Und das ist erst der Anfang: Deutschland und die Flüchtlinge

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60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Ein kleiner Prozentsatz davon macht sich auf den gefährlichen Weg nach Europa. Sie kommen aus Syrien, Eritrea, dem Irak, vom Balkan. Sie kommen aus verwüsteten Ländern, aus armen Ländern, und viele werden bleiben. Wohin sollten sie zurück?

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Pirinccis PR-Coup: Gute KZs, schlechte KZs?

Er hatte eine Rede angekündigt, die Maßstäbe setzen würde – und er hat Wort gehalten. Der „Pegida“-Auftritt von Akif Pirincci beschäftigt weiterhin die Öffentlichkeit, die nun versucht, seine Hetzrede zu interpretieren, was angesichts von Inhalt und Form nicht ganz einfach ist. Immerhin Medienkritiker Niggemeier kennt die ganze (Un-)wahrheit.

Von Patrick Gensing

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AfD kann in Hamburg nicht marschieren

Die norddeutschen Landesverbände der AfD wollen in Hamburg demonstrieren, werden aber von Linken durch Blockaden daran gehindert. An der AfD-Kundgebung nehmen auch Neonazis teil, die Journalisten angreifen.

Von Benjamin Laufer

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#1Mainazifrei – Der braune 1. Mai in Deutschland

Hunderte Neonazis waren am 1. Mai deutschlandweit auf der Straße. Dabei kam es auch zu Eskalationen und einem gewalttätigen Angriff auf eine DGB-Kundgebung in Weimar. Tausende waren aber auch gegen die braunen Aufmärsche auf der Straße und konnten diese teils blockieren.

Ein gemeinsames Projekt der Ruhrbarone, des Störungsmelders und von Publikative.org

Mönchengladbach und Essen: Neonazi-Demos schrumpfen zusammen

Gut 100 Teilnehmer bei der NPD in Mönchengladbach und 300 bei einer späteren Aktion von Die Rechte in Essen – auch in diesem Jahr folgten in Nordrhein-Westfahlen nicht viele extrem rechte Aktivisten den Aufrufen der Neonazis zum braunen 1. Mai. Bei Die Rechte haben sich im Vergleich zum vergangenen Jahr die Teilnehmerzahlen glatt halbiert und das auch nur, weil an der Demonstration in Essen viele teilnahmen, die sich Stunden zuvor durch Mönchengladbach schleppten.

Die Parolen waren auf beiden Demonstrationen weitgehend dieselben: Der nationale Sozialismus wurde gefordert und auch gesichtstätowierte 40jährige reklamierten für sich, dass die Straße der deutschen Jugend frei gemacht werden müsse.

Die Rechte hat am 1. Mai gezeigt, dass sie die beherrschende Kraft in der Nazi-Szene in NRW ist, die NPD erscheint als kaum mehr als eine billige Kopie, die mit Sprüchen wie „Wir wollen keine Zionistenschweine” und Solidaritätsplakaten für Holocaustleugner wie Horst Mahler oder Ernst Zündel vor allem damit beschäftigt ist, am eigenen Verbotsverfahren mitzuwirken.

In beiden Städten stellten sich Tausende den Nazis entgegen und sorgten mit Blockaden dafür, dass die geplanten Demorouten nicht abgelaufen werden konnten und die überschaubare Nazischar umdrehen musste. Die Polizei ließ in beiden Städten Protest in Hör- und Sichtweite zu und hatte in Mönchengladbach zu jedem Zeitpunkt die Lage im Griff. In Essen war sie zu Beginn der Neonazi-Demonstration sichtlich überfordert, es kam zu Beleidigungen von Anwohnern und Polizeibeamten. Später dann sorgten jedoch eilig herangeführte Einsatzkräfte auch hier dafür, dass die Spielräume der Rechtsradikalen sehr begrenzt waren. Eine nächtliche Spontandemonstration durch die menschenleere Essener Innenstadt endete schließlich in einem Polizeikessel und der Aufnahme der Personalien aller Neonazis.

