Hogesa 2.0 – Angekommen in der traurigen Realität

Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner
Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner

Nur rund 1.000 Hooligans fanden am Sonntag den Weg zur „Hogesa 2.0“ nach Köln. Ihnen standen bis zu 20.000 Menschen entgegen. Am Rande kam es zu vereinzelten Zusammenstößen zwischen Hooligans und Gegendemonstranten und einem Wasserwerfer-Einsatz der Polizei.

Von Felix M. Steiner

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Hogesa 2.0 – Köln erwartet tausende Hooligans und Neonazis

Hogesa 2014, Foto: Felix M. Steiner
Hogesa 2014, Foto: Felix M. Steiner

Am Sonntag wollen Hooligans in Köln das Hogesa-Jubiläum begehen. Erlaubt ist ihnen lediglich eine Kundgebung, um deren Ort noch vor Gericht gestritten wird. Tausende werden zu den Gegenprotsten erwartet.

von Felix M. Steiner

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Pegida-Randalierer brüllen "Judenpresse!"

Pegida, Hogesa, Salafisten – in Wuppertal waren sie am Wochenende alle auf der Straße. Bei den Salafisten ging es gegen die USA und Israel, einige Rechtsradikale riefen ohne Codierung antisemitische Parolen.

Von Roland Geisheimer/attenzione

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Gegen eine Kundgebung von etwa 100 Salafisten marschierten rund 800 Anhänger von Pegida und HoGeSa in Wuppertal auf. Auch zahlreiche Neonazis aus dem Umfeld der Partei “Die Rechte” beteiligten sich. Neben der Parole “Lügenpresse halt die Fresse” stimmte man auch die Parole “Lügenpresse auf die Fresse” an – und sogar „Judenpresse“ war zu hören.

Bereits während der Auftaktkundgebung kam es zu Straftaten. Gewaltbereite Hooligans vermummten sich und bedrängten die Polizeiketten. Auch zwischen Pegida und Hogesa kam es zu Konflikten, so dass die Polizei aus Sicherheitsgründen einen Demonstrationsmarsch untersagte. Sie musste mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen die Böller werfenden Randalierer vorgehen.

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Bei den antisemitischen Salafisten ging es ruhiger zu. An deren Kundgebung für gefangene Muslime beteiligten sich knapp 100 Männer und nicht einmal eine Hand voll Frauen.

Auch wenn die antisemitische Parole “Judenpresse” sicher auch hier gut auf der Kundgebung angekommen wäre, passte man hier genau auf, was man sagte. Nur ein Redner ließ sich dazu hinreißen, etwas über die Stränge zu schlagen. Er bat seinen Gott darum alle Ungläubigen, die USA und Israel zu vernichten. Zeugen wollen auch gehört haben, dass er um die Vernichtung der Juden bat.

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Bernhard Falk, in der islamistischen Gefangenenhilfe tätig, saß bereits mehrere Jahre wegen diverser terroristischer Straftaten im Gefängnis

 

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Sven Lau, der Macher der “Scharia-Polizei”, redet zu seinen Anhängern. Lau sagt man nach, dass er bereits mehrmals in IS-Camps gereist sei.

 

Hier finden Sie weitere Berichte und Bilder der attenzione-Fotografen.

PEGIDA: Wenn Untertanen aufmüpfig werden

Der "deutsche Boden" ist zurück. "PEgida" in Dresden, Foto: Johannes Grunert
Der „deutsche Boden“ ist zurück. „Pegida“ in Dresden, Foto: Johannes Grunert

Auf den Straßen von Dresden marschieren mehr als 10.000 Menschen gegen etwas, was es dort gar nicht gibt. In anderen Städten folgen Hunderte Personen dem Konzept von Pegida – sogar absurde Namen wie Duegida schrecken sie nicht ab. Die Sehnsucht nach Autorität und Orientierung sind enorm, die fragmentierte Gesellschaft macht vielen Menschen offenkundig massive Angst. Sie wollen endlich wieder einfach Untertan sein.

Von Patrick Gensing

Die Fragmentierung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft lässt sich an verschiedenen Beispielen skizzieren: Medial beispielsweise hat dieser Prozess in den 1980er Jahren begonnen, als das Privatfernsehen in der Bundesrepublik auf Sendung ging. Lustigerweise war es die konservative geistig-moralische Wende, die „Grüße aus der Lederhose“ in die deutschen Wohnzimmer überbrachte; es folgten reihenweise Talkshows und Trash-Formate – im bürgerlichen Feuilleton abfällig als „Unterschichten-Fernsehen“ abgetan.

