Welcome to the real world, Europe!

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Photo Credit: DFID – UK Department for International Development via Compfight cc

Die geflüchteten Menschen in Europa sind unter anderem das Ergebnis der fehlenden außenpolitischen Linie der EU. Krieg in Syrien? Arabischer Frühling? Die Europäer halten sich weitestgehend raus. Doch die Festung Europa wird löchrig, verzweifelte Menschen lassen sich durch Seegang und Stacheldraht nicht mehr aufhalten. Sie sind die Boten von schlechten Nachrichten.

Von Patrick Gensing

Es seien vor allem junge Männer, die die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer riskieren – das war in den vergangenen Monaten oft zu lesen. Nun scheinen sich auch noch weit mehr Familien auf den Weg nach Westeuropa zu machen.

Warum? Weil „Welcome to the real world, Europe!“ weiterlesen

Ostfront: Erich Später über eine Vergangenheit, die nicht vergeht

Es gibt Vergangenheiten, die nicht vergehen. Sie sind den heute Lebenden so gegenwärtig, als wären sie gerade erst eben geschehen. Eine dieser Vergangenheiten ist die Shoah. Ihr Plan, ihre Durchführung, die kaum noch vorstellbare Anzahl ihrer Opfer und ihre vielen bis heute spürbaren Nachwirkungen, haben die Welt gewissermaßen „revolutioniert“. Moderne Industriegesellschaften können auch Völkermorde planen und begehen. Das neue Buch des Historikers Erich Später aus Saarbrücken handelt von einem Teil der „Shoah“, dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.

Von Martin Jander

Beginnend mit dem Angriff auf Polen im September 1939 starteten Wehrmacht, SS und Polizei einen Krieg, der sich von den vorherigen Kriegen der Menschheitsgeschichte dadurch unterschied, dass sein Ziel nicht mehr allein die Zerschlagung einer fremden Armee, die Eroberung eines fremden Territoriums, die Unterwerfung der Bewohner dieses Territoriums und die Ausbeutung ihrer Bodenschätze und industriellen Ressourcen war.

Ostfront

Kriegerdenkmal im Schlosspark von Putbus (Rügen), fotografiert im August 2015, Martin Jander

In diesem Krieg ging es seinen Planern zusätzlich um die vollständige Vernichtung der Juden und eine rassische Neuordnung Europas, etwas vereinfacht gesagt, sollte der Krieg die Rassenphilosophie der Nationalsozialisten in die Tat umsetzen. Im Krieg gegen die Sowjetunion verschmolzen Antisemitismus, Rassismus und Antikommunismus zu einem apokalyptischen Amalgam.

Es gelang der Wehrmacht und den ihr nachfolgenden Behörden innerhalb von fünf Monaten des Jahres 1941 etwa 60 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Bevölkerung der Sowjetunion, einer erbarmungslosen Herrschaft zu unterwerfen. Nicht nur die jüdische Bevölkerung der eroberten Gebiete wurde dabei ausgelöscht. Auch die 3.000.000 sowjetischen Kriegsgefangenen wurden dem Hungertod preisgegeben.

Die absolut barbarische Kriegführung sowie die nachfolgende Besatzung, bei der die Auslöschung von Juden, lokalen Eliten, die Vernichtung der Führungsgruppen von KP und Armee, die Aushungerung ganzer Landstriche, die Aufhebung der Kriegsgerichtsbarkeit für Verbrechen an Zivilisten sowie die massenhafte Deportation von Zivilisten zur Zwangsarbeit in Deutschland eine Einheit bildeten, machten sowjetischen Soldaten und Zivilbevölkerung klar, dass eine Niederlage ihren totalen Untergang bedeuten würden. Daraus erwuchsen ein verzweifelter Wille zum Widerstand und eine Mobilisierung aller Reserven, die letztlich eine Niederlage der Wehrmacht ermöglichten. Etwa 27.000.000 Menschen kamen im Krieg gegen die Sowjetunion um, 66 Prozent von ihnen waren Zivilisten.

Erich Später handelt den Krieg gegen die Sowjetunion vom Sommer 1941 bis zu seinem Ende mehr oder minder chronologisch ab. Das Buch ist die überarbeitete Version einer Artikelserie für die Zeitschrift „konkret“. Später schließt sich in seiner Darstellung, die wesentliche neue Forschungen zum Krieg gegen die Sowjetunion auswertet und referiert, der These des Historikers Yehuda Bauer an, der über den Krieg der Deutschen in Osteuropa und den Zweiten Weltkrieg ganz allgemein in seinem Buch „Der Tod des Schtetels“ (Frankfurt, 2013) formuliert hat:

„Hätte es die Rotarmisten nicht gegeben, die vielen Antisemiten unter ihnen eingeschlossen, hätte es auch nirgendwo in Europa jüdische Überlebende gegeben, wahrscheinlich auch kein Israel. Es ist Fakt, dass ein kommunistisches Regime, so totalitär, brutal und korrupt wie es war, den Krieg gegen den Feind der Menschheit gewonnen hat, gegen das schlimmste Regime, das diesen Planeten je geschändet hat.“

Nicht ganz einleuchtend erscheint jedoch der Titel des ausgezeichneten Buches. Später hat ihn vom Historiker Joachim Fest übernommen. Der hatte den Krieg der Deutschen in Osteuropa als „dritten Weltkrieg“ bezeichnet, um seinen ganz besonderen Charakter zu unterstreichen. Der Titel könnte etwas in die Irre führen, so als ob der Krieg im Osten mit dem Krieg im Westen nichts zu tun gehabt habe. Wie bekannt, verstanden die deutschen Nationalsozialisten ihren gesamten Krieg als Krieg gegen die Juden. Der westliche Kapitalismus und die Demokratie wie der Bolschewismus und Kommunismus waren in ihren Augen „jüdische“ Erfindungen und sollten zerstört werden. Anders aber als die Slawen im Osten zählten die Nazis die Bevölkerung von Ländern wie z. B. Frankreich nicht zu den minderwertigen Rassen.

51ponr-tByL._SX327_BO1,204,203,200_Die Stärke des Buches besteht jedoch nicht nur in der chronologischen und sehr detaillierten Beschreibung des deutschen Vernichtungskrieges wie man sie sonst nur in dem sowjetischen Film „Komm und sieh“ von Elem Klimov aus dem Jahr 1985 oder dem lange verschollenen „Schwarzbuch“ von Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg und Arno Lustiger, das 1994 in deutscher Sprache erschien, finden kann.

Wo nötig, bricht Später die Chronologie der Ereignisse auch auf, um die bis heute spürbaren aber schlecht erkannten Nachwirkungen dieses Krieges sichtbar zu machen. Später, der sich in seinen bisher publizierten Büchern – „Kein Frieden mit Tschechien“ (2005) und „Villa Wagner“ (2009) – vor allem mit der Politik der Vertriebenenverbände beschäftigt hat, zeigt an verschiedenen Beispielen, wie Forschung und Publizistik der Bundesrepublik mittels „perversem Antikommunismus“ (Ralph Giordano) oder schlichten Lügen versucht haben, den barbarischen Charakter des deutschen Vernichtungskrieges herunterzuspielen, oder ihn durch das Herausgreifen einzelner Ereignisse mit dem sowjetischen Verteidigungskrieg auf eine Stufe stellen wollen.

Später ist auch keineswegs blind gegenüber sowjetischen Verbrechen und der antiwestlichen wie antijüdischen Politik der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg. In dem Kapitel über das jüdisch-antifaschistische Komitee, das das oben bereits zitierte „Schwarzbuch“ zusammengestellt hatte, schildert Später deutlich die antiwestliche und antiisraelische Politik der Sowjetunion nach der Shoah.

Kurz und knapp ausgedrückt: Das Buch ist ausgezeichnet, liest sich, da seine wesentlichen Teile für eine Zeitschrift formuliert wurden, sehr flüssig und ist auch für einen bereits gut informierten Leser immer wieder neu und überraschend. Wie in seinen anderen Publikationen auch kreist Später immer wieder um den deutschen Opfermythos. Er zeigt im Kern, wie wenig diese Vergangenheit vergehen kann. Das Gros der ehemaligen Täter und ihrer Nachfahren hat sie bislang nicht als Wirklichkeit angenommen und sieht sich meist selbst als Opfer. Von einem öffentlich ausgedrückten Bedauern und dem Versuch einer Wiedergutmachung ist weit und breit nichts zu sehen. Siebenundzwanzig Millionen Menschen sind nicht nur von Deutschen umgebracht worden, sie tauchen auch im deutschen Kollektivgedächtnis kaum noch auf.

Erich Später, Der dritte Weltkrieg, Conte Verlag, St. Ingbert 2015, 298 Seiten, 16.90 €uro, ISBN 978-3–95602-053-7

"Unternehmen Weserübung" – Der Überfall auf Skandinavien

Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)
Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)

Vor 75 Jahren hat die deutsche Wehrmacht Dänemark und Norwegen überfallen. Am 9. April 1940 begann das „Unternehmen Weserübung„. In den folgenden Jahren der Besatzung wählten Norweger und Dänen recht unterschiedliche Strategien. Mit der NS-Herrschaft in Skandinavien beschäftigen sich auch zahlreiche Bücher – drei werden hier vorgestellt.

Von Patrick Gensing

Norwegen und Dänemark waren nicht am 2. Weltkrieg beteiligt, sondern neutral. Dänemark musste wegen der gemeinsamen Grenze mit dem hochgerüsteten und aggressiven Deutschen Reich mit einer sofortigen Invasion rechnen, falls sich das kleine Königreich den Alliierten angeschlossen hätte.