Worms: Nach 300 Metern gings zurück

150 Neonazis – überwiegend aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und dem Saarland – reisten zu der Versammlung des rheinland-pfälzischen Landesverbandes der NPD an. Unter ihnen war auch der NPD-Parteivorsitzende Frank Franz. Neben ihm sprachen die Versammlungsleiterin Ricarda Riefling, Markus Walter und Safet Babic (NPD Landesvorstandsmitglieder in Rheinland-Pfalz), Jan Jaeschke (NPD Rhein-Neckar), Detlef Walter (NPD Trier), Markus Mang (NPD Saar-West), Michael Weick und Christian Hehl (beide NPD Rheinhessen-Pfalz), der Wormser Manuel Zink und André Presser (Heimatschutz Donnersberg). Unter den TeilnehmerInnen befanden sich auch einige Hooligans, die vor allem gegenüber JournstalistInnen aggressiv auftraten, vereinzelt Böller zündeten und Hitlergrüße zeigten.

Da 200 AntifaschistInnen die Aufmarschstrecke blockiert hatten, konnten Neonazis ihren Aufmarsch nicht wie geplant durchführen. Bereits nach wenigen hundert Metern war Schluss. Die Polizei war nicht in der Lage, die Blockade aufzulösen. Nach erfolglosen Verhandlungen mit der Polizei mussten die Neonazis zu ihrem Auftaktort am Hauptbahnhof umkehren.

Seit einigen Jahren versucht die rheinland-pfälzische NPD, am 1. Mai zentrale Aktionen im Süden Deutschlands zu etablieren. Worms möchte die NPD im anstehenden Landtagswahlkampf zu ihrem Aktionsschwerpunkt machen. Mit Michael Weick sitzt dort seit 2014 ein NPD-Mitglied im Stadtrat. Einen großen Teil seiner Stimmen erhielt er im Wormser „Väddel“. Weil dort Flüchtlinge untergebracht werden sollen, hätte die Route eigentlich durch diesen Stadtteil führen sollen. Im Anschluss an die Versammlung begaben sich vereinzelt Neonazis ins „Väddel“, um doch noch mit den AnwohnerInnen ins Gespräch zu kommen.

Neubrandenburg: Kurze Route aufgrund starken Gegenprotestes

Mit wenig Erfolg verlief der 1. Mai-Aufmarsch der NPD in Neubrandenburg-Oststadt. Mit rund 350 Neonazis konnte der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern zwar sein eigenes Klientel nahezu konstant halten, die komplette Route konnten die Neonazis allerdings nicht laufen. Angereist waren vor allem extrem Rechte aus der Region. Nach Angaben des Bündnisses Neubrandenburg Nazifrei sollen die Neonazis gerade mal 500 Meter weit gekommen sein.

Bereits zu Beginn der Veranstaltung versperrte eine größere Blockade den Neonazis den Weg. Ursprünglich sollte eine Demonstration vom Bündnis Neubrandenburg Nazifrei auf die Route der Neonazis führen. Knapp 700 Menschen nahmen an der Demonstration des Bündnisses teil. Die Veranstalter_innen lösten ihre Demonstration jedoch vorzeitig auf. Weitere kleinere Blockaden umringten die Auftaktkundgebung der Neonazis und setzten diese zunächst für Stunden fest. Nachdem eine der Blockaden durch die Polizei geräumt wurde, wurde der Neonazi-Aufzug einer größeren Blockade vorbeigeführt. Bei der Abführung der Neonazis flogen Wurfgeschosse auf beiden Seiten. Nach weiteren Stop-and-Go’s beendeten die Neonazis ihre Demonstration einer Kundgebung. Dort sprachen der JN Bundesvorsitzende Sebastian Richter und der NPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs.

Nach eigenen Angaben setzte die Polizei, die mit 830 Beamt_innen vor Ort war, auf die Strategie des „Miteinanders und der Kommunikation“. Vereinzelt kam es zum Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray. Dabei kamen fünf Personen in Gewahrsam. Eine Gruppe von etwa 150 Demonstrant_innen, die mit dem Zug nach Neubrandenburg angereist waren, hielt die Polizei zur Personalienfeststellung und Beweissicherung über eine Stunde am Bahnhof fest. Grund dafür waren Zusammenstöße zwischen Demonstrant_innen und NPD-Anhänger_innen am Bahnhof Stralsund.

Saalfeld: Eskalation der Gewalt

Thüringen stand am 1. Mai mit gleich zwei Neonazi-Aufmärschen und einem extrem rechten Überfall auf eine DGB-Kundgebung im Fokus der rechten Szene. Damit erlebte der Freistaat einen braunen 1. Mai mit Neonazi-Gewalt wie schon lange nicht mehr.

