Neonazi-Geburtstag in Aachen: Fußball, saufen, prügeln

Am vergangenen Samstag haben unterschiedliche Gruppen von Hooligans und Neonazis in Aachen zunächst im Stadion einen Spieler der Alemannia und später mehrfach eine antirassistische Demonstration angegriffen. Noch immer fühlen sich die Nazis als Gäste bei der Alemannia sehr wohl.

Von Redaktion Publikative.org

Neonazis und rechtsgerichtete Alemannia-Hools haben es sich am vergangenen Wochenende in Aachen gut gehen lassen: Man wurde zunächst im Stadion ausfällig, was in einem tätlichen Angriff auf den Torhüter der Alemannia gipfelte. Unmittelbar nach dem Heimspiel gegen Rot Weiß Oberhausen wurde dann eine Demonstration der Linksjugend zum Thema Flüchtlingspolitik attackiert. Neonazis und Hools aus Aachen und Umland können sich auf dem Tivoli offenbar praktisch ungestört bewegen.

Auf diesem bei der Plattform Indymedia hochgeladenen Foto sieht man Vanessa Becker (ganz rechts), Daniel Thönnessen (2. v.r.) und andere Neonazis aus der Gruppe beim Heimspiel von Alemannia Aachen am 02.11.2014 (Foto: Screenshot Indymedia)
Auf diesem bei der Plattform Indymedia hochgeladenen Foto sieht man Vanessa Becker (ganz rechts), Daniel Thönnessen (2. v.r.) und andere Neonazis aus der Gruppe beim Heimspiel von Alemannia Aachen am 02.11.2014 (Foto: Screenshot Indymedia)

Am vergangenen Samstag waren unter den Zuschauern im Stadion auch Neonazis aus anderen Regionen Deutschlands. Anlass des kollektiven Besuchs war offenbar die Geburtstagsfeier des Kreisverbandsvorsitzenden der Partei „Die Rechte – Kreisverband Aachen/Heinsberg“, Andre Plum. Anwesend war zum Beispiel Vanessa Becker, die für die Münchner „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ (BIA) bei den Kommunalwahlen in Bayern im März 2014 einen zweiten Platz im Münchner Stadtrat ergattern will. Sie ist ebenfalls aktiv im Neonazi-Netzwerk „Freies Netz Süd“ (FNS) und wohnt gemeinsam mit anderen „Kameraden“ in einer Münchner WG.

Einer davon, Daniel Thönnessen, ist nicht nur ein verurteilter Bombenbauer, sondern kommt auch ursprünglich aus der Region Aachen. Vor seinem Umzug nach München wurde Thönnessen unter anderem wegen der Schändung des Jüdischen Friedhofs Aachen verurteilt. Damals gehörte er der mittlerweile verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) an. Heute ist er aktiv in einer Gruppe um Karl-Heinz Statzberger, der zusammen mit Rechtsterrorist Martin Wiese wegen des geplanten Sprengstoffanschlags auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Kulturzentrums in München verurteilt wurde. Auch beim NSU-Prozess ist Statzberger häufiger zugegen und trifft den Angeklagten André E.

Neuer Tivoli als Treffpunkt für Neonazis

Neonazis in Aachen am 02.11.2013 mit einem Solidaritäts-Transparent für die griechische Neonazi-Partei "Goldene Morgenröte" (Foto: privat).
Neonazis in Aachen am 02.11.2013 mit einem Solidaritäts-Transparent für die griechische Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“ (Foto: privat).

Das Stadion der Alemannia hat sich innerhalb der bundesweiten Neonaziszene offenbar zu einem Ort entwickelt, wo man sich gerne sehen lässt. Nach dem Spiel und dem Eklat im Stadion, bei dem der Alemannia-Torwart tätlich angegriffen wurde, provozierten die Neonazis zunächst, indem sie ein Transparent für die rechtsradikale griechische Partei „Goldene Morgenröte“ entrollten. Das Entrollen des Transparentes zeigt deutlich, dass es sich dabei um ein geplantes Auftreten handelt und nicht um ,spontane Aktionen“, wie zunächst von Polizei und Teilen der Lokalpresse behauptet wurde.

