„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“?

Schlecht gemeint und schlecht gemacht: Die Sendung „horizonte“ im HR-Fernsehen zur ARD-Toleranzwoche übertraf noch die ärgsten Erwartungen. Heraus kam ein Sittengemälde eines verunsicherten Bürgertums, das sich realen gesellschaftlichen Fortschritt trotzig verweigern will. 

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Bereits in der vergangenen Woche haben wir uns über einige Motive der Werbekampagne zur ARD-Themenwoche Toleranz gewundert, die Vorurteile und Diskriminierungen eher zu bestätigen als zu hinterfragen schienen. Auch die Ankündigung einer Talkshow des HR mit dem Gast Matthias Matussek, der seit einiger Zeit eher durch Intoleranz gegenüber Schwulen und anderen Minderheiten auffällt – und für eine nicht gerade tolerante, erzkatholische Wert- und Morallehre streitet, machte uns stutzig. Nachdem die Sendung „horizonte“ ausgestrahlt worden war, waren wir zunächst eher sprachlos. Doch damit ist es nicht getan.

Wo soll man anfangen? Vielleicht einfach chronologisch bei der Anmoderation, in der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard im Brustton der Überzeugung verkündet: „Komme mir bitte keiner und sage, Deutschland sei kein tolerantes Land. Im Gegenteil! Wer, wenn nicht wir?“ Bemerkenswerterweise widerspricht sich Schmidt-Degenhard bereits einen Satz später, indem er ebenso überzeugt kund tut, ihm „gehe der Tanz um die Toleranz ziemlich auf den Geist“. Einerseits ist Deutschland also das toleranteste Land der Welt, aber wehe einer sagt was anderes. Dann ist offenbar Schluss mit lustig. Obwohl damit eigentlich schon der Rest der Sendung gekonnt zusammengefasst wäre, geht es jetzt erst richtig los. Schmidt-Degenhard setzte die Leidensmiene auf und fragt: „Was müssen wir nicht alles tolerieren?“ Völlig unklar bleibt, ob Schmidt-Degenhard hier versucht, in der Bevölkerung vorhandene Emotionen aufzugreifen und wiederzugeben – oder es einfach seine eigenen Plattitüden sind. Nichts wird eingeordnet, der Toleranz-Überdruss erklärt sich offenbar von selbst.

Was folgt, ist einer der bemerkenswertesten Einspielfilme, der in den letzten Jahren in einer Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu sehen gewesen sein dürfte. Zunächst sieht man einen Ausschnitt aus einem Zeichentrickfilm, der bei Kindern für die Akzeptanz von Fremden werben soll. Es folgen Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die alle jeweils hart aneinander geschnitten „Toleranz“ sagen. Roth gleich dreimal, damit sich auch wirklich alle Zuschauer erinnern, welche „Gutmenschen“ besonders nerven mit dieser ewigen Toleranz.

Die gute alte Zeit

Anschließend läuft in dem Filmchen der Schlager-Hit „Ein bisschen Frieden“, dazu sehen wir eine Gruppe junger Menschen zu Besuch bei Joachim Gauck im Schloss Bellevue. Die Gruppe ist bunt gemischt, erkennbar am Kopftuch, das hier ebenso wie Hautfarbe als Marker eingesetzt wird. Als nächstes ist die Eurovisions-Gewinnerin Conchita Wurst zu sehen, im Hintergrund dudelt wie als perfider Gegensatz aber nicht „Rise like a Phoenix“, der Gewinner-Song der österreichischen Dragqueen, sondern weiter Nicole – aus einer Zeit, als beim Grand Prix noch anständige Mädchen harmlose Liedchen über die Sehnsucht nach Frieden trällerten. Für die harte Politik waren hingegen noch echte Männer zuständig.

Und heute? Da muss sich, wie in dem Einspielfilm gezeigt wird, eine Kanzlerin mit dem Zentralrat der Juden beschäftigen, weiterhin sind betende Muslime zu sehen, eine Gruppe schwuler Männer beim CSD und der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere als schwul outete. Dass er damit genau nicht ein Symbol „grenzenloser gesellschaftlicher Toleranz“ ist, weil als aktiver Profifußballer eben nicht offen schwul leben konnte, scheint der Redaktion nicht einmal aufgefallen zu sein. Anschließend wechseln sich Szenen von der Frankfurter Börse ab mit einer Gruppe von Männern, die auf der Straße an einer Hauswand lehnen. Und dann folgen Altkanzler Helmut Schmidt beim Rauchen und schließlich Edmund Stoiber – mit einem erneut schnell geschnittenen „Toleranz“-Stakkato. Selbst große alte Haudegen wie Stoiber müssen sich dem Zeitgeist und dem Terror der politischen Korrektheit beugen, so offenbar die Botschaft.

Der Sprechertext textet auf diese Bilder, beginnend mit dem Empfang der Gruppe beim Bundespräsidenten und endend mit Helmut Schmidt:

„Sind wir nicht längst das toleranteste Land der Welt? Schmeißen bewährte Ansichten über Bord, alle sollen machen, was sie wollen. Wir finden es gut – egal, ob beim schwulen Fußballprofi oder den Zockern von der Börse. Bei denen, die den ganzen Tag herumlungern oder bei dem, der qualmt, ohne zu fragen, ob er darf.“

Es ist schon eine reife Leistung, in so einen kurzen Film so viele Stereotype und Unbehagen über die Moderne zu verpacken. Doch dabei bleibt es nicht; nach „unser“ strapazierten Toleranz folgt der Bruch – und es kommen die zum Zuge, die sich nicht von rauchenden Sozen, Schwulen oder Muslimen auf der Nase herumtanzen lassen wollen: Pöbelnde Mitglieder der „Berserker Pforzheim“ schreien „Leck mich am Arsch“ und „Scheiß Islamisten“ in die Kamera. Es sind Bilder von der Hooligans-gegen-Salafisten (HoGeSa)-Demo in Köln. Die besoffenen Hools dürfen sich über reichlich Verständnis freuen, man könnte auch sagen: Toleranz. Der Sprechertext fragt: „Doch wie lange geht das gut? Was brodelt unter der Oberfläche? Geht der Schuss nach hinten los?“ Dann folgt erneut die Kanzlerin, die noch einmal Toleranz und „Offenheit von Mensch zu Mensch“ beschwört – vor dem Hintergrund der direkt zuvor gezeigten Hassbilder offenbar ein ironisch gemeinter Schnitt, unterlegt mit sphärischer Sakralmusik.

"Kategorie C" in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner
Sarrazin auf prollig – Hools gegen Salafisten in Köln, Foto: Felix M. Steiner

Gruppen von Menschen, in denen es offensichtlich auch „Nicht-Arier“ gibt, eine erfolgreiche Dragqueen, Juden, Muslime, schwule Männer und (offenbar als Steigerung?) schwule Fußballprofis, ein rauchender Altkanzler und die „Zocker von der Börse“ – diese Gruppen (von der bizarr eingesetzten Einzelperson Helmut Schmidt einmal abgesehen) werden als Herausforderung „unserer“ Toleranz präsentiert. Die filmische „Antwort“ liefern dann die HoGeSa-Aktivisten, die symbolisch dafür stehen sollen, dass es womöglich nicht mehr lange „gut gehen“ könnte, dass da unter der Oberfläche der falschen oder verlogenen Toleranz der Zivilgesellschaft etwas „brodelt“, was „nach hinten losgehen könnte“ – trotz der Predigten der Toleranz-Apostel.