In Saalfeld hatte ein extrem rechtes „Aktionsbündnis“, hinter welchem vor allem die neonazistische Kleinstpartei Der III. Weg steckt, zum 1. Mai-Aufmarsch mobilisiert. Federführend waren vor Ort die ehemaligen Kader des „Freien Netzes Süd“ wie beispielsweise Matthias Fischer, Norman Kempken oder Tony Gentsch. Auch unter den Ordnern waren zahlreiche Neonazis aus Franken.

Bereits auf dem Anreiseweg der Neonazis vom Bahnhof zum Demonstrationsbeginn kam es zu schweren Übergriffen. Eine Gruppe von rund 80 Neonazis griff auf dem Weg einige alternative Jugendliche an. Resultat des Übergriffes sind zwei Schwerverletzte und eine leichtverletzte Person. Eines der Opfer befindet sich aufgrund der schweren Verletzungen weiterhin im Krankenhaus. Die Angegriffenen erlitten teils schwere Kopfverletzungen. Zahlreiche weitere Menschen wurden durch den Angriff traumatisiert.

Die aggressive Stimmung bekamen dann vor allem auch Journalisten zu spüren. Durch Pöbeleien und Bedrohungen war die Stimmung bereits am Sammlungsort der Neonazis so gereizt, dass rund 15 Pressevertreter ihre Berichterstattung abbrechen mussten und sich in Richtung der Polizeikräfte an der Demo-Spitze zurückzogen. Grund hierfür war auch das völlig unzureichende Polizeiaufgebot am Sammlungsort und das unkontrollierte Ein- und Ausgehen zahlreicher Neonazi-Kleingruppen. Auch während der Demonstration war aufgrund der geringen Polizeipräsenz an den Rändern der Demonstration ein freies Arbeiten für Journalisten kaum möglich. Ein Fotograf wurde von einer Flasche aus der Neonazi-Demonstration getroffen. Vor allem ein Block im Stil der autonomen Nationalisten zeigte ein hoch aggressives Verhalten. Daran waren vor allem Neonazis aus Thüringen, Hessen und Bayern beteiligt, darunter auch zahlreiche bekannte extrem rechte Gewalttäter. Als die Demonstration dann aufgrund einer Blockade gestoppt werden musste, eskalierte die Lage völlig. Immer wieder versuchte der aggressive Neonazi-Block die dünn besetzten Polizeiabsperrungen zu durchbrechen. Als es dann wohl zum Einsatz von Tränengas kam, brachen rund 200 Neonazis aus der Demonstration aus und konnten sich in der Stadt verteilen. Auch für Journalisten bestand zu diesem Zeitpunkt kein Schutz mehr. Die Durchsagen des Polizei-Lautsprecherwagens wirkten zu diesem Zeitpunkt nur noch absurd. Der beschwichtigende Polizeibeamte versuchte die ausbrechenden Neonazis zum Zurückkehren zu bewegen und bot weitere Verhandlungen an, während auch seine zivilen Kollegen fliehen mussten, um sich in Sicherheit zu bringen.

Als Folge des gewalttätigen Ausbruchs wurde die Neonazi-Demonstration dann zum Bahnhof geleitet. So konnte der aggressive extrem rechte Mob seine Veranstaltung mit einer Demonstration durch sie Saalfelder Innenstadt erfolgreich beenden.

Auf der Rückfahrt stiegen bayerische Neonazis am Bahnhof Hallstadt aus und marschierten spontan und ohne Polizeibegleitung durch die Stadt. Herbeieilende Spezialkräfte der Polizei konnten die rechte Demonstration nach einer Weile stoppen. Die Kriminalpolizei prüft nun, ob es zu Straftaten kam. Die Personalien der Neonazis wurden festgestellt.

