FC St. Pauli holt Merchandise-Rechte zurück: Endlich Modemarke!

FCSP-Fanshop im Netz (Screenshot)
FCSP-Fanshop im Netz (Screenshot)

Der FC St. Pauli hat erneut gute Nachrichten zu verkünden. Der Club vom Hamburger Millerntor übernimmt nach einer außergerichtlichen Einigung ab dem 1. Januar 2016 die Vermarktungsfirma upsolut, an die der Verein seine Merchandise-Rechte verscherbelt hatte. Ab dem neuen Jahr will St. Pauli den Erlös aus dem Verkauf von Fanartikeln vervielfachen – wohl in Zusammenarbeit mit den Fans.

Von Patrick Gensing

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Historisch: Altona 93 holt “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe

Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)
Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)

Stolze 90 Jahren ist es her, dass sich Altona 93 und der Dulwich Hamlet FC in einem Freundschaftsspiel gegenüberstanden. Am Wochenende trafen die Clubs wieder aufeinander, Hamlet und der AFC kämpften in London um die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe.

Von Patrick Gensing

Im Londoner Stadtteil Dulwich pulsiert nicht unbedingt das Leben: Schmucke Einfamilienhäuschen zieren die Straßen, ein klassischer englischer Gasthof heißt insbesondere Familien im Biergarten willkommen – rund 30 Autominuten südlich der City wohnen die Londoner idyllisch.

Mehrere bekannte Politiker ließen sich hier gerne nieder: Margaret Thatcher,Ian McColl, Baron McColl of Dulwich, Michael Boyce, Baron Boyce und Albert Booth lebten bzw. leben hier, dazu gesellten sich der Sänger Carl Barât sowie die Korrespondentin Dharshini David – und auch Sacha Baron Cohen wohnte hier – bevor er als Borat zum Weltstar wurde.

Eingang zum  Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)
Eingang zum Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)

Etwas weniger glamourös geht es beim Dulwich Hamlet FC zu. Der lokale Fußballverein hat seine besten Tage wohl schon erlebt. Den Rekordbesuch im Champions Hill Stadion soll es während der Olympischen Sommerspiele 1948 gegeben haben – mit 23.485 Zuschauern, schrieb das AFC-Fanzine “All to Nah”; der Ground wurde allerdings 1991 abgerissen. Die alte Geschichte: Der Verein brauchte Geld, verkaufte das Grundstück an eine Supermarktkette.

English Pub

In das neue Stadion passen 3000 Zuschauer. Blickfang: die kleine Sitzplatztribüne, die unter dem Dach das Vereinsheim inklusive einer wundervollen Bar beherbergt. Das erste Team von Dulwich Hamlet kickt derzeit in der Ryman Isthmian Football League, eine von drei 7. Ligen in England.

Da der Ligabetrieb dort bis zur sechst-höchsten Spielklasse eingleisig organisiert ist, lässt sich die Liga wohl mit den Oberligen in Deutschland vergleichen – in deren Hamburger Ableger eben auch Altona 93 spielt.

Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)
Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)

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Das Champions Hill Stadium war erst vor Kurzem ausverkauft, als Dulwich Hamlet um den Aufstieg spielte, aber knapp scheiterte. Die Enttäuschung darüber war am Wochenende bei einigen Fans noch zu spüren.

Das “Hinspiel” vor 90 Jahren

Im Jahr 1925 ging Dulwich Hamlet sogar auf eine Rundreise über den Kontinent – und trat auch bei Altona 93 an, wo Hamlet mit 4:1 siegte. Im AFC-Stadionheft “93. Minute” heißt es, den Kontakt zwischen den Vereinen habe Hamlet-Fan Mishi wieder angeschoben, als er 2010 ein AFC-Heimspiel besuchte. Es folgten gegenseitige Besuche von Fans beider Vereine und schließlich die Pläne, ein Freundschaftsspiel zu organisieren.

Ich bin ja nun seit mehr als 30 Jahren überzeugter St. Paulianer, sympathisiere aber wie viele andere dänophile Hamburger auch mit Altona 93. Erstmals besuchte ich die Adolf-Jäger-Kampfbahn in den 1980er Jahren, als der FC St. Pauli dort in der damaligen Oberliga Nord kickte, danach waren Heimspiele des AFC zumeist ein Quell der Freude; die Mischung aus Bauwagenpunks, Mecker-Rentnern und Nachwuchs-Ultras sowie Alt-Hools bleibt einfach unschlagbar charmant.

Höhepunkt war das Pokalspiel am 13. August 1994 gegen Borussia Dortmund, als die Kampfbahn an der Griegstraße aus allen Nähten platzte und der BVB gehörig Mühe hatte, den AFC mit 2:0 zu besiegen.

screenshot5Auch wenn ich also eher Sympathisant als Fan bin, wollte ich mir das Spiel des AFC in London nicht entgehen lassen. Und der Trip in die britische Hauptstadt mit einem Hauch von Europapokal sollte sich lohnen: Mit 5:0 führte Altona 93 zur Halbzeit, bevor Dulwich Hamlet komplett durchtauschte und besser ins Spiel kam, sodass die Crowd hinter dem AFC-Tor – zusammengesetzt aus einigen Dutzend Altona-Fans sowie gesangsfreudigen Hamlet-Supportern – noch drei Tore zum 3:5 Endstand bejubelte.

Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)
Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)

Danach erhielten die AFC-Spieler die “Pa” Wilson Memorial-Trophäe, die von Hamlet-Fan Jack McInroy gestiftet worden war – benannt ist sie nach Mr. Lorraine ‘Pa’ Wilson, der Dulwich Hamlet 1893 gegründet hatte.

“I designed it personally, and I commissioned another of our fans, my good friend James Virgo, to make it, as he is an artist by trade, including founding & casting. It’s made from carved oak and cast in solid bronze. Standing on a granite base, it has been patinated and is actually quite heavy, weighing just under 20 lbs, which must be over nine kilos, if any of our guests are confused by imperial measurements. (Jack McInroy)

 In drei Jahren feiern beide Clubs ihr 125-jähriges Bestehen. Dann soll es das nächste Freundschaftsspiel geben, diesmal in Altona – vielleicht noch in der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn (AJK), die aber bald abgerissen werden soll. Der AFC will dann an einem anderen Standort ein Stadion für 2.999 Zuschauer bauen. Es sei denn, die AFC-Mitglieder stimmen dem Plan,den AFC-Präsident Barthel als “letzte Chance” für den Verein bewirbt, nicht zu.

Eigentlich sollten die AFCler bereits vor der Sommerpause zunächst umfassend informiert werden – und dann noch über den Umzug entscheiden. Mittlerweile teilten der Vorstand sowie die Arbeitsgruppe Sportstätten aber mit, dass dem Verein erst seit dem 5. Juni konkrete Zahlen und damit einhergehend ein erster Entwurf einer Absichtserklärung zur Überlassung des Stadiongeländes an der Memellandallee vorlägen. Die zuständigen AFC-Gremien müssten zunächst den Entwurf genau prüfen.

Ein bisschen Träumerei…

In einer besseren Welt wäre das 125-jährige Bestehen des Vereins im Jahr 2018 aber nicht nur ein Anlass, um mit Dulwich Hamlet gemeinsam zu feiern, sondern auch eine glänzende Chance, eine Rettet-die-AJK-Kampagne anzugehen – mit großem Musik-Festival, bei dem möglicherweise Fettes Brot, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen und vielleicht auch Kettcar sowie sicherlich diverse Punk-Bands dabei sein würden. Auch im Hinblick auf die Olympia-Bewerbung Hamburgs wäre es zumindest denkbar, Geld für den Erhalt der AJK organisieren zu können. Denn was würde dem von Hamburg angestrebten Image der Nachhaltigkeit mehr entsprechen, als eine der ältesten Sportstätten Deutschlands renoviert zu präsentieren?

Zudem erscheint es aus Sicht einer sinnvollen Stadtplanung zumindest fragwürdig, an der Memellandallee ein neues Stadion für die Anforderungen der Regionalliga zu bauen, wenn direkt nebenan auch das Stadion von Union 03 entsprechend modernisiert werden kann bzw. soll. Auch der FC St. Pauli zeigt sich angesichts der etwas unübersichtlichen Situation zurückhaltend: In der kommenden Saison wird die U23 des Zweitligisten an der Hohenluft, dem Stadion von Victoria, kicken, sagte mir Pressesprecher Christoph Pieper. Es gebe aber weiter einen Informationsaustausch mit Altona 93 und Union 03, der FC St. Pauli sei allerdings kein aktiver Player in diesem Konstrukt, sondern wolle erst einmal abwarten, was im Laufe des Jahres passieren werde.

Damit bleibt folgendes Szenario wahrscheinlich: Man reißt die einmalige Adolf-Jäger-Kampfbahn ab, um dort in einem ohnehin dicht bebauten Quartier Raum für Wohnungen zu schaffen – und errichtet wenige Kilometer entfernt dann zwei kleine Fußballstadien nebeneinander. Ein großer Londoner Detektiv würde so einen Plan vielleicht folgendermaßen kommentieren: “Ich habe Zweifel, Watson.”

…und die Realität

Somit sieht die Realität auch in diesem Fall etwas anders aus, als ich es oben in meiner Wunschwelt skizziert habe. Altona 93 hat bereits einen Vertrag über den Verkauf der AJK unterzeichnet – und einen Teil der Verkaufssumme erhalten sowie ausgegeben. Nicht nur dieses Geld müsste man erstatten, sondern es würde wohl auch eine Vertragsstrafe fällig, wenn man es sich plötzlich anders überlegt. Außer, der Vertrag wäre aus juristischen Gründen anfechtbar.

Andreas Bernau, Vorsitzender des Sportausschusses im Bezirk Altona, hält es vor diesem Hintergrund für die beste Idee, wie nun geplant ein kleines Stadion an der Memellandallee zu bauen, in dem Teile der alten AJK, wie beispielsweise das Eingangstor, integriert würden. Die einfachste Lösung wäre es allerdings gewesen, wenn sich der AFC mit Union 03 geeinigt hätte, was aber vor allem an dem “sehr selbstbewussten” Auftreten von Altona 93 gescheitert sei, sagte mir der Sozialdemokrat. Derzeit hänge alles davon ab, dass der Verein seine Mitglieder informiere und abstimmen lasse.

Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)

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Ob nun Griegstraße oder Memellandallee – immerhin hat Altona 93 die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe in London gewonnen – und was noch wichtiger ist: Die Herzen der anwesenden Fans. Dulwich Hamlet-Fan Terry sagte mir nach dem Spiel, als Kinder aus London und Hamburg gemeinsam kickten, dies sei “Football at it`s best.” Recht hat er: Für Fußball-Nostalgiker war es ein Feiertag.

Daten-Sammelwut: Polizei forscht Fußball-Fans aus

Der Aufwand, den die Polizei betreibt, um Fußballfans zu überwachen, nimmt mittlerweile Ausmaße wie in einem Überwachungsstaat an. Zu jedem Spiel der 1., 2. und 3. Liga werden die Anfahrtswege der Auswärtsfans ausgeforscht und diese Daten gesammelt. Zehntausende Fans der Kategorie A stehen somit jede Woche im Fokus, wie ein internes Dokument belegt.

Von Redaktion Publikative.org

Zu jedem Spieltag erstellt die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ der Polizeibehörden, die in Nordrhein-Westfalen angesiedelt ist, sogenannte „Vorauslage“-Berichte für die bundesweite Planung polizeilicher Einsatzkonzepte bei Fußballspielen. Die ZIS koordiniert sich dabei mit den Polizeibehörden am Spielort, den in jedem Bundesland etablierten Landesinformationsstellen Sporteinsätze (LIS), der Informationsstelle Sporteinsätze beim Bundespolizeipräsidium Potsdam (BPolP-IS), sowie  internationalen Partnerdienststellen.

Die uns vorliegenden Berichte offenbaren eine erstaunliche Sammel- und Erfassungswut der Behörden im Hinblick auf die Anreisewege von Fußballfans zu den Spielorten. Vor allem aber werden mehrheitlich Fans in den Lageberichten erfasst, die selbst nach Einschätzung der Polizei zur „Kategorie A“ gehören – also noch nicht mal „anlassbezogen“ als gewalttätig einzustufen sind.

Vor Platzstürmen „bedingt fußballinteressierter“ Personen wird gewarnt

Logo der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze - ZIS
Logo der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze – ZIS

So rechnet die Polizei für das äußerst brisante Drittliga-Spiel des bereits aufgestiegenen Karlsruher Sportclubs (KSC) beim SV Wehen Wiesbaden mit „4.500 bis 5.000 „KSC“-Fans, darunter ca. 180 Personen der Kategorie B und ca. zehn bis 20 der Kategorie C, womit die Problemfanszene des Gastvereins stark mobilisiert sein wird.“ Nach einer Aufzählung diverser vermutlich anreisender Karlsruher Ultragruppierungen folgt der sachdienliche Hinweis, dass die „C-Fans aus Karlsruhe sich nur bedingt fußballinteressiert zeigen“. Das Verhältnis der Problemfangruppen beider Vereine werde von den zuständigen Polizeibehörden aber „übereinstimmend als neutral eingestuft, so dass gruppendynamische Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht zu erwarten sind.“

Mit Ende dieses Spiels könne allerdings das Erreichen der 3. Liga-Meisterschaft durch die Gästemannschaft verbunden sein. Weiter heißt es: „Da die KSC-Fans am vergangenen Wochenende auf einen Platzsturm im heimischen Stadion verzichtet hatten, werden sie diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Wiesbaden nachholen. Dementsprechend müssen durch Gästefans initiierte anlassbezogene Sicherheitsstörungen – insbesondere nach Spielende – einkalkuliert werden.“ Denn eine Aufstiegsfeier auf dem Platz ist aus polizeilicher Sicht natürlich auch dann ein Risiko, wenn lediglich Meisterschaft und Aufstieg gefeiert werden sollen. Schließlich sollen ja 20 Personen der Kategorie C („gewaltsuchend“) nach Wiesbaden reisen, die sich zwar laut Polizei nur „bedingt fußballinteressiert zeigen“, aber vielleicht reicht ihr Interesse ja dennoch für das Anzetteln einer Schlägerei bei der Meisterschaftsfeier auf dem Rasen.

Im weiteren Verlauf präsentieren die Behörden dann detaillierte Informationen zu den vermutlichen Anreisewegen der unterschiedlichen Fans. Wie die bis zu 20 gewaltsuchenden Personen nach Wiesbaden reisen werden, weiß die Polizei anscheinend noch nicht, dafür präsentiert sie eine Liste mit den Anreisewegen der nach polizeilicher Einschätzung vollkommen friedlichen Fans der Kategorie A. Und das liest sich dann so (Anm.d.Red.: Abkürzung durch die Redaktion, im Original volle Namensnennung) : „Fanclub A: Firma M. 72 A-Fans / Fanclub B.: Firma H. (ein Bus mit Aufschrift „…“) 100 A-Fans / 2 Busse der Fa. D., 50 A-Fans und 20 AFans / Fa. R., 50 A-Fans…“

Nicht alle haben Grund zur Dankbarkeit
Nicht alle haben Grund zur Dankbarkeit

Umfassende Ausforschung von Bahn-, Bus- und Reiseunternehmen

Mit anderen Worten: Detailliert, unter Nennung der Busunternehmen und teilweise auch der amtlichen Kennzeichen oder anderer Erkennungsmerkmale der eingesetzten Busse werden anreisende Fans polizeilichen Überwachungsmaßnahmen unterzogen. Und zwar auch solche Fans, von denen selbst die Polizei nichts anderes erwartet, als dass sie sich friedlich ein Fußballspiel anschauen wollen. Im Falle der anreisenden Karlsruher Fans betrifft dies mehr als 400 als friedlich eingestufte Anhänger des Vereins, deren genaue Reisebus-Informationen offenbar bereits im Vorfeld von den Polizeibehörden bei den Unternehmen abgefragt werden – und die unter voller Namensnennung des anmietenden Fanclubs in polizeilichen Lageberichten erfasst werden.