„Ende der Utopie namens Multikulturalismus“

Nazi-Hools als Vollstrecker des Überdrusses gegen den „Tanz der Toleranz“, der auch dem Moderator in seiner Anmoderation „ziemlich auf den Geist geht“. Das erinnert an einen Kommentar aus der FAZ, in dem Jasper von Altenbockum die Ursache für rassistischen NSU-Terror mit “einer Minderheit von Muslimen” in Verbindung gebracht hatte, die sich nicht integrieren wolle. Und auch das war natürlich kein Ausrutscher: Zum 20. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits bewiesen, dass die rechtsoffene Flanke des deutschen Konservatismus keine Erzählung aus der Vergangenheit ist.

In seinem Kommentar machte wiederum von Altenbockum aus dem rassistischen Mob ein Fanal der Vernunft gegen eine vermeintlich verfehlte Asylpolitik. Für den FAZ-Redakteur markierten die Ausschreitungen und Mordanschläge Anfang der 1990er das „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“:

Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre, denen Mordanschläge wie in Mölln und Solingen folgten, markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus. Sie war gerade erst geboren worden und trug schon den Keim des Scheiterns in sich. Die Vision einer neuen Gesellschaft, in der die alten, spießigen Bürger keinen Platz mehr haben sollten, wirkte im Osten doppelt fatal.

Auch hier wird die Ursache der rassistischen Gewalt nicht im Rassismus gesehen, sondern sie wird der “Multikulti-Ideologie” untergeschoben. Und so hat rassistische Gewalt für von Altenbockum offenbar eine positive Funktion – so wie ein reinigendes Gewitter:

Erst ‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung. Erst der ‚Asylkompromiss‘ des Jahres 1993, erst die Änderung des Grundgesetzes und erst die Regulierung der bis dato mehr oder weniger schrankenlosen Einwanderung haben es möglich gemacht, in die Nähe eines gesellschaftlichen Konsenses über Rechte und Pflichten in einem Einwanderungsland zu kommen – ja, erst einmal darüber, ob Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist oder nicht.

Und heute sind es die HoGeSa, die beim „Tanz um die Toleranz“ nicht mehr artig mitwippen wollen und „endlich“ eine „ehrliche“ Debatte über die Toleranz ermöglichen?

Und der bedrohten Spezies des „alten, spießigen Bürgers“ wurde in der Sendung horizonte reichlich Raum gegönnt. Denn nach Anmoderation und Einspieler durfte der Publizist Matthias Matussek in den folgenden 30 Minuten noch ausführlich nachlegen. Um den Umfang des Artikels nicht endgültig zu sprengen, soll auf Matusseks Ergüsse nicht ausführlich eingegangen werden, es waren seine erwartbaren und üblichen Textbausteine.

„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“

Mathias Matussek in "Horizonte" (Screenshot)
Hatte sich kürzlich als „homophob“ bezeichnet: Matthias Matussek (Screenshot Horizonte).

Die tapfer kämpfende Ellen Ueberschär hatte deutliche Mühe, zivilgesellschaftliche Basics gegen Matusseks aufgeregte und stellenweise wütende Ausführungen und einen scheinbar mit ihm sympathisierenden Moderator zu verteidigen. Mehr als einmal musste sie die beiden daran erinnern, um was es bei der „Toleranz“ gegenüber Schwulen geht: um „Menschenrechte“ und „Menschenwürde“. Auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehöre, weil hier nun einmal Millionen Muslime leben, schien eine intellektuelle Überforderung für ihren Kontrahenten darzustellen.

Dass das Unbehagen, das wir und viele andere angesichts der Sendungsankündigung hatten, völlig berechtigt war, bestätigte Redaktionsleiter Schmidt-Degenhard im anschließenden Chat zur Sendung, in dem er auf Kritik unter anderem entgegnete, „meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend.“ (sic!)

Womit wir dann beim Kern des Problems angekommen wären: Wenn dem Moderator Homophobie „nicht zwangsläufig menschenverachtend“ erscheint, ist Matussek natürlich auch niemand, der sich außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens bewegt. Selbstverständlich kann es 2014 nicht mehr Standard sein, dass zwei äußerst prominente Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft plus Moderator nur „über“ Schwule und Muslime reden, ohne dass die betreffenden Gruppen eine Chance erhalten, für sich selbst zu sprechen. Zumal dann, wenn einer der geladenen Gäste auch noch massiv auf deren Gefühlen herumtrampelt und ihnen offenkundig zum Teil schlichtweg Grundrechte vorenthalten will.

Doch das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren immer wieder in einzelnen Punkten entschieden, dass die homosexuelle Lebenspartnerschaft der Ehe gleichzustellen sei, steuerrechtlich, im Hinblick auf das Adoptionsrecht und das Familienrecht. Eine vollständige formale Gleichstellung der hetero- und homosexuellen Ehe ist daher längst überfällig – und es ist eines der großen gebrochenen Wahlversprechen der SPD, dass ihr dieser Punkt bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union im Ergebnis schlichtweg egal war.

Bemerkenswert ist, dass eine so konzipierte Sendung ausgerechnet im Rahmen der ARD-Toleranzwoche läuft – und dass die im Vorfeld kritisierte Ankündigung alles andere als ein Ausrutscher oder Versehen war. Äußerst präzise wurde die Perspektive der Sendung vorweggenommen und beschrieben: Der kleine Mann, der in der Kantine zwei Minuten auf sein Schweineschnitzel warten muss, weil irgendeine Kopftuch-Else wegen religiöser Sitten aus dem Morgenland nervt. Der kleine Mann, der sich angewidert wegdreht, wenn sich zwei Männer trauen, in der U-Bahn ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen.

Das Potpourri der „Feindgruppen“

Konsequent wird diese Perspektive des bedrohten deutschen, männlichen „Normalbürgers“ durchgehalten, der auch beim Thema Sex nicht mehr weiß, woran er ist. Irgendwie ist überall Sex, aber er bekommt immer zu wenig davon ab. Käuflicher Sex, Prostitution, schwule Darkrooms im Frankfurter Bahnhofsviertel, irgendwie ist alles dasselbe – und kaum durchschaubar. Als Höhepunkt eines weiteren horizonte-Einspielfilms kommt ein angetrunkener Mann vor einer Bar im Rotlichtbezirk zu Wort, der mit dem Autor bei einer Flasche Bier darüber sinniert, ob Toleranz nicht auch bedeute, dass Männer Frauen nun mal nach dem Schema „die ist geil, die auch, und die auch“ bewerten. „Aber sie geben es nicht zu!“, empört sich das verhinderte Alphamännchen schließlich – verdammte feministische Nervensägen.

Es fehlt bei diesem merkwürdigen Moral-Aufguss des 50er-Jahre-Miefs eigentlich nur noch der Beamte der Sittenpolizei, der aber kumpelhaft ein Auge zudrückt, weil auch er genau weiß, wie hart das Los der Männer heutzutage ist. Mit spielerischer Lust auf verschiedenartige Sexualität und Offenheit für Veränderungen hat das alles auf jeden Fall wenig zu tun, auch wenn es unverkrampft daherkommen soll.

