Antisemitismus und NS-Vergangenheit in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte der Antisemitismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft also auch der DDR fort. Der Blick auf die Entwicklung des Antisemitismus und auf den widersprüchlichen Umgang von Staat, Partei und Bevölkerung mit der NS-Vergangenheit im Staatssozialismus beschließt die kleine Rundschau auf den Antisemitismus in Deutschland.

von Raiko Hannemann

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Alle Nazis waren Antisemiten, aber nicht alle Antisemiten Nazis

Deutsche Gerichte haben in den letzten Monaten einige seltsame Urteile gefällt, die es untersagt, die Urheber antisemitischer Äußerungen Antisemiten zu nennen. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet jetzt darüber, ob Jutta Ditfurth Jürgen Elsässer ob seiner antisemitischen Ausfälle als „glühenden Antisemiten“ bezeichnen darf oder nicht. Diese Entwicklung in der Rechtsprechung ist auch eine direkte Folge der Extremismusdoktrin, die Antisemitismus als „extremistische Äußerung“ an den Nationalsozialismus koppelt. Ein Blick auf den Antisemitismus in deutschen Landen in den vergangenen 200 Jahren zeigt jedoch, dass zwar alle Nationalsozialisten Antisemiten waren, aber eben nicht alle Antisemiten Nationalsozialisten. Um dies zu verdeutlichen, erzählt publikative.org kurz die lange Geschichte des Antisemitismus vor 1933 und nach 1945.

Von Andreas Strippel

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Bücherverbrennung 1933: Konkrete Vernichtungsdrohung

Angezettelt von Studenten deutscher Universitäten brannten vor 80 Jahren überall  in Deutschland Bücher. Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ war eine durchorganisierte Propagandaveranstaltung unter Federführung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Deutsche Studenten hatten bereits lange vorher die Ursuppe des deutschen Chauvinismus angerührt. Jedoch war die Verbrennung nicht nur eine symbolische Machtdemonstration, sondern  auch eine konkrete Drohung.

Von Andreas Strippel

Die Nationalsozialisten gingen von Beginn an mit aller Macht und Gewalt gegen Andersdenkende und Juden vor. Bereits vor den Bücherverbrennungen im Mai 1933 waren Tausende politische Gegner in Gefängnissen, Zuchthäusern und den so genannten „wilden“ Konzentrationslagern inhaftiert worden. Es kam zu reichsweiten antisemitischen Boykottaktionen (1. April 1933: „Deutsche! Kauft nicht beim Juden!“) und Ausschreitungen. Der Vertreter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) stand bereits seit 1931 der Deutschen Studentenschaft vor, dem Zusammenschluss der Allgemeinen Studentenausschüsse aller deutschen Hochschulen sowie der Hochschulen in Danzig und Österreich. Der NSDStB wollte mit der Bücherverbrennung seinen Beitrag zur Machtergreifung leisten.

Beschlagnahmtem Bücher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776 / CC-BY-SA)
Beschlagnahmtem Bücher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776 / CC-BY-SA)

Vorläufer und Impulsgeber für die durchgeplanten Verbrennungen waren mehrere Aktionen von SS und SA. Im März 1933 hatten die Kampftruppen der Nazi-Bewegung vielerorts Verlagshäuser, die zu SPD, KPD oder Gewerkschaften gehörten, gestürmt. Dabei wurden bereits Bücher von unliebsamen Autoren verbrannt. Bei den Aktionen kam es auch zu gewaltsamen Übergriffen. 

Ursuppe des deutschen Chauvinismus

Die Studenten, die die Verbrennungen organisiert hatten, beriefen sich auch auf historische Vorbilder. Explizit war das Wartburgfest ein Anknüpfungspunkt für den NSDStB. Dorthin lud 1918 die Jenarer Urburschenschaft zu einem Nationalfest ein, indem sich deutscher Nationalismus und Protestantismus durchzogen mit Germanenkult, Franzosen- und Judenfeindschaft zur Ursuppe des deutschen Chauvinismus verband – und in einer Bücherverbrennung entlud, bei der unter anderem das wegweisende Gesetzeswerk Code civil verbrannt wurde. In diese Tradition wollten sich die Studenten 1933 stellen.

Antidemokratischer Geist an deutschen Hochschulen

Die deutschen Universitäten waren bereits vor 1933 eine Hochburg antidemokratischen Denkens. Viele junge studentische Funktionäre machten im NS-Staat Karriere, nicht wenige von ihnen, wie beispielsweise Martin Sandberger, stellten im Zweiten Weltkrieg das Führungscorps der SS. Für diese „Generation des Unbedingten“ (Michael Wildt), war wissenschaftliches Vorgehen und Rationalität mit ideologischer Radikalität vereinbar.

Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde (Original: Staatsarchiv Würzburg, Akten der Deutschen Studentenschaft, I 21 C 14/I)
Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde

Bereits in der Weimarer Republik setzte sich der Antisemitismus als politische Forderung nicht nur im NSDStB, sondern auch in zahlreichen Burschenschaften und anderen Verbindungen durch, die innerhalb ihrer eigenen Strukturen „Arierparagraphen“ einführten. Diese Gruppen organisierten Protestaktionen gegen demokratische und/oder jüdische Hochschullehrer, wie etwa die Störung von Vorlesungen. Ihr Kampf gegen das, was sie als „undeutsch“ bezeichneten, hatte lange vor der Machteroberung der NSDAP begonnen.

Geplantes Vorgehen

Die Planungen zur Bücherverbrennung begannen direkt nach den antisemitischen Boykottaktionen Anfang April 1933.  Die Führung des NSDStB entwarf einen genauen Ablaufplan und informierte in einem Rundschreiben die einzelnen Universitäten. Darin bezog man sich explizit auf die schlechte Presse, die die Boykott-Aktion im Ausland ausgelöst hatte.

„Die Deutsche Studentenschaft plant anläßlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewußtes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen ,Wider den undeutschen Geist’ und endet am 10. Mai mit öffentlichen Kundgebungen an allen deutschen Hochschulorten.“

Neben den Bücherverbrennungen gab es noch begleitende Pressekampagnen sowie ab dem 19. April eine Boykottaktion gegen missliebige Professoren. Zur letzteren gehörte auch der Aufruf zur Denunziation von Hochschullehrern. Insbesondere die noch verbliebenen jüdischen Dozenten und Professoren waren Ziel der öffentlichen Hetze.

Ab dem 26. April 1933 begannen Studenten, anhand einer Schwarzen Liste Universitätsbibliotheken und Buchhandlungen nach den verfemten Büchern zu durchsuchen. Öffentliche Büchereien beteiligten sich selbstständig am Aussortieren.

Unterstützung erhielten die Studenten von ihren Professoren, aber auch vom Buchhandel und seitens der Bibliotheksleitungen. Sowohl das Börsenblatt des deutschen Buchhandels als auch die Zeitschrift des Verbandes Deutscher Volksbibliothekare verbreiteten die Schwarze Liste.