Ende der 1990er Jahre brach dann die digitale Revolution vollends aus: Die Folgen lassen sich bis heute kaum abschätzen. Riesige Medienimperien gerieten ins Wanken, Zeitungen „starben“, Hunderte Blogs und neue große Player betraten die öffentliche Bühne. Die Diskussionen über die Umwälzungen im Medienbereich kommen zumeist bemerkenswert konservativ daher: Wie lässt sich Altes bewahren oder ins neue Medium übertragen?, so diskutieren viele Zeitungsmacher bis heute. Was Online-Journalismus eigentlich ausmachen soll, hat in Deutschland bis heute kaum jemand beantwortet – wie das richtungslose Projekt der Krautreporter beispielhaft zeigt.

Von Tauschbörsen und Filterblasen

Dabei besteht der Kern doch eigentlich aus der Freiheit, jederzeit und überall Texte, Bilder, Videos oder andere Inhalte veröffentlichen zu können – ohne Redaktion, ohne Verlag, ohne Volontariat. Einfach so. Jede/r kann immer und überall mit geringsten Mitteln weltweit praktisch kostenlos publizieren. Die Möglichkeiten zum Publizieren und zur Kommunikation erscheinen grenzenlos – doch Politik und Medien haben den Fehler wiederholt, den bereits Musik- und Filmindustrie begingen – sie haben die Chancen und Risiken der digitalen Revolution und der neuen Kommunikationsrichtungen nicht erkannt bzw. unterschätzt. Was für die Musikbranche die Tauschbörsen waren, auf die die Majors keinen Zugriff mehr bekamen, das sind für die politische Meinungsbildung die sozialen Netzwerke mit ihren Untereinheiten – den individuellen Filterblasen (englisch filter bubble) oder Informationsblasen, in denen Politiker und große Medien weiterhin stattfinden möchten.

Doch große Parteien sowie professionelle redaktionelle Angebote haben in Teilen der Bevölkerung rasant an Gewicht und Einfluss verloren, nicht selten genießen bemerkenswerterweise dubiose Einzelpersonen oder vollkommen undurchsichtige Projekte eine weit höhere Glaubwürdigkeit als komplette demokratische Parteien oder ganze Redaktionen, in denen Dutzende ausgebildete Journalisten arbeiten. Ob in Politik, Wirtschaft, Medien oder Kultur – die große Mehrheit scheint auf der Seite der Kleinen zu stehen. Eine wichtige Erkenntnis, um die Selbststilisierung als Opfer zu verstehen – gegen die herrschende Klasse, große Medien oder auch die angeblich allmächtige Political Correctness. Die Inhalte sind nebensächlich und werden austauschbar, wie auf Mahnwachen und Montagsdemos deutlich wird, es geht um die rebellische Attitüde. Die neue Querfront kann interne ideologische Widersprüche kanalisieren, vereint ist sie im Kampf gegen den „Mainstream“.

Nazis, Reichsbürger, Preußen... (Foto: Oliver Feldhaus)
Nazis, Reichsbürger, Preußen… (Foto: Oliver Feldhaus)

Rebellion gegen den Mainstream muss überhaupt nicht schlimm, sondern kann vielmehr für eine Gesellschaft der Garant für kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt sein – vorausgesetzt, es handelt sich dabei um progressive Bewegungen – und nicht um einen reaktionären Sumpf, wie er sich derzeit in Deutschland massiv ausbreitet. Längst haben sich politische Milieus gefunden und miteinander verbunden, die sich dynamisch radikalisieren – und von großen Parteien sowie etablierten Medien weiter entfernen. Denn für jeden Themenschwerpunkt (Israel- oder Islamkritik, Klima, „Gutmenschen-Terror“, Untergangsszenarien, Kulturpessimismus, „Sexualisierung“, Esoterik, Impfskeptiker usw.) existieren lose Netzwerke im Internet – Blogs, Facebook-Seiten, kleine Magazine. Hier können sich „kritische“ Bürger stets mit den neuesten Meldungen zum jeweiligen „Fachgebiet“ (gegenseitig) versorgen. So wächst die Bedeutung von mono-thematischen Angeboten, die einfache Antworten auf komplexe Fragen bieten, immer weiter.

