Hogesa 2.0 – Angekommen in der traurigen Realität

Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner
Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner

Nur rund 1.000 Hooligans fanden am Sonntag den Weg zur „Hogesa 2.0“ nach Köln. Ihnen standen bis zu 20.000 Menschen entgegen. Am Rande kam es zu vereinzelten Zusammenstößen zwischen Hooligans und Gegendemonstranten und einem Wasserwerfer-Einsatz der Polizei.

Von Felix M. Steiner

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Hogesa 2.0 – Köln erwartet tausende Hooligans und Neonazis

Hogesa 2014, Foto: Felix M. Steiner
Hogesa 2014, Foto: Felix M. Steiner

Am Sonntag wollen Hooligans in Köln das Hogesa-Jubiläum begehen. Erlaubt ist ihnen lediglich eine Kundgebung, um deren Ort noch vor Gericht gestritten wird. Tausende werden zu den Gegenprotsten erwartet.

von Felix M. Steiner

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Ich kann einfach nicht über jeden Scheiß schreiben…

Rund 150 selbsternannte Patrioten waren in Frankfurt und durften einmal um den Block laufen. Nach Monaten von rechten Protestveranstaltungen ist es oft schwer, am Ende etwas aufs Papier zu bringen. Ich will nicht mehr…

 von Felix M. Steiner

Ich war viel unterwegs die letzten Monate: Hogesa, Pegida, Legida und wie die neuen Protesterscheinungen am rechten Rand noch so alle heißen. Das Auftreten dieser neuen Welle an rassistischen, nationalistischen und neonazistischen Protesten hat auch für mich die Frage aufgeworfen, was gerade eigentlich online und natürlich auf der Straße passiert. Dafür ist es unerlässlich, sich ein Bild vor Ort zu machen. Mittlerweile haben sich viele dieser Protestformen ausgelaufen: innere Zerwürfnisse, Skandale oder schlicht katastrophale Organisationsfähigkeiten haben die Teilnehmerzahlen bundesweit – auch im herausragenden Sachsen – einbrechen lassen. Oft führt die Berichterstattung – vielleicht war das auch schon vor Monaten so – dazu, dass eine neue Demonstration in ihrer Bedeutung völlig überhöht wird. Am Wochenende in Frankfurt am Main – manche sollen ja an die Oder gefahren sein – war dies wieder so.

Aus diesen ganzen neuen rechten Protestbewegungen haben sich in den letzten Monaten auch die kruden Mischformen entwickelt, in denen nun Rechtspopulisten, Neonazis und Hooligans zusammenfinden. Nicht so wirklich viele und manche finden den Weg auch nicht, aber immerhin waren rund 150 nach Frankfurt am Main gekommen. Angereist waren sie zu „einer Großdemonstration gegen den islamischen und linksradikalen Faschismus in Deutschland“, wie es auf den Werbebannern im Vorfeld hieß. Die Fakten sind schnell zusammengefasst: Von den Organisatoren wurden 1.000 Menschen erwartet, rund 150 kamen und diese wurden von rund 2.000 Menschen mit einer anderen Weltsicht blockiert. Eigentlich ist dies alles, was es zu sagen gibt. Aber damit hinterher nicht wieder jemand „Lügenpresse“ sagt, ja, die Rechten durften laufen. Sie liefen – im wörtlichen Sinne – einmal um den Block. Auf dem Weg wurden sie von Gegendemonstranten mit – hoffentlich – frischen Biotomaten und Bioeiern in Frankfurt willkommen geheißen. Schon zu Beginn der Demonstration brüllte diese „Patrioten-Mischung“ offenbar zur eigenen Motivation „Frankfurt läuft“. Absurd, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der kleinen Demonstration nicht mal aus der Stadt kommt.

