Ernst Jünger und der Erste Weltkrieg

Viele Texte des Schriftstellers Ernst Jünger (1895-1998) handeln davon, wie er als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfte. Aufgrund dieser Texte stieg Jünger während der Zeit der Weimarer Republik zu einem der führenden publizistischen Köpfe der antidemokratischen Rechten auf. Jüngers Schriften verdeutlichen exemplarisch, wie der damalige Rechtsextremismus den Krieg instrumentalisierte, um gegen Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte agitieren zu können. 

Von Stefan Kubon

Ernst Jünger showing him in military dress, decorated with several medals.
Ernst Jünger showing him in military dress, decorated with several medals.

Ernst Jüngers bekannteste Schrift über den Ersten Weltkrieg ist zweifellos “In Stahlgewittern“. In diesem Buch erklärt Jünger, dass er den Krieg vor allem deshalb herbeisehnte, weil er sich von ihm ein aufregenderes Leben erhoffte. Jünger glaubt, für viele Kriegsfreiwillige seiner Generation zu sprechen, wenn er die Friedenszeit vor dem Krieg als materialistisch und defizitär beschreibt: “Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. (…) Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod ist auf der Welt …. Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!

Bevor Jünger zum ersehnten Kriegseinsatz an die Front kommandiert wurde, absolvierte er zunächst eine militärische Grundausbildung in der Kaserne. Jünger schwärmt davon, wie sich bei dieser Ausbildung angeblich jegliche Individualität in einem Kollektiv auflöste: “Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten Körper“. (In Stahlgewittern)

Kriegsverherrlichung und Sozialdarwinismus  

Das Kriegsgeschehen wird von Jünger immer wieder auf gewaltverherrlichende Weise beschrieben. Zum Beispiel glorifiziert der Autor in seinem Buch “Feuer und Blut“ den Krieg, indem er behauptet, beim Kämpfen an der Front könne man alle menschlichen Gefühle besonders intensiv erleben. Vom Gefühl der Liebe scheint Jünger noch nie etwas gehört zu haben, vermutlich feiert er deshalb den Krieg als “Sinnbild des Lebens“: “Und alles, was es an Gefühlen gibt, vom gräßlichsten körperlichen Schmerz bis zum höchsten Jubel des Sieges, wird dort zu einer brausenden Einheit, zu einem blitzartigen Sinnbild des Lebens selbst zusammengeballt. Singen, Beten und Jubeln, Fluchen und Weinen – was wollen wir mehr? Ja, was wollen wir mehr? Hier kann sich jede Kraft erschöpfen, hier kann jeder zeigen was in ihm steckt.

Jünger, der aus einem wohlhabenden bürgerlichen Elternhaus stammte, stieg schnell in die Offizierskaste auf. Im Rang eines Leutnants erlebte er den Großteil des Krieges. Er wurde mehrfach verwundet, erholte sich aber immer wieder. Jünger galt als sehr mutiger Soldat, seine zahlreichen Tapferkeitsmedaillen zeugen davon. Seinen Kampfeinsatz rechtfertigte er damit, dass er sich als Instrument einer übergeordneten Macht verstand.

Im Einklang mit den Kräften der Natur

Jünger vertrat die Ansicht, sein Handeln stehe im Einklang mit den Kräften der Natur. Die “Erde“ sei es, die ihm den Auftrag zum Töten gegeben habe: “Es geschieht für die Erde selbst, die den Kampfhaften liebt. Daher ist es auch sie, die uns die Kraft zum Kampfe verleiht. Und daher ist es auch sie, die uns wegwerfen wird wie ein schlechtes Werkzeug, wenn wir die große Probe nicht bestehen.“ (Feuer und Blut)

Ernst Jüngers Buch "Der Kampf als inneres Erlebnis"
Ernst Jüngers Buch „Der Kampf als inneres Erlebnis“

Den sozialdarwinistischen Charakter seines Denkens hat Jünger insbesondere in seinem Buch “Der Kampf als inneres Erlebnis“ thematisiert. Laut Jünger handelt es sich um ein “Urverhältnis“, wenn zwei Menschen versuchen, sich gegenseitig zu töten: “wenn zwei Menschen im Taumel des Kampfes aufeinanderprallen, so treffen sich zwei Wesen, von denen nur eins bestehen kann. Denn diese zwei Wesen haben sich zueinander in ein Urverhältnis gesetzt, in den Kampf ums Dasein in seiner nacktesten Form. In diesem Kampfe muß der Schwächere am Boden bleiben, während der Sieger, die Waffe fester in der Faust, über den Erschlagenen hinwegtritt, tiefer ins Leben, tiefer in den Kampf.