Auf den Schlussakkord zum Feindbild Börsenspekulant gehen wir nicht mehr ein, darauf konnte sich selbst Matussek kaum einen Reim machen. Die Themenzusammenstellung war einfach ein erratisches Potpourri, das sich an den vermuteten „Feindgruppen“ des Mehrheitspublikums orientierte:  Schwule, Migranten, Muslime, Sozialschmarotzer, Emanzen, Spekulanten. Die bedrohlich formulierte Anfangsfrage, ob „der Schuss nicht bald nach hinten losgeht“ gibt die Leitidee wieder: diesen Vorurteilen „breiten Platz und Raum“ einzuräumen, damit das Publikum nicht auf die Idee kommt, „Volksverräter“ zu brüllen und auf HoGeSa-Demos zu gehen. Doch diese „Taktik“ wird nicht funktionieren.

Das Reden über andere

Denn das das Reproduzieren von Stereotypen, das abwertende Reden über andere, die nicht anwesend sind, taugt nicht dazu, Ressentiments abzubauen. Vielmehr werden Vorurteile so erst recht perpetuiert, weil der mit solchen vor dem Fernseher sitzende Zuschauer sich dadurch bestätigt fühlt, dass seine Ressentiments „endlich auch mal im Fernsehen“ offen ausgesprochen werden. Dass es in Gestalt von Ellen Überschär auch eine marginalisierte Gegenstimme gab (gegen „provokante“ Ankündigung, „provokante“ Moderation, „provokante“ Einspieler und Matussek), spielt für die verstärkende Wirkung kaum noch eine Rolle. Denn bei solchen „Gutmenschen“ hört der Wutbürger einfach weg, zumal wenn ihm vorher mit Claudia Roth als dreifach eingespielte tolerante Nervensäge schon der Weg dazu bereitet wird.

Diversity-Konzepte, an denen wirklich kein Mangel besteht, fanden in dieser Sendung keinen Platz. Vielmehr hielt die Redaktion an der vermeintlichen Provokation fest. Das Ergebnis wirkt wie das Sittengemälde eines „Normalbürgers„, der sich weiterhin konsequent und trotzig dem realen gesellschaftlichen Fortschritt verweigern möchte – und damit zunehmend in Gefahr gerät, ins Reaktionäre abzudriften.

Amazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was?

Das halbe Land empört sich über Amazon – und viele Menschen brechen hektisch ihre Geschäftsverbindungen zum Online-Retail-Riesen ab. Gleichzeitig ekelt man sich vor Pferdefleisch in der Lasagne, das man offenbar geschmacklich vom Rind gar nicht unterscheiden konnte. Und kaum ist die erste Empörung auf dem Markt, sind auch sie schon da: Die linken Besserwisser, die sich über die Empörten lustig machen und lauthals „Hey baby, that’s capitalism!“ rufen – als wäre damit schon alles oder auch nur irgendwas gesagt. Ladies and Gentlemen: Weder noch!

Von Andrej Reisin & Andreas Strippel

Amazon-Versandhaus in Leipzig (Foto: Medien-gbr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Amazon-Versandhaus in Leipzig (Foto: Medien-gbr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Für die einen ist Kritik an bestimmten, besonders krassen Phänomenen von Ausbeutung und Konsumentenbeschiss bereits Kapitalismuskritik, für die anderen ist die Kritik an Amazon & Co. dagegen läppisch, weil sie keine Kritik am Kapitalismus ist. Beide Positionen verstecken sich hinter einem großen Zusammenhang, um sich nicht politisch mit der Gegenwart auseinanderzusetzen. Der Skandal um Pferdefleisch in Discounter-Fastfood und die Empörung über die Arbeitsbedingungen bei Amazon zeigen in Wirklichkeit, wie schlecht der Zustand der Kritik hierzulande ist. Es bleibt bei einem Austausch von Banalitäten, moralischen Empörungen und ideologischen Selbstversicherungen.

Denn natürlich ist es ein Skandal, wenn bei einem so anfälligen Lebensmittel wie Fleisch die Kontrollkette nicht funktioniert. Aus gutem Grund sollte die Herkunft von Fleischprodukten einwandfrei nachvollziehbar sein, denn Fleisch ist nun einmal extrem anfällig für hochgefährliche Bekeimung, um nur mal einen Grund zu nennen. Auch die Nicht-Verarbeitung von Tiermehl u.ä., welches im Verdacht steht, BSE-CJD auszulösen, soll so sichergestellt werden – und natürlich auch, dass keine Tiere in den Verzehr gelangen, die aufgrund von Tierseuchen gekeult wurden oder aus der Arzneimittelforschung kommen. Außerdem sollten Schlachttiere eben nicht krank, alt, mit Medikamenten vollgepumpt oder mit Fadenwürmern im Muskelgewebe verseucht sein. Selbst wenn all dies bei dem infrage stehenden Pferdefleisch nicht der Fall sein sollte, so ist das scheinbar mühelose Einspeisen von Fleisch ungeklärter Herkunft in die Nahrungskette aus allen genannten Gründen trotzdem ein erhebliches Problem.

Lebensmittelsicherheit diesseits und jenseits von „Kapitalismuskritik“

Zu niedlich, um es zu essen? Hauspferd auf der Weide. (Foto: Philipp Guttmann / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Zu niedlich, um es zu essen? Hauspferd auf der Weide. (Foto: Philipp Guttmann / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Denn im Gegensatz zum vermeintlichen „Common Sense“ veganer und anderer Kritiker der Lebensmittelindustrie und ökologisch angehauchter Bio-LOHAS-Kunden sind Lebensmittel in der EU außergewöhnlich sicher. Die vermeintlich kritisch-aufgeklärte Klientel hat bloß vergessen, wie viele Menschen früher an verdorbenen Lebensmitteln schlichtweg krepiert sind wie die Fliegen. Und nein, wir reden hier nicht vom Mittelalter, sondern von großen Epidemien bis weit ins 20. Jahrhundert, mitten in Europa. Antibiotika und die Konserven der bösen Industrie setzten dem weitgehend ein Ende. Heutzutage allerdings legen Verbraucher hierzulande extrem viel Wert auf Frisch- und/oder frisch eingefrorene Tiefkühl-Ware. Und dennoch gibt es kaum „echte“ Lebensmittel-Skandale, mit vielen Kranken und Toten. Eine Ausnahme, über die mittlerweile überraschend wenig gesprochen wird, ist der bis heute nicht restlos aufgeklärte EHEC-Skandal von 2011, der durchaus der Supergau der Bio-Branche gewesen sein kann – was die meisten aber offenbar nicht so genau wissen wollen.

Lieber ereifert man sich über Pferdefleisch. Jenseits der moralischen Empörung, die sicherlich davon abhängt, ob das Glück nach eigener Einschätzung nun auf dem Rücken der Pferde liegt oder nicht, ist die Aufregung durchaus gerechtfertigt. Jedes Schlachttier hat einen Chip bzw. eine Marke, die Geburt, Aufzucht, Schlachtung und weitere Verarbeitung dokumentieren und nachvollziehbar machen soll. Dass dieses System offenbar problemlos unterlaufen werden kann und wird, ist ein Missstand, der abgestellt werden muss. Warum man dieses Ziel nicht verfolgen kann, wenn nicht gleichzeitig Massentierhaltung, Tierquälerei und Kapitalismus abgeschafft werden, erschließt sich dagegen nicht.  Da nützt es nichts darauf zu verweisen, dass Etikettenschwindel so alt ist wie die Warenproduktion, vielleicht sogar älter. Mit dem Verweis auf den allgemeinen Charakter eines Problems wird die Diskussion darüber abgewehrt.

