Studie: 80% der LSBT*-Jugendlichen haben Diskriminierung erlebt

80 Prozent der jungen Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* sind, haben bereits Diskriminierung erlebt. Eine Studie zeigt, wie wichtig das Internet für LSBT*-Jugendliche gerade in ländlichen Gebieten ist.

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„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“?

Schlecht gemeint und schlecht gemacht: Die Sendung „horizonte“ im HR-Fernsehen zur ARD-Toleranzwoche übertraf noch die ärgsten Erwartungen. Heraus kam ein Sittengemälde eines verunsicherten Bürgertums, das sich realen gesellschaftlichen Fortschritt trotzig verweigern will. 

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Bereits in der vergangenen Woche haben wir uns über einige Motive der Werbekampagne zur ARD-Themenwoche Toleranz gewundert, die Vorurteile und Diskriminierungen eher zu bestätigen als zu hinterfragen schienen. Auch die Ankündigung einer Talkshow des HR mit dem Gast Matthias Matussek, der seit einiger Zeit eher durch Intoleranz gegenüber Schwulen und anderen Minderheiten auffällt – und für eine nicht gerade tolerante, erzkatholische Wert- und Morallehre streitet, machte uns stutzig. Nachdem die Sendung „horizonte“ ausgestrahlt worden war, waren wir zunächst eher sprachlos. Doch damit ist es nicht getan.

Wo soll man anfangen? Vielleicht einfach chronologisch bei der Anmoderation, in der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard im Brustton der Überzeugung verkündet: „Komme mir bitte keiner und sage, Deutschland sei kein tolerantes Land. Im Gegenteil! Wer, wenn nicht wir?“ Bemerkenswerterweise widerspricht sich Schmidt-Degenhard bereits einen Satz später, indem er ebenso überzeugt kund tut, ihm „gehe der Tanz um die Toleranz ziemlich auf den Geist“. Einerseits ist Deutschland also das toleranteste Land der Welt, aber wehe einer sagt was anderes. Dann ist offenbar Schluss mit lustig. Obwohl damit eigentlich schon der Rest der Sendung gekonnt zusammengefasst wäre, geht es jetzt erst richtig los. Schmidt-Degenhard setzte die Leidensmiene auf und fragt: „Was müssen wir nicht alles tolerieren?“ Völlig unklar bleibt, ob Schmidt-Degenhard hier versucht, in der Bevölkerung vorhandene Emotionen aufzugreifen und wiederzugeben – oder es einfach seine eigenen Plattitüden sind. Nichts wird eingeordnet, der Toleranz-Überdruss erklärt sich offenbar von selbst.

Was folgt, ist einer der bemerkenswertesten Einspielfilme, der in den letzten Jahren in einer Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu sehen gewesen sein dürfte. Zunächst sieht man einen Ausschnitt aus einem Zeichentrickfilm, der bei Kindern für die Akzeptanz von Fremden werben soll. Es folgen Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die alle jeweils hart aneinander geschnitten „Toleranz“ sagen. Roth gleich dreimal, damit sich auch wirklich alle Zuschauer erinnern, welche „Gutmenschen“ besonders nerven mit dieser ewigen Toleranz.

Die gute alte Zeit

Anschließend läuft in dem Filmchen der Schlager-Hit „Ein bisschen Frieden“, dazu sehen wir eine Gruppe junger Menschen zu Besuch bei Joachim Gauck im Schloss Bellevue. Die Gruppe ist bunt gemischt, erkennbar am Kopftuch, das hier ebenso wie Hautfarbe als Marker eingesetzt wird. Als nächstes ist die Eurovisions-Gewinnerin Conchita Wurst zu sehen, im Hintergrund dudelt wie als perfider Gegensatz aber nicht „Rise like a Phoenix“, der Gewinner-Song der österreichischen Dragqueen, sondern weiter Nicole – aus einer Zeit, als beim Grand Prix noch anständige Mädchen harmlose Liedchen über die Sehnsucht nach Frieden trällerten. Für die harte Politik waren hingegen noch echte Männer zuständig.