Der Mensch als triebgesteuertes Wesen 

Die Zeit des Friedens interpretiert Jünger als eine Zeit der Maskerade und der Entfremdung. Durch den Krieg habe der Mensch endlich wieder zu sich selbst gefunden. Der “wahre Mensch“ ist für Jünger kein Kulturwesen, sondern ein Raubtier:

Doch unter immer glänzender polierter Schale, unter allen Gewändern, mit denen wir uns wie Zauberkünstler behingen, blieben wir nackt und roh wie die Menschen des Waldes und der Steppe. Das zeigte sich, als der Krieg die Gemeinschaft Europas zerriß, als wir hinter Fahnen und Symbolen, über die mancher längst ungläubig gelächelt, uns gegenüberstellten zu uralter Entscheidung. Da entschädigte sich der wahre Mensch in rauschender Orgie für alles Versäumte. Da wurden seine Triebe, zu lange schon durch Gesellschaft und ihre Gesetze gedämmt, wieder das Einzige und Heilige und die letzte Vernunft.“ (Der Kampf als inneres Erlebnis)

Laut Jünger hat der Krieg bewiesen, dass der Vernunftbegriff der westlichen Zivilisation eine Chimäre ist. Weil die Vernunft im Krieg keine Rolle spielt, hat sie angeblich ihre Glaubwürdigkeit verloren. In seinem Buch “Das Wäldchen 125“ schildert Jünger eine Situation, in der die Abwesenheit der Vernunft im Krieg deutlich wird: Er sieht uns mit stieren Blicken an und brüllt plötzlich los, mit einer Stimme, die sich sonderbar überschlägt, und zwischen der und seinem Blute nicht der dünnste Schleier mehr ist: ‘Die Hunde!‘ Das wirkt wie ein Signal, wie ein ansteckender Wahnsinn, der den letzten Fetzen von Vernunft mit sich reißt.

Vom angeblichen Ende des Zeitalters der Aufklärung

Die Idee der Vernunft ist das Kernelement der Epoche der Aufklärung. Und Jünger glaubt, dass im Krieg das rationale Weltbild der Aufklärungsepoche vollständig zerstört wurde. Bei seiner Argumentation verweist der Schriftsteller erneut auf die Emotionalität des Menschen: “Die Zeiten der Aufklärung sind vorbei, der Krieg vollendet ihren Untergang, er wirft uns mit Notwendigkeit auf das Gefühl zurück.“ (Das Wäldchen 125)

Schließlich rückt Jünger den Liberalismus ins Fadenkreuz seiner Kritik. Überraschend ist das nicht, denn bekanntlich basiert diese politische Strömung vor allem auf den fortschrittlichen Ideen der Aufklärung. In seinem Aufsatz “Vom absolut Kühnen“ lobt Jünger den Krieg, weil durch ihn der Liberalismus überwunden worden sei: “Auch wenn dieser Krieg keinen anderen Sinn – und jeder, der in einem solchen Ereignis etwas Sinnloses sieht, kann nur ein glatter Bursche sein – auch wenn er keinen anderen Sinn gehabt hätte als den, die Völker Europas den Liberalismus in sich überwinden zu lassen und ein neues Lebensgefühl in ihnen zu erwecken, wäre keiner der Millionen Toten umsonst gefallen.

Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg
Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg

Bei Jüngers Propaganda gegen die Kraft der Vernunft darf der Kampf gegen den Marxismus nicht fehlen. So behauptet Jünger, dass im Krieg auch diese rationale politische Strömung zu Bruch gegangen sei. Im Artikel “Der Nationalismus“ schreibt er: “Das Leben ist nichts Zweckmäßiges. Jede Maschine ist zweckmäßiger. Wohl aber bemüht sich der ungebundene Geist, im Leben nur das Zweckmäßige zu sehen und es in die Gesetze einer zweckmäßigen Logik und einer zweckmäßigen Moral zu zwängen. Das Blut jedoch bricht diese Gesetze entzwei, wie es 1914 den Marxismus zerbrach und wie es sich immer und überall, wo es aufflutet, über jede verstandesmäßige Regelung hinwegsetzen wird.“

Ablehnung der Menschenrechte und der Demokratie

Da die Menschenrechte das zentrale politische Ergebnis der Aufklärungsepoche sind, versteht es sich fast von selbst, dass Jünger auch gegen diesen zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit agitieren muss. Im Essay “Das Sonderrecht des Nationalismus“ erläutert er die Unterschiede zwischen dem Denken des Nationalismus und der Idee der Menschenrechte:

Wir Nationalisten glauben an keine allgemeinen Wahrheiten. Wir glauben an keine allgemeine Moral. Wir glauben an keine Menschheit als an ein Kollektivensen (sic!) mit zentralem Gewissen und einheitlichem Recht. Wir glauben vielmehr an ein schärfstes Bedingtsein von Wahrheit, Recht und Moral durch Zeit, Raum und Blut. Wir glauben an den Wert des Besonderen. In dem Zeitraum von der Verkündung der Menschenrechte bis zum Weltkriege hat der Glaube an das Allgemeine seine Wucht erschöpft.

Jüngers Kampf gegen die Ideale der Aufklärung spiegelt sich auch in seinem Wunsch nach einer nationalen Diktatur wider. “Der Frontsoldat und die innere Politik“ heißt der Artikel, in dem Jünger davon träumt, wie er gemeinsam mit anderen Kriegsteilnehmern die Weimarer Republik zerstört: “Der Tag, an dem der parlamentarische Staat unter unserem Zugriff zusammenbricht und wir die nationale Diktatur ausrufen, wird unser höchster Festtag sein.

Obwohl der Krieg zu Ende war: Sein Kriegserlebnis blieb für Jünger während der Zeit der Weimarer Republik der Dreh- und Angelpunkt seines Denkens. Wie viele andere Kriegsteilnehmer hatte er die fixe Idee entwickelt, jede politische Ordnung müsse den autoritären Prinzipien des Militärs entsprechen. Jünger galt in den 1920er Jahren als besonders radikaler Vertreter der sogenannten “Konservativen Revolution“, einer intellektuellen Strömung der antidemokratischen Rechten. Doch auch in seiner radikalsten Phase ist er nie ein biologistischer Rassist im Sinne des Nationalsozialismus gewesen.

Jüngers Verhalten im “Dritten Reich“

Jüngers Buch "Auf den Marmorklippen"
Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“

Als der Nationalsozialismus in Deutschland die Macht übernahm, verstärkte Jünger seine Distanz zu dieser Variante des Rechtsextremismus. Ein Angebot der NSDAP, er könne für den Reichstag kandidieren, lehnte er ab. Bis heute wird darüber gestritten, was wirklich dazu führte, dass sich Jünger in den 1930er Jahren weltanschaulich immer weiter vom Nationalsozialismus entfernte. Tatsächlich integrierte Jünger während der Nazi-Herrschaft zunehmend humanitäre Aspekte in sein Denken. Sein Roman “Auf den Marmorklippen“ aus dem Jahr 1939 wurde vielfach als Akt des Widerstands gegen die Verbrechen der Nazis interpretiert. Und in der Tat bedarf es nicht viel Phantasie, um diese Schrift so zu verstehen.