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Noch absurder sind die zeitlichen Lücken in der Patrioten-Choreographie: Da stehen sie dann, die 150 Kämpfer für Deutschland, und vorn schreit immer irgendwer eine Parole. Manchmal rufen sie mit, manchmal wirkt es einfach lächerlich, dieses gewollte, aber offenbar unvorbereitete Anheizen der kleinen Masse. Nach einer kurzen Runde waren die „Patrioten“ dann wieder alle zurück am Ausgangsort. Die Reden im Vorfeld und Nachgang des Mini-Spaziergangs wirkten endlos, die Choreographie immer gleich. Ich kenne sie schon von zahlreichen anderen Veranstaltungen. Bei der letzten Rede nicke ich am Rande der Demonstration kurz weg. Irgendwann ist dann alles vorbei und die netten Kollegen, die man immer vor Ort trifft, machen die Stunden am Rande der Veranstaltung deutlich erträglicher. Aber was schreibt man nun nach einer solchen Veranstaltung? Die Fakten und die Einschätzungen der Polizei sind nun zigfach zu finden. Da ist man manchmal froh, dass man wenigstens die Kamera dabei hat. Sie gibt einem die Möglichkeit, das Geschehene vor Ort gut zusammenzufassen. Aber auch die Kamera fängt das absurde Parolenrufen nicht wirklich ein. Insgeheim will ich immer die Organisatoren der rechten Demos anrufen und sie ehrlich bitten, es sein zu lassen und sowohl meine als auch ihre Zeit nicht weiter zu verschwenden. Naja, vielleicht liest das hier ja jemand…

Von „HoGeSa“ und „Pegida“: Das Einfallstor der extremen Rechten

Weit über 4.000 Hooligans in Köln und über 5.000 Menschen in Dresden: Das Deckmantelthema für rassistischen und nationalistischen Protest in Deutschland ist erneut gefunden. Die organisierte extreme Rechte freut es, die Politik wirkt hilflos.

von Felix M. Steiner

HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)
HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)

Egal ob „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) oder „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida): Es gibt wieder ein Thema, unter dessen Deckmantel eine völkische und rassistische Stimmung Menschen in großer Zahl auf die Straße bringt. Was sich thematisch unter der Überschrift „Gegen Salafisten“ alles sammelt, ist eine konfuse Mischung aus rassistischen, nationalistischen und pseudo-demokratischen Forderungen, die sich in ihrer Argumentation der letzten Jahre kaum verändert haben. Im Schatten der Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum der deutschen Einheit konstruieren sich die Protestierenden als „das Volk“, die „wahren Demokraten“, die endlich aufbegehren gegen eine staatliche Unterdrückung. Wer das „Volk“ versucht kleinzuhalten, wurde schnell deutlich: Staat und Medien Hand in Hand. Die Wurzeln dieser Argumentation dürften weit zurückliegen, sind aber seit 2011 immer stärker hervorgetreten. Nicht zuletzt Thilo Sarrazin lieferte vor knapp drei Jahren die aktualisierte Blaupause des Rhetorikkonzeptes, welchem sich die meisten Gruppen heute bedienen: Sie sind die Tabubrecher, die Kämpfer für die Meinungsfreiheit dieses von Medien und Staat unterdrückten Volkes. Als symbolisch-sprachlicher Höhepunkt dient die Adaption des zentralen Protest-Slogans der Einheitszeit: „Wir sind das Volk“. So verwundert es kaum, dass auf der „Pegida“-Demonstration in Dresden vor allem die Freude darüber besteht, dass man durch den Protest die „innerdeutschen Grenzen“ endlich überwunden hat. „Der erste Schritt ist also getan, es wächst auch endlich in den Köpfen zusammen, was zusammen gehört! WIR SIND EIN VOLK!“, schwadronierte einer der Redner am vergangenen Montag in Dresden. „Das Volk“ ist also schnell wieder zu „einem Volk“ geworden.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Es ist die Protestbewegung der „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber“-Bürger, die in ihrem diffusen Weltbild sich zumindest beim „Heimatschutz“ einig sind, wie auch auf Plakaten in Dresden zu lesen war. Ohnehin lebt diese Protestbewegung – von Köln bis Dresden – von ihren dezidiert schwammigen Inhalten. Vereint scheinen alle von ihrer diffusen Angst, einem diffusen Hass auf „den Islam“, „Fremde“ oder eine Zerstörung der „deutschen Identität“. Die „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ in Dresden zeigen dies am ehesten. Es darf wohl stark bezweifelt werden, dass eine Mehrheit der über 5.000 Demonstranten irgendein Interesse am „christlich-jüdischen Erbe“ des Abendlandes hat. Eine Befragung der Teilnehmer, welche Werte denn hier genau gemeint sind, dürfte interessante Ergebnisse zu Tage fördern. Wenn auch weniger deutlich, findet sich dieser Einsatz der christlichen Tradition auch bei den „Hooligans gegen Salafisten“. In weniger vorsichtiger Weise fasst es eine Liedzeile von „Kategorie C“ zusammen, die den Soundtrack der Hooligan-Proteste stellen: „Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder“. Die Hooligan-Klientel braucht es offenbar etwas weniger blumig als die massiv um ihr bürgerliches Image bemühten „Pegida“-Organisatoren.