Amazon: Wenn der Neoliberalismus „Thor Steinar“ trägt

In der Causa Amazon funktioniert die Abwehrstrategie ähnlich: „Sklavenhandel? Dies ist MARKTWIRTSCHAFT!„, schreit das Blog „Lichterkarussell“ (als ein Beispiel unter vielen) in Großbuchstaben und erklärt gleich die gesamte französische Revolution umstandslos zur „Revolution des Bürgertums, also – stark vereinfacht und auf heute übertragen – der Amazon Geschäftsführung.“ Müssen wir da noch über Feudalismus und Absolutismus und den Hunger der Massen in Paris um 1789 reden? Oder ist das schon egal? Hier wird Erkenntnis zum zynischen Schutzschild. Auch wenn der Kapitalismus ein strukturelles Ausbeutungsverhältnis ist, macht es für die Betroffenen einen gewaltigen Unterschied, ob sie mit Tarifvertrag, sozialer Absicherung und gutem Lohn arbeiten – oder ob sie mit anderen Leiharbeitern zusammengedrängt leben und obendrein von Schränken eines „Sicherheitsdienstes“ (sic!) in Thor-Steinar-Klamotten schikaniert und bedroht werden.

Dass die Probleme mit einem moralischen Aufschrei nicht gelöst werden, weil sie struktureller Art sind, ist eine wichtige Ausgangsposition von Kritik – aber eben nicht ihr Ende. 15 Jahre Sozialabbau und „neoliberale“ Krisenbewältigung haben nicht nur Amazon hervorgebracht. Der alte Gag aus den „Roaring Nineties“ zum „Jobwunder“ in den USA („Clinton hat X-Millionen neue Jobs geschaffen – und ich habe drei davon“), ist eben kein Witz mehr, sondern brutale Realität einer Krise, die immer mehr Reichtum für wenige und immer mehr Armut für viele produziert. Dass vielen Linken dagegen nicht mehr einfällt als der lapidare Verweis auf „den Kapitalismus“, offenbart das intellektuelle Elend einer aus der Oberschicht und dem Akademikermilieu stammenden Argumentation, die seit jeher das Subproletariat verachtet, weil es zu blöd sei, um sich „vernünftig“ zu organisieren. Da wird aus der sozialen Frage mal eben sozialer Dünkel.

Der Verweis auf „den Kapitalismus“ ist dabei ähnlich sinnvoll wie der Verweis auf die Schwerkraft: Aussagen, die immer richtig zu sein scheinen, haben keine Erklärungskraft mehr. Arbeitsbedingungen, die durch Hartz IV, Euro-Krise, Betrug und Schikane zustande kommen und eine Art de facto-Zwangsarbeit darstellen, resultieren eben nicht per se und ohne Umschweife aus der strukturellen Gewalt kapitalistischer Produktion. Sondern sie sind eine Folge spezifischer (De-)Regulierung. Und natürlich lohnt es sich, darum arbeitsrechtlich, gewerkschaftlich und medial zu kämpfen. Ansonsten wird die berechtigte Kritik an verkürzter Kapitalismuskritik selbst zur Ideologie.* Es mag sein, dass „der Kapitalismus das Problem ist“ – aber diese Banalität entspricht der landläufigen Missdeutung des Adorno-Zitats, wonach es „kein richtiges Leben im falschen“ gäbe. Denn damit war eben keinesfalls gemeint, dass Kritik an konkretem Elend banal und nutzlos sei – sondern es sollte die Wichtigkeit betont werden, sich den Sinn für das Richtige nicht nehmen zu lassen.

Siehe auch: Sparen gegen die Demokratie“How to change the world” – Zum Tod von Eric HobsbawmYuppies raus…?!Ökonomie und IdeologieDer naive Staatshass der SchlankheitsideologenUtopien des PrivatenFreiheit oder OrdnungGreifbare Perspektiven für eine bessere WeltMöllemann, Kapitalismuskritik und PiratenschelteIdeale in der radikalisierten Leistungsgesellschaft?Wenn Leistung sich nicht lohntDemografie als Mittel der sozialpolitischen DemagogieAngst als Fortschrittsmotor?Am Rande der DemokratieÜber Stammtischökonomen und “Volksverräter”Opposition dringend gesucht!

*Mit Dank an Helene Høgel für den guten Gedanken.

Starrkopfrassismus: Denis Scheck weiß, was er tut

Der ARD-Chef-Literaturkritiker Denis Scheck hat in der Debatte um die Sprache in Kinderbüchern eine neue, aktive Dimension eröffnet . Es reicht ihm nicht mehr, bewahrend zu wirken, für den Erhalt einer historischen Sprache einzutreten. Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden – und holt die Blackface-Praxis nun auch ins Fernsehen.

Von Georg Felix Harsch

Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter
Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter

Jetzt ist einem der Kragen geplatzt. „Seit einigen Tagen diskutiert ganz Deutschland“, leitet der Chef-Literaturkritiker der ARD, Denis Scheck, seinen Beitrag zur sprachlichen Anpassung von Kinderbuchklassikern im Deutschen ein, und da muss er natürlich mitdiskutieren. Es ist eine Debatte, die für die Literaturkritik ganz entscheidende Fragen aufwirft: Man könnte darüber diskutieren, wie unveränderlich ein literarisches Kunstwerk ist oder sein muss und welche Rolle Autorschaft, Übersetzung, Urheberrechte und die Arbeit des Verlags in dieser Frage spielen; darüber, wie man einen Text eigentlich historisch-kritisch liest und, noch schwieriger, wie Fünf- bis Zwölfjährige mit der entsprechend geringeren Lektüreerfahrung das womöglich mit Erwachsenen zusammen machen können.

Aber an diesen Diskussionen hat Scheck kein Interesse, sie führen zu nah an die Grundfragen der Literaturwissenschaft und sind nicht besonders telegen. Außerdem ist er sehr wütend. Wütend über die Entscheidung der Verlage Oettinger und Thienemann, historisch diskriminierende Terminologie in Kinderbüchern von Ottfried Preußler und Astrid Lindgren zu ersetzen. Darin sieht er einen „feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“. Dieser Feigheit vor dem Feind, so findet er, muss man mit Mut begegnen und etwas tun. Schließlich lautet seine stets wiederholte catchphrase in der Sendung „Druckfrisch“, mit der er lesenswerte Bücher empfiehlt, „Vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue.“ Das Ergebnis ist also eine wohlüberlegte Handlung auf dem Reflektionsniveau seiner Sendung, die seit Jahren verlässlich Fernsehbilder über etwas produziert, das ja meistens ohne Bilder auskommen muss, nämlich Literatur.