Norwegen verfolgte ohnehin einen streng pazifistischen Kurs und hoffte, an der nördlichen Peripherie Europas vom Krieg unbehelligt zu bleiben. Allerdings wuchs im Laufe des Krieges die strategische Bedeutung Skandinaviens – vor allem der Westküste.

Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940
Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940

Während Dänemarks Regierung nach dem Einmarsch der Deutschen im Amt bleiben konnte und versuchte, die demokratischen staatlichen Strukturen gegen die Deutschen für eine Zeit nach der Befreiung zu retten, setzten die Deutschen in Norwegen eine Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Vidkun Quisling ein. Sein Name steht bis heute in mehreren Sprachen als Synonym für einen Kollaborateur oder Verräter.

In Norwegen kämpfte eine Untergrundarmee, Milorg – militärische Organisation, gegen die Besatzer und brachte den Deutschen in dem unwegsamen Regionen Norwegens einige empfindliche Niederlagen bei. Noch heute finden sich auf den Fjorden alte Fahrzeuge der Wehrmacht, die von Milorg in Sabotageaktionen zerstört wurden. Dadurch mussten die Nazis weit mehr Truppen in Norwegen stationieren, als sie geplant hatten. Diese Einheiten fehlten beim Kampf gegen die Alliierten. Gleichzeitig wurde Milorg nach dem Krieg auch kritisiert, weil ihre Aktionen zu wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen hätten.

Livestream des norwegischen Rundfunks zu den Gedenkfeiern am 9. April

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In Dänemark ließen die Deutschen die gewählte Regierung zunächst weitestgehend agieren – was ihnen den Vorteil brachte, dass weniger Personal für neue Strukturen nach Dänemark beordert werden musste. Ohnehin galten die Dänen und Norweger der Nazi-Rassenideologie zufolge als nordische „Rasse“, so dass auch bald Lebensborn-Programme in Skandinavien aufgezogen wurden. Ein Vernichtungskrieg war hier nicht vorgesehen.

Zu der Besatzungszeit in Norwegen und Dänemark liegen diverse Bücher vor, von denen ich drei hier vorstellen möchte, auch wenn zwei davon bislang leider nicht auf Deutsch vorliegen.

Europas nördlichster Minjan

Mehr als 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt die norwegische Stadt Tromsö. Von Ende November bis Mitte Januar bekommen die knapp 80.000 Einwohner die Sonne nicht zu Gesicht. Dafür können sich die Kinder das halbe Jahr über Schnee freuen.

Tromsö ist bekannt für seine Universität, Fisch und alles, was mit Polarexpeditionen zu tun hat. So erinnert eine Statue an den norwegischen Nationalhelden Roald Amundsen. Nur 30 Meter entfernt steht ein weit weniger bekanntes Monument, das 1995 eingeweiht wurde. Darauf sind die Namen von 17 Männern, Frauen und Kindern zu lesen – sowie die Inschrift »Zur Erinnerung an die Juden aus Tromsö, die in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. In tiefer Ehrerbietung errichtet von ihren Landsleuten. Wir dürfen nie vergessen!«

Die Inschrift ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. So war es weitestgehend unbekannt, dass im fernen Nordnorwegen überhaupt jüdische Gemeinden existiert hatten. Weiterhin ist der Hinweis darauf, dass es sich bei den ermordeten Juden um Landsleute handelte, mehr als eine wohlfeile Formulierung aus einer Sonntagsrede.

Einwanderer

Die Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde in Tromsö beginnt im russischen Zarenreich sowie in Ost-Europa, wo zum Ende des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus tobte. Viele Juden flohen gen Westen, emigrierten in die USA. Einige schlugen den Weg nach Norden ein, denn auf der Suche nach einem friedlichen und abgelegenen Ort lag nichts näher als das ferne Nordnorwegen.

Zentrum und Hafen von Tromsø (Urheber: Tohma)
Zentrum und Hafen von Tromsø (Foto: Tohma)

In seinem Buch Als die Stadt still wurde (Norwegisch: Da byen ble stille) erzählt Henrik Broberg die Geschichte dieser Juden, die es nach Nordnorwegen verschlug. Der Autor hat zahlreiche Details, Dokumente sowie eindrucksvolle Bilder aus privaten Alben zusammengetragen und kann so anschaulich darlegen, wie das Leben der Gemeinde zwischen 1910 und 1945 an der nördlichen Peripherie Europas aussah.

Die Juden in Tromsö wurden schnell zu einem festen Bestandteil der Stadt. Sie waren in den örtlichen Sportvereinen organisiert, bauten kleine Firmen auf, betrieben Handel und engagierten sich sozial. Der Autor erzählt, wie eingewanderte Juden nach einigen Jahren die norwegische Staatsbürgerschaft beantragten – und auch erhielten. Das Königreich im Norden war selbst erst seit dem 17. Mai 1905 unabhängig, und die junge Nation war von neuen humanistischen Ideen geprägt.

