Humor und Hoffnung: Glaubt Feine Sahne Fischfilet!

Aufstand gegen Monchi und Zeilen, die Mut machen: „Es wird schon alles gut, auch wenn es manchmal schwer fällt, nicht völlig durchzudrehen.“ FSF macht mal wieder so vieles richtig. Schön, dass es diese Band gibt.

 

Siehe auch: Foto von Feine Sahne Fischfilet: Schwere Schlappe für VerfassungsschutzDarf der Verfassungsschutz Fotos klauen?Verfassungsschutzbericht 2011 ist rechtswidrigPunk & PR: Fischfilets meet VerfassungsschutzKomplett im Visier des Verfassungsschutzes

Foto von Feine Sahne Fischfilet: Schwere Schlappe für Verfassungsschutz

Der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern hat vor dem Landgericht Berlin eine herbe Niederlage einstecken müssen. Ein Fotograf hatte den Geheimdienst verklagt, weil dieser ein Bild der Band Feine Sahne Fischfilet in seinem Verfassungsschutzbericht veröffentlicht hat – ohne Genehmigung und ohne korrekte Quellenangabe.

Von Patrick Gensing

Das Landgericht Berlin wird der Klage aller Wahrscheinlichkeit stattgegeben. Das hat der Richter bei der Verhandlung am 8. April 2014 deutlich gemacht. Der Geheimdienst muss den Verfassungsschutzbericht dann aus dem Netz nehmen. Dem Gericht zufolge handet es sich bei der Verwendung des Bildes um eine Urheberrechtsverletzung; wenn der Verfassungsschutz unbedingt ein Foto der Band zeigen wolle, müsse er sich um eigene Fotos bemühen oder eine Genehmigung einholen. Ob das Innenministerium in Schwerin gegen das zu erwartende Urteil vorgehen wird, ist noch unklar.

In dem Fall ging es, wie berichtet, um den Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern für das Jahr 2012, Seite 58. In der Rubrik “Strukturen des linksextremen Antifaschismus” führte der Inlandsgeheimdienst erneut die Band “Feine Sahne Fischfilet” auf – in diesem Jahr sogar mit einem Foto der Mitglieder, was der Verfassungsschutz bei keiner einzigen Rechtsrockband für nötig hielt, obgleich mehrere Gruppen in dem Bundesland zum Umfeld von “Blood & Honour” gezählt werden.

Feine Sahne Fischfilet
Feine Sahne Fischfilet. (Foto: Audiolith)

Urheber des Fotos ist ein Berliner Fotograf, der sich beim Innenministerium in Schwerin beschwerte, weil der Geheimdienst das Bild ohne korrekte Quellenangabe und ohne seine Einwilligung veröffentlicht hatte. Da das Ministerium kein Entgegenkommen zeigte, zog der Fotograf vor Gericht, um eine einstweilige Verfügung gegen den Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern, vertreten durch Innenminister Lorenz Caffier, zu erwirken. Vor dem Amtsgericht Berlin wurde die Klage abgewiesen, das Landgericht Berlin urteilte nun im Sinne des Klägers.

Weiterhin erscheint es aber vollkommen unklar, wann es der Verfassungsschutz für geboten hält, seinen Jahresbericht zu bebildern. So verzichten mehrere Landesämter ganz auf Fotos, bei anderen kann man sich eine reine Text-Version der Jahresberichte anzeigen lassen. In dem betreffenden Bereicht für Mecklenburg-Vorpommern wird die von Neonazis immer wieder bedrohte Punk-Band Feine Sahne Fischfilet mit Foto aufgeführt, die polizeilich gesuchten salafistischen Terroristen Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud hingegen nicht. Gleiches gilt für maßgebliche Kader der Neonazi-Bewegung in dem Bundesland.

Kurzum: Warum ausgerechnet sechs junge Herren, die vor einem geschlossenen Kiosk in eine Kamera lächeln, zum Schutz der öffentlichen Sicherheit mit Bild in dem Verfassungsschutzbericht auftauchen müssen, gesuchte Terroristen und militante Neonazis aber nicht, wird wohl das Geheimnis des Geheimdienstes und auch des Amtsgerichts bleiben.

Siehe auch: Darf der Verfassungsschutz Fotos klauen?

Darf der Verfassungsschutz Fotos klauen?

Am Landgericht Berlin wird kommende Woche darüber verhandelt, ob der Verfassungsschutz ohne Erlaubnis und Quellenangabe Fotos für seine Jahresberichte übernehmen darf. Konkret geht es lediglich um ein Bild der Band „Feine Sahne Fischfilet“, der Streit könnte aber zu einer Grundsatzfrage mutieren, was ein Verfassungsschutzbericht eigentlich sein und leisten soll.

