„Trauermarsch“ in Magdeburg: Same procedure as every year?

Neben Dresden findet am 18. Januar der größte Neonazistische „Trauermarsch“ Deutschlands statt. In diesem Jahr erwartet die Polizei mit 900 Neonazis wieder steigende Teilnehmerzahlen. Doch auch der Widerstand gegen die Nazidemonstration am 18. Januar 2014 wächst weiter.

Von Danny Frank, Hardy Krüger & Lea Paulowitsch, zuerst veröffentlicht beim Störungsmelder

Im letzten Jahr reisten rund 800 Neonazis nach MD, Foto: Publikative.org
Im letzten Jahr reisten rund 800 Neonazis nach MD, Foto: Publikative.org

Es ist das typische Mobilisierungsthema des neonazistischen Milieus seit Ende der 1990er Jahre: das vermeintliche „Verbrechen“ der Alliierten am deutschen Volk. Nach der Schaffung des Holocaust-Gedenktages im Jahr 1996, Nahum Goldmanns „Tätervolk“-Buch, Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ und der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ sehen sich Neonazis im Zugzwang und versuchen durch Gegenkampagnen im Gespräch zu bleiben. Zunächst ging es vor allem gegen die Wehrmachtsausstellung, dann – auch durch die gesellschaftliche Debatte um Jörg Friedrichs „Feuersturm“ – um die Bombenangriffe der Alliierten auf deutsche Städte während des zweiten Weltkrieges. Die Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) spricht in diesem Zusammenhang gern vom „Bombenholocaust“ und setzt ihre Funktionäre an die Spitze der Bewegung.

Erst in Dresden (Sachsen), dann aber auch in Dessau (Sachsen-Anhalt), Cottbus (Brandenburg) und eben insbesondere auch in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt Magdeburg finden seither größere „Gedenkmärsche“ statt, deren Intention die Relativierung der Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes ist. In Magdeburg hat sich hierfür eigens eine so genannte Initiative gegen das Vergessen gegründet, die inzwischen eng mit der NPD und ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) verwoben ist. Am deutlichsten wird dies am Beispiel des Mitinitiators der Initiative, Andy Knape.

Andy Knape 2012 beim "Trauermarsch" in Bad Nenndorf, Foto: Publikative.org
Andy Knape 2012 beim „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf, Foto: Publikative.org

Andy Knape


Andy Knape, Jahrgang 1986, kommt ursprünglich aus dem Magdeburger Kameradschaftsspektrum und ist spätestens seit Mitte der 2000er Jahre auch im rechtsextremen Parteimilieu aktiv. Seit 2008 ist er Landesvorsitzender der JN in Sachsen-Anhalt, seit 2011 Beisitzer im Bundesvorstand der NPD und seit 2012 Bundesvorsitzender der JN. Knape gibt sich gern dynamisch, jung, redegewandt und bürgernah. Erst im Juni letzten Jahres zeigte sich der Neonazi solidarisch im Hochwasser-Einsatz an der Elbe: Sandsäcke stapeln für die „Festungsstadt Magdeburg“ lautete ihre Devise. Via Facebook und Twitter feierten sich die Nazis und propagierten eine “nationale Solidarität”: „Rechte Kerle packen an – JN im Hochwassereinsatz“ und „Wir reden nicht, wir packen an“, hieß es da. Worum es Knape und seinen JN-Jünglingen eigentlich ging, liest sich dann so: „Wo bleibt die Spendenfreudigkeit der fremden Länder für ein von Naturkatastrophe gebeuteltes Land?“. Des Weiteren führte Knape jahrelang die JN-Ortsgruppe, kandidierte für die Stadtverordnetenversammlung, schwingt gerne Reden bei öffentlichen Veranstaltungen und läuft seit Jahren auch als Kopf des „Gedenkmarsches“ Anfang Januar mit.

The same procedure as every year? – Not at all!

In diesem Jahr soll der braune Aufmarsch verhindert werden, Foto: Publikative.org
In diesem Jahr soll der braune Aufmarsch verhindert werden, Foto: Publikative.org

Im Januar jährt sich die Bombardierung Magedburgs zum 69. Mal. Die Stadt tut sich schwer im Umgang mit dem neonazistischen „Gedenken“: Der extrem rechte „Gedenkmarsch“ wurde jahrelang ignoriert, bis er nicht mehr zu ignorieren war. Seit 1998 veranstaltet man nun parallel eine „Meile der Demokratie“, bei der Vereine und Initiativen gern ein weltoffenes Magdeburg präsentieren. Initiativen wie „Magdeburg Nazifrei“ bezweifeln jedoch die alleinige Wirksamkeit dieser Aktion und sehen eher im zivilen Ungehorsam, mittels Massenblockaden wie in Dresden, ein effektiveres Vorgehen gegen Neonazis. Und das Beispiel Dresden, wo lange Zeit Europas größter Neonaziaufmarsch stattfand, gibt ihnen recht: Seit 2010 gelang es mehreren tausend Gegendemonstranten, Neonazis nicht durch Dresdens Straßen ziehen zu lassen. Ähnliche Beispiele sind auch aus Berlin und Brandenburg zu vernehmen.

„Magdeburg Nazifrei“


Im Jahr 2012 hat sich das Bündnis „Magdeburg Nazifrei“ gegründet. Ziel war und ist es, Bündnisse, Einzelpersonen und Initiativen mit in die Mobilisierung zu Massenblockaden von Menschenblockaden einzubinden. „Magdeburg Nazifrei“ will auch in diesem Jahr an diesem (Teil)-erfolg von 2012 anknüpfen. Anders als im letzten Jahr hat sich das bürgerliche Blockadebündnis dazu entschlossen, aktiver an der Verhinderung des Aufmarsches mitzuwirken. Mit einer Protestmeile in der Innenstadt, weiteren Anmeldungen von Kundgebungen an S-Bahnhöfen und anderen Orten werden diesjährig mehr Anlaufpunkte für mögliche Blockaden geschaffen und somit der Erfolg auf eine Verhinderung des Aufmarsches erhöht. Das Bündnis betont dabei: „Wir leisten zivilen Ungehorsam gegen den Naziaufmarsch. Unsere Massenblockaden sind Menschenblockaden. Von uns geht dabei keine Eskalation aus.“

Nie mehr ungestört „gedenken“!


Unter dem Motto „Staat und Nazis – Hand in Hand! Or­ga­ni­siert den Wi­der­stand!“ wird es wie bereits im Vorjahr am Vorabend, dem 17. Januar 2014, eine antifaschistische Demonstration geben. Sie will eigene Akzente setzen und Stellung zu Polizeimaßnahmen gegen Antifa-Mitglieder beziehen. Start ist um 18:00 Uhr am Hauptbahnhof in Magdeburg.

Am 18. Januar 2014 selbst werden bisher folgende Termine beworben (nach Uhrzeit sortiert):

10:00 – 15:00 Uhr: „Alternative Formen des Umgangs mit Gewalt: Kampfkünste stellen sich vor“ in der Judohalle des Fermersleber Sportvereins am Platz der Freundschaft

10:00 – 18:00 Uhr: Ausstellung „Hass vernichtet“ in der Otto-von-Guericke-Universität

11:00 – 13:00 Uhr: Straßenbahnsonderfahrt mit dem Historiker Gert Sommerfeldt an der Haltestelle Fermersleber Weg

12:00 Uhr: Auftaktkundgebung der auf dem Willy-Brandt-Platz

12:00 – 18:00 Uhr: „6. Meile der Demokratie“ auf dem Breiten Weg mit rund  160 Vereinen, Bands und Kultureinrichtungen

14:00 – 15:00 Uhr: Gedenkzeit für die Opfer rechter Gewalt in der St. Sebastian Kathedralkirche

16:30 – 18:00 Uhr: Laternenumzug gegen Intoleranz und nationalsozialistisches Gedankengut ab Breiter Weg/Ecke Danzstraße

20:00 Uhr – 24:00 Uhr: Konzert „Bunt statt Braun: Den Nazis entgegentreten“ im Veranstaltungszentrum Factory in der Karl-Schmidt-Straße

Die rechtsextreme „Initiative gegen das Vergessen“ bewirbt bislang ihren Anlaufpunkt zu 12:00 Uhr am Bahnhof Magdeburg-Neustadt.

25 Minuten Wahlkampf mit der NPD

Die NPD ist derzeit die bedeutendste rechtsextreme Partei in Deutschland. Seit dieser Woche hat auch sie ihren Wahlkampf begonnen. Mit der „Deutschlandtour“ und ihrem „Flaggschiff“ reisen die Funktionäre durch mehrere Städte täglich. Bürger sind kaum zu sehen, außer sie sind gekommen, um gegen die Neonazis zu demonstrieren.

Von Felix M. Steiner

NPD in Hannover
Kurz nach zehn trifft das „Flaggschiff“ in Hannover ein, Foto: Publikative.org

Niedersachsen gilt als das Stammland der NPD. Hier wurde die Partei 1964 als rechtsextremer Sammlungsversuch aus der Taufe gehoben, hier saß sie Ende der 1960er Jahre im Landtag. Bei ihrem Wahlkampfauftritt am Donnerstag in Hannover hätten sich viele NPD-Mitglieder diese Zeiten wohl zurückgewünscht. Um zehn Uhr hatte die Partei eine Wahlkampfveranstaltung am Zentralen Busbahnhof hinter dem Hauptbahnhof angemeldet. Hannover ist nicht die erste Station der Rechtsextremen. Bereits seit Anfang der Woche touren sie durch Norddeutschland. Immer dabei: das „Flaggschiff“. Der LKW eines französischen Herstellers ist mit großen Werbebannern der Partei beklebt. Wie eine „Litfaßsäule“ soll das wirken. Die Hauptwahlkampfthemen sind die Wiedereinführung der D-Mark und das Stoppen einer vermeintlichen „Asylflut“. Momentan muss sich die NPD zumindest beim Thema Euro-Ausstieg gegen ihre neue Konkurrentin, die Alternative für Deutschland, behaupten. So verwundert es kaum, dass ihre Funktionäre keine Möglichkeit auslassen, gegen die neue Partei zu wettern. In Hannover wird dies am Donnerstagmorgen jedoch nicht das bestimmende Thema sein.

Kurz vor zehn Uhr ziehen langsam erste Gegendemonstranten zum Kundgebungsort. Sie tragen Fahnen der Jusos, Antifa oder Israels bei sich. Rund 100 werden an diesem Morgen kommen, um gegen die NPD zu demonstrieren. Kurz nach zehn Uhr fährt der NPD-Konvoi in Hannover vor. Das „Flaggschiff“ und zwei weitere Begleitfahrzeuge. Ein Dutzend Männer steigt aus den Fahrzeugen. Die meisten von ihnen sind dunkel gekleidet, tragen Sonnenbrillen und sind wohl so etwas wie parteieigene Sicherheitsleute. Unter ihnen auch Neonazis aus der Kameradschaftsszene, die heute als NPD-Funktionäre agieren. Mittendrin ist Holger Apfel. Der erste NPD-Funktionär tritt kurz nach dem Eintreffen an das Megaphon. Die behördlichen Auflagen verhindern den Einsatz der Lautsprecheranlage. Und so wird als allererstes die Behördenwillkür kritisiert. Kaum hundert Meter entfernt brüllen die Gegendemonstranten. Außer ihnen und der Polizei sind nur wenige Schaulustige gekommen, die sich am Polizeigatter das Schauspiel ansehen. Eine Frau fragt einen Journalisten, was denn hier eigentlich los sei. Dass die NPD komme, habe sie nicht gewusst. Lediglich die vielen Polizisten haben sie verwundert. Sie geht weiter.