Wenn man sich vorstellt, dass die Publikative.org vorliegenden Vorauslage-Berichte zu allen Fußballspielen der drei höchsten deutschen Spielklassen erstellt werden, bedeutet dies jedes Wochenende eine Erfassung der geplanten Reisebewegungen hunderttausender Menschen. Vor allem aber geben Busunternehmen republikweit offenbar systematisch die Daten ihrer Kunden präventiv an die Polizei weiter – oder sie werden systematisch dazu genötigt. Eine durchaus fragwürdige Praktik in einem Land, in dem Reisefreiheit zu denjenigen Grundrechten gehört, für das ein Teil der Bevölkerung vor nicht allzu langer Zeit noch zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen ist.

Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail
Fans von Hansa Rostock demonstrieren in Hamburg gegen ein Verbot des Kartenverkaufs an Auswärtsfans. (Foto: publikative.org)

Woher stammen einige der Informationen?

Aber auch andere pikante Details finden sich in den Lage-Einschätzungen der Polizei. So heißt es zu einem anderen Spiel: „Darüber hinaus wird eine weitere, 70-köpfige Gruppe Gastfans, darunter fünf bis zehn Personen der Kategorie B (überwiegend Althools), mit Schnellzügen (ICE) fahren. Folgende Verbindungen werden in Anspruch genommen …“ Auch scheint es nicht um Personen zu gehen, die sich zu einer Straftat verabredet haben, sondern um insgesamt 70 Menschen, von denen laut Polizei maximal 5-10 „anlassbezogen“ gewalttätig werden könnten – und die darüber hinaus offenbar auch schon im fortgeschrittenen Alter („Althools“) sind. Man darf sich daher fragen, wozu diese Information erhoben worden ist und Eingang in den Lagebericht gefunden hat.

Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wie die Polizei an diese Information gelangt ist. Dafür gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten:
1. Man erhebt bei der Bahn systematisch Informationen über Gruppenreisen und die jeweiligen Reisenden  und gibt diese an die Polizei weiter, sofern diese zu Fußballspielen passen könnten. Die sogenannten „Szenekundigen Beamten“ (SKBs) könnten dann anhand der Namen in etwa auswerten, um welche Gruppierung es sich handeln könnte.

2. Die SKBs durchforsten selbst systematisch Foren und andere Informationskanäle und prüfen dann ihrerseits entsprechende Bahnbuchungen.

3. Es handelt sich um Informationen, die von V-Leuten stammen.

Insbesondere letzterer Punkt wäre besonders heikel. Schließlich haben die Innenbehörden verschiedener Bundesländer bislang zwar eingestanden vereinzelt V-Leute in Fußball-Fanszenen einzusetzen, es hieß jedoch stets, man beschränke sich dabei auf bekannte, besonders gewalttätige Gruppen, die in der Vergangenheit bereits schwere Straftaten verübt hätten. Im o.a. Beispiel geht es aber wie gesagt um eine größere Gruppe, von denen laut Polizei niemand der Kategorie C und maximal 5-10 Personen der Kategorie B angehören. Insgesamt also ganz sicher kein Zusammenhang, der den Einsatz von V-Leuten rechtfertigen würde. Doch auch eine systematische Auswertung von Bahnbuchungen scheint datenschutzrechtlich alles andere als unbedenklich.

Systematische Erfassung vor allem friedlicher Fans

Insgesamt strotzen die Publikative.org vorliegenden Lageberichte nur so von fragwürdigen polizeilichen Aufklärungsmaßnahmen im Vorfeld von Fußballspielen, die zum weit überwiegenden Teil völlig friedlich verlaufen (werden). Ausführlich werden Bahnverbindungen, und -buchungen, Reisebusbuchungen, Autokennzeichen, Fanclubs und  Ultra-Gruppen genannt, deren Anreisewege ausgeforscht und im Vorfeld überwacht. Verbunden damit sind Zuschreibungen an bestimmte Personengruppen bezüglich ihres vermeintlich zu erwartenden Verhaltens. Auffallend ist dabei, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der von der Polizei sorgfältig beobachteten Fans selbst in diesen Lageberichten als friedlich eingestuft werden – was sie aber dennoch keineswegs vor einer systematischen Erfassung schützt.

Im Hinblick auf die Reisewege der Fans der Kategorien A und B scheint die polizeiliche Lageaufklärung auch wesentlich besser zu funktionieren als im Hinblick auf diejenigen der Kategorie C. Zu letzteren schweigen auffallend viele der jeweils spielbezogenen Berichte. Dies kann auch nicht verwundern, da die Angehörigen dieser polizeiliche Kategorie das mit Abstand größte Interesse an einer konspirativen Anreise haben. Das Ergebnis aber wird verstörend und paradox zu gleich: Diejenige Gruppe, die polizeilich das größte Problem darstellt, erfreut sich offenbar der schlechtesten polizeilichen Aufklärung. Stattdessen aber werden haufenweise harmlose Kategorie A Fans systematisch erfasst und ausgeforscht. Zu bedenken ist: Diese Menschen haben sich verabredet, um gemeinsam zu einem Fußballspiel anzureisen – und nicht, um Banken zu überfallen, Bomben zu legen oder Migranten zu erschießen.

