PEGIDA: Volksfront von Judäa gegen judäische Volksfront?

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Während LEGIDA in Leipzig nicht wie großmäulig angekündigt und von den meisten Medien einfach übernommen 60.000 Anhänger sondern etwa ein Zehntel auf die Straße gebracht hat, tritt bei PEGIDA Gründer Lutz Bachmann zurück – und kündigt zum Abschied noch mögliche rechtliche Schritte gegen den Leipziger Ableger an.

Von Patrick Gensing

100.000 Menschen würden heute in Leipzig erwartet, vermeldeten die Nachrichten heute landauf und landab, bis zu 60.000 allein bei der LEGIDA-Veranstaltung. Wo die alle an einem Mittwochabend im Januar kurzfristig herkommen sollen? Gute Frage, dazu war leider wenig zu erfahren.

Dabei hätte man angesichts der Vermutungen, wonach bereits in Dresden die Teilnehmerzahlen von PEGIDA übertrieben wurden, zumindest etwas zurückhaltender sein können. Doch bereits seit Wochen genießt PEGIDA bundesweit eine hemmungslose Aufmerksamkeit. Auch wenn 20.0000 Menschen in Dresden behaupten, sie seien das Volk, muss das nicht zwingend stimmen – da haben die anderen rund 80.580.000 Bürger nämlich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und die geringen Teilnehmerzahlen von PEGIDA-Ablegern in anderen Städten legen den Schluss nahe, dass PEGIDA nicht nur in Dresden gegründet, gehegt und gepflegt wurde, sondern eben auch ein Alleinstellungsmerkmal für diese Stadt darstellt.

Woher das kommt? Das hat viel mit der enormen Empathie zu tun, die wichtige Multiplikatoren in der Stadt PEGIDA entgegenbringen. Da wäre beispielsweise der Politikwissenschaftler Werner Patzelt zu nennen, der in einem Vortrag am 6. Januar wie ein PR-Berater von PEGIDA wirkte. So führte Patzelt aus, es sei nicht albern, gegen eine angebliche Islamisierung in Dresden zu demonstrieren, auch wenn es diese hier gar nicht gebe. Immerhin habe es auch niemanden gestört, wenn in Deutschland gegen die Abholzung des Regenwaldes demonstriert werde – auch wenn es hier gar keinen Regenwald gebe (11’40). Eine schöne Vorarbeit, ein kecker Gag, den PEGIDA-Sprecherin Kathrin Oertel bei „Günther Jauch“ vor einem Millionenpublikum wiederholte.

Patzelt beklagte zudem, dass in Deutschland alles, was nicht politisch links oder mittig sei, anders klinge – und dann als rechts eingeordnet werde – und das sei dann wiederum gleichbedeutend mit rechtspopulistisch und rassistisch. Ein beliebtes Stilmittel: Mangelnde Differenzierung anprangern, um dann selbst den Feinschliff mit dem Vorschlaghammer vorzunehmen. Außerdem werde den Deutschen verordnet, dass sie bald eine Minderheit im eigenen Land seien.

Weiter Patzelt: Die vorschnelle Einordnung, PEGIDA sei rechtsradikal, sei ebenso falsch wie der pauschale Vorwurf in Richtung „Lügenpresse“, denn mittlerweile (!) sei die Berichterstattung ja differenziert.  Weiterhin stellte Patzelt fest, es habe eigentlich nur an der Kommunikation zwischen Medien und PEGIDA gemangelt.

Dies ist insbesondere bemerkenswert, da Patzelt seinen Vortrag in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung hielt – wo etwa zwei Wochen später PEGIDA zur ersten Pressekonferenz einlud. Dies wirft weitere Fragen auf, was die Rolle der Landeszentrale bei dem Aufstieg von PEGIDA gespielt hat. Insbesondere der Chef der Landeszentrale lässt seit Wochen eigentlich kaum eine Gelegenheit aus, um für den Dialog mit PEGIDA zu werben. Übrigens war die Landeszentrale in der Vergangenheit auch nicht übermäßig sensibel, wenn es um Gespräche mit NPD oder andere Neonazis ging.