Trotz seiner zunehmenden Ablehnung des Nationalsozialismus diente Jünger während des Zweiten Weltkriegs in der Wehrmacht. Er unterstützte also die Nazi-Herrschaft an der entscheidendsten Stelle. Im Herbst 1944 wurde Jünger jedoch unter einem Vorwand aus der Wehrmacht entlassen. Der wahre Grund der Entlassung: Die Nazis nahmen an, er habe mit dem Widerstand, insbesondere mit den Männern des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944, konspiriert. Beweisen konnten die Nazis ihre Vermutung nicht, dennoch lagen sie nicht ganz falsch: Jünger wusste aufgrund seiner vertraulichen Kontakte zu regimekritischen Soldaten relativ genau darüber Bescheid, dass Teile der Wehrmacht daran arbeiteten, Hitler zu beseitigen. Aktiv beteiligt am Widerstand des 20. Juli war Jünger aber nicht.

Jüngers Leben in der Bundesrepublik 

Obwohl Jünger als Publizist an der Zerstörung der Weimarer Republik beteiligt war, durfte er nach dem Zweiten Weltkrieg recht bald wieder als Schriftsteller arbeiten. Die vorherrschende Meinung war, dass sich Jünger während der Nazi-Herrschaft nicht wirklich mit Schuld beladen hatte. Es dauerte nicht lange, bis er erneut beachtliche publizistische Erfolge feiern konnte. Von den vielen Auszeichnungen, die Jünger seit den 1950er Jahren für sein literarisches Schaffen erhielt, ist sicherlich die Verleihung des Frankfurter Goethepreises im Jahr 1982 besonders erwähnenswert. Im Gegensatz zu den 1920er Jahren äußerte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch selten zu unmittelbar politischen Themen. Obgleich Jünger eher zurückgezogen lebte, suchten die Mächtigen des Öfteren seine Nähe. Beispielsweise wurde er von Helmut Kohl und Franҫois Mitterrand besucht.

Als Jünger am 17. Februar 1998 starb, hinterließ er ein vielfältiges Werk. Dank dieser Vielfalt können auch Menschen, denen rechte politische Ideen zuwider sind, seine Texte mitunter mit Gewinn lesen. Mit den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution hat sich Jünger nie wirklich versöhnt. Tatsächlich tut man ihm nicht Unrecht, wenn man festhält, dass er zu keiner Zeit seines Lebens ein Demokrat gewesen ist.

Literatur:

Ernst Jünger, Feuer und Blut. Ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Schlacht, Stahlhelm-Verlag, Magdeburg 1925.

Ders., Der Frontsoldat und die innere Politik, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 146-152, (erstmals veröffentlicht: Die Standarte. Beiträge zur geistigen Vertiefung des Frontgedankens, 29. November 1925).

Ders., In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers, Selbstverlag des Verfassers, Hannover 1920.

 Ders., Der Kampf als inneres Erlebnis, E. S. Mittler und Sohn Verlag, Berlin 1922.

 Ders., Der Nationalismus, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 186-190, (erstmals veröffentlicht: Standarte. Wochenschrift des neuen Nationalismus, 1. April 1926).

Ders., Das Sonderrecht des Nationalismus, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 280-285, (erstmals veröffentlicht: Arminius. Kampfschrift für deutsche Nationalisten, 23. Januar 1927).

Ders., Vom absolut Kühnen, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 236-240, (erstmals veröffentlicht: Standarte. Wochenschrift des neuen Nationalismus, 19. August 1926).

Ders., Das Wäldchen 125. Eine Chronik aus den Grabenkämpfen 1918, E. S. Mittler und Sohn Verlag, Berlin 1925.

 Paul Noack, Ernst Jünger. Eine Biographie, Alexander Fest Verlag, Berlin 1998.

 Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, 4. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994, (erstmals veröffentlicht: 1962).

Siehe auch: Ernst Jünger: “Gegenaufklärer auf dem Podest”, 25 Jahre Junge Freiheit: Gefangen im Trauma des Zweiten Weltkriegs, Die deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und Ahmadinedschad

12 Kommentare zu „Ernst Jünger und der Erste Weltkrieg

  1. Also allein für die Formulierung „blutbetaute Wiesen“ hat sich das Lesen gelohnt -kriegsromantisierender Ekelschwulst vom Feinsten. Das muss man Jünger lassen….

