„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“?

Schlecht gemeint und schlecht gemacht: Die Sendung „horizonte“ im HR-Fernsehen zur ARD-Toleranzwoche übertraf noch die ärgsten Erwartungen. Heraus kam ein Sittengemälde eines verunsicherten Bürgertums, das sich realen gesellschaftlichen Fortschritt trotzig verweigern will. 

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Bereits in der vergangenen Woche haben wir uns über einige Motive der Werbekampagne zur ARD-Themenwoche Toleranz gewundert, die Vorurteile und Diskriminierungen eher zu bestätigen als zu hinterfragen schienen. Auch die Ankündigung einer Talkshow des HR mit dem Gast Matthias Matussek, der seit einiger Zeit eher durch Intoleranz gegenüber Schwulen und anderen Minderheiten auffällt – und für eine nicht gerade tolerante, erzkatholische Wert- und Morallehre streitet, machte uns stutzig. Nachdem die Sendung „horizonte“ ausgestrahlt worden war, waren wir zunächst eher sprachlos. Doch damit ist es nicht getan.

Wo soll man anfangen? Vielleicht einfach chronologisch bei der Anmoderation, in der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard im Brustton der Überzeugung verkündet: „Komme mir bitte keiner und sage, Deutschland sei kein tolerantes Land. Im Gegenteil! Wer, wenn nicht wir?“ Bemerkenswerterweise widerspricht sich Schmidt-Degenhard bereits einen Satz später, indem er ebenso überzeugt kund tut, ihm „gehe der Tanz um die Toleranz ziemlich auf den Geist“. Einerseits ist Deutschland also das toleranteste Land der Welt, aber wehe einer sagt was anderes. Dann ist offenbar Schluss mit lustig. Obwohl damit eigentlich schon der Rest der Sendung gekonnt zusammengefasst wäre, geht es jetzt erst richtig los. Schmidt-Degenhard setzte die Leidensmiene auf und fragt: „Was müssen wir nicht alles tolerieren?“ Völlig unklar bleibt, ob Schmidt-Degenhard hier versucht, in der Bevölkerung vorhandene Emotionen aufzugreifen und wiederzugeben – oder es einfach seine eigenen Plattitüden sind. Nichts wird eingeordnet, der Toleranz-Überdruss erklärt sich offenbar von selbst.

Was folgt, ist einer der bemerkenswertesten Einspielfilme, der in den letzten Jahren in einer Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu sehen gewesen sein dürfte. Zunächst sieht man einen Ausschnitt aus einem Zeichentrickfilm, der bei Kindern für die Akzeptanz von Fremden werben soll. Es folgen Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die alle jeweils hart aneinander geschnitten „Toleranz“ sagen. Roth gleich dreimal, damit sich auch wirklich alle Zuschauer erinnern, welche „Gutmenschen“ besonders nerven mit dieser ewigen Toleranz.

Die gute alte Zeit

Anschließend läuft in dem Filmchen der Schlager-Hit „Ein bisschen Frieden“, dazu sehen wir eine Gruppe junger Menschen zu Besuch bei Joachim Gauck im Schloss Bellevue. Die Gruppe ist bunt gemischt, erkennbar am Kopftuch, das hier ebenso wie Hautfarbe als Marker eingesetzt wird. Als nächstes ist die Eurovisions-Gewinnerin Conchita Wurst zu sehen, im Hintergrund dudelt wie als perfider Gegensatz aber nicht „Rise like a Phoenix“, der Gewinner-Song der österreichischen Dragqueen, sondern weiter Nicole – aus einer Zeit, als beim Grand Prix noch anständige Mädchen harmlose Liedchen über die Sehnsucht nach Frieden trällerten. Für die harte Politik waren hingegen noch echte Männer zuständig.

Und heute? Da muss sich, wie in dem Einspielfilm gezeigt wird, eine Kanzlerin mit dem Zentralrat der Juden beschäftigen, weiterhin sind betende Muslime zu sehen, eine Gruppe schwuler Männer beim CSD und der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere als schwul outete. Dass er damit genau nicht ein Symbol „grenzenloser gesellschaftlicher Toleranz“ ist, weil als aktiver Profifußballer eben nicht offen schwul leben konnte, scheint der Redaktion nicht einmal aufgefallen zu sein. Anschließend wechseln sich Szenen von der Frankfurter Börse ab mit einer Gruppe von Männern, die auf der Straße an einer Hauswand lehnen. Und dann folgen Altkanzler Helmut Schmidt beim Rauchen und schließlich Edmund Stoiber – mit einem erneut schnell geschnittenen „Toleranz“-Stakkato. Selbst große alte Haudegen wie Stoiber müssen sich dem Zeitgeist und dem Terror der politischen Korrektheit beugen, so offenbar die Botschaft.

Der Sprechertext textet auf diese Bilder, beginnend mit dem Empfang der Gruppe beim Bundespräsidenten und endend mit Helmut Schmidt:

„Sind wir nicht längst das toleranteste Land der Welt? Schmeißen bewährte Ansichten über Bord, alle sollen machen, was sie wollen. Wir finden es gut – egal, ob beim schwulen Fußballprofi oder den Zockern von der Börse. Bei denen, die den ganzen Tag herumlungern oder bei dem, der qualmt, ohne zu fragen, ob er darf.“

Es ist schon eine reife Leistung, in so einen kurzen Film so viele Stereotype und Unbehagen über die Moderne zu verpacken. Doch dabei bleibt es nicht; nach „unser“ strapazierten Toleranz folgt der Bruch – und es kommen die zum Zuge, die sich nicht von rauchenden Sozen, Schwulen oder Muslimen auf der Nase herumtanzen lassen wollen: Pöbelnde Mitglieder der „Berserker Pforzheim“ schreien „Leck mich am Arsch“ und „Scheiß Islamisten“ in die Kamera. Es sind Bilder von der Hooligans-gegen-Salafisten (HoGeSa)-Demo in Köln. Die besoffenen Hools dürfen sich über reichlich Verständnis freuen, man könnte auch sagen: Toleranz. Der Sprechertext fragt: „Doch wie lange geht das gut? Was brodelt unter der Oberfläche? Geht der Schuss nach hinten los?“ Dann folgt erneut die Kanzlerin, die noch einmal Toleranz und „Offenheit von Mensch zu Mensch“ beschwört – vor dem Hintergrund der direkt zuvor gezeigten Hassbilder offenbar ein ironisch gemeinter Schnitt, unterlegt mit sphärischer Sakralmusik.

