Wird PEGIDA von den USA gelenkt?

In Dresden marschieren montags Tausende Bürger gegen „Lügenpresse“, Islamisten und Zuwanderung durch die Straßen. Die PEGIDA-Bewegung kommt bislang ohne bekannte „Systemkritiker“ von den Mahnwachen und Friedensdemos aus. Das gefällt beispielsweise Ken Jebsen, der PEGIDA scharf kritisiert, gar nicht. Jürgen Elsässer deutet PEGIDA hingegen zur antiamerikanischen Befreiungsfront um – vergleichbar mit Assad.

Von Patrick Gensing

Undank ist der Welten Lohn: Immer wieder sind Leute wie Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer auf Mahnwachen oder Montagdemos aufgetreten, es werden Bündnisse wie der Friedenswinter geschmiedet – und nun interessieren sich die blöden „Systemmedien“ nur noch für PEGIDA.

Auffällig, finden einige Verschwörungsfachleute. Im Gespräch mit Gerhard Wisnewski über „PEGIDA und die Strippenzieher“ weist Jebsen auf die angebliche Strategie des Westens hin, den Islam als Feindbild zu etablieren. Daraus folgert Jebsen kurzerhand, es gehe um eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ – also: antimuslimischen Rassismus. Selbstverständlich stünden hinter der Erfindung dieses neuen Feindbilds die USA, die so ihre Kriege um Ressourcen legitimieren wollten. So weit, so altbekannt.

Nun aber springt Jebsen nach Dresden zu PEGIDA – und fragt: Wird die Bewegung möglicherweise für bestimmte Zwecke instrumentalisiert? Wisnewski, insbesondere bekannt als 9/11-Verschwörungstheoretiker, konzentriert sich im folgenden Gespräch zunächst auf den Namen PEGIDA, mit dem eine europäische Identität verkauft werden solle. Zudem gehe es darum, das Feindbild Islam zu etablieren.  Der islamistische Terrorismus werde dafür größtenteils inszeniert und instrumentalisiert.

Wie gewohnt hangeln sich die Verschwörungsfreunde bei ihrer Express-Welterklärung an der Frage „Cui bono?“ entlang. So seien die Deutschen eigentlich ziemlich kritisch gegen Europa, wirft Jebsen ein. Würden sie vielleicht durch PEGIDA manipuliert? Ja, findet Wisnewski, und spricht von inszenierten Demonstrationen. Zudem sei es bedenklich, dass Tausende Menschen einem „Kriminellen“ hinterherliefen, so Wisnewski in Bezug auf den Organisator Lutz Bachmann. Die Informationen über Bachmann bezieht Wisnewski übrigens aus den „Systemmedien“. Ken Jebsen ergänzt noch, dass Bachmann beruflich mit dem Springer-Verlag zu tun habe, doch zeigt sich hier einmal mehr: Hohe Glaubwürdigkeit genießt der, der mir erzählt, was mir in den Kram passt.

Inszenierte Demos für Europa und gegen den Islam, Kontakte zu Springer – braucht man eigentlich noch mehr Beweise dafür, dass PEGIDA eine von den USA gesteuerte Bewegung ist? Auf keinen Fall! Mit PEGIDA solle der „Volkszorn“ aufgefangen werden – zudem werde ein proeuropäischer Impuls gesetzt, erklären unsere kritischen Kritiker für alle Fälle. PEGIDA werde zudem von den Medien wohlwollend aufgenommen, behauptet Jebsen, und fragt sich, warum die neue Querfront-Friedensbewegung hingegen so stark bekämpft werde? Ob dies mit deren Forderung nach Auflösung der NATO zu tun habe? Ja, bestätigt Wisnewski umgehend und wenig überraschend, PEGIDA sei hingegen Teil des inszenierten „Kampfes der Kulturen“, der bereits vor 20 Jahren in den USA geplant worden sei… Bisweilen fragt man sich wirklich, ob es nicht sogar Figuren wie Jebsen und Wisnewski zu doof sein muss, sich so einen Unsinn auszudenken und als brisante Wahrheiten an Gläubige zu verkaufen.

