Reisefreiheit für Fußballfans: In Zukunft nur per Voucher?

Anfang April sorgte eine umstrittene Voucher-Regelung für Gästefans beim Niedersachsen-Derby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 für Aufsehen. Nun stellt sich heraus, dass solche Einschränkungen der Reisefreiheit in Zukunft offenbar regelmäßig gegenüber Fußballfans zum Einsatz kommen könnten: Wenn heute Nachmittag der 1. FC Kaiserslautern gegen Dynamo Dresden spielt, wird in Sachen Voucher ein weiteres Kapitel geschrieben.

Von Edgar Lopez

Nach den Ereignissen der letzten Partie beider Vereine auf dem Betzenberg sehen sich die Verantwortlichen in Kaiserslautern offensichtlich zu nachdrücklichen Maßnahmen gezwungen, die nicht zum Alltag eines normalen Spielbesuches gehören. Konkret handelt es sich dabei um zwei weitreichende Einschnitte: Einerseits wird das Kartenkontingent für den Dresdner Anhang auf rund 2.300 Tickets begrenzt. Das entspricht etwa 4,7 Prozent der Gesamtkapazität des Stadions und unterschreitet damit eindeutig die regulär vorgeschriebenen 10 Prozent der Karten, die dem Anhang des Gastvereins offiziell zustehen. Dies ist laut den Bestimmungen des umstrittenen DFL-Papiers „Sicheres Stadionerlebnis“ möglich und wird ohne großes Aufsehen umgesetzt, genau wie Kritiker zuvor befürchtet hatten.

Andererseits wurden auf Drängen des 1. FC Kaiserslautern und der Polizei in Dresden nur sogenannte Voucher verkauft. Dabei handelt es sich im Prinzip um Optionsscheine für Karten, die erst vor Ort in Kaiserslautern in richtige Eintrittskarten für das Stadion umgetauscht werden können. Diese Maßnahme ist in der Bundesliga relativ unbekannt, wurde aber bei internationalen Fußballturnieren wie der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine 2012 schon mehrfach angewandt.

Abdruck der Allgemeinverfügung der Polizei Kaiserslautern in der "Sächsischen Zeitung" (Foto: Blickfang Ultra, Facebook-Screenshot).
Abdruck der Allgemeinverfügung der Polizei Kaiserslautern in der „Sächsischen Zeitung“ (Foto: Blickfang Ultra, Facebook-Screenshot).

Flankiert wurde dieses Vorgehen wiederum von einer allgemeinen Verfügung der Polizei Kaiserslautern, wonach Personen mit einem Stadionverbot das gesamte Stadtgebiet Kaiserslauterns in einem Zeitraum von 8 bis 20 Uhr am Spieltag nicht betreten dürfen. Die Kaiserslauterer Polizei schaltete dafür sogar extra Inserate in der in Dresden erscheinenden „Sächsischen Zeitung“ und in der Kaiserslauterer „Rheinpfalz“. Nach Veröffentlichung von Fahndungsfotos mutmaßlicher Verdächtiger der Geschehnisse des Spiels Bielefeld gegen Dynamo lässt sich die „Sächsische Zeitung“ damit innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal für polizeiliche Maßnahmen einspannen. Nach derzeitigem Stand wurde die Allgemeinverfügung allerdings am Freitag von einem Gericht gekippt.

Hintergrund der Maßnahmen sind die Bemühungen der Behörden, das Spiel am Sonntag möglichst reibungsfrei durchzuführen. Dazu gehört auch die Überlegung, den gesamten Gästeanhang auf dem Messeparkplatz in Kaiserslautern zu versammeln und dann mit einem Bustransfer direkt vor das Stadion zu befördern. Damit soll verhindert werden, dass es zwischen Heim- und Gästefans zu irgendwelchen Berührungspunkten kommt. So viel zur Theorie.

Dynamo Dresden lehnt geplantes Vorgehen ab

Dynamo Dresden hat diese Praxis abgelehnt, weil sie mehrere Risiken birgt: Zunächst handelt es sich bei der Voucher-Regelung um eine organisatorische Praxis, mit der weder der FCK noch die SGD irgendeine Erfahrung haben. Außerdem findet das Spiel am Sonntag unter Vorzeichen statt, die weitaus zugespitzter sind als beim letzten Aufeinandertreffen. Kaiserslautern spielt um den Aufstieg in die erste, Dynamo gegen den Abstieg aus der zweiten Bundesliga. In diesem Rahmen ein vollkommen unbekanntes Prozedere zu testen, erscheint gewagt oder mindestens naiv.

Polizei wartet auf einem Bahnhof auf Fußballfans (Foto: http://www.flickr.com/photos/begangenes/ CC BY-NC-SA 2.0)
(Foto: http://www.flickr.com/photos/begangenes/ CC BY-NC-SA 2.0)

Kartenumtausch könnte Situation noch verschärfen

Auf dem Kaiserslauterer Messeparkplatz gibt es darüber hinaus nur eine kleine Halle, in der die Dynamo-Fans den bürokratischen Aufwand des Kartentausches durchführen können. Es wird darauf ankommen, wie schnell die Fans „abgefertigt“ werden, um danach per vorgesehenem Busshuttle zum Stadion gelangen. Sollte es beim Umtausch und dem Transfer zum Stadion zu Verzögerungen kommen, kann die Angst, den Anpfiff nicht rechtzeitig zu erleben, unter den Dresdner Fans sehr leicht noch mehr Unruhe entstehen lassen.