Einfallstor der extremen Rechten

Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu "HoGeSa" nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu „HoGeSa“ nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Bei den Protesten verschwimmen die Grenzen. Was sich hier auf der Straße wiederfindet, sind in großer Zahl natürlich auch extrem rechte Einstellungsmuster, die in den Protesten ihr Ventil gefunden haben. Die meisten Protestierenden gehören wohl nicht zur organisierten extremen Rechten. Diese ist aber wichtiger Bestandteil der Proteste. Spätestens wenn sich abzeichnet, dass eine Aktion von Erfolg gekrönt ist, steigt auch die Zahl der organisierten extrem rechten Teilnehmer an den Veranstaltungen. Neonazis reisen dafür durch die ganze Bundesrepublik. Waren bei „HoGeSa“ in Köln die meisten Teilnehmer wohl aus dem Hooligan-Spektrum, sprach in Hannover selbst die Polizei schon von 45% extrem rechten Teilnehmern. Auch in Dresden zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Mit den zunehmenden Teilnehmerzahlen steigt am Ende jedes Montags die bei Facebook gepostete Zahl an Neonazi-Selfies, um zu zeigen, dass auch sie bei der Demonstration dabei waren. Die Organisatoren distanzieren sich dann fleißig – zumeist von jedem „Extremismus“. Doch so ungelegen, dass man eine wirksame Distanzierung anstrebt, scheinen die extrem rechten Teilnehmer nicht zu sein. Warum auch, im Kampf „des Volkes“ um „die Heimat“ sind ja alle willkommen, solange sie friedlich bleiben oder nicht für schädigende Aktionen verantwortlich sind. Hier schwingt immer auch das Bekenntnis mit, dass man ja eigentlich „unpolitisch“ sei, sich aber eben um „die Heimat“ sorge.

Bisher konnte die extreme Rechte noch nicht messbar von den neuen Protesten profitieren. Zunächst scheint sich hier aber ein Fenster geöffnet zu haben, welches über ein hoch emotionalisiertes Thema das Einfallstor für die extreme Rechte öffnet. Dass Sachsens Innenminister Ulbig nun versucht diese Stimmung zu bedienen, zeigt, dass er aus den 1990er Jahren nichts gelernt hat. Die Integration rassistischer und nationalistischer Themen integriert potentielles Wählerpotential zwar in die etablierten Parteien, schafft aber ein Klima, welches seine grausamen Auswirkungen bereits vor rund 25 Jahren offenbarte.

„HoGeSa“: Die weibliche Hetze

Von der Bewerberin um den NPD-Vorsitz bis zur christlichen Fundamentalistin: Bei den „Hooligans gegen Salafisten“  spielen auch die „Ladies“ eine wichtige Rolle.

von Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht bei blick nach rechts

Sigrid Schüssler und Karl Richter bei "HoGeSa" in Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Sigrid Schüssler und Karl Richter bei „HoGeSa“ in Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Kürzlich hatte sie sich im Internet noch mit Strapsen und Peitsche präsentiert und für ordentlich Empörung im nationalen Lager gesorgt. Die bayrische NPD-Frau Sigrid Schüssler inszeniert sich seit einiger Zeit als braune „Skandalnudel“, fremdenfeindlich und obszön. Bei der „Hooligan gegen Salafisten“-Kundgebung in Hannover am Samstag gab sie unter den zahlreichen weiblichen Teilnehmerinnen eine der auffälligsten Erscheinungen ab.

