Kavaliershools: Frauen und Kinder zuerst!

Immer wieder sind Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans und Polizei oder Ordnerpersonal ein Thema. Und immer wieder heißt es dann auch, „sogar Frauen und Kinder“ seien betroffen. Warum eigentlich? Eine kleine Begriffsklärung von der Seenotrettung bis zum Acker.

Von Nicole Selmer

Es war eine Partie der dritten Liga mit Nachwirkungen. Die Stuttgarter Kickers spielten am 7. Dezember beim aktuellen Tabellenzweiten RB Leipzig. Neben der 1:2-Niederlage blieben den Gästefans vor allem negative Vorfälle im Fanblock in Erinnerung. In der Halbzeitpause kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Kickers-Anhängern und den Ordnern des Heimvereins. Die Stuttgarter Kickers veröffentlichten nach dem Spiel eine Stellungnahme und kritisierten den „unverhältnismäßigen Ordnereinsatz“. Auslöser soll eine Sachbeschädigung in den Stadiontoiletten durch einen Kickers-Fan gewesen sein. Der Versuch der Ordner, seine Personalien festzustellen, führte, so heißt es, zur Solidarisierung anderer Fans und dann zur Eskalation, nämlich dem brutalen Vorgehen der Ordner, das der Verein so beschreibt: „Laut Zeugenaussagen offizieller Kickers-Mitarbeiter und Fanbetreuer sollen die Ordnungskräfte des Gastgebers mit unverhältnismäßiger Härte gegen die Kickers-Fans vorgegangen sein, wobei auch Frauen und Kinder in dem Block anwesend waren. Nach Auswertung der ersten Videoaufzeichnungen wurden Kickers-Fans brutal mit Fäusten niedergestreckt, ins Gesicht geschlagen und an den Hals gegriffen.“ Nun lassen sich hier viele Fragen stellen, beispielsweise die, ob RB Leipzig nach früheren Vorwürfen gegen den Ordnerdienst wirklich die richtigen Konsequenzen gezogen hat. Oder welche Rolle Steffen Kubald, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Lok Leipzig, als für den Gästeblock zuständiger Mitarbeiter der beauftragten Securityfirma bei den Vorfällen spielt. Der Aufruf der Kickers an Augenzeugen, sich zu melden, kann hoffentlich weiter aufklärend wirken. Eine Stellungnahme von RB Leipzig steht derzeit noch aus. Um diese Fragen im Vordergrund soll es hier allerdings gar nicht gehen, sondern um ein vermeintliches Randthema: die Frauen und Kinder.

Frauen unter den Opfern
Deren Anwesenheit im Block wird in der Stellungnahme der Stuttgarter Kickers hervorgehoben, so als wäre sie nicht selbstverständlich und Frauen und Kinder in der Gruppe der „Fans“ nicht ohnehin vertreten. Es ist ein fast beiläufiger Hinweis, der sich schnell überlesen lässt. In genau dieser Beiläufigkeit ist er allerdings sehr verbreitet. Nur einige beliebig ausgewählte Beispiele aus den vergangenen Wochen:

„Von Vereinsseite ist dagegen zu hören, es seien Hunderte friedliche Unioner grundlos über den Bahnhof gejagt worden, darunter auch Frauen und Kinder.“

„der scharfe Polizeieinsatz, bei dem eine Hundertschaft plötzlich die Nordkurve stürmte, Pfefferspray und Tränengas einsetzte und in brutaler Weise die dort stehenden Fans (und wenn man Augenzeugenberichten glauben darf sogar gegen Frauen und Kinder) attackierte.“ 

„Augenzeugenberichte schilden den Einsatz als unverhältnismäßig (es wurden zwei Böller gezündet). Weiterhin stellt sich die Frage, warum Frauen und Kinder als Opfer in Kauf genommen wurden und man den verletzten anschließend die sanitäre Versorgung verwehrte.“

Die rhetorische Funktion dieser Hinweise ist klar: Sie sind ein zusätzlicher Beleg für die Brutalität des Ordnerpersonals bzw. der Polizei und werden als solcher von Vereinen, JournalistInnen und Fangruppen gleichermaßen eingesetzt. Dahinter steht zum einen vermutlich die generelle Idee der größeren Verwundbarkeit und Schwäche von Frauen und Kindern, zum anderen die fußballspezifische Vorstellung, bei ihnen müsse es sich um Unbeteiligte handeln, um Personen, deren Anwesenheit im Fanblock nicht nur einer Erklärung, sondern auch besonderer Rücksichtnahme bedarf. Für Kinder – und zwar tatsächlich Kinder und nicht einfach Personen unter 18 Jahren – mag beides zutreffen. Warum jedoch sollte Pfefferspray in den Augen eines 25-jährigen Mannes mehr Schaden verursachen und mehr Empörung auslösen als Pfefferspray in den Augen einer 25-jährigen Frau? Sicher, statistisch geht Gewalt – im Fußball wie im Rest der Gesellschaft, zu der auch Polizei und Sicherheitsfirmen gehören – mehrheitlich von Männern aus und betrifft auch mehrheitlich Männer. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, Frauen seien bei gewalttätigen Auseinandersetzungen genauso automatisch Unbeteiligte wie Männer automatisch Beteiligte sind, das ist genau die Pauschalisierung, die in den vergangenen Jahren nicht zuletzt von Fans zu Recht immer wieder kritisiert worden ist. Es ist, nebenbei, auch genau jene Logik die beispielsweise den türkischen Fußballverband dazu veranlasst hat, Zuschauerausschlüsse als Strafe gegen Vereine in geschlechtsspezifische Geisterspiele abzuwandeln, bei denen Männer ausgesperrt, Frauen und Kinder jedoch zugelassen sind.

Wreck of the Birkenhead, Gemälde von Thomas M Hemy, 1892  Quelle: Wikimedia
Wreck of the Birkenhead, Gemälde von Thomas M Hemy, 1892
Quelle: Wikimedia

Unfairer Kampf
Ebenso wie dem Angriff auf Frauen und Kindern etwas besonders Erschreckendes anhaftet, scheint ihr Schutz mit besonderer Ehrenhaftigkeit verbunden. Symbolisch dafür steht der Ruf „Frauen und Kinder zuerst!“ – in die Rettungsboote nämlich. Die aus der literarischen Fiktion stammende Prämisse hat offenbar zumindest zeitweise tatsächlich in die Lebenspraxis der Seenotrettung gefunden, der Sinn der Umsetzung hält allerdings einer genaueren Betrachtung kaum stand. Ein solcher Ehrenkodex war auch im 19. Jahrhundert nur die vermeintliche Lichtseite einer rigiden Geschlechterdichotomie, in der selbstständiges Handeln, Stärke und die Fähigkeit, zu retten statt gerettet zu werden, allein Männern vorbehalten war. Im historischen Rettungsboot Fußball wiederum hat einiges davon überlebt.

Hier sind es aber nicht nur Polizei und Ordner, die sich dem Vorwurf „sogar gegen Frauen und Kinder“ vorzugehen, ausgesetzt sehen, sondern genauso auch Fans: „Beim DFB-Pokalspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern stürmten zirka 300 Hooligans den Block der Lauterer, der Mob machte wahllos auf alles und jeden Jagd – auch auf Frauen und Kinder.“ Das Muster ist das gleiche: Die Tatsache, dass sie selbst vor Angriffen auf Frauen und Kindern nicht zurückschrecken, macht das Verhalten der Hooligans, die per Definition weder Frau noch Kind sein können, noch empörender. Im Übrigen auch gemäß der landläufigen Idee eines fairen Kampfes unter Hooligans. Und genau der folgt auch die Anprangerung von Angriffen gegen Frauen und Kinder durch Ordner oder Polizei.

