KenFM und der Sozialismus der dummen Kerle

Ist Ken Jebsen kein Antisemit? Das meint offenkundig der ehemalige Radiomoderator des RBB und vermeintliche Vorkämpfer der freien Rede über sich – und geht daher rechtlich gegen die Antilopen Gang vor.  Doch ist Jebsen überhaupt persönlich gemeint? 

Von Patrick Gensing

Die Antilopen Gang textet in ihrem Hit „Beate Zschäpe hört U2“:

Jeder kennt einen der von Verschwörung schwadroniert
Und er weiß wer die Medien und Börsen kontrolliert
Dem es leichtfällt die Welt in Gut und Böse zu sortieren
Und er kennt auch immer eine simple Lösung des Problems
Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien
Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten
All die Pseudo-Gesellschaftskritiker
Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer
Nichts als Hetzer in deutscher Tradition
Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um
Nazis von heute sind friedensbewegt
Und sie sind sehr um Palästina bemüht.

Daraufhin erhielt die Band nach eigenen Angaben folgendes Schreiben:

Schreiben von KenFM an die Antilopen Gang, veröffentlicht auf Facebook
Schreiben von KenFM an die Antilopen Gang, veröffentlicht auf Facebook

Dazu schreibt die Band bei Facebook:

Wer sich „Aversion“ noch nicht zugelegt hat, sollte sich lieber beeilen, denn es könnte bald zu spät sein: Der Berliner Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen (spricht u.a. im Zusammenhang mit dem Massenmord vom 11. September 2001 von einer „Terrorlüge“ bzw. vom „warmen Abriss des World Trade Centers“) hat die Anwaltskanzlei „Scheuermann Westerhoff Strittmatter“ damit beauftragt, Teile unseres Liedes „Beate Zschäpe hört U2“ zu verbieten, weil er sich dadurch verunglimpft sieht. Ken Jebsen droht uns durch seine Anwälte mit gerichtlichen Schritten und Schadensersatz, sollten wir das Lied weiter verbreiten.

Ein Erfolg vor Gericht gegen den Song dürfte aber nicht unmittelbar bevorstehen. Denn Ken Jebsen muss dafür zunächst einige Hürden nehmen. Da wäre die Interpretation des Textes der Antilopen-Gang: Ist damit tatsächlich Ken Jebsen persönlich gemeint? Oder nicht vielmehr eine bestimmte Art von Verschwörungstheoretikern, die Anhänger von Formaten wie KenFM oder Compact, die Weltverbesserer, über die die Antilopen Gang anfangs singt („Jeder kennt einen…“)?

Sicherlich eine Auslegungssache. Sollte ein Gericht zu dem Schluss kommen, dass tatsächlich Ken Jebsen persönlich gemeint sein sollte, stellt sich die Frage: Wäre es überhaupt unzulässig, ihn als Antisemiten zu bezeichnen? Über Jebsens verschwörungstheoretische Propaganda, über seine offenkundige Obsession zu den Themen Israel und Juden, ist schon viel richtiges und wichtiges geschrieben worden – und wer sich auch nur eine halbe Stunde mit dem modernen Antisemitismus als Welterklärungsmuster beschäftigt, der dürfte in den Textbausteinen und Redesalven Jebsens schnell und reichlich Beute machen. Leute wie Jebsen oder Elsässer sind in der neuen Bewegung der Verschwörungstheoretiker zentrale Figuren. Sie sind sogenannte Bewegungsunternehmer; Stars, die in dieser neuen sozialen Bewegung des Irrationalen inhaltlich die Richtung vorgeben.

Freiheit der Kunst?

Doch selbst wenn ein Gericht das alles nicht erkennen will und die Messlatte für Antisemitismus – glücklicherweise derzeit sogar für Hamas und Kameraden unerreichbar – beim Vergasen von Menschen ansetzt (so wie beispielsweise eine Richterin in München bei einer Klage von Jürgen Elsässer), so bleibt noch die Freiheit der Kunst und der Meinung. Freiheiten, auf die sich Figuren wie Jebsen & Co. gerne berufen. „Es belustigt uns, dass ausgerechnet der Typ, der ständig mit den abenteuerlichsten Anschuldigungen und wildesten Theorien gegen politische Gegner schießt, sofort schwerste rechtliche Geschütze auffährt und mit Strafandrohungen um sich wirft, wenn er sich mal selbst betroffen fühlt“, kommentiert die Antilopen Gang treffend. „Einschüchtern lassen wir uns jedenfalls nicht.“

Bislang durfte sich Ken Jebsen insbesondere im Netz übrigens über Unterstützer freuen, die zwar betonten, nicht unbedingt seiner Meinung zu sein, die aber behaupten, der Rausschmiss von Jebsen beim RBB sei Zensur und die Meinungsfreiheit umfasse auch den übelsten antisemitischen Schmutz. Diese Freunde hat Jebsen nun teilweise verprellt, da er nun offenbar selbst juristisch gegen missliebige Kunst vorgeht.