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  2. Schön, auch solche Texte in der Publikative zu lesen. Ich halte es insgesamt für sehr wichtig, dass man sich mit dem Denken und der Psyche derer auseinandersetzt, die solche Schrecken über die Welt gebracht haben oder im Falle Jüngers, diese befürworteten oder anstachelten, denn auch sie dachten oft genug nur, sie würden „das Richtige“ tun.
    Wie weit dieses „richtige“ Handeln führt und welch allgemeinwirksamen psychologischen Effekte dabei eine Rolle spielen, zeigt auch der aktuelle Dokumentarfilm „Das radikal Böse“ sehr schön.
    Nur um sich selbst zu verdeutlichen, wie schnell es geht, dass „ganz normale“ Menschen solche Taten begehen, und um sich die Verantwortung jedes Einzelnen immer wieder zu verdeutlichen, lohnt schon die Auseinandersetzung mit den Hintergründen dieser Taten und in Jüngers Fall Schriften.

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  3. Bemerkenswert, dass der Autor ganz dezent das Werk „Der Arbeiter“ unterschlägt. Aber nichts desto trotz: Ob der Konservativen Revolution im allgemeinen oder Ernst Jünger im besonderen irgendeine Linerarität oder gar Stringenz zu unterstellen muss scheitern, so wie dieser Artikel eben. Ernst Jünger hat zu allen möglichen Zeiten alles mögliche erzählt. Er hat Anfangs den Marxismus verunglimpft um im „Arbeiter“ sich plötzlich einen anonym-mönichischen Arbeiterstaat zu wünschen. Er fand im ersten Weltrkrieg die Massenschlachten toll, um später aufgrund der Technik dem modernen Krieg abzulehen und lieber wieder vom Kampf Mann gegen Mann zu träumen. Vom glühenden Nationalisten wird zu einem Verächter selbigen und wünscht sich den Weltstaat herbei, der mit den Nationenindividualismus schluss macht(ebenfalls im Arbeiter^^) Usw. Jedenfall ist es quatsch sein gesammtes Schriftum so darzustellen, wie in diesem Artikel.

    Warum es sich dem NS verweigert hat, dürfte wohl der Grund der meisten KR-Autoren gewesen sein: Dandytum.

    Sie wollten „edgy“-Texte schreiben um ihre Fantasien auszuleben und sich sprachliche und ästhisch auszuprobieren und vor allem interessante Individuuen sein. Dass sie das gerne mit antiindividualistischen Pamphleten gemacht haben, war halt der lahme Witz des Salon-Faschismus. Denn anders als der Artikel suggeriert, hatten auch Leute wie Jünger eigentlich kein Problme mit Juden oder Kommunisten runzuhängen, sondern machten das sogar gerne. Aber als ihr viel „verachteter“ Pluralismus und Liberalismus im NS plötzlich weg war und alles so gemeint war, wie es gesagt wurde, wurde es halt ein bisschen fad…

    Die Frage bei Leute wie Jünger ist auch weniger, was hat er genau gesagt und gemeint, als viel mehr wie, von wem und wie breitenwirksam wurde er rezepiert. Und da ist einfach ein großes Loch, obwohl gerade Stahlgewitter ein sehr wirkmächtges Buch in der Weimarer Republik war.

    Fail!

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  4. Jüngers kriegromantisierendes Altherrengeschwülst – obwohl in jungen Jahren verfasst – lässt selbst einen antisemitischen und chauvinistischen Schwätzer wie Ernst Moritz Arndt altbacken aussehen. Es ist erstaunlich, dass jemand wirklich freiwillig bereit war, über einen längeren Zeitraum einen dermaßen unreflektierten Sermon abzusondern und noch seinen Namen drunter zu setzen.

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  5. Habe mal ein bißchen Jünger gelesen und kaum einen ausformulierten politischen oder philosophischen Gedanken gefunden, nur viel Erlebnisschwulst. Im Grunde genommen scheint mir da jemand seine Traumatisierung in der maschinellen Massenschlachtung des 1.WK metaphysisch schöngeschrieben zu haben, ohne sich wie Remarque der Sinnlosigkeit wirklich zu stellen. „Die Tragödie einer Generation, die den Krieg vor den Frauen kennenlernte“ (Weiß nicht mehr von wem das ist).
    Dass er immer als „Vordenker“ der konservativen Revolution herhalten muss, zeigt demnach, dass da kaum formulierbares Gedankengut kursierte, sondern nur psychologische Reaktionen auf Gewalterfahrungen und Machtphantasien zu Papier gebracht wurde.
    In meinen Augen nur Interessant im Zusammenhang von der Psychologie des Kriegserlebnisses und dem Aufstieg der Nazis. Kennt da jemand gute Bücher?