Gekonnt postierte sich die rothaarige diplomierte Schauspielerin, in der Szene bekannt als „Hexe Ragna“, am Hinterausgang des Bahnhof, gerade so, dass die zahlreichen Kameras sie auch wahrnahmen.  Sie wartete alleine auf ihren Freund, den Münchner Neonazi und Stadtrat Karl Richter. Mit den anderen Teilnehmern der HoGeSa-Veranstaltung schien sie wenig gemein. Sichtlich genervt rückte die geschasste ehemalige Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ dann auch zur Seite, als zwei völlig überdrehte Hooligans einen primitiven Schaukampf mit Gebrüll vor ihr abhielten. Die beiden imitierten einen Fight, zeigten hochgereckte Fäuste und schrien: „Deutschland“. Angewidert drehte sich Frau Schüssler weg.

Andere Frauen dagegen halfen beim Einheizen. Sie trugen Shirts mit Aufschriften wie „Berserker“ oder „HoGeSa Bremen“, standen auf einer Empore oder wechselten sich mit den Megaphonen ab, um mit Parolen wie „Wir sind das Volk“  Sprechchöre in Gang zu bringen.

Die unauffällige Frau von nebenan

Etwa jeder zehnte bis fünfzehnte Teilnehmer von rund 3000 HoGeSa-Fans in Hannover war weiblich. Einige ältere und junge Frauen zogen sich begeistert Ordnerbinden wie bereits in Köln über und dirigierten die Menge mit. Anders als bei der Massenveranstaltung in Nordrhein-Westfalen wenige Wochen zuvor erschienen diese Frauen weniger dem Skinhead-Milieu und anderen Subkulturen zu entstammen. Sie vertraten eher das Erscheinungsbild der  unauffälligen Frau von nebenan.

Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner
Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner

Sogar im Umfeld der Organisatoren um Henrik und Hannes Ostendorf aus Bremen gab es Helferinnen wie die Ehefrau eines „Endstufe“-Crewmitglieds. Hannes Ostendorf, Sänger der Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“, der die Behörden in Hannover aus Sicherheitsgründen den Auftritt verweigerten, gilt nicht als Befürworter von Gleichberechtigung und Emanzipation. Mit Frauen sieht man den Hooligan-Anführer selten. In einem Bremer Gericht bezeichnete er eine fremde Frau schon mal als „Fotze“. Das Umfeld der Bremer Neonazi-Hooligantruppe „Standarte“ gilt als hundertprozentige Männerbastion. Das scheint längst nicht überall so. Im Dunstkreis der Dortmunder „Borussenfront“ von Siegfried Borchardt tummelten sich dagegen immer Frauen.

Das populistische Ziel, gegen „Salafisten“ als nationale Tatgemeinschaft aufstehen zu wollen, nutzten in Hannover auch Fans von „Pi News“ und Vertreter von „Die Freiheit“. Sie mischten sich als Redner unter Neonazis und rechte Hooligans. Vertreten waren neben Oldschool Skinheads, wütenden Hooligans, bürgerlichen Paaren aber auch NPD-Politiker wie Patrick Schröder, Macher von FSN-TV oder Neonazis wie Tobias Richter aus Ostfriesland. Einige der HoGeSa-Organisatoren aus Köln blieben der Veranstaltung in Hannover fern. Inzwischen gilt die Führung und ihr Umfeld als zerstritten.

Motto: „Die Familie hält zusammen“

Auf der Bühne kam neben dem Chef der muslimfeindlichen Partei „Die Freiheit“ Michael Stürzenberger aus Bayern auch der Leipziger Neonazi und Neu-Hooligan Nils Larisch zu Wort. Wie bereits in Köln durfte die NPD-Liedermacherin Karin Mundt aus Berlin auch in Hannover singen. Gemeinsam mit dem glatzköpfigen Liedermacher „Villain“ legte die Sängerin mit dem Künstlernamen „Wut aus Liebe“  Songs wie „Vereint Euch“ hin. Der musikalische Auftritt war wenig professionell. Das Duo mit Gitarre grölte „Vereint euch gegen Salafisten, wir stehen unseren Mann“ ins Mikrophon.

Das Motto der HoGeSa, „die Familie hält zusammen“ erinnert stark an die Parole „La Familia“ aus dem Rockermilieu. So suchten bei den Massenveranstaltungen auch Kuttenträger immer wieder politischen Anschluss. In Köln waren Vertreter des „MC Meridian“ vertreten, auch Supporter der „Hells Angels“.