Hinter dem, was wie eine charmant-altmodische Kavaliersgeste aussieht und sich auch so anfühlen mag, steht das weniger charmante, aber ebenso altmodische „Mann gegen Mann“ als ein Fairplay, das in Hooligan-Auseinandersetzungen genauso seinen Platz findet wie in Repressionsdebatten. Ob diese Idee für Auseinandersetzungen auf Feld, Wiese und Acker in Theorie und Praxis tatsächlich funktioniert – keine Ahnung. Als Baustein einer kritischen Auseinandersetzung mit Repression im Fußball taugt sie mit Sicherheit nicht. Denn es geht eben nicht darum, gewalttätige Übergriffe von Ordnern, unverhältnismäßige Polizeieinsätze, die Anwendung von Schlagstock und Pfefferspray danach zu beurteilen, ob hier ebenbürtige Gegner aufeinandergetroffen sind. Genau das kann ohnehin nie der Fall sein, wenn die eine Seite über das staatliche Gewaltmonopol bzw. das vereinseigene Hausrecht mit Befugnissen, Waffen – und entsprechender Verantwortung – ausgestattet ist und es sich bei der anderen um Besucherinnen und Besucher eines Fußballspiels handelt. Da spielt es auch keine Rolle, ob hinter Ganzkörperschutzanzug und Helm ein Frauen- oder Männerkörper steckt. Und sollte diese Person durch, sagen wir, einen Steinwurf verletzt werden, ist es strafrechtlich genauso wenig von Belang, ob der Stein von einer Frauen- oder einer Männerhand geworfen wurde. Als rhetorisches Mittel mag es funktionieren, aber um sich über den von den Stuttgarter Kickers beschriebenen Ordnereinsatz zu empören, braucht es keine Sondererwähnung der Frauen im Fanblock. Für Kavaliershooliganismus sollte in dieser Debatte kein Platz sein.

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Daten-Sammelwut: Polizei forscht Fußball-Fans aus

Der Aufwand, den die Polizei betreibt, um Fußballfans zu überwachen, nimmt mittlerweile Ausmaße wie in einem Überwachungsstaat an. Zu jedem Spiel der 1., 2. und 3. Liga werden die Anfahrtswege der Auswärtsfans ausgeforscht und diese Daten gesammelt. Zehntausende Fans der Kategorie A stehen somit jede Woche im Fokus, wie ein internes Dokument belegt.

Von Redaktion Publikative.org

Zu jedem Spieltag erstellt die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ der Polizeibehörden, die in Nordrhein-Westfalen angesiedelt ist, sogenannte „Vorauslage“-Berichte für die bundesweite Planung polizeilicher Einsatzkonzepte bei Fußballspielen. Die ZIS koordiniert sich dabei mit den Polizeibehörden am Spielort, den in jedem Bundesland etablierten Landesinformationsstellen Sporteinsätze (LIS), der Informationsstelle Sporteinsätze beim Bundespolizeipräsidium Potsdam (BPolP-IS), sowie  internationalen Partnerdienststellen.

Die uns vorliegenden Berichte offenbaren eine erstaunliche Sammel- und Erfassungswut der Behörden im Hinblick auf die Anreisewege von Fußballfans zu den Spielorten. Vor allem aber werden mehrheitlich Fans in den Lageberichten erfasst, die selbst nach Einschätzung der Polizei zur „Kategorie A“ gehören – also noch nicht mal „anlassbezogen“ als gewalttätig einzustufen sind.

Vor Platzstürmen „bedingt fußballinteressierter“ Personen wird gewarnt

Logo der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze - ZIS
Logo der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze – ZIS

So rechnet die Polizei für das äußerst brisante Drittliga-Spiel des bereits aufgestiegenen Karlsruher Sportclubs (KSC) beim SV Wehen Wiesbaden mit „4.500 bis 5.000 „KSC“-Fans, darunter ca. 180 Personen der Kategorie B und ca. zehn bis 20 der Kategorie C, womit die Problemfanszene des Gastvereins stark mobilisiert sein wird.“ Nach einer Aufzählung diverser vermutlich anreisender Karlsruher Ultragruppierungen folgt der sachdienliche Hinweis, dass die „C-Fans aus Karlsruhe sich nur bedingt fußballinteressiert zeigen“. Das Verhältnis der Problemfangruppen beider Vereine werde von den zuständigen Polizeibehörden aber „übereinstimmend als neutral eingestuft, so dass gruppendynamische Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht zu erwarten sind.“

Mit Ende dieses Spiels könne allerdings das Erreichen der 3. Liga-Meisterschaft durch die Gästemannschaft verbunden sein. Weiter heißt es: „Da die KSC-Fans am vergangenen Wochenende auf einen Platzsturm im heimischen Stadion verzichtet hatten, werden sie diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Wiesbaden nachholen. Dementsprechend müssen durch Gästefans initiierte anlassbezogene Sicherheitsstörungen – insbesondere nach Spielende – einkalkuliert werden.“ Denn eine Aufstiegsfeier auf dem Platz ist aus polizeilicher Sicht natürlich auch dann ein Risiko, wenn lediglich Meisterschaft und Aufstieg gefeiert werden sollen. Schließlich sollen ja 20 Personen der Kategorie C („gewaltsuchend“) nach Wiesbaden reisen, die sich zwar laut Polizei nur „bedingt fußballinteressiert zeigen“, aber vielleicht reicht ihr Interesse ja dennoch für das Anzetteln einer Schlägerei bei der Meisterschaftsfeier auf dem Rasen.

Im weiteren Verlauf präsentieren die Behörden dann detaillierte Informationen zu den vermutlichen Anreisewegen der unterschiedlichen Fans. Wie die bis zu 20 gewaltsuchenden Personen nach Wiesbaden reisen werden, weiß die Polizei anscheinend noch nicht, dafür präsentiert sie eine Liste mit den Anreisewegen der nach polizeilicher Einschätzung vollkommen friedlichen Fans der Kategorie A. Und das liest sich dann so (Anm.d.Red.: Abkürzung durch die Redaktion, im Original volle Namensnennung) : „Fanclub A: Firma M. 72 A-Fans / Fanclub B.: Firma H. (ein Bus mit Aufschrift „…“) 100 A-Fans / 2 Busse der Fa. D., 50 A-Fans und 20 AFans / Fa. R., 50 A-Fans…“

Nicht alle haben Grund zur Dankbarkeit
Nicht alle haben Grund zur Dankbarkeit

Umfassende Ausforschung von Bahn-, Bus- und Reiseunternehmen

Mit anderen Worten: Detailliert, unter Nennung der Busunternehmen und teilweise auch der amtlichen Kennzeichen oder anderer Erkennungsmerkmale der eingesetzten Busse werden anreisende Fans polizeilichen Überwachungsmaßnahmen unterzogen. Und zwar auch solche Fans, von denen selbst die Polizei nichts anderes erwartet, als dass sie sich friedlich ein Fußballspiel anschauen wollen. Im Falle der anreisenden Karlsruher Fans betrifft dies mehr als 400 als friedlich eingestufte Anhänger des Vereins, deren genaue Reisebus-Informationen offenbar bereits im Vorfeld von den Polizeibehörden bei den Unternehmen abgefragt werden – und die unter voller Namensnennung des anmietenden Fanclubs in polizeilichen Lageberichten erfasst werden.

Wenn man sich vorstellt, dass die Publikative.org vorliegenden Vorauslage-Berichte zu allen Fußballspielen der drei höchsten deutschen Spielklassen erstellt werden, bedeutet dies jedes Wochenende eine Erfassung der geplanten Reisebewegungen hunderttausender Menschen. Vor allem aber geben Busunternehmen republikweit offenbar systematisch die Daten ihrer Kunden präventiv an die Polizei weiter – oder sie werden systematisch dazu genötigt. Eine durchaus fragwürdige Praktik in einem Land, in dem Reisefreiheit zu denjenigen Grundrechten gehört, für das ein Teil der Bevölkerung vor nicht allzu langer Zeit noch zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen ist.

Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail
Fans von Hansa Rostock demonstrieren in Hamburg gegen ein Verbot des Kartenverkaufs an Auswärtsfans. (Foto: publikative.org)

Woher stammen einige der Informationen?

Aber auch andere pikante Details finden sich in den Lage-Einschätzungen der Polizei. So heißt es zu einem anderen Spiel: „Darüber hinaus wird eine weitere, 70-köpfige Gruppe Gastfans, darunter fünf bis zehn Personen der Kategorie B (überwiegend Althools), mit Schnellzügen (ICE) fahren. Folgende Verbindungen werden in Anspruch genommen …“ Auch scheint es nicht um Personen zu gehen, die sich zu einer Straftat verabredet haben, sondern um insgesamt 70 Menschen, von denen laut Polizei maximal 5-10 „anlassbezogen“ gewalttätig werden könnten – und die darüber hinaus offenbar auch schon im fortgeschrittenen Alter („Althools“) sind. Man darf sich daher fragen, wozu diese Information erhoben worden ist und Eingang in den Lagebericht gefunden hat.

Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wie die Polizei an diese Information gelangt ist. Dafür gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten:
1. Man erhebt bei der Bahn systematisch Informationen über Gruppenreisen und die jeweiligen Reisenden  und gibt diese an die Polizei weiter, sofern diese zu Fußballspielen passen könnten. Die sogenannten „Szenekundigen Beamten“ (SKBs) könnten dann anhand der Namen in etwa auswerten, um welche Gruppierung es sich handeln könnte.

2. Die SKBs durchforsten selbst systematisch Foren und andere Informationskanäle und prüfen dann ihrerseits entsprechende Bahnbuchungen.

3. Es handelt sich um Informationen, die von V-Leuten stammen.

Insbesondere letzterer Punkt wäre besonders heikel. Schließlich haben die Innenbehörden verschiedener Bundesländer bislang zwar eingestanden vereinzelt V-Leute in Fußball-Fanszenen einzusetzen, es hieß jedoch stets, man beschränke sich dabei auf bekannte, besonders gewalttätige Gruppen, die in der Vergangenheit bereits schwere Straftaten verübt hätten. Im o.a. Beispiel geht es aber wie gesagt um eine größere Gruppe, von denen laut Polizei niemand der Kategorie C und maximal 5-10 Personen der Kategorie B angehören. Insgesamt also ganz sicher kein Zusammenhang, der den Einsatz von V-Leuten rechtfertigen würde. Doch auch eine systematische Auswertung von Bahnbuchungen scheint datenschutzrechtlich alles andere als unbedenklich.

Systematische Erfassung vor allem friedlicher Fans

Insgesamt strotzen die Publikative.org vorliegenden Lageberichte nur so von fragwürdigen polizeilichen Aufklärungsmaßnahmen im Vorfeld von Fußballspielen, die zum weit überwiegenden Teil völlig friedlich verlaufen (werden). Ausführlich werden Bahnverbindungen, und -buchungen, Reisebusbuchungen, Autokennzeichen, Fanclubs und  Ultra-Gruppen genannt, deren Anreisewege ausgeforscht und im Vorfeld überwacht. Verbunden damit sind Zuschreibungen an bestimmte Personengruppen bezüglich ihres vermeintlich zu erwartenden Verhaltens. Auffallend ist dabei, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der von der Polizei sorgfältig beobachteten Fans selbst in diesen Lageberichten als friedlich eingestuft werden – was sie aber dennoch keineswegs vor einer systematischen Erfassung schützt.

Im Hinblick auf die Reisewege der Fans der Kategorien A und B scheint die polizeiliche Lageaufklärung auch wesentlich besser zu funktionieren als im Hinblick auf diejenigen der Kategorie C. Zu letzteren schweigen auffallend viele der jeweils spielbezogenen Berichte. Dies kann auch nicht verwundern, da die Angehörigen dieser polizeiliche Kategorie das mit Abstand größte Interesse an einer konspirativen Anreise haben. Das Ergebnis aber wird verstörend und paradox zu gleich: Diejenige Gruppe, die polizeilich das größte Problem darstellt, erfreut sich offenbar der schlechtesten polizeilichen Aufklärung. Stattdessen aber werden haufenweise harmlose Kategorie A Fans systematisch erfasst und ausgeforscht. Zu bedenken ist: Diese Menschen haben sich verabredet, um gemeinsam zu einem Fußballspiel anzureisen – und nicht, um Banken zu überfallen, Bomben zu legen oder Migranten zu erschießen.

Siehe auch: Randale beim Schweinske-Cup: Einig uneinigSicherheitswahn: DFB kriminalisiert WunderkerzenEin Toter bei Polizeiübung gegen Fußball-RandaleSächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans anAussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegsKollision mit LeitplankenDFL-Sicherheitspapier: St. Pauli beantragt VerschiebungWenn Fußball zur Nebensache wird: 1860-Fans demonstrieren gegen PolizeigewaltGanzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollenFangipfel in Berlin: Die AbschlusserklärungSicherheitsleak: das DFL-Papier “Sicheres Stadionerlebnis”

Sächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans an

Dynamo Dresden, das sind die Chaoten aus dem Osten. Gewalt, Rassismus, Pyrotechnik – kennen wir alles. Zuletzt wurde der Verein sogar aus dem DFB-Pokal ausgeschlossen. Da wundert es auch nicht, wenn der sächsische Staatsminister des Inneren schreibt, dass Dynamo-Fans Polizisten attackierten – selbst wenn die Polizei davon nichts mitbekommt.

Von Nicole Selmer

dynamo-dresden-logoFür die Fans von Dynamo Dresden ist das Leben nicht schön. Sportlich ringt der Verein um den Verbleib in der zweiten Bundesliga, sportjuristisch erlitt Dynamo vergangene Woche eine erneute Niederlage: Das Bundesgericht des Deutsche Fußball-Bundes lehnte die Berufung des Vereins gegen den Ausschluss aus dem DFB-Pokal nach Ausschreitungen und das Zünden von Pyrotechnik durch die Dresdner Fans beim Pokalspiel in Hannover ab.

Der Verein will nun das Schiedsgericht des DFB anrufen – das ist das Ergebnis einer Verständigung von Fans und Präsidium. Zur Debatte steht für die Vereinsvertreter die grundsätzliche juristische Legitimität der Rechtsprechung, die den Verein für seine Anhänger haftbar macht, auch wenn ihm kein direktes Verschulden zuzuschreiben ist.

Gegen Dresden geht immer

Dynamo Dresden ist nicht gern, aber häufig Gast beim DFB-Sportgericht in Frankfurt. Die Frankfurter Rundschau schreibt von mehr als 20 Urteilen gegen den ostdeutschen Klub seit 2002. Dass die Fans für Probleme sorgen, ist kaum zu bestreiten. Ebenso offensichtlich, wenngleich meist weniger beachtet, sind jedoch die Fortschritte: Verein und Fanszene haben in der Auseinandersetzung mit Gewalt und Rassismus einen weiten Weg zurückgelegt. Aber trotz großer Investition des Vereins in die Fanarbeit, der Aufforderung des Vorsängers zum Pyroverzicht und langjährigen Aktivitäten der antirassistischen Faninitiative 1953international: Dynamo Dresden wird seinen schlechten Ruf nicht los.

Umso sensibler reagieren die Fans von Dynamo auf Vorwürfe, selbst wenn die nicht aus Frankfurt, sondern vom sächsischen Innenminister stammen. Markus Ulbig bzw. sein Team sind eifrige Social-Media-User. Auf seiner Facebookseite  beschäftigte sich der Minister am Montag mit dem Fußballwochenende und schrieb: „Fast 1500 Polizisten für gerade mal drei Fußballspiele am Wochenende in Sachsen. Rechnet man das Spiel in Halle dazu, wo unsere Reiterstaffel eingesetzt war, sind wir gleich bei 2500 Beamten. Ausschreitungen, Randale, brutale Angriffe auf die Polizisten – eine traurige Bilanz und höchst unsportlich. Hier muss sich was ändern.“

Nichts vorgefallen

Es folgten Zustimmungen, aber auch Nachfragen von Userinnen und Usern, welche Spiele und welche Randale hier genau gemeint seien. Ulbig antwortete mehrfach und erläuterte dann: „Nach dem Spiel Aue/Dynamo griffen ca. 200 sogenannte „Dynamo-Fans“ die Polizei an, zwei verletzte Beamte, 15 Strafanzeigen.“

Screehshot Facebook-Seite Marcus Ulbig

Dynamo Dresden spielte am Sonntag in Aue (und verlor). Der Verein selbst hatte, vermutlich um das DFB-Sportgericht zu besänftigen, auf Auswärtstickets verzichtet, seine Fans also quasi selbst ausgeschlossen. Erzgebirge Aue jedoch hatte die 2.700 zurückgegebenen Karten dennoch verkauft, an Dresdner. Von Ausschreitungen jedoch, gar von gezielten Angriffen gegen die Polizei, wie deren Dienstherr sie beschreibt, ist nichts bekannt. Das geht aus einem Offenen Brief hervor, den ein Dynamo-Fan an Marcus Ulbig schrieb, zu lesen im Dynamo-Blog spuckelch: Der Fan hatte nachgefragt bei der Polizeidirektion Chemnitz, die für das Spiel zuständig war. Was denn in der Pressemeldung stünde, wollte er wissen und erhielt die Antwort: „Es ist nichts weiter vorgefallen. Wozu sollen wir denn dann eine Pressemitteilung herausgeben.“