PEGIDA-PK in Dresden (Screenshot YouTube)
PEGIDA-PK in Dresden (Screenshot YouTube)

PEGIDA sollte also offenbar unbedingt einen gemäßigteren Anstrich erhalten, denn für Dresden wäre es nicht so schön, wenn es einmal mehr durch rechtsradikale Massenaufmärsche auffiele (wir erinnern uns an die „Trauermärsche“). Diese Image-Korrektur war angesichts der vielen bekannten Nazis auf den „Spaziergängen“ und den Aussagen von PEGIDA-Anhängern in klassischen wie sozialen Medien nicht ganz einfach. Daher fingen wohl nun die Köpfe von PEGIDA an, sich gemäßigt zu präsentieren.

„Dummerweise“ musste aber nun Gründer Lutz Bachmann die Flinte ins Korn werfen. Grund sind Berichte über rassistische (in Patzelts Sprache „nicht linke oder mittige“) Postings bei Facebook. Bachmann entschuldige sich „aufrichtig bei allen Bürgern, die sich von meinen Postings angegriffen fühlen. Es waren unüberlegte Äußerungen, die ich so heute nicht mehr tätigen würde. Es tut mir leid, dass ich damit den Interessen unserer Bewegung geschadet haben, und ziehe daraus die Konsequenzen“, erklärte Bachmann am Abend in Dresden.

PEGIDA ist nun um Schadensbegrenzung bemüht: Vokabeln wie ‚Viehzeug‘, ‚Dreckspack‘ und ‚Gelumpe‘ gehörten nicht in einen politischen „Diskurs“. Nur persönliche Integrität schafft politische Glaubwürdigkeit“, kommentiert Kathrin Oertel den Rücktritt.

Neonazi-Slogans ungestört in der Mitte der Demo, Foto: Felix M. Steiner
Neonazi-Slogans ungestört in der Mitte der Demo, Foto: Felix M. Steiner

Und dann verkündete PEGIDA noch, dass die Organisatoren von LEGIDA bis heute keine klare Erklärung abgegeben hätten, dass sie den Forderungskatalog von PEGIDA Dresden übernehmen. „Alles, was heute Abend in Leipzig gesagt und gefordert wird, ist nicht mit uns abgesprochen. Das kann sich für die einheitliche Wahrnehmung unserer Bewegung als kontraproduktiv erweisen. Daher prüfen wir eine Unterlassungsklage“, heißt es weiter. Erleben wir nun etwa eine Neuaufführung des Machtkampfs zwischen der Volksfront von Judäa und der judäischen Volksfront? Werner Patzelt und Landeszentrale für politische Bildung – unbedingt vermitteln! Im Sinne der politischen Bildung und Kultur von Sachsen.

13 Kommentare zu „PEGIDA: Volksfront von Judäa gegen judäische Volksfront?

  1. Der sächsische Verfassungsschutz erkennt mittlerweile die Gefahr, die vom Pegida-Ableger aus Leipzig ausgeht:

    Der sächsische Verfassungsschutzpräsident Gordian Meyer-Plath:

    „Legida gebärdet sich im Vergleich zu Pegida entschlossener und viel radikaler.“
    Meyer-Plath muss es wissen:

    „In seiner Zeit als Brandenburger Verfassungsschützer, erhielt Meyer-Plath 1998 von dem V-Mann Carsten Sz. (Deckname Piatto) Hinweise auf den Verbleib des Trios und die Beschaffung von Waffen für “die drei Skinheads”. Warum diese wichtigen Informationen trotz ihrer Brisanz nicht zeitnah bei den Landeskriminalämtern ankamen, konnte Meyer-Plath vor dem Untersuchungsauschuss nicht erklären. Er machte für den verurteilten Neonazi Sz., der wegen Mordversuchs an einem afrikanischen Asylbewerber zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden war “kleine Erledigungen” und fuhr ihn während dessen Freigängen zu Treffen mit anderen Neonazis. Der Verfassungsschutz in Brandenburg begünstigte, dass die Haftzeit von Piatto verkürzt wurde und gewährleistete, dass die Justizvollzugsanstalt in der Zeit vor der Entlassung nicht mehr die Post kontrollierte. Piatto publizierte zudem aus der Haft eine Neonazi-Zeitschrift. Sebastian Edathy kommentierte diesen Vorgang: „Es war im Interesse des Verfassungsschutzes, den V-Mann auf freiem Fuß abschöpfen zu können. Um das zu erreichen, ist jedes Maß an Verhältnismäßigkeit gesprengt worden.”