Doch richtig Stimmung wollte auf dem großen umzäunten Platz in Hannover überhaupt nicht aufkommen. Anders als in Köln durften sich die Teilnehmer keinesfalls frei bewegen, mussten sich auch türkische Melodien und Antifa-Sprechchöre aus der Ferne anhören, ohne die Polizeisperren durchbrechen zu können. Das Sicherheitskonzept durch besonders starke Polizeipräsenz schien aufzugehen.

Rednerin von den „Ladies gegen Salafisten“

Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei "HoGeSa" präsent, Foto: Felix M. Steiner
Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei „HoGeSa“ präsent, Foto: Felix M. Steiner

Kurzzeitig wurden Ausbrüche von rechts versucht. Die Stimmung schien zu kippen. Rauch stieg auf, das Gebrüll der rechten Hooligans wurde lauter, sie rotteten sich eng zusammen. Eilig rückte der eigene Ordnungsdienst mit vielen weiblichen Kräften an, um die eigenen Leute vom Sturm über die Hamburger Gitter abzuhalten. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, die Motoren der schweren Wasserwerfer-Fahrzeuge sprangen an und berittene Polizei kam näher. Die Reden auf der Bühne des LKWs verebbten immer mehr. Die Kundgebungsteilnehmer begannen sich sichtlich zu langweilen.

Auch der Rednerin Maria E. von den „LaGeSa“ – „Ladies gegen Salafisten“ gelang es nur kurz, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Blondine aus Nordhrein-Westfalen gab an, aus Ostdeutschland zu stammen. Sie las vom Zettel ab und rief: In Deutschland läuft „etwas schief“, Christen und Juden würden verfolgt, Kirchen geschändet. Schon begann einer zu grölen, „der Jude“, der weitere Satz ging im Tumult unter. Brav lächelte die „Lady“ von oben in die Menge. Dann beanstandete sie eine angeblich unbegrenzte „Einwanderung in unser Sozialsystem“ und lobte das „Land der Dichter und Denker“. Kämpferisch verkündete die Ostdeutsche von „LaGeSa“: „wir lassen uns nicht mehr mundtot machen“.

Langsam begangen die geschäftstüchtigen Bremer Hooligan-Anführer den Verkaufsstand für „Kategorie C“-Merchandising abzubauen. Die Werbung in eigener Sache schien gut gelungen, der Kultband der Szene nutzt HoGeSa, von dem Hype könne sie stark profitieren. Der cholerische Ex-NPDler Henrik Ostendorf regte sich kurz lautstark über einen farbigen Mitdemonstranten auf, der eine Fahne schwenkte, dann verschwand der schwarze Van mit den Bremern vom Platz in Hannover.

Auch die ersten Demonstranten hatten das Gelände bereits vorzeitig verlassen. Sigrid Schüssler stand immer noch vorne vor der Bühne. Später schrieb sie bei Facebook: „Liebe Hooligans, die ihr aufsteht und zu HoGeSa werdet, hier steht sie, die Bewegung junger deutscher Männer und auch Frauen, die eine rote Linie ziehen und sagen: Schluss jetzt! Es reicht! Wir haben genug! Jetzt wehren wir uns! Und wer sich hier nicht an unsere Regeln hält, der fliegt raus!“

„Heidi “ wünscht „Gottes Segen“

Weitaus mehr Anklang als Schüssler fand eine andere Frau, über deren Motivation  in der HoGeSa-Szene allerdings wenig bekannt sein dürfte. Ihr Auftritt wird als Video inzwischen tausendfach verbreitet und sie als „Heidi, die mutige Deutsche“ angepriesen. Bei der blonden Frau, die sich eine Deutschland-Fahne um den Körper gehängt hatte und die Bühne in Hannover gar nicht wieder verlassen wollte, handelte es sich um die christliche Fundamentalistin Heidi Mund aus Frankfurt am Main. Sie schrie in die Menge, wie stolz sie auf die „deutschen Männer“ sei, „die endlich einen Arsch in der Hose“ hätten. Die Menge antwortete mit „ahu, ahu“-Gebrülle.