Flexible Glaubwürdigkeit

Diese Fixierung auf solche Informationsblasen hat Folgen: Denn schaut beispielsweise ein überzeugter Klimaskeptiker in große Medien, findet er Meldungen, die in seiner Community als extrem wichtig erachtet werden, lediglich als Randnotiz. Oder gar nicht. Beispielsweise, weil die Meldung in der Gewichtung der jeweiligen Redaktion als nebensächlich eingestuft wurde oder weil die Quelle schlicht unseriös war. Daraus folgert unser Klimaskeptiker in einem bemerkenswerten Umkehrschluss, dass die jeweilige Meldung nicht zu unwichtig, sondern vielmehr zu wichtig und brisant sei, um in den „Systemmedien“ aufzutauchen. Das soll nicht bedeuten, über redaktionelle Gewichtung solle nicht gestritten werden, denn offenkundig gibt es vor allem strukturelle Gründe, warum einige Themen oft vorkommen, andere aus meiner Sicht weniger oft. Dennoch kann es nicht schaden, den Wert von Themenvielfalt an sich anzuerkennen und die Diskussionen über die Relevanz der „eigenen“ Fachgebiete auch als Realitätscheck zu begreifen.

Interessant ist zudem, dass sich die Leute, die schnell von Zensur und gesteuerter Presse sprechen, gerne auf Artikel in etablierten Medien beziehen, wenn der jeweilige Inhalt mit der eigenen Weltsicht korrespondiert. Glaubwürdigkeit ist also ein flexibler Begriff, der täglich neu definiert wird. Die Grundregel dabei lautet: Hohe Glaubwürdigkeit genießt der, der mir sagt, was ich ohnehin hören will. Genau auf dieses Liefergebiet haben sich einige Publizisten und Polit-Aktivisten spezialisiert.

Da lacht das Herz des rechten Wutbürgers: Sarrazin, Herrman, Scholl-Latour
Da lacht das Herz des rechten Wutbürgers: Sarrazin, Herrman, Scholl-Latour

Jeder kann sich heute problemlos und schnell seine eigene Informationsblase aufpumpen und sich darin immer weiter davontragen lassen. Wie sich diese höchst dynamische Fragmentierung von medialer Landschaft und Wahrnehmung langfristig auf die politische Meinungsbildung auswirken kann, ist kaum abzuschätzen. Einen Vorgeschmack auf mögliche negative Folgen haben wir aber bereits erlebt. Die rassistische Islamkritik war wohl die erste westliche Massenbewegung im Netz nach der digitalen Revolution. Der Terroranschlag von Anders Breivik hat gezeigt, wie weit sich Menschen in solchen ideologischen Gebäuden verlieren und radikalisieren können. Sie umgeben sich nur noch mit Menschen, die ihre Weltsicht bestätigen und manifestieren. Selbstverständlich sind solche Radikalisierungsprozesse auch ohne Internet weiterhin möglich –  doch die Angebote im Netz erleichtern es dem Suchenden deutlich, tief in bestimmte Fachgebiete einzusteigen – oder sich darin komplett zu verlieren.

Die zwei Seiten der Freiheit

Übrigens, bevor es hier zu Missverständnissen kommt: Ich begrüße die Fragmentierung der Gesellschaft. Der Zerfall von autoritären Strukturen bedeutet aus meiner Sicht einen zivilisatorischen Fortschritt, die Ausdifferenzierung einer einst fürchterlich homogenen Gesellschaft ein Gewinn an Freiheit. Doch geht es hier nicht um Menschen, die nach mehr Freiraum streben, um diesen für sich füllen zu können. Es geht um die Kehrseite von Freiheit – und um die Menschen, die Angst haben vor der größeren Verantwortung, die von einer Fragmentierung in verschiedenen Bereichen verunsichert werden.

Diese Verunsicherung bzw. Orientierungslosigkeit bei vielen Menschen kann auch kein Zufall sein, denn sie tritt in relevanten Teilen der Bevölkerung gleichzeitig und ähnlich auf. Das heißt, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen mit der Individualbiografie des Einzelnen zusammenhängen bzw. diese bestimmen, wie es beispielsweise Erich Fromm bereits vor Jahrzehnten dargelegt hat. So findet sich die bereits beschriebene Fragmentierung im medialen und politischen Sektor vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich wieder. Dieser Prozess kann für den wirtschaftlich Erfolgreichen ein Gewinn an Freiheit sein – für viele Arbeitnehmer steht dieser Prozess hingegen für prekäre Beschäftigung. Kein Begriff bringt die totale Fragmentierung der Arbeitswelt so auf den Punkt wie die „Ich AG“. Jeder gegen jeden – und alle für die Deutschland AG.