Erfurt: NPD floppt mit Aufmarsch in der Landeshauptstadt

Die Thüringer NPD ist am 1. Mai mit ihrem ersten großen Aufmarsch nach dem Wechsel an der Landesspitze gefloppt. Anders als in den vergangenen Jahren ermöglichte ihr das polizeiliche Vorgehen zwar einen von Blockaden weitgehend ungestörten Aufmarsch in Erfurt, mit rund 150 Neonazis blieb die Teilnehmerzahl jedoch weit hinter den angemeldeten 500 Personen zurück. Noch am Vorabend des ersten Mai war lange Zeit nicht klar, wie und wo der Neonaziaufmarsch in der Landeshauptstadt verlaufen würde. Nachdem die Stadt der NPD nur eine Standkundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz genehmigt hatte, begann das juristische Tauziehen vor den jeweiligen Instanzen. Erst am Abend des 30. April stellte das Oberverwaltungsgericht klar: die Neonazis würden zwar marschieren können, durften dabei aber nur eine verkürzte Route und nicht in der Umgebung des Landtages laufen. Schnell wurde am Freitagvormittag deutlich, dass die Thüringer NPD nur mit Unterstützung aus anderen Bundesländern ihre rund 150 Teilnehmer erreichen konnte. So rundeten die Mitglieder der „Kameradschaft Northeim“ aus Niedersachsen sowie Neonazis unter anderem aus Bayern und Sachsen das Aufmarschbild ab. Die angekündigten „Parteifreien Patrioten“ der extrem rechten Szene hatte es wohl eher nach Saalfeld gezogen. Auch der ehemalige Bundesvorsitzende und amtierende NPD-Abgeordnete im europäischen Parlament, Udo Voigt, konnte als Redner in Erfurt nicht überzeugen. Neben ihm traten der neue Landesvorsitzende Tobias Kammler, der NPD-Landesorganisationsleiter David Köckert und Thorsten Heise als stellvertretender Landesvorsitzende ans Mikrofon. Für die Musik vor und nach dem Aufmarsch sorgte das extrem rechte Duo „/A3stus/“ um Patrick Killat. Mehrere Hundert Nazigegner begleiteten den Aufmarsch mit lautstarken Protesten. Überschattet wurde der Protest von einem Angriff von etwa 40 Neonazis auf die DGB-Kundgebung zum ersten Mai im nahe gelegenen Weimar. Sie stürmten die Bühne, attackierten u.a. den Bürgermeister und einen Bundestagsabgeordneten und verletzten drei Personen. Die Polizei ermittelte bislang 27 Neonazis aus Sachsen, Brandenburg, Hessen und Thüringen als Tatverdächtige. Nach ihrer vorläufigen Festnahme befinden sich die 22 Männer und fünf Frauen zwischen 18 bis 35 Jahren wieder auf freiem Fuß.

Auf der Demonstration in Erfurt kam es auch zum Zeigen des Hitlergrußes, wie ein Video zeigt (ca. Min 0.30)

Gegen die Entsolidarisierung der Angry White Ökos

Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen, antwortet auf Publikative auf die Kolumne von Peter Unfried „Ich bin Öko und das ist gut so“. Beck meint, weiße, heterosexuelle Männer glauben offenbar von sich, sie könnten frei von struktureller oder institutioneller Diskriminierung die ‚entscheidenden Dinge‘ von ‚individuellen Freiheitsspreizungen‘ trennen. Die Konstruktion eines Widerspruchs zwischen Klimaschutz, Gerechtigkeit und Menschenrechten sei allenfalls oberlehrerhafte Sektiererei.

Von Volker Beck

Nun kann man darüber streiten, wie klug oder reflektiert es ist, Ökologie und Soziale Gerechtigkeit als Gegensatz von Grund- und Menschenrechten zu konstruieren. Trotzdem hatte ich Peter Unfried gerne geantwortet, als er mich Ende März bat, ihm auf 800-Zeichen für die „zeozwei“ folgende Frage zu beantworten: „Haben wir vor lauter Identitätspolitik und individuellen Freiheitsspreizungen die wirklich entscheidenden Dinge verpasst – den Klimawandel, die ökologische Transformation, die Zertrümmerung der Gesellschaft durch zunehmende Individualisierung und neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik, kurz: Haben wir die Verfassung des Ganzen vergessen?“

Ich antwortete Peter Unfried: „Mit diesem Prinzip – ‚Appeal to bigger problems‘ – darf man kein Schulessen verbessern, nichts gegen die Vorratsdatenspeicherung sagen oder Babykatzen retten, weil ‚in Afrika hungern Kinder‘. Natürlich haben Sie mit dieser Haltung immer die Deutungshoheit über das ‚bigger Problem‘. Als weißer, heterosexueller Mann können sie ja frei von struktureller oder institutioneller Diskriminierung die ‚entscheidenden Dinge‘ von ‚individuellen Freiheitsspreizungen‘ trennen.