    Quelle: https://machtelite.wordpress.com/2014/11/02/nsu-komplex-drei-jahre-systematische-vertuschung/

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  2. LVZ:++ 21.02 Uhr ++ Neues zur Attacke auf Journalisten: 50 Angreifer sind aus dem Legida-Block auf die vor dem Demonstrationszug laufenden Presseleute gestürzt. Ein Fotograf wurde zu Boden getreten, seine Kamera-Ausrüstung zerstört. Die Polizei unterband die Angriffe zunächst nicht, trennte in der Folge die Leute. Weder wurden Personalien der Angreifer festgestellt, noch Spuren gesichert.

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  3. naja patzelt höre und lese ich gern, jemand ohne scheuklappen um sachlichkeit bemüht.

    ein fuliminanter beitrag heute in der faz.
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-verortung-von-pegida-edel-sei-der-volkswille-13381221.html

    die meisten autoren auf publikative.org dürfen sich angesprochen fühlen, allein mir fehlt der glaube -zu tief ist man in ideologie vergraben. wie wäre es mit kritik an der linksautonomen krawallen in leipzig. da lese ich nie etwas , das sind ja die „guten“, die dürfen das.

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    1. Ich muss zugeben, ein schöner Artikel aus der FAZ. Allerdings glaub ich, das der Autor unterschätzt aus welcher Szene sich die Pegidisten zusammensetzen. Und vorallem wie viele es sind …

      Wir haben da Menschen die sich ausschließlich – aus ihrer Sicht – mit den „wahren“ Medien informieren. Da gehören „junge Freiheit“ oder der „Kopp Verlag“ mit rein. Youtube wird für eine glaubwürdige Quelle gehalten, die im allgemein nicht weiter hinterfragt wird, genauso wie diverse zwielichtige Blogs. Wir haben da Menschen die glauben das Ken Jebsen seriösen Journalismus betreibt oder Elsässer eine Stimme des Volkes ist.

      Wir haben Menschen, die glauben das die Lüge die Wahrheit ist, nur weil sie nicht in der Öffentlichkeit vertreten wird. Und rechtes Gedankengut kein rechtes Gedankengut mehr ist, wenn man Argumente einbaut die durchaus auch ins linke Spektrum passen. Vor ein Jahr hätte man die Strategie wohl der „Querfront“ zugeordnet. Es sind die Leute die behaupten das es kein „Links“ und kein „Rechts“ gibt … nur unausgesprochene Wahrheiten.

      Wir haben dort Menschen, die weder den Staat, noch das Regierungssystem anerkennen.
      Von den Verschwörungstheoretikern und Wirtschaftsverbesserern will ich gar nicht erst reden.

      Es mag sein das diese Menschen auch „ganz normale Bürger“ sind. Diese auch gut gebildet sind. Ich selbst hab im Studium (in Sachsen, Freiberg, 30 km vor Dresden) viele gute Studenten getroffen die genau das nachreden, was die oben genannten in ihren Publikationen und Büchern wiedergeben. Man konnte als Student spüren welche Ideologie unter vielen in Sachsen aufgewachsenen Studenten herrscht. Rückwärts gewandtes Gedankengut, wurde als revolutionär angesehen … als erstrebenswert. Blöd sind die Menschen nicht – nur geblendet.

      Die Gedankenwelt, ihre Vorstellung von dieser und einer möglichen besseren Welt ist sicher nicht mit den eines „normalen besorgten Bürgers“ zu vergleichen. Was diese Menschen suchen ist ein Südenbock, für teils selbst geschaffene Probleme. Und sie greifen auf Sterotypen zurück, mal ist es der Kapitalist, mal der ungebildete Einwanderer, mal ist es die BRD die kein Verfassung hat oder der angeblich nicht vorhandene Freidensvertrag mit den USA, mal der politische Betrug an den Bürgern, mal die abgehobenen Beamten die alles schön rechnen, mal die Amerikaner, mal die EU-Diktatur, mal die lügende Presse …