Xavier Naidoo und Jürgen Elsässer
Xavier Naidoo und Jürgen Elsässer

Doch nicht nur Jebsen und Wisnewski sind gegen PEGIDA, auch andere Teile der Querfront-Friedensbewegung schießen gegen die rechten Dresdner Wutbürger. „Kann es sein, dass die unterschiedliche Bewertung der beiden Bewegungen damit zu tun hat, was unsere Medien und die Politik selbst in der Debatte vorgeben?“, fragt die linksdogmatische und strikt antiisraelische „Neue Rheinische Zeitung“ keck.

Verbot von PEGIDA-Demos?

In das Bild der Verschwörungsfreunde passt da blendend, dass Henryk M. Broder einen Text veröffentlicht hat, um die Anliegen der PEGIDA zu verteidigen. Broder suggeriert, es gebe Forderungen nach Verboten der Demonstrationen – oder er meint möglicherweise Aussagen von Politikern, die PEGIDA scharf kritisieren, seien ein Versuch, die „Spaziergänge“ zu unterbinden. Den Antisemitismus auf PEGIDA-Demonstrationen (Medien werden von USA/jüdischer Lobby gesteuert beispielsweise), blendet er einfach aus und hält sich auch sonst nicht mit Differenzierungen auf. Vielmehr tut er genau das, was er gerne Linken unterstellt, die angeblich alles rechts von der Mitte in einen Topf werfen, wenn Broder nämlich Parteien in Europa wie die rechtspopulistische Dansk Folkeparti mit der griechischen Nazi-Partei Goldenen Morgenröte gleichsetzt.

Zudem bedient Broder gekonnt das Feindbild der komplett abgehobenen politischen Klasse, die mit dem kleinen Mann umgehen wolle wie einst die Feudalherren. Selbst das Thema Klimaschutz und Frauenquote bringt Broder in seinem Rundumschlag unter – und landet auf diesem ideologischen Holzweg fast unvermeidlich im feuchten Albtraum des PEGIDA-Wutbürgers, einem Dresden, wo im Jahr 2019 angeblich Zustände wie in Neukölln oder gleich in Islamabad herrschen sollen.

Pro & Contra USA – und alle gegen das Establishment

Nun haben wir also rund um PEGIDA recht gegensätzliche Lager: Zum einen Neocons wie Broder, die dem Kampf gegen den vermeintlichen Islamismus in Sachsen alles unterordnen und in PEGIDA unbedingt Verbündete gegen den PC-Zeitgeist erkennen wollen sowie klar prowestlich argumentieren; zum anderen die Querfront-Friedenswichtel, die zwar eigentlich Demonstrationen gegen die „Lügenpresse“ und das politische Establishment super finden und sich bei der Wahl ihrer Verbündeten wenig wählerisch zeigen, sich aber hauptsächlich über das Feindbild USA/NATO/Israel definieren und den mörderischen islamistischen Terror für eine Erfindung des Westens halten.

Und zu guter Letzt darf da auch Jürgen Elässer nicht fehlen, der versucht, die Differenzen zwischen Friedenswichteln und PEGIDA beiseite zu wischen, indem er PEGIDA quasi zu einer antiamerikanischen Befreiungsbewegung macht, wenn er in einem „Offenen Brief an meine muslimischen Freunde“ schreibt, PEGIDA verteidige „die Souveränität Deutschlands, so wie Assad die Souveränität Syriens verteidigt: gegen Salafismus und US-gesteuerten Globalismus“. Mal schauen, wann die ersten PEGIDA-Giftgaseinsätze folgen…

Seine muslimischen Freunde könnten aber sicher sein, so Elsässer, dass  „wir niemals eine Politik unterstützen würden, die sich gegen den Islam als solches richtet – sondern immer nur gegen die Islamofaschisten a la ISIS, die im Solde Washingtons und Tel Avivs agieren“. Wie beruhigend.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Da Broder solche antisemitischen Anwandlungen bei PEGIDA und deren Unterstützer offenbar einfach übersehen will, steht einem gemeinsamen Demobesuch oder vielleicht sogar einem gemeinsam Auftritt mit Elsässer in Dresden eigentlich nichts mehr im Wege. Unterhaltsam wäre es sicherlich.

