Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne

Mit der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg endete zwar die Shoa, aber nicht der Antisemitismus. Dieser hat sich abseits der extremen Rechten seit 1945 langsam in der Form gewandelt, blieb in seinem Kern aber immer das, was er seit seinem Entstehen schon immer war: Ein Aufstand gegen die Probleme der Moderne. Und ein Mordanschlag auf Juden. 

Von Andreas Strippel

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Augsteins Suche nach dem "Dritten Weg"

Die Kolumnen des Verlegers Jakob Augstein sind deswegen so bemerkenswert, weil selten so anschaulich ein deutscher Populismus vorgetragen wird. So auch in der Ukraine-Krise, wo sich Augstein – mal wieder – an den USA abarbeitet und einen „dritten Weg“ inklusive Grenzverschiebungen für Europa empfiehlt.

Von Patrick Gensing

Augsteins Sprache ist in seiner jüngsten Kolumne militärisch geprägt: Von politischen „Führern“ schreibt er, die sich in Minsk getroffen hätten. Doch die Ukraine zerfalle. „Die Verantwortung können sich Amerikaner und Russen teilen – mit den Ukrainern“, stellt Augstein fest. „Europas Mühen um Frieden und Vernunft“ seien vergeblich gewesen.

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Europa als Hort der Vernunft zwischen den kriegstreibenden Großmächten in Ost und West? Es ist der altbekannte Augsteinsche Kunstgriff, sich ein Thema herauszugreifen – und über ein anderes, nämlich das Lieblingsthema, zu dozieren. So auch hier. Die USA saßen in Minsk nicht einmal mit am Tisch; in den USA wird verstärkt über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert, während russische Soldaten seit Monaten in der Ukraine kämpfen; Präsident Obama steht unter massivem innenpolitischen Druck wegen seiner eher abwartenden Haltung, während über der Krim schon lange russische Fahnen wehen.

Für Augstein sind das Nebensächlichkeiten. In dem Text setzt er im Ukraine-Krieg das Vorgehen von Putin und Obama gleich: „Im vergangenen Jahr sagte Angela Merkel, Wladimir Putin lebe „in einer anderen Welt“. Inzwischen wissen wir: Der russische Präsident ist dort nicht allein. Barack Obama ist bei ihm. Es ist die Welt der Machtpolitik, in der sich sowohl Russen als auch Amerikaner gut auskennen – nur Merkel, die Deutsche, ist dort eine Fremde.“

Nicht Merkel, die französische? Oder die italienische? Nein, es ist Merkel, die gutgläubige Deutsche, die da zwischen den knallharten Russen und Amis agiert. Das kann ja nicht gut gehen.  „Was ist aus der Ukraine geworden?“, fragt Augstein. Seine Antwort: „Eine Beute der Großmächte. Amerikaner und Russen zerren an dem Land an der Grenze zwischen Ost und West. Sie zerren, bis das Land darüber zerreißt. Wer glaubt noch, dass eine Teilung abgewendet werden kann?“ Der russische Bär und der amerikanische Adler im Kampf um die Ukraine, Ost gegen West – wie einst Godzilla gegen Kingkong – oder so ähnlich.

„Protektorat“ der USA

Doch ein Happy End ist bei Augstein nicht in Sicht: Der Westen der Ukraine werde ein amerikanisches „Protektorat“, der Osten ein russisches. Und nun kommt der Clou: „Hätte es einen dritten Weg gegeben?“, fragt Augstein – und kommt umgehend mit der Neutralität zwischen West und Ost um die Ecke: „Die Ukrainer selbst wollten ihn nicht gehen: ein Verzicht auf die Mitgliedschaft in der EU und – wichtiger noch – in der Nato.“ Auch das kleine Problem, dass eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine gar nicht zur Debatte steht, umgeht Augstein, indem er wieder auf die Amis zeigt: „Da haben die Deutschen die Rechnung ohne die USA gemacht. Amerika hatte nie vor, die Ukraine in der Blockfreiheit zu belassen“, weiß er, leider ohne uns  die Quelle zu verraten.

Um es abzukürzen: Hier liegt der Kern der Argumentation (des Ressentiments) von Augstein. Die USA lassen Europa einfach nicht in Ruhe, sonst wäre hier alles vollkommen unproblematisch (gut, ohne die Amis hätte ja auch der Führer für klare Verhältnisse gesorgt und Deutschland wäre neutral). Stattdessen führen sie weiter ihre Stellvertreterkriege und ringen mit Russland um die Weltherrschaft. Alles wie gehabt. Die Idee des Dritten Weges, den Deutschland und Europa gehen sollten, ist auch nicht gerade neu, für Augstein scheint er brandaktuell.

Kuba-Krise am Donbass

Bemerkenswert ist in diesem Kontext auch, wie zwanghaft Augstein immer wieder nach veralteten Deutungsmustern greift, um seine Weltsicht nicht verändern zu müssen: Er verweist auf „die berühmten [US-]Ausbilder, die wir aus den südamerikanischen Vasallenstaaten noch kennen“ und behauptet, „das Zerren um die Ukraine“ sei „unsere Kubakrise“. Klar, ein Atomkrieg im Jahr 1962 hätte Europa natürlich egal sein können.

Ganz ernsthaft setzt Augstein die Kuba- und Ukraine-Krise einfach gleich: „Die Sowjets brachten 1962 die Welt aus dem Gleichgewicht, als sie versuchten, Atomraketen vor der amerikanischen Haustür zu deponieren. Die USA und die Sowjets hätten deshalb den Atomkrieg gewagt. Der Versuch, aus der Ukraine einen westlichen Vorposten zu machen, ist auf eine ähnliche Reaktion gestoßen.“

Augstein schließt seine Konstruktion aus dem antiimperialistischen Baukastensystem mit einem Zitat der Schriftstellerin Daniela Dahn, die lapidar anmerkte: „Nun also wird die Ukraine eine andere Staatsform bekommen. Wenn beide ukrainischen Seiten so unversöhnlich sind wie man hört, wird eine demokratisch legitimierte Grenzverschiebung unvermeidlich.“ „Beide ukrainische Seiten“ – hört hört. Erst wird das Vorgehen von Putin und Obama in der Ukraine-Krise gleichgesetzt – und schließlich der Aggressor ganz entsorgt, während man selbst eine „legitimierte Grenzverschiebung“ in Osteuropa als „unvermeidlich“ erklärt. Deutsche Geostrategen bei der Arbeit. Viel Spaß auf dem dritten Weg.

Mit Carl Schmitt gegen die Westbindung

Jakob Augstein wandelt immer wieder auf den Spuren seines Vaters. Nicht nur die Texte zu Israel lesen sich wie etwas diplomatischer formulierte Artikel von Rudolf Augstein aus früheren Dekaden, auch seine Bezugnahme auf den „weitsichtigen“ Carl Schmitt gegen die USA steht in unguter deutscher Tradition.

Von Patrick Gensing

In seiner jüngsten Kolumne auf Spiegel Online beschäftigt sich Jakob Augstein mal wieder mit der deutschen Rolle in der Welt. Offenbar liegt hier aus seiner Sicht etwas im Argen. „Zwischen den Amerikanern und uns besteht ein Herr-Hund-Verhältnis“, meint Augstein, der sich offenkundig persönlich als Hündchen des amerikanischen Herren sieht, warum sonst sollte er statt Deutschland, Berlin oder Bundesrepublik lieber „uns“ schreiben – also wir alle – auch Du und ich?

Und wir alle sind ungeliebte Trottel, denn „leider liebt Herrchen aus Amerika den deutschen Dackel nicht. Herrchen braucht ihn nur hin und wieder zum Apportieren.“ Die Deutschen als dümmlicher, naiver und nützlicher Handlanger des Amerikaners also. Daraus ergibt sich laut Augstein eine Notwendigkeit zur Entscheidung:

„Der Dackel hat jetzt zwei Möglichkeiten: er akzeptiert seine Existenz als Hund. Immerhin ist da – nachrichtendienstlich gesehen – immer der Napf voll. Oder wir nehmen unser Glück – und unsere Sicherheit – selbst in die Hand. Frei nach den Gebrüdern Grimm: Etwas Besseres als die CIA finden wir überall.“

Was das Bessere ist, lässt Augstein lieber unausgesprochen. Aber eigentlich bleiben nur die deutschen Geheimdienste, die unser Glück, das Augstein hier als Sicherheit definiert, in die Hand nehmen soll. Dafür müsste der Verleger und Kolumnist also in die deutschen Dienste investieren, die sich beispielsweise in Sachen 9/11 oder beim NSU-Komplex nicht gerade für größere Aufgaben empfohlen hatten. Warum ein deutscher Geheimdienst besser sein sollte als ein amerikanischer, erläutert Augstein ebenfalls nicht. Man kann nur zu dem Schluss kommen: weil es ein Deutscher ist.