      Geh auf eine Seite wie PI-News oder Kopp Verlag und du findest all das wieder, was sich auch bei PEGIDA artikuliert. PEGIDA tut sich gut daran nicht konkret zu werden … denn wenn Sie es werden würden, würde ihre Maske vom „normalen besorgten Bürger“ fallen.
      Übrigens auch die AfD schöpft sich aus einen ähnlichen Pool – was sich auch in den Wahlergebnissen in Sachsen zeigt, wie viele Menschen dort an das glauben. Was andernorts nur eine Minderheit ist, scheint dort fast die Regel zu sein. Mich wundert der Erfolg von PEGIDA in Dresden nicht wirklich.

      Wie Örtel selbst bei Jauch sagte, man hielt Sachsen lange Zeit für ein Ort der Ahnungslosen … meine Erfahrung ist, das sich daran nicht viel geändert hat.

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  4. „Nur persönliche Integrität schafft politische Glaubwürdigkeit“, kommentiert Kathrin Oertel den Rücktritt.“ Ist eigentlich jemand schonmal aufgefallen, dass diese Satz quasi ein Zitat der ausversehen zu früh veröffentlichten Stellungnahme der AFD zum Rücktritt Bachmanns war, ? 1. Diktiert die AFD der PEGIDA die Texte? 2. Frage: Kann Frau O. auch mal selber denken?

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  5. Bitte nicht vergessen, dass sich jetzt auch noch die HogeSa gegen Pegida ausgesprochen haben. Klingt nach noch mehr Arbeit für Herrn Patzelt und die Landeszentrale!

    Der schönste Satz aus dem wirren verschwörungstheoretischen Pamphlet der rechtsradikalen Fußball-Gewalttäter ist übrigens (Originalzitat!): „Unsere Religion ist die Empathie!“

    Realsatire!

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  6. Leipzig hat es zum zweiten Mal geschafft diese „Volksfront“ zu hindern. Zum großen Teil sind die Mitläufer auch nicht rechtsradikal , aber werden durch Panikmache und Angst geködert. Diese Menschen muss man wieder auf den „rechten“ Weg bringen. Bzw linken.

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  7. Als in Köln Hogesa unterschätzt wurde und man ihnen in Folge zu wenige Polizisten gegenüberstellte, war das grob fahrlässig und „ein typischer Beweis, dass die Polizei rechte Gewalt für harmloser hält als linke“. In Leipzig stellt man dann Polizisten zur Verfügung die den angekündigten Teilnehmerzahlen entsprechen.

    Kann man es Linken eigentlich auch recht machen?

    Die Polizei macht Fehler, keine Frage – aber bei weitem nicht im dem Umfang, in dem sie derzeit ständig von links gescholten wird. Ich kann keinen Nutzen aus solchem Verhalten erkennen, würde mich freuen, wenn mir den jemand erklären könnte oder alle mal wieder rationaler argumentieren.

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  8. die Pegidas schreiben viel von Lügenpresse —hier haben sie den Beweis ,selten blödes dämliches Geschreibsel–tendenziös ,gehässig,falsche Zahlen,etc..Schwachsinn hoch 3—bin kein Pegida Fan–aber mit so einem Journalistischem Niveau geben sie denen nur recht.

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  9. Ich darf JEDEN, der eine religiöse oder ethnische Minderheit in DE für unsere Probleme verantwortlich macht, Rassist oder Nazi nennen. Das ist nämlich AUCH Meinungsfreiheit. Gerade die Mitläufer sind doch im III. Reich die gewesen, die in der Praxis dafür gesorgt haben, dass die Züge in die Vernichtungslager auch pünktlich und vom richtigen Bahnsteig abfuhren. Ehrlich gesagt ist es mir sch.. egal womit die Menschen geködert werden. Deren „nach oben buckeln – nach unten treten“ Menthalität ist mir zu tiefst zu Wider. Ich habe es auch aufgegeben, deren Haltung als Fehltritt zu akzeptieren. Das einzige was hier hilft, ist klar zu stellen, dass die nicht für MICH sprechen und zu hoffen, dass die auch nie für die Mehrheit sprechen werden.

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