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Um seiner Wut über die vermeintliche Feigheit der Verlage Luft zu machen, und um seinen eigenen Mut zu illustrieren, tut er also etwas, das sich seine Parteigänger in der Debatte bisher nicht getraut haben: Er malt sich das Gesicht schwarz an, zieht weiße Glacéehandschuhe an, stellt sich auf ein Podest und lässt dazu Musik von amerikanischen minstrel bands der 20er Jahre laufen, kurzum: Er reproduziert aktiv ein rassistisches, beleidigendes Bild, die tradierte stereotype Karikatur eines Schwarzen. Damit möchte er in seiner Wut die Verlage treffen, aber auch diejenigen, die hinter deren „vorauseilendem Gehorsam“ stehen: schwarze Deutsche, die sich über die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern beklagt hatten. Letzteres sagt er natürlich nicht, aber seine ZuschauerInnen wissen ja: Der Mann weiß, was er tut. Und weil er ein weltgewandter Feingeist ist, der selbstverständlich die Exzesse von Neonazis ablehnt, macht er einen Exkurs über die Etymologie des englischen Verbs „to bowdlerise“, das ursprünglich die Bereinigung von Texten von sexuellen Konnotationen beschreibt. In Kombination mit der Karikatur eines Schwarzen, die er selbst auf dem Bildschirm darstellt, sagt er also aus: Der Rassismus ist mir, ähnlich der sexuellen Lust, ein tief sitzendes, sublimiert oder direkt nach außen drängendes Bedürfnis, das nicht von schlichten Lektoratsentscheidungen eingeschränkt werden darf.

Eine aktive Dimension

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Damit eröffnet Scheck in der Debatte um die Sprache in Kinderbüchern eine neue, aktive Dimension. Es reicht ihm nicht mehr, bewahrend zu wirken, für den Erhalt einer historischen Sprache einzutreten. Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden. Als professionellem Feuilleton-Leser kann ihm unmöglich die Kontroverse um die Blackface-Praxis an deutschen Theatern im letzten Sommer entgangen sein, und das hat ihn wohl dazu inspiriert, diese Form der Repräsentation nun auch ins Fernsehen zu holen. Gleichzeitig geht er offensichtlich davon aus, dass er als Redakteur einer Sendung über deutsche Literatur nicht damit rechnen muss, so bald mit Menschen konfrontiert zu werden, die sich von seiner Karikatur beleidigt fühlen. Denn als deutscher Bildungsbürger toleriert Scheck die schwarze Frau im Straßenbild, aber nicht, dass diese Leute sich in der Literatur des Landes, in dem sie leben, wiederfinden wollen und sich in kulturelle Debatten einmischen. Diese Debatten sollen die Domäne des weißen Mannes bleiben, und wenn man sich dafür Schuhcreme ins Gesicht schmieren muss.

Ob er sich allerdings bewusst ist, was es im Zeitalter des Internets auch international bedeuten kann, solche Bilder von sich selbst zu produzieren, bleibt fraglich. Man darf gespannt sein, ob erfolgreiche AutorInnen aus dem englischsprachigen Raum, wo man für diese Formen von rassistischer Repräsentation sehr viel sensibler ist, in Zukunft noch gerne von dem deutschen Kritiker interviewt werden möchten, der mit einer Blackface-Performance im landesweiten Fernsehen gegen die Streichung rassistischer Sprache aus Kinderbüchern demonstriert hat und dessen Foto mit angemaltem Gesicht jederzeit bei google images abrufbar bleiben wird. Für die Diskussion um Rassismus in der deutschsprachigen Kultur lässt dieser von Scheck eingeläutete Paradigmenwechsel auf jeden Fall nichts Gutes hoffen.

Link: Stellungnahme der ARD zur Kritik an Denis Scheck.

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Siehe auch: How To Tell People They Sound Racist,Weiße Zeitungen, buntes Netz – Definitionsmacht adé  , Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus, Der vergessene Genozid, In einem fernen Land …, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Gericht: Racial Profiling nicht zulässig, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Beschneidung der Vernunft, Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf, Es gibt keinen Rassismus mit Herz!, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, GEH mir WEG damit, Zerstörter Glaube, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Das Problem heißt Rassismus, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

Alles Chaoten!

In Düsseldorf gab es einen Platzsturm und seitdem drehen weite Teile der Medien frei. Im ach so sicheren England mit seinen reinen Sitzplatzstadien mit Preisen für Besserverdiener und zwei Stewards pro Gast gab es anlässlich Manchester Citys Titelgewinn zwar auch einen solchen, aber Kohärenz soll uns ja nicht scheren.

Von Kai Tippmann, Altravita.com

Aufgrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände bescherten uns ARD und ZDF formidable Sondersendungen zum Thema, in denen auch Experten wie Marijke Amado, Bernd Stelter (als Ersatzmann für Kai Pflaume!), Johannes B. Kerner oder Oliver Pocher ihre Sicht auf deutsche Kurven zum besten geben konnten. Soweit man die von hinter den Lachsschnittchen aus sehen kann, versteht sich. Schließlich hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk ja einen Bildungsauftrag und wird gebührenfinanziert, um unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten objektiv über das zu berichten, was die Bundesrepublik bewegt. Ich will mich gar nicht weiter darüber auslassen, wie die Sendungen im Detail abliefen, die 11 Freunde haben das deutlich besser und viel lustiger getan, als ich dies vermag. Und die 11Freunde sind sicherlich völlig unverdächtig, besonders ultrà-affin zu sein, legen aber mit einem Interview mit Fan-Anwalt Marco Noli nach. Der weist u.a. darauf hin, dass die Verletztenzahlen rückläufig sind (die tatsächlichen, nicht die gefühlten) und auf dem Oktoberfest prozentual deutlich mehr passiere. Selbst ein Krawallmedium wie die Hamburger MoPo, sonst eher Sturmgeschütz der Stadienbefriedung, äußert ein ganz deutliches Kopfschütteln anhand der Comedy-Sendung im ARD-Programm. Meine Meinung zum „Warum?“ fasst bestens der hervorragende Beitrag eines Forumisten aus den Spiegel-Online-Kommentaren zusammen, den ich mir erlaubt habe, hier wiederzugeben:

„Es dürfte doch jedem Beobachter des Themas, der nicht mit dem Schaum der braven Bürgerlichkeit vor dem Mund rumläuft, klar sein, dass Seenotrettungsfackeln (denn das sind die so genannten „Bengalos“ ja eigentlich) für beide Seiten dieses eskalierenden Kulturkampfes nur Symbole sind. Da kann die Putenwurst noch so viele Puppen abfackeln – fest steht, dass es in deutschen Stadien trotz viel mehr Zündelei keine Verletzten gab und gibt. Gerade JBK bewies gestern überdeutlich, auf welcher Seite des Kampfes er steht: Auf der von FIFA, UEFA, DFB, DFL und FC Bayern München, allesamt honorige, hoch seriöse Institutionen. Die aber eine Agenda haben: Aus dem Fußballsport das Fußball-Business zu machen, weil diese Organisationen und deren Protagonisten sowie Medienmenschen wie eiben Kerner davon in höchstem Maße wirtschaftlich profitieren. Auf der anderen Seite stehen die – man muss es wirklich so sagen – Bewahrer der FußballKULTUR. Die leitet sich her aus der Geschichtes des Fußballs als Proletensport, als befreite Zone für Unterschichtkinder, als Ort, an dem die emotionale Überwältigkeit Platz hat und in jeder Hinsicht ausgelebt werden kann. Was seit Mitte der Achtziger in Europa stattgefunden hat, kann man die Gentrifizierung des Fußballs nennen: die kalte, wie sich herausstellt feindliche Übernahme durch Besserverdiener. Wer sich als Student so um 1982 in einen Stehblock verirrte, konnte damit rechnen, von den Fans der eigenen Mannschaft aufs Maul zu kriegen, weil man Oberschüler und Studenten eben aufs Maul gibt. Das war für die Betroffenen unschön, aber auch ein Versuch, den Fußball für sich zu behalten. Und so wie Stadtviertel nach der Gentrifizierung schön aufgeräumt, clean und harmlos sind, so soll auch der moderne Fußball werden, denn nur mehr brave Bürger auf den Tribünen und vor allem auf den Sofas vorm TV konsumieren mehr, spülen also mehr Geld in die Kassen, noch mehr Geld und immer noch mehr Geld. So wie die Quadratmeterpreise in gentrifizierten Quartieren steigen und steigen. Dass solche Kerners, Pochers, Rauballs und wie sie alle heißen, mittlerweile vollkommen abgeschirmt von den Fans existieren, ist klar. Aber dass in den Fanblocks nicht irgendwelche gewaltbereiten Ultras und Hooligans stehen, die völlig unreflektiert Krawall und Randale wollen, weiß ja in der bunten Medienwelt kaum jemand. Da stehen 20-jährige Fensterputzerlehrlinge immer noch neben der Omma und dem Inhaber einer Wirtschaftsprüferkanzlei, da wird diskutiert über die Zustände, und da wird sehr genau beobachtet, wer diesen Fans auf welche Weise die Freude am Fansein nehmen will. Typen wie Kerner und Pocher sollten mal mit „ihren“ Mannschaften zum Auswärtsspiel reisen, im Fanbus oder Sonderzug. Und sich dann nicht wundern, wenn sie am Ziel auch schon mal grundlos Knüppel und Pfefferspray abbekommen – das ist die Realität.“