Von Patrick Gensing

Es geht um den Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern für das Jahr 2012, Seite 58. In der Rubrik „Strukturen des linksextremen Antifaschismus“ führt der Inlandsgeheimdienst erneut die Band „Feine Sahne Fischfilet“ auf – in diesem Jahr sogar mit einem Foto der Mitglieder, was der Verfassungsschutz bei keiner einzigen Rechtsrockband für nötig hielt, obgleich mehrere Gruppen in dem Bundesland zum Umfeld von „Blood & Honour“ gezählt werden.

Warnung vor einer konkreten Gefahr für die öffentliche Ordnung? VS-Bericht für MVP, 2012, S. 58
Konkrete Gefahr für die öffentliche Ordnung? VS-Bericht für MVP, 2012, S. 58

Urheber des Fotos ist ein Berliner Fotograf, der sich beim Innenministerium in Schwerin beschwerte, weil der Geheimdienst das Bild ohne korrekte Quellenangabe und ohne seine Einwilligung veröffentlicht hatte. Da das Ministerium kein Entgegenkommen zeigte, zog der Fotograf vor Gericht, um eine einstweilige Verfügung gegen den Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern, vertreten durch Innenminister Lorenz Caffier,  zu erwirken.

Gefahr für die öffentliche Sicherheit?

Der Fotograf argumentierte, das Bild sei lediglich zur Illustration des Verfassungsschutzberichtes eingefügt worden. Das Innenministerium behauptete hingegen, die Abbildung sei notwendig, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Das Ministerium bezog sich damit auf Paragraf 45 des Urheberrechtsgesetzes, konkret auf Absatz 2 und 3:

(2) Gerichte und Behörden dürfen für Zwecke der Rechtspflege und der öffentlichen Sicherheit Bildnisse vervielfältigen oder vervielfältigen lassen.

(3) Unter den gleichen Voraussetzungen wie die Vervielfältigung ist auch die Verbreitung, öffentliche Ausstellung und öffentliche Wiedergabe der Werke zulässig.

Das heißt, Ermittlungsbehörden dürfen beispielsweise bei Fahndungen Fotos verwenden, ohne die Urheberrechte weiter zu beachten.

Das Amtsgericht Charlottenburg folgte der Argumentation des Innenministeriums. Gerichte und Behörden sollten im Interesse der Rechtspflege und der öffentlichen Sicherheit ihre Aufgaben erfüllen können, ohne durch das Urheberrecht behindert zu werden. Die Regelung beschränke sich auch nicht nur auf polizeirechtliche Maßnahmen, sondern treffe auch auf den Bericht des Verfassungsschutzes zu. Dieser wird veröffentlicht zum Zweck der öffentlichen Sicherheit, indem dargestellt wird, von welchen konkreten Gruppierungen möglicherweise (!) Gefahren ausgehen.

Feine Sahne Fischfilet
Feine Sahne Fischfilet: Um die Gefahr, die von der Band für die Demokratie ausgeht, zu verdeutlichen, wäre möglicherweise dieses Foto geeigneter gewesen…

Der Verfassungsschutz sei davon ausgegangen, so das Gericht weiter, dass durch „Feine Sahne Fischfilet“ eine „Gefahr für die freiheitlich demokratische Grundordnung“ ausgehe. Durch die Veröffentlichung des Bildes sollte diese Gefährdung deutlich gemacht werden, so das Gericht.

Diese Begründung werfe gleich mehrere Fragen auf, meint der Anwalt Sebastian Sudrow von der Kanzlei Beiler Karl Platzbecker & Partner im Gespräch mit Publikative.org. Die Hamburger Kanzlei vertritt den Fotografen vor Gericht. Sudrow kritisiert, bei der mündlichen Anhörung am Amtsgericht Charlottenburg habe sich die Richterin eher dahingehend geäußert, dass dem Antrag des Fotografen stattgegeben werde. Dementsprechend sei das Urteil sehr überraschend gekommen, die Begründung sei zudem vollkommen unzureichend.

Was soll ein Verfassungsschutzbericht eigentlich sein?