Obwohl es bereits unmittelbar nach Entrollen des Transparents zu Bedrohungen und einem tätlichen Angriff kam, durften die ca. 15 Neonazis eine spontane Demonstration anmelden. Etwa eine Stunde nach der ersten Attacke folgten dann weitere Angriffe aus diesem Kreis auf die Demonstration, die einen Pfefferspray-Einsatz der Polizei und insgesamt fünf Ingewahrsamnahmen zur Folge hatten.

Später sorgten Hooligans aus dem Alemannia-Umfeld für einen dritten Zwischenfall auf der Demonstration: Als diese gegen 19 Uhr den Platz an der Aachener Synagoge erreichte, stürmten aus einer einschlägig bekannten Kneipe weitere 15, zum Teil bewaffnete und mit Flaschen werfende Männer aus dem Umfeld der Hooligan-Gruppe „Alemannia Supporters“ auf die Demonstration zu und versuchten diese zu attackieren. Dabei sollen sie laut Augenzeugen „Juden“, „Judenschweine“ und anderen volksverhetzenden Parolen gerufen haben. Nach dem Ende der Demonstration belagerte dieselbe Gruppe das Aachener Autonome Zentrum.

Alemannia-Hooligans vor dem AZ Aachen am Ende der Demo am 02.11.2013 (Foto: privat)
Alemannia-Hooligans vor dem AZ Aachen am Ende der Demo am 02.11.2013 (Foto: privat)

Nazifeste schöner feiern in Aachen

Insgesamt darf man sich wohl fragen, was Stadt, Polizei und Verein in Aachen eigentlich so treiben? Da greifen stadtbekannte Neonazis zusammen mit verurteilten Straftätern aus anderen Teilen der Republik eine Demonstration an, nachdem sie zuvor im Stadion in ihrem Sinne die Stimmung angeheizt haben. Trotzdem dürfen sie anschließend eine „spontane“ Demonstration durchführen, die augenscheinlich nur dazu dient, weiter präsent zu bleiben, um erneute Angriffe auf die linke Demonstration durchzuführen. Ebenfalls mitmischen dürfen „unpolitische“ Hooligans, die erst im Stadion sogar die eigene Mannschaft attackieren, um später „zufällig“ und „spontan“ dieselbe Demonstration anzugreifen und vor dem Autonomen Zentrum eine Drohkulisse aufzubauen. Anschließend konnten alle Beteiligten, sofern sie eingeladen waren, auch noch in privatem Rahmen unbehelligt den Geburtstag eines örtlichen Nazi-Kaders feiern. Dazu kann man wohl nur noch gratulieren.

Anm.d.Red.:
In einer früheren Version dieses Artikels wurde derjenige, der den Spieler attackiert hat, als „Hooligan“ tituliert. Obwohl wir grundsätzlich dabei bleiben, dass Leute, die gegen Spieler im Stadion gewalttätig werden, auch so tituliert werden können, haben wir uns entschieden, diese Bezeichnung zu streichen, da uns zahlreiche Hinweise erreicht haben, dass sie demjenigen nicht gerecht wird. Dass die aggressive Stimmung am unteren Rand des fraglichen Blocks maßgeblich von einer Gruppe getragen wurde, die diesem Spektrum zuzuordnen ist, ist uns von mehreren Seiten so bestätigt worden – und dabei bleiben wir auch.