Verbrennung als öffentliche Inszenierung

Am 10. Mai 1933 fanden rund zwei Dutzend öffentliche Bücherverbrennungen statt, in den Wochen und Monaten danach folgten viele weitere. Die Bücherverbrennungen waren öffentliche Propagandaveranstaltungen. Man begnügte sich nicht damit, die Bücher öffentlich zu verbrennen: Es wurden dafür so genannte Feuersprüche entworfen, die rezitiert wurden, wenn die Bücher ins Feuer geworfen wurden. Hinzu kamen – quasi als Rahmenprogramm – Reden. Wie wichtig den Nazis diese Inszenierung war, zeigt die Rede Goebbels‘ bei der zentralen Veranstaltung auf dem Opernplatz in Berlin, welche im Radio übertragen wurde. Davon inspiriert gab es auch Bücherverbrennungen, die nicht von Studenten organisiert waren.

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin, durch Studenten der Berliner Universitäten! (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA)
Bücherverbrennung am 10. Mai in Berlin. (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA)

Die Feuersprüche waren nicht bloß pompöses Beiwerk, sondern durchaus programmatisch für den Nationalsozialismus. Sie fassten plakativ zusammen, was die Nazis wollten und wer in ihrer Vision von Volksgemeinschaft dieser nicht angehörte. Die Gemeinschaftsfremden waren nicht nur Schriftsteller, die dezidiert kritisch, links oder demokratisch waren, sondern auch Pazifisten und Juden, sowie jeder, der nicht in die Vorstellung von Kultur passte, die die Nazis und ihre Unterstützer hatten. So ging es „gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung“, für „Zucht und Sitte“ und „Hingabe an Volk und Staat“, gegen „volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung“, „dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache“, „Frechheit und Anmaßung“, aber „für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!“ Hier tauch als vage Vision das deutsche Herrenmenschentum auf, das ab 1938 Tod und Vernichtung über Europa bringen sollte.

Mehr als nur eine Bücherverbrennung

Das symbolische Auslöschen von Ideen, die als gefährlich angesehen werden, gab es über unterschiedliche Zeiten und Kulturen hinweg lange vor der nationalsozialistischen Bücherverbrennung. Das Verbrennen von Büchern ist jedoch mehr als ein Akt von Zensur. Den Beteiligten war klar, dass sie Gedanken nicht verbrennen können, daher beinhaltete die Bücherverbrennung auch eine Vernichtungsdrohung gegen die Urheber und Anhänger der abgelehnten Ideen. Daher lässt sich die nationalsozialistische Bücherverbrennung nicht bruchlos in eine Reihe mit anderen öffentlichen Bücherverbrennungen einfügen. Die Nazis griffen nicht einfach nur auf ein bekanntes Schema zurück, sondern untermauerten damit auch die Gewalt- und Vernichtungselemente ihrer Ideologie, die sich bereits in den ersten KZ-Lagern, den Ausbürgerungen von Schriftstellern und den rassistischen Gesetzen und Verordnungen gegen Juden angedeutet hatten.

 

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Deutsche Karrieren: Horst Mahnke

Vom Sicherheitsdienst der SS zum Journalisten bei Spiegel und Springer-Verlag. Die Karriere von Dr. Horst Mahnke lief problemlos. Das Know-how und die Beziehungen aus der Zeit als Geheimdienstmann des Nazis-Regimes nützten sehr, seine Belastung als NS-Täter schadete nicht.

Von Andreas Strippel

Geheimdienstmann im Dritten Reich, Journalist und Medienmanager in der Bundesrepublik, das sind die beruflichen Stationen des Dr. Horst Mahnke. 1913 geboren gehörte er zu den jungen akademischen Eliten des Nationalsozialismus. Er studiert in Königsberg Zeitungswissenschaften sowie Philosophie und Germanistik. Sein akademischer Mentor, Franz Alfred Six, war auch der Förderer seiner Karriere im Reichssicherheitshauptamt. Six selbst machte dort Karriere, zunächst als Chef des Amtes II („Gegnererforschung“), ab 1941 als Chef des Amtes VII („Weltanschauliche Forschung“). Seit 1936, also bereits während seines Studiums, war Mahnke hauptamtlich für den Sicherheitsdienst der SS (SD) tätig. Von 1937 an war er auch an führender Stelle im NS-Studentenbund tätig. 1939 wurde er Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), zuständig für die die Bekämpfung des Marxismus. 1940 wurde er obendrein Assistent für Auslandswissenschaften in Berlin. Damit war er einer der typischen Multifunktionäre des NS-Staates.

SD-Einsatz im Krieg

Mahnke zeigte sehr schnell, dass er willens und fähig war, den Anforderungen des SD als „Weltanschauungs-Elite“ zu genügen. 1941 promovierte ihn die Universität Königsberg mit dem Thema „freimaurerische Presse in Deutschland“. Im selben Jahr ging er als rechte Hand von Six in das sogenannte „Vorkommando Moskau“ der Einsatzgruppe B. Die Aufgaben waren die Bekämpfung von Partisanen, Saboteuren, kommunistischer

Franz Six, Amtschef im RSHA, war Förderer von Mahnke (Foto: 1948 beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg)
Franz Six, Amtschef im RSHA, war Förderer von Mahnke (Foto: 1948 beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg)

Funktionäre. Dabei kam es auch zu Erschießungen, beispielsweise bei Smolensk, wo auch Mahnke im Einsatz war. Ob er an den Erschießungen persönlich teilgenommen hat, ist unklar.

1942 beförderte man Mahnke zum Hauptsturmführer der SS und Six machte ihn zu seinem Adjutanten. Mahnke stieg zum wichtigsten Mitarbeiter von Six auf, der ihn 1943 als seinen persönlichen Assistenten mit zu seiner neuen Stelle im Auswärtigen Amt mitnahm. Dort leitete Mahnke die Propaganda des Außenministeriums des Nazi-Regimes. Seine Position im RSHA behielt er während dieser Zeit bei. Darüber hinaus war er als Dozent für Auslandswissenschaften tätig.

Internierung und Neustart

Direkt nach Kriegsende entging der SS-Offizier Mahnke einer Inhaftierung, wurde jedoch im Januar 1946 von der britischen Besatzungsmacht verhaftet. Er kam in das Internierungslager Bad Nenndorf. Das Lager betrieb der britische Geheimdienst, der dort vor allem SS-Offiziere aus Gestapo und Geheimdienst einsperrte. Die Angst der Briten vor Nazi-Untergrund-Aktionen schlug in Gewalt gegen die Gefangen um. 1948 wurde das Lager von den britischen Behörden aufgelöst und dem Personal der Prozess gemacht. Damit gelangte auch Mahnke wieder in Freiheit. Der Umstand, dass er in diesem Lager einsaß, gereichte im letztlich zum Vorteil. Das Spruchgericht in Benefeld-Bomlitz verurteilte Mahnke unter ausdrücklichen Verweis auf seine Haft in Bad Nenndorf nur zu einer Geldstrafe von 400 Mark. Er bekam jedoch unter Hinweis auf seine Tätigkeit als Propagandist des Dritten Reiches und Förderer des Nationalsozialismus die Auflage nicht als „Lehrer, Jugendpfleger, Journalist, Redakteur“ zu arbeiten. Bereits 1950 wurde diese Einschränkung aufgehoben.