Zudem habe das Gericht die Ausnahmen beim Urheberschutz viel zu weit ausgelegt. Auch die Annahme, dass die Veröffentlichung eines Verfassungsschutzberichtes dem Zweck der öffentlichen Sicherheit diene, um andere staatliche Stellen über Gefahren zu informieren, zweifelt der Anwalt an. Selbst nach der Konzeption des Schweriner Verfassungsschutzgesetzes sei dies nicht zutreffend, betont Sudrow. Vielmehr werde dort festgehalten, dass zur Gefahrenabwehr weitere konkrete Angaben notwendig seien, die im öffentlichen Bericht des Geheimdienstes aus diversen Gründen nicht aufgeführt würden.

Der hessische Inlandsgeheimdienst bezeichnet seinen Bericht selbst als "Tätigkeitsnachweis".
Der hessische Inlandsgeheimdienst bezeichnet seinen Bericht selbst als „Tätigkeitsnachweis“.

Dass der Bericht vor allem dazu dient, um andere staatliche Stellen vor konkreten Gefahren zu warnen, ist in der Tat eine recht eigenwillige Interpretation. In Hessen und Rheinland-Pfalz bezeichnete der Verfassungsschutz auf seinen Internet-Seiten die entsprechenden Berichte selbst als Tätigkeitsbericht. Ohnehin ergibt es wenig Sinn, dass Warnungen vor Gefahren erst im Oktober des Folgejahres veröffentlicht werden – so wie es bei dem Verfassungsschutzbericht in MVP für 2011 der Fall war.

 Auch umgangssprachlich gelten die Berichte eher als Tätigkeitsnachweise, als Zusammenfassungen des vorangegangenen Jahres – und nicht als „Frühwarnsystem“ für andere staatliche Stellen. Sudrow betonte, die Berichte seien allgemeine Lageberichte – und kein Warnsystem vor „konkreten Gefahren“. 

Punk-Band gefährlicher als salafistische Terroristen?

Weiterhin erscheint es vollkommen unklar, wann es der Verfassungsschutz für geboten hält, seinen Jahresbericht zu bebildern. So verzichten mehrere Landesämter ganz auf Fotos, bei anderen kann man sich eine reine Text-Version der Jahresberichte anzeigen lassen. In dem betreffenden Bereicht für Mecklenburg-Vorpommern wird die von Neonazis immer wieder bedrohte Punk-Band Feine Sahne Fischfilet mit Foto aufgeführt, die polizeilich gesuchten salafistischen Terroristen Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud hingegen nicht. Gleiches gilt für maßgebliche Kader der Neonazi-Bewegung in dem Bundesland.

Kurzum: Warum ausgerechnet sechs junge Herren, die vor einem geschlossenen Kiosk in eine Kamera lächeln, zum Schutz der öffentlichen Sicherheit mit Bild in dem Verfassungsschutzbericht auftauchen müssen, gesuchte Terroristen und militante Neonazis aber nicht, wird wohl das Geheimnis des Geheimdienstes und auch des Amtsgerichts bleiben.

„Quelle: Internet“

Welche anderen Bilder veröffentlicht der Verfassungsschutz in seinem Berichten? Für das Jahr 2012 zeigte der Inlandsgeheimdienst in MVP ebenfalls das Foto eines Salafisten in Bonn oder Solingen. Die Quelle des Fotos wird mit „Internet“ angegeben. Eine nicht sonderlich komplizierte Suche im Netz ergibt hingegen das Ergebnis „dpa“ als Quelle.

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Das Bild im Verfassungsschutzbericht von MVP – „Quelle: Internet“ (Screenshot)
Und das Bild mit der Quelle dpa - in wenigen Sekunden zu ergooglen.
Und das Bild mit der Quelle dpa – in wenigen Sekunden zu ergooglen.

Ähnlich verhält es sich mit einem Bild von Pierre Vogel in dem Bericht für das Jahr 2011. Hier gibt der Verfassungsschutz als Quelle ein islamfeindliches anonymes Blog an. Die „Frankfurter Rundschau“ zeichnet hingegen die Agentur „Reuters“ als Rechteinhaberin aus.

Bild von Pierre Vogel im Verfassungsschutzbericht für MVP für das Jahr 2011 - als Quelle wird ein "islamkritisches" anonymes Blog angegeben.
Bild von Pierre Vogel im Verfassungsschutzbericht für MVP für das Jahr 2011 – als Quelle wird ein „islamkritisches“ anonymes Blog angegeben.
Und das Bild bei der Frankfurter Rundschau mit der korrekten Quellenangabe Reuters
Und das Bild bei der Frankfurter Rundschau mit der korrekten Quellenangabe Reuters

Als nächste Instanz beschäftigt sich am Dienstag, den 08. April 2014 das Landgericht Berlin mit dem Fall. Zentral könnte die Frage werden: Was soll ein Verfassungsschutzbericht eigentlich leisten? Darf der Verfassungsschutz also Fotos einfach übernehmen, weil sein Bericht ohnehin und auf jedem Fall den Zweck hat, die öffentliche Ordnung zu sichern und andere staatliche Stellen zu warnen? Warum werden die Berichte dann erst so spät veröffentlicht und enthalten kaum neue Erkenntnisse?