Fromm sieht im Streben nach Freiheit und nach Gerechtigkeit fundamentale Wesenszüge aller Menschen. Viele Menschen seien dieser Freiheit jedoch nicht gewachsen bzw. haben durch Erziehung einen Sozialcharakter erworben, der an Macht und Gehorsam orientiert sei. In seinem Buch Escape from Freedom (1941) beschrieb Fromm die Psychodynamik dieser Furcht und Flucht vor der Freiheit. Der geistige Konformismus verträgt keine Andersdenkenden und keine pluralistische Welt. Als typische Züge des autoritären Charakters nannte Erich Fromm die Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, außerdem Destruktivität (Zerstörungslust), Selbsterhöhung und starre Konformität. Zu dieser durchgehenden Orientierung an Macht und Stärke gehört eine Denkweise, die an Konventionen hängt, zugleich abergläubische und stereotype Züge hat, sensible und künstlerische Seiten zurückweist und vor allem alles Fremde, fremde Menschen und Sitten, ablehnt. Die autoritäre Persönlichkeit tendiert dazu, Ideologien zu folgen, ist konform, bei extremer Ausprägung „potentiell faschistisch“ und destruktiv. (Quelle)

Der Kampf kann nicht in Kommentarspalten gewonnen werden

Über Hasskommentare und rassistische Blogs im Internet ist viel Richtiges, Kluges und auch Lustiges geschrieben worden, doch existiert bis heute keine effektive Strategie im Umgang mit solchen Phänomenen – außer ignorieren oder löschen. Das ist auch kein Wunder, denn genauso wenig wie man auf Facebook oder in Kommentarspalten argumentativ eine Diskussion gegen eine Armee von semiprofessionellen Forentrollen gewinnen kann, lassen sich Pegida, Hogesa, Duegida, NPDler oder AfD-Anhänger einfach durch bessere Argumente überzeugen – vor allem nicht, wenn sie überzeugt sind, ohnehin im Recht zu sein – und jede Quelle, die dem entgegen steht, als Propaganda abtun können, weil sie wie erwähnt Glaubwürdigkeit flexibel einsetzen.

Unter dem Deckmantel „man wird ja nochmal sagen dürfen, dass…“ wird mittlerweile massenhaft der größte Stuss verbreitet; die Irrationalität lässt sich durch rationale Argumente kaum besiegen. Dazu kommt aber noch, dass neurechte Strategen bereits seit Jahrzehnten propagieren, man müsse Begriffe setzen, die Deutungshoheit gewinnen, die Agenda bestimmen. Genau das geschieht, wenn man nur noch Duegida hinterher schreibt oder sich die Mühe macht zu erklären, warum im Erzgebirge keine Islamisierung droht. Man kann nicht jeden Unsinn entkräften – und man sollte auch nicht über jedes Stöckchen springen, das hingehalten wird. Es sind Symptome, keine Ursachen.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Die Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen wird weit schwieriger als mit den Neonazis in den vergangenen Jahren. NPD und Kameradschaften gelten als politische Schmuddelkinder, mit denen niemand spielen will; Aktionen gegen Neonazis helfen Gemeinden und Städten sogar, ein offenes Image aufzubauen. Antifa als Standortfaktor.

Doch nun sind die Grenzen fließend, die Gräben verlaufen durch verschiedene politische und gesellschaftliche Milieus. Die CSU versucht mit stumpfen Parolen, die rechten Schäfchen wieder einzufangen. Doch mit Russlands Präsident Putin haben die reaktionären Kräfte längst ein neues Idol bzw. eine Person gefunden, die Orientierung spendiert und die sie nun auch noch mit professioneller Propaganda in deutscher Sprache versorgt. Russland will diese Klientel übrigens keineswegs vom russischen „Way of life“ überzeugen, sondern es geht um eine gemeinsame Anti-Haltung. Gegen den Westen, gegen die Rechte von Minderheiten, gegen eine ausdifferenzierte und demokratisierte Gesellschaft.