Ein Demonstrant wirbt auf seinem Shirt für Ken Jebsen, früher beim RBB. (Foto: Oliver Feldhaus)
Ein Demonstrant wirbt auf seinem Shirt für Ken Jebsen, früher beim RBB. (Foto: Oliver Feldhaus)

Sind Leute wie Jebsen oder Elsässer sowie deren Anhänger aber eigentlich nur ein paar Spinner? Irrelevant und zu vernachlässigen? Leider nein. Denn die radikalen Verschwörungstheoretiker sind lediglich der Narrensaum einer viel größeren Anzahl von Menschen, die ähnlichen Ressentiments folgen – zumeist abgeschwächt und nicht so komprimiert. Am 3. Oktober wurde diese Anschlussfähigkeit an den Mainstream in Berlin in Person von Xavier Naidoo vorgeführt, der auf der Querfront-Veranstaltung sprach und zuvor bereits im ARD-Morgenmagazin die These verbreitete, Deutschland sei nicht souverän.

Die Ideologie der Irrationalität lässt sich – genausowenig wie Rassismus oder Homophobie – nicht auf „die Ränder“ der Gesellschaft oder politische Splittergruppen abwälzen. So postete beispielsweise die baden-württembergische SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle Ende September auf ihrer Facebook-Seite den Film „Die Macht der Rothschilds“. Inhalt: Die jüdische Familie kontrolliere die Medien, hätte „Kriege dirigiert“ und „Nationen in den Bankrott getrieben“. Weiter wird in dem Machwerk behauptet, die Rothschilds seien für den „Massenmord und die Verarmung von Millionen“ verantwortlich. Juden als Erklärung für Krieg, Wirtschaftskrisen und soziale Missstände. Es war dem Arbeitskreis der Jüdinnen und Juden in der SPD vorbehalten, Kritik an Wölfle zu üben. Die entschuldigte sich, betonte aber, mit Antisemitismus habe sie nichts zu tun. Dass Propaganda über Juden, die die Welt kontrollieren, in Deutschland eine gewisse Tradition haben könnte, scheint der Sozialdemokratin nicht in den Sinn gekommen zu sein. Was das Wissen über modernen Antisemitismus angeht, sind die Weltmeister der Geschichtsbewältigung wahre Amateure. Aber wie der Begriff schon andeutet: Geschichte wurde bewältigt – und damit zu den Akten gelegt.

Welterklärungsmuster für Denkfaule

„Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle“ – ob der Sozialdemokrat August Bebel diesen weitsichtigen Satz tatsächlich geäußert hat, ist nicht eindeutig geklärt. Unabhängig davon ist er aber aktueller denn je: Denn die Zahl der Menschen, die mit Freiheit nicht umgehen können oder wollen, Angst vor ihr haben und sie deswegen bekämpfen, obwohl sie selbst hemmungslos von ihr profitieren, wächst – auch weil für konkrete Probleme und Ungerechtigkeiten einmal mehr abstrakte Sündenböcke gesucht werden.

In einer zunehmend unübersichtlichen, globalisierten Welt liefern Ressentiments und Legenden von geheimen Mächten sowie groß angelegten Verschwörungen abschließende Antworten auf komplexe Fragen. Der Antisemitismus erlebt somit im 21. Jahrhundert eine echte Renaissance – als Welterklärungsmuster für Denkfaule. Und Jebsen bedient exakt dieses Milieu, das den Antisemitismus als ideologischen Kitt für die zahlreichen Widersprüche in der eigenen wirren Weltanschauung benötigt. Nichts anderes beschreibt die Antilopen Gang nach meinem Verständnis, wenn sie textet:

Jeder kennt einen der von Verschwörung schwadroniert
Und er weiß wer die Medien und Börsen kontrolliert
Dem es leichtfällt die Welt in Gut und Böse zu sortieren
Und er kennt auch immer eine simple Lösung des Problems
Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien
Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten
All die Pseudo-Gesellschaftskritiker
Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer

Möglicherweise dürfte das Anwaltsschreiben also vor allem dem Bekanntheitsgrad des Songs nützen. Und daher nutze ich wiederum die Chance, einen Satz zu schreiben, der mir sonst wohl kaum über die Tastatur rutschen würde: „Das haben Sie gut gemacht, Ken Jebsen!“