Nachdem der Verfassungsschutz MVP vor dem Amtsgericht Berlin noch ohne professionelle Rechtsvertretung angetreten ist, vertritt nun eine Berliner Kanzlei das Innenministerium. Der Rechtsbeistand fordert, die Berufung zu verwerfen und argumentiert, der Fotograf habe die Rechte an dem Bild ohnehin bereits an das Label Audiolith abgetreten.

Die Entscheidung des Landgerichts Berlin verspricht also Spannung – für den Fotografen, aber auch für den Geheimdienst. Denn letztendlich könnte es um die grundsätzliche Frage gehen, welchen Sinn und Zweck die Jahresberichte eigentlich haben.

Siehe auch: Verfassungsschutzbericht 2011 ist rechtswidrigPunk & PR: Fischfilets meet VerfassungsschutzKomplett im Visier des Verfassungsschutzes

 

Verbote in „Freiräumen“: Das Falsche im Falschen

Ist Publikative.org unreflektiert antifeministisch? Wird hier gar nicht mehr recherchiert? Wollen die „Internet-Hools“ nur gegen das AJZ Bielefeld schießen? Nein. Ich bin vielmehr der Meinung, identitäre Konzepte und restriktive Maßnahmen bringen keine „Freiräume“.

Von Patrick Gensing

Wie emanzipatorisch und fortschrittlich ist es, das Ausziehen von T-Shirts auf Punk-Konzerten zu verbieten? Die Mädchenmannschaft meint, es sei „hin und wieder“ solidarisch, „das T-Shirt einfach mal anzulassen“. Denn das Ausziehen des Shirts sei in dieser Gesellschaft „Typen“ vorbehalten, die mit Privilegien ausgestattet seien: „Eines davon ist, sich nach Lust und Laune und so gut wie immer und überall weitestgehend entkleiden zu können.“ Das Bild des von Lust und Laune gesteuerten Typen, der immer und überall blank zieht, wird hier gezeichnet.

Die Autorin der Mädchenmannschaft folgert daraus: „Auf Privilegien zu verzichten, solange sie nicht allen zuteil werden, ist ein solidarischer – und in diesem Falle antisexistischer – Akt.“ Die Überschrift passt damit allerdings nicht mehr zum Inhalt des Artikels, denn dieser Argumentation zufolge müssten Männer beispielsweise auch im Freibad einen Badeanzug tragen – und sollten auch sonst überall ihre Nippel verhüllen, da dies „weiblich kategorisierten Personen“ gesetzlich vorgeschrieben sei. Fortschrittlich und solidarisch soll es also sein, wenn Benachteiligungen für alle gelten.

Wo ist eigentlich die Arbeiterjugend?

Dass dieses Politikkonzept – wenig überraschend – ziemlich unattraktiv ist, haben die vergangenen 25 Jahre gezeigt: Eine weit verzweigte, heterogene linke Bewegung ist bis zur Nichtwahrnehmung zusammengeschrumpft, ihre Reste sind damit beschäftigt, verbliebene „Freiräume“ zu verwalten bzw. im Szenesprech: zu verteidigen. Freiräume, die sich Arbeiterjugendzentren nennen, von denen die Arbeiterjugend aber wenig wissen will – und auch viele Linken aus der Mittelschicht tauchen dort nur bei Konzerten auf. Selbstverständlich gibt es für diesen Niedergang viele Gründe – einer ist meiner Ansicht nach aber auch die Tendenz, immer neue Verhaltensregeln aufzustellen.

Die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit wird gerne mit der angeblichen Richtigkeit der eigenen Konzepte verwechselt, da das Desinteresse der großen Öffentlichkeit als hilflose Ignoranz interpretiert wird, die nur zeige, wie korrekt die eigenen Analysen seien. Ein typisches Merkmal für abgeschlossene Subkulturen und Politzirkel; Marxisten führen beispielsweise gerne an, der Gegenüber habe Marx nicht richtig verstanden; dass man schlicht anderer Meinung ist oder andere Prioritäten setzt, erscheint ausgeschlossen.