Mund rief weiter, sie sei gegen „Ausländer, die  uns zerstören wollen“. Mit erhobenem Zeigefinger mahnte die Frau: „Besauft euch nicht hier, sondern zuhause, macht das zuhause. (…) Also bitte Jungs, Selbstbeherrschung. Eure Muckis packt die dort aus, wo sie hingehören.“

Dass die Rednerin am Ende „Gottes Segen“ wünschte, ging im Applaus unter. Heidi Mund ist Pädagogin und organisierte gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Stadtverordneten der „Freien Wähler“ im Frankfurter Römer einen „Jesusmarsch“. Das Paar gehört zu den Organisatoren von „Himmel über Frankfurt“, einer Organisation, die nach eigenen Angaben den „Thron Gottes“ errichten möchte. Ihren religiösen Hintergrund wusste Heidi Mund  in Hannover weitestgehend zu verbergen.

„HoGeSa“ in Hannover: Vom Zerfall einer „Volksbewegung“

Nur noch rund 2.500 Teilnehmer hat es zur „HoGeSa“-Veranstaltung nach Hannover gezogen. Die Veranstaltung blieb auf Grund des engen behördlichen Korsetts weitestgehend friedlich. Mit Hannover hat der Zerfallsprozess einer Gruppe eingesetzt, die außer einem diffusen Hass und Aktionismus wenig eint.

Von Felix M. Steiner

Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu "HoGeSa" nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu „HoGeSa“ nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Der Zenit der sich gern selbst als „Volksbewegung“ bezeichneten „HoGeSa“ scheint überschritten. Geradezu absurd muteten die von Hooligans und extrem Rechten gerufenen Parolen vor Ort an. „Wir sind das Volk“ ist wohl alles andere als eine zutreffende Beschreibung. Nur rund 2.500 Teilnehmer waren am Samstagmittag nach Hannover gekommen. Damit hat sich die Zahl im Vergleich zu Köln halbiert. Dies dürfte wohl nicht zuletzt auch an den restriktiven Auflagen gelegen haben, die die Polizei erteilt hatte. Ohne Demonstrationszug und den Auftritt von „Kategorie C“ blieb nicht mehr viel übrig von den Angeboten, die in Köln noch 4.800 Menschen angezogen hatten. Das massive Polizeiaufgebot mit Wasserwerfern, Räumpanzern und fast 5.000 Beamten hat hinsichtlich der befürchteten Ausschreitungen wohl ebenfalls seine Wirkung nicht verfehlt.

Michael Stürzenberger bei seiner Rede in Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Michael Stürzenberger bei seiner Rede in Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Das weggebrochene Programm merkte man der Szenerie am Busbahnhof deutlich an. Bevor die erste Rede begann, plapperte ein Hooligan im Dynamo-Dresden-Shirt in ein Megaphon und brüllte verschiedene Parolen. Die Veranstaltung machte einen völlig unstrukturierten Eindruck, was wohl auch die Hooligans und extrem Rechten so sahen. Als erster Redner trat der Bundesvorsitzende der rechtspopulistische Kleinstpartei „Die Freiheit“ auf, Michael Stürzenberger. Stürzenberger, der außerhalb Bayerns wohl eher eine geringe Popularität besitzt, ist auch regelmäßiger Autor der anti-islamischen Hetzplattform PI-News. So war es kaum verwunderlich, dass die Veranstaltung von einem Transparent eben jenes Blogs flankiert wurde. Nach Stürzenbergers Rede gab es dann Musik vom Band: Natürlich „Kategorie C“, was sonst? Doch die Auflage erlaubte immer nur fünf Minuten Musik und verlangte dann eine Pause oder eine erneute Rede. Dass das völlig zusammengewürfelte Programm und das stumpfe Rufen von Parolen wohl auch viele Hooligans und extrem Rechte langweilte, zeigte auch die vorzeitige Abreise vieler Teilnehmer gegen halb drei, also deutlich vor dem um 16 Uhr festgelegten Ende. In „hunderter Paketen“ begeleitete die Polizei diese dann vor allem in den Bahnhof. Auf der anderen Seite des Platzes versammelten sich die eher auf Krawall orientierten Teilnehmer. Ein bisschen Gebrülle, ein Böllerwurf und viertel vor Vier war das Szenario beendet, der Platz komplett geräumt.