Hinzu kommen Indizien, dass sich etliche Dresdner Anhänger bereits mit Karten für die Heimbereiche versorgt haben. Das beste Beispiel dafür ist das Dynamo-Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt vor zwei Jahren, das nach einer Verbandsstrafe ohne Gäste abgehalten werden sollte. Trotz Verbotes besorgten sich mehrere Hundert Dresdner Karten für den Heimbereich des ehemaligen Frankfurter Waldstadions. Im aktuellen Fall wird dies sogar noch durch die Onlineticketplattform Viagogo erleichtert. Dort können Fans, egal, welcher Couleur, Karten von anderen Fans kaufen – zu Schwarzmarktpreisen.

Ticketverkauf über Viagogo als zusätzliches Problem

Die Interessengemeinschaft „Perspektive FCK“, die die Zusammenarbeit des FCK mit Viagogo schon länger kritisiert, fasst zusammen: „Ob das Konzept wirklich für mehr Sicherheit sorgen kann, bezweifelt Sebastian Scheffler: ‚Durch das reduzierte Gästekontingent verschenkt der FCK nicht nur viel Geld, sondern zieht auch den Unmut vieler Fans auf sich. Dazu kommt noch eine schlechte bzw. gar keine Kommunikation des Vereins bezüglich der Vergabepraxis der Eintrittskarten. Gerade der Verkauf der Tickets über Viagogo könnte uns noch Probleme bereiten.‘“

Anstatt den Gästen aus Dresden beispielsweise die Osttribüne des Fritz-Walter-Stadions zu überlassen und so eine striktere Fantrennung zu unterstützen, sorgen die Verantwortlichen somit dafür, dass es im Heimbereich wohl zu einer Vermischung der Fanlager kommen wird. Damit wird der ganze Aufwand, der mit der Voucher-Regelung betrieben wird, möglicherweise schon im Vorfeld konterkariert. Fanvertreter beider Seiten befürchten jedenfalls bereits jetzt eine aufgeheizte und chaotische Situation.

Die Anreise war beim letzten Spiel nicht das Problem

Abgesehen davon beruht das Konzept generell auf einer fragwürdigen und verzerrten Analyse der Vorfälle beim letzten Aufeinandertreffen beider Mannschaften. Denn die Anreise der Dresdner machte dabei keine Probleme. Zu den Ausschreitungen kam es erst auf dem Rückweg, als Shuttle-Busse mit Lauterer Fans durch den Abreisestrom frustrierter Dynamo-Fans geleitet wurden. Bei den anschließenden Auseinandersetzungen gab es zwei Verletzte – was zwar nicht den oftmals herbeigeredeten bürgerkriegsähnlichen Zuständen entspricht, aus polizeilicher Sicht aber dennoch verhindert werden muss.

Die Maßnahmen der verantwortlichen Behörden zielen daher darauf ab, durch eine schrittweise Beschneidung des Grundrechtes der Reisefreiheit solche Szenen zu verhindern. Die Testballons, die heute noch keinen großen gesellschaftlichen Aufschrei provozieren, weil sie gegen teilweise geächtete Fußballgruppen ohne Lobby angewandt werden, könnten schon morgen zu allgemeinen durchgesetzten Repressionsmaßnahmen werden.

Letzten Endes bewirken sie aber aufgrund der aufgelisteten Punkte das genaue Gegenteil: Sie schaffen keine Sicherheit, sondern verschärfen die Situation rund um ein ohnehin schon emotional aufgeladenes Spiel nur noch mehr. Sollte es heute in Kaiserslautern zum befürchteten Chaos kommen, können sich die Verantwortlichen gratulieren. Sie hätten dann die Reisefreiheit eingeschränkt – und wären dennoch gescheitert.

Anmerkung der Redaktion: Unser Autor ist vor Ort und wird in den kommenden Tagen seine Eindrücke schildern.

Sächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans an

Dynamo Dresden, das sind die Chaoten aus dem Osten. Gewalt, Rassismus, Pyrotechnik – kennen wir alles. Zuletzt wurde der Verein sogar aus dem DFB-Pokal ausgeschlossen. Da wundert es auch nicht, wenn der sächsische Staatsminister des Inneren schreibt, dass Dynamo-Fans Polizisten attackierten – selbst wenn die Polizei davon nichts mitbekommt.

Von Nicole Selmer

dynamo-dresden-logoFür die Fans von Dynamo Dresden ist das Leben nicht schön. Sportlich ringt der Verein um den Verbleib in der zweiten Bundesliga, sportjuristisch erlitt Dynamo vergangene Woche eine erneute Niederlage: Das Bundesgericht des Deutsche Fußball-Bundes lehnte die Berufung des Vereins gegen den Ausschluss aus dem DFB-Pokal nach Ausschreitungen und das Zünden von Pyrotechnik durch die Dresdner Fans beim Pokalspiel in Hannover ab.