Gesellschaft als Zumutung

Dies sei auch eine „Folge postmoderner Zersplitterung“, wie Robert Pfaller in der Jungle World treffend feststellte, bei der „fast alle nur noch mit Gleichgesinnten und Gleichorientierten verkehren möchten“. Eine allgemeine Sprache zur Verständigung fehle. Übrig bleiben „lauter nestwarme »Communities«“. Statt Gesellschaft gestalten zu wollen, geht es nur noch darum, das Individuum vor ihr zu schützen.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn so berechtigt die Forderung nach einer angemessenen politischen und beruflichen Repräsentation aller gesellschaftlicher Gruppen auch ist, so schwierig gestaltet sich bisweilen eine politische Praxis, die sämtliche Diskriminierungen per Dekret aufheben will. Was bei der Frauenquote in Chefetagen sinnvoll ist, muss woanders nicht automatisch funktionieren. Regeln können keine Politik ersetzen – und das Hausrecht kennt nur Ja oder Nein. Gesellschaft ist aber weit komplexer.

Wer spricht von wo? Und was eigentlich?

Kritik an solchen Konzepten – wie im Fall des AJZ – wird auch deswegen so schwierig, weil die Pflichten und das Handeln des Individuums sowie dessen Privilegien in den Mittelpunkt gerückt werden – dadurch mutieren sachliche Debatten schnell zu einem Schlagabtausch auf persönlicher Ebene. Es geht vor allem darum, wer von wo spricht. Was wer spricht, ist hingegen fast nebensächlich geworden.

Und so bekommen auch Feine Sahne Fischfilet bei der Mädchenmannschaft noch ihr Fett weg. „Die Band hat zwar inzwischen auf Facebook ein Statement veröffentlicht, in der sie der Darstellungsweise des Indymediaartikels widerspricht – von Selbstkritik ist aber auch dort leider keine Spur zu erkennen.“

Auf unseren Konzerten haben wir kein Bock auf erbärmliches Rumgeprolle. Wer nen Harten schieben will und zuviel Testoteron inne hat, kann unserentwegen gerne mal nach Anklam fahren und dort die Muskeln spielen lassen. Das würden wir dann sogar hart abfeiern. Alles Andere empfinden wir nur als peinlich! (FSF auf FB)

Die Darstellungen auf Indymedia- und bei den Ruhrbaronen waren zuvor bereits auf Publikative.org korrigiert worden, was allerdings in den erbitterten Debatten und dem zugegeben sehr polemischen Tonfall meines Artikels unterging. Wie auch immer: FSF personifizieren offenbar die im Mädchenmannschaft-Artikel grob skizzierten „Typen“: weiß, privilegiert – und durch das Ausziehen des T-Shirts sexistisch. Dass sie sich klar positionieren, spielt keine Rolle.

Ich kann mit solchen identitären Politikkonzepten, die einer „alle sollen nichts haben“-Logik folgen, nichts anfangen. Und deswegen finde ich Regelungen, wonach Drummer ihr T-Shirt bei Konzerten nicht ausziehen dürfen, weiterhin vor allem: grotesk.

Siehe auch: Linguistik-Professor lockerer als Bielefelder Autonome?

Linguistik-Professor lockerer als Bielefelder Autonome?

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Und schon wieder sorgen Feine Sahne Fischfilet für Gesprächsstoff, dieses mal aber unfreiwillig: In Bielefeld soll es bei einem Konzert zum Eklat gekommen sein, weil der Drummer sein T-Shirt ausgezogen hat! Wie es unkomplizierter geht, zeigte kurz zuvor ein Linguistik-Professor.

Von Patrick Gensing

Feine Sahne Fischfilet
Feine Sahne Fischfilet nutzen die Weiten Mecklenburgs, um Haut zu zeigen.

Die Ruhrbarone berichten, ein Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet im AJZ Bielefeld sei abgebrochen worden, weil der Schlagzeuger sein T-Shirt ausgezogen habe. Zudem sei die Band von zehn bis 15 Menschen bedrängt worden, heißt es weiter unter Bezug auf einen Konzertbericht auf Indymedia. Die Band habe die Vorgänge bestätigt.

Sänger Monchi relativierte die Geschichte im Gespräch mit Publikative.org allerdings: Sie seien lediglich von zwei Freaks angegangen worden, die Konzertgruppe und Besucher im AJZ seien „cool“ gewesen. Zudem habe die Band das Konzert nach einer Pause von 20 Minuten fortgesetzt.