Und heute? Da muss sich, wie in dem Einspielfilm gezeigt wird, eine Kanzlerin mit dem Zentralrat der Juden beschäftigen, weiterhin sind betende Muslime zu sehen, eine Gruppe schwuler Männer beim CSD und der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere als schwul outete. Dass er damit genau nicht ein Symbol „grenzenloser gesellschaftlicher Toleranz“ ist, weil als aktiver Profifußballer eben nicht offen schwul leben konnte, scheint der Redaktion nicht einmal aufgefallen zu sein. Anschließend wechseln sich Szenen von der Frankfurter Börse ab mit einer Gruppe von Männern, die auf der Straße an einer Hauswand lehnen. Und dann folgen Altkanzler Helmut Schmidt beim Rauchen und schließlich Edmund Stoiber – mit einem erneut schnell geschnittenen „Toleranz“-Stakkato. Selbst große alte Haudegen wie Stoiber müssen sich dem Zeitgeist und dem Terror der politischen Korrektheit beugen, so offenbar die Botschaft.

Der Sprechertext textet auf diese Bilder, beginnend mit dem Empfang der Gruppe beim Bundespräsidenten und endend mit Helmut Schmidt:

„Sind wir nicht längst das toleranteste Land der Welt? Schmeißen bewährte Ansichten über Bord, alle sollen machen, was sie wollen. Wir finden es gut – egal, ob beim schwulen Fußballprofi oder den Zockern von der Börse. Bei denen, die den ganzen Tag herumlungern oder bei dem, der qualmt, ohne zu fragen, ob er darf.“

Es ist schon eine reife Leistung, in so einen kurzen Film so viele Stereotype und Unbehagen über die Moderne zu verpacken. Doch dabei bleibt es nicht; nach „unser“ strapazierten Toleranz folgt der Bruch – und es kommen die zum Zuge, die sich nicht von rauchenden Sozen, Schwulen oder Muslimen auf der Nase herumtanzen lassen wollen: Pöbelnde Mitglieder der „Berserker Pforzheim“ schreien „Leck mich am Arsch“ und „Scheiß Islamisten“ in die Kamera. Es sind Bilder von der Hooligans-gegen-Salafisten (HoGeSa)-Demo in Köln. Die besoffenen Hools dürfen sich über reichlich Verständnis freuen, man könnte auch sagen: Toleranz. Der Sprechertext fragt: „Doch wie lange geht das gut? Was brodelt unter der Oberfläche? Geht der Schuss nach hinten los?“ Dann folgt erneut die Kanzlerin, die noch einmal Toleranz und „Offenheit von Mensch zu Mensch“ beschwört – vor dem Hintergrund der direkt zuvor gezeigten Hassbilder offenbar ein ironisch gemeinter Schnitt, unterlegt mit sphärischer Sakralmusik.

"Kategorie C" in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner
Sarrazin auf prollig – Hools gegen Salafisten in Köln, Foto: Felix M. Steiner

Gruppen von Menschen, in denen es offensichtlich auch „Nicht-Arier“ gibt, eine erfolgreiche Dragqueen, Juden, Muslime, schwule Männer und (offenbar als Steigerung?) schwule Fußballprofis, ein rauchender Altkanzler und die „Zocker von der Börse“ – diese Gruppen (von der bizarr eingesetzten Einzelperson Helmut Schmidt einmal abgesehen) werden als Herausforderung „unserer“ Toleranz präsentiert. Die filmische „Antwort“ liefern dann die HoGeSa-Aktivisten, die symbolisch dafür stehen sollen, dass es womöglich nicht mehr lange „gut gehen“ könnte, dass da unter der Oberfläche der falschen oder verlogenen Toleranz der Zivilgesellschaft etwas „brodelt“, was „nach hinten losgehen könnte“ – trotz der Predigten der Toleranz-Apostel.