Nationalistische Antidemokraten

Diese reaktionären Ideen und Einstellungen sind nicht neu – neu ist, dass sich diese Kräfte mittlerweile organisieren können – und nicht nur am digitalen Stammtisch, sondern auch in Parlamenten und auf den Straßen gemeinsam agieren. Es handelt sich dabei um Teile einer Mittelschicht, die ideologisch nicht mit der Moderne klar kommt, die offen nach unten tritt. Das Feindbild Islamisten oder wahlweise Salafisten vereint den besorgten Bürger mit dem Nazi-Hooligan. Die pure Hetze gegen „Asylanten“ in den 1990er Jahren war nicht mehrheitsfähig, mit dem Feindbild Islamist können sich sogar die hinterletzten Stammtisch-Rassisten noch als vermeintlich fortschrittlich darstellen, weil das deutsche Weib unverschleiert am Herd stehen darf.

Die neuen Wutbürger betonen, sie folgten keiner Ideologie, man sei ganz normal und lediglich besorgt über Veränderungen. Demokratie bedeutet ihrem Verständnis nach, immer den Willen der „normalen“ Mehrheit (also den eigenen) durchzusetzen – Minderheitenrechte und Kompromisse sind bestenfalls egal. Wir erleben somit die Wiederkehr der nationalistischen Antidemokraten, die sich nicht mehr mit der komplizierten Welt auseinander setzen wollen. Sie folgen eigentlich nur einer Sehnsucht: Endlich wieder einfach ungestört deutsche Untertanen sein.

Von „HoGeSa“ und „Pegida“: Das Einfallstor der extremen Rechten

Weit über 4.000 Hooligans in Köln und über 5.000 Menschen in Dresden: Das Deckmantelthema für rassistischen und nationalistischen Protest in Deutschland ist erneut gefunden. Die organisierte extreme Rechte freut es, die Politik wirkt hilflos.

von Felix M. Steiner

HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)
HogeSa-Aufmarsch in Köln mit 4.800 Teilnehmern (Foto: Felix M. Steiner)

Egal ob „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) oder „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida): Es gibt wieder ein Thema, unter dessen Deckmantel eine völkische und rassistische Stimmung Menschen in großer Zahl auf die Straße bringt. Was sich thematisch unter der Überschrift „Gegen Salafisten“ alles sammelt, ist eine konfuse Mischung aus rassistischen, nationalistischen und pseudo-demokratischen Forderungen, die sich in ihrer Argumentation der letzten Jahre kaum verändert haben. Im Schatten der Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum der deutschen Einheit konstruieren sich die Protestierenden als „das Volk“, die „wahren Demokraten“, die endlich aufbegehren gegen eine staatliche Unterdrückung. Wer das „Volk“ versucht kleinzuhalten, wurde schnell deutlich: Staat und Medien Hand in Hand. Die Wurzeln dieser Argumentation dürften weit zurückliegen, sind aber seit 2011 immer stärker hervorgetreten. Nicht zuletzt Thilo Sarrazin lieferte vor knapp drei Jahren die aktualisierte Blaupause des Rhetorikkonzeptes, welchem sich die meisten Gruppen heute bedienen: Sie sind die Tabubrecher, die Kämpfer für die Meinungsfreiheit dieses von Medien und Staat unterdrückten Volkes. Als symbolisch-sprachlicher Höhepunkt dient die Adaption des zentralen Protest-Slogans der Einheitszeit: „Wir sind das Volk“. So verwundert es kaum, dass auf der „Pegida“-Demonstration in Dresden vor allem die Freude darüber besteht, dass man durch den Protest die „innerdeutschen Grenzen“ endlich überwunden hat. „Der erste Schritt ist also getan, es wächst auch endlich in den Köpfen zusammen, was zusammen gehört! WIR SIND EIN VOLK!“, schwadronierte einer der Redner am vergangenen Montag in Dresden. „Das Volk“ ist also schnell wieder zu „einem Volk“ geworden.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Es ist die Protestbewegung der „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber“-Bürger, die in ihrem diffusen Weltbild sich zumindest beim „Heimatschutz“ einig sind, wie auch auf Plakaten in Dresden zu lesen war. Ohnehin lebt diese Protestbewegung – von Köln bis Dresden – von ihren dezidiert schwammigen Inhalten. Vereint scheinen alle von ihrer diffusen Angst, einem diffusen Hass auf „den Islam“, „Fremde“ oder eine Zerstörung der „deutschen Identität“. Die „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ in Dresden zeigen dies am ehesten. Es darf wohl stark bezweifelt werden, dass eine Mehrheit der über 5.000 Demonstranten irgendein Interesse am „christlich-jüdischen Erbe“ des Abendlandes hat. Eine Befragung der Teilnehmer, welche Werte denn hier genau gemeint sind, dürfte interessante Ergebnisse zu Tage fördern. Wenn auch weniger deutlich, findet sich dieser Einsatz der christlichen Tradition auch bei den „Hooligans gegen Salafisten“. In weniger vorsichtiger Weise fasst es eine Liedzeile von „Kategorie C“ zusammen, die den Soundtrack der Hooligan-Proteste stellen: „Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder“. Die Hooligan-Klientel braucht es offenbar etwas weniger blumig als die massiv um ihr bürgerliches Image bemühten „Pegida“-Organisatoren.

Einfallstor der extremen Rechten

Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu "HoGeSa" nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Nur rund 2.500 Teilnehmer zog es zu „HoGeSa“ nach Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Bei den Protesten verschwimmen die Grenzen. Was sich hier auf der Straße wiederfindet, sind in großer Zahl natürlich auch extrem rechte Einstellungsmuster, die in den Protesten ihr Ventil gefunden haben. Die meisten Protestierenden gehören wohl nicht zur organisierten extremen Rechten. Diese ist aber wichtiger Bestandteil der Proteste. Spätestens wenn sich abzeichnet, dass eine Aktion von Erfolg gekrönt ist, steigt auch die Zahl der organisierten extrem rechten Teilnehmer an den Veranstaltungen. Neonazis reisen dafür durch die ganze Bundesrepublik. Waren bei „HoGeSa“ in Köln die meisten Teilnehmer wohl aus dem Hooligan-Spektrum, sprach in Hannover selbst die Polizei schon von 45% extrem rechten Teilnehmern. Auch in Dresden zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Mit den zunehmenden Teilnehmerzahlen steigt am Ende jedes Montags die bei Facebook gepostete Zahl an Neonazi-Selfies, um zu zeigen, dass auch sie bei der Demonstration dabei waren. Die Organisatoren distanzieren sich dann fleißig – zumeist von jedem „Extremismus“. Doch so ungelegen, dass man eine wirksame Distanzierung anstrebt, scheinen die extrem rechten Teilnehmer nicht zu sein. Warum auch, im Kampf „des Volkes“ um „die Heimat“ sind ja alle willkommen, solange sie friedlich bleiben oder nicht für schädigende Aktionen verantwortlich sind. Hier schwingt immer auch das Bekenntnis mit, dass man ja eigentlich „unpolitisch“ sei, sich aber eben um „die Heimat“ sorge.

Bisher konnte die extreme Rechte noch nicht messbar von den neuen Protesten profitieren. Zunächst scheint sich hier aber ein Fenster geöffnet zu haben, welches über ein hoch emotionalisiertes Thema das Einfallstor für die extreme Rechte öffnet. Dass Sachsens Innenminister Ulbig nun versucht diese Stimmung zu bedienen, zeigt, dass er aus den 1990er Jahren nichts gelernt hat. Die Integration rassistischer und nationalistischer Themen integriert potentielles Wählerpotential zwar in die etablierten Parteien, schafft aber ein Klima, welches seine grausamen Auswirkungen bereits vor rund 25 Jahren offenbarte.

„HoGeSa“: Die weibliche Hetze

Von der Bewerberin um den NPD-Vorsitz bis zur christlichen Fundamentalistin: Bei den „Hooligans gegen Salafisten“  spielen auch die „Ladies“ eine wichtige Rolle.

von Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht bei blick nach rechts

Sigrid Schüssler und Karl Richter bei "HoGeSa" in Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Sigrid Schüssler und Karl Richter bei „HoGeSa“ in Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Kürzlich hatte sie sich im Internet noch mit Strapsen und Peitsche präsentiert und für ordentlich Empörung im nationalen Lager gesorgt. Die bayrische NPD-Frau Sigrid Schüssler inszeniert sich seit einiger Zeit als braune „Skandalnudel“, fremdenfeindlich und obszön. Bei der „Hooligan gegen Salafisten“-Kundgebung in Hannover am Samstag gab sie unter den zahlreichen weiblichen Teilnehmerinnen eine der auffälligsten Erscheinungen ab.

Gekonnt postierte sich die rothaarige diplomierte Schauspielerin, in der Szene bekannt als „Hexe Ragna“, am Hinterausgang des Bahnhof, gerade so, dass die zahlreichen Kameras sie auch wahrnahmen.  Sie wartete alleine auf ihren Freund, den Münchner Neonazi und Stadtrat Karl Richter. Mit den anderen Teilnehmern der HoGeSa-Veranstaltung schien sie wenig gemein. Sichtlich genervt rückte die geschasste ehemalige Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ dann auch zur Seite, als zwei völlig überdrehte Hooligans einen primitiven Schaukampf mit Gebrüll vor ihr abhielten. Die beiden imitierten einen Fight, zeigten hochgereckte Fäuste und schrien: „Deutschland“. Angewidert drehte sich Frau Schüssler weg.