Siehe auch: Randale beim Schweinske-Cup: Einig uneinigSicherheitswahn: DFB kriminalisiert WunderkerzenEin Toter bei Polizeiübung gegen Fußball-RandaleSächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans anAussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegsKollision mit LeitplankenDFL-Sicherheitspapier: St. Pauli beantragt VerschiebungWenn Fußball zur Nebensache wird: 1860-Fans demonstrieren gegen PolizeigewaltGanzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollenFangipfel in Berlin: Die AbschlusserklärungSicherheitsleak: das DFL-Papier “Sicheres Stadionerlebnis”

Randale beim Schweinske-Cup: Einig uneinig

Mehr als ein Jahr nach den Krawallen mit Dutzenden Verletzten beim Hamburger Schweinske-Cup hat eine Arbeitsgruppe ihren Abschlussbericht vorgelegt. Vertreter des FC St. Pauli, des HSV und der Polizei sowie der Innenbehörde verabschiedeten das Papier einstimmig. Dies war aber offenkundig nur möglich, weil der Einsatz der Polizei bei der Bewertung ausgeklammert wurde. 

Von Patrick Gensing

St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei
St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei

Welche Versäumnisse führten zur Eskalation beim Hallenturnier in Hamburg im Januar 2012? Was können die Beteiligten in Zukunft besser machen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die die Geschehnisse beim Schweinske-Cup aufarbeiten und beurteilen soll.

Ziel sei es gewesen, sagte der Leiter des Hamburger Landessportamts, Thomas Beyer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe, also Vertreter der Vereine, der Fanprojekte und der Polizei, sollen auch künftig auf „Augenhöhe“ kommunizieren. Man wolle den Blick nach vorne richten und eine neue Gesprächskultur etablieren. Die Treffen der Arbeitsgruppe seien in positiver und konstruktiver Atmosphäre verlaufen, betonte Beyer, auch wenn es anfangs greifbare Spannungen gegeben habe.

Polizeimaßnahmen ausgeklammert

Diese Spannungen, das lässt sich aus dem Abschlussbericht herauslesen, entzündeten sich offenkundig vor allem an dem Vorgehen der Polizei, das weiterhin viele Fragen aufwirft. So habe es bereits beim Einlass Probleme gegeben, als Lübecker Fans ohne Karten in die Halle eindringen wollten. Polizei und Veranstalter hätten dies als „übliches Problem“ beschrieben, so Beyer. Umso erstaunlicher, dass die Polizei dennoch Pfefferspray einsetzte, wobei Ordner verletzt wurden. Über die Zahl der Betroffenen herrschte Unklarheit, Beyer nannte eine Zahl von bis zu zehn Ordnern, die später in der Halle fehlten.

In dem Bericht wird hervorgehoben, dass man einzelne polizeitaktische Maßnahmen nicht bewerten wolle. Somit wurde ein zentraler Kritikpunkt einfach ausgeklammert, immerhin wurden beim Schweinske-Cup Dutzende Menschen – vor allem vollkommen unbeteiligte Personen, verletzt, als die Polizei in der Halle ein weiteres Mal Pfefferspray einsetzte. Diese Maßnahme verteidigte die Polizei in der Arbeitsgruppe als richtig, weil nicht-beteiligte Zuschauer dadurch geschützt werden sollten. Eine wenig überzeugende Begründung, immerhin wurde das Reizgas in großen Teilen der  Halle verteilt und führte teilweise zu panikartigen Zuständen – und wie erwähnt zu vielen Verletzten, darunter sowohl Kinder als auch Ordner und wohl auch Polizisten.

Aus dem Archiv: Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vor

Fehlende Transparenz

Nach welchen Kriterien die Polizei wann welche Maßnahmen ergreift, bleibt dabei komplett im Dunkeln, da der polizeiliche Einsatz „grundsätzlich stufig“ erfolge. Die Palette beginnt bei erhöhter Präsenz, wird dann durch „gefahrenabwehrende Maßnahmen“ wie Platzverweise erweitert, es folgen als „intensivste Reaktion“ strafverfolgende Maßnahmen, wie beispielsweise vorübergehende Festnahmen. Die Stufigkeit hängt von der polizeilichen Bewertung ab – und daraus folgen auch die „erforderlichen“ Zwangsmittel, wie beispielsweise der Einsatz von Pfefferspray. Das heißt: Die Polizei schätzt die Situation selbst ein und daraus folgen die angeblich erforderlichen Zwangsmittel. Dass Pfefferspray in einer geschlossenen Halle mit einem veralteten Belüftungssystem möglicherweise nicht das geeignete Mittel sein könnte, wird einfach nicht thematisiert.

Pfefferspray
Pfefferspray-Einsatz aus nächster Nähe in einer engen Wohnstraße in Hamburg St. Pauli am 10. November 2012.