„Ende der Utopie namens Multikulturalismus“

Nazi-Hools als Vollstrecker des Überdrusses gegen den „Tanz der Toleranz“, der auch dem Moderator in seiner Anmoderation „ziemlich auf den Geist geht“. Das erinnert an einen Kommentar aus der FAZ, in dem Jasper von Altenbockum die Ursache für rassistischen NSU-Terror mit “einer Minderheit von Muslimen” in Verbindung gebracht hatte, die sich nicht integrieren wolle. Und auch das war natürlich kein Ausrutscher: Zum 20. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits bewiesen, dass die rechtsoffene Flanke des deutschen Konservatismus keine Erzählung aus der Vergangenheit ist.

In seinem Kommentar machte wiederum von Altenbockum aus dem rassistischen Mob ein Fanal der Vernunft gegen eine vermeintlich verfehlte Asylpolitik. Für den FAZ-Redakteur markierten die Ausschreitungen und Mordanschläge Anfang der 1990er das „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“:

Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre, denen Mordanschläge wie in Mölln und Solingen folgten, markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus. Sie war gerade erst geboren worden und trug schon den Keim des Scheiterns in sich. Die Vision einer neuen Gesellschaft, in der die alten, spießigen Bürger keinen Platz mehr haben sollten, wirkte im Osten doppelt fatal.

Auch hier wird die Ursache der rassistischen Gewalt nicht im Rassismus gesehen, sondern sie wird der “Multikulti-Ideologie” untergeschoben. Und so hat rassistische Gewalt für von Altenbockum offenbar eine positive Funktion – so wie ein reinigendes Gewitter:

Erst ‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung. Erst der ‚Asylkompromiss‘ des Jahres 1993, erst die Änderung des Grundgesetzes und erst die Regulierung der bis dato mehr oder weniger schrankenlosen Einwanderung haben es möglich gemacht, in die Nähe eines gesellschaftlichen Konsenses über Rechte und Pflichten in einem Einwanderungsland zu kommen – ja, erst einmal darüber, ob Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist oder nicht.

Und heute sind es die HoGeSa, die beim „Tanz um die Toleranz“ nicht mehr artig mitwippen wollen und „endlich“ eine „ehrliche“ Debatte über die Toleranz ermöglichen?

Und der bedrohten Spezies des „alten, spießigen Bürgers“ wurde in der Sendung horizonte reichlich Raum gegönnt. Denn nach Anmoderation und Einspieler durfte der Publizist Matthias Matussek in den folgenden 30 Minuten noch ausführlich nachlegen. Um den Umfang des Artikels nicht endgültig zu sprengen, soll auf Matusseks Ergüsse nicht ausführlich eingegangen werden, es waren seine erwartbaren und üblichen Textbausteine.

„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“

Mathias Matussek in "Horizonte" (Screenshot)
Hatte sich kürzlich als „homophob“ bezeichnet: Matthias Matussek (Screenshot Horizonte).

Die tapfer kämpfende Ellen Ueberschär hatte deutliche Mühe, zivilgesellschaftliche Basics gegen Matusseks aufgeregte und stellenweise wütende Ausführungen und einen scheinbar mit ihm sympathisierenden Moderator zu verteidigen. Mehr als einmal musste sie die beiden daran erinnern, um was es bei der „Toleranz“ gegenüber Schwulen geht: um „Menschenrechte“ und „Menschenwürde“. Auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehöre, weil hier nun einmal Millionen Muslime leben, schien eine intellektuelle Überforderung für ihren Kontrahenten darzustellen.

Dass das Unbehagen, das wir und viele andere angesichts der Sendungsankündigung hatten, völlig berechtigt war, bestätigte Redaktionsleiter Schmidt-Degenhard im anschließenden Chat zur Sendung, in dem er auf Kritik unter anderem entgegnete, „meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend.“ (sic!)