Damit war allerdings spätestens Schluss, als 1940 die Wehrmacht Norwegen überfiel. Deutschland setzte eine norwegische Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Quisling ein. Bis heute steht sein Name in mehreren Sprachen als Synonym für Verräter. Unter der Nazi-Herrschaft begann sofort die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Broberg legt eindrucksvoll dar, wie auch Norweger von der Deportation der Juden in die Vernichtungslager profitierten, indem sie konfiszierte Möbel und andere Wertgegenstände ohne Skrupel für einen Spottpreis erwarben.

Besatzer

Besonders die vielen Fotos hinterlassen beim Leser Eindruck und schaffen eine fast emotionale Bindung zu den Protagonisten, was bei einem Sachbuch eine ungewöhnliche Leistung darstellt. Diese Vertrautheit sorgt dafür, dass der Schrecken, den die deutschen Besatzer und ihre norwegischen Handlanger verbreiteten, für den Leser zumindest ansatzweise vorstellbar wird.

So zitiert Broberg aus einem Dokument, das an das Tagebuch der Anne Frank erinnert: Am 5. Juli 1940 wurde in Tromsö Ruth Salkosky geboren. Ihre Geschichte wird anhand eines Fotoalbums erzählt, in dem ihre Eltern etliche Ereignisse notierten. Beispielsweise schrieb ihre Mutter Rebekka am 27. März 1942: »Papa und viele andere Juden wurden heute in Richtung Süden geschickt. Ruth wird nun gebadet und soll dann in ihrem Bettchen schlafen. Sie ist der einzige Trost, den ihre Mutter in diesen Tagen noch hat.«

Vom Nordpolarkreis nach Auschwitz

Das Fotoalbum erlaubt einen tiefen Einblick in die Nöte und Sorgen der Familie Salkosky – und es zeigt, wie die Familie trotz aller Widrigkeiten versuchte, der kleinen Tochter eine möglichst normale Kindheit zu bieten. So schrieb Mutter Rebekka am 5. August 1941: »Anne Liese Caplan ist ein Jahr alt geworden – und wir waren dort auf dem Geburtstagsfest. Ruth bekam dort ihren ersten Kuss von Herrn Harry Caplan, zwei Jahre alt. Der Anblick der beiden war unbezahlbar.« Das Album überlebte den Krieg, obwohl die Polizei es beschlagnahmte, als Ruth und ihre Eltern verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden.

Henrik Broberg hat die Geschichte der kleinen Ruth und weiterer Juden aus Tromsö nun wieder zu Leben erweckt. Das macht ihr Leid nicht ungeschehen, doch sein Verdienst ist es, dass sie nicht einfach vergessen werden. Das Buch Da byen ble stille hätte es verdient, auch in Deutschland veröffentlicht zu werden, da es einen wenig bekannten Teil der jüdischen Geschichte erzählt.

Glorreiches Dänemark: Die Ausnahme

Während sich also auch in Norwegen Bürger nach Enteignungen von jüdischen Mitbürgern bereicherten, kann Dänemark auf eine geradezu vorbildliche Geschichte beim zivilen Widerstand gegen die Nazi-Schergen und deren Vernichtungspläne verweisen.

Der Journalist und Historiker Bo Lidegaard hat mit seinem Buch „Die Ausnahme – Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen“ ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, in dem er nicht nur detailliert die Tage vor der Flucht von 7000 jüdischen Dänen nach Schweden rekonstruiert, sondern auch ein genaues und nachvollziehbares Bild der dänischen Gesellschaft zeichnet.

Dabei wird deutlich, wie sehr sich die dänische Gesellschaft von großen Teilen der Gesellschaft in Deutschland unterschied – und wohl noch immer unterscheidet: Republikanische Werte wurden nicht einfach zum eigenen Vorteil über Bord geworfen – oder ohnehin bekämpft, vielmehr definierten die Dänen ihre eigene Identität weniger über das Dänisch-sein an sich – sondern als zutiefst republianisch. Der dänische Patriotismus wurde pro-demokratisch geprägt und war um Ausgleich bemüht – der deutsche Nationalismus kam hingegen zutiefst antidemokratisch und expansiv daher. Zu der dänischen Identität gehörte auch, Risiken für eine Radikalisierung möglichst präventiv zu bekämpfen, so beispielsweise durch eine gerechte Sozialpolitik – zudem wurden antidemokratische Kräfte nicht auch noch politisch umworben, sondern stigmatisiert.

Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))
Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))

Viele dänische Juden wollten den Gerüchten nicht glauben, als sich Ende September 1943 die Anzeichen verdichteten, wonach die Deutschen eine „Judenaktion“ vorbereiteten. Doch da die demokratischen Institutionen erhalten werden konnten, verbreiteten sich gesicherte Informationen von der Regierung aus schnell im ganzen Land bis in die jütländische Provinz – via Arbeiterpartei, Kirchen und jüdischen Gemeinden: Die Deportation der jüdischen Bürger Dänemarks stand unmittelbar bevor.

Blumen gießen statt Wohnungen übernehmen

Lidegaard zeigt in seinem Buch, wie selbstverständlich sich die Juden des Königreichs Nachbarn anvertrauten, als es um mögliche Fluchtwege oder Verstecke ging. Denunziantentum war offenkundig geradezu undenkbar. Die Nachbarn rissen sich auch nicht die Möbel und Häuser der geflohenen jüdischen Nachbarn unter den Nagel, sondern kümmerten sich um deren Hab und Gut – gossen sogar bisweilen ihre Blumen.

Der "Danmarks Plass" in Jerusalem.
Der „Danmarks Plass“ in Jerusalem.

Im jenem Oktober flohen 7742 Personen in Jachten und Fischerbooten über den Öresund nach Schweden, dänische Juden, nach Dänemark geflohene deutsche Juden, Staatenlose und ihre Angehörigen. 472 Juden wurden von der Gestapo und ihren Helfern gefunden und ins KZ Theresienstadt verschleppt, 423 von ihnen überlebten und kamen im April 1945 nach Schweden. Mindestens 401 Personen haben ihr Leben aufgrund der deutschen Judenverfolgung verloren.

Lidegaard erzählt nicht nur eine dramatische Geschichte, sondern das Buch spendet auch Mut und beinhaltet politische Ideen, die bis heute brandaktuell sind: Politik kann nämlich durchaus ein gesellschaftliches Klima schaffen, „in dem demokratische und humanistische Werte zu einer ganz selbstverständlichen Handlungsanweisung für die Zivilgesellschaft werden„. Man muss es aber auch wollen.

Eine Schule der Gewalt

Trotz des Loblieds auf die dänische Gesellschaft unter der NS-Besatzung: Es gab selbstverständlich auch Dänen, die sich den neuen Machthabern anschlossen, mit ihnen kollaborierten. Mit diesem weniger ruhmreichen Kapitel der dänischen Geschichte beschäftigen sich Dennis Larsen und Therkel Stræde. In ihrem Buch „En skole i vold“ (Eine Schule der Gewalt) dokumentieren die Historiker von der Universität Süddänemark in Odense den Anteil von Dänen an den unfassbar grausamen Verbrechen der Nazis gegen Zwangsarbeiter, Zivilbevölkerung und Juden.

Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)
Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)

Es handelte sich dabei um 800 bis 1000 Dänen, die sich 1942/43 zum Freikorps Dänemark gemeldet hatten. Sie verbrachten ihre Ausbildungszeit im „Waldlager“, einer Militärbasis der SS in Bobruisk, Weißrussland. Hier wurden die jungen Dänen gedrillt – und jüdische Zwangsarbeiter zu Tode geschunden.

Die dänische Einheit beteiligte sich an dem Massenmord sowie dem Kampf gegen angebliche oder tatsächliche Partisanen. Die Verfasser des Buchs „En skole i vold“ setzen dabei den dänischen Anteil an den Verbrechen in den Gesamtkontext des Vernichtungskriegs an der Ostfront und der NS-Herrenmenschenideologie.

Die dänische Tageszeitung Berlingske würdigte das Buch als „ungeheuer wichtig“. Es zeige die verdrängte Grausamkeit von Dänen, die mit den Nazis kollaboriert hatten.

Gleichzeitig sei streng genommen aber nicht eindeutig belegt, betont Af Palle Andersen von der „Historisk Samling fra Besættelsestide„, wie die dänischen SS-Männer konkret agiert hätten. Allerdings seien sie in die „Gewaltkultur“ der SS eingebettet gewesen, daher liege der Schluss nahe, dass sie auch an schweren Gewalttaten beteiligt waren.

Letztendlich erzähle das Buch aber mehr über das deutsche Besatzungsregime im Osten allgemein und in Bobruisk im Speziellen. Hier glänze das Werk durch eine überragende Darstellung und einen großen Reichtum an Details.

Videos zum Thema:

Dänischer Rundfunk aus der Serie „24 timer vi aldig glemme“ (24 Stunden, die wir niemals vergessen): Der 9. April, der Tag als die Deutschen kamen“

Norwegischer Rundfunk mit Originalmaterial aus dem Jahr 1940: Die Deutschen kommen:

Weitere Informationen:

IF

„Sprech ich Spanisch?“

Argentinien gewinnt die WM vielleicht nicht auf dem Platz, aber ganz sicher auf der Straße und den Rängen. Denn mit „Brasil, decime qué se siente“ haben die Argentinier zweifelsohne die beste Hymne – und die TIfo-WM im Alleingang für sich entschieden. Das ist offenbar auch dem „Sportinformationsdienst“ (SID) aufgefallen. Doch die im Titel aufgeworfene Frage, die Matthias Sammer einst aufgebracht einem deutschen Sportreporter stellte, weil dieser ihn Sammers Auffassung nach einfach nicht verstehen wollte, sollte man sich bei der „größten deutschen Sport-Nachrichtenagentur“ (Eigenbeschreibung) vielleicht mal ernsthaft stellen.