Nachtrag (14.03.2013):
Die Polizeidirektion Chemnitz meldete sich nach den Berichten auch noch selbst zu Wort. Am 13. März schrieb sie, dass die Einschätzung, es habe „sich um ein friedliches Fußballfest“ bestehen bliebe, jedoch auch unschöne Ereignisse stattgefunden hätten. Der von Ulbig beschriebene Angriff der Dynamo-Fans auf die Polizei wird folgendermaßen dargestellt: „Im Bereich Auer Straße in Lößnitz wurden Polizeibeamte durch einzelne Dynamo-Fans aus einer Gruppe von ca. 200 Personen heraus angegriffen. Die Lage konnte schnell bereinigt und ein Hauptverdächtiger (24) gestellt werden. Ein Polizeibeamter erlitt bei dem Angriff durch einen Schlag Verletzungen, ein zweiter Polizist verletzte sich bei der Täternacheile.“

 

Siehe auch: DFL-SicherheitspapierFangipfel in BerlinQuo vadis DFB?Unsportliches SportgerichtAlles Chaoten!Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vorMoralische DiskussionslatteHurra, wir leben noch!

Aussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegs

Am vergangenen Freitagabend haben etwa 400 Hannoveraner Fans das Auswärtsspiel ihres Vereins in Bremen verpasst. Sie verbrachten einige Stunden kurz vor den Toren der Stadt auf dem Bahnhof Achim. Wie es dazu kam, was dort geschah und wie es weiterging – dazu gibt es unterschiedliche Schilderungen.

Von Nicole Selmer

montage

Hannover 96 spielte am Abend bei Werder Bremen – ein klassischer Fall für die günstige und massenhafte Fananreise per Niedersachsenticket durchs Bundesland. Hunderte Hannoveraner Fans machten sich in vollen Regionalzügen auf den Weg. Der polizeiliche Einsatzplan sah vor, die Reisenden im Regionalexpress 4424 (Abfahrt Hannover 16:21) in Bremen in Busse und dann zum Stadion zu geleiten – um einen Zusammenstoß mit Bremer Fans zu verhindern und die große Gruppe rund um die Ultras Hannover im Blick zu behalten.

Diese Maßnahme der Polizei gehört ebenso zum Spiel rund um den Fußball wie mögliche Gegenmaßnahmen der Fans, sich einen selbstorganisierten Weg zum Stadion zu sichern – zum Beispiel indem man unterwegs schon aussteigt und einen anderen Zug nimmt, der, wie in diesem Fall, in Bremen-Sebaldsbrück hält. Von dort ist das Weserstadion aus der anderen, also dem Bremer Hauptbahnhof entgegengesetzten, Richtung zu erreichen. Bis etwa zu diesem Sachverhalt – 300 bis 400 Hannoveraner steigen unterwegs, am Bahnhof Achim (Ankunft 17:56) aus – sind sich die Darstellungen der Polizei und der Fans bzw. der Fanhilfe Hannover einig. Dann jedoch beginnen die Unklarheiten.

Von Achim bis Bremen-Sebaldsbrück sind es mit dem Regionalzug sieben Minuten, eine Verbindung gibt es normalerweise jede halbe Stunde – am Freitagabend allerdings nicht. Die Bundespolizeiinspektion Bremen schreibt dazu: „Diese Möglichkeit des Aussteigens in Sebaldsbrück gab es nicht und wäre von der Polizei unterbunden worden.“ Die Fans stellen fest: „Aus bisher ungeklärten Gründen fuhr der Anschlusszug wider Erwarten nicht in den Bahnhof Achim ein.“ Das geplante Umsteigen der Fangruppe liest sich im Polizeibericht folgendermaßen: „Man wollte versuchen, den nächsten Zug nach Bremen zu stoppen.“

Auf Gleise uriniert – Kein Zugang zur Toilette

Die Polizei war also offensichtlich nicht gewillt, die Fans nach Bremen fahren zu lassen. Unklar in der Darstellung bleibt allerdings, ob dies schon direkt nach deren Ausstieg in Achim beschlossen ist oder erst nach den von der Polizei geschilderten Vorfällen auf dem Bahnhof. Statt nach Bremen geht es am Ende zurück nach Hannover, und zwar kurz nach Anpfiff des Spiels im Weserstadion: „Gegen 20:40 Uhr wurden die Ultras mit einem Regionalexpress aus Bremen zurück nach Hannover begleitet.“ Über das, was dazwischen auf dem Bahnhof Achim geschieht, gehen die Darstellungen auseinander:

„Auf dem Bahnsteig in Achim zündeten die zurückgebliebenen Fans ebenfalls bengalische Feuer und Böller. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei. Zahlreiche Fans urinierten auf die Gleise oder überschritten die Strecke. Lebensgefährlich bei durchfahrenden Zügen von 160 km/h. Man wollte versuchen, den nächsten Zug nach Bremen zu stoppen. Aus Sicherheitsgründen musste der Bahnhof voll gesperrt werden.“

„Aus den Reihen der Fans wurden auf dem Bahnsteig zwei Knallkörper gezündet. Die Fans wirkten daraufhin per Megaphon auf ihre Mitreisenden ein, dieses gefährliche Verhalten zu unterlassen. Darüber hinaus verhielten sich die Fans trotz der ungeklärten Situation absolut friedlich. Ein Seitengleis wurde lediglich von einzelnen Fans zum Verrichten der Notdurft überquert, da Beamte der Polizei einen Zugang zu einer Toilette während des kompletten Aufenthalts in Achim verhindert hatten.“

Schikane oder Sicherheitsmaßnahme

Die Polizei leitet aus dem von ihr geschilderten Verhalten weitere Maßnahmen ab – ein Betretungsverbot für Bremen und den erzwungenen Rückweg nach Hannover: „In diesem Zusammenhang bestand Schulterschluss mit der Bundespolizei, dass Fans nicht den Spielort erreichen, wenn sie unterwegs Straftaten begehen.“ Unklar bleibt hier jedoch, ob nicht bereits das Aussteigen in Achim und der damit verbundene Plan, die Polizeileitung zu umlaufen, als widerständig genug betrachtet wurde, um eine Weiterreise zu verhindern.

Der Ablauf der Rückfahrt nach Hannover liest sich in den beiden Berichten gleichfalls sehr unterschiedlich:

„Die Abfahrt verhinderten Fans mehrfach durch Ziehen der Notbremse und Blockieren der Türen. Kurzzeitig kam es zum Schlagstockeinsatz.“

„Beim Einsteigen in den bereitgestellten Regionalexpress kam es zu vereinzelten Rangeleien mit der Polizei, unter anderem da zu Beginn nicht alle Wagen freigegeben wurden weshalb es zu einer Überfüllung einzelner Wagen kam und ein weiteres Einsteigen nicht möglich war. Unter massiver Anwendung körperlicher Zwangsmaßnahmen verbrachten die Einsatzkräfte die Fans in den Zug.“

Gleiches gilt für die Personalienfeststellung, die dann in Hannover erfolgte:

„Die Maßnahme wurde bereits im Zug durchgesagt. Minderjährige wurden aufgerufen, sich zu melden, um schneller entlassen zu werden.“

„Diese Maßnahmen zogen sich bis in die frühen Morgenstunden des Sonnabends hin. Während der gesamten acht Stunden, die Fans befanden sich nun schon seit 18 Uhr in Gewahrsam der Polizei, bestand keine Möglichkeit sich mit Getränken oder Essen zu versorgen.“

Deutungshoheit

Eine erste Pressemitteilung der Bundespolizeiinspektion Bremen wurde am Freitagabend um 22:15 Uhr veröffentlicht, eine etwas ausführlichere am Samstag um 13:10 Uhr. Die Pressemitteilung der Fanhilfe erschien am Sonntag. Diese zeitliche Abfolge bestimmte auch die überwiegende Berichterstattung, die der Polizeimeldung folgte: „ Hannover-Fans randalieren auf Achimer Bahnhof“ oder „Fußballfans aus Hannover legen Bahnhof lahm“  Die Hannoversche Allgemeine zitierte den 96-Vereinspräsidenten Martin Kind mit den Worten: „Wir müssen überlegen, ob wir in der neuen Saison noch Karten an die Ultras verkaufen.“

 Am Sonntag jedoch griff die Hannoveraner Neue Presse die Stellungnahme der Fanhilfe auf und dokumentierte unter der Überschrift „Hannover 96: Fans kritisieren Polizeieinsatz in Bremen“ weitere Berichte von mitgereisten Fans. „Zahlreiche Zuschriften“ hätten die Redaktion dazu erreicht, heißt es, die Auswahl zumindest bestätigt die Darstellung der Fanhilfe.