Womit wir dann beim Kern des Problems angekommen wären: Wenn dem Moderator Homophobie „nicht zwangsläufig menschenverachtend“ erscheint, ist Matussek natürlich auch niemand, der sich außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens bewegt. Selbstverständlich kann es 2014 nicht mehr Standard sein, dass zwei äußerst prominente Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft plus Moderator nur „über“ Schwule und Muslime reden, ohne dass die betreffenden Gruppen eine Chance erhalten, für sich selbst zu sprechen. Zumal dann, wenn einer der geladenen Gäste auch noch massiv auf deren Gefühlen herumtrampelt und ihnen offenkundig zum Teil schlichtweg Grundrechte vorenthalten will.

Doch das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren immer wieder in einzelnen Punkten entschieden, dass die homosexuelle Lebenspartnerschaft der Ehe gleichzustellen sei, steuerrechtlich, im Hinblick auf das Adoptionsrecht und das Familienrecht. Eine vollständige formale Gleichstellung der hetero- und homosexuellen Ehe ist daher längst überfällig – und es ist eines der großen gebrochenen Wahlversprechen der SPD, dass ihr dieser Punkt bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union im Ergebnis schlichtweg egal war.

Bemerkenswert ist, dass eine so konzipierte Sendung ausgerechnet im Rahmen der ARD-Toleranzwoche läuft – und dass die im Vorfeld kritisierte Ankündigung alles andere als ein Ausrutscher oder Versehen war. Äußerst präzise wurde die Perspektive der Sendung vorweggenommen und beschrieben: Der kleine Mann, der in der Kantine zwei Minuten auf sein Schweineschnitzel warten muss, weil irgendeine Kopftuch-Else wegen religiöser Sitten aus dem Morgenland nervt. Der kleine Mann, der sich angewidert wegdreht, wenn sich zwei Männer trauen, in der U-Bahn ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen.

Das Potpourri der „Feindgruppen“

Konsequent wird diese Perspektive des bedrohten deutschen, männlichen „Normalbürgers“ durchgehalten, der auch beim Thema Sex nicht mehr weiß, woran er ist. Irgendwie ist überall Sex, aber er bekommt immer zu wenig davon ab. Käuflicher Sex, Prostitution, schwule Darkrooms im Frankfurter Bahnhofsviertel, irgendwie ist alles dasselbe – und kaum durchschaubar. Als Höhepunkt eines weiteren horizonte-Einspielfilms kommt ein angetrunkener Mann vor einer Bar im Rotlichtbezirk zu Wort, der mit dem Autor bei einer Flasche Bier darüber sinniert, ob Toleranz nicht auch bedeute, dass Männer Frauen nun mal nach dem Schema „die ist geil, die auch, und die auch“ bewerten. „Aber sie geben es nicht zu!“, empört sich das verhinderte Alphamännchen schließlich – verdammte feministische Nervensägen.

Es fehlt bei diesem merkwürdigen Moral-Aufguss des 50er-Jahre-Miefs eigentlich nur noch der Beamte der Sittenpolizei, der aber kumpelhaft ein Auge zudrückt, weil auch er genau weiß, wie hart das Los der Männer heutzutage ist. Mit spielerischer Lust auf verschiedenartige Sexualität und Offenheit für Veränderungen hat das alles auf jeden Fall wenig zu tun, auch wenn es unverkrampft daherkommen soll.

Auf den Schlussakkord zum Feindbild Börsenspekulant gehen wir nicht mehr ein, darauf konnte sich selbst Matussek kaum einen Reim machen. Die Themenzusammenstellung war einfach ein erratisches Potpourri, das sich an den vermuteten „Feindgruppen“ des Mehrheitspublikums orientierte:  Schwule, Migranten, Muslime, Sozialschmarotzer, Emanzen, Spekulanten. Die bedrohlich formulierte Anfangsfrage, ob „der Schuss nicht bald nach hinten losgeht“ gibt die Leitidee wieder: diesen Vorurteilen „breiten Platz und Raum“ einzuräumen, damit das Publikum nicht auf die Idee kommt, „Volksverräter“ zu brüllen und auf HoGeSa-Demos zu gehen. Doch diese „Taktik“ wird nicht funktionieren.