Massives Polizeiaufgebot rund um den Kundgebungsort, Foto: Felix M. Steiner
Massives Polizeiaufgebot rund um den Kundgebungsort, Foto: Felix M. Steiner

Das Verbot des gemeinsamen Marsches, der verhinderte Auftritt der Band „Kategorie C“ und der Aufruf auf Alkohol zu verzichten, scheinen ihren Preis einzufordern. Ohne Aktionismus eint die sogenannte Bewegung eben nur ein diffuser Hass auf die vermeintlich bösen Ausländer, die „uns“ Deutschland nehmen wollen. Das redundante Rufen der immer gleichen Parolen macht aber aus ein paar Demonstrationen noch keine „Volksbewegung“.

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 Fehlende Planungskompetenz und mehr Neonazis

Zwischen 5 und 6.000 Menschen demonstrierten gegen "HoGeSa" in Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Zwischen 5 und 6.000 Menschen demonstrierten gegen „HoGeSa“ in Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Ganz offenbar waren die Organisatoren mit dem Verbot der Demonstration und des Auftritts von „Kategorie C“ überfordert. Ähnlich wie schon in Dortmund vor einigen Monaten, gab es kaum ein richtiges Programm. Die behördlichen Einschränkungen scheinen die Veranstalter vor unlösbare Aufgaben gestellt zu haben. Viele Teilnehmer werden sich im Falle einer erneuten Veranstaltung genau überlegen, ob sie für ein derartiges Schauspiel den weiten Anreiseweg auf sich nehmen.

Die verminderte Teilnehmerzahl und das desolate Programm wurden auch von einem deutlichen Anstieg des Anteils der organisierten extremen Rechten komplettiert. Neben bekannten Mitgliedern der NPD wie Karl Richter, Sigrid Schüssler oder Patrick Schröder waren auch zahlreiche Angehörige der Neonazi-Partei „Die Rechte“ wieder mit dabei. Außerdem hatte es Neonazis der „freien Szene“ unter anderem aus Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Hamburg nach Hannover gezogen. Die Szene versucht damit wohl „HoGeSa“ weiter als Anknüpfungspunkt zu nutzen. Doch dies dürfte ihr angesichts des beginnenden Zerfalls kaum gelingen. Inwieweit die extreme Rechte die Reste der Hooligans in ihre Aktionen integrieren kann, wird sich bei den nächsten Veranstaltungen zeigen. Von einer „Volksbewegung“ zu sprechen oder die Auftritte in Köln und Hannover mit den Protesten der DDR-Bevölkerung zu vergleichen – wie es die Redner taten – lässt sich an Absurdität kaum noch überbieten.

„HoGeSa“ in Hannover: eingeschränkt und zusammengestrichen

Morgen werden tausende Hooligans und Rechtsextreme in Hannover erwartet. Die harten Auflagen und das massive Polizeiaufgebot scheinen nur eine „HoGeSa“-Light Veranstaltung zuzulassen. Auch der Gegenprotest dürfte deutlich größer sein als noch in Köln.

Von Felix M. Steiner

HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)
HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)

Bis kurz vor der Hooligan-Kundgebung in Hannover laufen die juristischen Auseinandersetzungen weiter. Nachdem die Polizei die Demonstration zuerst gänzlich verboten hatte, weil sie ähnliche Ausschreitungen wie in Köln erwartet, wurde die Veranstaltung als Kundgebung vom Verwaltungsgericht Hannover wieder erlaubt. Dies dürfte eine erste Schlappe für die Hooligans gewesen sein, die nun auf einen wichtigen Teil der Veranstaltung verzichten müssen: Das gemeinsame Marschieren. Neben dem versuchten Verbot beauflagte die Polizei die Kundgebung mit insgesamt 16 Einschränkungen umfangreich. Gegen drei dieser Auflagen waren die Veranstalter der „HoGeSa“-Demo vorgegangen. Dabei handelt es sich um das Verbot des Auftritts der Band „Kategorie C“, die schon in Köln den Soundtrack der Ausschreitungen lieferte. Außerdem wollten die Hooligans weder das Verbot von Totenkopf-Symbolen bei den Teilnehmern akzeptieren, noch vor der Veranstaltung den Ablaufplan bekannt geben. Am wichtigsten war aber das Auftrittsverbot der Band „Kategorie C“, da allein deren Erscheinen für eine erhöhte Mobilisierung sorgen dürfte. Die Veranstalter der Hooligan-Demo scheiterten aber mit einen Eilantrag vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg, das sämtliche Auflagen bestätigte, wie der NDR berichtet. Damit darf „Kategorie C“ nicht auftreten.

