Schuld abladen verboten!

Der Spiegel will sich offenbar der leidigen Schuldfrage für Weltkriege und Holocaust entledigen – und reanimiert dafür Ernst Nolte samt Historikerstreit. Vollkommen begriffslos hantiert Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit mit Geschichte: für ein unbelastetes Nationalbewusstsein.

Von Andreas Strippel

„Schuld abladen verboten“ nannte 1965 die Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr Kabarettprogramm. Ein passender Titel, diskutierte doch damals Westdeutschland öffentlich Schuldfragen und das gleich zu zwei Themen. In Folge des Eichmann- und Auschwitzprozesses zum Holocaust und durch die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg.

Diese Diskussionen waren auch bitter nötig, lebten doch viele Täter des Holocaust unbehelligt in Westdeutschland – und der Erste Weltkrieg war bisher hauptsächlich über sein Ende und die Versailler-Verträge diskutiert worden. Diese gesellschaftlichen Debatten waren Teil eines mühsamen Prozesses, die Nachkriegsrealitäten und damit auch die Grenzen – nicht nur zur DDR, sondern auch zu Polen und der damaligen Tschechoslowakei  – anzuerkennen.

Vergangenheitsensorgung im Spiegel
Vergangenheitsentsorgung im Spiegel

Beide „Schuld-Debatten“ trugen dazu bei, dass sich das nationale Selbstverständnis wandelte und sich langsam dem Standard der westlichen Zivilisation annäherte.

Eine ähnliche Funktion hatte der Historikerstreit in den 1980er Jahren. Dazu gehörte auch, die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Realität hinzunehmen, sie sogar zu akzeptieren. Bekanntermaßen beendete der Zusammenbruch der Sowjetunion diese historische Konstellation und die DDR trat dem Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes bei.

Der Spiegel Autor Dirk Kurbjuweit meint nun, dass die Welt sich weiter gedreht habe und man jetzt die vermeintlich unterlegene Seite in der Fischer-Kontroverse sowie dem Historikerstreit ins Recht setzen müsse:

Die deutsche Gegenwart war […] für Jahrzehnte stark von diesem Schuldvorwurf geprägt. Inzwischen gibt es zu den Streitpunkten beider Debatten neue Erkenntnisse, die eher die unterlegene Seite unterstützen. Folgt daraus ein neues Selbstverständnis für die Deutschen?

Nein, meint Kurbjuweit und fordert daher eine Revision; jedoch weniger der Geschichte, sondern des deutschen Selbstverständnisses. Geschichte ist ihm nur Vehikel für einen neuen deutschen Nationalismus, als ob es diese Selbstverständigung ganz ohne Geschichtsrevision nicht schon seit 2006 gäbe.

Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ 

Ohne besonders viel Ahnung von seinem Gegenstand zu haben, steuert Kurbjuweit in die argumentative Katastrophe. Als Kronzeuge dient ihm dabei Ernst Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ der stalinistischen Verbrechen zum Holocaust. Denn Nolte gleich möchte er offenbar den Deutschen die Schuld austreiben; für den Holocaust, den Ersten Weltkrieg und – so kann ein unkommentiertes Zitat Noltes an der angeblichen Verantwortung Polens verstanden werden – schließlich auch noch am Zweiten Weltkrieg. Kurz gesagt: ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Und dafür muss die Vergangenheit beerdigt werden, koste es auch Logik und Verstand.

Ausgangspunkt ist eine Spiegel-Serie zur Schuldfrage am Ersten Weltkrieg. Und wie alle konformistischen Rebellen baut Kurbjuweit erst mal einen Popanz auf, den er dann als mutiger Tabubrecher wieder einreißt. Er  behauptet einfach, Fritz Fischers Forschungen seien heute quasi die beispielhafte Erzählung der Geschichtswissenschaft zum Thema, da sie die deutsche Schuld festgestellt habe. Das Fischers Ergebnisse immer in Frage gestellt wurden, gibt eigentlich der Begriff der Fischer-Kontroverse schon her. Darüber hinaus stieß er mit seinen Thesen bei Freund und Feind weitere Forschung an, die das Wissen um den Kriegsausbruch deutlich vermehrt haben. Joachim Radkau fasste dies in der Zeit so zusammen:

Denn ohne große Entscheidungsschlacht hat sich in der Forschung bis heute ein Konsens auf einer „Fischer light“-Position eingependelt: dass die deutsche Reichsregierung in der Julikrise 1914 den Krieg ausgelöst habe, absichtsvoll, jedoch nicht von langer Hand geplant, im hektischen Hin und Her diplomatischer Schachzüge und hereinströmender Informationen.

Vertreter des „Schuldkomplexes“

Nachdem der Popanz also aufgebaut ist, bringt Spiegel-Autor Kurbjuweit das Buch von Christopher Clark „die Schlafwandler“ als Sicht der Dinge ins Spiel, die endlich Schluss mache, mit der vermeintlichen Vorherschaft derjenigen, die sich für die „größtmögliche Schuld“ aussprechen. Als zweiten Kronzeugen führt er Herfried Münkler an, der sich jedoch mit seinem Buch jenseits der Thesen von Hineinschlittern oder Hauptschuld Deutschlands positioniert, und den gesamten Krieg  als ein „Kompendium für alles das, was man falsch machen kann“ begreift.

Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.
Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Wannsee-Konferenz benutzt wurde.

Mit Hans-Ulrich Wehler lässt er zwar einen Vertreter der deutschen Hauptschuldthese zu Wort kommen, aber nur um ihn als Vertreter des Schuldkomplexes zu denunzieren. Wehlers Position dient offenkundig nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern nur als erzählerischer Kniff, um Ernst Nolte Relativierung des Holocausts  zu rehabilitieren.

Bevor Nolte seinen großen Auftritt bekommt, lässt Kurbjuweit jedoch noch den Osteuropahistoriker Jörg Baberowski zu Wort kommen, der  Nolte verteidigt. Baberowski argumentiert über die Massengewalt und die Lager der Stalinismus sowie die Personen Hitler und Stalin. Der Holocaust sei gar kein singuläres Ereignis wegen der ähnlichen Methoden und außerdem sei Stalin der grausamere Psychopath gewesen.

Und dann lässt Kurbjuweit mehrere Absätze lang Nolte zu Wort kommen. Der darf unwidersprochen den Holocaust ursächlich der Gewalt in der Sowjetunion zuschreiben. Nolte reduziert das Neue am Judenmord auf den technischen Vorgang des Vergasens und bemüht als Kronzeugen einen „Juden“ – eine beliebte rhetorische Figur, die in erster Linie dazu dient, sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren. Darüber hinaus erklärt er den NSU zur unpolitischen Mordbande, erzählt persönliches und gibt England und Polen Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Daran ist so ziemlich alles falsch, was man sich vorstellen kann. Sicherlich hatte Hitler Informationen über die Grausamkeiten des Stalinismus. Analog  könnte man argumentieren, dass Hitler über die Brutalität des Kolonialismus informiert war. Für ihn sollte Osteuropa ja auch ein deutsches Indien werden. Aber Versuche von der Kolonialgewalt oder gar den kolonialen Genoziden eine gerade Linie nach Auschwitz zu ziehen, greifen ebenso zu kurz wie der phänomenologische Ansatz  der stalinistischen Massengewalt. Das Elemente beider als Praxisvorbild für die deutsche Besetzung Osteuropas gedient haben könnten, ist eine Überlegung wert. Beides ist jedoch völlig ungeeignet, die eigene und neue Qualität des nationalsozialistischen Mordprogramms hinreichend zu analysieren.

Zweckrationale Herrschaftstechniken

Der Holocaust ist ein präzendensloses Verbrechen, weil die Natur des Verbrechens eine andere ist, als die der Kolonialverbrechen oder der Verbrechen des Stalinismus. Stalinismus und Kolonialismus sind sehr unterschiedlich, jedoch kann man beide als zweckrationale Herrschaftstechniken begreifen, deren entfesselte Gewaltpotentiale in Massenmord und Genozid mündeten. Verkürzt gesagt: Der Kolonialismus funktioniert über rassistische Überlegenheitsvorstellungen als Alibi für die Unterdrückung, die Figur der Verräter an der Revolution als Rechtfertigung zum hemmungslosen Gewalteinsatz zur Herrschaftssicherung. Die Wahllosigkeit mit der Verräter bestimmt wurden, steht nebenbei im krassen Gegensatz zu der Sicherheit, die konformistische Deutsche im NS-Staat hatten, Juden jedoch niemals besaßen.

Die Leugnung der eigenen Qualität des Holocausts über den Begriff der Massengewalt funktioniert, weil kein Begriff von Antisemitismus vorhanden ist. Antisemitismus wird, sofern er überhaupt eine Rolle spielt, als eine austauschbare Form des Vorurteils oder des Sündenbocksyndroms betrachtet. Die Ermordung der europäischen Juden war jedoch nicht ein zweckrationales Herrschaftsmittel, sondern ein Erlösungsversprechen gegen die Krisen der Moderne, das nur eingelöst werden konnte, wenn alle Juden ermordet würden. Mit den Juden sollten die Verwerfungen der Moderne sterben. Dieser totale physische Vernichtungsanspruch ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zu stalinistischen aber auch kolonialen Verbrechen.

Applaus aus der extremen Rechten 

Gedenken in Dresden: CDU und NPD auf dem Heidefriedhof
Gedenken in Dresden: CDU und NPD 2009 auf dem Heidefriedhof

Das Ernst Nolte heute vor allem auch Applaus aus der extremen Rechten erhält, verwundert bei seinen Thesen kaum. Zuletzt gab Nolte dem extrem rechten Magazin „Hier & Jetzt“ ein langes Interview. Geführt wurde dieses vom NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, der auch als Chefredakteur der Publikation agiert. Nach dem Vergleich von Auschwitz und der Bombardierung von Dresden befragt, bezeichnet Nolte dies als „Provokation“, aber zumindest als eine „unausgetragene Streitfrage“.

Baberowski schließt aus ähnlichen Methoden der Unterdrückung auf einen Zusammenhang und kommt dabei – gemessen an den Zitaten aus dem Artikel – komplett ohne politische Begriffe aus. Noltes Insistieren auf den Bolschewismus verweist zumindest darauf, dass er verstanden hat, dass neben dem Antisemitismus der Antimarxismus ein zentrales Element des Nationalsozialismus war, der im Verbund mit einen antislawischen Rassismus eine zentrale Triebfeder des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion aber auch gegen Polen war. Aber davon redet Nolte nicht.

Noch hinter Guido Knopp

Und Kurbjuweit? Dem geht es wohl nicht um solche Fragen, sondern halt um die Sache mit der Schuld. Historische Erkenntnis dient hier nur als ein Vehikel. Zu den den Holocaust-relativierenden Thesen steht nur ein verschwurbelter Alibisatz, dass die Logik Noltes „schon länger ein Argument von Judenhassern“ ist. Das soll vermutlich Distanz zu Leuten herstellen, mit denen er sein neues deutsches Nationalbewusstsein nicht kontaminieren will. Auch versteckt Kurbjuweit sich hinter der Proseminar-Weisheit, dass Geschichtsdeutungen immer im Wandel sind. Historische Verantwortung und Schuld verschwinden bei ihm einfach in einem indifferenten Jahrhundert der Gewalt, das alle Unterschiede einebnet und die Diskussion um Schuld selbst historisiert und entsorgt. Damit fällt er noch hinter Guido Knopp zurück, der zumindest Hitler als Schuldigen sah.

Das Problem mit dem Nationalismus ist jedoch, dass die Nation eine gleichsam überhistorische Erscheinung darstellt, die historisch begründet wird. In früheren Zeiten wurde mit dem Mittel der nationalen Meistererzählung eine gerade Line ins heute gezogen. Diese Technik der nationalen Selbsterbauung funktioniert angesichts der Faktenlage nicht mehr. Daher zieht er mit der Geschichtsdeutung gegen die Geschichte ins Felde. Frei von historischer Schuld soll sein Deutschland heute sein. Das Problem ist nur, dass es das nicht ist.

Siehe auch: Ernst Jünger und der Erste WeltkriegFolgenloses GedenkenNS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der JudenCarl Schmitt und die Machtübernahme der NazisDeutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele JudenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”

21 Kommentare zu „Schuld abladen verboten!

  1. Fühlt ihr euch nicht manchmal doch, ganz heimlich und verschämt, wenigstens ein bißchen als Nestbeschmutzer?

    Keine Nation kann dauerhaft ohne gutes Selbstbild gedeihen, jedem anständigen Deutschen sollte es PFLICHT sein zu suchen nach, mindestens aber zu begrüßen Fakten die auf eine geringere ,,Schuld“ in der eigenen Vergangenheit hindeuten.

    Dieser Prozess der Normalisierung ist in vollem Gange und ganz sicher nicht von EUCH aufzuhalten.

    Gewöhnt euch dran, wird mit jedem Tag besser.

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  2. Wow… er hat ernsthaft „Nestbeschmutzer“ gesagt…
    Die nationalistische Absage an persönliche Verantwortung und Menschlichkeit, die Maxime „Right or Wrong – my country“ hat also immernoch bekennende Anhänger.

    PS: Liebe Publikative: Danke für den Artikel!

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  3. Herr Wellenreither, allein schon ihr erster Satz spricht Bände.
    Menschen, die die Wahrheit über die Schuld der eigenen Vorväter bewahren wollen, um zu verhindern dass diese Fehler wiederholt werden, als „Nestbeschmutzer“ zu bezeichnen, sagt alles über dieses „neue nationale Selbstverständnis“. Es ist kein neues, es ist die gleiche alte Idee.
    Sie erkennen keine Schuld an, das zeigen schon ihre Anführungszeichen um das Wort, so als müssten sie sich zwingen es auch nur in Gedanken zu streifen.

    Was ein „gutes Selbstbild“ einer Nation in der Weltgeschichte bisher gebracht hat, endete in Eroberung, Mord, Unterdrückung und letztendlich dem Untergang dieses Systems. Ihr „Prozes der Normalisierung“ ist ein Prozess der mehr Mord und Leid über die komplette Menschheit gebracht hat als sonst etwas.

    Schuld ist nicht einfach, sie fühlt sich eklig an, und genau das ist der Grund weshalb man sie bewahren muss, so dass jeder Mensch die PFLICHT spürt, diese Welt für alle Menschen zu einer besseren zu machen.

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  4. @wellenreither

    Ihr Anliegen ist also ein „Prozess der Normalisierung“ hin zu einer „geringeren ‚Schuld'“ in der eigenen Vergangenheit. Da blüht uns ja eine angenehme Gegenwart, in der die Bilder aus Auschwitz & Co als Abbilder der Normalität der eigenen Vergangenheit schlechthin taugen; in der womöglich auch mal die wissenschaftlichen Innovationen Deutschlands bei der Verarbeitung von toten menschlichen Körpern zu Knochenmehl für die Tiermast gewürdigt werden, wie auch die administrative Meisterleistung, unter den Widrigen Bedingungen des Weltkrieges aus allen Ecken Europas derart viele Menschen in die Vernichtung zu führen; wie auch die Pionierarbeit, die deutsche Ingenieue für den Krematorienbau geleistet haben. Und sicher stärkt auch eine derartige „Normalisierung“ die argumentative Position zukünftiger deutscher Diplomat*innen, wird in ihr doch ein spezielles politisches Kausalverhältnis in Bezug etwa auf den Versailler Vertrag erkennbar: „Wehe, wir kommen bei internationalen Verträgen beschissen weg, ihr wisst ja, dann bleibt uns irgendwann nichts anderes übrig als der Amoklauf“.

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  5. Der arme HerbertWellenreither – kommt ohne „gutes Selbstbild“ seiner Nation offenbar nicht aus. Ich hingegen fühl‘ mich ganz wohl als Deutscher, der kritisch mit seiner Nation umgeht.

    Völlig unwohl fühle ich mich aber bei dem Gedanken, in der Pflicht zu sein, nach vermeintlichen Fakten zu suchen, die die historische Schuld meiner Nation verringern.

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  6. Sicher, dass Wellenreithers Einwurf nicht ironisch gemeint war?

    Zumindest weist der Satz:“ Dieser Prozess der Normalisierung ist in vollem Gange und ganz sicher nicht von EUCH aufzuhalten.“ doch darauf hin. Wenn ein Herr Bahring im ÖR-TV die Ursache des WW1 als Komplott der Franzosen und Russen bezeichnen darf ohne das dem auch nur von EINER Seite widersprochen wird, sehe ich sehr wohl, dass die „Normalisierung“ bzw. Bagatellisierung inzwischen nicht mehr aufzuhalten ist.

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  7. @HerbertWellenreither
    Wer so schreibt, der scheint sich über Schuld, Verantwortung und einen (oder zwei) verlorenen Krieg zu ärgern. Es hört sich nicht sehr reif an. Jemand, der einen Mond zum anheulen sucht – jemand, dem gern noch wärmer ums Herz würde, beim Hand-darauf legen zur Hymne. Provokant gemeint, bestimmt. Aber in der Erscheinung ein Zeichen geistiger Armut und nationaler Perversion. Zum fremdschämen. Gewiß haben Sie sich hierher verlaufen, als Sie vom „normalen“ Weg abkamen. Oder wollten Sie „Feindpresse“ lesen? So oder so – ein Schuss ins eigene Fleisch.

    Opa war ein Nazi! Da können Sie sich noch so viele warme Gedanken machen – und Menschen, welche Verantwortung nicht wegrelativieren möchten, als „Nestbeschmutzer“ versuchen zu diskreditieren. Das trifft hier wohl die wenigsten. Dann ab ins deutsche Beet in die Mittelerde. Mit Gülle besprenkeln lassen und gedeihen. Vielleicht wird ja noch was aus den zarten Pflänzchen.

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  8. http://www.zdf.de/Precht/precht-clark-1.-weltkrieg-lernen-wir-aus-der-geschichte-31584168.html

    Mit seinem aktuellen Buch „Die Schlafwandler“, in dem er sich mit den Mechanismen beschäftigt, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 führten, heizt Clark erneut die Diskussion um die deutsche Kriegsschuld an. Nachdem vor über 50 Jahren das Buch „Griff nach der Weltmacht“ (1961) von Fritz Fischer einen großen Historikerstreit auslöste, weil es dem deutschen Kaiser Wilhelm II. die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg zuwies, meldet sich nun Christopher Clark zu Wort. Er kommt auf der Basis einer höchst genauen und tiefgehenden Recherche der vorhanden nationalen und internationalen Quellen zu einem relativierenden Schluss. Das Buch ist ein großer Publikumserfolg und rangierte zeitweilig auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

    Der erste Weltkrieg überall im groß kommen …

    Dann diese scheinheilige Frage was aus der Geschichte gelernet werden kann. Die Antwort dann meistens wie bei Clark es bestehe nur ein Interesse einer sauberen wissenschaftlichen Arbeit. Clark dann völlig überrascht diese Frage habe er sich noch nie gestellt.
    Wenn solche Historiker wieder die Meinungshoheit gewinnen,
    dann ist dies auch in negativer Indikator.

    Ein anderes Thema das auch angeschnitten wird:
    „Bevor Nolte seinen großen Auftritt bekommt, lässt Kurbjuweit jedoch noch den Osteuropahistoriker Jörg Baberowski zu Wort kommen, der Nolte verteidigt. Baberowski argumentiert über die Massengewalt und die Lager der Stalinismus sowie die Personen Hitler und Stalin. Der Holocaust sei gar kein singuläres Ereignis wegen der ähnlichen Methoden und außerdem sei Stalin der grausamere Psychopath gewesen.“

    Auch wenn der Spiegel schon sehr plump unterwegs ist und nun sogar Ernst Nolte Revival startet ist anderweitig Timothy Snyder ein gern geseherner Gast und wird mit dem Hannah Arendt Preis ausgezeichnet.
    Hier eine brauchbare Rezension zu bloodlands
    http://jungle-world.com/artikel/2011/48/44446.html
    Die Böll Stiftung findet Snyder ganz toll:
    http://www.boell.de/de/2014/01/15/rede-von-den-bloodlands-zum-vereinigten-europa

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  9. Mich überrascht immer wieder, wie stark hier mit dem traditionellen Terminus einer (unvergänglichen) nationalen Schuld (Deutschlands) operiert (oder dieser zumindest impliziert wird). Dabei sollte doch eigentlich klar sein, daß eine nationale Schuldzuschreibung ein längst überwundenes Relikt der nationalistischen Ära ist. (Konkrete) Menschen begehen durch ihre Handlungen Verbrechen und sind somit schuldig bzw. verantwortlich für diese – und sie sind dies auch für staatliche Großverbrechen (und können sich dadurch auch eben nicht hinter ihrer „Schreibtisch“-Funktion verschanzen). Denn natürlich wird der Staat von Individuen geleitet und gelenkt – und nicht von einem anonymen Kollektiv. Staaten bzw. Nationen kollektiv schuldig zu sprechen oder sie für schuldig zu befinden, ist natürlich ungeheuer einfach, geht aber an jeglicher Realität meilenweit vorbei.

    Daß auch das heutige Deutschland (als Summe der heute hier lebenden Individuen) Verantwortung für das Handeln von Deutschen vergangenener Epochen bekundet und trägt, ist davon unbenommen. Verantwortung korrospendiert mit Verantwortungsgefühl. Dieses ist jedoch etwas vollkommen anderes als Schuldgefühle. Verantwortlich zu sein, hebt den Menschen; schuldig zu sein – und dies ohne das Gefühl einer individuellen Schuld bzw. Täterschaft -, bedrückt ihn dagegen. Wir brauchen aber Menschen mit geradem, nicht mit gebeugtem Rückgrat. (Dazu kann man nicht zuletzt in Antonia Grunenbergs „Die Lust an der Schuld“ ebenso charakteristische wie erfrischende Sätze lesen).

    Historische Verantwortung versus historische Schuld. Zielführend ist das erstere, eine Einbahnstraße das letztere.

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  10. Es gibt keine Erbschuld des deutschen Volkes. Es gibt nur die Verantwortung und den innigen Wunsch, es nie, nie, NIE WIEDER so weit kommen zu lassen.

    Das antifaschistische Argument ist nicht „wir waren mal Nazis“, das antifaschistische Argument muss sein „wir dürfen niemals wieder zu Nazis werden“.

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  11. meine Güte, wer Jörg Baberowski, Timothy Snyder und Christopher Clark auf eine Stufe mit Ernst Noltes Spät(!)werk stellt und als revisionistische Autoren deskreditiert, hat wohl außer der Gegenwartsmoral keine anderen Analysewerkzeuge für Vergangenheit zur Verfügung. Endziel der Geschichtsschreibung ist nunmal nicht die Bestätigung der herrschenden Moraldiskurse, sondern die Rekonstruktion der Vergangenheit. Und ich schreibe ganz bewusst von „Rekonstruktion“ mit der nötigen Rücksichtnahme auf linguistic, cultural, spatial und iconic turns der postmodernen Geistesgeschichte. Es ist eine Selbstverständlichkeit der Wissenschaftlichkeit, dass historische Deutungen je nach Fragestellung und Qullengrundlage unterschiedlich ausfallen. Es ist schon bezeichnend, dass in der scientific community die Feuilletonkriege um Clark, Snyder und Baberowski keine wirkliche Rolle spielen. Man mag zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, man respektiert dennoch die Arbeit und das Ergebnis der Kolleg_innen, ohne sie in die revisionistische Ecke zu drängen. Die Währung der Wissenschaft ist nunmal – zum Glück – nicht Moral, sondern eben „Wissen“. Und wer jetzt behauptet, das läge daran, dass die Zeithistoriker sowieso alle rechts von der Mitte angesiedelt seien, die_der kennt offensichtlich nur Rumpelstilzchen Arnulf Baring aus Funk und Fernsehen.

    Dass ein Journalist Argumente aus ihrem Forschungsrahmen, ihrem theoretischem und methodischen Rahmen und den Stand der Fachdiskussion reißt und damit ein neues nationales Selbstverständnis begründen will, ist wohl eher dem Autoren anzulasten als den Zitiervorlagen.

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  12. @münchhausen: Zunächst rührt Kurbjuweit Clark, Baberowski, Nolte und Münkler in seiner revisionistischen Absicht an. Timothy Snyder kommt weder bei Kurbjuweit noch mir vor. Und wenn sie damit meine Kritik am Gewaltbegriff meinen, so bezieht sich das auf den Gebrauch eines indifferenten Gewaltbegriffes der ohnehin mehr implizit als explizit durch den Artikel im Spiegel geistert. Und Snyder betont zudem immer wieder, dass es ihm gar nicht um totalitaristische Gleichsetzung von Stalimismus und Nationalsozialismus geht, die ich hier kritisiere. Von daher leuchtet mir ihr Ansatz nicht wirklich ein, denn die Kritik richtet sich in erster Linie gegen Kurbjuweit. Nolte muss man nicht in eine revisionistische Ecke drängen, der ist da schon und er ist da freiwillig rein gegangen. Baberowskis Ansatz, soweit er in dem Artikel durchscheint, ist mir – von der Nähe zu Nolte abgesehen – in der Tat zu wenig aussagekräftig, um die Genese des Holocaust zu erklären. Und wer sich, wie Baberowski zustimmend zu Noltes These vom kausalen Nexus in einem Artikel äußert (Zitat: „Nolte wurde Unrecht getan“, sagt Baberowski. „Er hatte historisch recht.“), begibt sich zum Revisionismus ala Nolte hin. Außerdem glaube ich nicht, dass Baberowski außerhalb dessen was sein Forschungsrahmen ist, zitiert wird, zumal er sich meines Wissens nicht darüber beschwert hat, entstellend zitiert worden zu sein. Weder Clark noch Münkler (den sie hier wohlfein unterschlagen) noch Snyder (den ich nicht erwähne) stelle ich hier in eine Ecke oder gar auf eine Stufe mit Nolte.
    Wie bereits gesagt: dieser Artikel ist eine Auseinandersetzung mit Kurbjuweits Artikel und keine ausführliche methodische Kritik an Historikern. Das ist eben der Unterschied einer vergangheitspolitischen Diskussion und einer geschichtswissenschaftlichen.

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  13. @redaktion/ Lieber Herr Strippel

    danke für die Antwort. In Bezug auf den Artikel bin ich ganz bei Ihnen. Sry, mein rant war nicht gegen Sie gerichtet, sondern gegen gallendieter, der die drei verdienten Historiker nicht nach ihrem methodischen/inhaltlichen Gehalt beurteilt, sondern aufs Schaffot der Moral hebt. Das nächste Mal mache ich den Adressaten meines Kommentars deutlicher. Sry, nochmal. Und ganz unironisch: Klasse Artikel:-)

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  14. @ Fred:
    Da komm ich jetzt nicht mit. Der Schwur der Überlebenden von Buchenwald ist mir natürlich bekannt. Der Zusammenhang mit der heutigen Situation erschliesst sich mir allerdings nicht.

    Es ist doch gerade mein Punkt, dass die Mörder von damals heute eben nicht mehr unter uns sind (mir einigen sehr wenigen Ausnahmen, die haben sich in 4, 5 Jahren aber wohl auch weitestgehend erledigt).

    Wir reden hier doch davon, dass junge Deutsche heutzutage sagen, sie wären nach 1945 geboren und würden der Welt einen Scheiss schulden. Und diesen Leuten können wir natürlich NICHT entgegenhalten „ihr seid schuld weil eure Ahnen Nazis waren“ sondern können ihnen einzig und allein sagen „natürlich trägst du keine Schuld für die Taten deiner Urgroßväter. Aber du trägst die Verantwortung, dass diese Taten nie wieder begangen werden“.

    Der Schwur ist natürlich ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte und als historische Grundlage des deutschen Antifaschismus sicherlich von massgeblicher Bedeutung, aber er kann mMn heutzutage nicht mehr als Begründung eines modernen Antifaschismus herangezogen werden.

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  15. @Fred

    Lesen Sie noch einmal nach, was ich oben geschrieben habe. Außerdem wäre es nett, wenn Sie die Bezeichnung „der Schuldige“ konkretisieren würden.

    Ich bleibe dabei, dass das Denken in nationalen Schuldkategorien (die Deutschen / die Franzosen / die Engländer / die Amerikaner / die Russen usw.) ein Relikt der nationalistischen Ära ist und längst nicht mehr zeitgemäß. Die eigentlichen Täter freut es, ist es doch eine tolle Entlastung, wenn sich „alle“ Einwohner eines Landes gleichermaßen irgendwie schuldig gemacht haben (und diese Schuld sogar noch über x-Generationen ohne deren Beteiligung am tatsächlichen Geschehen weiterwirken soll im Sinne eines Schuldigseins bzw. Schuldigfühlens). … Auf diese Weise verschwimmt die individuelle Schuld zu einem Brei von (nationaler) Kollektivschuld. Sehr einfach, aber des 21. Jahrhunderts eigentlich nicht würdig.

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  16. @ Münchhausen
    „Die Währung der Wissenschaft ist nunmal – zum Glück – nicht Moral, sondern eben “Wissen”. Und wer jetzt behauptet, das läge daran, dass die Zeithistoriker sowieso alle rechts von der Mitte angesiedelt seien, die_der kennt offensichtlich nur Rumpelstilzchen Arnulf Baring aus Funk und Fernsehen.“

    Vielen Dank auch für soviel Plattheit. Ich kenne Bahring und habe die Sendung mit Clark gesehen. Da war schon ein Unterschied für mich erkennbar keine Sorge. Auch das Buch Bloodlands habe ich gelesen und habe viele interessante Sachen daraus mitgenommen.

    Eine Talkrunde zwischen einem Phliosophen und einem Wissenschaftler ist meiner Ansicht nach jedenfalls nicht die hohe Kunst der Wissenschaft. Genausowenig wie eine Ehrung einer parteinahen Stiftung etwas mit theoretischer wissenschaftlicher Arbeit zu tun hat. In der Preisbezeichnung steht dies ja klar: »Hannah Arendt Preis für politisches Denken«
    Also sprechen wir gar nicht von ihrer Währung Wissenschaft, sondern von einer politischen Diskussion.
    Ich bin kein Historiker und daher auch gar nicht in der Lage die von Ihnen genannte Währung auszutauschen. Ich kann nur an einer politischen Diskussion teilnehmen. Das tun die genannten Wissenschaftler von sich aus (Teilnahme an Talkshows, Öffentliche Auftritte bei parteinahen Stiftungen) und wenn sie mit Kritik konfrontiert werden berufen sie sich wie sie auf die Wissenschaft. Ein ziemlich durchsichtiges Ablenkungsmannöver wie ich finde.

    Ich setze übrigens nicht Nolte gleich mit Snyder. Ich habe ja eine Abstufung gemacht, dass das Nolte-Revival im Spiegel (auf das nun Herr Strippel noch einmal eingangen ist) viel plumper als die mögliche Interpretation von Snyder ist. Die Formulierung mag etwas mißverständlich klingen das räume ich ein. Der verlinkten Artikel in der jungle world zu Snyder gibt meine Meinung wieder und da ist auch der Unterschied zu Nolte heraus gestellt.
    Mir geht es darum einen allgemeinen Trend darzustellen,
    dass die politische Auseinandersetzung mit der Geschichte wieder etwas mehr Richtung Revisionismus geht. Einerseits die Veröffentlichungen und Diskussionen zum ersten Weltkrieg und als anderes Beispiel die Interpretation von Snyders Werk zum zweiten Weltkrieg. Wenn sie das Moral nennen wollen, bitteschön.
    Snyder hat ein Buch geschrieben an dem es übrigens auch auf wissenschaftlicher Basis Kritik gibt. Die Heinrich Böll Stiftung hat ihn mit dem Hannah Arendt Preis ausgezeichnet. In der Laudatio wurde gesagt: „Die historische Analyse der Gräueltaten in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg trage zu einer neuen öffentlichen Debatte über die politische Gestalt Europas bei“ Nun diese Debatte ist nicht neu und ich frage mich welchen Beitrag die Diskussion um Snyders Werk zu leisten kann bzw. soll?
    Das hat dann nur in zweiter Linie mit der wissenschaftlichen Qualität, sondern vor allem mit politischer Diskussion zu tun.

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