Das Reden über andere

Denn das das Reproduzieren von Stereotypen, das abwertende Reden über andere, die nicht anwesend sind, taugt nicht dazu, Ressentiments abzubauen. Vielmehr werden Vorurteile so erst recht perpetuiert, weil der mit solchen vor dem Fernseher sitzende Zuschauer sich dadurch bestätigt fühlt, dass seine Ressentiments „endlich auch mal im Fernsehen“ offen ausgesprochen werden. Dass es in Gestalt von Ellen Überschär auch eine marginalisierte Gegenstimme gab (gegen „provokante“ Ankündigung, „provokante“ Moderation, „provokante“ Einspieler und Matussek), spielt für die verstärkende Wirkung kaum noch eine Rolle. Denn bei solchen „Gutmenschen“ hört der Wutbürger einfach weg, zumal wenn ihm vorher mit Claudia Roth als dreifach eingespielte tolerante Nervensäge schon der Weg dazu bereitet wird.

Diversity-Konzepte, an denen wirklich kein Mangel besteht, fanden in dieser Sendung keinen Platz. Vielmehr hielt die Redaktion an der vermeintlichen Provokation fest. Das Ergebnis wirkt wie das Sittengemälde eines „Normalbürgers„, der sich weiterhin konsequent und trotzig dem realen gesellschaftlichen Fortschritt verweigern möchte – und damit zunehmend in Gefahr gerät, ins Reaktionäre abzudriften.

„taz“ entschuldigt sich für Altmaier-Outing – zu Unrecht!

Micha Schulze hat bei Queer.de an „taz“-Chefedakteurin Ines Pohl geschrieben. Pohl hatte die Homosexualität zur „Privatsache“ erklärt und ließ das Outing von Umweltminister Peter Altmaier (CDU) durch Jan Feddersen von der Webseite löschen. Publikative.org veröffentlicht den Brief mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Liebe Ines Pohl,

es ist zum Verzweifeln: Da hat mir endlich mal ein Text Ihres Redakteurs Jan Feddersen so halbwegs gefallen – und dann zensieren Sie ausgerechnet diesen.

Feddersens Kommentar „Pseudobarockes Geschwurbel“ zu Peter Altmaiers Single-Dasein haben Sie heute Mittag von der „taz“-Webseite gelöscht, obwohl er darin treffend den mehr als peinlichen Umgang des CDU-Umweltministers mit seiner Homosexualität aufs Korn nimmt (queer.de berichtete). „Politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache“, begründen Sie den für die „taz“ recht drastischen Eingriff in einer internen Mitteilung. Weiter heißt es: „Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen. Für den Beitrag, der in der gedruckten Montagausgabe erschienen ist, entschuldige ich mich.“

Ich weiß nicht, was mich mehr frustriert: Dass wir nach über 20 Jahren „Outing-Debatte“ keinen Millimeter weiter gekommen sind oder dass ausgerechnet eine Chefredakteurin einer sich als progressiv verstehenden Zeitung solch einen, Entschuldigung, Unfug verfasst.

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist ebenso wenig „Privatsache“ wie seine Hautfarbe, man kann sie sich nicht aussuchen. Sie ist Teil der Persönlichkeit und spiegelt sich nicht nur im Bett, sondern im gesamten Lebensumfeld wider. Homo, hetero oder bi zu sein, ist kein Tabu und nichts, was man verheimlichen oder für das man sich schämen müsste. Darüber zu reden oder zu schreiben, ist weder eine Bedrohung noch eine Beleidung und schon gar keine „Hetzjagd“, wie selbst in der schwulen Blogosphäre zu lesen war. Mit dem bewussten Verschweigen unterstützt man stattdessen ein Klima, das es manchen Teenagern noch immer schwer macht, ihr Coming-out problemlos anzugehen.