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  6. Ich kann mich Smersch nur anschließen (und zu seinem interessanten Kommentar gratulieren). Zwar fasst der Autor des Beitrags richtig zusammen: „Als Jünger am 17. Februar 1998 starb, hinterließ er ein vielfältiges Werk.“ Auf dieses in seiner tatsächlichen Vielfalt aber näher einzugehen – gerade ein Werk wie „Drogen und Rausch“ ist doch z.B. in seiner Entstehungsgeschichte höchst erwähnenswert – versäumt der Autor gänzlich. So zeichnet sich durch den sehr einseitigen Schwerpunkt ein Zerrbild, das Jüngers extrem vielseitigem Werk eben keineswegs gerecht wird. Auch ich kann mit Vielem, was aus Jüngers Feder stammt, eben insbesondere den Kriegsverherrlichungen und dem nationalistischen Gebrabbel der frühen Jahre, nix anfangen – lehne es sogar ausdrücklich ab! Den Roman „Auf den Marmorklippen“ habe ich aber mit großem Genuss gelesen, wobei die Sprache Jüngers auch sicherlich Geschmackssache ist. Auch seine tagebuchartigen Skizzen (z.B. Das abenteuerliche Herz) halte ich für durchaus lesenswert. Im Ganzen wäre es schade, wenn der obige Artikel den einen oder die andere davon abhielte, sich tatsächlich einmal an das komplexe und faszinierende Werk Jüngers heranzuwagen. Scheiße finden kann man es danach ja dann trotzdem.

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  7. @kerl:

    „Kennt da jemand gute Bücher?“

    Prosa oder Fachliteratur?

    Von der Fachliteratur könnte ein Blick wert sein:

    – Jeffrey Verhey: Der `Geist von 1914` und die Erfindung der Volksgemeinschaft
    – Gerd Krummeich (Hg.): Nationalsozialismus und Erster
    Weltkrieg, Essen 2010.

    Es gibt auch einen Vortrag von Gerhard Hirschfeld mit dem Titel „Die Attraktion des Ersten Weltkriegs für die Nazi-Bewegung“, der die ganzen Kontroversen von Kontinuität von Kriegserfahrung und NS aufarbeitet. Inwieweit dieser Vortrag irgendwo verschriftlicht zu finden ist, kann ich nicht aus dem Kopf sagen.

    Einen literarischen Blick auf die Erfahrung vom Ersten Weltkrieg bis zum NS bietet die Autobiographie von Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Allerdings ist sein Blickwinkel ein ganz anderer als bei Remarque und Jünger.

    Dies und noch tausend andere Titel (die ich nicht im Kopf hab 🙂

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  8. Mein erster Gedanke war, daß Gauck sowas wohl lesen und verinnerlichen muß.

    Pazifistische Generäle sind mir wohl lieber, als militaristische Pfaffen.
    Ich fürchte, der würde nur zu gern Kanonen segnen. Einfach ekelhaft.

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  9. Danke für die Kommentare!

    An Smersch: Ihre These, Jünger habe zu allen Zeiten
    alles Mögliche behauptet, mutet ja reichlich abenteuerlich an.
    Wenn Sie nun auch noch belegen könnten, dass Jünger in den
    1920er Jahren nicht nur für Krieg, Nationalismus und Autoritarismus,
    sondern auch für Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie
    stritt, käme das zudem einer wissenschaftlichen Sensation gleich.
    Die Jünger-Forschung wäre in ihren Grundfesten erschüttert.

    Im Übrigen: Warum sollte man Jüngers Gesamtwerk denn nicht anhand der Wertmaßstäbe Humanismus, Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie beurteilen können? Selbstverständlich hat die Jünger-Forschung auch
    das immer wieder gemacht. Und die Ergebnisse waren im Wesentlichen
    immer gleich: Angesichts der Schrecken der Nazi-Herrschaft hat sich Jünger zunehmend für humanistische Ideale erwärmen können – doch sein Humanismus ging eben nicht soweit, dass er ein Demokrat geworden wäre.

    Zu Jüngers Buch “Der Arbeiter“: Mit Marxismus hat das Buch nichts zu tun.

    An Karl: Ich kann Ihnen zustimmen: Auch jenseits eines rein akademischen Interesses ist eine Beschäftigung mit Jüngers Werk mitunter lohnend. Auch
    ich habe die “Marmorklippen“ gerne gelesen – sicher auch deshalb, weil
    ich am Bodensee aufgewachsen bin. Es war beim Lesen interessant,
    auszuloten, inwiefern sich die wunderschöne Bodenseelandschaft
    im Roman widerspiegelt. Und die beiden Versionen von “Das Abenteuerliche Herz“ sind ja schon allein wegen der dargestellten Traumerlebnisse lesenswert.

    Noch zum Ersten Weltkrieg: Wahrscheinlich war es wirklich so: Jünger musste sich den (verlorenen) Krieg schönreden, ihn also mit Sinn aufladen, um nicht an ihm zugrunde zu gehen. Das war offensichtlich seine ganz persönliche Art der Krisenbewältigung. Armin Steil hat zur Beschreibung dieses spezifischen psychischen Prozesses die Formel “Logik der Verzweiflung“ gewählt (Die imaginäre Revolte, Marburg 1984).
    Gleichwohl muss mit Nachdruck daran erinnert werden, dass andere Kriegsteilnehmer aus ihrer Kriegserfahrung eine ganz andere Konsequenz als Jünger gezogen haben – nämlich die, dass der Krieg gänzlich sinnlos war und dass ein solcher Irrsinn in Zukunft nicht mehr stattfinden sollte. Erich Maria Remarque ist in diesem Zusammenhang sicherlich das bekannteste Beispiel. “Im Westen nichts Neues“ ist schlichtweg ein großartiges Buch – ich denke, man sollte es gelesen haben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Stefan Kubon

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  10. Jünger und Heidegger – in der philosophischen Schule der Scholastik gefangen

    Gerade der „Arbeiter“ offenbart Jüngers philosophische Nähe zum faschistischen Korporatismus. Hier wird nicht der Arbeiter als Subjekt beschrieben, sondern die kapitalistische Maschinerie, das Objekt, verherrlicht. So überrascht es nicht, dass die darin beschworene „Gestalt des Arbeiters“ Kapital und Arbeit als Ganzes – als mystische Einheit – zu erfassen sucht. (Der Kapitalist selbst wird da zum Arbeiter.)
    Aber nicht im marxistischen Sinne, als antagonistischer Klassenwiderspruch, als „dialektische Einheit“, sondern metaphysisch zur Gestalt hypostasiert; was mich an Spenglers „Untergang des Abendlandes“ denken lässt. Als Gegenthese gewissermaßen. Während Spengler das Abendland mit „dem Arbeiter“ eher untergehen sieht, für Spengler war die Bauernschaft die Grundlage seines morphologischen Geschichtsbildes, sieht es Jünger hier über sich hinauswachsen.

    Genau genommen ist es die Vorwegnahme der postmodernen Verherrlichung der Maschine. Wenn man die ganze verschwurbelte Sprache mal weglässt, könnte man darin eines Jüngers diesbezügliche Vision erkennen. Was Jünger womöglich nicht erkannte, war die pervertierte Vorwegnahme einer solchen Vision durch den Faschismus. Oder vielleicht doch; und er scheute ob der grausigen Konsequenz hieraus. Getrieben von der Maschinerie des Kapitals, suchten eben gerade die Nazis den Prometheus erneut an die Hänge des Kaukasus zu schmieden. Die verschwurbelte Sprache, übrigens auch eines Heidegger, mag darin ihren Sinn haben.

