliche Gründe, Formschwächen kommen ja vor. Nach der letzten Saison wurde beim AC Milan entschieden, dass man künftigein 4-3-1-2 spielen soll, weil Trainer Allegri der Meinung ist, dass Nationalstürmer Balotelli besser eingesetzt wird, wenn er als hängende Spitze neben einem echten Strafraumstürmer spielt – ansonsten hat dieser in der klassisch defensiven Serie A ja immer zwei Verteidiger auf den Füßen stehen. Zumindest gegen die absolute Mehrheit der Teams, die sich gegen Milan zunächst auf die geordnete Defensive verlegen.

Dieser Strafraumstürmer wurde mit Alessandro Matri von Juventus verpflichtet, dessen Ersatz wird dann Pazzini sein, wenn er wieder genesen ist. So stehen zwei Stürmer zur Verfügung, die sich Ellenbogenduelle mit den gegnerischen Verteidigern liefern und dessen Anspiele verwerten können. Weil der AC Milan, der seit Jahren im 4-3-3 System spielt, aber auch keinen Spieler für die Position des „Trequartista“ (also die Position “1″ hinter den Spitzen) hat, wurden gleich zwei “Trequartisti” gekauft: Saponara und ein gewisser Riccardo Kakà. Zudem steht wohl fest, dass im Januar dann noch Honda für diese Position nach Mailand kommt. Dann wird man wohl den jungen Saponara verleihen.

Für Boa ist neben seiner seit zwölf Monaten andauernden Form- und Motivationskrise und der Tatsache, dass die Fans ihn mehrheitlich loswerden wollten und es von Schalke noch einmal eine ordentliche Summe einzunehmen gab, einfach kein Platz mehr. Allegri hat ihn in der Vergangenheit auf allen möglichen Positionen ausprobiert, allerdings leider mit sehr unkonstanten Ergebnissen. Für die Mittelfeldreihe ist er taktisch zu anarchisch, die Experimente mit Boa als „Trequartista“ hinter den Spitzen waren nicht geeignet, diese Option als feste Variante einzuplanen. So spielte er dann meist – wenn er denn spielte – auf der rechten Sturmseite im 4-3-3, wie auch im CL-Qualifikationsspiel gegen den PSV. Nur dass es diese rechte Sturmseite in der neuen Saison nicht mehr gibt.

Ich glaube daher, dass sein Wechsel wirklich sportliche und ökonomische Gründe hatte. Und wenn Herr Peters meint:

„Er hatte eine Verabredung mit Präsident Silvio Berlusconi, dass er gehen kann, wenn der AC Mailand die Champions-League-Qualifikation schafft.“

muss ich sagen, dass der zeitliche Zusammenhang mit der CL-Quali eher so zu sehen ist, dass der Kauf von Matri und Kakà mehr kostete, als der Erlös von Boa eingebracht hätte – man musste also vor allen 3 Transfermarkt-Operationen erstmal das Ergebnis gegen PSV abwarten. Nach der Sicherung der ca. 30 Millionen Einnahmen für die Gruppenphase der Champion’s League gingen die 3 Wechsel dann sehr schnell über die Bühne. Berlusconi mischt sich ins Tagesgeschäft des AC Milan sowieso kaum mehr ein, sein Fauxpas, als er den Stürmer der Jugendmannschaft Andrea Petagna fälschlicherweise „Pignatone“ nannte, zeigt eher, dass der Herr Berlusconi nichtmal mehr die Namen seiner Spieler kennt.

Bei aller Ablehnung von Rassismus: Ich denke, nun durchsickern zu lassen, Boa hätte die Serie A wegen Rassismus verlassen, kommt natürlich besser, als sich einzugestehen, dass Milan ihn unbedingt loswerden wollte.  Ich find’s trotzdem schade.

Nachtrag: Mittlerweile hat Herr Peters seine Aussage korrigiert: „Nach Rücksprache mit unserem Manager Horst Heldt hat sich meine Annahme als völlig falsch erwiesen. Er bestätigte mir, dass rassistische Vorfälle definitiv nicht der Grund für Kevins Wechsel zu Schalke 04 waren“, stellte Peters umgehend klar. „Sobald ich wieder auf Schalke bin, werde ich mich umgehend im persönlichen Gespräch bei Kevin für diese Aussage entschuldigen.“ Ebenso habe er mit dieser falschen Annahme weder den AC Mailand noch die italienischen Fans in ein falsches Licht rücken wollen.“

Siehe auch: In basso a destra: Angriff der Nazi-Hools in Rom