Willkommen auf Deutsch: Unaufgeregter Blick auf die Flüchtlingsdebatte

„Ja – das ist hier das noch beschauliche Dorf Appel. (…) Langsam nähern wir uns dem ehemaligen Alten- und Pflegeheim. Diese Gebäude möchte der Landkreis ja für Unterbringung von 53 Asylbewerbern nutzen. – 53 ist ‘n Problem. Glaube nicht, dass die Bevölkerung das so akzeptieren kann und wird.“ Mit diesen Worten von Hartmut Prahm beginnt „Willkommen auf Deutsch“. Prahm ist Sprecher der Bürgerinitiative Appel, einer 415 Einwohner umfassenden Gemeinde im Landkreis Harburg südlich von Hamburg.

Von Volker Schönenberger

In einer Sitzung der Initiative erwähnt Prahm, junge Mütter hätten ihm schon gesagt, dass sie ihre Kinder nicht mehr auf die Straße gehen lassen wollten. „53 Asylbewerber egal welcher Nationalität bringen ein gewisses Potenzial mit, zumal sie letztlich ja auch gewisse menschliche oder männliche Bedürfnisse haben könnten.“ Welche Unterstellung da mitschwingt, bleibt uns überlassen …

Larisa (r.) und ihre Familie hoffen auf Bleiberecht in Deutschland
Larisa (r.) und ihre Familie hoffen auf Bleiberecht in Deutschland

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Das Protokoll: Ein Jahr NSU-Prozess

Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hat ein Jahr lang alles, was im NSU-Prozess vor Gericht gesagt wird, wörtlich protokolliert. Nun erscheinen die gekürzten gesammelten Protokolle in einer monothematischen Ausgabe des Magazins. Darüber hinaus hat das „SZ-Magazin“ die gesammelten Protokolle von vier Schauspieler/Innen nachsprechen lassen und verfilmt. Das Ergebnis ist atemberaubend und bedrückend zugleich.

Von Andrej Reisin

Am 14. November 2013 sagt vor dem sechsten Strafsenat des Oberlandesgerichts München der Zeuge Martin F. aus, der einst mit der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe in Zwickau im selben Haus gewohnt hatte. Bei der Befragung geht es unter anderem darum, ob Zschäpe von „Ausländerpack“ gesprochen habe, wie der Zeuge bei der Polizei ausgesagt hat. Und ob es wahr sei, dass sein Bruder sich nicht mehr getraut habe, seine vietnamesische Frau bei Besuchen mitzubringen, weil bekannt gewesen sei, dass Frau Zschäpe Ausländer nicht leiden könne. Der Zeuge antwortet: „Mir ist das vollkommen Rille, ob das Vietnamesen, Türken oder Griechen sind, für mich sehen die alle gleich aus.

Es sind Sätze wie dieser, die einen sprachlos machen, wenn man sie erneut hört – auch wenn man sie schon einmal irgendwo gelesen hat. Wohlgemerkt: Hier spricht ein zufälliger Zeuge, kein mitangeklagter Neonazi. Dennoch äußert er – mitten im Gerichtssaal, in dem auch Angehörige der Opfer sitzen – Sätze, aus denen sich eigentlich nur eines ableiten lässt: Menschen wie Du und ich sind diese „Vietnamesen, Türken oder Griechen“ offenbar nicht, sondern eben „die“ – „vollkommen Rille„.

Für diesen Schlag ins Gesicht der Opfer ist der Zeuge im Saal allem Anschein nach nicht einmal gerügt worden, auch den meisten Medien war er keine große Erwähnung wert. Dabei zeigt er, dass es keiner Figur wie Beate Zschäpe bedarf, um Vokabeln wie „Ausländerpack“ zu benutzen. Wer es als Zeuge vor Gericht derart normal findet, einfach zu äußern, es sei ihm „vollkommen Rille„, welche „Art“ von „Ausländer“ man da gerade vor sich habe, von dem ließe sich auch problemlos vorstellen, dass aus „Rille“ im privaten Rahmen und nach dem dritten Bier ein „Pack“ wird.

Die gesellschaftliche Dimension bleibt unverhandelt

Immer wieder wird aus den Protokollen deutlich, dass die gesellschaftliche Dimension der Mordserie vor Gericht eben nicht zur Verhandlung – und damit auch nicht zur Debatte – steht. Genau das aber macht das Beklemmende des Verfahrens aus, denn genau darum geht es den Nebenklägern, den Angehörigen der Opfer, den zerstörten Familien. Sie können zu Recht nicht begreifen, was ihnen geschehen ist, und warum der so gründlich und „akribisch“ (wie es ein Münchner Kommissar vor Gericht formuliert) arbeitende deutsche Staat nicht in der Lage war, die Täter zu stoppen. Derselbe Münchner Kommissar liefert die Erklärung im Gerichtssaal allerdings ungewollt gleich dazu: „Jetzt wollen wir mal bitte nicht so tun, als ob es keine türkische Drogenmafia gibt„, sagt der von den Anwält/Innen der Nebenklage in die Enge getriebene Beamte zur Verteidigung seiner damaligen Ermittlungen. Nie gewinnt man den Eindruck, die Ermittler/Innen, die jahrelang die Falschen verdächtigten und zusätzlich traumatisierten, würden ihr Handeln nun bereuen. Wer mag angesichts solcher Aussagen daran glauben, beim nächsten Mal liefen die Ermittlungen anders?