Gemeinsam haben unsere Helden, dass sie nicht erkennen wollen, dass antisemitische Israelkritik und rassistische Islamkritik nicht voneinander getrennt werden können. Elsässer und Ken Jebsen schwafeln von inszeniertem Terrorismus und Steuerung durch USA/Israel – und wundern sich, wenn ähnliche Ressentiments auch gegen andere Minderheiten eingesetzt werden. Bei Broder funktioniert es vice versa. Ein trauriger Schlagabtausch, bei dem es keine Sieger gibt.

Alle Artikel zu PEGIDA.

Rechte Medienfront quengelt über Wikipedia

Preussisch-wertkonservativ, libertäre Gegenwehr – so beschreiben sich rechte Medien selbst – und sind nicht damit einverstanden, dass bei Wikipedia auch andere Einschätzungen zitiert werden. Und nun jammern und ihre Verbündeten, die Pressefreiheit sei in Gefahr.

Von Kilian, Netzpolitik

Das ehemalige Ostpreußen gehört zu Polen und Russland. (Google Maps)
Das ehemalige Ostpreußen gehört zu Polen und Russland. (Google Maps)

Die Landsmannschaft Ostpreußen kennt das Problem schon länger: Ihr Presse-Organ, die Preussische Allgemeine Zeitung (PAZ), wird von Politikwissenschaftlern für ein bißchen rechts gehalten, obwohl sie doch einfach nur “preussisch-wertkonservativ” sein will. Und Wikipedia zitiert nicht nur die Eigenbeschreibung, sondern auch die Politikwissenschaftler, weswegen auf der Internetpräsenz der PAZ seit längerem ein selbstmitleidiges Dossier zu Wikipedia prominent verlinkt ist.

Vor einiger Zeit hat auch bei eigentümlich frei (eifrei) mal jemand nachgeschaut und festgestellt, dass man bei Wikipedia nicht nur die Eigenbeschreibung (“libertäre Gegenwehr” gegen “die zunehmende neosozialistische Enteignung”), sondern eine Bandbreite anderer Einschätzungen zwischen “Marktradikalismus FTW!!!” und “bißchen viel Junge-Freiheit-Content hier” festhält. Wie nennt man eine solche Aufreihung von Meinungen? Laut eifrei-Jazzkolumnist Hans-Olaf Henkel Anschlag auf die Pressefreiheit, wie er beim Handelsblatt (“Pressefreiheit unter Beschuss”, 29. Oktober 2012) verlauten ließ:

Im Internet ist die Pressefreiheit besonders bedroht. Neuerdings ist Wikipedia das Schlachtfeld perfider Anschläge auf die Pressefreiheit. Ideologen geht es dabei nicht mehr nur um Einflussnahme auf Presseorgane, sondern um ihre Vernichtung. Zurzeit versuchen sie, das intellektuell anspruchsvolle, der Freiheit verpflichtete Magazin „Eigentümlich Frei“, über Manipulationen von Wikipedia sturmreif zu schießen.

Henkels Äußerung liegen offensichtlich absurde Definitionen von Meinungs- und Pressefreiheit zugrunde (abgesehen davon, dass es traurig ist, was er für intellektuell anspruchsvoll hält und er gerne mal erklären kann, wie das mit der Vernichtung durch Wikipedia genau funktionieren soll).

Hetz-Blog pi-news sprang bereits am 23. Oktober zur Seite:

Bei Wikipedia Politik regieren linksextreme Antifanten, Rote Socken, Indymedia-Verbrecher und Kommunisten aller Art. So ist das libertäre eigentümlich frei jetzt auch ein Nazi-Scharnier. Beweis sind, wie immer in solchen Fällen, die geistlosen Exkremente roter Politruks nach dem Motto “semper aliquid haeret”.

eifrei-Autor Michael Klonovsky nutzte sein Schreibrecht im Focus (46/2012, S. 129), um in dieselbe Kerbe zu schlagen. Außerdem verteidigte er eifrei dafür, Vorzeige-Nazi Udo Voigt interviewt zu haben, “denn der Interviewer wirft dem NPD-Funktionär nicht wie üblich Nationalismus, Rassismus usw. vor, sondern dass er ein Sozialist sei”. Ah ja. Damit sind ja dann wirklich alle Zweifel ausgeräumt.