Über die – hier nicht entscheidbaren – tatsächlichen Vorfälle hinaus zeigen die nebeneinandergestellten Schilderungen der Ereignisse, wie sehr das Auslassen und Hinzufügen von Informationen die Sicht der Dinge beeinflusst: Gab es Zugang zu Toiletten oder nicht? Wie reagierten die übrigen Fans auf gezündete Böller? Gab es Sachbeschädigungen, wurde die Notbremse gezogen? Ein zentraler Punkt ist die polizeiliche Bewertung des Versuchs der Fans, sich der Kontrolle und Wegleitung zu entziehen: Ist das ritualisierter Teil der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans und der Versuch insbesondere der Ultragruppen, sich freie Räume und freie Wege zu erhalten? Oder ist durch ein solches Verhalten „die Sicherheit des Stadtgebietes“ gefährdet und bleibt der Polizei damit nichts anderes übrig, als die Fans nicht selbstständig zum Stadion, sondern unter Begleitung von drei Hundertschaften zurück zu ihrem Ausgangsort zu bringen?

Auch der Polizei, das lässt sich der Pressemitteilung entnehmen, ist die Idee eines „Räuber und Gendarm“-Spiels nicht völlig fremd, und sie weiß auch, wie es ausgegangen ist: „Eindeutige Verlierer waren am Ende die Randalierer. Sie sahen das Spiel nicht und standen stundenlang auf Bahnsteigen.“

Siehe auch: Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen GewaltGanzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollenFußballfans und Medien: Ein schwieriges Verhältnis

Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen Gewalt

Pünktlich zum Beginn der Bundesliga-Rückrunde am kommenden Wochenende starten die beteiligten Fernsehsender die Initiative „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Das Fernsehen will der Mehrheit der Fans endlich eine Stimme verleihen – nicht ganz uneigennützig. 

Von Nicole Selmer

Logo 100 % Das Spiel 0 % Gewalt
Logo 100 % Das Spiel 0 % Gewalt

Eine breite Phalanx von Fernsehsendern – von Sky mit seinem exklusivem Pay-TV bis zu Sport1 mit seinen Sex-Hotlines und Gewinnspielen dazwischen die öffentlich-rechtlichen Sender – hat sich für diese Initiative zusammengefunden. Sie alle vereint ein Interesse: „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Ein echter Quotenhit, der die deutschen Stadien sofort weltweit an die Spitze katapultieren könnte, wenn hier gelingt, was bisher weltweit in Schulen und auf Straßen, in Kindergärten und Kriegsgebieten gleichermaßen unmöglich ist: einen Ort mit Menschen, aber ohne Gewalt zu schaffen.

Hinter der Aktion stehen knallhart recherchierte Fakten: „Die jüngsten Entwicklungen in den Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga und die darum entstandene Diskussion haben es deutlich gemacht: Die überwältigende Mehrheit der Fans wünscht sich ein sicheres und gewaltfreies Stadionerlebnis.“ Gut, die überwältigende Mehrheit der Menschen wünscht sich auch einen sicheren und gewaltfreien Straßenverkehr und Büroalltag. Und tatsächlich werden sich Fans sogar schon vor den jüngsten Entwicklungen ein solches Stadionerlebnis gewünscht haben, ja, sie haben sogar das Gefühl, es bereits zu erleben. Dafür spricht nicht nur die Mitmachaktion „Ich fühl mich sicher“. Auch der weltweit zweithöchste Zuschauerschnitt, mit dem sich die deutsche Bundesliga schmücken darf, ist kaum darauf zurückzuführen, dass durchschnittlich 45.000 Menschen pro Spiel darauf aus sind, sich im Stadion zu ängstigen. Es ließe sich noch weiter mit den beliebten Vergleichszahlen zu Volksfesten oder mit der Fragwürdigkeit des polizeilich angesammelten Datenmaterials argumentieren, aber gegen die Faktenresistenz der „Sicherheitsdebatte“ ist nur schwer anzukommen. Und so widmet sich auch die neue Senderinitiative unbeirrt einem Problem, dessen tatsächliches Ausmaß sie in Eigenproduktionen bereits kritisch beleuchtet hat.

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Beschädigtes Produkt Fußball

Es geht jedoch um mehr: Denn mit ihrer Kampagne machen sich die Fernsehsender von Berichterstattern zu Akteuren. Sie sind es, die „dieser großen Mehrheit der Fans eine Stimme“ verleihen wollen. Nun ließe sich einwenden, dass Fans, zumal in der vergleichsweise debattenfreudigen und ausdrucksstarken deutschen Fußballszene, dafür gewiss nicht Sport1 als Sprachrohr brauchen. Fein ausgespart wird in der Promotion von „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“ jene Fanaktion, die unter dem deutlich griffigeren Claim „Ohne Stimme keine Stimmung“ vor der Winterpause für Aufsehen sorgte und ihrem Anliegen, nämlich der Ablehnung des DFL-Sicherheitspapiers, durch 12-minütiges Schweigen selbst äußerst wirksam eine Stimme verlieh. Die Aktion 12:12 war nicht unumstritten, aber auch die Proteste gegen den Protest – ob sie sich nun gegen Ultras oder die Beteiligung rechtsoffener Gruppen  richteten – konnten ganz ohne Mithilfe des Fernsehens artikuliert werden. Ihr direktes Ziel hat die Aktion verfehlt, das Schweigen, der ausbleibende  Support haben jedoch gewirkt. Sie haben demonstriert, dass die aktiven Fans und ihre Stimmung tatsächlich ein nicht wegzudenkender Teil des Erfolgsrezepts Bundesligafußball sind. Aus Sicht der TV-Verantwortlichen bedeutet dies jedoch auch, dass Fans über die Macht verfügen, den Wert des zu verkaufenden Produktes deutlich spürbar zu mindern. In den „100 % Das Spiel“ steckt immer ein nicht ganz so leicht zu berechnender Anteil Fankultur. Die Initiative der Fernsehsender, sich selbst zum Sprachrohr einer nicht weiter definierten „überwältigenden Mehrheit“ zu machen, kann man auch als Versuch verstehen, diesen unkalkulierbaren Rest aus der Fußballgleichung zu streichen.

Screenshot Spot
Screenshot Spot 100 % Das Spiel 0 % Gewalt

100 % Bratwurst

Wie die hundertprozentig kalkulierte TV-Fankurve aussieht, lässt sich im Werbespot der Initiative begutachten, der für einige Heiterkeit sorgen wird. „0 % Rauchentwicklung“ wird da vor einem bunten Fahnendurcheinander versprochen: Hertha BSC weht im Block neben Borussia Mönchengladbach – nicht nur Fantrennungen, sondern gleich auch die Differenz von erster und zweiter Liga sind in dieser farbenfrohen Vision aufgehoben. Am Imbiss beißt ein männlicher Fan krachend in eine Bratwurst, dazu liest man „0 % Schlagstock“. Schlagstöcke zu Bratwürsten? Ist das ein Statement gegen Polizeigewalt oder Werbung für die Hoeneßsche Wurstfabrik? Die TV-Sender wollen ihre Initiative mit regelmäßigen Berichten zum Thema begleiten. Das mag so manche Zuschauer/innen, die sich noch an den Talkshow-Horror des vergangenen Jahres erinnern, vor Schreck zusammenzucken lassen, von einer differenzierten und weniger populistischen Berichterstattung können jedoch alle Seiten profitieren.