Soweit, so nachvollziehbar. Interessant ist dabei höchstens noch, mit welcher Nonchalance bei „Maischberger“ ebenso wie bei „Hart aber Fair“ jegliche journalistische Mindeststandards unterflogen werden, um am großen Ziel mitzuwirken. Ich bin ja Träumer und messe journalistische Produkte an der Maßgabe, dass diese dem geneigten Leser, Hörer oder Zuschauer mitzugeben hätten, WAS, WANN, WO, WARUM passiert sei und moralische, ethische oder sonstige Bewertungen ins Feuilleton zu verschieben. Was ARD und ZDF hingegen aufführten, ist die mediale Hinrichtung größerer Menschengruppen. Selbstverständlich ohne diesen eine echte Chance zu geben, sich und ihre Motivationen darzustellen oder gar zu verteidigen. Schon allein weil die, über die hier gerichtet wird, nicht anwesend sind. Sehen wir des Arguments halber mal von den Komparsenauftritten des Mitarbeiters des Düsseldorfer Fanprojekts oder der Dortmunderin einmal ab. Die beiden hätten sicherlich noch eine Menge Interessantes zu sagen gehabt, aber wenn sie überhaupt zu Wort kamen, wurden sie von den Profi-Medienvertretern professionell aus dem Spiel genommen. Und was sind schon abgewogene Worte und Differenzierungen dagegen, dass der sogenannte Starmoderator JBK mit einem grell leuchtenden Bengalo eine Puppe abfackelt? Offensichtlich reicht es ja, früher einmal die „Mini Playback Show“ moderiert zu haben, um mehr Redezeit zu erhalten als die Stadionfans, um die es geht. Dass angesichts dieser tendenziösen sogenannten „Berichterstattung“ die große Mehrheit derjenigen, die sich für Fußball überhaupt nicht oder wenn nur vom Sofa aus interessieren der Meinung ist, in deutschen Stadien würden regelmäßig Menschen enthäutet und verspeist, ist klar. „Randale“, „Krawalle“, „Chaoten“, „Blutbad“, „Todesangst“, „Gewalttäter“, „Hooligans“, „Idioten“, „Szenen, die wir in keinem Stadion sehen wollen“, „Schande“.

Alles Chaoten?
Alles Chaoten?


Die Agenda der Talkgäste

Weniger klar ist, wieso ein Moderator oder eine Moderatorin einer solchen Sendung, keinerlei Hinweis auf die Rollen der eingeladenen Gäste gibt, sondern diese unwidersprochen ihrer Agenda nachgehen lässt. Wieder ist es Fananwalt Noli, der in der Nachbetrachtung auf die offensichtlichste aller Tatsachen hinweist: Die eingeladenen Vertreter der Polizei sind nicht vor Ort eingesetzte Beamte oder Einsatzleiter, sondern Vertreter der Polizeigewerkschaften, die Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Ein irgendwie gearteter Anspruch von Obiektivität zwingt doch geradezu zu einer Rückfrage nach den Interessen der eingeladenen Gäste. Oder wollen wir es als Zufall verbuchen, dass Joachim Lenders, stellvertretender Bundesvorsitzender der DPolG wieder einmal das alte Märchen aufkocht, dass Polizeieinsätze im Fußball „den Steuerzahler“ jährlich 100 Millionen Euro „kosten“? Ich will hier nicht zum hundertsten Mal nachrechnen, dass der „Steuerzahler“ auch nach Abzug der Uniformierten durch den boomenden Fußballbetrieb deutlich mehr einnimmt, als er ausgibt. Aber die Frage darf gestattet sein, wieso in den Öffentlich-Rechtlichen völlig unwidersprochen Lobbyarbeit betrieben werden kann, während die Fanseite … wie nennen wir es … „unterrepräsentiert“ bleibt? Dass Choreografien ernsthaft als „faschistoide Versammlungsrituale“ bezeichnet werden dürfen? Ultras als „bummsdumm“? Es mag ja sein, dass den vielen Profiteuren des Profisports Fußball ein Fan vorschwebt, dem die „TicTac Fanrassel“ der höchste denkbare emotionale Ausbruch ist. Es ist aber ebenso klar, dass der Umbruch eines über Jahrzehnte eher proletarisch geprägten Publikums hin zum Eventkonsumenten nicht ohne Brüche vonstatten gehen wird, weil Menschen sich wehren, wenn ihnen etwas weggenommen wird. Ich könnte mir sogar eine Sondersendung zu ausgeuferten Polizeieinsätzen vorstellen, zu Polizeigewalt, zu unvorschriftsmäßigem Einsatz von Pfefferspray. Einfach so, der Ausgewogenheit halber. Selbstverständlich sind nicht alle Polizisten „Bastarde“, aber ich fände es interessant, auch hier einmal über die Minderheit von Beamten zu sprechen, die im Einsatz eine Spur über das hinaus gehen, was die Situation erfordert. Es spricht absolut nichts dagegen, auch Fälle von Polizeigewalt im Einsatz – ausgewogen, objektiv und recherchiert – zu beleuchten. Ein Sender dafür, der seinen Bildungsauftrag ernst nimmt, sollte sich doch finden lassen, oder?

