Untergangsszenarien und Demokratie von oben

Ex-Bundesbanker und SPDler Thilo Sarrazin zieht wieder gegen „Gleicheitswahn“ und „Tugendterror“ zu Felde, um Deutschland vor dem demografischen Untergang zu retten. Die AfD und andere Populisten warnen vor „Einwanderung in die Sozialsysteme“. Alles keine neuen Phänomene: Die deutsche Untergangsliteratur kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin aus dem Buch Der Präventivstaat*

Der einsame Kampf der deutschen Jugend gegen die Horden von Greisen...
Der einsame Kampf der deutschen Jugend gegen die Horden von Greisen…

Die Menschen werden nicht erst seit gestern mit Ängsten vor angeblichen Gefahren überzogen: Hinweise auf vermeintliche Risiken, die bestimmte Maßnahmen unumgänglich erscheinen lassen sollen, sind so alt wie die Politik selbst. Zu den seit Jahren populärsten Thesen gehört dabei die ständige Warnung vor einer „demografischen Katastrophe“, mit der unter anderem die Teilprivatisierung der gesetzlichen Rentenversicherung im Zuge der Riester-Reformen begründet wurde.

Es gilt mittlerweile fast als unumstößliche Wahrheit, dass auf deutschen Straßen bald nur noch Greise mit Rollator unterwegs sein werden. Je nach Grad der Schwarzmalerei wird es in einigen Dekaden ohnehin gar keine Deutschen mehr geben, womit vor allem deutschstämmig gemeint ist, denn Bevölkerungszuwachs durch Migration ist in diesen Horrorszenarien meist nicht vorgesehen oder gar unerwünscht.

Ältere Bevölkerung, aber mehr Sozialstaat

Nur wenige stellen die Schieflage einer komplett ergrauten Gesellschaft in Frage; einer dieser Zweifler ist der Statistiker für Wirtschafts- und Sozialforschung Prof. Gerd Bosbach: Er verweist darauf, dass die Bevölkerung auch im 20. Jahrhundert bereits massiv älter wurde: „Der Jugendanteil ist gesunken und der der Rentner hat sich mehr als verdreifacht“, so Bosbach. „Trotzdem sind wir nicht ausgestorben und der Sozialstaat wurde auch nicht abgebaut. Im Gegenteil: Der Sozialstaat wurde massiv ausgebaut, die Arbeitszeit verkürzt und der Wohlstand für alle erhöht.“

Die Ursache dafür ist laut Bosbach so unmittelbar wie einleuchtend: „der Produktivitätsfortschritt“: Betrage dieser „in den nächsten 50 Jahren durchschnittlich nur ein Prozent – und das ist eine sehr pessimistische Prognose für unsere Wettbewerbswirtschaft – so würden im Jahr 2060 in jeder Arbeitsstunde zwei Drittel mehr als heute hergestellt.“

Oder anders ausgedrückt: Während statistisch betrachtet heute 3-4 Arbeitnehmer einen Rentner versorgen, werden dafür 2060 vermutlich 1-2 Arbeitnehmer ausreichen – was den Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in etwa entspricht.

Garant für Reichtum? Die Bevölkerung Gambias ist extrem jung - kein Zeichen von Wohlstand.
Garant für Reichtum? Die Bevölkerung Gambias ist extrem jung – kein Zeichen von Wohlstand.

Eine ältere Bevölkerung mit weniger Kindern ist eben gerade ein Zeichen materiellen Wohlstands, da niemand mehr zahlreiche Kinder in die Welt setzen muss, damit diese später im Alter die Eltern gemeinsam versorgen. Dieses – früher auch in Deutschland anzutreffende – „Modell“ existiert heute nicht ohne Grund fast ausschließlich in bitterarmen Entwicklungsländern.

Die Warnungen vor der „demografischen Katastrophe“ sind also offenbar vor allem Panikmache, sofern man annimmt, dass die Löhne anteilig am Produktivitätsfortschritt ebenfalls steigen. Es geht in Wirklichkeit eher darum, wie Arbeit zukünftig organisiert und der Wohlstand verteilt wird.

Die Erzählungen vom Untergang des eigenen Volkes sind auch alles andere als neu oder originell. Gerade im deutschen Konservatismus und bei den Stichwortgebern der NS-Ideologie war stets vom „Volkskörper“ die Rede, der gegen das Aussterben geschützt werden müsse. Entsprechende Literatur ist in Deutschland seit weit mehr als 100 Jahren populär, was wir im nächsten Teil „Untergangsszenarien und Demokratie von oben: Schafft Deutschland sich ab?“ thematisieren.

*Dieser Text stammt aus dem Buch „Der Präventivstaat – Warum Gesundheits-, Kontroll- und Verbotswahn Freiheit und Demokratie gefährden“– eine Streitschrift gegen das Primat der Prävention als Weg in einen Überwachungs- und Sicherheitsstaat, in eine fanatische Sicherheits- und Sittenwächtergesellschaft.

Alle Artikel zum Präventivstaat.