Auch gegen ein Engagement von TV-Sendern „gegen Gewalt, Diskriminierung und Rassismus“ ist nichts einzuwenden (obwohl die nonchalante Zusammenmischung dieser Themen auch durch ständige Wiederholung nicht erträglicher wird). Genau genommen würde man ohnehin voraussetzen, dass dies Werte sind, denen sowohl öffentlich-rechtliche Medienanstalten wie private Fernsehkanäle in mehr oder minder großem Ausmaß verpflichtet sind und die sie in ihrer jeweilige Berichterstattung berücksichtigen. Ganz zeitnah bietet sich dazu am zweiten Spieltag der Rückrunde die Gelegenheit: Nämlich zum Erinnerungstag im deutschen Fußball. Bereits seit 2005 wird am Spieltag rund um den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, oft unter Beteiligung von Fangruppen – die „Löwen-Fans gegen rechts“ von 1860 München gehören zu den Mitinitiatoren des Erinnerungstages im Fußball. Die übertragenden TV-Sender haben die Veranstaltungen rund um diesen Spiel- und Gedenktag bisher meist ignoriert. Zu den „100 % Spiel“, wie ARD, ZDF, Sky usw. sie sich vorstellen, gehören Kurzinterviews, Expertenmeinungen und viel Werbung vor dem Anstoß. Für die im Stadion verlesenen Texte zum Holocaust-Gedenktag oder die auf der Videoleinwand eingeblendeten Namen der Vereinsmitglieder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, war da kein Platz.

Siehe auch: Kollision mit LeitplankenGanzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollenFangipfel in Berlin: Die AbschlusserklärungSicherheitsleak: das DFL-Papier “Sicheres Stadionerlebnis”Fußballfans und Medien: Ein schwieriges VerhältnisMainzer Fantage: Ein Stückchen Hoffnung“Einer muss aufhören”

(Rück-)Eroberung der Fankurven?

Das Jahr 2012 brachte zahlreiche Meldungen zu rechten Parolen in den Stadien, Angriffen gegen antirassistische Fans und Verbindungen der Fan- zur Naziszene. Gegenüber früheren Jahren lassen sich einige besorgniserregende neue Tendenzen beobachten. Das Jahr 2013 schließt an diese Tendenz an: Mit dem Rückzug der antirassistischen Aachen Ultras aus der Kurve beugt sich eine Fangruppe gewalttätigen Übergriffen. 

Von Florian Schubert

Mit Beginn des neuen Jahres bietet es sich an, hinsichtlich der Aktivitäten, die Nazis und rechte Fußballfans im Stadion 2012 entwickelt haben, ein Resümee zu ziehen. Das vergangene Jahr war in dieser Beziehung kein ruhiges, das lässt erahnen, welche Konflikte auch 2013 (wieder) verstärkt auftauchen könnten und mit dem Rückzug der Aachen Ultras aus der Kurve ist zu Beginn des Jahres bereits ein erstes negatives Signal gesetzt worden. Der genauere Blick auf einige der Vorfälle des Jahres 2012 zeigt die Veränderungen in der Art der Auseinandersetzungen.

Transparent der Kölner Ultras Coloniacs. (Foto: www.coloniacs.com/)
Klare Worte der Kölner Ultras Coloniacs an Aachen, 2011 (Foto: http://www.coloniacs.com/)

Das Stadion als Wohlfühlraum

Allgemein erstaunt das Erstaunen, das heißt die (möglicherweise geheuchelte) Verwunderung darüber, dass sich Nazis und andere Menschen mit rechter Gesinnung im Stadion wohlfühlen bzw. es wagen, dort aufzutauchen. Im Fußballstadion sind bestimmte Teile der Gesellschaft abgebildet, aber mitnichten die ganze Gesellschaft. Allein die prozentuale Vertretung von Frauen entkräftet bereits die Sichtweise auf Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft. Dass sie trotzdem immer wieder vorgebracht wird, zeugt eher von Wunschdenken als Realitätsbeschreibung. Aber wenn Studien wie die der Friedrich-Ebert-Stiftung darstellen, dass hohe Prozentzahlen in der Bevölkerung Teile oder gar ein komplettes rechtes Weltbild unterstützen, so darf sich nicht ernsthaft jemand wundern, dass diese Sichtweise auch im Stadion auftaucht. Gerade an jenem Ort, der nach landläufiger Meinung immer noch als einer der wenigen gilt, an dem man sich (mithilfe von Alkohol) so richtig gehen lassen kann, an dem noch (fast) alles erlaubt sei. Und da soll es verwundern, wenn sich gerade hier auch Nazis tummeln?

Die Empörung ist also möglicherweise eher so zu deuten, dass die Empörten von sich selbst und anderen „guten“ Fans enttäuscht sind. Dass das Stadion (weiterhin) ein Ort ist, an dem sich Nazis wohlfühlen, liegt wohl auch daran, dass so manche Verhaltensweisen von Fans eben auch von Nazis und rechten Fans ohne Abstriche geteilt werden. Dazu gehört etwa die weit verbreitete Homophobie oder die Glorifizierung von Männlichkeit in der Kurve. Aber auch der demonstrativ zur Schau getragene und als Identifizierungsklammer so wichtige Regionalismus, der dazu führt, dass die gegnerischen Fans mitunter nicht mal mehr als Menschen wahrgenommen werden. All dies steht gerade nicht im Widerspruch zu menschenverachtenden Ideologien, sondern bietet Anschlussmöglichkeiten.

Rückeroberung der Kurven?

Spätestens mit dem Beginn der Saison 2012/13 häuften sich die Meldungen von Vorfällen und Auseinandersetzungen, die auf rechte Fußballfans zurückzuführen waren. Von der Presse aufgegriffen wurden Ereignisse in Aachen, Dortmund, Bremen und Braunschweig. Bereits im Januar 2012 gab es einen ersten Vorfall bei einem Hamburger Hallenturnier, als Lübecker Fans gezielt das „Kein Mensch ist Illegal“-Transparent aus der St.-Pauli-Kurve holten und es zu diskriminierenden Schmährufen und gewalttätigen Auseinandersetzungen kam.

Die Beispiele Aachen und Braunschweig zeigen, dass die Auseinandersetzungen auch wieder im eigenen Verein bzw. der eigenen Fanszene stattfinden. Neben dem spürbaren Rückgang von offenem Rassismus im Profifußball in den letzten 15 Jahren gab es ebenso eine Abnahme von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans eines Vereins. Es gab zwar Ausnahmen, wie etwa in Bremen beim Angriff auf den Ostkurvensaal, aber die ständige Bedrohung für Fans, die sich gegen Diskriminierung wenden, war nicht mehr so vorhanden wie in den 1990er-Jahren.

Letzter Aufrtritt der Aachen Ultras, Viktoria Köln Alemannia Aachen, 12. Januar 2013, Foto: strassenstriche.net  (flickr)
Letzter Aufrtritt der Aachen Ultras, Viktoria Köln Alemannia Aachen, 12. Januar 2013, Foto: strassenstriche.net (flickr)

Die Vorfälle beschränkten sich zumeist auf Angriffe von rechten Fangruppen auf vermeintlich linke Gruppierungen anderer Vereine oder es waren symbolische Präsentationen von rechten Positionen bzw. Provokationen. Dies scheint sich nun wieder geändert zu haben. Dabei stellen sich auch die Vereine nicht immer sonderlich klug an, wenn die Konflikte deutlicher ausbrechen. Und das obwohl die Problematik mit Fans aus der Naziszene bei den meisten Klubs nun wahrlich nicht neu sein kann. So sind z.B. Gruppen wie die Desperados seit Jahren Thema in der Presse, über „enge Verflechtungen zwischen Desperados, Autonomen Nationalisten und Northside“ in Dortmund wurde gleichfalls bereits vor Längerem berichtet. In Aachen spitzte sich der Konflikt besonders krass und gewalttätig zu. Die andauernden Angriffe auf die Aachen Ultras (ACU) und die fehlende Unterstützung des Vereins Alemania Aachen für die ACU mündeten aktuell in dem traurigen Höhepunkt des Rückzuges der ACU aus der Kurve. Patrick Gorschlüter, Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF), sagt: „Es ist traurig und schockierend zugleich, dass sich eine Gruppe junger Menschen, die sich gegen Diskriminierung einsetzt, vom eigenen Verein derart im Stich gelassen wird, dass sie sich entfremdet und enttäuscht zurückzieht.“