Ein Platzsturm vor Spielende ist dumm und vielleicht hätte es potenziell auch gefährlich werden können. Brennende Seenotfackeln aufs Spielfeld zu werfen, wie es die Herthaner in Düsseldorf zelebrierten, ist deutlich dümmer und gefährlicher. Überhaupt ist der Einsatz von Pyrotechnik in deutschen Stadien verboten und wie immer, wenn etwas verboten ist, muss man sich über Strafen nicht wundern. Völlig egal, wie ich selbst zum Thema Pyro stehe, ist es auch mir einsichtig, dass auf solches Stadionverbote und Geldstrafen folgen. Überfälle auf Fanbusse mit Steinen und Flaschen mit teils schweren Verletzungen sind kriminelle Handlungen und als solche gehören sie verfolgt und verurteilt. Wohlgemerkt: Die Täter, nicht Stehplatzfans als solche. Welcher der richtige Weg ist, Gewalt aus Fußballstadien zu verbannen, soll hier nicht diskutiert werden, die Spirale aus Frust und Radikalisierung exerziert die Stuttgarter Zeitung durch. Seiner Freude darüber, trotz Stadionbesuch noch zu leben, gibt auch der Autor der Publikative hier Ausdruck. Und ich selbst hatte mich ja an einer ironischen Analogie zur Sicherheitssituation auf Volksfesten versucht. Auch wie die immer wieder öffentlichkeitswirksam verkündete „Dialogbereitschaft“ der Vereine und Verbände in der Realität aussieht, werde ich hier nicht diskutieren können.

Staatsfeinde im Stadion
Worauf ich hinaus will, ist dass die Darstellung von Bundesligakurven völlig aus dem Ruder gelaufen ist und aus der kommoden Distanz der Logenplätze und Pressetribünen (bestenfalls) über zehntausende junger Menschen geurteilt wird, die Stadionkurven bevölkern. Darunter gibt es Gewalttäter, illegale Zündler, Psychopathen und Kriminelle. Keinerlei Statistik belegt jedoch, dass es dort „bürgerkriegsähnliche Zustände“ gibt, „Blutbäder“ oder gar „alles immer schlimmer“ würde. Nichts deutet darauf hin, dass diese Elemente dort die Mehrheit oder auch nur einen großen Teil stellen würden. Gesetzesüberschreitungen sind zu verurteilen und zu ahnden und aus mancher Kurve würde ich mir deutlich mehr kritische Distanz zu Fehlverhalten in den eigenen Reihen wünschen. Von den „Taliban der Fans“ zu fabulieren ist allerdings nichts anderes, als eine Verhöhnung der tausenden Opfer religiöser Fanatiker. Witzigerweise hatte die Reutlinger „Szene E“ Ihre Meinung zum Thema schon viel früher bekanntgegeben: „Ultras als Staatsfeind Nr.1…Sorry Al-Kaida!“ titelten sie. Sinnvollerweise ist es weitgehend geächtet, Menschengruppen zu verunglimpfen und zu kriminalisieren, sei es aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, Geschlecht, Herkunft oder Glaubensrichtung. In sinnvollen Massenmedien findet dergleichen nicht statt. Außer in der Berichterstattung aus deutschen Fußballstadien, die dem geneigten Leser oder Zuschauer das Bild vermitteln, es wäre nur unter Lebensgefahr möglich, Fußballspiele live anzuschauen, weil sich dort ausschließlich Chaoten herumtreiben, die ihre prekariats-befeuerten Frustrationen und ihren niedrigen Bildungsstand dadurch abfeiern, dass sie sinnlos Menschen angreifen und verletzen.

„Die meisten Medien haben häufiger einen Reflex zu skandalisieren und sind an einer sachlichen Diskussion gar nicht interessiert. Mittlerweile hat diese Hysterie das Ausmaß einer Hetzkampagne gegen Fußballfans erreicht. Das halte ich für sehr gefährlich. Begriffe wie »Randale«, »Krawalle« und »Ausschreitungen« werden völlig undifferenziert und inflationär verwendet. Die gesamte öffentliche Debatte ist völlig von der Realität abgedriftet.“

(Fananwalt Marco Noli bei „11 Freunde“)

Bier mit den Taliban-Fans
Nun, ich habe auf Lesungen, Vorträgen und bei sonstigen Besuchen eine ganze Reihe Ultràgruppen der ersten drei deutschen Ligen kennenlernen dürfen, habe mit ihnen diskutiert und in ihrer Kurve gemeinsam Fußballspiele besucht. Ich hatte das Privileg, in ihre Räumlichkeiten eingeladen zu werden oder auf ihren Sofas zu nächtigen, mit ihnen die Nacht durch Bier zu trinken, Kicker zu spielen, zu reden und zu streiten. Ich habe mir die Zeit genommen, ihnen zuzuhören. Und sie haben mir zugehört. Ich kenne ihre Namen, Gesichter, Telefonnummern und Wohnorte. Sicher waren wir nicht immer einer Meinung, ich bin ja wirklich nicht mehr im Altersdurchschnitt. Sicher waren die abgedrehtesten Vertreter bei einer Buchlesung nicht dabei. Sicherlich habe ich den nicht mehr zugänglichen harten Kern der Gewaltfanatiker nicht zu Gesicht bekommen und vermutlich hat man versucht, sich nett zu präsentieren. Aber ich habe Hunderte kennengelernt und Tausende gesehen. Ich habe unverantwortlicherweise mehr als einmal meinen zwölfjährigen Sohn dabei gehabt. Im Herzen der Kurve, direkt neben den Trommeln, genauso wie ich es in Italien jahrelang getan habe, ohne dass auch nur einmal eine potenziell brenzlige Situation entstanden wäre. Aber ich habe erlebt, wie vierhundert Berliner Ultràs (jaja, die die Bengalos werfen) an einem Samstagabend, nach einem verlorenen Heimderby nichts besseres mit ihrer Freizeit anzufangen wussten, als geschlagene vier Stunden mit italienischen Ultràs und dem Fanforscher Jonas Gabler über das Woher und Wohin ihrer Jugendkultur zu diskutieren. Und dafür Eintritt zu bezahlen! Ich war auf dem selbstorganisierten Fankongress im Januar in Berlin eingeladen, wo – völlig egal, wie man zu Zielen und Ergebnissen dieser Veranstaltung steht – viele junge Menschen Geld, Zeit und Mühe in Organisation und Durchführung investiert haben, ohne auf irgendwelche Finanzierungen zurückzugreifen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die als Mitarbeiter von sozialpädagogischen Fanprojekten ihre Zeit dem Dialog mit den heißesten der Fans widmen. Einrichtungen – wie die der Fanbeauftragten“, die eine sinnvolle Möglichkeit darstellen, mit tatsächlichen Konfliktsituationen umzugehen und Prävention zu betreiben. Deren Arbeit sich allerdings nicht so schreiend präsentieren lässt, wie die Parolen der Law&Order-Fanatiker. Ich habe junge Menschen kennengelernt, die weder rauchen noch Alkohol trinken. Genauso wie solche, die das Ende der Lesung schon nicht mehr erlebten, weil sie vom Bier dahingerafft waren. Ich habe Leute kennengelernt, die an verstorbene Freunde erinnern, die Gelder für wohltätige Zwecke sammeln oder sich gemeinnützig engagieren. Genau wie solche, die einfach geil darauf waren, wie viele Schals sie abgezogen haben und täglich darauf trainieren, noch besser zutreten und zuschlagen können.