Vorgestern dann auch noch Vera Lengsfeld, die bei achgut noch mehr bietet und den Brückenschlag zur eingangs erwähnten PAZ vollbringt:

In Deutschland gibt es nur wenige Libertäre. Die Deutschen scheinen traditionell Kollektivismus in allen seinen Formen zu bevorzugen. Deshalb gibt es in unserer scheinbar vielfältigen Presselandschaft nur zwei libertäre Zeitungen, die Wochenzeitung „Preußische Allgemeine Zeitung“ (PAZ) und die Monatsschrift “eigentümlich frei“ von André Lichtschlag.

Offenbar zwei zu viel für gewisse, ideologisch verhärtete, ultralinke Wikipedia- Administratoren -, und Autoren, die sich mit deutscher Verbissenheit dran gemacht haben, beide Publikationen zu verunglimpfen.

Ob die libertäre ostpreussisch-wertkonservative PAZ das auf sich sitzen lässt? Gefährdet Vera Lengsfeld die Pressefreiheit, indem sie eifrei in die PAZ-Ecke stellt und umgekehrt? Und was sagen Henryk M. Broder und die Junge Freiheit dazu? Man darf gespannt sein. eifrei selbst ist der freie Markt der Meinungen mittlerweile zutiefst suspekt, die unsichtbare Hand soll vom großen starken Mann, als den man Wikipedia-Gründervater Jimmy Wales identifiziert hat, gezügelt werden:

Damit die Philosophie der Freiheit auch in der deutschsprachigen Wikipedia würdig vertreten werden kann, benötigen wir Ihre Hilfe. Wir möchten Sie bitten, der Wahrheit über unsere Zeitschrift eine Chance zu geben und den genannten Machenschaften Einhalt zu gebieten.

Für Wikipedia-Autor Wiggum stellt sich die Situation übrigens so dar:

Es ist doch offenkundig, dass da eine peer group mobilisiert werden soll. Das betrifft ja nicht nur eigentümlich frei (aktuelle Ausgabe mit Knallern wie: “NSU-Vorläufer Linksterrorismus”) oder die Preussische Allgemeine zeitung (Untertitel: “Das Ostpreussenblatt”) sondern auch andere “politisch inkorrekte” Postillen, in denen mehr oder weniger regelmäßig zur “Korrektur” der Wikipedia mobilisiert wird. Alles der gleiche Dunstkreis aus rechtskonservativen bis rechtsextremen selbsternannten Libertären, die überall Denkverbote, “political correctness”, Sozialismus und den Untergang des Abendlandes überhaupt wittern.

Fehlende Links finden sich im Wikipedia-Pressespiegel; auf SEO für die Zitierten wird verzichtet. Siehe auch Wikipedia-Kurier vom 16. November.

Abteilung Dreamteam: Broder und Pirker gegen Klarsfeld

Man muss Christian Wulff fast dankbar sein, die Debatte um seine/n Nachfolger/in ist unterhaltsam und aufschlussreich – es bilden sich bemerkenswerte Querfronten. Die Nominierung von Beate Klarsfeld wird beispielsweise übereinstimmend von Werner Pirker und Henryk M. Broder abgelehnt. Auch wenn sich die Motive unterscheiden, ihre Respektlosigkeit eint sie.

Von Patrick Gensing

Es war der Möchtegern-Chefdemagoge Werner Pirker höchstpersönlich, der in der „jungen Welt“ mit den befürchteten „Argumenten“ gegen Klarsfelds Kandidatur schoss. Großzügig urteilte er einleitend, die Überlegungen der Linkspartei, Klarsfeld als ihre Kandidatin für das Bundespräsidentenamt zu nominieren, seien nachvollziehbar:

„Eine ausgewiesene Antifaschistin tritt gegen den Kandidaten der neoliberalen Einheitspartei an, der den antikommunistischen Konsens wie kein anderer verkörpert, die Freiheit der sogenannten Leistungs- und Verantwortungsträger verficht und das sozialdarwinistische Prinzip auch in den internationalen Beziehungen durchgesetzt wissen möchte.“