Bei Indymedia schlagen mittlerweile auch Kommentare auf, die den ersten Bericht relativieren – allerdings scheint es tatsächlich so zu sein, dass es im AJZ Bielefeld einen Beschluss gibt, wonach Bandmitglieder bei Konzerten nicht zu viel nackte Haut zeigen dürfen. Grotesk ist wohl noch eine höfliche Formulierung, sollte dieser Beschluss tatsächlich in dieser Form existieren.

Pogo beim Professor

Wie es unkomplizierter geht, zeigte unlängst Armin Burkhardt. Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache lud zahlreiche Studenten sowie die Band Feine Sahne Fischfilet zu sich nach Hause zum Wohnzimmerkonzert ein. Vor der Bücherwand entblößte sich der Schlagzeuger obenrum, während sich der Mitherausgeber der Zeitschrift Muttersprache sowie der Reihe Germanistische Linguistik von der Meute durch seine Stube tragen ließ und die Hausherrin mit Sänger Monchi einen Tanz aufs Parkett legte. Das Video zu dieser Veranstaltung, die einfach Lebenslust pur ausdrückt, gibt es hier zu sehen:

Unbekannt ist, wie die Nachbarschaft des Dr. phil. Dr. h.c auf die nächtliche Pyroshow reagierte.

Siehe auch: 10 Jahre Audiolith: Gegen Nazis und RockstarscheißeKampagne gegen Fischfilets: Nazis als Kämpfer gegen “Extremismus”Punk & PR: Fischfilets meet Verfassungsschutz,  Komplett im Visier des Verfassungsschutzes

10 Jahre Audiolith: Gegen Nazis und Rockstarscheiße

Audiolith_logo

Mit der überzeugenden Verbindung von Partykrachern und politischem Engagement besitzt  das Hamburger Label Audiolith Records ein Alleinstellungsmerkmal. Was vor zehn Jahren in einer Wohngemeinschaft begann, ist heute ein weit verzweigtes Netzwerk, dessen Akteure musikalische Perlen produzieren, viel vom Feiern verstehen und sich auch immer wieder in gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen einmischen. Höchste Zeit für eine Würdigung.

Von Sven Sakowitz

Warum eigentlich Audiolith?

– „Für mich ist Audiolith das linke Label überhaupt“, sagt der HipHop-Fan mit dem Audiolith-Shirt beim „Beats auf der Bahn“-Festival. „Ich kann da immer sicher sein, dass die Leute korrekt sind – und die Musik ist es meistens auch.“

– „Die haben Elektro aus den dunklen Kellern geholt“, sagt die Frau mit dem Audiolith-Button auf der Balduintreppe. „Ich fand es in den Kellern zwar auch ganz gut, aber das geht schon in Ordnung.“

– „Ich mag deren antifaschistische Grundeinstellung“, sagt der Audiolith-Beutel-Träger beim St. Pauli-Heimspiel. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute von dem Schuppen mit sehr viel Herzblut bei der Sache sind und das nicht wegen der Kohle machen.“

Drei Statements von Fans eines Musik-Labels, das in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert. Drei Statements aus eher zufällig entstandenen Gesprächen. Drei Statements, die bereits zeigen, dass es sich bei Audiolith Records wohl um weit mehr als einen Produzenten und Verkäufer von Musik handeln muss.

Vom Oi! zum Techno

Die Geschichte beginnt im Jahr 2003 in einer Wohngemeinschaft an der Holstenstraße in Hamburg. Der 26-jährige Lars Lewerenz – Punk-, Oi!- und Hardcore-sozialisiert, mit reichlich Band-Erfahrung ausgestattet und mittlerweile auf elektronische Musik umgeschwenkt – lebt dort mit seinem Kumpel Jan Elbeshausen zusammen. Der hat mit seiner Band The Dance Inc. ein paar Songs aufgenommen, die es bekannt zu machen gilt: „Both Sides Of The Ocean“ heißt die Single, die Lewerenz als erste Veröffentlichung von Audiolith Records auf den Markt bringt.

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Der Markt, das sind Partys, Independent-Mailorder und einige kleine Plattenläden, die das Erstlingswerk in die Regale stellen. Eine Goldene Schallplatte gibt es nicht, aber Lewerenz hat Feuer gefangen. Hauptberuflich betreut er 30 Stunden in der Woche einen Rollstuhlfahrer, die restliche Zeit investiert er in den Aufbau von Audiolith. Zu den ersten Künstlern auf dem Mini-Label gehören ClickClickDecker, Plemo, Juri Gagarin und Egotronic. Elektronische Klänge überwiegen.