Andere Frauen dagegen halfen beim Einheizen. Sie trugen Shirts mit Aufschriften wie „Berserker“ oder „HoGeSa Bremen“, standen auf einer Empore oder wechselten sich mit den Megaphonen ab, um mit Parolen wie „Wir sind das Volk“  Sprechchöre in Gang zu bringen.

Die unauffällige Frau von nebenan

Etwa jeder zehnte bis fünfzehnte Teilnehmer von rund 3000 HoGeSa-Fans in Hannover war weiblich. Einige ältere und junge Frauen zogen sich begeistert Ordnerbinden wie bereits in Köln über und dirigierten die Menge mit. Anders als bei der Massenveranstaltung in Nordrhein-Westfalen wenige Wochen zuvor erschienen diese Frauen weniger dem Skinhead-Milieu und anderen Subkulturen zu entstammen. Sie vertraten eher das Erscheinungsbild der  unauffälligen Frau von nebenan.

Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner
Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner

Sogar im Umfeld der Organisatoren um Henrik und Hannes Ostendorf aus Bremen gab es Helferinnen wie die Ehefrau eines „Endstufe“-Crewmitglieds. Hannes Ostendorf, Sänger der Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“, der die Behörden in Hannover aus Sicherheitsgründen den Auftritt verweigerten, gilt nicht als Befürworter von Gleichberechtigung und Emanzipation. Mit Frauen sieht man den Hooligan-Anführer selten. In einem Bremer Gericht bezeichnete er eine fremde Frau schon mal als „Fotze“. Das Umfeld der Bremer Neonazi-Hooligantruppe „Standarte“ gilt als hundertprozentige Männerbastion. Das scheint längst nicht überall so. Im Dunstkreis der Dortmunder „Borussenfront“ von Siegfried Borchardt tummelten sich dagegen immer Frauen.

Das populistische Ziel, gegen „Salafisten“ als nationale Tatgemeinschaft aufstehen zu wollen, nutzten in Hannover auch Fans von „Pi News“ und Vertreter von „Die Freiheit“. Sie mischten sich als Redner unter Neonazis und rechte Hooligans. Vertreten waren neben Oldschool Skinheads, wütenden Hooligans, bürgerlichen Paaren aber auch NPD-Politiker wie Patrick Schröder, Macher von FSN-TV oder Neonazis wie Tobias Richter aus Ostfriesland. Einige der HoGeSa-Organisatoren aus Köln blieben der Veranstaltung in Hannover fern. Inzwischen gilt die Führung und ihr Umfeld als zerstritten.

Motto: „Die Familie hält zusammen“

Auf der Bühne kam neben dem Chef der muslimfeindlichen Partei „Die Freiheit“ Michael Stürzenberger aus Bayern auch der Leipziger Neonazi und Neu-Hooligan Nils Larisch zu Wort. Wie bereits in Köln durfte die NPD-Liedermacherin Karin Mundt aus Berlin auch in Hannover singen. Gemeinsam mit dem glatzköpfigen Liedermacher „Villain“ legte die Sängerin mit dem Künstlernamen „Wut aus Liebe“  Songs wie „Vereint Euch“ hin. Der musikalische Auftritt war wenig professionell. Das Duo mit Gitarre grölte „Vereint euch gegen Salafisten, wir stehen unseren Mann“ ins Mikrophon.

Das Motto der HoGeSa, „die Familie hält zusammen“ erinnert stark an die Parole „La Familia“ aus dem Rockermilieu. So suchten bei den Massenveranstaltungen auch Kuttenträger immer wieder politischen Anschluss. In Köln waren Vertreter des „MC Meridian“ vertreten, auch Supporter der „Hells Angels“.

Doch richtig Stimmung wollte auf dem großen umzäunten Platz in Hannover überhaupt nicht aufkommen. Anders als in Köln durften sich die Teilnehmer keinesfalls frei bewegen, mussten sich auch türkische Melodien und Antifa-Sprechchöre aus der Ferne anhören, ohne die Polizeisperren durchbrechen zu können. Das Sicherheitskonzept durch besonders starke Polizeipräsenz schien aufzugehen.