Man muss Ultràs und Kurvengänger nicht mögen. Man kann sie kindisch finden, man kann ihren Männlichkeitskult, ihre Fahnenklauspielchen lächerlich finden. Man darf daran zweifeln, ob es sinnvoll ist, sein ganzes Leben etwas so schnödem wie einem Fußballverein zu widmen. Man kann ihre Dauergesänge als störend empfinden, man mag etwas dagegen haben, dass Fahnen und Rauch die Sicht auf das Spielfeld stören. Man kann sie aus den Stadien wegwünschen. Man muss Steinwürfe und Werfen von Bengalos verurteilen und verhindern. Man kann sie aber nicht ohne Anhörung allesamt zu „Chaoten“ und „kriminellen Gewalttätern“ zurechtschreiben. Kein Erfahrungswert und keine Statistik geben das her. Sie sind eine Realität in deutschen Stadien, die nicht dadurch abgeschafft wird, dass man sie kriminalisiert und – dadurch – radikalisiert. Und es darf nicht Aufgabe der Medien – zumal der sogenannten Qualitätsmedien und insbesondere des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – sein, Meinungen und moralische oder gleich rechtliche Bewertungen zu liefern. Ansonsten nehme ich mir die Freiheit heraus, meine zu liefern: Massenmörder bekommen eine fairere Berichterstattung als Kurvengänger. Über keine Bevölkerungsgruppe wird im Moment derart undifferenziert, tendenziös und ignorant berichtet, wie über Stadionbesucher. Es mag dem florierenden Fußballbusiness mit seinen erstaunlicherweise immer vollen Stadien gleichgültig sein, ob Pyros, Choreografien, Trommeln, Megaphone und Dauergesänge aus dem Fußball verschwinden. Italien 2012 lehrt aber, dass es nicht egal sein sollte, wenn viele zehntausende Jugendliche und junge Erwachsene mit einer ausgeprägten Verweigerungshaltung gegenüber der Medienlandschaft und insbesondere gegenüber dem Staat und seinen gesetzgebenden und ausführenden Vertretern aufwachsen.

„Nino hingegen ist der Fall für den Soziologen, den man in den Zeitungen analysieren konnte. Er, freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz, der sich an Sonntagen in einen Mörder verwandelt. Wie ist das möglich? Woher stammt das soziale Unbehagen dieser Jugendlichen? Und weiter mit anderen Fragen zu was wir sind, wo wir hingehen, etc. Da gibt es nichts zu studieren, nichts zu verstehen. Nino und Claudio, Stadionkranke, widmen einfach einen Teil ihrer Freizeit der freiwilligen Hilfsdiensten.“

(Giorgio Specchia: „Il Teppista“ – „Der Rowdy“)

Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz

Judenwitze, Negerwitze, Türkenwitze – nichts, was der rassistische Alltagshumor-Kosmos in Deutschland nicht zu bieten hätte. Auch nach den NSU-Morden ist es kein Problem im deutschen Fernsehen zu besten Sendezeit Witze über Mitbürger türkischer Herkunft zu machen, wie der Hessische Rundfunk eindrucksvoll bewiesen hat.

Von Andrej Reisin

Döner TV Frankfurt Helau Büttenrede (Foto: Schreenshot YouTube/HR/ARD)
Einfach mal rassistische Witze im Fernsehen machen: Kein Problem beim Hessischen Rundfunk – schließlich ist ja Karneval (Foto: Schreenshot YouTube/HR/ARD)

Bei einer Büttenrede der Karnevals-Sitzung „Frankfurt: Helau“, die am Abend des 2. Februar in der ARD ausgestrahlt wurde, trat die Kopftuch tragende „Türkin“ Ayse (unter dem Kostüm agierte die Zahnärztin(!) Patricia Lowin aus Mainz) auf und präsentierte einen platten Kalauer nach dem anderen, in denen so ziemlich jedes Klischee über Türkinnen und Türken, sowie Muslime insgesamt verbraten wurde: Ihre Lieblingsfarbe sei „Türk-is“, sie moderiere im „Döner-TV“ die Talkshow „Anne Will Döner“ und der Silvester-Klassiker „Döner for one“, denn sie „habe Erfahrung in Medienbranche, schließlich hab ich gearbeitet bei ZDF als Putzfrau“, während ihr „Bruder Achmed“ „eine Festanstellung auf zehn Jahre ohne Bewährung“ in der „geschlossenen Sendeanstalt Weiterstadt“ habe – eines der berühmtesten Gefängnisse in Hessen, dessen Rohbau die RAF seinerzeit gesprengt hatte. Rassistische Tipps für den Türkei-Urlaub durften natürlich auch nicht fehlen: „Achtung! Auf Basar gibt keine Toiletten, auf Basar bescheißt jeder jeden.“

„Rassismus zur besten Sendezeit“

Nicht zum Lachen zumute war dem hessischen Ausländerbeirat, der völlig zu Recht von „Rassismus zur besten Sendezeit“ sprach und eine Entschuldigung vom Hessischen Rundfunk verlangte: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Hier ist uns aber das Lachen im Halse stecken geblieben“, sagte der Vorsitzende Corrado Di Benedetto. „Die karnevalistische Freiheit ist ein hohes Gut. Und: Satire darf alles, nur nicht herabsetzend sein. Hier wurden aber alle Regeln des Anstandes verletzt.“

Das vornehmlich deutsche Publikum im großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt klatschte und johlte jedenfalls aus Leibeskräften – nur beim gelegentlichen Kameraschwenk auf Menschen, die vermutlich ausländisch aussehen sollten, sah man durchaus auch Unbehangen – und schwenkte wieder weg. Den HR scheint die Aufregung bisher wenig zu beeindrucken. Zwar entfernte man das Video der Sendung offenbar aus der Online-Mediathek, will ansonsten aber auf keine Wiederholung in den dritten Programmen verzichten.

Migranten bezahlen für ihre Verhöhnung

Antisemitischer Mottowagen Köln 1934 (Foto: NS-Dokumentationszentrum Köln)
Lustig, lustig, tralalala: Ein antisemitischer Mottowagen auf dem Kölner Rosenmontagszug 1934, der den „Auszug der Juden“ feiert (Foto: NS-Dokumentationszentrum Köln)

Ansonsten findet man es offenbar normal, dass Menschen Gebühren dafür zahlen sollen, öffentlich zum rassistischen Gespött noch der dumpfesten Karnevalshorden gemacht zu werden. Denn in einer Büttenrede würden „auch Klischees bemüht“, sagte ein Sprecher des Senders. Das gehöre „zur sprichwörtlichen Narrenfreiheit.“ Ein „Argument“, das so alt wie falsch ist. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren gehörten übrigens judenfeindliche Klischees, Schaubilder und Umzugswagen zum guten Ton eines jeden närrischen Umzugs. Heute dagegen völlig zu Recht eher nicht mehr. Warum wohl?

Wer das nicht komisch findet, ist eben nicht „integriert“ genug – so oder so ähnlich scheint die Logik des Senders und entsprechender Frankfurter Karnevalsflitzpiepen zu sein. Egal, ob „Döner-Morde“ gerade Unwort des Jahres geworden ist, weil der „Ausdruck prototypisch dafür stehe, dass mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert werden, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden„. „Who cares, what the fuck, bei uns heißt es doch „Döner TV“ und außerdem ist Karneval“, hört man die Verantwortlichen förmlich vor sich hin „denken“. So lange dieser „Humor“ allerdings gesendet wird, ohne dass irgendein Verantwortlicher stutzig wird, braucht sich wirklich niemand zu wundern, dass Nazi-Terroristen zehn Jahre lang unerkannt Menschen ermorden können. Narrhallamarsch!

Siehe auch: Die Statistik von den traurigen WitzenRassismus ohne KonsequenzenKeine Angst: wir sprechen Deutsch!Alltagsrassismus: Alles nur Theater?Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht