Keine „glühenden Antisemiten“ links von Hitler?

In München stehen sich vor Gericht Jutta Ditfurth und Jürgen Elsässer gegenüber. Elässer hatte geklagt, weil Ditfurth ihn für einen Antisemiten hält. Angesichts von Elsässers politischen Freunden eigentlich keine sonderlich originelle Einordnung. Doch die Richterin meint, es handele sich um ein „Totschlagargument“ – und legte nahe, außer Nazis gebe es ohnehin keine Antisemiten.

Jürgen Elsässer, Chefredakteur des Monatsmagazins Compact, in welchem er regelmäßig rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Positionen verbreite, will nicht als Antisemit bezeichnet werden. Genau das hatte die Ex-Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth aber getan: In einem 3Sat-Interview vom 16. Mai hatte die Autorin ihre Meinung vertreten, Eslässer sei ein “glühender Antisemit”.

Nachdem Elsässer zunächst eine Einstweilige Verfügung erreicht hatte, die allerdings schnell wieder kassiert wurde, beschäftigt sich seit Mittwoch die Pressekammer des Landgerichts München mit der Sache. Und nach dem ersten Verhandlungstag dürften Elsässer und seine Sympathisanten (darunter – wie uns vorliegende Fotos belegen – gleich in der ersten Reihe so sympathische Leute wie der Gründer der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“) äußerst zufrieden gewesen sein.

Denn die Richterin schloss sich der in Deutschland gängigen Definition von Antisemitismus an: Es handele sich, so wird sie in der taz zitiert,  zwar eindeutig um eine Meinungsäußerung, auch sei diese nicht persönlich, sondern zur Sache gewesen, trotzdem ist Ditfurth in ihren Augen „den einen Schritt zu weit“ gegangen. Der Antisemitismusvorwurf sei ein „Totschlagargument“.

Das Münchner Blog Schlamassel Muc berichtete, dass die Richterin zudem folgendes ausgeführt habe:

„Ein glühender Antisemit in Deutschland ist jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten, vor dem Hintergrund der Geschichte.“

In Ditfurths kurzen Erklärung, wiederholte sie demnach knapp einige Argumente und fasste dann zusammen:

Es ist die Freiheit meiner Meinung, jemanden einen Antisemiten nennen zu dürfen, der massenhaft verdeckt Antisemitisches sagt und schreibt; einen, der sich mit antisemitischen Mitarbeitern umgibt; der gemeinsam mit anderen antisemitischen Rednern auf Kundgebungen spricht und sich bei Kritik an deren Antisemitismus explizit mit ihnen solidarisiert; einen, der die Regierung Israels nicht sachlich kritisiert sondern Israel antisemitisch schmäht; einen, der sich von Antisemiten und Shoa-Leugnern zu Veranstaltungen einladen lässt; einen, der Antisemiten für seine Zeitschrift interviewt und für seinen Verlag Bücher schreiben lässt. Ja, warum sollte man den in Deutschland nicht das nennen dürfen, was er ist: einen glühenden Antisemiten?

Gegenüber Schlamassel Muc sagte Ditfurth: „Die Gefahr, dass ich den Prozess erstinstanzlich verliere, ist bei einer Richterin ziemlich hoch, die die Bezeichnung ‚Antisemit‘ nur für Leute gelten lässt, die sich zugleich positiv auf das Dritte Reich und die Shoa beziehen.“ Die Mehrheit der Antisemiten in Deutschland dürften dann nicht mehr das genannt werden, was sie sind, so Ditfurth.

Interview mit Jutta Ditfurth bei Radio Z zum ersten Prozesstag:

Offen bleibt, ob die Richterin noch zwischen der Bezeichnung „Antisemit“ und „glühendem Antisemiten“ differenziert. Dann könnte die Sache für Elsässer sogar im Fall einer erfolgreichen Klage dumm ausgehen, weil er dann auch noch gegen die Bezeichnung „Antisemit“ vorgehen müsste. Letztendlich kann es aber eigentlich nur um die Einordnung „Antisemit“ oder nicht gehen, denn bislang hat sich wohl noch niemand darüber gestritten, ob jemand nun ein „einfacher“ oder „glühender“ [Vorwurf nach Wahl einsetzen] sei.