Rednerin von den „Ladies gegen Salafisten“

Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei "HoGeSa" präsent, Foto: Felix M. Steiner
Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei „HoGeSa“ präsent, Foto: Felix M. Steiner

Kurzzeitig wurden Ausbrüche von rechts versucht. Die Stimmung schien zu kippen. Rauch stieg auf, das Gebrüll der rechten Hooligans wurde lauter, sie rotteten sich eng zusammen. Eilig rückte der eigene Ordnungsdienst mit vielen weiblichen Kräften an, um die eigenen Leute vom Sturm über die Hamburger Gitter abzuhalten. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, die Motoren der schweren Wasserwerfer-Fahrzeuge sprangen an und berittene Polizei kam näher. Die Reden auf der Bühne des LKWs verebbten immer mehr. Die Kundgebungsteilnehmer begannen sich sichtlich zu langweilen.

Auch der Rednerin Maria E. von den „LaGeSa“ – „Ladies gegen Salafisten“ gelang es nur kurz, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Blondine aus Nordhrein-Westfalen gab an, aus Ostdeutschland zu stammen. Sie las vom Zettel ab und rief: In Deutschland läuft „etwas schief“, Christen und Juden würden verfolgt, Kirchen geschändet. Schon begann einer zu grölen, „der Jude“, der weitere Satz ging im Tumult unter. Brav lächelte die „Lady“ von oben in die Menge. Dann beanstandete sie eine angeblich unbegrenzte „Einwanderung in unser Sozialsystem“ und lobte das „Land der Dichter und Denker“. Kämpferisch verkündete die Ostdeutsche von „LaGeSa“: „wir lassen uns nicht mehr mundtot machen“.

Langsam begangen die geschäftstüchtigen Bremer Hooligan-Anführer den Verkaufsstand für „Kategorie C“-Merchandising abzubauen. Die Werbung in eigener Sache schien gut gelungen, der Kultband der Szene nutzt HoGeSa, von dem Hype könne sie stark profitieren. Der cholerische Ex-NPDler Henrik Ostendorf regte sich kurz lautstark über einen farbigen Mitdemonstranten auf, der eine Fahne schwenkte, dann verschwand der schwarze Van mit den Bremern vom Platz in Hannover.

Auch die ersten Demonstranten hatten das Gelände bereits vorzeitig verlassen. Sigrid Schüssler stand immer noch vorne vor der Bühne. Später schrieb sie bei Facebook: „Liebe Hooligans, die ihr aufsteht und zu HoGeSa werdet, hier steht sie, die Bewegung junger deutscher Männer und auch Frauen, die eine rote Linie ziehen und sagen: Schluss jetzt! Es reicht! Wir haben genug! Jetzt wehren wir uns! Und wer sich hier nicht an unsere Regeln hält, der fliegt raus!“

„Heidi “ wünscht „Gottes Segen“

Weitaus mehr Anklang als Schüssler fand eine andere Frau, über deren Motivation  in der HoGeSa-Szene allerdings wenig bekannt sein dürfte. Ihr Auftritt wird als Video inzwischen tausendfach verbreitet und sie als „Heidi, die mutige Deutsche“ angepriesen. Bei der blonden Frau, die sich eine Deutschland-Fahne um den Körper gehängt hatte und die Bühne in Hannover gar nicht wieder verlassen wollte, handelte es sich um die christliche Fundamentalistin Heidi Mund aus Frankfurt am Main. Sie schrie in die Menge, wie stolz sie auf die „deutschen Männer“ sei, „die endlich einen Arsch in der Hose“ hätten. Die Menge antwortete mit „ahu, ahu“-Gebrülle.

Mund rief weiter, sie sei gegen „Ausländer, die  uns zerstören wollen“. Mit erhobenem Zeigefinger mahnte die Frau: „Besauft euch nicht hier, sondern zuhause, macht das zuhause. (…) Also bitte Jungs, Selbstbeherrschung. Eure Muckis packt die dort aus, wo sie hingehören.“

Dass die Rednerin am Ende „Gottes Segen“ wünschte, ging im Applaus unter. Heidi Mund ist Pädagogin und organisierte gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Stadtverordneten der „Freien Wähler“ im Frankfurter Römer einen „Jesusmarsch“. Das Paar gehört zu den Organisatoren von „Himmel über Frankfurt“, einer Organisation, die nach eigenen Angaben den „Thron Gottes“ errichten möchte. Ihren religiösen Hintergrund wusste Heidi Mund  in Hannover weitestgehend zu verbergen.