In Hannover musste Apfel ohne Lautsprecheranlage auskommen. Mit dabei: die dunkel gekleieteten "Sicherheitsleute, Foto: Publikative.org
In Hannover musste Apfel ohne Lautsprecheranlage auskommen. Mit dabei: die dunkel gekleieteten „Sicherheitsleute, Foto: Publikative.org

Nun tritt Holger Apfel an das Megaphon. Er wirkt müde, der Bart ist ergraut. Apfel scheint seit der Übernahme des Parteivorsitzes deutlich gealtert. Er spult seine Rede ab. Immer wieder ruft er, die Bürgerinnen und Bürger sollen den „Wahltag zum Zahltag“ machen. Doch Bürgerinnen und Bürger können ihn nicht hören. Es wirkt, als ob ihn seine eigene Rede langweile, als ob er eigentlich woanders sei. Er hält sie wohl nicht zum ersten Mal. Immer wieder filmen und fotografieren die eigenen Leute ihren Vorsitzenden. Später werden die Bilder dann auf Facebook gestellt. Im Internet erreicht man mehr Menschen und kann die beabsichtigte Botschaft besser kontrollieren. Ganz ohne Gegendemonstranten. Apfel ist während seiner Rede in einem weiten Kreis umgeben von seinen schwarzgekleideten Begleitern. Als ob er ein Superstar wäre. Die meisten sind mit Regenschirmen bewaffnet. Immer wieder hagelt es während der Wahlkampfauftritte Eier, Farbbeutel und Tomaten. Heute in Hannover nicht, Apfel bleibt unbefleckt. Nach kaum zehn Minuten Rede stoppt er. Eine Pause? Die Rechtsextremen sammeln sich am Rande ihres Konvois. Es dauert einige Minuten, keiner weiß so richtig, was passiert. Noch eine Rede? Nein. Die Show ist vorbei. Keine 30 Minuten nach der Ankunft räumt der NPD-Wanderzirkus seinen Platz und zieht weiter.

In hannover waren knapp 100 gegendemonstrnten gekommen, Foto: Publikative.org
In Hannover waren knapp 100 Gegendemonstrnten gekommen, Foto: Publikative.org

Das Kalkül hinter diesen Städtetouren sei es, so schreibt Apfel, mit geringen Mitteln größtmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein bisschen Laufkundschaft wolle man erreichen und mediale Berichterstattung. Seine Stellungnahme klingt wie eine Rechtfertigung, vielleicht auch für sich selbst. In Hannover bleiben auch die Gegendemonstranten fragend zurück. Das war der Wahlkampf der NPD – die „Deutschlandtour“ mit dem „Flaggschiff?

Gerade 25 Minuten war die NPD da. Die nächste Station am Nachmittag ist Münster.

NPD-"Flaggschiff"
Nach kaum 30 Minuten zieht die NPD ab, Foto: Publikative.org

Siehe auch: NPD-Bundestagswahlkampf: “Ihre Knochen müssen zittern…”, „Die neue Volksmusik…“: vom Nazi-Rap zur Schulhof-CD, Hassmusik vor Kinderohren„Rock für Deutschland“ – Mit „Frontfeuer“ für die Flutopfer, Nach NPD-Debakel: “Volksfront wird zu Apfelmus”

Magdeburg: Nazis „trauern“ ungestört in städtischen Einöden

Rund 800 Neonazis marschierten am Samstag durch Magdeburg. In den südlichen Außenbezirken der Stadt nahmen kaum Menschen Notiz vom Aufmarsch. Erneut wurden Journalisten durch Neonazis attackiert.

 von Redaktion Publikative.org

Ein absurdes Bild – wie schon die letzten Jahre. Hunderte Neonazis ziehen „trauernd“ durch Magdeburg. In der Mitte des Demonstrationszuges spielt ein Lautsprecherwagen unaufhörlich klassische Musik. Beliebt ist Wagner. Irgendwann ist die CD wohl am Ende, also wieder von vorn. Doch auch beim neonazistischen „Trauermarsch“ in Magdeburg brechen die Teilnehmerzahlen weiter ein. Nur rund 800 Neonazis reisten am Samstag für die geschichtsrevisionistische Demonstration in die Landeshauptstadt. Damit sind es rund 500 weniger als noch im vergangenen Jahr. Dies dürfte eine herbe Enttäuschung für die Organisatoren sein, die wahrscheinlich mit deutlich mehr gerechnet hatten. Völlig fern der Realität sprechen diese dennoch von 1.200 Teilnehmern. Die angereisten Neonazis stammten weitestgehend aus dem Bereich der „Freien Kameradschaften“. NPD-Funktionäre waren auf der Demonstration nur sehr vereinzelt zu sehen. Auch in Magdeburg bestätigt sich somit der bundesweite Trend, dass die Teilnehmerzahlen an rechtsextremen Veranstaltungen kontinuierlich abnehmen. Aber am Samstag zeigte sich ebenso, wie aggressiv der Kern der Szene ist.

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Sicherheitsbehörden verhinderten Protest

Das Konzept der Sicherheitsbehörden ist indes aufgegangen. Durch das Verschweigen der Naziroute konnte bis kurz vor Beginn der rechtsextremen Demonstration verhindert werden, dass sich Gegendemonstranten den Neonazis in den Weg stellten. Anscheinend gab es mehrere geplante Routen, so dass kurzfristig eine Aufmarschstrecke gewählt wurde, die weit entfernt von den angemeldeten Blockaden lag. Dies verhinderte das Blockieren des Neonaziaufmarsches völlig. Beginn der geschichtsrevisionistischen Demonstration war ein Industriegebiet im südlichen Magdeburg. Von dort aus führte die Route weiter durch Außenbezirke in Richtung Süden. Wahrgenommen wurde die Demonstration somit kaum, konnte aber ohne große Störungen durchgeführt werden. Besonders der Umgang der Polizei mit Gegendemonstranten scheint jenseits des Neonaziaufmarsches alles andere als rücksichtsvoll gewesen zu sein, wie auch die TAZ berichtet.  Auch die Entscheidung der Polizei, eine der Zwischenkundgebungen vor einem antifaschistischen Hausprojekt (Libertäres Zentrum) abhalten zu lassen, traf auf Kritik. Das Bündnis „Magdeburg nazifrei“ wertete dies als „klare Provokation“. Dennoch zog das Bündnis ein insgesamt positives Fazit. Die sinkenden Teilnehmerzahlen der Neonazidemo, die unattraktive Demo-Route und der anwachsende Protest seien eine gute Entwicklung, heißt es in einer ersten Pressemitteilung.

Journalisten werden weiter attackiert

Wie auch auf zahlreichen rechtsextremen Demonstrationen zuvor, kam es auch in Magdeburg wieder zur Behinderung der Pressearbeit. Bereits auf dem Anreiseweg zum Kundgebungsort wurden Journalisten von Neonazis bedroht. Kurz vor Beginn der Demonstration kam es dann zu Handgreiflichkeiten der Neonazis gegenüber einem weiteren Journalisten. In zahlreichen Fällen griff die Polizei nicht ein, wenn Neonazis massiv die Pressearbeit behinderten. Eine weitere besorgniserregende Tendenz ist das Auftreten vieler Neonazis als Pressevertreter. So mischen sich immer wieder Anti-Antifa-Fotografen unter anwesende Journalisten, um diese oder Gegendemonstranten abzufotografieren. Das Auftreten der Rechtsextremen wird hierbei stetig dreister. So waren auch in Magdeburg Neonazis mit der Aufschrift „Presse“ unterwegs, allerdings ohne dazugehörige Presseausweise. Seitens der Sicherheitsbehörden wurde dieses Auftreten kaum beachtet.