Aber, so Pirker: Klarsfeld sei keine linke Kandidatin, da sie sich nicht sozial positioniert habe und möglicherweise eine Befürworterin des neoliberalen Kurses sein könnte. Doch das alles war nur der langatmige Vorlauf zum eigentlichen Punkt, lange Rede – kurzer Sinn, denn nun kommt der Casus Knacktus: Gegen Klarsfeld zu sein, das ist praktisch eine Lehre aus Auschwitz – glaubt man der jungen Welt. Pirker schreibt:

„Auch bedarf das »Nie wieder Faschismus« des »Nie wieder Krieg« als Ergänzung.“

Wie nicht anders von diesem Blatt zu befürchten war, wird Klarsfeld in diesen Kreisen ihre nicht-antiisraelische Position zum Verhängnis (bzw. adelt sie als Gegnerin dieser Politsektierer). Pirker mokiert sich, Klarsfeld gehöre zu „den Erstunterzeichnern des kriegshetzerischen Aufrufs »Stop the bomb!«, in dem Iran unterstellt wird, eine Atombombe zur »Vernichtung der Juden« zu entwickeln.“ Stimmt nämlich gar nicht. Wahrscheinlich entwickelt der Iran nur die Bombe, um sich vor den Metastasen des zionistischen, imperialistischen Krebsgeschwürs zwischen den gesunden Volkskörpern im Nahen Osten verteidigen zu können. Atombomben als Chemotherapie sozusagen. Vollkommen legitim – wenn man sich mit wahnhaften Antisemiten gemein macht.

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)

Und so macht Pirker weiter: Klarsfeld stehe für einen Antifaschismus, „der sich nicht nur als offene Zionismus-Apologie äußert, sondern auch für die Rechtfertigung imperialistischer Kriege instrumentalisierbar“ sei. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Pirker wirft Klarsfeld – die Barbie und andere Massenmörder aufgespürt hat – vor, den Antifaschismus zu instrumentalisieren, weil sie sich nicht mit antisemitischen Wahnsinnigen gemein macht und Israel als Zufluchtstätte für Juden, als Konsequenz aus dem Holocaust, verteidigt. Damit dokumentiert Pirker und die junge Welt: Ihr Hass auf den jüdischen Staat sticht alles. Selbst eine Frau wie Klarsfeld wird in diesen Kreisen bekämpft, weil sie nicht in der antizionistischen Front, auch bei Neonazis höchst populär übrigens, mitmarschiert. Es ist Antisemitismus und  grenzenloser Hass.

Alte Männerbünde

Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986
Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986

Während Pirker also auf Grundage der altbekannten dogmatischen Ideologie von Gut und Böse versucht zu argumentieren, greift Broder Klarsfeld nicht einmal auf der politischen Ebene an, sondern geht voll auf die persönliche, was ebenfalls eine beachtliche Argumentationsnot dokumentiert. „Beate wer?, werden viele fragen, die vielleicht noch wissen, wer Sepp Herberger war, aber zu jung sind, um sich an Ralf Bendix und den „Babysitter Boogie“ zu erinnern“, kalauert Broder in der Welt. Lustig übrigens: Gauck ist ziemlich genau ein Jahr jünger als Klarsfeld. Aber ein reifer Mann ist halt etwas ganz anderes als eine Olle, die bereits die 70 gerissen hat – zumindest aus der Sicht eines älteren Herren.

Klarsfeld sei, stellt Broder fest, mit einem Schlag berühmt geworden, „als sie Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger, der ein lupenreiner Demokrat mit NS-Vergangenheit war, auf einem Parteitag der CDU eine Ohrfeige verpasste. Das war im November 1968, also vor fast 44 Jahren! Seitdem heißt es in allen Berichten über Frau Klarsfeld, sie sei von Beruf „Nazijägerin“.“