Ebenso ist es nicht das erste Mal, dass Aachen diesbzgl. im Blickpunkt steht. Es ist auch keineswegs so, dass wir hier akribisch alle Vorfälle auflisten, der letzte Artikel dazu stammt aus dem Januar(!). Aus unserer Sicht zeigt sich deutlich, dass der sportliche Niedergang und das wenig konsequente Vorgehen gegen die Vermischung unterschiedlicher gewaltbereiter Gruppen – worunter eben auch organisierte und wegen Sprengstoffdelikten vorbestrafte Neonzais sind! – Folgen haben. Das Ausscheiden der angeblichen „linken Unruhestifter“ von ACU aus der aktiven Fanszene hat nicht das Geringste genützt – stattdessen gibt es weiterhin permanent Vorfälle. Es ist nicht unsere Aufgabe, die „Mischszene“ aus Neonazis und Hools auseinander zu dividieren und in diese und jene Gruppen und Einzelpersonen zu sortieren. Fest steht, dass man sich neue Opfer sucht, auch außerhalb des Stadions, und diese natürlich wieder rein „zufällig“ und „unpolitisch“ auf linken Demos findet. An diesen Zufall glauben wir nicht, ebenso wenig daran, dass all dies „zufällig“ nach einem Heimspiel am Tivoli passiert, selbst wenn die unterschiedlichen Vorfälle von unterschiedlichen Personen zu verantworten sind. Es geht um ein feindseliges, bedrohliches, gewaltverherrlichendes und teilweise rechtsradikal aufgeladenes Klima, da helfen alle „unpolitischen“ Beteuerungen nichts.

Denn die Demonstration wurde nach unserem Kenntnisstand sowohl von der beschriebenen Nazi-Gruppe als auch von Alemannia-Hools angegriffen. Auch die Person auf dem letzten Bild trägt einen Alemannia-Schal. Insgesamt wird man wohl gerade noch von einem zusammenspielenden Versagen aller genannten Organe (Stadt, Polizei, Verein) sprechen dürfen, wenn die Erkenntnislage im Vorfeld derart dünn ist, dass die Polizei von „sich überschlagenen Ereignissen“ spricht – und es kaum spürbare Konsequenzen – außer eventuell ein paar Stadionverboten – gibt. Konsequentes Handeln gegen Neonazis und Gewalttäter sieht aus unserer Sicht anders aus.

Siehe auch: (Rück-)Eroberung der Fankurven?Aachen: Der rechte Konsens setzt sich durchAngriff der “Karlsbande”: Offener Brief an die Alemannia“Sicherheit” nur für Nazi-Hools?Das unpolitische Wir der Fanszene“Diese rassistischen Ermittlungen fanden nicht im luftleeren Raum statt…”NSU-Skandal: Die Aufklärung scheitertReport München über die “Kameradschaft Aachener Land”

12 Kommentare zu „Neonazi-Geburtstag in Aachen: Fußball, saufen, prügeln

  1. Bin ja sonst auf eurer Seite, aber die Attacke auf den Spieler im Stadion kann man nicht den selben Personen zuordnen, die die Demo angegriffen haben. Der Angriff im Stadion passierte außerdem auf den Sitzplätzen und der Angreifer ist – nach meinem aktuellen Stand – nicht der Naziszene zuzuordnen.

    „Insgesamt darf man sich wohl fragen, was […] Verein in Aachen eigentlich so treiben?“
    Was hätte der Verein denn machen sollen? Die Personen, die später die Demo angegriffen haben, wurden im Stadion nicht auffällig. Außerdem handelte es sich ja – wie es im Text steht – nicht nur um lokale Nazis, die das Stadion besucht haben. Die Frage wäre also eher: Was soll der Verein Aachen machen? Soll er sich eine bundesweite Liste mit Nazis anlegen und am Eingang Gesichtskontrollen durchführen?

    Insgesamt schade, so ein Durcheinander bei euch auf der Seite zu lesen.

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  2. Es steht doch außer Frage das die Alemanniasupporters den Demozug an der Synagoge attackiert und antisemitisch beleidigt haben. Und das war weiß Gott nicht der erste Vorfall in dieser Richtung, wenn man beispielsweise an den Angriff auf die ACU bei einem Heimspiel zurückdenkt. Zudem soll es sich bei den organisierten Nazis die das Transparent gezeigt haben nicht ausschließlich um „externe“ gehandelt haben. So stammt Daniel Thönnessen aus Aachen und laut Stellungnahme des AZ Aachen/Indymedia soll auch der am Tivoli bekannte Nationalist Dimi T. zugegen gewesen sein. T. ist nebenbei Mitglied in der Hooligangruppe Westfront.
    Es gibt eigentlich eine Fülle an Optionen die der Verein nutzen könnte um gegen diese Personen/Gruppen vorzugehen. Stadionverbote, Gruppenverbote die auch mal konsequent umgesetzt werden, Stärkung von antirassistischen Projekten. Einige Namen der bei den Angriffen beteiligten Menschen liegen doch vor, wenn sonstige Dinge weit vor oder nach einem Spiel passieren gibt es dafür auch Stadionverbote, warum nicht in diesem Fall? Das wäre doch mal ein halbwegs glaubwürdiges Zeichen wenn der Verein Thönnessen und co zukünftig nicht mehr als Plattform zur Selbstprofilierung zur Verfügung stände.