Siehe auch: Magdeburg: Nazi-Aufmarsch soll Geschichte werden“Warm Up” in Magdeburg

Magdeburg: Nazi-Aufmarsch soll Geschichte werden

Am 12. Januar werden wieder weit über 1.000 Neonazis in Magdeburg ihre geschichtsrevisionistische Ideologie auf die Straße tragen. Damit etabliert sich der Aufmarsch weiter als „Ersatz-Dresden“. Bisher gilt Magdeburg als sichere Alternative für die Neonazis, Proteste wie in Dresden gibt es bisher nicht.

von Redaktion Publikative.org

2012 marschierten rund 1.200 Neonazis durch Magdeburg, Foto: Kai Budler.

Die geschichtsrevisionistischen Demonstrationen gehören zu den wichtigsten Großveranstaltungen der rechtsextremen Szene in Deutschland. Ende der 1990er Jahre entdeckten Neonazis deutschlandweit das öffentliche „Trauern“ für sich. Seitdem gewannen besonders Demonstrationen zur Verherrlichung von NS-Größen und „Trauermärsche“ für die Toten der alliierten Bombenangriffe erheblich an Bedeutung. Besonders der jährliche Aufmarsch tausender Neonazis in Dresden war für die Szene zentral – sogar europaweit. Doch die Blockaden der Nazigegner führten in den letzten Jahre zum stetigen Bedeutungsverlust des Aufmarsches und nicht zuletzt zu hoher Frustration innerhalb der extremen Rechten. So wurde eines der wichtigsten neonazistischen Events durch zivilgesellschaftliches Engagement Geschichte. Immer mehr Neonazis wichen nach Magdeburg aus und die Teilnehmerzahlen stiegen allmählich an. Doch das Ausweichen aus Dresden zeigt auch, dass innerhalb der Szene bisher kaum Strategien und Konzepte gegen zivilgesellschaftliche Massenproteste existieren. So sind das Ausweichen und Wegbleiben eben durchaus als „Kapitulation“ zu verstehen. Anders in Magdeburg: Hier sind die Proteste deutlich geringer, hier besteht nicht die Gefahr blockiert zu werden, hier kann man in Ruhe marschieren. 2010 stieg die Teilnehmerzahl auf 1.000 an und konnten sich in den folgenden beiden Jahren bei rund 1.200 stabilisieren. Damit wurde der geschichtsrevisionistische Aufmarsch in Magdeburg über die Jahre einer der größten und wichtigsten deutschlandweit, wenn er auch nicht die Bedeutung von Dresden hat.

Magdeburg 2013: NPD, wo bist du?

Am 12. Januar wollen Neonazis wieder ihren „Trauermarsch“ in Magdeburg durchführen. Verantwortlich für die Organisation ist das NPD-Bundesvorstandsmitglied und Vorsitzende der Jungen Nationaldemokraten, Andy Knape. Doch trotz Knapes hoher NPD-Posten hält sich die Partei bei der Organisation und dem Bewerben des „Trauermarsches“ auffällig zurück. Bereits in den vergangenen Jahren trat die NPD hier kaum in Erscheinung. Besonders mit dem Druck des kommenden Verbotsverfahrens dürfte dies kaum im Interesse der Partei liegen. Stattdessen organisiert die sächsische NPD parallel zum Aufmarsch ihren Landesparteitag und zeigt damit ein wenig kooperatives Verhalten. Auch auf der Rednerliste sucht man vergeblich nach rechtsextremer Prominenz. Neben Knape wird Maik Müller, Organisator der Naziaufmärsche in Dresden, sprechen. Seit Jahren sind beide Initiativen eng miteinander verbunden. Doch Müller war in den letzten Jahren für seine Vorbereitungen in Dresden auch in den eigenen Reihen hart in die Kritik geraten. Ein weiterer Redner aus Magdeburg und ein Neonazi aus Bayern komplettieren das wenig bedeutsame Ensemble. Auch hier zeigt sich, dass der Veranstaltung in Magdeburg innerhalb der Szene deutlich weniger Bedeutung zugemessen wird als Dresden.

Magdeburg 2012
Auch 2012 gab es bereits Blockadeversuche, Foto: Kai Budler.