Nun ja, andere lassen sich stets Bürgerrechtler nennen, was nicht gegen die Person spricht, aber noch weniger gegen Frau Klarsfeld, vor allem, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sie sich nicht seit 44 Jahren auf den Lorbeeren ihrer Tat ausruht, sondern bis heute Ausstellungen initiiert und beispielsweise in den 1980er Jahren Militärdiktaturen in Chile und Paraguay bereiste, um auf die Suche nach den dort vermuteten NS-Kriegsverbrechern Walter Rauff und Josef Mengele aufmerksam zu machen. 1986 hielt sich Beate Klarsfeld zudem einen Monat lang im libanesischen West-Beirut auf und bot an, im Austausch für israelische Geiseln in Haft zu gehen. Die Deutsche Bahn brachte sie dazu, sich mit ihrer unrühmlichen Geschichte in der NS-Zeit zu beschäftigen. Dass sich die bundesdeutsche Öffentlichkeit eben für solcherlei Kleinigkeiten und Gutmenschengetue nicht weiter interessiert und Klarsfeld daher auf ihre Ohrfeige reduziert, sieht Broder nicht, er adelt diese Ignoranz noch zum Argument, was zeigt, dass seine Positionen in vielen Fällen eben nicht so furchtbar rebellisch sind, wie er es möglicherweise gerne hätte, sondern schlicht deutscher Mainstream. Das ist vielleicht okay, mehr aber auch nicht.

Und dann ist die Zeit zum Fremdschämen gekommen:

„Nun sollte man es einer 73 Jahre alten Dame, die ihre „fifteen minutes of fame“ schon lange hinter sich hat, nicht übel nehmen, dass sie der Versuchung nicht widerstehen kann, aus dem Schatten der Geschichte wieder ins Rampenlicht zu treten. Das ist menschlich. Schließlich leidet sie darunter, dass ihr bis heute das Bundesverdienstkreuz verweigert wurde.“

Klarsfeld sagte dazu am 26. März 2010 im Handelsblatt: „In Deutschland gibt es noch immer den Reflex, das Positive – also das Suchen und Finden der NS-Verbrecher – mit dem vermeintlich Negativen zu verrechnen – also der Ohrfeige gegen Kiesinger“ – wohl wahr, wenn man sich Broders Text anschaut. Weiter Klarsfeld: Um geehrt zu werden [mit dem Bundesverdienstkreuz], müsse sie „wohl noch auf den nächsten SPD-Bundespräsidenten warten“ – falls er nicht Gauck heißt, möchte man heute ergänzen.

Bequemer Schleudersitz: Das Schloss Bellevue in Berlin
Bequemer Schleudersitz: Das Schloss Bellevue in Berlin

Möglicherweise leidet Broder wiederum daran, dass er – im Gegensatz zu Klarsfeld – von der Knesset noch nicht für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, sondern seinen publizistischen Herbst als Idol einer aggressiven Internet-Sekte verlebt – was sehr schade ist, da viele Texte Broders sehr lesenswert sind. Dies muss man immer wieder feststellen; ohnehin sollte es nicht Ziel dieses Blogs sein, Flegeleien eines reifen Herrn noch zu überbieten, solche Attacken beherrscht Broder besser, was wir neidlos anerkennen. Seine „inhaltliche“ Kritik lässt sich hingegen in drei Worten zusammenfassen: Klarsfeld ist alt.

Let`s talk about Antikommunismus…

Wir sind beeindruckt und stellen derweil fest, dass die Gegnerschaft zu Klarsfeld eine erstaunliche Allianz aus Achse des Guten, Union, SPD, Grünen, FDP und junge Welt sowie Deutsche Stimme, die gegen beide Kandidaten ist, umfasst, wenn die Motive auch höchst unterschiedlich sind. Der Entscheidung der Linkspartei, die in diesem Blog sonst regelmäßig gescholten wird, gebührt aber Respekt, im Gegensatz zu Rot-Grün strategisch klug, zudem wurde dem antizionistischen Haufen in der Partei eine herbe Niederlage beigebracht – und der Persönlichkeit Gauck eine andere Persönlichkeit entgegen gesetzt. Well done.

Doch dies wird alles nichts daran ändern, dass in Deutschland auch künftig lieber über Antikommunismus geredet wird als über Antifaschismus. Aber vielleicht unterschätzen die Kritiker Gauck auch – und er öffnet sein Themenspektrum als Bundespräsident – auch wenn es derzeit nicht danach aussieht. 

Siehe auch: Klarsfeld: “Mein Thema ist Antifaschismus”, Lengsfeld und die demagogischen Versatzstücke, Noch mehr “Schweinejournalismus!”, Die Gauck-Debatte in den sozialen Netzwerken, Voll im Kontext: Gauck und die Überfremdung, Das rot-grüne Desaster, Wäre Gauck der bessere Schlossherr?

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