Solange wir nicht völlig selbstverständlich mit der sexuellen Orientierung umgehen – mit der eigenen wie der von Dritten -, tappen wir nur weiter in die Diskriminierungs- und Minderwertigkeits-Falle, die uns die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft stellt und dabei von der „freien Entscheidung des Einzelnen“ faselt.

Peter Altmaier (Quelle: Bundestag)
Peter Altmaier (Quelle: Bundestag)

Kein einziger Hetero würde doch je auf die Idee kommen, seine sexuelle Orientierung zur „Privatsache“ zu erklären! Im Gegenteil: Politiker posieren auf Wahlplakaten stolz mit ihren Gattinnen und Kindern, auf dem Klingelknopf der Nachbarn heißt es „Herr und Frau Schmidt“ und von meinen Facebook-Freunden werde ich im Fünf-Minuten-Takt mit Hetero-„Bekenntnissen“ bombardiert.

Schwuler Umweltminister, lesbische Chefredakteurin 

Allein dieses Argument rechtfertigt, warum wir auf queer.de heute klipp und klar vom „schwulen CDU-Umweltminister Peter Altmaier“ schreiben und nicht, wie Jan Feddersen, mit Andeutungen und vielen Pünktchen um den vermeintlich heißen Brei herumschwurbeln. Aber selbst das war für Ihre Biedermeier-„taz“ ja zu viel!

Dass wir erst jetzt so deutlich werden, hat sehr viel mit den namentlichen Abstimmungen Ende Juni im Deutschen Bundestag und den sich anschließenden Debatten in der Community zu tun. Unsere Geduld ist einfach am Ende, vor allem mit „unseren“ Spezis von Schwarz-Gelb. Warum sollen wir einen schwulen CDU-Abgeordneten, der sowohl gegen die Ehe-Öffnung als auch gegen die Gleichstellung Eingetragener Partnerschaften stimmt, bei seinem überflüssigen Versteckspiel weiter unterstützen? Ist es nicht geradezu unsere journalistische Pflicht, es zu kritisieren, wenn er einem Boulevardblatt das angestaubte Märchen vom ewigen Junggesellen auftischt?

Schwule und Lesben sind keine besseren Menschen, Politiker und Journalisten, das ist mir seit langem klar. Von der lesbischen Chefredakteurin der „taz“ hätte ich aber doch mehr erwartet – nicht nur mehr Mut im Fall der Klemmschwester Altmaier, sondern überhaupt mehr Engagement in der Berichterstattung über Ehe-Öffnung und Parteien auf dem CSD. Schade!

Viele Grüße
Micha Schulze

Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist geschäftsführender Redakteur von queer.de. Er hasst es zwar zu telefonieren, schreibt aber von morgens bis abends Emails – und in dieser Kolumne jetzt auch regelmäßig an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.
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Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag

Der Bund Katholischer Ärzte (BKÄ) hat auf dem Deutsche Katholikentag in Mannheim Psychoanalyse und homöopathische Behandlungen gegen Homosexualität angeboten. Erst nach Protesten distanzierten sich die Organisatoren des Kirchentreffens von der schwulenfeindlichen Propaganda. 

von Roland Sieber

Lesbisch-schwule Initiativen protestierten den ganzen Samstag über mit Sit-ins und spontanen Protesten vor dem Infostand. Teilweise schritt die Polizei höflich gegen das kritische Publikum aus bis zu 40 Schwulen und Lesben ein und ermahnte diese, Abstand zu halten.

Der katholische Bund gab am Montag bekannt (Rechtschreibfehler wie im Original von der Presseinfo entnommen):

„Auf den offiziellen Informationsstand der BKÄ-Ärztevereinigung auf dem 98. Deutschen Katholikentag Mannheim sind in einer organisierten Aktion mehrere Angriffe unternommen worden. Stein des Anstoßes und der Empörung waren ärztliche Aussagen zur Homosexualität und der Hinweis am Infostand auf spezifische Fachinformationen zu diesem aktuellen Thema.