Nachrichtenmagazin statt Nachrichtendienst

Nun stand einer neuen Karriere nichts mehr im Wege. Jedoch stand den ehemaligen SD-Angehörigen im Gegensatz zu ihren RSHA-Kollegen, die auch Polizeibeamte waren, eine Übernahme in den Staatsdienst der Bundesrepublik nicht offen. Als Zeitungswissenschaftler und Nachrichtenoffizier im SD sowie als Propagandist verfügte Mahnke bereits über publizistische Kenntnisse. Er heuerte beim Spiegel an. Dort arbeiten in 50er Jahren mehrere ehemalige Angehörige des RSHA. Nach Forschungen des Kommunikationswissenschaftlers Lutz Hachtmeister waren dies mehrere SD-Offiziere aus dem Umfeld von Six, die enge Kontakte zwischen dem Spiegel und der Organisation Gehlen herstellten. So war es sicherlich kein Zufall, dass 1954 eine große Titelgeschichte über Gehlen im Spiegel erschien, die den Geheimdienst-Chef in ein sehr gutes Licht rückte. Später wurde Mahnke auch informeller Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst. Obendrein verfügten die SD-Leute über Know-how, das man für das Konzept des investigativen Journalismus gut gebrauchen konnte. Aus Sicht des Spiegels waren dies lange nur bloße Zufälligkeiten und Einzelfälle.

Die erste große Geschichte von Mahnke erschien 1950. Gemeinsam mit Georg Wolff, einem Weggefährten von Mahnke aus dem RSHA, der später zum Ressortleiter „Internationales“ und stellvertretenden Chefredakteur des Spiegels Aufstieg, veröffentlichte er eine Serie über Kaffee Schmuggel in Hamburg. In den Artikeln

Spiegel Titelgeschichte von Horst Mahnke über Kaffeeschmuggel (Screenshot)
Spiegel Titelgeschichte von Horst Mahnke über Kaffeeschmuggel (Screenshot)

verunglimpften Wolff und Mahnke jüdische Displaced Persons als Diebe und suspekte Gestalten. Dabei griffen sie auf das antisemitische Repertoire ihrer SD-Zeit zurück. Mit Wolf veröffentlichte Mahnke 1954 ein Buch über außenpolitische Aspekte, das im Leske-Verlag erschien. Dort war ihr alter Mentor Six als Geschäftsführer tätig. In Leske-Verlag war schon zuvor ein Buch von Augstein veröffentlicht worden. Die SD-Kameraden von einst waren zwar nicht mehr direkt politisch aktiv, bildeten aber ein gut funktionierendes publizistisches Netzwerk, das sie zu nutzen wussten.

Beim Spiegel stieß man sich nicht daran. Im Gegenteil: 1952 beförderte man Mahnke zum Ressortleiter Ausland. Dort war er unter anderem verantwortlich für Serien über den ehemaligen Pressechef des Außenministeriums im Zweiten Weltkrieg, Paul (Karl) Schmidt, der unter dem Namen Paul Carell in den 60er Jahren Bestseller über die Wehrmacht veröffentlichte. Wie so oft kamen die ehemaligen Nazi-Funktionäre dabei deutlich besser weg als die jüdischen Displaced Persons.

1960 wechselte Mahnke als Chefredakteur zu Springers Zeitschrift Kristall, die er bis zu deren Einstellung 1966 leitete. Dort veröffentlichte er unter Mitarbeit alter Kammeraden glorifizierende Geschichten über die Wehrmacht, die später in Buchform zu Bestsellern wurden. Mahnke wirkte damit an der Legende der sauberen Wehrmacht mit. In den 60er Jahren beförderte Springer ihn zum Vorsitzenden des redaktionellen Beirats beim Springer-Verlag, ehe Mahnke 1969 als Hauptgeschäftsführer zum Verband deutscher Zeitungsverleger wechselt. In dieser Funktion war er bis 1980 tätig. Wegen seiner Rolle im RSHA und im Vorkommando Moskau wurde Mahnke nie vor Gericht gestellt. Er verstarb respektiert und angesehen 1985.

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Deutsche Karrieren: Walter Zirpins

Die Polizei war im Dritten Reich ein zentrales Herrschaftsinstrument. Gestapo, Kripo und Ordnungspolizei produzierten willige und überzeugte Täter im Nationalsozialismus. Walter Zirpins war einer von ihnen. In der Bundesrepublik stieg er zu einem der führenden Kriminalisten auf.

Von Andreas Strippel

Die Polizei des Weimarer Staates stellte sich bereitwillig in den Dienst der Nationalsozialisten. Der autoritäre Staat, ohne die vermeintlichen Hemmungen der Exekutive durch das Recht, die weite Verbreitung kriminalbiologischer Vorstellung, also eugenischer Rassismus, waren bereits vor 1933 zentrale Vorstellungen vieler Polizisten. Der 1901 geborene Walter Zirpins brachte beides mit und machte Karriere.

Nachdem Studium der Rechtswissenschaft und der Promotion im Wirtschaftsrecht durch die Universität Breslau trat Zirpins in den Polizeidienst ein. Von 1929 bis 1932 war er bei der Polizei Elbing-Marienburg (bei Danzig) tätig. Dort wurde er mit nur 28 Jahren Leiter der Politischen Polizei. Im Januar 1933 erfolgte die Versetzung zur Politischen Polizei beim Polizeipräsidenten in Berlin, Übernahme zur neugegründeten Gestapo inklusive. Jedoch endete auf Grund einer internen Intrige seine Gestapo-Laufbahn bereits im Mai 1933. Dies tat seiner Karriere jedoch keinen Abbruch.

Aufstieg zur Führungsfigur der NS-Kripo

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Im Prozess um den Reichstagsbrand trat Zirpins als einer der Sachverständigen auf, weil er zuvor an zentraler Stelle mit den Ermittlungen betraut war. Er vertrat damals die These der Alleinschuld von Marinus van der Lubbe. Wie jedoch die historische Forschung mittlerweile dargelegt hat, fälschte Zirpins die Aussage von van der Lubbe, um diese These überhaupt aufstellen zu können. In der Bundesrepublik sollte er mit dieser Auffasung wieder für Furore sorgen.

organigramm ns polizei

Nach dem Ausscheiden aus der Gestapo begann Zirpins Karriere bei der Kripo. Zirpins wechselte als Lehrer zum Polizeiinstitut in Berlin und wurde im Dezember 1934 zum Kriminalrat befördert. Im April 1937 ernannte man ihn zum Stabsführer der Führerschule Sicherheitspolizei, einer Behörde mit der die Arbeit von Kripo und Gestapo unter der Leitung der SS zentralisiert wurde. 1938 kam der nächste Karriereschritt. Zirpins wurde in das im Jahr zuvor neu eingerichtete Reichkrimalpolizeiamt in Berlin berufen.