Weder eine geschlechtergerechte Entlohnung, noch die Ehe für Alle oder die doppelte Staatsbürgerschaft führen zu höherem CO2-Ausstoß oder verschärfen die Gegensätze zwischen Arm und Reich. Im Gegenteil: ökologische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz müssen zusammen gedacht werden. Die Zeiten von Haupt- und Nebenwiderspruch sind vorbei. Göttin sei Dank.“

Nun hat es wenig überrascht, dass Unfried es mied, sich durch Veröffentlichung seiner Fragestellung und meiner Antwort in der „zeozwei“ zu blamieren. Doch stattdessen landete ich verkürzt in Unfrieds taz-Kolumne mit einer sektiererischen Fortsetzung des konstruierten Widerspruchs zwischen Grundrechten von Minderheiten auf der einen und Klimagerechtigkeit und Energiewende auf der anderen Seite. Seine oberlehrerhafte Entsolidarisierung gipfelt letztlich darin, dass er sich auch Schwule wünschen würde, die sagen: „Ich bin öko, und das ist auch gut so.“

Vermutlich ist beim Lesen dieses Satzes Matthias Matussek kurz die homophobe Feder aus der Hand gefallen. Denn diese Schwulen gefährden ja nicht nur ein ewiggestriges Bild von Familie und Gesellschaft, sondern nun auch noch das Klima und die Existenz unserer Erde. Wäre Unfried ehrlich, würde er neben Schwulen auch Frauen, Senioren, Kinder und Menschen mit Behinderung nennen, die ebenfalls mit vermeintlichem „Gedöns“ die Rettung unserer Erde verhindern. Diese Demagogie ist unsolidarisch und unklug.

Der eine spendet an Greenpeace, die andere dem LSVD. Auf dem Weg zu einer besseren Welt mag es unterschiedliche Prioritäten geben, und das ist auch gut so, so lange wir solidarisch miteinander umgehen und gemeinsam kämpfen. Um gegen den Klimawandel, für Nachhaltigkeit und den Erhalt der Artenvielfalt zu streiten, muss ich doch nicht bei einem Herrn Unfried den Anspruch abgeben, dass alle als Menschen mit gleicher Würde und gleichen Rechten respektiert werden. Die Konstruktion eines Widerspruchs zwischen Klimaschutz, Gerechtigkeit und Menschenrechten ist allenfalls oberlehrerhafte Sektiererei aus K-Gruppen-Zeiten. In der Sache hilft sie uns nicht weiter.

Moralische Medienschelte

Viel zu viel, viel zu aufdringlich, viel zu oberflächlich – im Netz haben verschiedene Journalisten die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich angeprangert. So eine Kritik ist schnell formuliert, findet oft Zustimmung – und lässt den Absender als kritischen Geist erscheinen.

Von Patrick Gensing

Es gibt kaum Beiträge, die leichter zu recherchieren und schneller zu schreiben sind, als Artikel zur aktuellen Berichterstattung: Glotze oder Radio an – dabei noch ein Blick auf die Schlagzeilen der großen Blätter, Meinung bestätigen lassen – und los geht es. Heute Morgen eröffnete taz-Chefredakteurin Ines Pohl diese Medienkritik zum Germanwings-Absturz:

Deutschland möchte also auch ganz dringend eine Katastrophe für sich? Was soll das bedeuten? Die Lust, auch mal Opfer zu sein? Pohl erklärte etwas später auf Twitter: „Ich will nicht die Trauerenden kritisieren, die Endlosschleifen der Sondersendungen ohne Erkenntniswert berühren mich unangenehm.“

Allerdings sei hier die Frage gestattet, warum einerseits beklagt wird – auch von anderen Kollegen außer Pohl, es werde viel zu viel Wirbel um den Absturz gemacht, andererseits muss man aber selbst noch einen drauf setzen und sich unbedingt auch noch dazu äußern? Wäre es nicht konsequenter, dann einfach zu schweigen? Oder zumindest etwas differenzierter zu formulieren, als es in einem Twitter- oder Facebook-Posting möglich ist? So soll ernsthaft Oberflächlichkeit in Medien thematisiert werden?