Interessant ist, dass die aktuellen Vorkommnisse zumeist in West-Deutschland stattfanden. Das widerspricht dem vorherrschenden Bild, es seien insbesondere ostdeutsche Vereine, die ein Problem mit Nazis und rechten Fußballfans hätten. Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass mit Aachen, Dortmund und Braunschweig Vereine betroffen sind, die auch schon in den 1980er- oder 1990er-Jahren durch rechte Tendenzen in Teilen der Fanszene aufgefallen sind. Und hier sollte man dann auch aufmerksamer werden. Es ist richtig, dass offenes rassistischen Verhalten im Gegensatz zu den 1980er- und 1990er-Jahren abgenommen hat. Es wurde aber auch immer wieder von aufmerksamen Fangruppierungen und Organisationen wie BAFF darauf hingewiesen, dass damit nicht notwendig auch die Fangruppen, die für dieses Verhalten verantwortlich waren, aus den Stadien verschwunden sind oder ihre Einstellungen geändert haben. Genau diese Befürchtung scheint sich jetzt zu bestätigen. Die Tabuisierung von Rassismus hat nicht überall auch zu einem Umdenken in den Fanszenen geführt. Dies bedeutet keinesfalls, dass die Situation so wie in den 1980er-Jahren ist. Aber es zeigt ganz eindeutig, dass die Bearbeitung des Themas nicht abgeschlossen ist. Die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und anderen Diskriminierungsformen muss weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Fans, Vereinen und Verbänden bleiben. Es gibt keinen Anlass, sich in der derzeitigen Situation zufrieden zurückzulehnen.

Mangelnde Abgrenzung der Fanszenen

Die „Pyrodebatte“ und das „Sicherheitspapier“ der DFL haben dieser Arbeit jedoch einen Bärendienst erwiesen. Insbesondere die Ultragruppen fanden sich nach dem Abbruch der Gespräche um die Pyrotechnik durch den DFB in einer Auseinandersetzung wieder, in der es um den Beweis von Stärke, Macht und Einfluss ging. Der von vielen Fans innerhalb und auch außerhalb der Ultraszene angenommene breite Konsens von Antirassismus stand nicht mehr so präsent im Vordergrund bzw. schien auch nicht (mehr?) so verbreitet zu sein wie angenommen. Das weitere Zündeln rief Polizeiaktionen und Reaktionen von Vereinen und Verbänden hervor, die Auseinandersetzung eskalierte weiter. Die Ultragruppen sahen sich in einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Institutionen. Einerseits wurde ihre Arbeit dadurch verstärkt auf diese Auseinandersetzung fokussiert und gedrängt, andererseits wurde nach Bündnispartnern geschaut.

Das zeigte sich bei der Kampagne gegen das Sicherheitspapier und der hier federführenden Initiative 12:12. Dort beteiligen sich nach Informationen von publikative.org mit den Desperados Dortmund, Ultras Chemnitz, Saalefront Halle, Boyz Köln oder der Karlsbande  auch Gruppierungen, die keine Distanzierung gegenüber rechten Fans oder organisierten Nazis in ihren eigenen Reihen vornehmen. Es gab und gibt also für wegen ihrer politischen Haltung – auch öffentlich – in der Kritik stehende Gruppen, die Möglichkeit, in vereinsübergreifenden Kampagnen „Fanpolitik“ zu machen und so auch ihr Standing in der Fanszene wieder aufzupäppeln. Das gilt etwa auch für die Bushwhackers Düsseldorf, die im letzten Jahr dadurch auffielen, dass ein Mitglied mit Thor-Steinar-Kleidung bei einem Fanturnier auftrat. Zudem bleiben ohne eindeutige Distanzierung nach rechts auch positiv zu bewertende fanpolitische Anliegen leider anschluss- und kampagnenfähig für Nazis. Versuche in diese Richtung gibt es.

Nazis in Dortmund (Foto: Ruhrbarone)
Auf der Straße in der Defensive – Nazis in Dortmund (Foto: Ruhrbarone)

Fokus im Westen

Gerade in dem Bundesland, in dem der Innenminister eine Vorreiterrolle im Kampf gegen Nazis einnehmen möchte, dominierte der Konflikt um Nazis im Stadion die Berichterstattung des letzten Jahres. In Nordrhein-Westfalen befindet sich die Naziszene durch das Verbot von Organisationen wie der Kameradschaft Aachener Land und des Nationalen Widerstandes Dortmund aktuell in einer defensiveren Position als noch vor einigen Jahren. Dass sich deren Akteure daher nach Orten umsehen, wo sie sich präsentieren können, ist naheliegend, ebenso dass sie dies bevorzugt dort tun, wo sie auch schon seit Jahren anwesend sind, ist vorhersehbar.

Und hier macht sich ein weiteres Problem bemerkbar: Bei Alemannia Aachen und Borussia Dortmund, allerdings nicht nur dort, scheinen der Ordnungsdienste mit der der Naziszene verquickt zu sein. So schreiben z.B. die von Angriffen betroffenen Aachen Ultras: „Dass die Personen dabei auf Unterstützung des Ordnungsdienstes hoffen können, da vor unserem Block nun wiederholt ein Gründungsmitglied der Kameradschaft Aachener Land als Ordner ‚arbeitete‘,“. Über das Ordnerproblem bei Borussia Dortmund berichtete Spiegel Online, der Verein hat den Betroffenen inzwischen suspendiert und eine Reihe von Maßnahmen vorgestellt.

Irritiert sein muss man auch über das Handeln vom NRW Innenminister Ralf Jäger. Er generiert er sich als Hardliner gegen Neonazis, indem er einige Organisationen wie die Kameradschaft Aachener Land oder den Nationalen Widerstand Dortmund verbietet. Wobei anzumerken ist, dass diese Verbote so lange medial angekündigt wurden, dass bei den Durchsuchungen eigentlich nicht viel Verwertbares gefunden wurde. Gleichzeitig führte aber Jägers Agieren in der Debatte um das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“, als er mehrmals nach vorne preschte und die Vorreiterrolle als Hardliner einnahm, zu einem unschönen Nebeneffekt. So erzeugt er Solidarisierungsmöglichkeiten für rechte Fangruppen, um sich in die aktuelle Sicherheitsdebatte einzuklinken. Wenn pauschal unter dem Label „Sicherheit“ gegen Fans agiert wird, ohne zu differenzieren, was welche Gruppierung eigentlich macht und gleichzeitig Themen wie Rassismus und Rechtsextremismus aktuell vonseiten der Verbände eher vernachlässigt werden, bleibt dies nicht folgenlos: Im Interview mit eurosport sagt Fanforscher Gerd Dembowski über das Konzept der DFL: „Neonazismus und Rassismus sind eine Fußnote. Schlimmer noch, sie werden sogar mit Gewalt und Pyro vermischt.“ Und weist daraufhin, dass der Druck auf antirassistisch positionierte Fangruppen wächst.

Nur wenige explizit antirassistische Fangruppen wie aus Babelsberg oder von St. Pauli sagen offen, dass sie sich nicht an der Kampagne 12:12 beteiligen, weil sie eine Abgrenzung von rechten Fangruppen vermissen. Auf Dauer kann dies dazu führen, dass antirassistisch eingestellte Fangruppen an den Rand der Fanorganisierung gedrängt werden. Schon jetzt häufen sich die Rückmeldungen einzelner Fanszenen, dass es ungemütlicher in ihren Kurven geworden ist, was die offenere Präsenz von und Bedrohung durch Nazis angeht. Wenn sich diese Tendenz verstärkt, würde sich der Einfluss von Gruppen die sich gegen Diskriminierung stellen, und damit der oft herbeigesehnte Effekt der „Selbstreinigung der Kurve“, schwinden oder gar ganz wegfallen.