Von Andrej Reisin

Warum eine Suchmaschine noch keine Übersetzung macht, zeigen SID und MoPo hier eindrucksvoll. (Foto: Publikative.org)
Warum Worte in Satzstrukturen noch keine Übersetzung sind, zeigen SID und MoPo hier eindrucksvoll. (Foto: Publikative.org)

Denn die „Übersetzung“ die der SID kürzlich an seine Kunden verschickte – und die auch eifrige Abnehmer fand, wie das Beispiel der „Hamburger Morgenpost“ zeigt, offenbart doch erhebliche Schwächen – und zwar sowohl in sprachlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf die fußballhistorische Kompetenz. Ob da ein Praktikant mit dem Google Übersetzer am Werk war? Wir wissen es nicht. Aber kein Thema, lieber SID: Publikative.org hilft gerne aus. Hier zunächst der spanische Originaltext:

Brasil, decime qué se siente,
tener en casa a tu papá.
Te juro que aunque pasen los años,
nunca nos vamos a olvidar.
Que el Diego te gambeteó
que Cani te vacunó
que estás llorando desde Italia hasta hoy.
A Messi lo vas a ver
la Copa nos va a traer
Maradona es más grande que Pelé!

Und hier die freie Übersetzung nebst einigen Erklärungen, die von Jan-Henrik Gruszecki stammen, der 2013 an einer großen Reportage über den argentinischen Fußball mitwirkte:

Brasilien, sag mir, wie es sich anfühlt,
Deinen Papa im Haus zu haben.
Ich schwöre, selbst nach all den Jahren
werden wir niemals vergessen,
wie Diego dich umdribbelte
und Cani(ggia) zustach.
Seit Italien bis heute seid Ihr am Weinen
Ihr werdet Messi sehen,
wie er uns den Pokal zurückbringt
Maradona ist größer als Pelé!

Die Argentinier, die sich und ihre Mannschaft  in dem Song als „Vater“ von Brasilien bezeichnen, beziehen sich auf eine in Südamerika geläufige fußballerische Unterscheidung zwischen Vater und Sohn. Der „Papa“ ist dabei immer das größere Team, das mehr Siege in der Bilanz hat, mehr Titel gewonnen hat, usw. Zwar mag man einwenden, dass diese Auffassung gerade im Hinblick auf die Verteilung der WM-Titel zwischen beiden Nationen (Brasilien: 5 / Argentinien: 2) nicht „ganz“ zutrifft, aber in Argentinien zweifelt niemand daran, die bedeutendere Fußballnation zu sein, was sich nach argentinischer Auffassung auch an deutlich mehr Copa-América-Titeln und deutlich mehr argentinischen Siegern in der Copa Libertadores zeigt. Weiterhin enthält diese Zeile eine Anspielung darauf, dass der Papa beim Sohn eingezogen ist, was ein in Argentinien kein ganz unübliches Familienmodell ist: Wenn die Eltern ein hohes Alter haben, wohnen sie häufig bei den Kindern, die das Geld verdienen.

Die „vergangenen Jahre“ und die Erwähnung von Maradona und Caniggia beziehen sich auf die WM 1990 in Italien und den dortigen 1:0-Sieg der Argentinier gegen den Favoriten Brasilien – nach einem tollen Solo von Maradona und dem anschließenden Treffer durch Caniggia. Argentinien erreichte das Finale, verlor dort aber gegen Deutschland nach einem von Andi Brehme verwandelten Elfmeter im Anschluss an ein „Foul“ an Rudi Völler, das man (nicht nur) in Argentinien für eine klare Schwalbe hielt – allerdings nach zwei Szenen, in denen man zuvor durchaus Elfmeter hätte geben können. Im deutschen Fernsehen sprach man damals von einer „Konzessionsentscheidung„.

Der Rest ergibt sich von selbst. Und hier ist der Song mit „etwas“ mehr Pop-Appeal als „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid!“ noch einmal zum Genießen:

Samy Deluxe: „Fußball-Fans viel schlimmer als Rap-Fans“

Gestern libertär, heute reaktionär: Der Hamburger Vorzeigerapper Samy Deluxe ist bei weitem nicht das erste Popkultur-Sternchen, dass den wertkonservativen Spießbürger in sich entdeckt. Aber getreu dem Motto „Scheiße erkennen – Scheiße beim Namen nennen“, lassen wir es uns nicht nehmen, zu dissen, wer gedisst werden muss.