Der Verein will nun das Schiedsgericht des DFB anrufen – das ist das Ergebnis einer Verständigung von Fans und Präsidium. Zur Debatte steht für die Vereinsvertreter die grundsätzliche juristische Legitimität der Rechtsprechung, die den Verein für seine Anhänger haftbar macht, auch wenn ihm kein direktes Verschulden zuzuschreiben ist.

Gegen Dresden geht immer

Dynamo Dresden ist nicht gern, aber häufig Gast beim DFB-Sportgericht in Frankfurt. Die Frankfurter Rundschau schreibt von mehr als 20 Urteilen gegen den ostdeutschen Klub seit 2002. Dass die Fans für Probleme sorgen, ist kaum zu bestreiten. Ebenso offensichtlich, wenngleich meist weniger beachtet, sind jedoch die Fortschritte: Verein und Fanszene haben in der Auseinandersetzung mit Gewalt und Rassismus einen weiten Weg zurückgelegt. Aber trotz großer Investition des Vereins in die Fanarbeit, der Aufforderung des Vorsängers zum Pyroverzicht und langjährigen Aktivitäten der antirassistischen Faninitiative 1953international: Dynamo Dresden wird seinen schlechten Ruf nicht los.

Umso sensibler reagieren die Fans von Dynamo auf Vorwürfe, selbst wenn die nicht aus Frankfurt, sondern vom sächsischen Innenminister stammen. Markus Ulbig bzw. sein Team sind eifrige Social-Media-User. Auf seiner Facebookseite  beschäftigte sich der Minister am Montag mit dem Fußballwochenende und schrieb: „Fast 1500 Polizisten für gerade mal drei Fußballspiele am Wochenende in Sachsen. Rechnet man das Spiel in Halle dazu, wo unsere Reiterstaffel eingesetzt war, sind wir gleich bei 2500 Beamten. Ausschreitungen, Randale, brutale Angriffe auf die Polizisten – eine traurige Bilanz und höchst unsportlich. Hier muss sich was ändern.“

Nichts vorgefallen

Es folgten Zustimmungen, aber auch Nachfragen von Userinnen und Usern, welche Spiele und welche Randale hier genau gemeint seien. Ulbig antwortete mehrfach und erläuterte dann: „Nach dem Spiel Aue/Dynamo griffen ca. 200 sogenannte „Dynamo-Fans“ die Polizei an, zwei verletzte Beamte, 15 Strafanzeigen.“

Screehshot Facebook-Seite Marcus Ulbig

Dynamo Dresden spielte am Sonntag in Aue (und verlor). Der Verein selbst hatte, vermutlich um das DFB-Sportgericht zu besänftigen, auf Auswärtstickets verzichtet, seine Fans also quasi selbst ausgeschlossen. Erzgebirge Aue jedoch hatte die 2.700 zurückgegebenen Karten dennoch verkauft, an Dresdner. Von Ausschreitungen jedoch, gar von gezielten Angriffen gegen die Polizei, wie deren Dienstherr sie beschreibt, ist nichts bekannt. Das geht aus einem Offenen Brief hervor, den ein Dynamo-Fan an Marcus Ulbig schrieb, zu lesen im Dynamo-Blog spuckelch: Der Fan hatte nachgefragt bei der Polizeidirektion Chemnitz, die für das Spiel zuständig war. Was denn in der Pressemeldung stünde, wollte er wissen und erhielt die Antwort: „Es ist nichts weiter vorgefallen. Wozu sollen wir denn dann eine Pressemitteilung herausgeben.“

Nachtrag (14.03.2013):
Die Polizeidirektion Chemnitz meldete sich nach den Berichten auch noch selbst zu Wort. Am 13. März schrieb sie, dass die Einschätzung, es habe „sich um ein friedliches Fußballfest“ bestehen bliebe, jedoch auch unschöne Ereignisse stattgefunden hätten. Der von Ulbig beschriebene Angriff der Dynamo-Fans auf die Polizei wird folgendermaßen dargestellt: „Im Bereich Auer Straße in Lößnitz wurden Polizeibeamte durch einzelne Dynamo-Fans aus einer Gruppe von ca. 200 Personen heraus angegriffen. Die Lage konnte schnell bereinigt und ein Hauptverdächtiger (24) gestellt werden. Ein Polizeibeamter erlitt bei dem Angriff durch einen Schlag Verletzungen, ein zweiter Polizist verletzte sich bei der Täternacheile.“

 

Siehe auch: DFL-SicherheitspapierFangipfel in BerlinQuo vadis DFB?Unsportliches SportgerichtAlles Chaoten!Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vorMoralische DiskussionslatteHurra, wir leben noch!

GEH mir WEG damit

Plakative Aktionen und Kampagnen bleiben symbolisch und alibihaft, wenn sie nicht durch weitere Maßnahmen vorangetrieben werden. Das ist die eine bekannte und berechtigte Kritik. Aber bei manchen Aktionen steckt der Fehler schon im Symbolischen selbst. So etwa bei dem, was sich Deutschlandstiftung und Deutsche Fußball-Liga ausgedacht hatten.