Grundsatzdebatte

Die taz bezeichnete den Prozess als ein „politisches Scheidungsdrama“, so als gehe es lediglich um persönliche Abrechnungen. Tatsächlich geht es aber um weit mehr. Denn um die Definition, wo antisemitisches Denken und antisemitische Äußerungen anfangen, toben bereits seit Jahren Debatten. Die Argumente liegen längst auf dem Tisch, dabei ist bemerkenswert, wie wenig beispielsweise internationale Forschung zu dem Thema in Deutschland überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Wölfle legte eine bemerkenswerte Ahnungslosigkeit an den Tag, nachdem sie für ein Video über den „Rothschild-Komplex“ kritisiert wurde.

Seit dem Holocaust liegt die Latte für Antisemitismus in Deutschland zum einen sehr hoch, zum anderen ist der Begriff offenbar für sehr viele Menschen untrennbar mit Nazis und der Shoah verbunden. Dass antisemitisches Denken nicht erst anfängt, wenn die Schornsteine rauchen, sondern dass es sich zumeist um ein Welterklärungsmuster für Denkfaule und Ideologen handelt, scheint immer noch eine geradezu absurde Idee zu sein. Dabei ist man gerade in der Linken bei anderen Ressentiments (zurecht!) weniger zurückhaltend, beispielsweise wenn von strukturellem Rassismus oder Diskriminierung von Minderheiten die Rede ist.

Geniestreich der Titanic: http://www.titanic-magazin.de/postkarten/karte/schrecklicher-verdacht-war-hitler-antisemit-0702-2116/
Geniestreich der Titanic: http://www.titanic-magazin.de/postkarten/karte/schrecklicher-verdacht-war-hitler-antisemit-0702-2116/

Diese politische Sensibilität braucht man Elsässer allerdings nicht anzudichten, er sprach bereits vom „Völkerbrei“ und auch gegen Schwule teilte er kräftig aus. Das Adoptionsrecht für Schwule bezeichnete er als Angriff auf die Familie. Das Magazin queer.de warnte 2013 vor einer von Elsässer mitorganisierten „Konferenz gegen Homo-Ehen” und setzte sich ausführlich mit den Referenten auseinander. Den „falschen Vorwurf” der Homophobie wies Elsässer zurück.

Die Münchner Richterin würde dem wahrscheinlich beipflichten: glühende Schwulenfeindlichkeit gibt es mutmaßlich auch nur bei den Nazis.

18 Kommentare zu „Keine „glühenden Antisemiten“ links von Hitler?

  1. Das Thema Schwulenfeindlichkeit ist allerdings nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal von Herrn Elsässer; dies sollte noch ergänzend gesagt werden. Der Ausdruck „Angriff auf die Familie“ in Bezug auf Adoptionsrecht und Ehegattensplitting wird leider auch inflationär von etlichen namhaften Politikern aus dem konservativen Parteisprektum verwendet.

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    1. Keine Widerrede. Und das ist exakt der Punkt. Denn so verhält es sich auch mit antisemitischen Argumentationen. Sie tauchen ebenfalls parteiübergreifend auf. Bei den Verschwörungstheoretikern verdichtet sich das alles nur extrem.

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  2. „Ein glühender Antisemit in Deutschland ist jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten, vor dem Hintergrund der Geschichte.“

    Abgesehen von dem furchtbaren Deutsch, ist eine solche Aussage ein Armutszeugnis für eine Juristin, die als solche zumindest rudimentär über politische und historische Kenntnisse verfügen muss.

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  3. Nussknacker56 (Grüße an Dich von haGalil 🙂 ): Der Satz ergibt absolut keinen Sinn, weder sprachlich noch inhaltlich. „…und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten, vor dem Hintergrund der Geschichte.“ Vermutlich will sie damit sagen, dass es nur bis 1945 (gegebenenfalls) glühende Antisemiten gegeben haben mag, aber auch keinen Fall danach. Es gab ja keinen Nationalsozialismus mehr – und demgemäß KANN es danach keine Antisemiten mehr gegeben haben… Vielleicht hat sich da aber auch einfach ein Ressentiment Bahn gebrochen: Den Herrn Elsässer, den kenn ich nicht- aber diese Ditfurth, diese linksradikale hysterische Ziege…

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    1. Hallo urideg, viele Grüße zurück – das WWW ist halt ein Dorf.

      Mit Frau Ditfurth habe ich ebenfalls eine Menge Probleme. Viele ihrer Positionen lehne ich ab. Dennoch scheint sie m.E. wenigstens einige ihrer Positionen kritisch zu reflektieren und zu korrigieren – und das wiederum ist deutlich mehr, als sehr viele sog. Linke üblicherweise zustandezubringen in der Lage sind. Vielleicht irre ich mich, doch ihre Auseinandersetzung mit dem Antisemiten Elsässer gibt mir einen solchen Anlass und in einem Gespräch mit der inzwischen völlig debilen Nina Hagen hatte sie ebenfalls eine gute Figur gemacht. Ich bin über jedes Anzeichen von Hirnaktivität froh, auch bei Leuten, die lange als hoffnungsloser Fall galten.