Die Bedeutung der Kriminalpolizei für die Etablierung rassistischer Normen war sehr groß. Die Kriminalpolizei war zuständig für die Verfolgung sogenannter Rassenschande, die Kriminalisierung von Homosexualität sowie die Verfolgung von Kriminellen und so genannten Asozialen. Ebenso fiel die Verfolgung der Sinti und Roma in das Aufgabengebiet der Kriminalpolizei.

Die Ziele der Polizeiarbeit im NS-Staat gingen weit über Verbrechensbekämpfung hinaus. So genannte Gemeinschaftsfremde sollten aus dem „Volkskörper“ hinausgedrängt werden. Nicht mehr Schutz von Individuen, sondern Pflege des Volkskörpers war das Ziel. Von 1936 an führte Heinrich Himmler die Polizei. Himmlers Ziel, beide Institutionen als Staatsschutz-Korps gänzlich zu verschmelzen, wurde formal nicht erreicht. Nichtsdestotrotz traten viele führende Polizeibeamte der SS bei. Dies war auch folgerichtig, sahen sich doch sowohl SS als auch Polizei als Hüter der nationalsozialistischen Weltanschauung.

1937 trat Walter Zirpins der SS bei. Gleichzeitig begann er seine publizistische Tätigkeit in Fachzeitschriften. Mit seiner Ausbildungstätigkeit hatte er sich bereits als ideologisch zuverlässig exponiert, ohne jemals der NSDAP beizutreten. Nun gab er sein „Wissen“ an die Fachöffentlichkeit weiter. In der Zeitschrift Der deutsche Polizeibeamte gab er 1937 seine Anschauung zum Besten und machte deutlich, dass man gegen Feinde der Volksgemeinschaft „ohne Rücksicht auf ihre strafrechtliche Verfolgbarkeit“ polizeilich Einschreiten müsse, um „den Gegner zu zerschlagen.

Besatzungspolizist und Räuber für die Volksgemeinschaft

Im Zweiten Weltkrieg hatten Kripobeamte zentrale Positionen im Besatzungsapparat inne. Das mit Beginn des Krieges neu gegründete Reichssicherheitshauptamt – hier wurden die Sicherheitspolizei und der

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Sicherheitsdienst der SS institutionell zusammengeschlossen – entsandte seine Führungskräfte in das besetzte Europa. Zirpins wurde 1940 als Leiter der Kriminalpolizei nach Łódź versetzt. Łódź war nach der Annektion damals die sechstgrößte Stadt des Reiches. Dort wurde das zweitgrößte jüdische Ghetto im besetzten Polens errichtet.

Zirpins Aufgabe in Łódź war unter anderem die Abriegelung des Ghettos und die Ausplünderung seiner Bewohner zu organisieren. Auf seine Anweisung hin wurde eine Sonderkommission „Ghetto“ gegründet. In wichtigen Fällen schaltet sich Zirpins persönlich in den Raub jüdischer Vermögen ein. Und Raub bedeutet in der Situation des Ghettos nicht nur gewaltsame Entwendung, sondern auch Folter und Mord. Noch vor Beginn der systematischen Ermordung der Ghettobewohner im Vernichtungslager Chełmno ging Zirpins wieder in die Berliner Zentrale des Reichssicherheitshauptamtes und bildete dort Gestapo- und Kripo-Beamte aus. Darüber hinaus soll er an der Judenverfolgung in den Ghettos Lodz und Warschau weiterhin beteiligt gewesen sein. Kurz vor Kriegsende im Februar 1945 wurde er noch zum Chef der Hamburger Kripo befördert und sorgte für das Funktionieren des NS-Polizei-Apparates bis zum einrücken englischer Truppen. Das bedeutete gerade am Kriegsende KZ-Haft und Hinrichtungen für Kleinstvergehen.

Ideologische Festigkeit und rücksichtslose Machtausübung prägten Zirpins Vorgehen. Er selbst hat in einen Aufsatz in der Zeitschrift „Kriminalistik, der im Oktober 1941 erschien, dies dokumentiert. Zunächst bringt er die Juden mit Seuchen in Verbindung, behauptetet dann mit dem Ghetto seien die Seuchen in der restlichen Stadt verschwunden. Er fährt dann fort:

„Es bedarf keines besonderen kriminalistischen Scharfblicks, um auf den ersten Blick zu ahnen, dass eine solche Zusammenpferchung von Kriminellen, Schiebern, Wucherern und Betrügern auch sofort ihre besonderen kriminalpolizeilich bedeutsamen Erscheinungsformen gezeitigt hat. […] Es hat daher eines umfangreichen Studiums der jüdischen Mentalität und Gepflogenheiten […] bedurft, um die Wege zur präventiven und repressiven Bekämpfung durch die Kriminalpolizei herauszufinden.“

Das menschenverachtende Ghetto ist für ihn offensichtlich nur so ein Art Versuchsanordnung, um seine eigenen antisemitischen Fantasien zu bestätigen. Herrenmensch sein ist für Zirpins offensichtlich auch ein Lebensgefühl gewesen.

Die Zweite Karriere

Nach Gefangennahme durch englische Truppen gelang es Zirpins erfolgreich seine Rolle als unideologischer Fachmann zu spielen, der nur aus lästigen formalen Gründen bei der SS war. Eine Erzählung, die nicht nur für Zirpins zur Erfolgsgeschichte wurde. Zwar war er bis 1947 interniert und auf der Liste der Kriegsverbrecher des polnischen Staates, aber dennoch lautete die Einstufung Kategorie 5, unbelastet. Dazu trug nicht nur seine Kooperation mit den Engländern bei, sondern auch, dass er so gar nicht dem Klischeebild eines fanatisierten Mörders entsprach; wie die wenigsten der Nazi-Täter diesen Bild entsprachen.

Zirpins war nach 1945 Teil eines Netzwerkes ehemaliger Nazi-Polizisten, die an der Rehabilitierung der Kriminalpolizei arbeitet. Eine wichtige publizistische Hilfe war dabei das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dort arbeiten einige ehemalige SS und SD Offiziere, die von ihren alten Kameraden Exklusivwissen für Geschichten erhielten und sich im Gegenzug für die Wiederverwendung der NS-Kripo-Spitze in der Bundesrepublik einsetzten. 1951 verniedlichte ein Spiegel Artikel Zirpins Rolle im Polizei-, Besatzungs- und Unterdrückungsapparat zum „SS-Hauptsturmführer honoris causa“, der eigentlich ein unbescholtener Fachmann sei. Den Artikel verfasste Bernd Wehner, ein alter Kollege aus den Tagen des Reichssicherheitshauptamtes, der selbst von der Kampagne profitierte: 1954 wurde er Leiter der Kripo in Düsseldorf.

Die Legendenbildung von der unpolitische Kripo, die als fachlicher, sachlicher Gegenpol zur Gestapo dargestellt wurde, hatte zum Ziel die Verantwortung für die Einweisung in Konzentrationslager herunterzuspielen. Dazu konstruierte er eine Kripo, die bis auf wenige Ausnahmen im Prinzip noch mit Rechtsbindung arbeitet. Dies hatte jedoch auch einen anderen Effekt, wie der Historiker Patrik Wagner in seiner Studie über „Hitlers Kriminalisten“ schreibt. Die Erschaffung einer „fiktiven rechtsstaatlichen Tradition“ hatte zur Folge, dass sich die Kriminalisten für die Zukunft sich „an die Respektierung rechtsstaatlicher Prinzipien banden – und dies war, wie die kriminalpolitischen Debatten im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik zeigen sollten, weder selbstverständlich noch für die Kriminalisten schmerzlos“.

Für Zirpins ging es günstig weiter. 1951 stellte das Land Niedersachsen ihn als Leiter des Landeskriminalamtes ein. Einer erfolgreichen Karrieren stand danach nichts mehr im Wege, nicht mal, dass Zirpins in Publikationen weiterhin Nazi-Kompatible Sprache benutzte. Wahrscheinlich hat es aber die alten Kameraden, die dies lasen, nicht gestört.

In den 60er Jahren hatte Zirpins nochmal einen großen Auftritt. Der Spiegel lancierte die Geschichte von Fritz Tobias über den Reichstagsbrand. Bis dahin war die gängige Meinung, die Nazis stünden hinter dem Brand. Tobias, mit Zirpins als Kronzeugen, schaffte es im Verein mit Spiegel und einigen Historikern die Alleintäterschaft von van der Lubbe als die „richtige Version“ zu etablieren. Heute muss der Reichstagsbrand als ungeklärt gelten, insbesondere nachdem die Fälschung von van der Lubbes Aussage durch Zirpins bekannt wurde.

Die Karriere von Zirpins lief ungestört weiter. Er selbst war einer der wichtigsten Protagonisten in den 50er Jahren das Märchen von der unpolitischen und sauberen Kripo zu etablieren. Darüber hinaus prägte sein Wirken die Nachkriegspolizei. Noch in den 80er Jahren fanden sich Zirpins Vorstellungen in Polizeilehrbüchern, darunter solche zynischen Passagen über die Kriminalität in der Nachkriegszeit. So sei die „Freilassung des größten Teils der strafgefangenen und sicherungsverwahrten Berufsverbrecher, Asozialen und kriminellen Landfahrer“ dafür verantwortlich. Das ist keine Analyse, sonder eine widerliche Rechtfertigung der eigenen Praxis diese Menschen ohne Urteil ins KZ zu sperren. In der Bundesrepublik wurde nie ein Verfahren gegen Walter Zirpins eröffnet. Nach seiner Pensionierung lebte er unbehelligt noch bis 1976 und war als Autor eines Standardwerkes über Wirtschaftskriminalität hoch angesehen.

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Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

Im Begleitprogramm rund um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ talkte am vergangenen Dienstag eine illustre Runde in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über deutsche Geschichte und ihre (filmische) Aufarbeitung. Dabei wurde Erstaunliches behauptet: So trage Deutschland keine Verantwortung für den 1. Weltkrieg, sondern „Frankreich und Russland“. Infolge der Niederlage sei Deutschland bei „der Kolonialisierung der Welt“ „zu kurz gekommen“ – und wegen dieser Demütigung sei es dann zum 2. Weltkrieg gekommen. Ergänzend wurde festgestellt, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht zu unterschieden seien – und die industrielle Massenvernichtung von Menschen nur deshalb erdacht werden musste, weil man so viele Juden einfach nicht mehr erschießen konnte. Für nennenswerten Widerspruch oder gar einen Eklat sorgte diese Aneinanderreihung von revisionistischen Äußerungen nicht – deutsche TV-„Vergangenheitsbewältigung“ anno 2013.

Von Floris Biskamp

Rückblickend möchte man mit Martin Hohmann beinahe Mitleid haben. Denn nun ist klar: Er wurde damals nicht geschasst, weil er das Falsche gesagt hatte, sondern nur, weil er seiner Zeit weit voraus war. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann seine berühmt-berüchtigte Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin hieß es unter anderem:

„Die Schuld von Vorfahren an diesem Menschheitsverbrechen hat fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen geführt. Trotz der allseitigen Beteuerungen, dass es Kollektivschuld nicht gäbe, trotz nuancierter Wortneuschöpfungen wie ‚Kollektivverantwortung‘ oder ‚Kollektivscham‘: Im Kern bleibt der Vorwurf: die Deutschen sind das ‚Tätervolk‘. […] Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? […] Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. […] Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk.“

Das ging 2003 einfach noch nicht. Damals waren die Deutschen in ihrer Leidkultur zwar schon sehr weit auf dem Weg zur Einebnung der Täter-Opfer-Grenze, aber doch noch mit vorhergehenden Schritt beschäftigt; nämlich damit, sich selbst und gegenseitig zu versichern, dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig und wichtig ist, die Deutschen auch als Opfer des 2. Weltkrieges zu verstehen. Jörg Friedrich breitete die Schwere des deutschen Leidens anhand des Bombenkrieges, Günter Grass anhand der Vertreibung aus. Die Wörter „Juden“ und „Tätervolk“ in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang? Das war der deutschen Öffentlichkeit damals noch nicht so ganz geheuer. Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels „Unsere Mütter, unsere Väter“ erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer…Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut.

Es geht, wie Christiane Paul, selbst Darstellerin des Films, ausführt, darum, dass „wir“ Deutschen verstehen, „dass wir eins sind [umschreibt mit beiden Händen einen großen Kreis], dass wir ein Teil unserer Geschichte sind, dass wir ein Teil unserer Großväter sind, der Taten unserer Großväter sind“ (Paul) – eine Sicht auf die Vergangenheit, für die sie die Juden schon lange beneide. Und dazu wollen alle ihren Beitrag leisten. Auch Rundfunkjournalist Dirk Stermann, der spekuliert, dass in Deutschland und Europa so viele Leute den Afghanistan-Krieg ablehnten, „weil wir genetisch die Information in uns gespeichert haben von Bombennächten.“ Ja, das Schicksal meint es schwer mit „uns Deutschen“, mit allen. Auch mit den „Überlebenden der DDR“ (Baring).