Kein Problem von außen

Verwundern tut auch weiterhin die Darstellung der Problematik in den Medien. Gerne wird von Unterwanderung gesprochen. In einem früheren Artikel habe ich versucht auf die Problematik des Begriffs, der weiterhin vielfach auftaucht, hinzuweisen. Dies beschreibt sehr deutlich, wie das Problem wahrgenommen wird, nämlich als eines, das von außen kommt. Aber was ist mit den Fans, die schon in den 1980er-Jahren in den Kurven der Vereine waren? Waren diese nicht viel früher da, als die Fangruppen die sich gegen Rassismus, Homophobie und andere Diskriminierungsformen aussprechen? Und was bedeutet Unterwanderung? Die Vereine werden in ihren Strukturen ganz sicher nicht unterwandert. Das gelingt ja noch nicht einmal den Mitbestimmungsstrukturen der Mitglieder, wie das Abstimmungsverhalten der Vereine bei der aktuellen Sicherheitsdebatte deutlich zeigt. Offen bekennende Nazis werden im Bedarfsfall relativ schnell ausgeschlossen.

Und in der Kurven? Unterwanderung suggeriert, dass hier etwas organisiert und heimlich mit Plan passiert. Diesen Unterwanderungsplan gibt es aber in der derzeitigen Nazibewegung nicht. Es gibt keine Diskussionen darum, wie die Fanszene am besten großflächig zu unterwandern sei. Was es gibt, ist, dass rechte Fans und Nazis sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit präsentieren. Sie wollen ihren Raum. Der an manchen Orten wie dargelegt auch dadurch wichtiger wird, da Nazis auf der Straße gesellschaftlich gerade in der Defensive sind. (Was in keinster Weise heißt, dass das Bedrohungspotenzial für mögliche Opfer abgenommen hat!) Großaufmärsche wie in Wunsiedel zum Heß-Gedenken oder zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden sind jedoch derzeit nicht mehr durchzuführen. Die Debatte um die NSU bringt die Naziszene weiter in die politische Defensive. Es gab immer wieder Zeiten, in denen sich Nazis umorientieren mussten, weil sie gerade nicht weiterkamen. So war ein Effekt aus den Erfahrungen ab Mitte der 1990er-Jahre die Entwicklung von Kameradschaftsstrukturen, die in die Gründung von Autonomen Nationalisten mündete. Genau in diesem Kreis finden wir viele der Nazis, die sich beim Fußball tummeln.

Um das Problem von Diskriminierung beim Fußball und die Präsenz von Nazis in der Kurve nachhaltig zu lösen, ist in den Fanszenen ein breiterer Konsens gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus notwendig. Denn nur so fühlen sich rechte Fußballfans dort nicht mehr wohl.

Aachen: Der rechte Konsens setzt sich durch

Am vergangenen Samstag verabschiedeten sich die Aachen Ultras beim Spiel ihres Vereins in der zweiten Runde des Mittelrheinpokals [nach Hinweisen korrigiert] gegen Viktoria Köln aus der Kurve. Dem Rückzug vorausgegangen waren monatelange Auseinandersetzungen mit und Angriffe von rechten Fangruppierungen der Alemannia. Wir dokumentieren die Presseerklärung des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF) zu dem Fall:

 

baff LogoBAFF fordert den Verein Alemannia Aachen auf, endlich seinen Lippenbekenntnissen Taten folgen zu lassen und ein engagiertes Vorgehen gegen rechtsradikale und faschistische Gruppen im Stadion zu entwickeln!

Die antirassistische Ultragruppe „Aachen Ultras“ (ACU) will bis auf Weiteres keine weiteren Spiele ihres Vereins Alemannia Aachen besuchen. Dies ist die Konsequenz aus nicht abreißenden gewalttätigen Übergriffen von rechten Fans und Hooligans innerhalb der Aachener Fanszene sowie der Tatenlosigkeit des Vereins und der restlichen Aachener Fans. Auch am vergangenen Samstag kam es beim Pokalspiel bei Viktoria Köln zu Beginn des Elfmeterschießens zu einem Angriff von der durch rechte Personen durchsetzten Aachener Ultragruppe „Karlsbande Ultras“ auf den Block der ACU. Die anwesende Polizei ging dabei unverständlicherweise mit Schlagstock und Pfefferspray auf die angegriffene Gruppe los, anstatt sich um die Aggressoren zu kümmern.

Jener Angriff reiht sich ein in eine lange Liste von politisch motivierten Gewaltaktionen gegen die Aachen Ultras durch Nazis und die mit ihnen sympathisierenden Personen aus den Gruppierungen Karlsbande Ultras, Alemannia Supporters und Westwall Aachen. Selbst im privaten Wohnbereich von ACU-Mitgliedern schreckten dieselben rechten Personengruppen vor gewalttätigen Übergriffen nicht zurück.

Vor diesem Hintergrund zeigten am Samstag im Kölner Flughafen-Stadion über 300 Fans und Ultras aus ganz Deutschland ihre Unterstützung für das antirassistische Engagement von ACU und begleiteten die Gruppe in ihrem vorerst letzten Spiel bei Alemannia Aachen. In einer in dieser Form wohl einmaligen Aktion zeichneten Fans aus über einem Dutzend verschiedener Vereine damit ein friedliches Bild für einen diskriminierungsfreien Fußball.

Demgegenüber kann das Verhalten des Vereins Alemannia Aachen und des Großteils der restlichen Fanszene nur noch als Armutszeugnis bezeichnet werden. Trotz der wiederholten Vorfälle gelang es dem Verein nicht, sich glaubwürdig und entschlossen dem rechten Treiben auf dem Tivoli entgegenzutreten. All den schrillenden Alarmglocken und Hilferufen zum Trotz wurde eine Gruppe junger Menschen, die für die Einhaltung von demokratischen Grundwerten kämpfen, hilflos alleingelassen und wissentlich rechten Schlägertrupps ausgesetzt.

Selbst als es einmal nicht bei den üblichen banalen Worthülsen blieb und der Verein endlich erste Sanktionen (u.a. ein Zaunfahnenverbot für die Karlsbande Ultras) erteilte, wurden diese nicht konsequent befolgt. Nur wenige Wochen später hing die Zaunfahne der Karlsbande wieder – die Reaktion vom Verein: keine. Der Mannschaft scheint es ebenfalls an jeglicher Sensibilität zu fehlen, da sie sich am Samstag Sekunden nach dem Angriff von den rechten Angreifer_innen feiern ließ und den Block der Aachen Ultras mit Missachtung strafte.

Auch der Großteil der restlichen Aachener Fanszene bekleckerte sich nicht mit Ruhm. Ebenfalls das Naziproblem ignorierend kam es zu einer absurden Täter-Opfer Umkehrung, in der die Gruppe ACU als „Provokateur“ identifiziert und als sogenannte „Linksextremisten“ denunziert wurde. Von der gesellschaftlich immerwährend geforderten Zivilcourage war dabei nichts zu sehen.

BAFF fordert erneut mit Nachdruck, dass sich der Verein Alemannia Aachen endlich seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellt und dem rechten Spuk am Tivoli ein Ende bereitet.

Dieser schwarze Tag für den Fußball sollte allen Vereinen eine Mahnung sein, sich rechten Umtrieben entschlossen entgegenzustellen und ihren Fans, die sich couragiert Nazis widersetzen, die nötige Unterstützung zu gewähren. In Anbetracht der Situation in Aachen, aber auch in Stadien wie in Braunschweig, Dortmund und Dresden (um nur eine kleine Auswahl zu nennen), mutet es schon surreal an, wenn eine öffentliche Debatte über eine vermeintlich fehlende Stadionsicherheit geführt wird und zugleich Rassismus im 23-seitigen Sicherheitspapier der DFL nicht mehr als eine Fußnote wert ist.

BAFF-Sprecher Patrick Gorschlüter hierzu: „Es ist traurig und schockierend zugleich, dass sich eine Gruppe junger Menschen, die sich gegen Diskriminierung einsetzt, vom eigenen Verein derart im Stich gelassen wird, dass sie sich entfremdet und enttäuscht zurückzieht. Umso beeindruckender war im Gegenzug die Solidarität am Samstag, indem Fans aus ganz Deutschland gemeinsam zeigten, wie Zivilcourage aussehen kann.“

BAFF erklärt sich solidarisch mit der Gruppe Aachen Ultras und bedankt sich für die aufopferungsvolle und mutige Unterstützung im Kampf für einen diskriminierungsfreien Fußball.

Kein Fußball den Rassist_innen!

14. Januar 2013