Kein Text ohne Israel

Denn die amerikanische Gesellschaft folge dem Prinzip der Rache, behauptet Augstein, der es bei diesem Begriff und dieser günstigen Gelegenheit es nicht lassen kann, diese Eigenschaft auch Israel anzudichten. Damit zeigt er dankesnwerterweise und höchst anschaulich zweierlei: 1.: Antiamerikanismus und Antisemitismus sind mitnichten gleichzusetzen, funktionieren aber bisweilen sehr ähnlich. Und 2: Die sogenannte Israelkritik bezieht sich eben nicht nur auf die jeweilige Regierung, sondern grundsätzlich auf den Staat Israel als Gesamtheit, was Augstein hier in vermeintlich progressivem Duktus als Gesellschaft umschreibt – letztendlich aber erstaunlich genau dem uralten Ressentiments des rachesüchtigen Juden entspricht.

In dieser schicksalshaften Lage hofft Augstein nun auf „harte“ Entscheidungen in Deutschland, doch der Kanzlerin traut er diese nicht zu. Denn ohnehin seien „Stolz und Ehre keine Kategorien mehr“ in der hiesigen Politik. Augstein schränkt ein, er definiere dieses „Stolz und Ehre“-Gewäsch progressiv – und füttert diese Behauptung ausgerechnet mit einem Zitat aus der Feder des „weitsichtigen“ Staatsrechtlers Carl Schmitt an: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Ein gewagtes Konstrukt, das aber in der Familie Augstein seit Jahrzehnten erfolgreich die Mär der linken Verlegerfamilie trägt. Nicht nur Jakob schreibt heute, sondern auch Rudolf Augstein schrieb vehement gegen die Westbindung der Bundesrepublik an – und wurde von Schmitt, dem „Kronjuristen des Dritten Reiches“, ausdrücklich dafür gelobt.

Die FAZ berichtete im Jahr 2007:

Ein anderes Mal, am 3. Januar 1954, hatte Schmitt als kritischer, aber treuer „Spiegel“-Leser die „großen Momente“ des Magazins gelobt und dabei speziell auf Augsteins Kolumne über den „Abschied von den Brüdern im Osten“ verwiesen. Darin hatte der Herausgeber unter dem Pseudonym Jens Daniel vehement gegen Adenauers Politik der Westbindung angeschrieben. […]

„Wir haben Augstein damals“ – gemeint war die Zeit der „Spiegel“-Affäre 1962 – „linker gesehen, als er wirklich war“, stellt heute der Frankfurter Politologe Iring Fetscher fest. Mit seinem Interesse für Schmitt war Augstein der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus, die Schmitts Staats- und Politikdefinitionen, vor allem aber seine Partisanentheorie erst seit den siebziger Jahren wieder intensiver diskutierte.

Hier schließt sich auch schon der Kreis zu Jakob Augstein, der eine neue Art des deutschen Partisanentums gegen die USA entwirft und sich dabei auf die romantischen und urdeutschen Brüder Grimm bezieht, die er in seiner Kolumne gegen Britney Spears setzt. Kulturell armselig, unmoralisch, übergriffig und arrogant – so sieht das Amerika-Bild aus, das Augstein zeichnet – und das sich in Bestsellern wie „Ami go home!“, eine Art Bibel des deutschen Antiamerikanismus, ausführlich nachlesen lässt.

Gekränkte deutsche Seele

Diese Sehnsucht nach der Abwertung der Amerikaner speist sich aus einer gekränkten deutschen Seele, sogar bei einem Text über die Geheimdienst-Affäre kommt Augstein nicht ohne das Bild der „Care-Pakete“ aus, also jene Nahrungsmittelpakete, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen von amerikanischen Hilfsprogrammen nach Europa, insbesondere Deutschland und Österreich, geschickt wurden. Wenn man Augsteins Texte liest, kann man nur zu dem Schluss kommen. Es handelte sich um  vergiftete Geschenke.

Gegen die Politik der Amerikaner und ausufernde Geheimdienste setzt Augstein keine besseren Konzepte, nicht mehr demokratische Kontrolle, sondern Werte wie Ehre und Selbstachtung: „Ganz ohne Selbstachtung geht es in der Politik eben doch nicht. Und es wäre ein Irrtum zu glauben, dass man sich für Ehre gar nichts kaufen kann“, so Augstein. Ehre und Selbstachtung, um „von Russen und Chinesen“ ernst genommen zu werden. Weltpolitisch sieht Augstein Deutschland also auf Augenhöhe mit Russland und China – und das bitte komplett unabhängig von den USA. Damit liegt der im Zweifel links stehende Augstein außenpolitisch exakt auf der Linie von deutschen Nationalisten, ob sie sich nun AfD oder NPD nennen.

Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.
Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.

Nun mögen LeserInnen fragen, was Augstein denn dafür könne, wenn er Beifall von der NPD bekomme? Dem möchte ist entgegnen, dass dies eben kein Zufall ist, sondern die außenpolitischen Positionen der NPD in Sachen USA und Israel kaum von denen vieler Linker zu unterscheiden sind. Dieser linke Irrationalismus lebt sich derzeit einmal mehr in Bündnissen mit reaktionären Organisationen gegen Israel und die USA aus.

Der „weitsichtige“ Carl Schmitt starb übrigens 1985 fast 97-jährig. Wikipedia weiß dazu:

„Schmitt, der auch schon früher durchaus paranoide Anwandlungen gezeigt hatte, fühlte sich nun von Schallwellen und Stimmen regelrecht verfolgt. Wellen wurden seine letzte Obsession. Einem Bekannten soll er gesagt haben: „Nach dem Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‚Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet‘. Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‚Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.‘ “

Damit erwies sich dieses mal nicht Rudolf Augstein sondern Carl Schmitt „der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus“.

Akademisches Karussell: Die Verstörung ertragen

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute dokumentieren wir die Ansprache, die bei der Veranstaltung der Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht am Platz vor dem Mahnmal in Bremen gehalten wurde.

Von Samuel Salzborn*

Der Anlass unserer Zusammenkunft ist verstörend. Viele Gefühle mischen sich in der Erinnerung an die Verstorbenen und Ermordeten, an die Opfer des Nationalsozialismus: Trauer und Wut, Verzweiflung und Schmerz, Angst und Einsamkeit. Was unsere Gefühle von denen unterscheidet, die wir so oder ähnlich auch aus anderen Situationen kennen, ist die Verstörung, die tiefe, leere Verstörung. Eine Verstörung, die der „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des Nationalsozialismus ausgelöst hat durch seine kalte, leere, zugleich kitschige, brutale und barbarische Wirklichkeit der antisemitischen Vernichtung.

Einer Vernichtung, die nicht erst in den Konzentrationslagern oder im Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS anfing, sondern die sich bereits mit dem Aufkommen der NS-Bewegung in den 1920er Jahren und mit der von der politischen Mitte goutierten Machtübernahme Hitlers abzeichnete und mit der ersten politischen Maßnahme des NS-Regimes begann, von der man am 9. November 1938 schon lange wissen konnte, ja wissen musste, wie zeitgenössische Studien wie die von Ernst Fraenkel oder Tagebuchaufzeichnungen wie die von Victor Klemperer belegen. Ja: gewusst hat – aber im Rückblick nicht mehr gewusst zu haben ertragen kann.

Die Verstörung ist eine, die als leise Spur die Geschichte der Bundesrepublik durchzieht, vielen Debatten unterliegt, auch wenn diese vordergründig ganz andere Themen zu haben scheinen – politische, soziale, ökonomische, aber auch kulturelle. Und: die Verstörung ist allgegenwärtig; gerade dann, wenn sie am meisten geleugnet, verdrängt, verneint wird, ist sie am präsentesten.