Von Nicole Selmer

Vergangenes Wochenende war Aktionstag in der Fußball-Bundesliga: Alle Erstligisten verzichteten auf ihren Trikotsponsor  und trugen stattdessen das Motto einer von der Deutschlandstiftung Integration ins Leben gerufenen Kampagne zu Markt bzw. aufs Feld. Genau genommen, verzichteten also die normalen Trikotsponsoren auf Werbung, zumindest alle bis auf Bayern-Sponsor Telekom, die Partner der Deutschlandstiftung ist, nach Kritik laut Bericht des Handelsblatts jedoch ihr Logo unter einer geplanten Dankesanzeige entfernen ließ. Ein Nebenschauplatz.

„Geh deinen Weg“ stand also nun auf den Trikots aller Spieler, wobei „Geh“ und „Weg“ etwas größer gedruckt waren, sodass sich das Ganze aus einiger Entfernung eher als „GEH WEG“ las. Aktionstag Integration, wie gesagt. Auch ohne diese grafische und möglicherweise auch Freudsche Unbeholfenheit allerdings bleibt das Motto „Geh deinen Weg“ einer bestimmten Haltung verhaftet. „Integration“, Zusammenleben verschiedener Menschen, Kulturen, Ethnien wird zuerst und zuletzt als zu erbringende Leistung der zu integrierenden Minderheiten gedacht, der bei entsprechender Anstrengung dann freie Entfaltung zugestanden wird. In der taz schrieb Daniel Bax, die Losung habe „etwas arg Forderndes“ und zwar sehr einseitig: „Aber was, wenn sich jemand dir in den Weg stellt? Dazu sagt die Kampagne nichts.“

„Wir und Die“
Allerdings schließt die aktuelle Aktion der Bundesliga in diesem Gestus gut an die letzte, 20 Jahre zurückliegende Kampagne an, die auch eine Reaktion auf die Anschläge von Rostock-Lichtenhagen war. Deren Motto hieß „Mein Freund ist Ausländer“ und konstruierte in einer möglicherweise gut gemeinten, aber dennoch ignoranten Haltung eine ganz ähnliche unabänderliche Gegenüberstellung von „Wir“ und „Die“: Wir Deutschen und die Ausländer konnten 1992 auch Freunde sein, wenn „wir“ es sagen. Zwanzig Jahre später nun rufen „wir“ „euch“ zu: „Geh deinen Weg (oder eben „Geh weg“), das wird schon irgendwie“. Dass die NPD in Dortmund, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel den Aktionstag begleitete, die Gelegenheit nutzte, um Flyer mit der Aufschrift „Geh deinen HEIMWEG“ zu verteilen, sei dabei nur eine Randnotiz.

Dass es auch im Rahmen von symbolischen Aktionen, die wirkliche Handlungen und Veränderungen immer schuldig bleiben müssen, anders geht, zeigte vor einigen Wochen der Zweitligist Dynamo Dresden. Im Pokalspiel gegen den Chemnitzer FC war der Dynamo-Spieler Mickael Poté von Chemnitzer Fans rassistisch beschimpft worden, Dynamo Dresden nahm das zum Anlass, auf der eigenen Vereinswebsite etwas klar zu machen: „Wir sind ein bunter Haufen“.  Nicht nur weil hier klar benannt wird, worum es geht, nämlich um Rassismus – und das ist auch 2012 keine Selbstverständlichkeit. Sondern auch weil sich der Verein in seinem Statement als „Wir“ definiert und damit auch die Vorstellung einer Gemeinschaft und Gesellschaft benennt, in der Freundschaft (trotz unterschiedlicher Herkunft) nicht von der einen Seite gewährt wird und in der nicht eine Seite die andere ermuntert oder auffordert, doch ihren Weg zu gehen, wohin auch immer. Der Dynamo-Weg ist lang, aber es müssen ihn alle gehen: „Es geht um Mut, ums Thematisieren, um Reaktionen. Es geht darum, nicht müde zu werden. Nicht aufzuhören. Und immer wieder klar zu stellen: Wir sind ein bunter Haufen! Merkt euch das!“

Die Ethik der Erpressung …

… oder: Wie Eintracht Frankfurt beim Versuch der Eindämmung brandgefährlicher Ultras aufs moralische Glatteis gerät.

Von Redaktion Publikative.org

Bengalos beim Spiel Dortmund - Dresden (Foto: Ultras Dynamo)
Häufig Stein des Anstoßes: Pyrotechnik (Foto: Ultras Dynamo)

Unter dem Motto „Spende statt Strafe“ will Eintracht Frankfurt ab sofort „neue Wege“ gehen, verkündet der Verein auf seiner Webseite. Denn: „in der Debatte um Pyrotechnik, Wurfgeschosse, Kollektivstrafen und vermeintliche Fanprobleme“ wolle man „einen neuen, einen anderen Weg einzuschlagen und gleichzeitig die üblichen Aktion-Sanktion-Mechanismen verlassen.“ Was zunächst mal interessant klingt, hat allerdings einen ziemlich großen Pferdefuß: Der Verein möchte nämlich 50.000 Euro an die deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) spenden, um damit so genannte „Typisierungen“ zu finanzieren, mit deren Hilfe potentielle Knochenmarkspender registriert werden können, um im Falle eines Falles zur Verfügung zu stehen. Eine Knochenmarkspende ist für an Leukämie (Blutkrebs) erkrankte Menschen oft die letzte Rettung. Aber: Mit jeder DFB-Strafe, die der Verein kassieren sollte, also im Falle des Einsatzes von Pyrotechnik, bei einem Feuerzeugwurf etc.,  werden die 50.000 Euro um den Betrag der Verbandsstrafe gekürzt.