Während die Polizei also behauptet, der Einsatz von Pfefferspray mit zahlreichen Verletzten sei gerechtfertigt – und dies sogar bei „üblichen Problemen“ wie beim Einlass, hielt sie sich an anderer Stelle deutlich zurück. So betonte die Polizei in der Arbeitsgruppe, die sich möglicherweise anbahnenden Ausschreitungen in der Halle, nämlich als Fans des VfB Lübeck, die bereits am Eingang randaliert hatten, sich in Richtung St. Pauli-Fanblock bewegten, hätten kein Eingreifen legitimiert. Auch im Zusammenhang mit einem Bannerklau durch Lübecker-Fans seien polizeiliche Maßnahmen „nicht zulässig“ gewesen. Erst als es anschließend zu Schlägereien kam, habe die Polizei eingreifen können.

Wenn man sich anschaut, mit welchen Begründungen ansonsten Maßnahmen zur Gefahrenabwehr legitimiert werden sollen, erscheinen die Angaben der Polizei zumindest überraschend. Trotz Angriffe auf Ordner, trotz offenen Provokationen und sogar dem Klau einer Fahne, eigentlich eine Straftat, sei ein Eingreifen nicht zulässig gewesen. Schuld an der anschließenden Eskalation sei, heißt es in dem Bericht weiter, die Fehlplanung beim Sicherheitskonzept gewesen. Der schwarze Peter wird hier und in anderen Abschnitten in dem Bericht vor allem dem Veranstalter zugeschoben, der an der Arbeitsgruppe gar nicht beteiligt war.

Unklarheiten über Stadionverbote

Einig waren sich aber alle Teilnehmer, dass die mediale Darstellung der St. Pauli-Fans als pauschal gewalttätig falsch sei. Die Provokationen gingen eindeutig von Fans des VfB Lübeck aus. Zudem führte Landessportsamtleiter Beyer aus, die Arbeitsgruppe habe sich einhellig beim DFB dafür ausgesprochen, die nach dem Turnier gegen mehrere St. Pauli-Fans verhängten Stadionverbote wieder aufzuheben.

Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, hatte der FC St. Pauli dem gemeinsamen Abschlussbericht angeblich nur zugestimmt, um die Aufhebung der Stadionverbote zu erreichen. Doch dieses Vorhaben scheiterte schließlich. Zwar waren Polizei und Vereine für die Aufhebung,  doch der DFB lehnte dies aber offenbar ab.

Mittlerweile (04. April 2013) teilte der FC St. Pauli mit: „Mit Zustimmung der Hamburger Polizei konnte mit dem Deutschen Fußball Bund vereinbart werden, dass ein Teil der nach dem Schweinske-Cup verhängten Stadionverbote rechtzeitig vor dem letzten Heimspiel der laufenden Saison vorzeitig (eigentlich hätten sie auch in der kommenden Saison Gültigkeit gehabt) zur Bewährung ausgesetzt werden, da sich die zugrunde gelegten Taten in der Gesamtbetrachtung der Ereignisse anders bewerten ließen, als noch vor einem Jahr.“

Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)
Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)

Deeskalation als Standortvorteil

In Hamburg wollen die Vereine und Fanprojekte sowie die Polizei derweil neue Wege gehen und  Veranstaltungen auf die Beine stellen, bei denen beispielsweise über Fanszenen, die Fanprojekte, Gewalt sowie dem Sinn des staatlichen Gewaltmonopols diskutiert werden soll. Für den Erfolg solcher Veranstaltungen sowie einer weiteren verbindlichen Kommunikation sei aber, dass alle Beteiligten weiterhin offen miteinander umgehen.

Der Bericht der Arbeitsgruppe soll Ende April im Innenausschuss der Hansestadt thematisiert werden. Dann wird es auch um die Empfehlung gehen, eine weitere Arbeitsgruppe einzurichten, in der die Beteiligten weitere Ideen entwickeln sollen, um Hamburg als Bundesligastandort zu profilieren – und zwar als einen Standort, wo aktiv und gemeinsam an einer Strategie der Deeskalation gearbeitet werde. Ein sinnvolles Ziel.

Publikative.org ist für die Bobs nominiert – hier abstimmen!

Siehe auch: Sicherheitswahn: DFB kriminalisiert WunderkerzenEin Toter bei Polizeiübung gegen Fußball-RandaleGroßzügiger Einsatz von PfeffersprayFußballfans und Medien: Ein schwieriges VerhältnisSchweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vor“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einGewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung

Israel: Die Ultra-Rassisten von Beitar

Weil der mehrfache israelische Meister Beitar Jerusalem erstmals muslimische Spieler verpflichtet hat, haben vermutlich Hardcore-Fans des Clubs das Vereinsheim angezündet. Die dominierende Ultra-Gruppe „La Familia“ gilt seit langem als rassistisch und rechtsextrem, noch nie hatte der Verein einen arabischen oder palästinensischen Spieler im Kader.