Beim Kolonialismus leider „zu kurz gekommen“

Und die Geschichte des deutschen Leidens ist lang. So weiß Christiane Paul, dass die Ursachen des Nationalsozialismus in noch älteren Traumata zu suchen sind, nämlich im Ersten Weltkrieg – Lanz wirft ein: „die Urkatastrophe“ – und „in der Kolonialisierung und in der Verteilung der Welt […], wo Deutschland auch zu kurz gekommen ist“. Diese Demütigung habe zu „Sehnsucht“ und dann zum Nationalsozialismus geführt. In anderen Worten: Weil die Deutschen im 19. Jahrhundert bei der kolonialen Aufteilung Afrikas nicht genug abbekommen haben, konnten sie eigentlich nicht anders, als im 20. Jahrhundert einen Vernichtungskrieg in Osteuropa und Westasien zu führen. Weil sie nicht genug Afrikaner umbringen durften, mussten sie sich nun an Juden und Russen schadlos halten. Ein schweres Schicksal und wir teilen es alle. Vielleicht auch genetisch.

Auch hier gibt es keinerlei Widerspruch aus der Runde. Dass an der Aufteilung Afrikas durch europäische Mächte vielleicht etwas falsch gewesen sein könnte, auf die Idee kommt an dem Abend niemand. Schon gar nicht darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus darin bestehen könnte, dass die Deutschen in Afrika schon Erfahrungen in Rassenpolitik und Massenmord sammelten. Nein, sie sind zu kurz gekommen und gedemütigt worden, die Deutschen. Unterbrochen werden Pauls Ausführungen nur von Baring, der die Gelegenheit nutzt, um „als Historiker“ zu betonen, dass „der Erste Weltkrieg nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen“ ist, sondern weil „Frankreich und Russland entschlossen“ gewesen seien „das Reich“ zu bekämpfen.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Trotz unermüdlichen Einsatzes „leider“ nur vorübergehend Kolonialherren: Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Baring erklärt Massenvernichtung: Es „kamen“ einfach zu viele Juden

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur. Man kann den Gesprächsverlauf wie Daniel Martienssen im Freitag hoffnungsvoll so deuten, dass es nur am „Kokon des Talkshowstudios“ und an der mangelnden historischen Bildung der Beteiligten lag, dass Baring unwidersprochen sagen konnte, was er sagte. Aber warum legten Lanz, Paul und Stermann dann so gerne noch eine Schippe drauf? Und warum gab es auch an den Folgetagen kaum nennenswerte Reaktionen? Es war ja, anders als es bei Martienssen heißt, eben kein „Eklat bei Lanz“, denn ein Eklat wäre es nur, wenn es auch skandalisiert würde. Doch abgesehen von Randbemerkungen in den treffenden Kritiken von “Unsere Mütter, unsere Väter”, die Tobias Kaufmann im Kölner Stadt-Anzeiger und Georg Diez bei Spiegel Online formulierten, einer Kurznotiz in der Jungen Welt und einem Blogeintrag von Alice Schwarzer findet sich nichts. Kein Hinweis darauf, dass der Gesprächsverlauf jemanden gestört hätte.

Und so kann man befürchten – und die weithin euphorische Rezeption von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet in diese Richtung – dass das, was vor zehn Jahren noch skandalös war, heute zum Common Sense wird: Nicht nur sind alle – auch die Deutschen – Opfer, es sind ebenfalls alle – auch die Juden – Täter. Vereint in einem schweren Schicksal von „Gewalt, die immer wieder neu Gewalt erzeugt“ (Lanz), für die am Ende kein Mensch wirklich etwas kann.

Und andere – ebenfalls widerspruchslos hingenommene – Aussagen Barings deuten an, dass das Ende der erinnerungspolitischen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Er ist sich sicher, dass es noch weiter gehen muss. So kritisiert er den ZDF-Film dafür, dass die „Grausamkeit der Russen“ nicht genug Raum erhalte, die zu thematisieren nun an der Zeit sei. Vielleicht nimmt das ZDF die Anregung ja auf. Dann könnte Baring in einer neuen Runde bei Lanz seinen Gedanken zu Ende führen, dass „[e]in Teil der Brutalität der Deutschen […] natürlich auch dadurch zu erklären [ist], dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“ Dann aber am besten aber mit Martin Hohmann und Ernst Nolte als Mitdiskutanten, denn die sind ja zuerst auf diese Ideen gekommen.

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Siehe auch: Verdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

„Unsere Mütter, unsere Väter“: Das ZDF und die deutschen Opfer

Für ihren Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) ernten Nico Hofmann und das ZDF von (fast) allen Seiten nichts als Lob. Und in der Tat: Die Produktion, die sich (zuweilen sehr eng) an US-Vorbildern wie „Private James Ryan“ und „Band of Brothers“ orientiert, beeindruckt mit schnellen und aufwendigen Schnitten, Zeitlupen, Super Close-Ups und kaum geschönter Brutalität. So spannend und gut inszeniert war der Zweite Weltkrieg in einer deutschen Fernsehproduktion vielleicht noch nicht zu sehen. Schade, dass der Film inhaltlich vor allem der Beweihräucherung deutscher Befindlichkeiten dient.

Von Andrej Reisin

Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

Vieles ist an diesem Film inzwischen gelobt worden, auch aus dem berufenem Munde führender deutscher Militär- und Zeithistoriker. Vieles, was in den Erzählungen „unserer Väter, unserer Mütter“ (wobei hier eine gewisse Merkwürdigkeit liegt, denn man muss schon deutlich jenseits der 50 sein, wenn die Generation der um 1920 geborenen ernsthaft noch Vater und Mutter sein sollen) jahrzehntelang tabuisiert war: Die Darstellung des Massenmordes anhand blutdurchtränkten russischen Bodens, das Abschlachten einer Bauernfamilie durch Wehrmachtssoldaten, der Befehl wahllos Wohnhäuser anzuzünden, Hinrichtungen von Zivilbevölkerung, die man nach Partisanenangriffen als Geiseln nahm sowie die Hinrichtung einer Deutschen wegen lächerlicher Äußerungen über den immer unwahrscheinlicher werdenden Endsieg kurz  vor Kriegsende.

Bei so viel Lob, dem mittlerweile zumindest einige kritische Zwischentöne an die Seite gestellt wurden, möchte ich mich darauf beschränken, die offensichtlichsten Schwächen des Dreiteilers zu benennen.

It don’t mean a thing if it ain’t got that Swing

Der Film verharmlost von Beginn an die Entrechtung der deutschen Juden. 1941 sollen deutsche Frontsoldaten noch mit jüdischen Freunden gemeinsam in öffentlichen Lokalen gefeiert und zu Swingmusik auf den baldigen Endsieg gegen die Sowjetunion angestoßen haben? Natürlich könnte es das in Berlin unter (eher konspirativen) Umständen gegeben haben, aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch wären diese jungen Leute durch diverse Diskriminierugsmaßnahmen einander völlig fremd. Bereits 1937 wurden an deutschen Schulen Sonderklassen gebildet und ab November 1938 wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten. Im gleichen Monat folgte bereits das Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, Ende des Jahres das Verbot des Besuchs von Hochschulen, später das Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen, wozu je nach regionaler Verordnung auch Gaststätten gehörten.