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  3. @ Mister – Anonym:

    Ob die Attacke auf den Spieler nun genau dieser Personengruppe zuzuordnen ist, spielt hier zunächst keine elementare Rolle. Man kann aber festhalten, dass die Attacke auf den Spieler in jenem Block passiert ist, in welchem die „Alemannia Supporters“ (Angreifer auf die Demonstration am 02.11.2013) ihren angestammten Platz haben. Ist es alles Zufall, dass seit inzwischen Jahren der Verein Alemannia Aachen in Form von seinen Anhänger regelmäßig durch Gewalt und rechtsradikale Vorfälle auffällt? Ist es Zufall, dass diese Person gerade in diesem Block ansäßig war? Ist es Zufall, dass es bei Alemannia Aachen augenscheinlich seit Monaten eine aggressive Grundstimmung gibt? Ob diese Person nun der aktiven Neonaziszene zuzurechnen ist, spielt daher auch keine Rolle, dies hat der Verein Alemannia Aachen und dies haben die Fans von den Alemannia Supporters auch nach den Übergriffen auf die antirassistische Aachen Ultras behauptet und heute wird bekannt, dass die Gruppe Alemannia Supporters nun auch erkenntlich als Alemanniafans eine Demonostration für geflüchtete angreift. Kein rechter Zusammenhang?

    Du fragst, was der Verein Alemannia Aachen hätte machen sollen?

    Dieser hat eine gesellschaftliche Verantwortung für alle Menschen, die in diesem Verein spielen, diesen Verein Unterstützen oder einfach nur aus Interesse verfolgen. Dieser Verantwortung sollte man sich mal bewusst werden. Wenn sich nun seit etwa 3 Jahren, in unregelmäßigen Abständen, die rechten Vorfälle häufen MUSS etwas unternommen werden. Man sollte das Thema erkennen, beim Namen nennen und dieses bekämpfen. Man erreicht bei einer solchen Problematik nichts, wenn man die ganze Sache aussitzt, man erreicht nichts wenn man sich für den Moment plakativ äußert und dabei wohlmöglich die Aggressoren (NEONAZIS) nicht benennt. Man muss effektiv wahrnehmen können, dass dieser Verein die Geschehnisse aufarbeitet und ernsthaft gewillt ist diesen Menschen keine Plattform zu bieten. Das konnte Alemannia Aachen bisher leider nie vermitteln und wird dadurch stetig lukrativer für Neonazis, die nutzen diesen Verein Alemannia Aachen als Label für Ihre Menschenverachtenden Vorhaben oder meinst du ernsthaft, die überregionalen Neonazis lassen sich mit Schals von Vereinen ablichten, von denen man ganz klar weiß diese gehen kompromisslos gegen Neonazis und rechtsradikale Tendenzen vor?

    Wenn wem etwas an dem Verein Alemannia Aachen liegt, dann sollte nun so schnell wie möglich eine Kehrtwende eingeleitet werden. Eine offensive antirassistische Positionierung und eine offensive Haltung gegen NEONAZIS und Gewaltfans (Hooligans, Karlsbande)ist da unumgänglich. Vielleicht sollte man sich auch einfach mal das Problem eingestehen und sich Hilfe hinzuziehen, die Stadt Aachen, der DFB aber auch den Sponsoren wird es sicher auch ein Anliegen sein. Man hat es selber in der Hand.

    Andernfalls, wird der Verein in Zukunft durch stetige Relativierung (aus Vereinsperspektive) aber auch aus Fankreisen zerbrechen. Denn die Gewaltfans und die Nazis werden diesen ohne kompromissloses Vorgehen (von Verein, Polizei, DFB und anderen Fans) bis auf den letzten Bluttropfen aussaugen.

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