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  4. Zu Elsässers Beziehungen zum Wehrsportgruppenleiter Hoffmann diese drei Hinweise vom Feburar 2014:
    Ruhrbarone: „Jürgen Elsässer lädt Wehrsport-Nazi Hoffmann ein“:
    http://www.ruhrbarone.de/juergen-elsaesser-laedt-wehrsport-hoffmann-ein/74073

    Indymedia: http://de.indymedia.org/2014/02/352297.shtml

    Und Ditfurth hat hierzu im wohl Februar geschrieben:
    „Elsässer stellt nun am 20. Februar in Berlin »einen Compact-Film über das Oktoberfestattentat« vor. Er schreibt selbst: »Zum ersten Mal trafen unter Moderation von COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer Vertreter der unterschiedlichen Positionen aufeinander: Der Schweizer Historiker und Geheimdienstexperte Daniele Ganser und Karl-Heinz Hoffmann«. Hoffmann war also Gesprächspartner von Jürgen Elsässer für diesen Film.“

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  5. Ob ein Antisemit glüht, brennt oder vor sich hin qualmt, hängt nicht unwesentlich davon ab, ob man ihn machen lässt, ob er widerstandslos seinen gefährlichen Dreck verbreiten darf und ob man dafür bestraft wird, wenn man Ross und Reiter nennt. Frau Jutta Ditfurth gebührt Solidarität und Unterstützung dafür, dass sie dafür kämpft, diesem völkermörderischen Pils die Petrischale zu zerschlagen. Wer dies verhindern möchte, stellt sich klar auf die Seite der Täter. Einer Richterin darf man dabei sicher unterstellen, dass sie weiß, was sie tut. Schuldig.

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  6. Man sein, dass die Richterin problematisch ist und natürlich ist Elsässer ein Antisemit. Aber er ist kein glühender Antisemit, weil das einen gewissen Fanatismus voraussetzt. Elsässer ist antisemitisch aus taktischen Gründen. Er könnte morgen auch wieder philosemitisch argumentieren. Elsässer ist ein rechter Demagoge, aber kein Fanatiker, und deshalb gefährlicher. Ein glühender Antisemit wäre einer, dem das mit der Muttermilch beigegeben worden wäre. Einer, der wirklich daran glaubt. Elsässer glaubt nur an sein Ego. Ditfurth nennt Elässer in dem Interview oben ja auch einen „verdeckten Antisemiten“ und das trifft es eben viel besser. Ich schätze, dass sie sich mittlerweile über ihre Formulierung ärgert, denn das ist nur Wasser auf die Mühlen von Elsässer und seinen Fans aus dem Bodensatz.

    Aber es gibt ja weitere Instanzen und natürlich wäre es wichtig, dass Ditfurth gewinnt.

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    1. Elsässer ist in der Tat alles mögliche aus taktischen Gründen, wahlweise
      – ein Christ
      – ein überzeugter Verfechter der „Familie“ (selbst in seinen Kreisen wird schon mal gestichelt, wie viele Kinder er denn dem Volk schon geschenkt habe)
      – ein Homophober
      Ich bin gespannt, in welchen Verkleidungen wir ihn noch erleben müssen.

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    2. Elsässer kann man wohl durchaus als Fanatiker bezeichnen, was seine Überzeugungen anbelangt. Die sind extrem! Aber er ist eben „kein fanatischer Fanatiker“,
      Stattdessen wählt er seine Worte mit Bedacht, um den Anschein der Seriosität zu wahren, um vernünftig rüber zu kommen.
      Elsässer ist deswegen wohl eher ein „sehr heißer, antisemitscher Schwelbrand“ als ein „glühender Antisemit“, um die Wortglauberei noch weiter zu treiben 😉

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  7. Die Richterin hat eine problematische Auffassung von Antisemitismus. Aber dass sie so auf der Tatsachenfrage rumhackt, lässt hoffen, dass sie den Antisemitismus-Vorwurf als Beleidigung oder üble Nachrede bewertet, wenn sich die Tatsachen nicht nachweisen lassen. Und dass es beleidigend ist, Antisemit zu sein, ist doch schon was. Denn beleidigend ist, was nach Meinung aller billig und gerecht denkenden dem Opfer eine die Würde verletzende Tat zufügt. Antisemit zu sein ist demnach zumindest ein höchst würdeloser Zustand.

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