Auf nach Magdeburg

Dennoch braucht die Szene nach zahlreichen Organisationsverboten und dem anstehenden NPD-Verbotsverfahren gerade in diesem Jahr ein Erfolgserlebnis, um die eigenen Kameraden zu motivieren: Daher ist für den 12. Januar mit bis zu 1.500 teilnehmenden Neonazis zu rechnen. Im gleichen Maße, wie der Aufmarsch an Bedeutung gewonnen hat, würden auch erfolgreiche Blockaden zur Frustration führen. Wenn nach Dresden auch Magdeburg zur „No-Go-Area“ für den geschichtsrevisionistische Neonaziaufmärsche werden würde, wären die beiden größten Veranstaltungen dieser Art faktisch passé. Dies dürfte neben dem politischen Willen vor Ort nicht zuletzt davon abhängen, wie viele Menschen sich den Neonazis auch in Magdeburg in den Weg stellen.

Publikative.org wird ab Freitag von der Vorab-Demo bis Samstag ausführlich über den Neonaziaufmarsch berichten.

Siehe auch: Der “Kampf um die Straße” – eine Analyse,Trauern um den verlorenen Trauermarsch, Neujahrstreffen der GeschichtsrevisionistenBad Nenndorf: Erste Blockade – Pyramide 3.0, Zwischen Bad Nenndorf und DresdenBildergalerie: “Trauermarsch” für`n Arsch

Bürger und Neonazis gemeinsam – NPD-Demonstration in Stendal

Seit Monaten ist das Dorf Insel in Sachsen-Anhalt in den Medien. Der Grund sind zwei Sexualstraftäter, die in das Dorf gezogen sind. Auch Rechtsextreme nutzen das Reizthema für sich und springen auf den Protestzug mit auf. Nun marschierten in Stendal sogar einige Inseler bei einem Aufmarsch Seite an Seite mit den Neonazis.

von Benjamin Mayer

Bereits zwei Stunden vor Beginn des Aufmarsches bauen die ersten Neonazis den Lautsprecherwagen vor dem Hauptbahnhof in Stendal auf. Nach und nach treffen rund 200 Rechtsextreme in der Stadt ein. Die meisten von ihnen kommen aus Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Als 15 Bürgerinnen und Bürger aus Insel zur Demonstration stoßen, werden diese von den Neonazis mit Applaus begrüßt. Das Konzept ist aufgegangen und wird es an diesem Tag in Stendal auch weiter. Der unweigerliche „Stargast“ der Veranstaltung trifft kurz vor Beginn der Demonstration ein: Udo Pastörs aus Mecklenburg-Vorpommern. Ein krudes Bild entsteht, als sich jüngere Demonstrationsteilnehmer mit „ihrem Udo“ zusammen fotografieren lassen. Udo Pastörs als „Star“ für den Nachwuchs – ganz weit rechts eben.

Nach einer kurzen Kundgebung am Bahnhof beginnt der Demonstrationszug durch die Stadt, abgesehen von einigen Transparenten wird kaum klar, worum es geht. Plärrender Rechtsrock erklingt über die Lautsprecher des Demowagens, Parolen grölend ziehen die Neonazis durch die Straßen: „Frei, Sozial und national“ oder „Nationaler Sozialismus – jetzt, jetzt, jetzt“ ertönt es aus der Demonstration heraus. Mitten in dem Demonstrationszug tragen die Bürger aus Insel ihr Transparent durch Stendal. Direkt hinter ihnen läuft die angereiste NPD-Prominenz: Udo Pastörs mit seiner Frau Marianne, Sigrid Schüßler (Vorsitzende des Rings Nationaler Frauen)  und eine aus England angereiste Aktivistin der National Front, Bernadette Jaggers. Erst nach einiger Zeit ergreift Pastörs das Mikrofon und schwenkt langsam auf das angemeldete Motto um. Doch eben so schnell wie der Neonazi das Thema Kindesmissbrauch anspricht, zieht er rhetorisch weiter: Vom „Parteienstaat“, „Polizeistaat“ ist kurz darauf die Rede und vom „Missbrauch des deutschen Erbgutes“. Wie wenig sich Pastörs anscheinend für das Dorf Insel interessiert, wird ebenfalls schnell klar. Man sei hier gemeinsam angetreten, auch mit „Einwohnern eines Dorfes […] in dessen Dorf sich Kindesmissbrauch abgespielt hat“. Doch gegen „Kindesmissbrauch“ gehen die Menschen in Insel nicht auf die Straße. Denn die beiden im Dorf unterbrachten Männer haben keine Kinder missbraucht. Kindesmissbrauch gab es in Insel zuletzt 2005. Durch einen Einheimischen, worüber heute aber kaum noch jemand sprechen will.