Von Redaktion publikative.org

In einem Interview mit Sport1, das sich eigentlich um die spüortliche Situation des HSV drehte, fühlte sich Samy Deluxe bemüßigt, folgendes Geplapper von sich zu geben:

Hooligans? Ultras? Alles, was im Leben extrem ist, ist sehr gefährlich. Vielen Leuten fehlt heutzutage der Glaube an innere Werte. […] Was mich schockiert ist, dass Rap immer noch das Unheil der Menschheit sein soll. Dabei sind Fußball-Fans viel schlimmer drauf als Rap-Fans bei einem Konzert. Jeder Fußballer wird mit Millionen-Deals zugeschüttet und das, was da an negativem Kram passiert, schockiert auch, aber die Leute reflektieren das nie auf den Fußball. Sobald ein Rapper Gangster ist, sind wir alle Gangster. Das nervt mich.

Genau. Uns nervt dagegen, wenn Leute unreflektiert vor sich hinbrabbeln, um ihr Weltbild noch ein bisschen besser zementieren zu können. Aber darin gefällt sich Samy Deluxe ja schon länger, spätestens seit er sich berufen fühlte, eine Nationalstolz-Debatte loszutreten, die mit Versen wie „Wir haben keinen Nationalstolz – und das alles bloß wegen Adolf – ja toll schöne Scheiße der Typ war doch eigentlich ’n Österreicher“ untermauert wurde. In diesem Sinne: Dis is wo wir herkommen. Und tschüß.

Typisch deutscher Vorzeigerapper: Samy Deluxe macht Konsensmucke für Mehrheiten. (Foto: filedump | http://www.flickr.com/photos/filedump/ | CC BY-SA 2.0)
Typisch deutscher Vorzeigerapper: Samy Deluxe macht Konsensmucke für Mehrheiten. (Foto: filedump | http://www.flickr.com/photos/filedump/ | CC BY-SA 2.0)

Hunderte Übergriffe auf Christen in Deutschland?

Die BILD und die Welt berichten heute mit Bezug auf die OSZE, es habe im vergangenen Jahr „Hunderte Übergriffe auf Christen“ in Deutschland gegeben. PI-News ist „natürlich“ bereits darauf eingestiegen. Eine Nachfrage bei der OSZE ergibt allerdings ein etwas anderes Bild, genau genommen: Von „Hunderten Übergriffen auf Christen“ kann keine Rede sein.

Von Patrick Gensing

Hier die vollständige Antwort der OSZE auf meine Anfrage (eine deutsche Übersetzung finden Sie in den Kommentaren, danke dafür!):

  Dear Mr Gensing, Hate Crimes in the OSCE Region – Incidents and Responses: Annual Report for 2012, is to be published by ODIHR this Friday, so the figure cited by the newspapers you mention has likely come from an early release of the report. The information for Germany cited below is from the report’s section on crimes and incidents motivated by bias against Christians and members of other religions. It is important to note that the official figures from Germany’s National Point of Contact (NPC) on hate crimes are for crimes based on religious bias in general, and not against Christians in particular. The German government does not report data regarding such crimes against persons or property affiliated with or perceived to be affiliated with specific religions. Also, if I’m not mistaken, such crimes committed with anti-Semitic motivation are reported in a separate category. I hope this information helps, Germany: Official law-enforcement figures recorded 414 crimes based on bias against religion, 18 of which involved violence.[1] The Holy See reported four cases of desecrations to graveyards, 19 cases of church desecrations including against one Orthodox church, three Protestant and ten Catholic churches; a further 16 church desecrations also involving theft of church property, including against one Protestant and six Catholic churches; and one case of graffiti on a church.[2] German authorities have verified these alleged hate-motivated incidents and confirmed that none of them had been recorded by police with a hate motive.[3] The Observatory on Intolerance Against Christians reported one incident in which a Christian icon in a public place was vandalized and two cases of vandalism against a church.[4] [1] Information from the German NPC, 20 August 2013. [2] Information from the Holy See NPC, op. cit., note 345. [3] Additional information from the German NPC received on 7 October 2013. [4] Information from Observatory on Intolerance Against Christians, op. cit., note 193.

Die Welt berichtet von "Hunderten Übergriffen auf Christen in Deutschland".
Die Welt berichtet von „Hunderten Übergriffen auf Christen in Deutschland“.

Auf meine Nachfrage, wie die OSZE die Schlagzeile der Welt bewertet, antwortete ein Sprecher:

As for the headline, it is, unfortunately, based on a misunderstanding of the figure contained in the report to be published this Friday. The 414 cases mentioned in the article were reported by the German authorities under the category of hate crimes committed with a religious bias motivation and, as such, includes crimes committed against persons or property associated with or perceived to be associated with any religion, and not Christianity in particular. The German national contact point on hate crimes does not break down the hate crime data it provides on the basis of individual religions.