Ein Masterplan existiert damals nicht, das Label wächst eher anarchisch vor sich hin. Es ist ein Netzwerk aus Freunden, Freundesfreunden und Leuten, die irgendwie dazustoßen. Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Das zeigt zum Beispiel die Anekdote über die Zusammenarbeit von Audiolith und Feine Sahne Fischfilet, der ersten Punk-Band auf dem Label. „Das sind halt so Freunde von uns geworden“, erzählt Lars Lewerenz beim Gespräch in Hamburg – und seine Stimme klingt dabei ein bisschen so, als würde er jeden Morgen mit rostigen Nägeln gurgeln. Vermutlich die Folge zahlreicher durchfeierter Nächte.

Lesetipp: Komplett im Visier des Verfassungsschutzes

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Feist, feister, feine Sahne: Die neuen Rockstars bei ihrer PR-Abteilung vom VS in Schwerin.

„Feine-Sahne-Sänger Monchi habe ich das erste Mal bei einer Party von uns auf der Stubnitz in Rostock gesehen, völlig besoffen war er da bei Egotronic auf der Bühne. Der hat drei Mal das Laptop runtergerissen und mir die Mütze geklaut. Ich dachte nur: Alter, was ist das denn für ein Typ? Danach standen wir aus verschiedenen Gründen im ständigen Austausch mit Feine Sahne Fischfilet, und dann waren die auch auf unserer Weihnachtsfeier in Hamburg. Der Abend ist völlig aus dem Ruder gelaufen, am nächsten Tag haben wir eine Abmahnung vom Vermieter bekommen, weil das da alles so schlimm aussah. Da war natürlich auch wieder Monchi dabei. Irgendwann haben wir uns im Laufe der Feier auf dem Klo eingeschlossen und über ihn, sein Leben, seine Einstellung und seine Band gesprochen. Wir beschlossen, dass wir menschlich gut zueinander passen – und dann haben wir angefangen, mit ihnen zu arbeiten und ihr Album rauszubringen.“

Aber zurück zu den Anfängen von Audiolith: 2007 reicht es Lewerenz mit der Lohnarbeit, und die Sache mit dem Label wird auf das nächste Level gehoben. Er schreibt einen Business-Plan, bekommt von der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss bewilligt und bezieht als Neu-Selbstständiger ein kleines Büro in einem Gründerzentrum in St. Pauli. Zusätzlich zum Label gehören auch Merchandising, Booking und ein Verlag zu den Geschäftsbereichen der  Firma.

Und es funktioniert. Egotronics zweites Album „Lustprinzip“ erreicht 2007 eine gewisse Popularität und bringt Elektropunk sowie Audiolith endgültig auf die Agenda, der Smasher „Raven gegen Deutschland“ läuft auf jeder guten Party. Zahlreiche spannende Acts wie Frittenbude, Bratze, Ira Atari, Saalschutz und Captain Capa kommen im Laufe der Jahre dazu. Heute gehören zu Audiolith mehr als 40 Bands und Solo-Musiker – das Spektrum reicht von House über HipHop bis Punk. Einen typischen Audiolith-Sound, von dem manchmal gesprochen wird, gab es vielleicht zwischendurch mal, mittlerweile regiert die Vielfalt.

Lars Lewerenz und Artur Schock  (Foto: Audiolith)
Südholsteiner Trüffelschweinchen Lars Lewerenz und Szene-Tausendsassa Artur Schock (Foto: Audiolith)

Audiolith steht aber für weit mehr als nur Musik: „Es gibt ganz einfach Themen, bei denen man den Mund aufmachen muss“, sagt Lewerenz. „Unser Label ist antifaschistisch, antirassistisch, gegen Homophobie und Antisemitismus. Es geht aber nicht darum, dass alle unsere Künstler eine komplett einheitliche politische Ausrichtung haben. Wir stehen im engen Austausch miteinander und besprechen, wer sich für welche Inhalte und Aktionen engagieren möchte. Ein paar Leute preschen immer mal wieder vor, andere sind sich unschlüssig. Da lernen wir alle voneinander.“

So spielen Audiolith-Künstler beispielsweise auf antifaschistischen Demonstrationen und in Jugendzentren von Kuhdörfern, in denen sonst Nazis den Ton angeben. Manche Aktionen sind dabei besonders öffentlichkeitswirksam – etwa 2012 der Auftritt von Egotronic, Supershirt und Feine Sahne Fischfilet im als Nazinest bekannt gewordenen Limbach-Oberfrohna – aber über solche medial stark begleiteten Aktivitäten möchte man bei Audiolith gar nicht so viel sprechen, betont lieber die Kontinuität des Engagements. „Das Hervorheben von einzelnen Aktionen hat oft einen Alibi-Charakter“, sagt Artur Schock, der seit 2010 Booker bei Audiolith ist. „Das läuft dann so im Sinne von: ,Guckt mal, wir machen ein Mal im Jahr was gegen Nazis und sind so geil.’ Wir versuchen lieber, dauerhaft mit Personen, Initiativen und Gruppen zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen, wenn wir die Kapazitäten dafür haben. Wir ermuntern alle unsere Künstler, Solikonzerte zu spielen und helfen bei der Organisation.“

Und dazu gehört nicht nur das Mieten einer guten Anlage und der Anruf beim Catering-Service, wie Lewerenz zu berichten weiß: „Das kann extrem anstrengend sein. Wenn es gefährlich werden kann, müssen wir dafür sorgen, dass vor Ort die richtigen Leute am Start sind – damit wir uns wehren können, wenn ein Übergriff stattfindet. Das ist alles sehr komplex, und die ganze Hintergrundarbeit, die da von vielen Leuten geleistet wird, bekommt der Betrachter von außen meist gar nicht mit.“

Weitere Prinzipien von Audiolith sind: größtmögliche Transparenz sowie Nähe zu den Fans. „Wir haben keinen Bock auf Rockstarscheiße“, sagt Lewerenz. „Wir sind auf den Konzerten immer ansprechbar, die Besucher sind genauso wichtig wie die Musiker. Ich finde es erhellend, mit den Leuten zu reden und mir ihre Alltagsprobleme anzuhören. Manchmal bekommen wir in unserem Büro sogar Besuch von ganzen Schulklassen, die das hier einfach nur mal sehen und ein bisschen quatschen wollen – das finde ich großartig!“

Zeichen der Solidarität

Für das, was Lewerenz und seine Mitstreiter so alles machen, gibt es gar keinen richtig treffenden Begriff. Klar, ihr Kerngeschäft ist das Entdecken, Entwickeln und Vertreiben von Musik. Darüber hinaus ist Audiolith ein gar nicht mal so unbedeutender Akteur in gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, vor allem im Bereich Antifaschismus.

Die Teilnahme von Audiolith-Bands an Demonstrationen trägt zur Mobilisierung bei und ist ein wichtiges Zeichen von Solidarität. Die Konzerte in der braun dominierten oder ganz einfach stinklangweiligen Provinz schaffen Freiräume, in denen junge Menschen ohne Anwesenheit von Nazis und anderen Idioten feiern und sich austauschen können.

Diese Gigs motivieren die korrekten Menschen, die es zum Glück überall gibt, nicht aufzugeben. Und was man nicht vergessen sollte: All dies geschieht nicht schulmeisterlich-bieder und mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf einer höchst unterhaltsamen, teilweise exzessiven Partyebene. Audiolith-Konzerte sind oft wilde Feste, auf denen die Besucher völlig durchdrehen und eben auch mal für eine Nacht die Schlechtigkeit der Welt vergessen können. Das alles zusammengenommen ist eine höchst bemerkenswerte Leistung, die größten Respekt verdient.

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Dass Audiolith so eine komplexe Rolle spielt, ist nicht das Ergebnis einer ausgeklügelten Strategie. Lewerenz und seine Mitstreiter haben einfach immer das gemacht, was sie für richtig halten und sind eher zufällig in ein gesellschaftliches Vakuum gestoßen. Es gibt offensichtlich viele Menschen, die ähnlich ticken und sich mit der Haltung von Audiolith identifizieren können. „Ganz ungewollt sind wir eine Projektionsfläche geworden“, sagt Lewerenz. „Erst im Laufe der Zeit haben wir so richtig verstanden, dass wir für eine sehr junge Generation eine Vorbildfunktion haben – und die nehmen wir gern an.“

Es gibt sicher schlechtere Vorbilder, und man darf gespannt sein, wie die Audiolith-Geschichte in der nächsten Dekade fortgeschrieben wird. Jetzt aber erst mal auf die ersten zehn Jahre: Hut ab! Rave on! Alles Gute, Audiolith!

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Zum Jubiläum erscheint am 27. September die Doppel-CD / Doppel-LP „Audiolith – Ten Years From Now“ mit 18 neuen Songs, u. a. von Frittenbude, Egotronic, Captain Capa, Neonschwarz  und Ira Atari

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