Der Soziologie Theodor W. Adorno hat einmal gesagt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Ich finde, er hat bis heute recht damit, weil das Schöngeistige, dem so manch ein Literat in diesem Land sich vorgibt, verschrieben zu haben, gerade heute immer wieder ins Barbarische umschlägt. Nicht, weil das immer so sein müsste. Nein, sondern weil gerade diejenigen, die so laut riefen, man lasse sich nicht verbieten, ein Gedicht zu schreiben, heute ihre Federn nutzen, um ein Ressentiment wieder prominent in die Öffentlichkeit zu setzen, das nie aus der Welt war: Der Antisemitismus in Deutschland hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen – im Hier und Jetzt.

Er wird heute wieder skandiert, nicht nur vom rechten Rand, sondern aus den Feuilletons großer Tageszeitungen, den Online-Plattformen von Nachrichtenmagazinen, ja auch und besonders von ihnen: den Literaten, die mit dem schamlosen Verweis, all dies, was sie produzierten, sei doch nur Kunst, die Freiheit für sich reklamieren, die sie den Menschen mit ihren Worten nehmen. Der verbale Angriff einiger Feuilleton-Schreiber/innen und der vordersten Front des deutschen Literaturbetriebs auf Jüdinnen und Juden hat längst begonnen. Nicht nur, was schon entsetzlich genug wäre, auf Jüdinnen und Juden in Israel – der Angriff gilt allen, die sich ihrem Paradigma der Schuldabwehr verweigern, er gilt allen Jüdinnen und Juden, auch in Deutschland.

Deshalb tut unsere Gesellschaft den Opfern auch ein weiteres Mal Gewalt an. Eine Gewalt der Erinnerungsverweigerung, eine Gewalt des Vergessens. Die neuen Antisemiten ertragen die Verstörung nicht, sie ertragen nicht, dass sich für sie nichts Positives, nichts Konstruktives aus Auschwitz ergibt, sondern dass sie das Erbe der Barbarei nur verarbeiten könnten, wenn sie zunächst einmal bereit wären, es zu ertragen. Das Sinnbild des Umgangs mit der Vergangenheit sind aber diejenigen, die rufen, ihr Opa sei doch kein Nazi gewesen – und diejenigen, die noch heute als honorige Nobelpreisträger gelten, obgleich sie als Waffen-SS-Mitglieder einer der brutalsten Gruppe des antisemitischen Weltanschauungskrieges angehörten.

Der ungarische Dichter Ödön von Horváth hat, auf eine Streichholzschachtel im Pariser Exil 1938 gekritzelt, bevor er dort vom herabfallenden Ast eines Baumes erschlagen worden ist, einen Gedanken hinterlassen, der zeigt, dass der deutsche Weg zu denken, nicht der einzige Weg sein muss, zu dichten. Horváth schrieb:

„Und die Leute werden sagen
In fernen blauen Tagen
Wird es einmal recht
Was falsch ist und was echt
Was falsch ist, wird verkommen
Obwohl es heut regiert.
Was echt ist, das soll kommen –
Obwohl es heut krepiert.“

Horváth war verzweifelt, zutiefst deprimiert, von der Verstörung des Nationalsozialismus zerrissen, ohne Hoffnung – und doch mit einem Schimmer daran, es werde eines Tages einmal wieder anders sein. Anders sein müssen. Aus dem Wissen heraus, dass die Anderen nicht recht haben, dass sie die Gewalt, die brutale und barbarische Gewalt ausüben, aber dass diese nicht von Dauer sein wird, weil sie falsch ist.

Kann man diese Verstörung, die aus Horváths Zeilen spricht und die für die, die den Nationalsozialismus nicht erleben und erleiden mussten, den Schmerz und das Leid in unerträglicher, und doch so literarisch leichter Weise erspürbar macht, eigentlich überhaupt ertragen? Kann man diesen Schmerz überhaupt aushalten? Erlauben Sie mir den Einwand: diese Fragen sind falsch gestellt. Es ist nicht an uns, unsere ungleich einfachere und immer letztlich doch erträgliche Hypothek der Erinnerung denen noch mit Schuldvorwürfen zu beladen, die die Barbarei erlebt – und vielfach nicht überlebt haben.

Erst dann, wenn man den Bann des Vergangenen durch „helles Bewusstsein“ breche, wie Adorno sagte, erst dann werde es möglich, dass Vergangene im Ernst zu verarbeiten. Nur: wir tappen bis heute im Dunkel. Im tiefsten Dunkel. Die allgegenwärtige Versicherung, man habe ja aus der Vergangenheit gelernt, beteuert nur eines: eben dies nicht getan zu haben. Nicht die Nachgeborenen können in selbstherrlicher Zufriedenheit stets aufs Neue beteuern, dass sie gelernt hätten und es deshalb nun einmal gut sein müsse. Diese unerträgliche Floskel schreit danach, die jeweils eigene Täterschaft, in der eigenen Familie, im eigenen Umfeld, ja auch in der eigenen Nation endlich einmal ehrlich zu befragen und zu ertragen, was dabei heraus kommen möge.

Das infantil-trotzige „Opa war kein Nazi“ (so das titelgebende Zitat eines berühmten Buches von Harald Welzer u.a.) ist eine Lüge – und das wissen die Kinder und Enkel, die es aussprechen auch, sie ahnen es unbewusst, sie fürchten die Antwort, weil sie ahnen, sie nicht ertragen zu können, die Verstörung der Wahrheit nicht aushalten zu können. Aber nur, wenn sie es wagen, nur dann gibt es die Chance, nicht die Verstörung zu beenden, aber sie tragbar zu machen. Denn während der Waffen-SS-Dichter nicht frei ist von Schuld, sind es die Kinder und Enkel schon – aber sie müssen die nahe, die unmittelbare Verstörung ertragen, dass es ihr Vater, ihr Opa, ihre Mutter, ihre Oma nicht sind.

Jetzt werden sie vielleicht denken: Was heißt denn hier Schuld? Möglicherweise ist es ja nicht die Schuld, selbst handreiflich an Verbrechen beteiligt gewesen zu sein – aber es ist, gerade an einem 9. November, die Schuld, weggesehen zu haben, die Schuld, die offensichtlichen Lügen der Nazis geglaubt zu haben, die Schuld, die Straßenseite gewechselt zu haben, wenn einem ein Jude entgegenkam, die Schuld, nicht in jüdischen Geschäften gekauft zu haben, die Schuld, Raubgut und enteignete Waren gekauft zu haben, die Schuld, von Raub und Plünderung der deutschen Soldaten profitiert zu haben, die Schuld, den so genannten Feindsender nicht gehört zu haben, die Schuld, von Hitler fasziniert gewesen zu sein, die Schuld, geglaubt zu haben, die Juden seien der Ursprung der eigenen Unzulänglichkeiten, die Schuld, die Nazis gewählt zu haben, die Schuld, in einer der unzähligen Situationen des Alltags geschwiegen zu haben. Die Schuld, die wir an der aus Inszenierung und Mob amalgamierten Geschichte des 9. November überall sehen, auch hier in Bremen.

Wer jetzt denkt, er möge doch aufhören mit der Aufzählung, der zeigt, wie richtig sie ist und, mehr noch: dass es die viel beschworene Aufarbeitung der Vergangenheit in der Mitte der deutschen Gesellschaft bis heute nicht wirklich gegeben hat. Hätte es sie gegeben, dann wäre das Schweigen nicht so unerträglich laut, wenn einer wie Augstein, einer wie Grass oder einer Walser sich wieder einmal als Tabubrecher aufschwingt, aber doch nur schnöden Antisemitismus von sich gibt.

Der Antisemitismus, der sich heute oft in einem Umweg nicht zuerst gegen die Juden in Deutschland richtet, sondern gegen Israel, ist der schmerzenste Ausdruck der Unwilligkeit und der Unfähigkeit, die eigene Vergangenheit als eine Vergangenheit der unerträglichen Verstörung aufzuarbeiten. Wenn heute wieder, wie hier in Bremen, vor Geschäften der antisemitische Boykott gefordert wird, verlogen kaschiert als Boykott israelischer Waren, dann ist es ganz nah: das Novemberpogrom des Nationalsozialismus. Nicht, dass ich sagen wollte, die Handvoll Verrückter, die einen solchen Boykott fordert und die mit den an NS-Schilder erinnernden Plakaten vor Geschäften hier in Bremen steht, hätten eine ernst zu nehmende Macht oder gar Einfluss.