Mit anderen Worten: Wenn die Eintracht-Ultras zündeln, werden eben ein paar hundert Knochenmarkspender-Typisierungen weniger finanziert – und damit potentiell mehr leukämiekranke Kinder ihrem tödlichen Schicksal überlassen. Die Hamburger Ultra-Gruppierung Chosen Few kommentiert dieses Vorgehen zutreffend mit: „Wenn noch mal gezündet wird, stirbt dieser kleine Hund! Oder eben ein krebskranker Mensch, weil mit dem fehlenden Geld ja theoretisch durch eine Typisierung ein geeigneter Knochenmarkspender hätte gefunden werden können. Hier werden todkranke Menschen instrumentalisiert, um Vereinspolitik und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.“ Dem können wir uns nur anschließen: Was hier mit fragwürdiger Moralisten-PR versucht wird, ist nichts weiter als eine besonders perfide Form der moralischen Erpressung.

Ob darüber hinaus eigentlich noch irgendwem auffällt, dass es seit Lostreten der Gewaltdebatte zu scheinbar immer mehr Gewalt kommt? Wir haben da mittlerweile leider wenig Hoffnung. Dass man mit seinem Strafenkatalog ohnehin an Grenzen stößt, mussten Eintracht Frankfurt und der DFB übrigens erst am vergangenen Freitag erfahren müssen: Trotz eines „Verbots“ von Gästefans waren 500 Dynamo-Anhänger nach Frankfurt gefahren und hatten sich erst im Stadion lautstark zu erkennen gegeben. Ein Bild, das symbolisch für die verquere Sicherheitspolitik des Verbandes steht, denn so schafft man ganz sicher nicht mehr Sicherheit für alle Beteiligten.

Siehe auch: Unsportliches Sportgericht, Ultras: Wer mit dem Feuer spielt, Heiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer, Fußball, Schwachsinn, DFB, Die Polizei fordert …

Dahin, wo es weh tut!

Es gibt ein erstaunliches Missverhältnis bei der Berichterstattung über Fußballfans: Bei nahezu keinem anderen Thema unterscheiden sich das Erleben der vielen Beteiligten und die mediale Repräsentation der Ereignisse derart eklatant. Schafft die Zunft der Sportjournalisten sich selbst ab?

Von Redaktion Publikative.org

Was haben die Ereignisse in der Alsterdorfer Sporthalle vom vergangenen Freitag und die Ausschreitungen vor der Partie Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden gemeinsam? Ganz einfach: Beide sind einzelne Perlen in einer langen Kette medialen Versagens bei einer der ureigensten Aufgaben und Existenzberechtigungen von Journalismus überhaupt: Nämlich dem Versuch, das, was man gängigerweise Realität nennt, halbwegs adäquat abzubilden.

Fußballfans waren in der landläufigen Wahrnehmung in den 1980er Jahren ungefähr das, was von Aufklärung und Fortschritt ungefähr soweit entfernt schien, wie die Wehrsportgruppe Hoffmann: Saufender, rechtsradikaler Pöbel, der sich Wochenende für Wochenende prügelte, ohne Sinn und Verstand, lost boys, in jeder Hinsicht. Die Linke rümpfte die Nase, die Rechte sah wahlweise ein Sicherheits-Problem oder einen instrumentalisierbaren Gegenpol gegen den vermeintlich oder tatsächlich grassierenden Linksradikalismus.

„Sogenannte Fans – der Sport spielt für uns keine Rolle. Gewalt und Randale ist das was zählt. Wir schlagen alles kaputt – alles kaputt.“
(Ostmaul – „Sogenannte Fans“)

Ungefähr aus dieser Zeit muss die Herangehensweise vieler Sportjournalisten stammen, dass man über diese Gruppe in etwa in der gleichen Weise schreiben und berichten kann wie über Primaten kurz vor der Menschwerdung. Selbst wenn die Protagonisten heute zum Teil deutlich jünger sind, scheinen kulturelle Codes aus jener Zeit weiterhin äußerst mächtig zu wirken: Fußballfans haben keine Lobby, weil sie der organisierten politischen Linken verdächtig erscheinen und für die Rechte mittlerweile nur noch Störfaktor im Spaßbetrieb einer längst millionschweren Unterhaltungsindustrie sind.

