Verfolgte des Nazi-Regimes – ein Fall für den Geheimdienst?

Mehr als 40 prominente Persönlichkeiten und engagierte Bürger aus Bayern fordern, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes aus dem Verfassungsschutzbericht des Freistaats zu streichen.

Zu den Unterzeichnern einer entsprechenden Erklärung gehören Mitglieder des Bundestages, des Bayerischen Landtages, Mitglieder von örtlichen Initiativen, aber auch allgemein bekannte Persönlichkeiten wie der Sänger Konstantin Wecker, der Schauspieler Josef Bierbichler oder die Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags, Ulrike Gote.

Die Unterzeichner heben besonders die Arbeit vieler bekannter Mitglieder der VVN-BdA als Mahner und Aufklärer vor Schulklassen, in der Jugend- und Erwachsenenbildung und im Rahmen der Gedenkstättenarbeit hervor. In der Erklärung heißt es dazu unter anderem:

„Viele ältere Mitglieder der VVN-BdA haben selbst noch Verfolgung und KZ-Haft am eigenen Leib erfahren müssen. Sie engagieren sich seit Jahren und Jahrzehnten als Mahner und Aufklärer vor Schulklassen, in der Jugend- und Erwachsenenbildung und im öffentlichen Diskurs. Dieser Beitrag für eine offene und tolerante demokratische Gesellschaft, die sich klar gegen Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Ansichten einsetzt, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Diese Zeitzeugen genießen eine hohe Wertschätzung und viele wurden auch in Bayern mit verschiedensten Auszeichnungen, bis hin zum Bundesverdienstkreuz, geehrt.“

Darüber hinaus wird auch das Engagement der VVN-BdA in der Gedenkstättenarbeit sowie in regionalen Initiativen gegen Rechtsextremismus gewürdigt. Die Unterzeichner weisen darauf hin, dass gerade hier die Arbeit der VVN-BdA hohen Respekt und Anerkennung erhält.

Flagge mit dem Logo der VVN-BdA
Flagge mit dem Logo der VVN-BdA

Florian Ritter, Mitglied des Bayerischen Landtags und Initiator der gemeinsamen Erklärung, sagte, die „Anschuldigungen der Staatsregierung widersprechen wirklich jeder Realität. Dort wo sich Bürgerinnen und Bürger in Bayern gegen Rechtsextremismus engagieren, ist die VVN-BdA eine allgemein respektierte Partnerin. Die VVN-BdA steht nicht etwa für extreme Positionen, sondern für ein vielfältiges und buntes Bayern, das sich deutlich gegen rassistische und neonazistische Ideologien wendet.“

„Engagement wird diffamiert“

Ernst Grube, Überlebender des Naziregimes und stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, sagte: „Mitglieder der VVN-BdA haben in den Nachkriegsjahren maßgeblich dazu beigetragen, dass die ehemaligen Konzentrationslager als Erinnerungs- und Gedächtnisstätten erhalten blieben. Auch heute noch engagieren sich Überlebende des Naziterrors und geben Ihre Erfahrungen und Erinnerungen an junge Menschen weiter. Die Nennung im Verfassungsschutzbericht diffamiert dieses Engagement.“

Linda Schneider, stellvertretende Landesbezirksleiterin Gewerkschaft ver.di, erklärte, sie habe in jahrelangem persönlichem Engagement viele positive Erfahrungen mit der VVN-BdA machen können. „In der Vergangenheit wie heute hat sie viel zur demokratischen Kultur in der Bundesrepublik beigetragen“.

Klaus Hahnzog, ehem. 3. Bürgermeister der Stadt München, betonte, die Erwähnung der VVN-BdA im Verfassungsschutzbericht sei auch juristisch ausgesprochen fragwürdig. Die Staatsregierung liefere keinen einzigen schlüssigen Beleg für Ihre Behauptungen. „Vor diesem Hintergrund ist die Streichung aus dem Verfassungsschutzbericht alleine aus rechtlichen Gründen dringend geboten!“

Die gemeinsame Erklärung kann bis November 2015 von allen Interessierten online unter www.solidaritaet-vvn.de gezeichnet werden.

Ernst Federn zum 100. Geburtstag: Versuch einer Psychologie des Terrors

Der österreichische Psychoanalytiker Ernst Federn überlebte die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Mit den Erfahrungen der Lagerzeit setzte sich Federn auch in seiner Arbeit nach dem Krieg auseinander. Er gilt damit als Pionier der psychologischen Analyse des Lebens in Konzentrationslagern. Am 26. August wäre er 100 Jahre alt geworden.

von Ernst Federn

Die den Frieden erzielen wollen, sollen nicht von der Liebe sprechen, bevor sie den Haß nicht erkannt haben. Mit den Haßregungen wie mit allen unverwüstlichen und notwendigen Kraftquellen muß kühl gerechnet werden.

Dr. Istvan Hollos (1928)

Vorwort*

Hochzeitsphoto von Ernst Federn und Hilde Paar vom 2. Februar 1947 mit den Trauzeugen Lazaire Liebmann (l), Ernest Mandel (m) und Maria Hoffmann (r.), Bildrechte: Roland Kaufhold & Psychosozial Verlag.
Hochzeitsphoto von Ernst Federn und Hilde Paar vom 2. Februar 1947 mit den Trauzeugen Lazaire Liebmann (l), Ernest Mandel (m) und Maria Hoffmann (r.), Bildrechte: Roland Kaufhold & Psychosozial Verlag.

Die Idee zur vorliegenden Arbeit entstand anläßlich einer Begebenheit, die sicherlich nicht besonders geeignet ist, wissenschaftliche Gedanken zu konzipieren. Es war im Jahre 1940 als, wieder einmal, eine Kompanie jüdischer Häftlinge im Lager Buchenwald, ein sogenannter „Judenblock”, zur Strafe exerzieren mußte. Diese Übungen bestanden aus allerlei „Sportarten“, wie Laufen, Hüpfen, Kriechen, Rollen, etc., die für junge Rekruten auf einem Sportplatz geeignet sein mögen, aber für unterernährte übermüdete Menschen und ältere Jahrgänge – nach einem schweren Arbeitstag, meistens mit schlechtem Schuhwerk versehen und von Schlägen ständig bedroht – eine unvorstellbare Tortur bedeuten, an der viele zugrunde gingen.
Ein solches Strafexerzieren also brachte mich, während ich lief, hüpfte und andere Übungen ausführte, auf die Idee, eine „Psychologie des Terrors” zu schreiben; und das kam so: Die Befehlsgewalt hatte an diesem Tag ein vielleicht 18jähriger SS-Mann mit einem sympathischen Jungengesicht. Anfangs gab er seine Befehle auch nur zögernd, offenbar zum ersten Mal, und man sah ihm an, wie unsicher er sich fühlte. In der ersten Viertelstunde wunderte er sich anscheinend selbst darüber, daß er, ein so junger Bursche, durch ein einziges Wort zweihundert erwachsene Menschen zum Laufen oder Springen antreiben konnte. Ich beobachtete den jungen Peiniger und bemerkte, wie sehr seine Züge denen eines kleinen Jungen ähnlich wurden, der, voller Erstaunen, zum ersten Mal mit Lebendigem spielt. Wie ein kleiner Junge bekam auch unser Peiniger bald mehr Mut. Die Befehle wurden immer schneller und freier gegeben, und jedesmal gefiel es ihm besser, die Gefangenen auf seine Befehle hin vor sich „herumtanzen” zu sehen. Jeder Soldat weiß, wie unangenehm ein solches Exerzieren ist, denn auch für Rekruten ist es eine der unangenehmsten Strafarten. Unser SS-Mann wußte also sehr gut, was er uns antat, und man konnte geradezu von einem Moment zum anderen beobachten, wie er in den Sadismus hineinglitt, in dem er sich allerdings sehr wohl zu fühlen schien.

Ernst und Hilde Federn am 11.4.1998, nach dem festlicheren Essen am jährlich begangenen Befreiungstag, Bildrechte: Roland Kaufhold & Psychosozial Verlag.
Ernst und Hilde Federn am 11.4.1998, nach dem festlicheren Essen am jährlich begangenen Befreiungstag, Bildrechte: Roland Kaufhold & Psychosozial Verlag.

Diese Beobachtung erweckte in mir den Gedanken, auch Bestialität und Terror unabhängig von ihrer moralischen Verurteilung sachlich zu betrachten, und ich konzipierte im Kopf während der noch folgenden fünf Lagerjahre die wesentlichen Punkte der vorliegenden Schrift.
Als ich endlich nach siebenjähriger Haft das Lager verließ, mit Erfahrungen einziger Art bereichert und bestärkt in der Überzeugung, daß erst die Psychoanalyse Freuds ein Verständnis für die Abgründe der menschlichen Seele möglich gemacht hat, wollte ich sogleich meine Arbeit niederschreiben. Aber meine seelische Widerstandskraft war doch zu sehr verbraucht, als daß ich über all die Schrecken hätte sachlich schreiben können, die ich erlebt hatte. Es bedurfte eines Jahres in der Freiheit, um die Arbeit zu Ende zu führen.
Doch in den Jahren, die auf den Sturz der Nazibarbarei folgten, hatte die politische Entwicklung neues Unheil in den Seelen der Menschen angerichtet, und meine Arbeit verlor das aktuelle Interesse, das vielleicht unmittelbar nach dem Sturz Hitlers dafür vorhanden gewesen wäre. Wenn ich diese unerfreuliche Lektüre der Öffentlichkeit trotzdem vorlege und so der zahlreichen Literatur über dieses Thema eine weitere Arbeit hinzufüge, habe ich dafür mehrere Gründe.
Statt dem deutschen Volk zu helfen, die schreckliche Geistesverwirrung zu überwinden, in die es die politische Entwicklung gestürzt hatte, begnügte sich die Mehrzahl der Journalisten und Politiker mit der bequemen Erklärung, an dem Hitlergreuel sei es allein schuld und nur die Deutschen wären einer solchen Entwicklung fähig gewesen. Autoren, die diese These von der Gesamtschuld des deutschen Volkes vertraten, wurden gedruckt und gerne gelesen, da einfache und billige Erklärungen leichter Erfolg finden als komplizierte.
Doch bin ich überzeugt, daß letzten Endes Verstand und wahrhaftige Gesinnung sich durchsetzen und meine Erfahrungen, die ich hier niedergeschrieben habe, von Nutzen sein können. Ist doch die menschliche Natur ein dauernder Kampf mit unseren ursprünglichen Trieben, und, wie Freud gezeigt hat, muß man ihn wissenschaftlich zu verstehen suchen. Er hatte damit nur von neuem bestätigt, was große Religionsstifter und Philosophen vor ihm schon gesagt haben. Eben weil der Mensch eine besonders bösartige Spezies ist, ist es so wichtig zu erkennen, daß er aber auch die Fähigkeiten besitzt, seine „Bestialität” zu überwinden und die ursprünglichen Triebe zu kulturvollem Tun umzugestalten.
Diese Aufgabe wird dem Individuum wesentlich leichter, das von seinen atavistischen Trieben und ihrer Gewalt Kenntnis hat. Daher meine ich, daß es von großem Wert ist, in schrecklichen Geschehnissen nicht bloß blindes Wüten unbekannter Mächte zu sehen, sondern notwendige Folgen von psychischen und sozialen Bedingungen. Wenn das dieser vorliegenden Arbeit gelungen ist, dann hat sie an dem Werk mitgeholfen, das heute das vordringlichste ist: zu verhindern, daß unsere Kultur neuerlich in „Barbarei” versinkt.

Brüssel im Juni 1946 Ernst Federn

*Ernst Federn (2014): Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Herausgegeben von Roland Kaufhold. Gießen (Psychosozial Verlag), 262 S. 24,90 Euro.