Aber entbindet das davor, diese Form der Erinnerungsbarbarei ertragen zu müssen? Erlaubt es, sich vor ihnen weg zu ducken? Eine Demokratie ist nur so stark, wie es ihr gelingt, ihre Feinde auch zu bekämpfen – der Nationalsozialismus war auch eine kleine Bewegung, zunächst eine von den etablierten Kreisen belächelte Handvoll Verrückter, ohne Macht und Einfluss. Wo die Weimarer Demokratie noch versagte, hat die Bundesrepublik Möglichkeiten, haben Sie und wir alle Möglichkeiten, den ganz offenen, alltäglichen Antisemitismus, der die Maßnahmen, die zum 9. November führten, plagiiert, zu bekämpfen. Es geht hier nicht um ein trotziges „Wehret den Anfängen!“ – denn es hat nie aufgehört. Es geht um ein: „Fangt endlich an, wirklich dagegen zu sein!“ – und zu ertragen, dass zu diesem Dagegensein auch gehört, schmerzhafte eigene Erinnerungen ertragen zu müssen.

Man muss auch die eigene Verstörung ertragen lernen, um angemessen und adäquat neue Verstörungen wahrnehmen zu können. Wer nur um sich selbst kreist, ohne das Epizentrum seines Problems sehen zu wollen, wird immer weiter kreisen. Das Problem heißt, gestern wie heute, Antisemitismus. Und man kann aus dem Gestern nichts lernen, man kann es nur zulassen und ertragen, zulassen, wie den Gang in den eigenen dunklen Keller, in den zu gehen man sich fürchtet – wie in der Psychoanalyse das Verhältnis zum Unbewussten und Verdrängten veranschaulicht wird. Ohne den Keller steht das Haus nicht – ohne die Verstörung ist auch die Gegenwart nicht zu haben, wer nicht erinnert, wer nicht trauert, wer das Leid nicht auszuhalten bereit ist, wird es immer weiter ertragen müssen. Und, was noch schlimmer ist: er wird sich zum Mitwisser des gegenwärtigen Antisemitismus machen, vor dessen historischem Schuldeingeständnis er immerzu fortläuft.

In fernen blauen Tagen, sagt Horváth, wird es einmal recht, das, was echt ist. Die Hoffnung des Verzweifelten ist die Hoffnung des Unbenannten, die abstrakte Hoffnung auf ein Ende der Barbarei. Horváth hat es nicht erlebt, dieses Ende. Er hat ihn aber benannt, den Ort des Unmöglichen, in dem nur klar ist, was er nicht ist. Er ist ein Ort ohne Verstörung. Aber ohne Demut, ohne Schuldeingeständnis, ohne den Schmerz der Erinnerung wird er nicht zu haben sein, bleibt er negativ – aber zumindest ohne Konkretisierung auch gerade jenen verschlossen, die sich des echten Schmerzes verweigern.

Ein Gedenken wie das heutige wird oft verbunden mit positiven Appellen. Es kann ein Anfang sein, dies zu unterlassen – und bei der Verstörung zu verweilen, im Gedenken an die Menschen, die nicht die Verstörung, sondern die Barbarei erleiden mussten, an ihr zugrunde gegangen sind. Einmal kein: „Ja, aber“.

Samuel Salzborn

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne“ (Campus 2010).

Alle Beiträge aus der Kolumne „Das akademische Karussel

Cowboy im Schlachthaus

International wird derzeit heftig über einen militärischen Schlag gegen den syrischen Machthaber Assad diskutiert. Anlass ist der Angriff mit Giftgas auf Zivilisten in Vororten von Damaskus, bei dem Hunderte Menschen, darunter viele Kinder, getötet wurden. Während US-Präsident Obama über einen Luftangriff als Vergeltungsmaßnahme nachdenkt, warnen europäische Linke nun vor dem Cowboy im „Schlachthaus“ Syrien, das sie bislang weitestgehend ignoriert haben.

Von Patrick Gensing & Andrej Reisin

Vor gut zweieinhalb Jahren hatte der arabische Frühling Hoffnung gemacht auf demokratische Reformen und neue Perspektiven für Millionen von jungen Menschen. Doch heute steht Ägypten am Rand des Bürgerkriegs und die Bilder aus Syrien sind seit Monaten zum Verzweifeln: Der dortige Krieg hat bereits Zehntausende Todesopfer gefordert, Millionen von Menschen sind auf der Flucht.

Die Lage ist unübersichtlich, die Opposition zersplittert; angeblich gewinnen Dschihadisten zunehmend an Einfluss. An der Seite von Assad steht indes die Hisbollah, unterstützt wird er vom Iran, die Rolle der palästinensischen Hamas – eigentlich mit Assad verbündet – ist nicht eindeutig zu definieren.

Coat of arms of Syria
Coat of arms of Syria

Von Boykottaktionen und roten Linien

Die europäische Linke, sonst schnell dabei, wenn man sich mit den vermeintlich oder tatsächlich Schwachen solidarisieren kann, hält sich beim arabischen Frühling und dessen Folgen weitestgehend zurück. Die Umwälzungen erfordern es, eigene Gewissheiten zu hinterfragen und neue Entwicklungen wahrzunehmen. Und während in Syrien die Bomben fallen, engagieren sich europäische Linke lieber weiter für Boykottaktionen gegen Israel; auch der deutsche Außenminister bereiste zuletzt Israel und die Palästinensergebiete, so als sei dieser Konflikt das eigentliche Problem in einer Region, die buchstäblich in Blut ertrinkt.

Nach den Giftgasangriffen in Vororten der syrischen Hauptstadt Damaskus wollten mehrere westliche Staaten nicht mehr tatenlos zusehen. Eine rote Linie sei überschritten, hieß es unter anderem in Washington. Warum das Töten von Zehntausenden Menschen mit konventionellen Waffen offenbar noch kein Grund war, sich genauer mit dem Bürgerkrieg zu beschäftigen, ist sicherlich eine interessante Frage, doch Giftgas gilt eben als besonders geächtete Waffe, was unter anderem historische Gründe hat.

„Syrien gehört zu den sieben Staaten, die sich dem Chemiewaffenübereinkommen bis heute verweigern“, erklärt beispielsweise C-Waffen-Experte Oliver Meier gegenüber dem ARD-Nachrichtenportal tagesschau.de. Damaskus habe „allerdings das Genfer Giftgasprotokoll von 1925 unterschrieben und damit auf den Ersteinsatz von chemischen Waffen verzichtet“. Doch auch jenseits vom Einsatz chemischer Waffen werden offensichtlich furchtbare Verbrechen verübt. Laut den Augenzeugen in diesem BBC-Bericht hat hier ein Kampfjet eine Brandbombe mit einer Napalm-ähnlichen Flüssigkeit abgeschossen und einen Spielplatz getroffen (Achtung, extrem verstörende Bilder):

„USA will Vormachtstellung demonstrieren“

Die Argumente für und gegen einen militärischen Schlag liegen längst auf dem Tisch; für beide Positionen gibt es nachvollziehbare und bedenkenswerte Gedanken. Interessant ist aber, wie sich der Großteil der deutschen Linken eindeutig gegen jede militärische Intervention stellt, ohne die Argumente, die dafür sprechen, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Christine Buchholz, Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Linkspartei, behauptet, ein „Angriff der US-Armee mit Marschflugkörpern droht einen Flächenbrand auszulösen“. Nur zur Erinnerung: In Syrien tobt der Krieg, im Irak terrorisieren sunnitische Fanatiker die schiitische Bevölkerung, in Ägypten wurden jüngst Hunderte Muslimbrüder getötet, im Libanon bringt die Hisbollah ihre Raketen gegen Israel in Stellung, usw. usf. Alles kein Thema für Buchholz, denn ihr geht es vor allem um den Teufel USA: Mit dem Angriff helfe „die US-Regierung nicht den Menschen in Syrien“, sondern wolle „einzig ihre militärische Vormachtstellung in der Region demonstrieren“. Aha.

Die NPD gegen den US-Imperialismus.
Die NPD gegen den US-Imperialismus.

Die Vorhersehbarkeit, mit der diese Argumente der antiimperialistischen Front aufgefahren werden, ist fast schon erschreckender als die ideologische Verblendung, mit der man hier konfrontiert wird. Es ist leider überhaupt keine Überraschung, dass die NPD beinahe identisch argumentiert und von amerikanischer Kriegstreiberei sowie einem „geostrategischen Schlag“ schwadroniert. Dass Israel angeblich größtes Interesse an einem Militärschlag habe und daher Obama unter Druck setze, gehört zu solchen altbekannten Argumentationsketten wie selbstverständlich dazu.