Die potentielle Gewalttätigkeit von Fußballfans ist daher mindestens im gleichen Maße geächtet wie öffentliches Rauchen, Alkohol trinken im ÖPNV und fettes, ungesundes Essen: Von der grünen Öko-Erziehungsdiktatur bis zur konservativen Repression abweichenden Verhaltens trifft das ungehörige Gebaren dieser zumeist jungen Männer auf eine Phalanx bürgerlichen Unverständnisses, auf Abscheu und den Willen zur Repression. Weil der innere Schweinehund auf den Redaktionsfluren und in den Amtsstuben längst erfolgreich domestiziert wurde, sollen nun gefälligst auch alle andern die Schnauze halten – und zwar endgültig. Ansonsten setzt es spaßige Stahlgewitter bürgerlichen Spießertums – von Stromberg bis Pfefferspray. Vernichtung von Familie, Beruf und Existenz wegen eines geworfenen Bierbechers? Kein Problem, „selber Schuld“ ruft der Lynchmob der selbstgerechten Pseudo-Weltverbesserer. Die Frage nach der Relation stellt sich nicht mehr.

„Und sie sind so gebildet und natürlich furchtbar schlau – sie sind niemals mit dabei, wissen alles genau!“
(Muff Potter – „Der Hundescheißetrick“)

Doch schreibt und filmt die Zunft der Berichterstatter oft weitgehend am Publikum vorbei: „Ich Kriegsgewinnler“, schrieb Norbert Harz von St. Pauli-Fanblog Magischer FC vor wenigen Tagen angesichts der Klickzahlen seines vom Medien-Mainstream massiv abweichenden Blog-Posts. Und wir können uns anschließen: Ganze sieben Absätze über ein Ereignis, das ganz offensichtlich keinen erfolgreichen Polizeieinsatz konstituieren kann, reichten für mehr als 25.000 Abrufe in drei Tagen und zahlreiche Zitate – teilweise mit, teilweise ohne Quellenangabe. Vom betroffenen St. Pauli Fan, der jedem Klischee entspricht, bis zum Mitfünfziger Marketingleiter und Eintracht-Frankfurt-Dauerkartenbesitzer reichen die Zuschriften derjenigen, die – aus völlig unterschiedlichen Gründen – die polizeiliche und mediale Beschreibung der Ereignisse für einen einzigen Witz halten, weil ihnen ihre jahrelange Erfahrung eben eine völlig andere Interpretation nahe legt.

Das alles ficht die Gilde der hauptberuflichen Sportjournalisten kaum an. Noch kann man sich bisweilen königlich amüsieren und auf den der Klowänden des Sportjournalismus bezahltermaßen „seine Meinung“ kund tun und dazu aufrufen, dass die „St. Pauli-Bosse“, die vermeintlich „zur Gewalt aufrufen“ „gestoppt werden müssen“. Jetzt rächt sich die in Fankreisen bereits oft parodierte und eindimensionale Darstellung des FC St. Pauli als „Kultverein“, wohl die inhaltsleerste Umschreibung, die in den vergangenen 20 Jahren erschaffen worden ist. Von der Realiät, die eigentlich zu beschreiben wäre, ist all das mittlerweile vollkommen entkoppelt: Stattdessen drischt man medial auf Pappkameraden ein, die man selbst erfunden hat. Waren die „Pauli-Piraten“ seit Ende der 1980er Jahre allesamt tanzende, kreative und stets gutgelaunte Alternativ-Freaks, ist nun vom Krawall-Club die Rede, bei dem paramilitärisch gedrillte Ultras die Marschrichtung vorgäben.

„Und für Bärbel Schäfer bin ich von mir aus ein Faschist. Und für den Hool von nebenan bin ich so gern ein Kommunist.“
(But Alive – „Pete“)

Leider wird dabei übersehen, dass die Gewaltdiskussion bei St. Pauli bereits vor 20 Jahren geführt wurde, als einige Haudegen für ihre Gewaltbereitschaft fanintern als linke  Hooligans kritisiert wurden. Der Grat zwischen Selbstverteidigung gegen Neonazis und Bock auf Boxen ist schmal – auf jeden Fall deutlich zu schmal für die Geländewagen der Boulevard-Journalisten, die nun von einem Extrem (Kult) ins andere (Krawall) kippen, weil Differenzierung nicht gefragt ist. Dementsprechend wird auch die politische Auseinandersetzung bewusst klein geredet: Hitler-Grüße sind auf einmal „Provokationen“ – und keine Straftaten mehr. Nazis haben aber die unangenehme Angewohnheit, dass sie von vorneherein gewaltbereit sind, weil dies ihrer politischen Ideologie entspricht. Die Erkenntnis mag einige Medienvertreter hart treffen, aber die gehen nicht weg, wenn man sie lieb drum bittet. Natürlich wäre es Aufgabe der Polizei, derlei Straftaten zu unterbinden. Schade nur, wenn sie es eben nicht tut. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich hat auch der FC St. Pauli gewaltbereite und gewalttätige Fans.  Weder waren diese jemals allesamt friedlich, noch sind sie heute überwiegend gewalttätig.