Also, as I mentioned, I believe that this figure does not include hate crimes committed with an anti-Semitic motivation, as this data is compiled and reported under a separate category.

Siehe auch: Die Mehrheit als Opfer

Berlin-Hellersdorf: Skaten gegen den Alltagsrassismus

„Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland“ lautete eine viel zitierte Parole in den Neunzigern, die auch der Titel eines gerne gehörten Songs der Band Terrorgruppe war. Getreu diesem Motto hatten Philipp Reiman und die Crew des Pinkhausberlin Skateshops die Idee, der rassistischen Stimmung gegen Flüchtlinge in Berlin-Hellersdorf auf ihre Art zu begegnen: Mit einem Skate-Inn direkt beim Flüchtlingsheim, zusammen mit den Bewohner_Innen und vor allem auch deren Kindern, die sonst aus Angst offenbar nicht aus dem Haus gehen können.

Von Andrej Reisin

Praktische Hilfe kann so einfach sein (Foto: Fabienne Karmann, Pinkhaus Skateshop, https://www.facebook.com/pinkhaus.skateshop)
Praktische Hilfe kann so einfach sein (Foto: Fabienne Karmann, Pinkhaus Skateshop, https://www.facebook.com/pinkhaus.skateshop)

Die Situation in Hellersdorf sei nach wie vor bedrückend, erzählt Philipp Reiman im Gespräch mit Publikative.org: Die Bewohner_Innen trauten sich praktisch nicht aus dem Haus, auch mindestens 30 Kinder hätten somit kaum eine Möglichkeit, draußen zu spielen. Mit ihrer Idee hätten die Skater_Innen vor allem etwas machen wollen, das nicht nur einfach Aufmerksamkeit bringt, sondern „den Bewohner_Innen auch konkret hilft“. Die zahlreichen Proteste gegen die Nazis und Rassist_Innen vor Ort seien natürlich genauso ehrenwert, aber für viele Bewohner_Innen seien „Freund und Feind teilweise nur schwer unterscheidbar. Da werden Parolen gerufen, es ist laut, die Polizei ist vor Ort. Bei vielen löst das einfach nur noch mehr Ängste aus“, erzählt Reiman.

Die Skater_Innen gingen daher behutsamer vor, suchten direkten Kontakt auch zur Leiterin des Heims und durften schließlich als erste Unterstützer_Innen-Gruppe überhaupt direkt auf das Gelände. Zuvor riefen sie via Facebook zu Spenden auf, die dann auch zahlreich im Skateshop abgegeben wurden. Am Tag selbst fuhr man schließlich gemeinsam nach Hellersdorf, um die Spenden zu übergeben und natürlich zu skaten: „Erst kamen nur ein paar Kids“, erzählt Reiman, aber nach und nach seien schließlich fast alle im Haus lebenden Familien nach unten gekommen. Anschließend verbrachte man einen entspannten Tag im Freien, mit viel Musik und guter Laune, wie folgendem Video zu entnehmen ist:

Man habe den Flüchtlingen zeigen wollen, dass es in Berlin durchaus sehr viele Menschen gäbe, die Flüchtlinge Willkommen hießen, schrieben die Initiator_Innen der Aktion unter ihr YouTube-Video. Allerdings kamen nach Angaben von Reiman selbst am Tag des Skatens einige „muskelbepackte Gestalten“ zum Zaun des Geländes und begannen, Bewohner_Innen und Skater_Innen unter bedrohlichen Gesten abzufotografieren und zu filmen. Nach Angaben der Flüchtlinge geschieht dies regelmäßig, zum Beispiel auch dann, wenn Anwohner_Innen Spenden abgeben oder sich zustimmend zum Heim äußern.

Die Zustände in Hellersdorf insgesamt müssen daher wohl immer noch mit Fug und Recht als Schande für Berlin und dieses Land bezeichnet werden: Wenn Kinder, die aus Bürgerkriegsgebieten geflüchtet sind, in Berlin tagsüber nicht auf Spielplätzen spielen, damit sie nicht von deutschen Rassist_innen angegriffen werden, braucht es noch viel mehr Zivilcourage und praktische Hilfe. Die Pinkhausberlin Crew hat gezeigt, wie einfach es geht. Jetzt sind wir alle dran!

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Siehe auch: Protest gegen eine geplante Asylunterkunft, NPD in Hellersdorf auf verlorenem Posten, Neonazis und Polizei gegen Journalisten, Berlin-Hellersdorf – Zwischen Bürgermob und Neonazis, Neulich in Kreuzberg, Flüchtlings-TV im ZDF: Verlogener Zynismus, Deutsche Asylpolitik: Flüchtlinge sollen zurück nach Italien