JW und JF im Gleichschritt

Den antiimperialistischen Vogel schießt indes einmal mehr die Junge Welt ab, in der Werner Pirker Russlands Syrien-Politik in höchsten Tönen lobt, historische Assoziationen auslöst, indem er den USA, Großbritannien und Frankreich eine Selbstermächtigung vorwirft – und schließlich von einer Verschwörung gegen Syrien schreibt. Der Bundesregierung hält er vor, in Deutschland würden syrische Kollaborateure ausgebildet.

In der Leserschaft der neurechten „Jungen Freiheit“ dürfte Pirker offene Türen einrennen. Bei einer Umfrage stimmten dort rund 95 Prozent der Teilnehmer gegen eine Intervention in Syrien. Und JF-Autor Thorsten Brückner setzt in einem Kommentar auf eine nicht näher benannte russische Quelle, wonach die Rakete mit Giftgas aus einem Gebiet abgefeuert worden sei, das von Rebellen gehalten werde.

Ebenfalls in dem Rechtsaußenblatt stellte Talkshow-Dauergast Peter Scholl-Latour dann die Masterfrage aller Verschwörungstheoretiker:

Präsident Assad, so heißt es in Washington, habe mit dem Einsatz von Giftgas die „rote Linie“ überschritten, die Waffenhilfe sei gerechtfertigt. […] Wenn man die juristische Frage cui bono?, also: Wer wäre der Nutznießer dieses Vorhabens?, stellt, so ergibt sich der Schluß, daß die Aufständischen – im Gegensatz zu Assad – alles Interesse daran haben, daß die ominöse rote Linie überschritten wird. Und die Beschaffung von chemischen Kampfstoffen wie Sarin stellt heute kein Problem dar.

Alte Feindbilder pflegen und gute Ratschläge geben, das klappt reibungslos. Um aber die eigene komplette Konzeptlosigkeit zu tarnen, wird gerne auf die Vereinten Nationen verwiesen, einen weitestgehend handlungsunfähigen Staatenbund, in dem Russland wirkungsvolle Verurteilungen und Resolutionen gegen Syrien regelmäßig verhindert. Die Vereinten Nationen gehören im deutschen Weltbild zu den Guten; die weise Mutter der Völker hat ein ähnlich positives Image wie sämtliche Verbraucher-, Daten- und Umweltschützer. Und die Stellung der UNO treibt manche offenbar mehr um als der Krieg an sich, so kommentiert das Netzmagazin Telepolis auf Facebook besorgt:

Interessant ist schon, wie die britische Regierung argumentiert, wann ein militärischer Schlag im Allgemeinen und im Besonderen gegen Syrien nach internationalem Recht auch ohne UN-Mandat legal sein soll. Es ist auch ein Versuch, die Vereinten Nationen noch weiter an den Rand zu drängen.

Dass seit vielen Jahren versucht wird, über die Vereinten Nationen Druck auf Assad auszuüben, ist offenbar nebensächlich – oder schlicht nicht bekannt. Auch Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin wiederholt gebetsmühlenartig, ohne UN-Resolution dürfe es keine Konsequenzen geben, räumt aber in der Frankfurter Rundschau gleichzeitig ein: Die Sanktionen gegenüber Syrien kamen sehr spät und waren in ihrer Wirkung lange Zeit zahnlos. Ein Widerspruch, der offenbar nicht weiter auffällt.

Cowboy im Schlachthaus

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Fehlen darf bei diesem Thema natürlich auch nicht Jakob Augstein, der das Bild des amerikanischen Cowboys strapaziert und warnt: „Finger weg vom Abzug!“ Während der Wechsel eines BILD-Journalisten zum Spiegel in der linksliberalen Presse mit Weimarer Verhältnissen in Verbindung gebracht wird, kann Augstein Woche für Woche seine ressentimentgeladenen Kolumnen über das Sturmgeschütz rausjagen – und dies noch als kritischen Journalismus verkaufen.

Augsteins Sprache ist einmal mehr schlicht daneben, er bezeichnet Syrien als „Schlachthaus“, in dem die Syrer gefangen seien. Syrer als arme Schweine? Letztendlich dreht sich sein Artikel aber um die USA, die den bemitleidenswerten Iran unter Druck setzten. Kronzeuge für diese fast schon lobbyhaften Ausführungen ist „Nahost-Experte“ Michael Lüders, der in seinen Büchern unter anderem vom Einfluss „der reichen New Yorker Juden“ berichtet.

 Was fehlt noch? Öl- und Gaspipelines …

Doch Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn der Bösewicht nicht auch bei vielen konservativen Bürgerlichen USA hieße. In der FAZ darf ein Historiker der Universität Passau dazu zum besten gegeben:

Den Amerikanern und der westlichen Seite geht es nicht oder nicht vorrangig darum, der bedauernswerten syrischen Bevölkerung zu helfen, sondern um Einflussnahme auf die Neugestaltung des Landes nach einem voraussichtlichen Sturz des derzeitigen Regimes, obwohl man mit diesem bisher stets gut zusammenarbeiten konnte. Mehrere, seit längerem geplante, für den Westen wichtige Öl- und Gaspipelines stehen auf dem Spiel, die Saudi-Arabien und Qatar mit dem östlichen Mittelmeerraum und der Türkei verbinden und deshalb partiell durch syrisches Gebiet führen sollen.

So denkt es in Hans-Christof Kraus, seines Zeichens deutscher Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Passau. Seine bisherige Expertise drehte sich zwar um das politische Denken und Handeln preußischer Altkonservativer im 19. Jahrhundert, aber das hindert einen deutschen Professor natürlich nicht daran, jetzt auch mal seinen Senf zu Syrien abzugeben. Dort halten seiner Auffassung nach „die geostrategischen Global Player“ die Würfel „bereits in der Hand“. Denn so war es halt schon immer:

auch der unerbittliche, bis zum Ziel der bedingungslosen Kapitulation geführte Kampf Amerikas und Großbritanniens gegen die beiden das Herzland von Westen und Osten bedrohenden Achsenmächte Deutschland und Japan

sei nur zu verstehen, wenn man sich in geopolitischen Konzeptionen auskenne, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von anglo-amerikanischen Politikern erdacht worden seien und die bis heute Gültigkeit hätten. So kann man dann auch den Kriegseintritt Englands und der USA in den Zweiten Weltkrieg mit irgendeiner Doktrin erklären. Von der weiß außer einem deutschen Historiker zwar kaum jemand mehr, aber die Tatsache, dass das Deutsche Reich zuvor Polen und Frankreich überfallen hatte, lässt sich so natürlich prima vom Tisch wischen.

Wie nebenbei wird dann auch noch Carl Schmitt zitiert, der Haus- und Hofjurist des Nationalsozialismus. Zustimmend bezieht sich Kraus auf Schmitts „Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ von 1941 (!), die sich mit dem klassischen Prinzip amerikanischer Außenpolitik, Einmischungen europäischer Mächte auf den amerikanischen Kontinenten nicht zu dulden, auseinandersetzt. Kraus‘ Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Motivation der westlichen Alliierten im Zweiten Weltkrieg lassen sich dann dementsprechend vom Blick alter und neuer Nazis auf dieselbe Thematik auch kaum noch unterscheiden:

Der Albtraum einer von Deutschland und Japan gemeinsam oder schlimmstenfalls sogar von Deutschland allein kontrollierten „pivot area“ im Herzen Eurasiens musste mit allen Mitteln verhindert werden. Hierin bestand das erste und wichtigste Kriegsziel Roosevelts und Churchills, dem alles andere untergeordnet wurde.

Mit den Menschheitsverbrechen der Nazis, mit dem deutschen Angriffskrieg, mit dem Alptraum einer Weltherrschaft des Nationalsozialismus und dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour hatten die angloamerikanischen Kriegsziele indes offenbar nichts zu tun. So erklärt es ein konservativer Professor en passant in der „Zeitung für Deutschland“: neurechter Revisionismus, geschickt getarnt als Imperialsmuskritik.

Wer das nicht glauben will, ist „naiv“ und wird ganz im Sinne der Überschrift („Und Ihr denkt, es geht um Syrien!“) belehrt: „Mehrere, seit längerem geplante, für den Westen wichtige Öl- und Gaspipelines stehen auf dem Spiel.“ Wenn selbsternannte Schlauberger „Öl“ und „Pipelines“ rufen, kann man auch als Nicht-Bayer gedanklich meist ein „Schmarrn“ dazu addieren. So auch hier: Nicht nur, dass die USA gerade dabei sind, sich energietechnisch weitgehend unabhängig zu machen, weil man dort weniger Angst vor Fracking hat als der deutsche Michel in Passau, nein, die Ölversorgung des Westens hat bisher auch ohne Syrien-Pipeline gerade noch zufriedenstellend funktioniert.