Aasgeier, die für Leichenteile zahlen

Komplett im Ton vergreift sich Hermann Gremliza in der konkret: In einer bewusst rohen Sprache schreibt er unter anderem von Todesopfern im Straßenverkehr, die „eingelocht“ würden ohne Sondersendungen. Und es geht noch tiefer: Bei solchen Todesopfern gebe es „nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen“.

Übrigens erklärt Gremliza mit seinem Hinweis auf die alltäglichen Opfer im Straßenverkehr schon selbst, weshalb es für den Absturz eines deutschen Fliegers mehr Aufmerksamkeit gibt: Dies ist nämlich gerade nicht alltäglich. Die Unterstellungen, die kaputten Reporter würden sich ohnehin nur volllaufen lassen und Geld für Leichenteile bezahlen, ist dann einfach nur noch pures Ressentiments, das ich eher bei KenFM erwartet hätte.

„Nah an ethischen und persönlichen Grenzen“

Wer sind diese Aasgeier? Mein geschätzter Kollege Stefan Laurin beispielsweise war für Die Welt in Haltern – und schrieb danach auf Facebook: „Es war alles sehr würdig in Haltern… Sowohl vor der Schule als auch auf der Pressekonferenz im Rathaus.“ Ein anderer Kollege schrieb: „Krasser Tag. Erst am Flughafen Düsseldorf und dann an der Schule in Haltern. Darüber zu berichten, bzw vor allem davon Fotos zu machen ist echt kein schöner Job und die ganze Zeit ziemlich nah an ethischen und persönlichen Grenzen…“

Es gibt sicherlich Reporter, die sich weit weniger Gedanken machen und skrupellos agieren. Aber die meisten Kollegen diskutieren immer wieder lange und kontrovers, welche Bilder angemessen sind, welche nicht – dies gilt auch für andere Anlässe – beispielsweise Anschläge. Und es ist auch keine besonders lebensbejahende Arbeit, immer wieder aus vorliegendem Material die Bilder herauszusuchen, die eben nicht mehr gezeigt werden können. Aber mit solchen Details muss man sich auch nicht weiter belasten, wenn die These stimmen soll.

Von Trauer und Wut

Sascha Lobo veröffentlichte heute übrigens auf Spiegel Online einen klugen Artikel zu den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz, er schreibt:

Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die „sensationslüsterne Journallie“. […] Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.

taz-Chefredakteurin Ines Pohl wurde nach ihrem Tweet selbst zum Ziel dieser Klickwut und teilweise übelst beleidigt.

Gleichzeitig finden sich in den Kommentaren zu den oben erwähnten Medienkritiken umgehend auch Beiträge, die in Richtung „Lügenpresse“ und pauschale und populistische Politikerschelte gehen. Auf der Facebook-Seite des Politmagazins Monitor erhielt ein Nutzer für diesen Kommentar 73 Likes:

Wieso muss der „Halbe Bundestag“ nach Frankreich fliegen um dann irgendeinen unqualifizierten Senf in die Kameras zu labern. Und die Sender stellen diese auch noch in den Vordergrund, als wenn diese Pappnasen die Hauptfiguren in einem Theaterstück wären,. Merkel hier, Merkel da, Merkel vorne, Merkel hinten, Merkel kann nicht in die Schlucht, Merkel kann nur mit Hubschrauber über das Gebiet fliegen, Steinmeier kommt auch nicht weiter, Steinmeier war gestern schon da, Steinmeier erzählt uns, was Experten schon vorher x-mal erklärt haben. Witzfigur Dobrindet gibt auch seine Senf dazu….. Was für eine Schmierenkömödie zu einem extrem traurigen Anlass.

Ein trauriger Anlass, der offenbar eine günstige Gelegenheit bietet, Feindbilder zu pflegen oder sich mal wieder als kritischen Kopf in Szene zu setzen. Sie wisse nicht, was sie schlimmer finde, merkte eine Kollegin auf Facebook treffend an: „Das berühmte Witwenschütteln, oder aber „Kollegen“, die sich an der Berichterstattung abarbeiten und de facto den Tod von mehr als hundert Menschen nutzen, um öffentlich (!) zu erklären, wie sicher sie im moralischen Sattel sitzen.“