Am Samstag Nachmittag, 19.5.2012, war es zu stundenlangen Belagerungen und Blockade des Informationsstandes gekommen, wobei der ordentliche Informationsbetrieb üner katholische Ärztearbeit fast zu Erliegen gekommen war. Die beiden Ärzte wurden in stundenlange Diskussionen verwickelt, bis die Polizei einschreiten musste, um den Zugang zum Infostand für die Katholikentagsbesucher wieder zu ermöglichen.

[…] Kaum jemand konnte und wollte sich eine geistliche / ärztliche Hilfe bei Homosexualität vorstellen. Die Empörung über dieses Angebot mischte sich mit einem generellen Haß aus alles Kirchliche / Katholische.“

Nach Augenzeugenberichten wurden von zwei katholischen Ärztevertretern am Samstag folgende Aussagen in Mannheim gemacht:

„Homosexuelle entsprechen nicht den sittlichen Normen. Diese sittlichen Normen werden aus einzelnen Passagen des alten Testaments, wie Sodom und Gomorra, abgeleitet.“

„Schwule sind krank. Sie haben zwar eine „positive Krankheit“ aber dennoch eine Krankheit. Krankheiten im negativen Sinne, sind Menschen mit einer Behinderung.“

„Die Menschen sollen doch in würde Sterben, und nicht an HIV. Da wäre es besser mit der Titanic unter zu gehen.“

Ob die Polizei diese Aussagen und die Flugblätter der Standbetreiber auf mögliche Straftatbestände hin überprüfte, ist nicht bekannt. Diese konnte Samstagabend den Eingang von Strafanzeigen wegen Volksverhetzung weder bestreiten noch bestätigen, aber am Montag gingen mehrer Anzeigen wegen Beleidigung gegen den katholische Bund ein. Auf den verteilten Flyern wird Homosexualität unter anderem als „Psychische Störung“ und „Reifungs- und homoerotische Empfindungsstörung“ bezeichnet. Fotos der Flugblätter machen seit Samstag auf Facebook die Runde (VorderseiteRückseite).

Florian Wiegand von der Homosexuellen-Gruppe „Delta Boys“, einem Projekt der Psychologischen Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar, sprach von einem skandalösen Vorgang: „Derartige Hasstiraden sind unerträglich und verstoßen gegen die Menschenwürde“. Der CSD Rhein-Neckar erklärte:

„Wir sind immer noch sehr erschrocken, wie solche menschenverachtenden und diskriminierenden Stände Bestandteil des Katholikentags sein konnten und erwarten hierzu eine klare Stellungnahme von Seiten der Katholikentagsleitung.“

Proteste gegen die schwulenfeindliche Propaganda
Proteste gegen die schwulenfeindliche Propaganda

Ein Pressesprecher der Stadt Mannheim bestätigte, dass es keine Kontrollen auf Jugendgefährdung durch das Jugendamt auf dem Katholikentag gab. Es gäbe zwar Rundgänge des Ordnungsamtes aber inwieweit der Stand der katholischen Vereinigung auf den Missbrauch des Ärztetitels oder auf eventuelle weitere Ordnungswidrigkeiten und Straftatbestände hin geprüft wurde, konnte er nicht sagen. Am Sonntagmorgen schob eine Pressesprecherin der Stadt Mannheim alle Verantwortung auf die Anmelder des Deutschen Katholikentags. Dieser wurde als Markt angemeldet und für die einzelnen Stände sei somit deren Organisationsteam zuständig. Die Pressestelle des Katholikentags gab am Samstag wiederum auf Nachfrage bekannt, dass alle katholischen Initiativen die einen Stand beantrag haben diesen ohne Kontrolle von der Geschäftsstelle des Katholikentags genehmig bekommen hätten, da für die inhaltliche Kontrolle die Stadt Mannheim verantwortlich sei.