Da würde es natürlich helfen, seine Schriften aus dem 19. Jahrhundert mal kurz beiseite zu legen und einen Blick in den „Economist“ zu werden. Stattdessen werden „Doktrinen ausgegraben, von denen zum Teil bezweifelt werden darf, ob sie jemals reale Bedeutung hatten“, die aber als „die Erklärung für das Verhalten der Großmächte in diesem Konflikt in Syrien 2012“ präsentiert werden, wie ein kritischer Kommentar auf den Seiten der FAZ treffend bemerkt.

Botschaft statt Beweise

Beweise für sämtliche Unterstellungen finden sich in dem Artikel ebenso wenig wie auch nur ein Gedanke dazu, was nach Meinung von Herrn Professor in Syrien zu tun wäre. Die Hände braucht man sich aber auch nicht schmutzig zu machen, denn die Botschaft kommt auch so an: Die Amis wollen mal wieder ihre Interessen durchboxen und tarnen ihre Geldgeilheit durch Menschlichkeit. Das Ressentiment vereint Linke, Konservative und Rechtsradikale, ihr gemeinsamer Feind ist der Westen, die Textbausteine sind austauschbar.

„Die Weltöffentlichkeit weiß, was sie von Deutschland zu erwarten hat“, kommentierte Eric Hansen in seiner Zeit-Kolumne „Wir Amis“ die deutsche Syrien-Debatte treffend: „Viel Kritik, wenig Einsatz“. Und weiter:

Um dieses Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen, erregt man sich hierzulande gern umso lauter über die Fehler der anderen. Niemand kennt die Sünden der Amerikaner, der Russen, der Italiener, der Israelis und Chinesen besser als die Deutschen. Und niemand weiß besser als sie, wie man selber solcher Kritik aus dem Weg gehen kann. Wer nichts tut, macht schließlich auch keine Fehler.

Keine Konzepte und kaum Interesse an einem Krieg mit Zehntausenden Toten, solange nicht die USA oder Israel mit von der Partie sind, dafür jede Menge gute Ratschläge – so lässt sich der Beitrag vieler Deutscher zur Syrien-Debatte überspitzt zusammenfassen. Dem Töten in diesem Bürgerkrieg entgegnet man mit formalistischen Einwänden oder dem Hinweis, eine Intervention könne auch nichts ändern, so als habe es den Fall Libyen nicht gegeben.

Noch einmal: Es liegen bedenkenswerte Argumente gegen einen Militärschlag in Syrien vor, doch Antiamerikanismus und folgenlose Besserwisserei gehören sicherlich nicht dazu.

Siehe auch: AI: “EU für Tod von Flüchtlingen verantwortlich”“Europas Feigheit vor der Hisbollah”Plötzliches Desinteresse an Angriffen auf PalästinenserMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Im InfokriegDie deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und Ahmadinedschad

Die Unfähigkeit Antisemitismus zu begreifen

Die „Debatte“ um die Rangliste der „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs 2012“ des Simon Wiesenthal Centers (SWC) zeigt vor allem eines: Die Unfähigkeit der Mehrheit der deutschen Medien, zum Thema Antisemitismus überhaupt inhaltlich zu debattieren.

Ein Kommentar von Andrej Reisin

Das Simon Wiesenthal Center (SWC) habe seine Kritik an Jakob Augstein „relativiert“, meldeten viele deutsche Medien am Mittwoch unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur (dpa). Insbesondere Augsteins Hausmedium Spiegel Online fühlte sich bemüßigt, seinen Kolumnisten gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen – und nun seinerseits  das SWC anzugreifen. Doch worin besteht die vermeintliche „Relativierung“ des SWC? Nun, laut dpa sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper: „Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten.“ Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab.

Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)
Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)

Das SWC hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt behauptet, Augstein gehöre zu „den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten“ bzw. „den weltweit größten Antisemiten“ bzw. „den zehn schlimmsten Antisemiten der Welt“ oder zu „den schlimmsten Judenfeinden“. All diese Behauptungen stammen nicht vom SWC, sondern aus der deutschen Presse, die Augstein damit seit einer guten Woche gegen einen Angriff verteidigt, der in dieser Form gar nicht erfolgt ist. Genau dieser Mechanismus zeigt aber umso schöner die Befindlichkeiten eines großen Teils der deutschen Journalisten auf. Denn erst so kommt die Empörung richtig in Gang: Der Vorwurf sei „ungeheuerlich“, da fallen einem doch sofort mindestens zehn „gefährlichere“, „echte“ Judenhasser ein. Mithin: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird mit großer Verve erklärt, Augstein sei „kein Antisemit“ – und schon gar nicht einer der „zehn schlimmsten weltweit“.

Die aktuellen Äußerungen des SWC sind daher auch keinesfalls die „Relativierung“, welche die dpa und angeschlossene deutsche Massenmedien gerne hören möchten, sondern das erneute Hereinfallen des deutschen Mehrheitsjournalismus auf die Dürftigkeit der eigenen Berichterstattung, die das „BILDblog“ und andere bereits zu Recht bemerkten. Man fällt gewissermaßen auf die eigenen Fehler ein zweites Mal herein und proklamiert: „Seht her, jetzt rudert das ‚jüdische Zentrum‘ (Spiegel Online) zurück: Augstein ist gar kein Antisemit.“ Über Inhalte wird dagegen weiterhin nur in Randspalten gesprochen.

Die Vorwürfe sind keineswegs neu – nur haben sie bislang nicht interessiert

Dabei sind Augsteins Tiraden natürlich keinesfalls zuerst vom SWC kritisiert worden, ganz im Gegenteil: Publikative.org hatte bereits mehrfach darauf hingewiesen, wie Augstein – aus unserer Sicht eindeutig – antisemitische Klischees bedient. Von Henryk M. Broder, über die Titanic bis hin zur Konkret gab es auch vor dem SWC bereits kritische Leser, die in Augsteins Kolumnen zu Israel das erblickten, wofür wir sie auch nach wie vor halten: Eine nahezu bilderbuchartige Ansammlung von anti-israelischen und antisemitischen Klischees, über die der Autor dieser Zeilen bereits am Karfreitag 2012 schrieb:

Natürlich nimmt auch Augstein genau wie Grass für sich in Anspruch, kein Feind Israels, kein Judenfeind zu sein. Nun sind bekennende Antisemiten jenseits der Nazis aber leider immer Mangelware. Daher die Gegenfrage: Wenn so viele Komponenten einer antisemitischen Bilderbuch-Wahnwelt zusammen kommen, darf man dann von Antisemitismus reden? Wenn die eigene faktenfreie Welt zur Grundlage für den vermeintlichen Mut wird, für “uns alle” eine scheinbar endgültige Wahrheit auszusprechen?

Was, wenn nicht diese Imagination des Erlösers vom israelischen Übel, diese Paraphrasen von “Wahrheit macht frei” und “Die Juden sind unser Unglück” soll Antisemitismus denn sonst noch sein? Wer sich fragt, warum Henryk M. Broder und andere sich vor Jahren angewidert von der deutschen Linken abwandten und heute nur noch als “Neocons” gelten, der findet in Augsteins Text die Antwort: So lange dieses antisemitische Geschwätz “im Zweifel links” ist – so lange ist diese Linke so weit von einer vernünftigen Politik- und Gesellschaftsanalyse entfernt wie Mahmud Ahmadinedschad von der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

Genützt hat es freilich nichts – interessiert hat es auch kaum jemanden. Deswegen kann Jakob Augstein sich auch vor all seinen Freunden und Verteidigern hinstellen und ehrlicherweise überrascht sein. Denn der Stand der medialen Diskussion in deutschen Mainstream-Medien ist – von Ausnahmen abgesehen – zumeist derselbe wie 1968, 1982 oder 1997. Die gängige Formel lautet: Antisemitismus=Neonazis=Holocaust=Massenmord=schlimmstes Verbrechen der deutschen Geschichte. Die zahlreichen Debatten zu Augsteins leiblichen und geistigen Vätern, zu Martin Walser und zu linkem Antisemitismus werden dagegen erfolgreich ignoriert oder verdrängt. Alles unterhalb der Nazi-Messlatte ist schlichtweg kein Antisemitismus, sondern höchstens „Israelkritik“ – und die wird ja wohl gerade noch erlaubt sein. Schließlich schrieb Rudolf Augstein vor mehr als 20 Jahren schon fast dasselbe wie nun sein Sohn:

„Inzwischen nehmen wir die Formel ,Israel-Kritiker = Antizionist = Antisemit’ als unvermeidlich hin. Ich habe längst gelernt, dass einer ein Antisemit ist, der die Politik des Staates Israel kritisiert.“

Keine Antisemiten außer Hitler

Als nun das SWC mit seiner jährlichen Top Ten Schlagzeilen machte, gab es auf einmal den Aufschrei, von dem man eigentlich hätte annehmen sollen, dass ihm – zumindest jetzt endlich – eine Debatte über die gebrandmarkten Zitate folgen würde. Stattdessen jedoch führt man in Deutschland lieber „Debatten“ über „Seinsfragen“, nämlich darüber, ob Augstein nun „Antisemit“ ist – obwohl es eigentlich darum gehen sollte, ob seine Texte antisemitische Klischees bedienen. So weist Nahost-Korrespondent Sebastian Engelbrecht Augstein in seinem Kommentar zwar zahlreiche handwerkliche und sachliche Fehler nach, nur, um im unmittelbar folgenden Absatz festzustellen, Augstein sei „kein Antisemit“, sondern ein „kritischer Denker.“

Warum diese Art kritischen Denkens nichts mehr mit dem gemein hat, was die Frankfurter Schule einst als „Kritische Theorie“ zu etablieren suchte, hat Philip Meinhold in der TAZ in einem satirischen Text auf den Punkt gebracht. Offenbar ist die Satire hierzulande heutzutage der Ort für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Bereits vor Jahren illustrierte die „Titanic“ das Ergebnis der antisemitischen „Wesensfindung“ in deutschen Medien in dem kongenialen Witz: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Statt sich auch nur ein einziges Mal genauer mit Augsteins Zitaten zu befassen, wird das „Argument“, dass es jenseits der Nazis eben keine „echten“ Antisemiten gäbe, zur Verteidigung Augsteins bemüht. So schreibt einer der Lieblingskolumnisten des deutschen Publikums, Harald Martenstein, im „Tagesspiegel„:

„Von Jakob Augsteins Antisemitismus lässt sich sagen, dass er aus Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung besteht. […]  Nicht die Neonazis sollen also Deutschlands schlimmste Judenhasser sein – nein, ein Journalist, der gegen Israels Regierung polemisiert. Wenn Jakob Augstein Deutschlands schlimmster Antisemit wäre, dann hieße dies, dass es in Deutschland keinen wirklich gefährlichen Antisemitismus mehr gibt.“

Auf derartig geschichts- und gegenwartsblinden Blödsinn muss man erst einmal kommen: Als hätte die Geschichte antisemitschen Denkens immer nur aus geifernden Stiefelnazis bestanden, denen ihr stets zum Massenmord bereiter Hass praktisch schon anzusehen gewesen wäre. Als hätte es die sattsam belegte Judenfeindschaft von zahlreichen deutschen Geistes- und Kulturgrößen wie Wagner, Treitschke, „Turnvater“ Jahn, Brentano, Klages und wie sie alle hießen, nie gegeben. Als hätten 1817 bei der Gründung der Urburschenschaft auf dem Wartburgfest die anwesenden Studenten nicht „Wehe über die Juden!“ gerufen, als sie unliebsame Schriften jüdischer Autoren ins Feuer warfen.

Antisemitismus mit Todesfolge

Vor allem aber: Als hätten Deutschland und Europa nicht ein Jahr hinter sich, in dem offener Judenhass – auch in gewalttätiger und tödlicher Form – sich nahezu permanent offen artikulierte. Eine kleine Auswahl:

– Am 26. November fordert der Abgeordnete im ungarischen Parlament, Marton Gyongyosi, jüdische Abgeordnete müssten gezählt und registriert werden, um ein Risiko für die Nationale Sicherheit zu vermeiden.

– Am 18 November rufen Demonstranten in Antwerpen: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“

– Am 18. November werden in Barcelona ein Hakenkreuz sowie anti-israelische Parolen auf eine Synagoge gesprüht.

– Am 18. November werden in Lodz 20 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zerstört.

– Am 9. November wird in Greifswald anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht das örtliche Holocaust-Mahnmal geschändet.

– Am 25. Oktober verbrennen Anhänger der Jobbik-Partei eine israelische Fahne vor der Budapester Hauptsynagoge.

– Am 22. Oktober wird ein 12-jähriger jüdischer Schuljunge in Paris attackiert und mit Gürteln verprügelt.

– Am 9. Oktober wird ein 19-Jähriger beim Verlassen einer Synagoge in Paris mit Schrotkugeln aus einem Luftdruckgewehr am Arm verletzt.

– Am 28. September wird im schwedischen Malmö ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der jüdischen Gemeinde verübt, welches bei der Detonation beschädigt wird.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der weltberühmte jüdische Friedhof in Prag geschändet, 26 Grabsteine werden beschädigt.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, im Beisein seiner beiden Kinder in Berlin nach dem Besuch einer Synagoge bedroht. Um den Angreifer abzuschrecken, zeigt Kramer ihm seine Schusswaffe. Kramer trägt seit Jahren legal eine Pistole zum eigenen Schutz.

– Am 29. August wird der Berliner Rabbiner Daniel Alter von Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er die Frage, ob er Jude sei, bejaht hat. Seine sechsjährige Tochter muss alles mit ansehen und wird mit dem Tod bedroht. Der jüdische Geistliche muss stationär im Krankenhaus behandelt werden.

– Am 25. August rufen Anhänger der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft „Drecksjuden“ („mocskos zsidók“) vor dem Heimspiel gegen Israel.

– Am 22. Juli werden in Barcelona ein Davidstern und das Wort „Juden“ auf die Fassaden zweier Banken gesprüht.

– Am 2. Juni werden drei jüdische Jugendliche in Lyon von mehr als zehn mit Hämmern und Holzlatten bewaffneten Angreifern mit dem Schlachtruf „Drecksjuden“ attackiert.

– Am 25. März wird in Budapest das Hauptdenkmal für die Ermordung der ungarischen Juden während des Holocausts mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet. Die Juden werden zum Verlassen des Landes aufgefordert. Nur wenige Tage zuvor war eine Statur von Raoul Wallenberg mit Schweinsfüßen geschändet worden.

– Am 19. März werden der Rabbiner Jonathan Sandler, 30, sowie seine beiden Kinder Aryeh, 6, und Gabriel, 3, von einem antisemitischen Attentäter in Toulouse auf offener Straße ermordet. Der Täter schießt anschließend innerhalb einer jüdischen Schule um sich und ermordet die achtjährige Miriam Monsonego. Zuvor hatte er bereits drei französische Soldaten ermordet. Sein Motiv nach eigenen Angaben bei einem Anruf bei einem französischen Nachrichtensender: „Rache für Gaza“.
[…]

Von den spektakulären Einzelfällen abgesehen ist all dies in seiner Gesamtheit kaum mehr als eine Randnotiz für deutsche Medien. Mit Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus beschäftigen sich sich in aller Regel maximal im Feuilleton – und auch dies eher sporadisch und zumeist in historischer Perspektive. Aber sicherlich haben Harald Marteinstein, Jan Fleischhauer, Christian Bommarius, Frank Drieschner, Nils Minkmar, Klaus Holz und all die anderen medialen Verteidiger Augsteins trotzdem recht: Mit „Israelkritik“ haben die genannten Besipiele antisemitischer Gewalt bestimmt nichts zu tun, denn es kann ja wie gesagt nicht sein, was nicht sein darf. Seine „grenzwertige Israelkritik“ wird man sich nicht kaputtmachen lassen, egal, wie viele Judenmörder noch ein „Rache für Gaza“ auf den Lippen führen. Sonst müsste man am Ende noch anfangen, sich „kritisch“ (sic!) mit eigenen Positionen zu beschäftigen. Wo kämen wir da hin?

Eine ernsthafte Debatte über die Begrifflichkeiten und Strömungen des modernen Antisemitismus, sowie eine Auseinandersetzung mit seiner brandaktuellen Gewaltätigkeit ist deshalb in naher Zukunft nicht zu erwarten. Denn die Verwobenheit dieses mörderischen Potenzials mit dem, was man hieruzulande gerne „Israelkritik“ nennt, ist der wahre blinde Fleck der deutschen Debatte. Man gibt sich lieber weiterhin feierlich-bekümmert, wenn der 27. Januar ansteht, und zeigt sich aufrichtig betroffen in seiner Trauer um all die toten Juden. Wie gut, dass wir diesen barbarischen Antisemitsmus historisch überwunden haben. Und gerade wegen dieser „historischen Verantwortung“ darf Auschwitz sich nicht im „Lager Gaza“ (Augstein) wiederholen. Die Lebenserwartung dort liegt übrigens bei 74.16 Jahren – aber das ist sicher israelisch-amerikanische Propaganda.

Siehe auch: Was hat Augstein eigentlich geschrieben?Antisemiten, das sind die anderenAugsteins Israelkritik: Eine Frage der ObsessionDie Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”,(Israelische) Soldaten sind Mörder!Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-FrageMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Wahn und WirklichkeitIm Zweifel gegen Israel

Antisemiten, das sind die anderen

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um die Normalisierung des Antisemitismus in Deutschland.

Von Samuel Salzborn

Was ist los in einem Land, in dem antisemitische Ressentiments nicht nur in Nazi-Postillen gedruckt werden, sondern bei meinungsführenden Medien wie der Süddeutschen Zeitung (Günter Grass) oder dem Spiegel (Jakob Augstein) als intellektuelle Debattenbeiträge wohlfeil geboten werden? Es ist noch gar nicht lange her, da folgten auf antisemitische Ausfälle auch reihenweise Contra-Stimmen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Aber, so haben Werner Bergmann und Wilhelm Heitmeyer vor wenigen Jahren konstatiert, the boundaries are shifting – die Grenzen des sagbaren in Sachen Antisemitismus haben sich verschoben. Etwas schärfer im Ton, aber sachlich genauso treffend schrieb Salomon Korn, dass die „Schonzeit“ für Juden in Deutschland vorbei sei. Seit den öffentlich nur mangelhaft sanktionierten antisemitischen Äußerungen von Walser 1 (Paulskirchen-Rede) und Walser 2 („Tod eines Kritikers“), Möllemann und Hohmann fühlen sich die Antisemiten in Deutschland immer mehr bemüßigt, ihre Ressentiments öffentlich zu kommunizieren.

Institutionen wie der Zentralrat der Juden wissen davon ein trauriges Lied zu singen, die Beschimpfungen werden nicht nur seit Jahren immer mehr, sondern auch immer drastischer und vor allen Dingen: mit bewusstem Selbstbekenntnis, d.h. nicht mehr anonym. Es ist kein Zufall, dass es in den letzten Jahren einen Zuwachs an antisemitischen Straftaten gibt, der Weg vom antisemitischen Denken der Gewalt zur Gewalt gegen Sachen und Menschen ist ein kurzer – noch zumal, wenn man sich nicht mehr in der Minderheit wähnt. Allein im letzten Jahr kam es in Berlin zu mehreren tätlichen Übergriffen gegen Juden, der prominenteste war der gegen den Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan Kramer.

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Mit Blick auf das Jahr 2012 ist ohne Frage ein Radikalisierungsprozess zu attestieren, der sowohl quantitativ, wie qualitativ erfolgt ist: nimmt man mit der Beschneidungsdebatte und der Diskussion um das „Gedicht“ von Günter Grass nur die beiden prominentesten Fälle, dann ist die Intensität im Sinne einer Verdichtung im Vergleich zu den Jahren davor extrem hoch; zugleich spricht es aus dem Jargon der Barbarei immer offener und in medialen Debatten wird die Feststellung, dass jemand sich antisemitisch äußert, mit dem Hinweis auf einen angeblichen Antisemitismusvorwurf verniedlicht, zugleich wird allenthalben und von fast allen Medien – zahlreiche Publikationen aus dem Springer-Verlag sind davon löblich auszunehmen – Antisemitismus faktisch hofiert, da er nicht als grundsätzlich im Widerspruch zu den verfassungsrechtlichen Grundwerten gekennzeichnet wird, sondern zu einer Meinung, die neben anderen tolerierbar sei, verkommt. Wer sich heute als Antisemit offen äußert, muss nicht nur keine strafrechtliche Sanktion befürchten, sondern auch keine politische oder mediale – was mit dem öffentlichen Klima zu tun, das sich auch konstituiert aufgrund der empathischen Teilnahmslosigkeit vieler Deutscher gegenüber den menschen(rechts)verachtenden Grausamkeiten, denen sich die Bürgerinnen und Bürger Israels durch den alltäglichen Terror von Hamas, Hisbollah und anderen zutiefst undemokratischen und barbarischen Rackets ausgesetzt sehen. Die eigene, nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit wird nun nicht nur auf die Juden projiziert und ihnen absurderweise Täterschaft unterstellt, sondern zugleich werden auch die völkisch motivierten und antisemitisch agierenden palästinensischen Terroristen mal klammheimlich, mal ganz offen mit Sympathie bedacht. Es scheint fast, dass jeder, der heute in Deutschland aggressiv gegen Israel hetzt, mindestens eine nicht-aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit in der bundesdeutschen Erinnerungslandschaft verbirgt.

Entscheidend für den Kampf gegen Antisemitismus im Land der Täter ist aber nach wie vor die Haltung der Elite: sie muss öffentlich klar Position beziehen und darf sich nicht gemein machen mit Antisemiten, ob sie in Blog-Einträgen anonym oder in auflagenstarken Tageszeitungen prominent hetzen – die Grenze muss klar sein, weil die Basis antisemitischer Artikulation letztlich ein autoritäres Weltbild ist, das sich auf eine pathische Projektion gründet und insofern aufklärungsresistent ist. Nicht umsonst hat Lars Rensmann schon vor inzwischen fast zehn Jahren betont, dass Antisemitismus in Deutschland auch in besonderem Maße ein Problem für strafrechtliche Verfolgung ist – und eben aber auch für klare, politische Sanktion: denn Antisemiten sind feige, sie gehorchen, aber sie lassen sich nicht überzeugen, weil sie vom Antisemitismus überzeugt sind, nicht obwohl, sondern weil er irrational ist.

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Wollte die Bundesregierung den Antisemitismus wirklich und nicht nur in Festtagsreden symbolisch bekämpfen, dann würde sie den rasch doch noch kurzfristig im Bundestag – gut ein Jahr nach Fertigstellung – diskutierten Expertenbericht in professionalisierte Hände geben. Es bedürfte einer Infrastruktur, die auch zur effektiven Antisemitismusbekämpfung fähig ist – zentral koordiniert und im politischen Machtzentrum angesiedelt, die nicht nur die politische und pädagogische Arbeit mit erheblichen Finanzierungen zu unterstützen in der Lage wäre, sondern gerade auch die praktische Ausbildung in viel größerem Maße für die Antisemitismusbekämpfung sensibilisieren müsste.

Aber es fehlt auch, so traurig es ist, aufgrund mangelnden politischen Verantwortungsbewusstseins an wissenschaftlichen Interventionsmöglichkeiten gegen den aktuellen Antisemitismus. Herausragende Forschungsleistungen müssen im Ausland – und nicht von deutschen Stiftungen – finanziert werden (so etwa die neue Studie von Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz) und das – sowieso seit jeher personell chronisch völlig unterfinanzierte – Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin, kurioserweise überhaupt die einzige universitäre Forschungseinrichtung zum Thema im Land der Täter, widmet sich in jüngster Zeit nicht mehr vordringlich der Analyse des aktuellen Antisemitismus, sondern stärker dem Phantasma einer angeblichen Islamophobie; übersehend, dass die Begriffsgenese gerade auf eine Nivellierung von muslimischem Antisemitismus hinausläuft und dass es zwar ohne Zweifel massiven Rassismus in Deutschland gibt, der sich aber vor allem deshalb gegen Muslime richtet, weil sie von Rassisten als Ausländer wahrgenommen werden.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen – und  Autor des Buches „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich“ (Frankfurt/New York 2010).

Alle Kolumnen von Samuel Salzborn bei Publikative.org.

 Siehe auch: Augsteins Israelkritik: Eine Frage der ObsessionDie Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”,(Israelische) Soldaten sind Mörder!Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-FrageMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Wahn und WirklichkeitIm Zweifel gegen Israel