Der amerikanische Reporter Jeremy Schaap hat für das ESPN-Format E:60 eine absolut sehenswerte, kurze Reportage über den Club und sein Umfeld gedreht. Auffällig ist, dass prominente Fans wie der israelische Ministerpräsident Netanjahu nun auf einmal zu Protokoll geben, man werde sich den Verein nicht von La Familias Hass kaputtmachen lassen. Die rassistischen Sprechchöre im heimischen Teddy-Stadion hat man dagegen offenbar seit Jahren nicht gehört. Auch einer der Anführer von La Familia kommt in dem Film ausführlich zu Wort. Seine Worte sind deutlich und definieren sowohl einen klassischen Ultra-Anspruch als auch hammerharten Rassismus als Teil seiner Beitar-Identität: „Der Club gehört uns. So lange ich lebe, wird hier kein Araber spielen.“

E:60 „BEITAR JERUSALEM“ ~ JEREMY SCHAAP from Bluefoot Entertainment on Vimeo.

Siehe auch: Aachen: Der rechte Konsens setzt sich durchDie braunen EminenzenIn basso a destra: Angriff der Nazi-Hools in RomUkraine: Ultra-Nationalisten erstmals im ParlamentBraunschweigen: Kein Mittel gegen Nazis“Die Roma müssen weg!”“Unser Spiel – Unser Stadion – Unsere Stadt”Stadien des Hasses?,

Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen Gewalt

Pünktlich zum Beginn der Bundesliga-Rückrunde am kommenden Wochenende starten die beteiligten Fernsehsender die Initiative „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Das Fernsehen will der Mehrheit der Fans endlich eine Stimme verleihen – nicht ganz uneigennützig. 

Von Nicole Selmer

Logo 100 % Das Spiel 0 % Gewalt
Logo 100 % Das Spiel 0 % Gewalt

Eine breite Phalanx von Fernsehsendern – von Sky mit seinem exklusivem Pay-TV bis zu Sport1 mit seinen Sex-Hotlines und Gewinnspielen dazwischen die öffentlich-rechtlichen Sender – hat sich für diese Initiative zusammengefunden. Sie alle vereint ein Interesse: „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Ein echter Quotenhit, der die deutschen Stadien sofort weltweit an die Spitze katapultieren könnte, wenn hier gelingt, was bisher weltweit in Schulen und auf Straßen, in Kindergärten und Kriegsgebieten gleichermaßen unmöglich ist: einen Ort mit Menschen, aber ohne Gewalt zu schaffen.

Hinter der Aktion stehen knallhart recherchierte Fakten: „Die jüngsten Entwicklungen in den Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga und die darum entstandene Diskussion haben es deutlich gemacht: Die überwältigende Mehrheit der Fans wünscht sich ein sicheres und gewaltfreies Stadionerlebnis.“ Gut, die überwältigende Mehrheit der Menschen wünscht sich auch einen sicheren und gewaltfreien Straßenverkehr und Büroalltag. Und tatsächlich werden sich Fans sogar schon vor den jüngsten Entwicklungen ein solches Stadionerlebnis gewünscht haben, ja, sie haben sogar das Gefühl, es bereits zu erleben. Dafür spricht nicht nur die Mitmachaktion „Ich fühl mich sicher“. Auch der weltweit zweithöchste Zuschauerschnitt, mit dem sich die deutsche Bundesliga schmücken darf, ist kaum darauf zurückzuführen, dass durchschnittlich 45.000 Menschen pro Spiel darauf aus sind, sich im Stadion zu ängstigen. Es ließe sich noch weiter mit den beliebten Vergleichszahlen zu Volksfesten oder mit der Fragwürdigkeit des polizeilich angesammelten Datenmaterials argumentieren, aber gegen die Faktenresistenz der „Sicherheitsdebatte“ ist nur schwer anzukommen. Und so widmet sich auch die neue Senderinitiative unbeirrt einem Problem, dessen tatsächliches Ausmaß sie in Eigenproduktionen bereits kritisch beleuchtet hat.

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Beschädigtes Produkt Fußball

Es geht jedoch um mehr: Denn mit ihrer Kampagne machen sich die Fernsehsender von Berichterstattern zu Akteuren. Sie sind es, die „dieser großen Mehrheit der Fans eine Stimme“ verleihen wollen. Nun ließe sich einwenden, dass Fans, zumal in der vergleichsweise debattenfreudigen und ausdrucksstarken deutschen Fußballszene, dafür gewiss nicht Sport1 als Sprachrohr brauchen. Fein ausgespart wird in der Promotion von „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“ jene Fanaktion, die unter dem deutlich griffigeren Claim „Ohne Stimme keine Stimmung“ vor der Winterpause für Aufsehen sorgte und ihrem Anliegen, nämlich der Ablehnung des DFL-Sicherheitspapiers, durch 12-minütiges Schweigen selbst äußerst wirksam eine Stimme verlieh. Die Aktion 12:12 war nicht unumstritten, aber auch die Proteste gegen den Protest – ob sie sich nun gegen Ultras oder die Beteiligung rechtsoffener Gruppen  richteten – konnten ganz ohne Mithilfe des Fernsehens artikuliert werden. Ihr direktes Ziel hat die Aktion verfehlt, das Schweigen, der ausbleibende  Support haben jedoch gewirkt. Sie haben demonstriert, dass die aktiven Fans und ihre Stimmung tatsächlich ein nicht wegzudenkender Teil des Erfolgsrezepts Bundesligafußball sind. Aus Sicht der TV-Verantwortlichen bedeutet dies jedoch auch, dass Fans über die Macht verfügen, den Wert des zu verkaufenden Produktes deutlich spürbar zu mindern. In den „100 % Das Spiel“ steckt immer ein nicht ganz so leicht zu berechnender Anteil Fankultur. Die Initiative der Fernsehsender, sich selbst zum Sprachrohr einer nicht weiter definierten „überwältigenden Mehrheit“ zu machen, kann man auch als Versuch verstehen, diesen unkalkulierbaren Rest aus der Fußballgleichung zu streichen.