Ab 1939 und spätestens mit Kriegsbeginn verschärft sich die Lage dramatisch: Bereits ab Ende April müssen Juden „arische“ Wohnhäuser räumen und „Judenhäuser“ beziehen. Mit Kriegsbeginn am 1. September gilt für Juden eine Ausgangssperre ab 20 Uhr, im Sommer ab 21 Uhr, ab Oktober gibt es die ersten Deportationen. Trotzdem sitzen unsere fünf Freunde zu Beginn des Films knapp zwei Jahre später zusammen und feiern und trinken mit ihrem jüdischen Kumpel, als wäre nichts gewesen, obwohl dieser sich in nichts anderes als akute Lebensgefahr begibt, von den ebenfalls nicht ganz unempfindlichen Strafen für die anwesenden „Arier“ einmal abgesehen.

Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland, Berlin 1. April 1933
Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland am 1. April 1933 in Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Je unwahrscheinlicher desto besser

Dieser „Trick“ – nämlich jeweils das Unwahrscheinlichste, die absolute historische Ausnahme, zur vermeintlichen Normalität zu machen – zieht sich wie ein Roter Faden durch den gesamten Dreiteiler: Ja, einzelne Wehrmachts-Angehörige beschwerten sich über die Brutalität der Einsatzgruppen und die Auswüchse der Massenerschießungen. Die Mehrheit aber sah weg, hielt den Mund oder machte mit. In UMUV aber widerspricht der junge Leutnant Wilhelm nicht nur einem wesentlich ranghöheren Obersturmbannführer der Waffen-SS, während sein Bruder Friedhelm dessen ukrainischen Helfer mit der Waffe in Schach hält, nein, am Ende des Films erschießt Friedhelm den SS-Mann glatt, um seinem alten jüdischen Kumpel das Leben zu retten. Auch ein solcher Fall ist angesichts der schieren Masse von 18,2 Millionen Angehörigen der Wehrmacht nicht auszuschließen, aber ebenfalls sehr, sehr unwahrscheinlich.

Wilhelm selbst desertiert derweil, um dann den Offizier* Feldwebel seines Strafbataillons umzubringen, nachdem er bereits das Anzünden einer russischen Bauernhütte verweigert hat, eine direkte Befehlsverweigerung, die ihn nicht das Leben kostet – obwohl er bereits in einer sogenannten Bewährungseinheit ist. Am Ende – der Gipfel der unwahrscheinlichen Geschmacklosigkeit – sitzen der überlebende Deserteur, der überlebende Jude und die überlebende vergewaltigte Krankenschwester in derselben übrig gebliebenen Kneipe in Berlin, trinken Schnaps und prosten sich, mit „Schön, dass Du noch am Leben bist!“ zu.

Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

„Unsere Mütter, unsere Väter“ – und die bösen Nazis

Die Nazis sind immer die anderen: Der blonde Fanatiker in Wilhelms Einheit, der Offizier des Sicherheitsdienstes, der Greta vermeintlich dabei hilft, Viktor zu retten, in Wirklichkeit aber erst ihn und dann sie verrät, die fanatische und verlogene Oberschwester, der SS-Obersturmbannführer auf der Jagd nach kleinen Kindern und die arische Berliner Proletarierin, die sich die jüdische Wohnung unter den Nagel reißt.

Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)
Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)

Der Staat plünderte die besetzten Gebiete und den jüdischen Besitz – Göring raubte seine Kunstschätze und die Masse der Bevölkerung kam zu neuem Wohlstand, wie Götz Aly in seinem Buch über den Volksstaat gezeigt hat. Nach dem „Anschluss“ Österreichs, den schnellen Siegen über Polen und Frankreich war die NS-Begeisterung der Deutschen auf dem absoluten Höhepunkt. Nichts davon ahnt man im Film: UMUV zeigt offenbar vor allem Außenseiter, die aber dennoch – so suggeriert es der Titel und so feiern es die Feuilletons – stellvertretend für die deutsche Mehrheitsbevölkerung stehen sollen.

Dabei glaubte diese Generation wie keine andere vor oder nach ihr an die historische Notwendigkeit und Richtigkeit des Nationalsozialismus und einer deutschen Vorherrschaft in Europa und der Welt. Kaum jemand von ihnen hielt Juden für „normale Menschen“, geschweige denn Deutsche. Die Generation der 1941 gerade erwachsen Gewordenen war die erste, die sämtliche NS-Einrichtungen ab der Hitler-Jugend durchlaufen hatte (oder doch zumindest die meisten von ihnen). Gerade diese Jugend war hoch politisch und in ihrer weit überwältigenden Mehrheit dem Führer und dem NS-Staat treu ergeben – bis hin zu romantisierender Anhimmelung.

Diese Jugend träumte in ihrer Masse von der Weltherrschaft – und sie liebte ihren Führer, der Deutschland aus der „Schande“ der Weltkriegsniederlage, des Versailler Vertrags und der wirtschaftlichen Not geführt hatte. Man klammerte sich nicht nur aus Angst vor der Rache der Allierten an den Endsieg – sondern weil man ihn für richtig hielt – genauso wie man die Vertreibung der Juden für richtig hielt. Ob man sie denn gleich hätte umbringen müssen, darüber wurde sicher schon zu Kriegszeiten hinter manch verschlossener Tür diskutiert, aber verschwinden sollten sie – ohne Wenn und Aber.

Der Film benennt die Haltung dieser glühend völkischen und antidemokratischen Jugend nicht, weil es dann wohl doch zu schwierig geworden wäre, Empathie mit „unseren Vätern, unseren Müttern“ zu empfinden. Zu weit weg, zu unverständlich – und vielleicht auch zu gefährlich – erschien offenbar der Versuch, begeisterte Nazis zu sympathischen Protagonisten zu machen. Nico Hofmann und das ZDF machen aus ihnen dagegen lieber Abziehbilder heutiger Jugendlicher: Ein bisschen Rebellion da, ein bisschen Swing hier, garniert mit fröhlichem „Party-Patritotismus“ – und ein wenig literarischer Hochkultur, plus französische Chansons. Erst der Krieg „bringt nur das Schlechteste“ in ihnen hervor – so der Leitsatz des Films, gesprochen von Friedhelm.

Polnische Antisemiten, brandschatzende Russen, verlogene Amerikaner

Stattdessen aber wird der Film gerade im letzten Teil in nicht minder verstörendem Maße relativierend, indem er die Schuldfrage implizit mit dem Bösen in der Welt schlechthin beantwortet: Die Russen haben bis auf einen unglaubwürdigen weiblichen Offizier, die ihre Soldaten am Vergewaltigen hindert, gleich gar kein Gesicht: Sie trinken, rauben und vergewaltigen einfach und führen sich insgesamt auf wie Barbaren. Eine Vergewaltigung durch deutsche Soldaten hat man dagegen bis dahin nicht zu sehen bekommen. Und der – natürlich klischeehaft Zigarre rauchende – amerikanische Offizier macht als erstes den ehemaligen SD-Mann und Denunzianten zu seinem bürokratischen Gehilfen – schöne Befreier.