Nachdem Samstagabend überregionale Nachrichtensendungen über die schwul-lesbischen Proteste berichteten, ruderte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) am Sonntag zurück und distanzierte sich mit allem Nachdruck sowohl von dem Ärztestand als auch von deren inhaltlichen Aussagen. Dr. Martin Stauch fand im Regionalfernsehen RNF als Geschäftsführer des Katholikentags positive Worte zu den friedlichen Protesten. Die farbenfrohe Aktionen gegen die menschenverachtenden Ansichten des Bundes Katholischer Ärzte beurteilt der schwul-lesbische Arbeitskreis der Mannheimer Grünen als vollen Erfolg.

„Wir erfuhren am Freitag vom Stand des BDAE und den Ansichten, die dort vertreten werden. Sofort war klar: Gegen diese homophoben Thesen müssen wir gemeinsam aktiv werden. Wir waren überrascht und überwältigt von der Resonanz: CSD-Verein, Szenewirte und viele weitere Initiativen und Parteien beteiligten sich spontan am bunten Protest”,

erzählt Tobias Heck als Sprecher des Arbeitskreises begeistert, bevor Jürgen Kaufmann ergänzte:

„Lesben und Schwule sind nicht entpolitisiert: Wir müssen und werden weiterhin wo nötig für die Rechte von Lesben und Schwulen kämpfen und uns gegen Diskriminierung und Diffamierung wehren.“

Der AK SchwuLes hofft, dass die Organisator*innen des nächsten Katholikentages in Regensburg den medizinisch unhaltbaren Ansichten des Bundes Katholischer Ärzte keine offizielle Bühne mehr geben werden.

„Wer solche Ansichten öffentlich ohne wissenschaftliche Basis vertritt oder gefährliche Mutmaßungen in medizinischem Gewand in Umlauf bringt, sollte bedenken, dass dies nicht ohne Folgen bleibt: In Deutschland und weltweit sind Lesben und Schwule immer noch von vielem ausgeschlossen, diskriminiert und von Gewalt zumindest bedroht, gerade mit der Begründung, sie seien krank. Das weltoffene und tolerant Mannheim hat dagegen am Samstag gezeigt: Gesellschaftliche Vielfalt ist möglich und Homophobie – Hass auf Lesben und Schwule – ist heilbar“,

so Heck. Diese Aussage wird in einem aktuellen Spiegel-Artikel unterstrichen. Da die sogenannte „Konstitutionsbehandlung“ nicht nur wissenschaftlich widerlegt ist, sondern auch psychische Krankheiten bei betroffenen Menschen auslöst, geht die Bundesärztekammer gegen die katholischen Ärzte vor und entzog einigen der religiösen Fundamentalisten zumindest die  kassenärztliche Zulassung. Nach Augenzeugenberichten soll es Samstagabend aus dem Organisationsteam des Katholikentags die Zusage gegeben haben, den Bund Katholischer Ärzte zukünftig nicht mehr zuzulassen. Dies konnte das ZdK am Montag noch nicht bestätigen.

Wie der Verein zur Förderung lesbischwuler Kommunikation Wien berichtete, hat der Schauspieler und Sänger Benjamin Franklin Andre am Wochenende eine Facebookgruppe gegen den Münchner Arzt und Vorsitzenden des Bundes katholischer Ärzte, Dr. Gero Winkelmann, gegründet, die innerhalb von zwei Tagen auf über 2.100 Mitglieder anwuchs. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gingen zahlreiche Beschwerden ein. Betroffene Menschen schrieben offene Briefe an Kirchenvertreter*innen und Bundespolitiker*innen. Mannheimer Lokalpolitiker*innen wollen den Vorfall  im Gemeinderat nachbearbeiten: Zu viele Fragen um die Standanmeldung und dessen Genehmigung sind offen.

Siehe auch: Frankfurt verbietet Mahnwache für Naziopfer und Gemeinderätin aus Sachsen: Offener Hass auf Schwule