Screenshot Spot
Screenshot Spot 100 % Das Spiel 0 % Gewalt

100 % Bratwurst

Wie die hundertprozentig kalkulierte TV-Fankurve aussieht, lässt sich im Werbespot der Initiative begutachten, der für einige Heiterkeit sorgen wird. „0 % Rauchentwicklung“ wird da vor einem bunten Fahnendurcheinander versprochen: Hertha BSC weht im Block neben Borussia Mönchengladbach – nicht nur Fantrennungen, sondern gleich auch die Differenz von erster und zweiter Liga sind in dieser farbenfrohen Vision aufgehoben. Am Imbiss beißt ein männlicher Fan krachend in eine Bratwurst, dazu liest man „0 % Schlagstock“. Schlagstöcke zu Bratwürsten? Ist das ein Statement gegen Polizeigewalt oder Werbung für die Hoeneßsche Wurstfabrik? Die TV-Sender wollen ihre Initiative mit regelmäßigen Berichten zum Thema begleiten. Das mag so manche Zuschauer/innen, die sich noch an den Talkshow-Horror des vergangenen Jahres erinnern, vor Schreck zusammenzucken lassen, von einer differenzierten und weniger populistischen Berichterstattung können jedoch alle Seiten profitieren.

Auch gegen ein Engagement von TV-Sendern „gegen Gewalt, Diskriminierung und Rassismus“ ist nichts einzuwenden (obwohl die nonchalante Zusammenmischung dieser Themen auch durch ständige Wiederholung nicht erträglicher wird). Genau genommen würde man ohnehin voraussetzen, dass dies Werte sind, denen sowohl öffentlich-rechtliche Medienanstalten wie private Fernsehkanäle in mehr oder minder großem Ausmaß verpflichtet sind und die sie in ihrer jeweilige Berichterstattung berücksichtigen. Ganz zeitnah bietet sich dazu am zweiten Spieltag der Rückrunde die Gelegenheit: Nämlich zum Erinnerungstag im deutschen Fußball. Bereits seit 2005 wird am Spieltag rund um den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, oft unter Beteiligung von Fangruppen – die „Löwen-Fans gegen rechts“ von 1860 München gehören zu den Mitinitiatoren des Erinnerungstages im Fußball. Die übertragenden TV-Sender haben die Veranstaltungen rund um diesen Spiel- und Gedenktag bisher meist ignoriert. Zu den „100 % Spiel“, wie ARD, ZDF, Sky usw. sie sich vorstellen, gehören Kurzinterviews, Expertenmeinungen und viel Werbung vor dem Anstoß. Für die im Stadion verlesenen Texte zum Holocaust-Gedenktag oder die auf der Videoleinwand eingeblendeten Namen der Vereinsmitglieder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, war da kein Platz.

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DFL-Sicherheitspapier: St. Pauli beantragt Verschiebung

Der FC St. Pauli hat kurz vor der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt einen Antrag auf Verschiebung der Abstimmungen zu den Anträgen in Sachen Sicherheit sowie auf kurzfristige Bildung einer Kommission unter Einbeziehung von Fanvertretern und der operativen Arbeitsebene gestellt.

Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)
Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)

Die Verantwortlichen des FC St. Pauli begründeten diese Maßnahmen in einer Presseerklärung mit der bislang mangelhaften Einbindung der Fanvertreter in den Abstimmungsprozess. Darüber hinaus empfinden sie den Zeitdruck in der Sache als unangemessen.

Das Präsidium des FC St. Pauli teilte der DFL zudem mit, dass es im Falle einer dennoch stattfindenden Abstimmung des Antragspaketes aufgrund eines entsprechenden Beschlusses der letzten Jahreshauptversammlung die einzelnen Anträge ablehnen werde. Diese Anträge stellen aus Sicht des FC St. Pauli die Konsequenz eines Prozesses dar, in dem Fanvertreter nicht in einem erforderlichen Umfang beteiligt worden sind, weshalb die Anträge aus Sicht des Vereins so nicht zustimmungsfähig sind.

Für die DFL zusätzlicher Gegenwind. Während die Innenpolitiker die Fußball-Liga mit Drohungen von Stehplatzverboten oder Kosten für Polizeieinsätzen geradezu nötigen, weht der Liga mittlerweile auch medial der Wind ins Gesicht. Von Spiegel Online über FAZ bis Berliner Zeitung und weiteren Medien kommen Kritiker des Sicherheitskonzepts zu Wort. Und auch Funktionäre, die gänzlich unverdächtigt sind, mit brandschatzenden Ultras zu sympathisieren, kritisieren das Konzept – so beispielsweise HSV-Aufsichtsratsmitglied Jürgen Hunke.

Publikative.org hatte im Oktober über ein Sicherheitsleak beim Sicherheitskonzept „Sicheres Stadionerlebnis“ berichtet. Im Oktober gab es bei Bayern München – Eintracht Frankfurt bereits „Ganzkörperkontrollen„. In den vergangenen Wochen hatte es zudem massive Proteste gegen das DFL-Konzept gegeben.

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