Besonders perfide aber ist der Versuch, die polnischen Partisanen zu den wahren Antisemiten zu stempeln. Sie tauchen im letzten Teil als diejenigen auf, die „Juden riechen können“ und jüdische KZ-Häftlinge in Eisenbahnwagen verdursten und verhungern lassen wollen. In mehr als 270 Minuten sind sie allen Ernstes die einzigen inbrünstigen Judenhasser, die der Film zeigt – während ein SS-Oberstumbannführer seinem Mordhandwerk offenbar eher rational nachgeht: „Wo der Jude ist, ist der Partisan“ – was soll man da machen?

Ein differenziertes und authentisches Bild?

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Dass die polnische Heimatarmee „Armia Krajowa“ antisemitische Tendenzen hatte, ist unbestreitbar. Auch an der Erschießung von jüdischen Flüchtlingen waren einzelne ihrer Mitglieder beteiligt – ob aus genuin antisemitischen Motiven oder aus Habgier ist nicht immer ganz klar. Dass sie allerdings ihrerseits Juden auch nur im Ansatz genauso aktiv verfolgt hätte wie die Deutschen (und diese Gleichsetzung nimmt der Film indirekt vor), ist schlechterdings eine grobe Verfälschung der historisch belegbaren Tatsachen. Nur zur Erinnerung: Es war der polnische Offizier Jan Karski, der als Kurier der „Armia Krajowa“ als erster die allierten Regierungen und die Weltöffentlichkeit über den Holocaust informierte. In einer Uniform der ukrainischen Miliz ließ er sich in ein Vernichtungslager einschleusen und wurde so zu einem der ersten Augenzeugen der Nazi-Verbrechen.

Die widersprüchlichen Tendenzen innerhalb der Parisanengruppen zeigte Daniel Craigs „Defiance“ filmisch übrigens viel differenzierter als UMUV – fiel damals bei der deutschen Kritik aber weitgehend als „Hollywood-Kitsch“ mit „historischen Fehlern“ durch – übrigens zum Teil bei den gleichen Kritikern, die heute UMUV feiern – ohne dessen Schwächen auch nur zu bemerken.

Die polnische Volksgarde „Gwardia Ludowa“ rettete sogar jüdische Kämpfer aus dem Warschauer Ghetto, als die SS deren Aufstand gegen die Räumung niederschlug. In der Gwardia Ludowa, die ab 1943 am bewaffneten Kampf gegen die Deutschen Besatzungstruppen teilnahm, kämpften bis Kriegsende viele Juden. Und in den polnischen Wäldern agierte die später in „Armia Lodowa“ umbenannte Partisanenearmee gemeinsam mit der „Armia Krajowa“ und leistete drei deutschen Divisionen erfolgreich Widerstand. Von einem eliminatorischen Antisemitismus, den der Film aus Sicht des historisch unbedarften Publikums dem polnischen Widerstand pauschal unterschiebt, war dieser jedenfalls weit entfernt.

Die Abwesenheit des industriellen Massenmordes

Ähnlich weit entfernt sind unsere fünf Freunde übrigens vom Zentrum des Völkermordes in den Todesfabriken im Osten. Zwar kommt ihnen der Jude Viktor logischerweise noch am nächsten, aber ihm gelingt die Flucht aus einem der Viehwaggons (noch so eine Unwahrscheinlichkeit). Keiner der Protagonisten jedoch nimmt ein Lager wahr oder kommt auch nur dran vorbei, noch nicht einmal irgendeine Art der Verbalisierung gibt es, abgesehen von der polnischen Widerstandskämpferin, die Viktor fragt, ob es nicht komisch sei, dass die Züge immer voll abfahren, aber leer zurückkommen. Ansonsten ist Auschwitz die große Leerstelle des Films. Das müsste nicht zwangsläufig ein Problem sein, korrespondiert aber auf unangenehme Art und Weise mit der generationsübergreifenden deutschen Lebenslüge, „davon nichts gewusst“ zu haben, was nicht erst aufgrund neuer Zahlen über die schiere Anzahl der NS-Lager längst ad absurdum geführt worden ist.

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Deutschland einig Opferland

Am Ende sind irgendwie alle unterschiedslos Opfer: Die beiden Frontsoldaten desertieren oder töten Vorgesetzte, der eine läuft nach zwischenzeitlich schwerer Verwundung kurz vor Kriegsende in einen russischen Kugelhagel, der andere überlebt wie durch ein Wunder. Krankenschwester Charlotte verrät eine Jüdin und schläft zwischendurch mit einem Stabsarzt, weil sie glaubt, ihre große Liebe Wilhelm sei tot. Der Vergewaltigung durch die Russen knapp entronnen, kehrt sie desillusioniert ins zerstörte Berlin zurück. Sängerin Greta wird hingerichtet – und der jüdische Viktor verliert seine Eltern und den Glauben an die Menschheit. „So wären die Deutschen gern gewesen – ‚Weiße Rose II'“, schreibt der Zeithistoriker Ulrich Herbert zu Recht in der TAZ. Und weiter heißt es dort:

„Aber solange man nicht einmal einen weder sadistischen noch naiven oder verrückten Menschen vorführt, der völkisch denkt, den Krieg für richtig hält, im Krieg gegen die Sowjetunion keine Kompromisse akzeptiert, der die Juden weghaben will und auch die Euthanasie als im Grunde richtig erachtet, der also die „völkischen Lebensgesetze“ als die harte, aber unausweichliche, im Kern schöne Grundlage des Lebens ansieht – so lange werden wir nicht verstehen, was da geschehen ist.“

Das ist das größte Versagen des „Fernsehereignisses des Jahres“: Dass seine vermeintliche „Revolution“ in Schnittechnik, guten Schauspielern, einer Aneinanderreihung beeindruckender Bilder und spannender Erzählung liegt. Inhaltlich hingegen fällt der Film weit hinter die Erkenntnisse der jüngsten zeithistorischen Forschung zurück – und verschenkt damit genau jene „letzte Chance“ zur interfamiliären Auseinandersetzung über Generationen hinweg – von der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher raunt. Dass man es als Deutscher auch nicht leicht hatte – und „wir alle“ zusammen mit „unseren (Groß-)Vätern und (Groß-)Müttern“ irgendwie Opfer der Nazis geworden sind – das „wusste“ man hierzulande schließlich schon zur „Stunde Null“ – spätestens.

Siehe auch: Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Verdrehtes Gedenken, Die nationalsozialistische Machteroberung, Ernst Nolte: Ein deutscher Konservativer, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012, Die Novemberpogrome 1938, Akte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen, “Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”,

*Danke an die zahlreichen Hinweisgeber.