12 Kommentare zu „Untergangsszenarien und Demokratie von oben

  1. Das demographische Problem ist aber auch ein demokratisches. In einer Gesellschaft, die immer mehr von über 50-jährigen dominiert wird (in Kunst, Kultur und auch in Wahlen) wird es immer schwerer, progressive politische Tendenzen nach vorne zu bringen. Die Interessen der älteren sind oft andere als die der jüngeren und mittelalten Gesellschaft. Gleichzeitig tritt eine gewisse Entmündigung dieser Bevölkerungsgruppen zutage. Man nehme nur die letzte Bundestagswahl, bei der Angela Merkel ihren Wahlsieg zum großen Teil den über 50 jährigen zu verdanken hatte und das einzige große Wahlkampfthema fast aller Parteien die Rente war. Mindestlohn, Energiewende, etc. waren fast kein Thema.

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  2. @ego: das Argument ist scheinheilig. Es waren schon immer die älteren gewesen die sich überhaupt Intensiv für Politik interessieren … ich behaupte in der Altersgruppe zwischen 18 und 30 wird man mehr Deutsche finden, die sich eher für das nächste IPhone oder die Unterwäsche von Heidi Klum interessieren als für die aktuellen Beschlüsse der Regierung. Zumindest ist dies mein Eindruck. Es gibt eine gewisse Politikverdrossenheit unter den Jüngeren. D.h. nicht das Sie sich nicht für Politik interessieren, aber es werden nicht mehr für die eigenen politischen Standpunkte gekämpft bzw. man macht sich auch nicht mehr die Mühe mit den eigenen Standpunkten aus einander zu setzen. Man übernimmt einfach Standpunkte, man „quatscht nach“ und belässt es dabei. Man verharrt in einer Art oberflächlichen Passivität und Desinteresse. Z.B. regt sich zwar jeder über die Spionage der USA auf, aber keiner macht sich sorgen darüber das der BND seine Internetüberwachung seid Jahren intensiv ausbaut. ( z.B.: http://www.mdr.de/fakt/video160094.html )

    Aber das Altersproblem ist ein Konflikt den es schon so lange gibt, wie es deutsche Politik gibt. Das ist auch der Grund warum es praktisch jedes Jahr „Geschenke“ für die Rentner gibt … eben weil Sie die größte Gruppe der Wähler stellt. Man versucht sich die Wähler zu kaufen.

    Übrigens das ist ein Denkfehler: man kann nicht entmündigt werden. Man IST unmündig oder man ist es nicht. Unmündig bedeutet das man nicht fähig ist sein eigenen Verstand zu gebrauchen … niemand kann dir dein Verstand verbieten, man kann höchstens zu blöd sein ihn zu benutzen.

    Aber zum Artikel: nettes Ding, das in Grunde kurz zusammenfasst das man auf vielen kritischen Seiten und sogar ab und an in den Mainstreammedien zu lesen bzw. sehen bekommt. Der Einfluss der Produktivität wird gerne verschwiegen … schön das man darauf hinweist. Ich freue mich auf kommende Artikel.

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  3. @ego: OK, das Problem lässt sich doch ganz einfach lösen in dem man die (mit)entscheiden lässt die es betrifft. Is so’n olles Demokratisches Prinzip. 😉

    @dude: Altersproblem is so alt wie deutsche Politik. Der Satz hat was bestechend ehrliches. 😉 Ich formuliere das meist so: „Das ist (Teil der) Deutsche(n) Kultur“. „Alt vs. Jung“, „Wir gg. Die“… u.s.w.

    Rhetorische Frage: Warum dürfen nicht „alte und junge“ Menschen die gleiche Schule besuchen?. Unsere Gesellschaft verlangt lebenslanges Lernen. Jede (Alters)Gruppe in seinem „Geschlossenen Raum“. Wenn mein Kind eine Schule besuchen könnte auf der Menschen aller Altersgruppen zum lernen gehen wäre es für mein Kind das natürlichste von der Welt auch als Erwachsener nochmal $THEMA zu (er)lernen.

    IMHO: Liebe Leser, ich glaube auch das dass o.g. Thema was mit dem Buch (Thema) zu tun hat. Sehr gute Eigenwerbung = Chapeau! 😉

    Ich kauf‘ das Buch aber nicht bei dem Online-Riesen. Den m.E. ist diese „Datenkrake“ Teil des Problems. Und um den anderen Interessierten hier das bemühen eines weiteren Datenkraken zu ersparen hab ich den Link zum Verlag mal hier mit hinein gepackt.

    http://www.lingenverlag.de/shopart/135441-1-64/Online-Shop/Edition-Lingen-Stiftung/Der-Praeventivstaat.htm

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  4. @dude: Man kanns mit der Plakativität auch übertreiben. Nicht alle Jugendlichen interessieren sich nur für ihr neues Iphone. Da gibt es sicher viele, aber glaub mir, ich arbeite mit Jugendlichen und viele hinterfragen durchaus und plappern nicht einfach nach. Dass die Älteren immer schon mehr politische Macht ausgeübt haben als 20-jährige ist klar. Heute ist es aber schon so, dass diese Machtlosigkeit in gewisser Weise diejenigen betrifft, die heute 25-40 Jahre alt sind – eine Gruppe, die früher die Politik schon maßgeblich mitbestimmt hat. (Die Kandidaten der „Jungen Bürger Union“ in unserer Gemeinde haben ein Durchschnittsalter von 45!)

    Und natürlich kann man entmündigt werden. Einerseits in der althergebrachten Weise, auch wenn die heute anders heißt. Aber auch in der Weise, dass immer mehr Entscheidungen, die früher dem Einzelnen überlassen wurden, heute von der Politik vorgegeben werden. Es ist in meinen Augen offensichtlich, dass sowohl von der EU als auch der Bundesregierung immer mehr Freiheiten eingeschränkt werden. Da kann man die Internetzensur genauso anführen wie das Verbot von Mentholzigaretten. Und klar kann Dir keiner das Denken verbieten, sehr wohl aber das Handeln.

    Der Kommentar kritisierte auch nicht den Inhalt des Artikels, sondern sollte nur auf einen anderen Gesichtspunkt hinweisen.

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  5. Das wird man dagegen wohl auf keinen Fall so einfach sagen dürfen
    (Gleiches gilt für „Fuck the EU“ und „Thanks Bomber Harris!“.):

    „In der ihr eigenen Weise, vermutlich mit freundlich-amüsiertem Lächeln, äußerte Margarete Mitscherlich vor einem halben Jahr in einer Fernsehdiskussion zum Thema »Keine Lust auf Kinder?«, sie könne ein Aussterben der Deutschen »eigentlich nicht bedauern«. Schließlich hätten sie mit ihrem spezifischen Nationalgefühl zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen und millionenfachen Völkermord hinter sich gebracht. Nachdem »Bild« (»Deutsche können ruhig aussterben«), »Welt« (»Die Endlösung und eine Rassentheorie im ZDF«) und »Deutsche National Zeitung« (»Deutsches Volk, stirb«!) ihre Leser in gebührender Weise unterrichtet hatten, wurde die »Hetzerin«, »Kreatur«, »Judensau« monatelang mit Drohanrufen und -briefen eingedeckt, beispielsweise daß man ihr auf offener Straße Salzsäure ins Gesicht schütten wolle.“

    Was spricht denn dagegen, wenn es erst mal nur auf 40 Mio runtergeht?

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  6. „Tugendterror“:
    Also, den Gag „muss“ ich jetzt hier erzählen – zur Entspannung, zum Versuch, das Leben von der heiteren Seite zu nehmen:

    Der Papst will zum ersten Mal in seinem Leben in eine Sauna gehen.
    Ein ihn begleitender Kardinal erklärt ihm vorsichtig, dass es eine
    gemischte Sauna sei.
    Der Papst antwortet großzügig: „Ach, die paar Protestanten stören mich nicht.“
    Aus Köln gibt´s nen erfreuliches Gerücht: Der Nachfolger des heiligen Meisner soll schon feststehen: Der Kardinal aus Limburg…:

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  7. Ich arbeite derzeit in Japan. Obwohl das Land überaltert ist, haben die Japaner sich gegen Zuwanderung entschieden. Auch keine Chinesen, die hier Schlange stehen würden. Dadurch erhält sich das Land seine kulturelle Identität, es gibt keine Parallelgesellschaften schwer integrierbarer Migranten, die Gesellschaft ist homogener und menschlicher. Ich würde mir wünschen, dass Deutschland in dieser Hinsicht von den Japanern lernt.
    Zur Einwanderung in Sozialsysteme; Die ist in der Mehrzahl der Länder überhaupt nicht möglich, weil es natürlich keine Sozialleistungen für Leute gibt, die nicht eingzahlkt haben. Auch da kann Deutschland lernen- ein Blick in die Welt hilft oft.

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  8. @ altautonomer

    „Was spricht denn dagegen, wenn es erst mal nur auf 40 Mio runtergeht?“

    Nichts, es sei denn man will andere dafuer hier her holen, das waere absurd.

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  9. o nee,was sind das hier für traurige Denk-Zustände:
    Zukunft gehört den Kindern, Kinder gehören in jedes Land
    – gegen die eingefahrenen Denk-, Lebens- und Alltagsmuster, gegen das Normierte , für Spontaneität, für Lebhaftigkeit, für die Zukunft , für Wechsel, Erweiterung, Provokation, für Visionen
    Eine dominierende Altersgeneration wirkt sich so starr, konservativ und egozentrisch aus:
    Lebensweisheit in Ehren, aber unser Dasein ist begrenzt und wir müssen den Stab weitergeben
    Kinder müssen sich aber so sehr den Wirtschaftlichkeitsnormen unterordnen, funktionieren und die Strassen und Plätze veröden bis zum Nachmittag und werden vom Autoverkehr dominiert und blockiert,
    Eine bessere Welt für alle Kinder, Kinder für eine bessere Welt, in der niemand ausgegrenzt noch verachtet wird, kein Alter, kein Anderer, kein Kind
    Es geht nicht um Massen, sondern es geht um Mischung und um Entwicklungsfähigkeit

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