Sicher nicht die Opfer dieser Ermittlungen. Für sie steht stellvertretend Wolfgang F., der Geschäftspartner des einzigen Ermordeten griechischer Nationalität, Theodoros Boulgarides. Er schildert auf bedrückende Weise, wie die Ermittlungen der Polizei sein Leben veränderten, um es milde auszudrücken: Immer wieder sei er vorgeladen worden, auch seine Mitarbeiter seien befragt worden. Die Polizei habe ihn und seinen toten Partner „in den Dreck ziehen“ wollen. Schließlich habe er viel Geld verloren, Kunden, das Geschäft, auch seine langjährige Beziehung sei schließlich in die Brüche gegangen. Auf die Frage nach den Folgen für die Familie Boulgarides antwortet der Zeuge: „Es war es die totale Zerstörung – und nicht nur für die Angehörigen.“ Die Familie sei nach dem Mord auseinander gebrochen, Mutter und Bruder nach Thessaloniki zurückgekehrt, der Rest der Familie zerstreut.

Fassungslos macht angesichts dessen die Empathielosigkeit, die sich wie ein grauer Schleier durchs Verfahren zieht: Nicht nur bei den Angeklagten, sondern auch bei zahlreichen Zeugen – bis hin zu den Eltern der toten männlichen Täter – zeigt sich kaum eine ernsthafte Betroffenheit darüber, welche Wunden geschlagen wurden, was der Verlust so vieler Menschenleben bedeutet. Mag man dafür bei den Eltern der Täter, die ja trotz allem auch ihre Kinder verloren haben, noch in gewissem Maße Verständnis haben, so spricht aus dem ehemaligen Kripo-Beamten, der im Zusammenhang mit grausamen Tatort-Bildern mehrmals darauf hinweist, dass „der Türke“ seine Wohnung nicht aufgeräumt habe, nichts als exakt derselbe schamlose Mangel an Mitgefühl, der auch den eingangs zitierte Zschäpe-Nachbar kennzeichnet.

Ein mutiges Projekt der Aufarbeitung

Ausschnitt aus "Der NSU-Prozess: Das Protokoll als Film" (Copyright: SZ Magazin/Süddeutsche Zeitung)
Ausschnitt aus „Der NSU-Prozess: Das Protokoll als Film“ (Copyright: SZ Magazin/Süddeutsche Zeitung)

Es ist ein großes Verdienst der akribischen Arbeit – von der man in diesem Fall sehr zu Recht sprechen kann – der Autor/Innen Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler, sowie des Redakteurs Wolfgang Luef, dieses Verfahren auf 500 Seiten mitprotokolliert und dann entsprechend verdichtet zu haben. Noch beeindruckender ist allerdings die filmische Umsetzung, die in Kooperation mit der Filmakademie Baden-Württemberg, der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und der UFA Fiction entstandes ist: Zwei Stunden Kammerspiel, in denen Regisseurin Soleen Yusef von nur vier Schauspieler/Innen (Franziska Benz, Judith Schlink, Johannes May und Thomas Zerck) in Schwarz-Weiß das Protokoll mit verteilten Rollen verlesen lässt.

Denkt man zu Beginn, dass dieses Experiment trotz der dichten Atmosphäre scheitern muss, so wird man schnell eines Besseren belehrt: Man wird wütend auf einzelne Zeug/Innen, auf die Arroganz der Angeklagten, man leidet mit den Opfern, man beginnt zu verstehen, was dieser Prozess für die Geschichte der Bundesrepublik einst bedeuten wird. Selbst als Hörspiel (wenn das Video-Bild nach einiger Zeit einem anderen Browser-Fenster weicht) entfalten die Gerichtssaal-Dialoge eine atemberaubende Wirkung, die weit, weit, weit über die zahlreichen Gerichtsreportagen hinausgeht.

Zu wünschen wäre lediglich, dass man im zweiten Schritt – neben Text und Ton und Bild – eine Online-Umsetzung findet, die ein Navigieren nach einzelnen Prozesstagen oder Zeugen ermöglicht. Sollte das Projekt über die den gesamten Prozess fortgeführt werden, entstünde so eine moderne zeitgeschichtliche Quelle. So oder so handelt es sich um wichtiges mediales Signal, das deutlich macht: Viele haben versagt – Behörden, Polizei, Medien, Politik und Gesellschaft. Den Prozess so gut wie möglich dokumentieren zu wollen, ist daher auch ein Zeichen des Bedauerns und eine Botschaft: Die Opfer sind nicht vergessen.

Am Freitag, den 3. Januar erscheint das SZ-Magazin mit dem gedruckten Protokoll. Der zweistündige Film wird ab Donnerstag im Netz auf süddeutsche.de und auf YouTube zu sehen sein.

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