"Kategorie C" in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner
Sarrazin auf prollig – Hools gegen Salafisten in Köln, Foto: Felix M. Steiner

Gruppen von Menschen, in denen es offensichtlich auch „Nicht-Arier“ gibt, eine erfolgreiche Dragqueen, Juden, Muslime, schwule Männer und (offenbar als Steigerung?) schwule Fußballprofis, ein rauchender Altkanzler und die „Zocker von der Börse“ – diese Gruppen (von der bizarr eingesetzten Einzelperson Helmut Schmidt einmal abgesehen) werden als Herausforderung „unserer“ Toleranz präsentiert. Die filmische „Antwort“ liefern dann die HoGeSa-Aktivisten, die symbolisch dafür stehen sollen, dass es womöglich nicht mehr lange „gut gehen“ könnte, dass da unter der Oberfläche der falschen oder verlogenen Toleranz der Zivilgesellschaft etwas „brodelt“, was „nach hinten losgehen könnte“ – trotz der Predigten der Toleranz-Apostel.

„Ende der Utopie namens Multikulturalismus“

Nazi-Hools als Vollstrecker des Überdrusses gegen den „Tanz der Toleranz“, der auch dem Moderator in seiner Anmoderation „ziemlich auf den Geist geht“. Das erinnert an einen Kommentar aus der FAZ, in dem Jasper von Altenbockum die Ursache für rassistischen NSU-Terror mit “einer Minderheit von Muslimen” in Verbindung gebracht hatte, die sich nicht integrieren wolle. Und auch das war natürlich kein Ausrutscher: Zum 20. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits bewiesen, dass die rechtsoffene Flanke des deutschen Konservatismus keine Erzählung aus der Vergangenheit ist.

In seinem Kommentar machte wiederum von Altenbockum aus dem rassistischen Mob ein Fanal der Vernunft gegen eine vermeintlich verfehlte Asylpolitik. Für den FAZ-Redakteur markierten die Ausschreitungen und Mordanschläge Anfang der 1990er das „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“:

Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre, denen Mordanschläge wie in Mölln und Solingen folgten, markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus. Sie war gerade erst geboren worden und trug schon den Keim des Scheiterns in sich. Die Vision einer neuen Gesellschaft, in der die alten, spießigen Bürger keinen Platz mehr haben sollten, wirkte im Osten doppelt fatal.

Auch hier wird die Ursache der rassistischen Gewalt nicht im Rassismus gesehen, sondern sie wird der “Multikulti-Ideologie” untergeschoben. Und so hat rassistische Gewalt für von Altenbockum offenbar eine positive Funktion – so wie ein reinigendes Gewitter:

Erst ‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung. Erst der ‚Asylkompromiss‘ des Jahres 1993, erst die Änderung des Grundgesetzes und erst die Regulierung der bis dato mehr oder weniger schrankenlosen Einwanderung haben es möglich gemacht, in die Nähe eines gesellschaftlichen Konsenses über Rechte und Pflichten in einem Einwanderungsland zu kommen – ja, erst einmal darüber, ob Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist oder nicht.

Und heute sind es die HoGeSa, die beim „Tanz um die Toleranz“ nicht mehr artig mitwippen wollen und „endlich“ eine „ehrliche“ Debatte über die Toleranz ermöglichen?

Und der bedrohten Spezies des „alten, spießigen Bürgers“ wurde in der Sendung horizonte reichlich Raum gegönnt. Denn nach Anmoderation und Einspieler durfte der Publizist Matthias Matussek in den folgenden 30 Minuten noch ausführlich nachlegen. Um den Umfang des Artikels nicht endgültig zu sprengen, soll auf Matusseks Ergüsse nicht ausführlich eingegangen werden, es waren seine erwartbaren und üblichen Textbausteine.

„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“

Mathias Matussek in "Horizonte" (Screenshot)
Hatte sich kürzlich als „homophob“ bezeichnet: Matthias Matussek (Screenshot Horizonte).

Die tapfer kämpfende Ellen Ueberschär hatte deutliche Mühe, zivilgesellschaftliche Basics gegen Matusseks aufgeregte und stellenweise wütende Ausführungen und einen scheinbar mit ihm sympathisierenden Moderator zu verteidigen. Mehr als einmal musste sie die beiden daran erinnern, um was es bei der „Toleranz“ gegenüber Schwulen geht: um „Menschenrechte“ und „Menschenwürde“. Auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehöre, weil hier nun einmal Millionen Muslime leben, schien eine intellektuelle Überforderung für ihren Kontrahenten darzustellen.

Dass das Unbehagen, das wir und viele andere angesichts der Sendungsankündigung hatten, völlig berechtigt war, bestätigte Redaktionsleiter Schmidt-Degenhard im anschließenden Chat zur Sendung, in dem er auf Kritik unter anderem entgegnete, „meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend.“ (sic!)

Womit wir dann beim Kern des Problems angekommen wären: Wenn dem Moderator Homophobie „nicht zwangsläufig menschenverachtend“ erscheint, ist Matussek natürlich auch niemand, der sich außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens bewegt. Selbstverständlich kann es 2014 nicht mehr Standard sein, dass zwei äußerst prominente Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft plus Moderator nur „über“ Schwule und Muslime reden, ohne dass die betreffenden Gruppen eine Chance erhalten, für sich selbst zu sprechen. Zumal dann, wenn einer der geladenen Gäste auch noch massiv auf deren Gefühlen herumtrampelt und ihnen offenkundig zum Teil schlichtweg Grundrechte vorenthalten will.

Doch das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren immer wieder in einzelnen Punkten entschieden, dass die homosexuelle Lebenspartnerschaft der Ehe gleichzustellen sei, steuerrechtlich, im Hinblick auf das Adoptionsrecht und das Familienrecht. Eine vollständige formale Gleichstellung der hetero- und homosexuellen Ehe ist daher längst überfällig – und es ist eines der großen gebrochenen Wahlversprechen der SPD, dass ihr dieser Punkt bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union im Ergebnis schlichtweg egal war.

Bemerkenswert ist, dass eine so konzipierte Sendung ausgerechnet im Rahmen der ARD-Toleranzwoche läuft – und dass die im Vorfeld kritisierte Ankündigung alles andere als ein Ausrutscher oder Versehen war. Äußerst präzise wurde die Perspektive der Sendung vorweggenommen und beschrieben: Der kleine Mann, der in der Kantine zwei Minuten auf sein Schweineschnitzel warten muss, weil irgendeine Kopftuch-Else wegen religiöser Sitten aus dem Morgenland nervt. Der kleine Mann, der sich angewidert wegdreht, wenn sich zwei Männer trauen, in der U-Bahn ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen.

Das Potpourri der „Feindgruppen“

Konsequent wird diese Perspektive des bedrohten deutschen, männlichen „Normalbürgers“ durchgehalten, der auch beim Thema Sex nicht mehr weiß, woran er ist. Irgendwie ist überall Sex, aber er bekommt immer zu wenig davon ab. Käuflicher Sex, Prostitution, schwule Darkrooms im Frankfurter Bahnhofsviertel, irgendwie ist alles dasselbe – und kaum durchschaubar. Als Höhepunkt eines weiteren horizonte-Einspielfilms kommt ein angetrunkener Mann vor einer Bar im Rotlichtbezirk zu Wort, der mit dem Autor bei einer Flasche Bier darüber sinniert, ob Toleranz nicht auch bedeute, dass Männer Frauen nun mal nach dem Schema „die ist geil, die auch, und die auch“ bewerten. „Aber sie geben es nicht zu!“, empört sich das verhinderte Alphamännchen schließlich – verdammte feministische Nervensägen.

Es fehlt bei diesem merkwürdigen Moral-Aufguss des 50er-Jahre-Miefs eigentlich nur noch der Beamte der Sittenpolizei, der aber kumpelhaft ein Auge zudrückt, weil auch er genau weiß, wie hart das Los der Männer heutzutage ist. Mit spielerischer Lust auf verschiedenartige Sexualität und Offenheit für Veränderungen hat das alles auf jeden Fall wenig zu tun, auch wenn es unverkrampft daherkommen soll.

Auf den Schlussakkord zum Feindbild Börsenspekulant gehen wir nicht mehr ein, darauf konnte sich selbst Matussek kaum einen Reim machen. Die Themenzusammenstellung war einfach ein erratisches Potpourri, das sich an den vermuteten „Feindgruppen“ des Mehrheitspublikums orientierte:  Schwule, Migranten, Muslime, Sozialschmarotzer, Emanzen, Spekulanten. Die bedrohlich formulierte Anfangsfrage, ob „der Schuss nicht bald nach hinten losgeht“ gibt die Leitidee wieder: diesen Vorurteilen „breiten Platz und Raum“ einzuräumen, damit das Publikum nicht auf die Idee kommt, „Volksverräter“ zu brüllen und auf HoGeSa-Demos zu gehen. Doch diese „Taktik“ wird nicht funktionieren.

Das Reden über andere

Denn das das Reproduzieren von Stereotypen, das abwertende Reden über andere, die nicht anwesend sind, taugt nicht dazu, Ressentiments abzubauen. Vielmehr werden Vorurteile so erst recht perpetuiert, weil der mit solchen vor dem Fernseher sitzende Zuschauer sich dadurch bestätigt fühlt, dass seine Ressentiments „endlich auch mal im Fernsehen“ offen ausgesprochen werden. Dass es in Gestalt von Ellen Überschär auch eine marginalisierte Gegenstimme gab (gegen „provokante“ Ankündigung, „provokante“ Moderation, „provokante“ Einspieler und Matussek), spielt für die verstärkende Wirkung kaum noch eine Rolle. Denn bei solchen „Gutmenschen“ hört der Wutbürger einfach weg, zumal wenn ihm vorher mit Claudia Roth als dreifach eingespielte tolerante Nervensäge schon der Weg dazu bereitet wird.

Diversity-Konzepte, an denen wirklich kein Mangel besteht, fanden in dieser Sendung keinen Platz. Vielmehr hielt die Redaktion an der vermeintlichen Provokation fest. Das Ergebnis wirkt wie das Sittengemälde eines „Normalbürgers„, der sich weiterhin konsequent und trotzig dem realen gesellschaftlichen Fortschritt verweigern möchte – und damit zunehmend in Gefahr gerät, ins Reaktionäre abzudriften.

Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus

Ishema Kane lebt mit ihrer Mutter in Frankfurt am Main. Ihr Vater ist Senegalese. In einem Brief erklärt die Neunjährige der ZEIT, warum diskriminierende Sprache verletzend ist. Sie ist nicht der Meinung, dass es deutschen Feuilletonisten überlassen bleiben sollte, den akzeptablen Sprachgebrauch in Kinderbüchern zu definieren. 

Von Andrej Reisin

Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013
„Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht – jetzt darf man noch nicht mal mehr …“ (Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013)

Letzten Donnerstag ging es im Leitartikel des ehemaligen Feuilleton- und Literaturchefs der ZEIT, Ulrich Greiner, um nichts weniger als um „Zensur“ und Artikel 5 des Grundgesetzes, der eben diese untersagt. Was war geschehen? Nun, in den Neuauflagen von Büchern wie „Die kleine Hexe“ oder „Pippi Langstrumpf“ werden – „behutsam“, wie es der Verlag im Fall der „kleinen Hexe“ formulierte – Wörter ersetzt, die diskriminierenden Charakter haben. Aus dem „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf ist so bereits vor einiger Zeit der „Südseekönig“ geworden.“

Darüber empört sich nun Greiner in der ZEIT, und mit ihm ein – man kann es leider nicht anders nennen – Mob an Bildungsbürgern, denen nichts wichtiger erscheint, als rassistische Sprache in Kinderbüchern für schützenswert zu erklären. Laut Greiner dürfe man denjenigen „deutschen Kindern“, zu deren „Lesebiographie“ Bücher wie Pippi Langstrumpf gehörten, nicht „die Erinnerung stehlen.“ Wer mit Ishema und ihrer Mutter Katharina über ihre Erfahrungen spricht, bekommt eine Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben muss, als Mutter und Tochter entdeckten, mit welchem Anliegen sich Deutschlands renommierteste Wochenzeitung am vergangenen Donnerstag an ihre Leser wandte.

//
http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js

Als die Mutter die Wut ihrer neunjährigen Tochter sah, schlug sie ihr vor, einen Leserbrief zu schreiben, den wir im Folgenden dokumentieren (siehe unten). Ishema sagt im Gespräch: „Ich finde das doof, denn mein Vater ist schwarz und wir sind beide keine ‚Neger‘ – und genauso sind das auch alle anderen Afrikaner nicht. Das verdirbt doch die Kinderbücher nicht, wenn das Wort da nicht mehr drinsteht.“ Katharina ergänzt: „Ich sehe es nicht ein, dass mir als Mutter jetzt quasi diktiert wird, ich solle meiner Tochter ‚erklären‘, dass solche Wörter früher ’normal‘ waren – und sie sich bitte schön nicht verletzt fühlen soll.“

An dieser Empathie fehlt es – wie bei ähnlich gelagerten Debatten – in Deutschland leider an allen Ecken und Enden. Was antisemitisch, rassistisch, sexistisch ist, bestimmen der Stammtisch und die graumelierten Herren an den Sturmgeschützen der Demokratie – auf keinen Fall aber die Betroffenen oder gar die verhassten „linken Gutmenschen“. Ishemas Stimme zeugt davon, wie viele unterschiedliche Menschen in Deutschland leben und aufwachsen. Sie alle haben ein Recht darauf, vor Diskriminierung und Herabwürdigung so gut es eben geht geschützt zu werden. Die Mehrheit hingegen hat kein Recht, sie zu demütigen – auch nicht mit verletzenden Wörtern in Kinderbüchern.

Leserbrief Ishema Kane

Siehe auch: Der vergessene Genozid, In einem fernen Land …, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Gericht: Racial Profiling nicht zulässig, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Beschneidung der Vernunft, Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf, Es gibt keinen Rassismus mit Herz!, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, GEH mir WEG damit, Zerstörter Glaube, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Das Problem heißt Rassismus, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

Der „Focus“ und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denken

Auf dem Titelbild des aktuellen „Focus“ sind zwölf Frauen zu sehen, die gemeinsam sagen: „Wir wollen keine Frauenquote!“ Diese Frauen, so sagt uns die Unterzeile, „rebellieren“ gegen „Staats-Diktat und Gleichmacherei“. Bei dieser polemischen „Rebellion“ gegen eine Frauenqoute darf Familienministerin Kristina Schröder in erster Reihe natürlich nicht fehlen.

Ein Kommentar von Andrej Reisin

Sie wollen keine Quote: "Starke Frauen rebellieren gegen Staats-Diktat und Gleichmacherei", so der "Focus" in seiner Montagsausgabe. (Bild: Focus-Cover / publiaktive.org)
Sie wollen keine Quote: „Starke Frauen rebellieren gegen Staats-Diktat und Gleichmacherei“, so der „Focus“ in seiner Montagsausgabe. (Bild: Focus-Cover / publikative.org)

Zunächst einmal lohnt sich ein Blick auf die Kronzeuginnen des „Focus“: Zu ihnen gehören fünf Erbinnen, deren „Leistung“ vor allem darin besteht, dass sie nun einmal in die Familien hineingeboren wurden, in die sie hineingeboren wurden – und nun das Erbe verwalten, indem sie das angeschlossene Familienunternehmen leiten. Was jetzt nicht heißen soll, dass sie ihre Jobs nicht trotzdem sehr gut können. Aber natürlich waren die Startbedingungen, das Erbe, das Geld, die Bildung und eben der Nachname auch ganz hilfreich.

Hinzu kommen unter anderem zwei Schauspielerinnen und eine Spitzensportlerin, die in ihrem Beruf kaum in die Situation kommen können, bei der Vergabe einer Rolle oder einer Startposition aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert zu werden. Auffallend ist überdies die optische Konformität der gezeigten Personen: Offenbar lohnt es sich für die Karriere in Deutschland, wenn frau eher wohlhabend, eher blond, eher schlank, eher langhaarig, eher dem herrschenden Schönheitsideal entsprechend, eher heterosexuell, leicht gebräunt und gut gekleidet ist. Wer hätte das gedacht?

bobs_logoPublikative.org ist für die Bobs nominiert – hier abstimmen – täglich wieder!

Die größte Rebellin von allen: Kristina Schröder

Immer schon gegen staatliche Bevormundung? Bundesfamilienministerin Kristina Schröder
Immer schon gegen staatliche Bevormundung? Bundesfamilienministerin Kristina Schröder

Die seit eh und je gegen eine Quote argumentierende Familienministerin Kristina Schröder hingegen verdient besondere Beachtung. Schließlich ist sie überhaupt nur an ihren Posten gekommen, weil sie a) in der hessischen CDU und b) eine junge Frau war, die die Union dringend brauchte, um die mehr als verbrauchten Minister des hessischen Landesverbandes zu ersetzen. Aufgefallen war sie zuvor mit markigen Sprüchen zu Integration und Extremismus, unter anderem erfand sie eine „Deutschenfeindlichkeit„, die wissenschaftlich nicht belegbar ist. Eine Qualifikation im engeren Sinne zur Leitung eines der wichtigsten und vom Etat her größten Ministerien? Fehlanzeige. Seitdem profiliert sich Quotenfrau Schröder mit ihrer Quotenablehnung, aber auch mit anderen Themen, wie zum Beispiel der Einführung einer „Extremismusklausel“.

Familienministerin Kristina Schröder verlangt via Twitter "Bekenntnisse".
Familienministerin Kristina Schröder verlangt via Twitter „Bekenntnis“.

Darin heißt es, dass Initiativen nicht den Anschein erwecken dürfen, „extremistische Strukturen“ zu unterstützen – und auch deren Kooperationspartner nicht. Damit könnte jede Äußerung, die staatliche Stellen als linksextrem interpretieren, schon ausreichen, um Fördergelder zu verlieren. Eine Art staatlicher Gesinnungs-TÜV, den Kristina Schröder erfunden hat und für den sie trotz aller rechtlichen Bedenken genauso unverdrossen kämpft wie für eine Quote für deutsche Musik im Radio. Und nämliche Kristina Schröder profiliert sich laut „Focus“ nun also gegen staatliche Einmischung und Bevormundung? Wem da das Lachen im Halse stecken bleibt, ist sicher eine linksextreme Quotenfrau. Mindestens.

Das „Leistungsprinzip“

Das „schönste“ Argument bei jeder Quotendiskussion ist das sogenannte „Leistungsprinzip“: Nicht nach Geschlecht soll es demnach bei der Karriere gehen, sondern nach „Leistung“. Was eigentlich die Frage aufwerfen sollte, ob all die weißen, heterosexuellen Männer mit deutsch klingenden Nachnamen ihre Chef-, Vorstands- und Aufsichtsratsposten haben, weil sie nun einmal die leistungsstärksten Bewerber waren? Um es klar zu sagen: Dem ist natürlich nicht so. Wie könnte es auch? Wieso sollten Frauen in einer Gesellschaft, die aktuell zu knapp mehr als der Hälfte aus Frauen besteht, die wiederum die Mehrheit der Abiturienten und neuerdings auch der Uni-Absolventen mit erstem Hochschulabschluss stellen, so krass unterrepräsentiert sein? Warum sollte die mit Abstand „leistungsfähigste“ Gruppe ausgerechnet die genannte männliche Klientel sein?

In Wirklichkeit ist offensichtlich, dass das  „Leistungsprinzip“ unausgesprochen bestimmte Kandidaten bevorzugt. Ginge es nämlich wirklich um die „Besten der Besten“ – so wäre anzunehmen, dass sich eine heterogene Klientel durchsetzen würde, in der alle gesellschaftlich existierenden Gruppen halbwegs analog zu ihrem Gesamtanteil vertreten wären. Dem ist aber nicht so. Und dafür gibt es Gründe – und zwar strukturelle. Dazu gehört zum Beispiel, dass Kinderbetreuung und -erziehung nach wie vor mehrheitlich und maßgeblich „Frauensache“ sind. Dazu gehören zum Beispiel in Bezug auf Migrant/innen aber auch signifikant schlechtere Chancen auf höhere Bildung. Und schließlich kommt es bei der Karriere maßgeblich auch auf Beziehungen, die Familie, die Partei, das Absolventen-Netzwerk, die studentische Verbindung und sonstiges „Vitamin B“ an.

An Letztgenanntem basteln Männer seit Jahrhunderten, zum Teil unter explizitem Ausschluss von Frauen und „Nicht-Deutschen“ (Burschenschaften). Deswegen sind „die Chefredaktion, der Vorstand, der Aufsichtsrat mehrheitlich von Männern besetzt„, wie Barbara Vorsamer in der Süddeutschen Zeitung schreibt. Und diese Gruppen haben wissenschaftlich erwiesenermaßen nun einmal die Tendenz, wiederum ihresgleichen in ihre Mitte zu holen. Im Ergebnis ist der Chef dann meistens männlich, weiß, verheiratet und heißt eher Hartmann als Özcan. Mit „Leistung“ hat das alles nichts zu tun – und mit dem „Unwillen“ oder „Versagen“ der Frauen schon gar nicht. Es handelt sich schlicht und ergreifend um institutionelle Diskriminierung.

Es ist daher an der Zeit, den Spieß umzudrehen: Anstatt von Quotenbefürworter/innen zu verlangen, sie sollten erklären, warum sie das „Leistungsprinzip“ aushebeln wollten, mögen die Quotengegner/innen von „Focus“ bis Familienministerium bitte zunächst erläutern, warum die krasse Über-Repräsentation von weißen deutschen Männern „zufällig“ dem „Leistungsprinzip“ folgen sollte. Kleiner Tipp: Verweise auf Genetik und „natürliche Dispositionen“ sind nicht erlaubt, denn wir reden über Politik und Gesellschaft, also gestaltbare Phänomene.

//
http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.js

Quote heißt: Mehr Chancen für alle

Mit einer Quote würde dagegen endlich ein Schritt in Richtung eines tatsächlichen Leistungsprinzips getan. Quote heißt, dass Besetzungen endlich einmal nicht dem „Ich kenne da übrigens noch den Herrn xyz aus dem Controlling. Der wäre sehr geeignet.“-Prinzip folgen, sondern einer tatsächlichen Bewertung der Leistung. Quote sorgt dafür, dass heterogen besetzte Gremien ihrerseits auch wieder eine heterogenere Auswahl treffen. Es geht daher um weit mehr als nur eine Frauenquote. Sondern in der Folge geht es auch darum, tatsächliche Chancengleichheit zu fördern und dafür zu sorgen, dass auch kleine, dicke, „hässliche“ Menschen, die vielleicht auch noch einen für deutsche Personaler „unaussprechlichen“ Nachnamen haben, eine faire Chance auf eine gut bezahlte Führungsposition haben, wenn sie qualifiziert sind.

Denn die Folgen institutionalisierter Diskriminierung und die damit verbundene Demütigung sind spürbar – vor allem für Frauen – aber eben auch für andere diskriminierte Gruppen und in letzter Instanz auch für zahlreiche Männer, die ihre Privilegien an anderer Stelle teuer bezahlen – zum Beispiel, in dem sie das Aufwachsen der eigenen Kinder häufig mehr oder minder komplett verpassen. Letzteres ist nicht der schlagende Grund für eine Frauenquote, aber eben einer von hunderten. Auf lange Sicht profitieren auch alle Männer, die durch das Raster der gegenwärtigen Männlichkeitsklischees fallen – und deshalb eben auch keine Lust auf Führungsgremien haben, in denen irgendwelche „Old Boys“-Netzwerke zusammen Golf spielen, Schwulenwitze reißen und auf Firmenkosten in den Puff nach Barcelona fahren.

Für die Unternehmen bietet sich wiederum die Chance, einem diversifizierten Weltmarkt mit diversifizierten Führungsgremien zu begegnen, die mit qualifizierten, aber ganz unterschiedlichen Menschen besetzt sind und dadurch einen viel weiteren Erfahrungs- und Entscheidungshorizont haben, als ein deutscher Altherrenwitz-Verein. Doch auch, wenn man die Optimierung der deutschen Wirtschaft unter globalen Wettbewerbsbedingungen nicht für das vordringlichste Ziel emanzipatorischer Politik hält, bleibt folgender Fakt: Eine demokratisch verfasste Gesellschaft, in der die Mehrheit der Bevölkerung von der eigenen Arbeit lebt, mindestens die Hälfte dieser Bevölkerung aber offensichtlich nicht dieselben Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, befindet sich in einem unerträglichen Zustand. Die Schlechterstellung und -bezahlung von Frauen ist daher nach wie vor eines der größten Defizite dieser Demokratie. Und allein deshalb brauchen wir als ersten Schritt eine Frauenquote. Mindestens.

Siehe auch: Putzgutschein über 350 Millionen Euro, Asoziale an die Macht!?, Antifeministisch und reaktionär, Unsinnig und rechtswidrig: Extremismusklausel abschaffen!Schlappe für Schröders Extremismusklausel, Kristina Schröders Kuschelworkshop für Neonazis, Der Verantwortung nicht gewachsen, Demografie als Mittel der sozialpolitischen DemagogieHalbzeitbilanz: Schwarz-Gelb spaltet die GesellschaftDie Sarrazin-Debatte und Rassismus in der Leistungsgesellschaft, Schröders “Bespitzelungsklausel” Thema im Bundestag, “Deutschenfeindlichkeit”: Schröders “rechter Aktionismus”, “Programme gegen Extremismus”: Fakten bitte!

Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag

Der Bund Katholischer Ärzte (BKÄ) hat auf dem Deutsche Katholikentag in Mannheim Psychoanalyse und homöopathische Behandlungen gegen Homosexualität angeboten. Erst nach Protesten distanzierten sich die Organisatoren des Kirchentreffens von der schwulenfeindlichen Propaganda. 

von Roland Sieber

Lesbisch-schwule Initiativen protestierten den ganzen Samstag über mit Sit-ins und spontanen Protesten vor dem Infostand. Teilweise schritt die Polizei höflich gegen das kritische Publikum aus bis zu 40 Schwulen und Lesben ein und ermahnte diese, Abstand zu halten.

Der katholische Bund gab am Montag bekannt (Rechtschreibfehler wie im Original von der Presseinfo entnommen):

„Auf den offiziellen Informationsstand der BKÄ-Ärztevereinigung auf dem 98. Deutschen Katholikentag Mannheim sind in einer organisierten Aktion mehrere Angriffe unternommen worden. Stein des Anstoßes und der Empörung waren ärztliche Aussagen zur Homosexualität und der Hinweis am Infostand auf spezifische Fachinformationen zu diesem aktuellen Thema.

Am Samstag Nachmittag, 19.5.2012, war es zu stundenlangen Belagerungen und Blockade des Informationsstandes gekommen, wobei der ordentliche Informationsbetrieb üner katholische Ärztearbeit fast zu Erliegen gekommen war. Die beiden Ärzte wurden in stundenlange Diskussionen verwickelt, bis die Polizei einschreiten musste, um den Zugang zum Infostand für die Katholikentagsbesucher wieder zu ermöglichen.

[…] Kaum jemand konnte und wollte sich eine geistliche / ärztliche Hilfe bei Homosexualität vorstellen. Die Empörung über dieses Angebot mischte sich mit einem generellen Haß aus alles Kirchliche / Katholische.“

Nach Augenzeugenberichten wurden von zwei katholischen Ärztevertretern am Samstag folgende Aussagen in Mannheim gemacht:

„Homosexuelle entsprechen nicht den sittlichen Normen. Diese sittlichen Normen werden aus einzelnen Passagen des alten Testaments, wie Sodom und Gomorra, abgeleitet.“

„Schwule sind krank. Sie haben zwar eine „positive Krankheit“ aber dennoch eine Krankheit. Krankheiten im negativen Sinne, sind Menschen mit einer Behinderung.“

„Die Menschen sollen doch in würde Sterben, und nicht an HIV. Da wäre es besser mit der Titanic unter zu gehen.“

Ob die Polizei diese Aussagen und die Flugblätter der Standbetreiber auf mögliche Straftatbestände hin überprüfte, ist nicht bekannt. Diese konnte Samstagabend den Eingang von Strafanzeigen wegen Volksverhetzung weder bestreiten noch bestätigen, aber am Montag gingen mehrer Anzeigen wegen Beleidigung gegen den katholische Bund ein. Auf den verteilten Flyern wird Homosexualität unter anderem als „Psychische Störung“ und „Reifungs- und homoerotische Empfindungsstörung“ bezeichnet. Fotos der Flugblätter machen seit Samstag auf Facebook die Runde (VorderseiteRückseite).

Florian Wiegand von der Homosexuellen-Gruppe „Delta Boys“, einem Projekt der Psychologischen Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar, sprach von einem skandalösen Vorgang: „Derartige Hasstiraden sind unerträglich und verstoßen gegen die Menschenwürde“. Der CSD Rhein-Neckar erklärte:

„Wir sind immer noch sehr erschrocken, wie solche menschenverachtenden und diskriminierenden Stände Bestandteil des Katholikentags sein konnten und erwarten hierzu eine klare Stellungnahme von Seiten der Katholikentagsleitung.“

Proteste gegen die schwulenfeindliche Propaganda
Proteste gegen die schwulenfeindliche Propaganda

Ein Pressesprecher der Stadt Mannheim bestätigte, dass es keine Kontrollen auf Jugendgefährdung durch das Jugendamt auf dem Katholikentag gab. Es gäbe zwar Rundgänge des Ordnungsamtes aber inwieweit der Stand der katholischen Vereinigung auf den Missbrauch des Ärztetitels oder auf eventuelle weitere Ordnungswidrigkeiten und Straftatbestände hin geprüft wurde, konnte er nicht sagen. Am Sonntagmorgen schob eine Pressesprecherin der Stadt Mannheim alle Verantwortung auf die Anmelder des Deutschen Katholikentags. Dieser wurde als Markt angemeldet und für die einzelnen Stände sei somit deren Organisationsteam zuständig. Die Pressestelle des Katholikentags gab am Samstag wiederum auf Nachfrage bekannt, dass alle katholischen Initiativen die einen Stand beantrag haben diesen ohne Kontrolle von der Geschäftsstelle des Katholikentags genehmig bekommen hätten, da für die inhaltliche Kontrolle die Stadt Mannheim verantwortlich sei.

Nachdem Samstagabend überregionale Nachrichtensendungen über die schwul-lesbischen Proteste berichteten, ruderte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) am Sonntag zurück und distanzierte sich mit allem Nachdruck sowohl von dem Ärztestand als auch von deren inhaltlichen Aussagen. Dr. Martin Stauch fand im Regionalfernsehen RNF als Geschäftsführer des Katholikentags positive Worte zu den friedlichen Protesten. Die farbenfrohe Aktionen gegen die menschenverachtenden Ansichten des Bundes Katholischer Ärzte beurteilt der schwul-lesbische Arbeitskreis der Mannheimer Grünen als vollen Erfolg.

„Wir erfuhren am Freitag vom Stand des BDAE und den Ansichten, die dort vertreten werden. Sofort war klar: Gegen diese homophoben Thesen müssen wir gemeinsam aktiv werden. Wir waren überrascht und überwältigt von der Resonanz: CSD-Verein, Szenewirte und viele weitere Initiativen und Parteien beteiligten sich spontan am bunten Protest”,

erzählt Tobias Heck als Sprecher des Arbeitskreises begeistert, bevor Jürgen Kaufmann ergänzte:

„Lesben und Schwule sind nicht entpolitisiert: Wir müssen und werden weiterhin wo nötig für die Rechte von Lesben und Schwulen kämpfen und uns gegen Diskriminierung und Diffamierung wehren.“

Der AK SchwuLes hofft, dass die Organisator*innen des nächsten Katholikentages in Regensburg den medizinisch unhaltbaren Ansichten des Bundes Katholischer Ärzte keine offizielle Bühne mehr geben werden.

„Wer solche Ansichten öffentlich ohne wissenschaftliche Basis vertritt oder gefährliche Mutmaßungen in medizinischem Gewand in Umlauf bringt, sollte bedenken, dass dies nicht ohne Folgen bleibt: In Deutschland und weltweit sind Lesben und Schwule immer noch von vielem ausgeschlossen, diskriminiert und von Gewalt zumindest bedroht, gerade mit der Begründung, sie seien krank. Das weltoffene und tolerant Mannheim hat dagegen am Samstag gezeigt: Gesellschaftliche Vielfalt ist möglich und Homophobie – Hass auf Lesben und Schwule – ist heilbar“,

so Heck. Diese Aussage wird in einem aktuellen Spiegel-Artikel unterstrichen. Da die sogenannte „Konstitutionsbehandlung“ nicht nur wissenschaftlich widerlegt ist, sondern auch psychische Krankheiten bei betroffenen Menschen auslöst, geht die Bundesärztekammer gegen die katholischen Ärzte vor und entzog einigen der religiösen Fundamentalisten zumindest die  kassenärztliche Zulassung. Nach Augenzeugenberichten soll es Samstagabend aus dem Organisationsteam des Katholikentags die Zusage gegeben haben, den Bund Katholischer Ärzte zukünftig nicht mehr zuzulassen. Dies konnte das ZdK am Montag noch nicht bestätigen.

Wie der Verein zur Förderung lesbischwuler Kommunikation Wien berichtete, hat der Schauspieler und Sänger Benjamin Franklin Andre am Wochenende eine Facebookgruppe gegen den Münchner Arzt und Vorsitzenden des Bundes katholischer Ärzte, Dr. Gero Winkelmann, gegründet, die innerhalb von zwei Tagen auf über 2.100 Mitglieder anwuchs. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gingen zahlreiche Beschwerden ein. Betroffene Menschen schrieben offene Briefe an Kirchenvertreter*innen und Bundespolitiker*innen. Mannheimer Lokalpolitiker*innen wollen den Vorfall  im Gemeinderat nachbearbeiten: Zu viele Fragen um die Standanmeldung und dessen Genehmigung sind offen.

Siehe auch: Frankfurt verbietet Mahnwache für Naziopfer und Gemeinderätin aus Sachsen: Offener Hass auf Schwule

„Rassismus als eine tödliche Realität in Deutschland“

Für den Politologen und Buchautor Kien Nghi Ha deutet das behördliche Versagen in der NSU-Mordserie auf einen verwurzelten Rassismus hin: „Die übermäßige Toleranz gegenüber rechtsextremer Politik und Gewalt hat eine lange Tradition in Deutschland“, sagt er im Gespräch mit Johnny Van Hove vom Migazin.

Von Johnny Van Hove, in längerer Form zuerst veröffentlicht auf migazin.de, dem unabhängigen Online-Magazin rund um Integration und Migration in Deutschland.

Johnny Van Hove (l.) und Kien Nghi Ha (r.) auf einer Diskussion in Bremen (Foto: www.migazin.de)
Johnny Van Hove (l.) und Kien Nghi Ha (r.) auf einer Diskussion in Bremen (Foto: http://www.migazin.de)

Johnny Van Hove: Während in Sachsen und Thüringen viele antifaschistische Initiativen mit den modernsten Ermittlungsverfahren erfasst werden, durfte die Neonazi-Szene dort ungestört untertauchen, Banken überfallen und Attentate planen. Was sagt das über den Umgang deutscher Sicherheitsbehörden mit den Ermittlungen gegen Neonazis aus?

Kien Nghi Ha: Sicherlich kann man fachliche Inkompetenz, behördliche Desorganisation und andere unglaubliche Fehler im Detail nicht ausschließen. Aber mit Pleiten, Pech und Pannen kann man die Mordserie – wie es zahlreiche Massenmedien tun – schon längst nicht mehr erklären.

Wie erklären Sie sich das behördliche Versagen?

In Deutschland hat die übermäßige Toleranz gegenüber rechtsextremer Politik und Gewalt nicht nur wiederkehrende Konjunkturphasen, sondern auch eine lange Tradition. Die oftmals wenig rühmliche Rolle staatstragender Organisationen und Regierungen im wilhelminischen Kolonialkaiserreich, in der Weimarer Republik, in der Nazi-Diktatur, aber auch im geteilten und wiedervereinten Deutschland deuten in ihrer kontinuierlichen Fortschreibung auf ein strukturelles Problemfeld hin. Ich denke, dass wir diese Frage nur dann sinnvoll diskutieren können, wenn wir die tagespolitische Ebene verlassen und uns mit den Strukturen der deutschen Gesellschaftsgeschichte auseinandersetzen.

Besonders die Ideologie und Macht der nationalen Identitätsform gilt es meines Erachtens zu berücksichtigen. Wir können den subtilen oder offenen Ethnozentrismus der Institutionen nicht verstehen, wenn wir die Jahrhunderte des rassistischen Nationalismus, der europäischen Kolonialerfahrung und die Rassifizierung deutscher Identität aus der Analyse ausklammern. Denn diese historische Machtmatrix beeinflusst – willentlich oder unbewusst, wahrgenommen oder verdrängt – sowohl die politischen Horizonte der NSU, das jetzige Verhalten der Staatsapparate und ihrer Mitglieder, die medialen Reaktionen als auch unsere unterschiedliche politische Betroffenheit und Anteilnahme.

Wie hat die „Rassifizierung der deutschen Identität“ – wie Sie es eben nannten – genau den Weg für die NSU-Mordserie geebnet?

Die Opfer der NSU wurden umgebracht, weil die Betroffenen nicht in das vorgegebene rassifizierte Identitätsbild der Nation hineinpassen. Die fixe Idee der Verteidigung der Nation und ihrer Identität vor dem rassistisch definierten Fremden hat sich dabei als ein wirksames ideologisches Fundament erwiesen, das die politische Mitte mit rechtsextremen und zu einem geringeren Ausmaß sogar mit linksnationalistischen Kräften verbindet. Durch den Ausschluss aus dem kollektiven Selbstbild und den demokratischen Institutionen werden bestimmte migrantische Gruppen als Ziel rassistischer Angriffe kulturell produziert und als politisch verhandelbares Diskriminierungsangebot konstituiert, um soziale Konflikte zu regulieren und die Widersprüche der nationalen Identität auf rassistisch marginalisierte Gruppen zu projizieren.

Wie bewerten Sie den Umstand, dass die Polizei bei den Ermittlungen zunächst die Opfer verdächtigte – die unter anderem bezichtigt wurden in kriminelle Geschäfte der “Drogenmafia” verwickelt zu sein – und Rassismus als Tatmotiv ausschloss?

Dass struktureller Rassismus hier eine wichtige Rolle spielt, ist kaum zu leugnen. Dazu gehört die Tatsache, dass die ermittelnden Sicherheitsbehörden trotz aller Indizien und der langjährigen Ermittlungsarbeit die naheliegenden rassistischen Hintergründe der Morde nicht zu erkennen vermochten. Warum das Offensichtliche negiert und die Ermittler statt dessen lieber auf die diskriminierende Stereotypisierung der Opfer setzten, lässt sich eben nicht mit individuellen Fehlern erklären. So wie ein Großteil der deutschen Gesellschaft ganz selbstverständlich muslimische Migranten klischeehaft krimineller Machenschaften in konspirativen Netzwerken verdächtigt, ging auch die Polizei bei ihrer Arbeit vor.

Umso bezeichnender ist es daher, dass die zuständigen Institutionen, trotz der deutschen NS-Geschichte, des rechtsextremen Terrors Anfang der 1980er- und der rassistischen Gewaltwelle in den 1990er-Jahren, sich Rassismus als eine tödliche Realität in Deutschland nicht vorstellen können. Letztlich reiht sich das Versagen der Polizei in ein etabliertes Muster der kollektiven Fehlleistungen und Realitätsumdeutungen. Dazu gehört die jahrzehntelange Weigerung Deutschland als Einwanderungsgesellschaft anzuerkennen und die hartnäckige Negierung eines gesellschaftlich fundierten Rassismus.

Das gesamte Gespräch können Sie auf www.migazin.de nachlesen.

Siehe auch: Wenn Rechtsterroristen falsch parken, Auschwitz-Komitee appelliert: Handeln Sie endlich!, Die Tat ist die Botschaft, Vernichtung als politisches Programm, Der Verantwortung nicht gewachsen, “Denn neun sind nicht genug …”, Und hier terrorisiert der “Nationale Widerstand”