Spiegelverkehrt kommen diese Zerrbilder auch im Fall Dynamo Dresden zur Anwendung: War der „Kultverein des Ostens“ nach Stadion-Neubau, Aufstieg und Pokalsieg gegen Bayer Leverkusen eben noch „auf einem guten Weg“ und ein „positives Beispiel in der häufig tristen Fußballlandschaft Ostdeutschlands“, wurden nach den Ausschreitungen bei Borussia Dortmund wieder alle Register gezogen: „Unverbesserlich“, „Horden von 100-Kilo-Hühnen“, „Große Teile der Dynamo-Fans nicht zu kontrollieren“  hieß es nun, und die Forderung „Ausschließen! Auf unbestimmte Zeit!“ wurde vom DFB dann mit dem Pokalaus für Dynamo auch prompt umgesetzt – zumindest für eine Saison. Dass die Welt nicht schwarz und weiß wie Zeitungsspalten, sondern bisweilen ganz schön grau ist – ist offenbar zu viel Erkenntnis für die Kollegen, dafür haben sie keine Zeit, die nächste PK wartet schon.

„I’ve been laying, waiting for your next mistake – I put in work, and watch my status escalate“
(Gang Starr – „Work“)

Zum Glück allerdings werden wir alle – sofern „wir“ nach 1960 geboren sind – das Ende dieser Art von so genanntem Journalismus noch erleben: Diejenigen, die Fußballstadien immer nur aus der Perspektive der VIP-Tribünen gesehen haben und dennoch der Meinung sind, dass das Abtippen von Polizeiberichten schon Ausweis ihrer beruflichen Daseinsberechtigung ist, werden ihr blaues Wunder in Zeiten des Internets schon noch erleben: Sport-BILD-Kommentator Hesse wird sicherlich viel Zustimmung für seine Abrechnung mit St. Pauli ernten, fraglich nur von wem. Viele Fußballfans, die sich zwar nicht zum Anhang der Braun-Weißen zählen, dafür aber selbiges bis Drei können, ahnen, dass ihr Verein der nächste sein könnte, der als Oberrandale-Sau durchs mediale Dorf getrieben werden könnte, während die Polizei auch den stümperhaftesten Einsatz kritiklos abbuchen kann. Die Unzufriedenheit mit dem etablierten Sportjournalismus hat bereits zu Alternativen wie den „11 Freunden“ und dem „Ballesterer“ geführt – und diesen eine große Leserschaft beschert. Es darf gemutmaßt werden, wer Publikationen wie die „Sport-Bild“ langfristig lesen wird, aber knapp 15 Prozent Auflageverlust allein in den letzten zwei Jahren lassen ahnen, wohin die Reise gehen könnte.

Man mag es kaum glauben, aber wenn man nachts lange genug wach bleibt, kann man der Tagesschau vor 20 oder auch 30 Jahren tatsächlich entnehmen, dass damals selbst Nachrichtenjournalisten es wagten, der Darstellung der Polizei zu widersprechen. Zu sehen sind verschwommene Demo-Bilder von irgendwoher. Menschen rennen hin und her, Blaulicht, Wasserwerfer, Tränengas. Und der Sprecher aus dem Off sagt: „Nach Angaben der Polizei … wir haben allerdings im Gegensatz dazu beobachtet, dass …“.

„A friend of a friend he got beaten. He looked the wrong way at a policeman.“
(Kaiser Chiefs – „I predict a riot“)

Liebe Kollegen, es ist an der Zeit, dass Ihr dahin geht, wo es nach Pfefferspray riecht. Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder merkt, aus welchem Material Polizeiknüppel sind. Es ist an der Zeit, dass Ihr Euch nicht mehr wie geladene Gäste, sondern wie von der Öffentlichkeit bezahlte, kritische Beobachter des Zeitgeschehens benehmt. Kurzum: Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder Euren Job macht.

Ansonsten werdet Ihr erst etwas merken, wenn Eure Auflage Eurem kaum noch vorhandenen Aufwand entspricht. Dann, wenn selbst der letzte Dorfbewohner im Emsland das Märchen der universellen Bedrohung durch den Ultra von nebenan nicht mehr hören kann, wenn die letzte Pressemitteilung der Polizei beim letzten Stadionbesucher nur noch ungläubiges Achselzucken hervorruft, dann nämlich haben Huffington Post & Co. Euren Job übernommen.

Siehe auch: Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung, Überbieten und Strafen, Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen, Distanzlos gegen Fangewalt, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung

Laut Spiegel Online rätselt die Hamburger Polizei nach eigenen Angaben über den Auslöser der Massenschlägerei in der Alsterdorfer Sporthalle, die am Freitagabend für den Abbruch des traditionsreichen „Schweinske-Cup“-Hallenturniers in eben jener Hamburger Halle sorgte.

Redaktion publikative.org

Nun, den Kollegen kann geholfen werden: Wie nämlich selbst der Veranstalter mittlerweile erkannt hat, war der Auslöser die Anwesenheit von ca. 80-120 gewaltbereiten Hools des VfB Lübeck und wohl auch des Hamburger Sportvereins (HSV) in der Halle. Diese hatten sich dort zum Zweck der Provokation, des Fahnenklaus und der Ausübung ihres Verständnisses von Freizeit-Kampfsport eingefunden. Seit Jahren nämlich nutzt die Fanszene des FC St. Pauli den Schweinske-Cup, um sich in der Halle zu inszenieren und davon YouTube-Videos zu machen. Viele andere Fanszenen haben ebenfalls „ihr“ Turnier oder ein ähnlich gelagertes jährliches Event, wo man sich kollektiv mit neuen Songs in Ekstase singt und sich einfach abfeiert:

Woran mag es also gelegen haben, dass dieses Jahr kein Stimmungs-Sing-Sang dokumentiert wurde, sondern eine Gewalt-Eskalation? Doch nicht etwa an „Gästen“, die sich an der Party nicht beteiligen wollten? Denn exakt diese wollten die Lübecker und Hamburger „Jungs“ dieses Jahr den verhassten „Zecken“ eben nicht gönnen und zettelten erfolgreich Stunk an.  In der Halle befanden sich bis zu 1.000 St. Pauli-Fans, von denen laut Hamburger Polizei exakt 230 ebenfalls gewaltbereit gewesen seien. Wie man diese Zahl errechnet hat, obwohl man nach eigenen Angaben noch mit der Auswertung des Geschehens beschäftigt ist, entzieht sich unserer Kenntnis.

Klar ist jedoch Folgendes: Wenn man den polizeilichen Auftrag hat, gewalttätige Auseinandersetzungen zu unterbinden, und es dann zu eben jenen kommt, und man dann innerhalb einer geschlossenen Räumlichkeit massiv Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzt, und wenn man dann eine Massenpanik mit zu verantworten hat, und es dann Eltern gibt, die nicht wissen, wohin mit ihren Kindern, und man dann 21 verletzte Zuschauer beklagen muss, wovon acht ärztlich im Krankenhaus behandelt werden mussten, über 40 Personen, die sich wegen „Reizstoffwirkungen“ von Rettungskräften die Augen spülen lassen mussten, und 14 verletzte Beamte, und das Turnier schließlich nach nur einem Tag abgebrochen werden muss, dann hat man wohl schlechterdings seinen polizeilichen Auftrag mangelhaft oder gar nicht erfüllt. Punkt.

St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei
St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei

Hier beginnt das eigentliche Rätsel, denn wie immer in solchen Fällen fühlen sich die allermeisten Medien leider nicht bemüßigt, kritisch zu hinterfragen, inwieweit ein Polizeieinsatz, der mehr Verletzte (darunter laut Augenzeugen zahlreiche Kinder) nach sich zieht, als das ganze Geschehen vorher, nicht als völlig unverhältnismäßig bezeichnet werden muss. Stattdessen wird gebetsmühlenartig das Bild der gewaltbereiten Chaoten bedient, die an allem und jedem Schuld sind, was im konkreten Fall auch nicht völlig falsch, aber deswegen leider noch lange nicht richtig ist.

Die politische Dimension (natürlich waren unter den Hools der VfB-HSV-Connection auch Nazis, oder zumindest Leute, die gerne den deutschen Gruß zeigen und andere als „Zigeunerpack“ titulieren) wird genauso ausgeblendet wie das eklatante polizeiliche Versagen: Wozu gibt es „szenekundige Beamte“, wenn diese noch nicht mal merken, dass ein Mob geschlossen anfängt zu randalieren, damit andere zum Bannerklau starten können? Warum geleitetet man eben jenen Mob inklusive des mithilfe schweren Raubes erbeuteten Materials „sicher“ aus der Halle, verhaftet aber anschließend 72 gegnerische Fans? Warum hat sich augenscheinlich niemand darüber gewundert, dass VfB-Anhänger zwar 100 Karten für den Freitag aber laut „Lübecker Nachrichten“ keine einzige für den Samstag haben wollten? Warum hat man die Lübecker, die laut Polizei bereits beim Einlass das Sicherheitspersonal angriffen, überhaupt unkontrolliert durch die Halle spazieren lassen?

Nein, rätselhaft ist am Geschehen in der Alsterdorfer Sporthalle gar nichts: Eine sorgfältig formierte und in ihrem Sinne äußerst motivierte Hool-Gang hat sich vorgenommen, St. Pauli bei „deren“ Turnier mal zu zeigen, was eine Harke ist – mit beachtlichem Erfolg. Begünstigt allerdings durch eine unfähig agierende Polizei, die sich selbst auch einen Tag später noch genauso erschütternd uninformiert zeigt, wie am Abend selbst. Und begünstigt durch eine medial-vermittelte Öffentlichkeit, die weder das Geschehen, noch den Polizeieinsatz zu bewerten in der Lage ist – dass irgendwer der angesprochenen Beteiligten einfach mal seinen Job macht –  möglicherweise auch noch gut – das wäre wohl zu viel verlangt.

Der FC St. Pauli schreibt in einer Stellungnahme: Es hat sich vielmehr eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, die ihren Ausgang jedoch nicht im Verhalten der Fans des FC St. Pauli hatte. Wenn die Polizei ihrem Dienstauftrag nachgeht und Straftäter verfolgt, so hat dies für jeden nachvollziehbar und auf dem Boden der Rechtstaatlichkeit zu erfolgen. Eine Anwendung unmittelbaren Zwangs darf nie eine solche Zahl an unbeteiligten Opfern zur Folge haben!  

Siehe auch: “Tolle Kulisse”: TeBe-Fans flüchten von HallenturnierAngriff der “Karlsbande”: Offener Brief an die Alemannia, Alle Meldungen aus der Rubrik Fußball.