 Als die Demonstration in Stendal-Stadtsee, einem Plattenbauviertel ankommt, stehen dutzende Menschen am Straßenrand. Gegendemonstranten sind es nicht, aber die meisten richten ihre Handykamera auf die Neonazi-Demonstration. Endlich etwas los in Stendal. Und wieder wird klar, den meisten rechtsextremen Demonstranten scheint es nicht um die angemeldeten Inhalte der Demonstration zu gehen. „Linkes Gezeter…9 Millimeter“ rufen die Teilnehmer, als sie eine Handvoll Gegendemonstranten am Wegesrand entdecken. All das scheint einige Stendaler nicht abzuschrecken. Immer wieder reihen sich Menschen in die Demonstration ein, die nur von wenigen Polizisten begleitet wird: Eine Mutter mit drei Kindern, eine junge Frau, die anscheinend gerade mit dem Hund Gassi gegangen ist. Hier geschieht, was die Rechtsextremen sich so gern herbeifantasieren. Mittlerweile hat auch die Parole „Todesstrafe…für Kinderschänder“ vermehrt Eingang in das Repertoire der grölenden Neonazis gefunden. Immer noch unterlegt mit plärrendem Rechtsrock vom Lautsprecherwagen.

Als die Demonstration nach einer Zwischenkundgebung und fast 3 Stunden Fußweg wieder am Bahnhof eintrifft, schlägt erneut Udo Pastörs Stunde. Er ergreift das Mikrofon und verspricht, er wolle nun 15 Minuten reden. Er wird sein Versprechen nicht halten. Nach einigen Wiederholungen schwenkt Pastörs wieder schnell vom Thema ab. Erneut geht es um „den Staat“, das „liberal-kapitalistische System“ und sogar noch um den „Nationalsozialistischen Untergrund“. Nach diesen Exkursen, räumt Pastörs ein, er komme nun zurück zum eigentlichen Thema. Ihm scheinen nun die plausiblen Übergänge zwischen den immer wieder eingeflochtenen Themen und dem Demonstrationsmotto zu fehlen. Doch die Rückkehr hält nur kurz an. Der völlig zusammenhangslosen Rede ist schwer zu folgen. Immer wieder stechen Schlagworte hervor, die den Zuhörern den Weg durch das rhetorische Gewühl weisen. Von der „Rettung Europas für die weißen Menschen“ ist nun die Rede. Die „Bundesrepublik Deutschland ist nicht reformierbar, so wie die DDR ab einem gewissen Zeitpunkt nicht reformierbar war“ führt der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD am Ende seiner Rede aus. Die Nachricht ist angekommen. Rund um den Versammlungsort, außerhalb der Absperrgitter, klatschen wieder einige Stendaler Beifall. Die Show ist vorbei.

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Siehe auch: Forderung nach Todesstrafe nützt den Opfern nichtNPD missbraucht weiter Thema KindesmissbrauchNeonazi wegen Kinderporno verurteiltEx-NPD-Kreisrat wegen Kindesmissbrauchs verurteilt, Einmal mehr: NPD marschiert gegen SexualstraftäterNazis den Wind aus den Segeln nehmen – Informationsbroschüre zum Thema sexueller MissbrauchNeonazi wegen Verdacht des Kindesmissbrauchs in Haft