    Die bürgerliche Intelligenz quält sich mit einer akrobatischen Semantik, da sie die Dialektik nicht anzuwenden weiß. Sie begreift nicht eine Entwicklung, die ihre letzten Ursachen in den ökonomischen Verhältnissen hat. Dialektische Beziehungen werden von ihr in einen scholastischen Panzer gezwängt. So als wäre „Begreifen“ ausschließlich von der sprachlichen Form des zu Begreifenden abhängig. Die nicht begriffene praktische Bewegung von Klassen wird bei ihr zur rein sprachlichen Bewegung. Doch dort erstarrend.

    Denn auch ein Jünger konnte nicht begreifen, dass der „Arbeiter“ als Subjekt nur über sich hinauswächst, und nur als solches enthält dieses eine gewisse Fähigkeit zur „Transzendenz“, wenn er sich aus diesem Panzer (der Einheit mit dem Kapital) befreit. Er missverstand den Philosophen Marx diesbezüglich völlig, diesen mit den Plattheiten einer bürgerlichen Sozialwissenschaft gleichsetzend, welche den Arbeiter nur als Objekt der Beschreibung, nicht aber als revolutionäres Subjekt zu erfassen vermag. Als Subjekt erfasste Jünger den Arbeiter auch nicht, doch als „revolutionär“ irgendwie schon. Eingebettet in ein technisches Etwas. Weder Objekt noch Subjekt. Auch das Heideggersche „So-Sein“, welcher dieser „Gestalt“ vielleicht am nächsten kommt, ist recht eigentlich eine Leihgabe des scholastischen Potenzbegriffes eines Augustinus. Während das Sein auf ein ordinäres immer schon So-Sein-Gewesenes reduziert wird, wird das Werden, welches Augustinus nicht zu erklären vermag in den Himmel transzendiert. Dort wo die „Zeit“ nicht existiert, somit auch kein Werden. Doch als Potenz unter den Engeln ist es dort irgendwie gut aufgehoben. Dass alles was ist, nur Werden ist, somit im Sein nur als „Lücke“ (im Zizekschen Sinne) wahrzunehmen wäre, geht dem Nichtdialektiker einfach nicht in den Sinn.

    Die Dialektik im Sein, welche z.B. aus dem Arbeiter als „automatisches Subjekt“ ein „revolutionäres Subjekt“ werden lässt, muss dem Werden zugeschlagen werden und eben nicht der Formbewegung des Seins. Die darin enthaltene „Sprachmystifizierung“ erinnert stark an die Schwierigkeiten des Nominalismusstreits der Antike. Doch egal ob wir das Wasser Wasser nennen, um das Bild Heraklits zu bemühen, in das wir da steigen, wird es allein ob der Verschmutzung, die wir da eintragen, nicht mehr dasselbe sein; abgesehen davon, dass das Wasser, das wir da gerade verschmutzt haben, bereits woanders ist. Es ist also anderes Wasser, schmutziges Wasser, welches zumal noch woanders ist. Das Wasser, indem wir da gerade stehen, ist es jedenfalls nicht. Wasser und doch nicht Wasser. Wasser nur in einem ganz abstrakten Sinne. So abstrakt, dass die Veränderung darin nicht mehr enthalten ist. Und das ist es, was auch einem Jünger über den Verstand ging. Doch dass da etwas ist, was über die Naziglorifizierung des Arbeiters hinausgeht, das machte ihn womöglich zum Antinazisten.

    Dass die Dialektik ihm aber nicht so fremd war, wie es scheinen musste, kann man dann an seinem Nachkriegswerk „Der gordische Knoten“ entdecken. Das einzige Buch, das ich für lesenswert halte. Ich jedenfalls, hab einiges daraus gelernt. Die Beziehung zwischen Orient und Okzident wird da als ein Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse im Denken und Fühlen der Menschen erkannt. Ein wenig mystisch bleibt die beschreibende Formulierung, nämlich, dass man nur unter sich graben müsste, um den Orient zu finden (als Metapher in Bezug auf die vermutliche Wahrheit, dass der Orient die „ältere Schicht“ ist, nicht so schlecht, doch stark an Spenglers morphologischen Gestaltungen anknüpfend).

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