Neben diesen Auflagen könnte auch die von den Behörden geforderte Ordnerzahl einige Schwierigkeiten mit sich bringen. Das Verwaltungsgericht Hannover entschied, dass pro 30 Teilnehmer ein Ordner zu benennen sei. Für die angemeldeten 5.000 Teilnehmer wären dies also über 160 Ordner. Bereits bei Facebook gab es daher Aufrufe an die Anreisenden, sich als Ordner freiwillig zu melden. Da die Demonstration verboten wurde, müssen sich die anreisenden Hooligans und Rechtsextremen morgen mit dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Hannover als Kundgebungsort zufrieden geben. Dieser befindet sich direkt hinter dem Hauptbahnhof, welcher für die Polizei als eine Art Trennung zwischen der „HoGeSa“-Veranstaltung und den Gegenveranstaltungen dient.

"Kategorie C" in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner
„Kategorie C“ in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner

Polizei-Strategie und Mobilisierung am rechten Rand

In Köln hatte die Polizei nicht immer alles unter Kontrolle, Foto: Felix M. Steiner
In Köln hatte die Polizei nicht immer alles unter Kontrolle, Foto: Felix M. Steiner

Im Vergleich zur Polizei in Köln planen die niedersächsischen Behörden offenbar keine „Deeskalationsstrategie“. Waren in Köln nur rund 1.300 Polizisten vor Ort, werden es in Hannover nach NDR-Informationen ca. 5.000 Beamte sein. Nach den Ereignissen in Köln dürfte aber für morgen in Hannover mit deutlich mehr Gegenprotest zu rechnen sein.

Bei der Hooligan-Veranstaltung ist eine Prognose derzeit schwerer als noch in Köln. In der extrem rechten Szene sowie in den Hooligan-Netzwerken scheint es vor allem noch einmal jenes Personal zu ziehen, die in Köln gern dabei gewesen wären. Hinzu kommt eine verstärkte Mobilisierung der extrem rechten Szene, die in der Hooligan-Bewegung eine Chance zu wittern scheint bzw. eine Anschlussfähigkeit sieht. Da in den letzten Wochen bei Facebook immer wieder Veranstaltungen und Seiten gelöscht wurden, gibt es derzeit auch keine einheitliche Übersicht, wie viele Menschen sich beteiligen werden. Zuletzt waren in dem sozialen Netzwerk in verschiedenen Gruppen rund 1.500 Personen für die Kundgebung angemeldet. Darunter zahlreiche Neonazis und Funktionäre extrem rechter Parteien. Doch nach den zahlreichen Löschaktionen dürfte diese Zahl wohl niedriger sein als die tatsächlich anreisenden am kommenden Samstag. Schon als die Polizei das Verbot öffentlich machte, kündigten viele Hooligans und Rechtsextreme an, dennoch nach Hannover kommen zu wollen. Teils schienen auch schon Busse vor längerer Zeit angemietet worden zu sein. Hannover könnte aufgrund der zentralen Lage vor allem weitere Hooligans und Rechtsextreme aus den östlichen Bundesländern anziehen, denen Köln zu weit war. Andererseits wird es nach derzeitigem Stand wieder eine größere Zahl Teilnehmer aus Nordrhein-Westfalen geben, die ihre Anreise bereits seit Tagen ankündigen und planen.

Für die „HoGeSa“ selbst ist die Veranstaltung in Hannover wohl von zentraler Bedeutung. Sollte die Teilnehmerzahl morgen deutlich geringer sein oder die Lage erneut eskalieren, könnte dies das Ende der „Bewegung“ bedeuten. Ein Flop würde die Mobilisierung für zukünftige Veranstaltungen deutlich erschweren. Eine erneute Eskalation wie in Köln hingegen könnte für zukünftige Anmeldungen weitere Verbotsgründe liefern.

Publikative.org wird am Samstag ab ca. 10 Uhr aus Hannover twittern und über Facebook berichten.