NPD-Demo: Hurra, das ganze Dorf ist da!

(Foto: Marcus Fischer)
(Foto: Marcus Fischer)

Was unterscheidet Hamburg vom Erzgebirge? In der Hansestadt gehen mehr als 10.000 Menschen für die Rechte von Flüchtlingen auf die Straße, in Schneeberg hingegen folgen Hunderte Bürger einem NPD-Aufruf zu einem Fackelmarsch gegen ein Asylbewerberheim. Mit Nazis habe man aber – selbstredend – nichts zu tun.

Von Patrick Gensing

„Mit einem herzlichen Glück Auf, dem Gruß der Bergleute, der in unserer Stadt lebendig geblieben ist und noch heute mit Stolz und Achtung von den langen Bergbautraditionen kündet, grüße ich Sie ganz herzlich.“ Mit diesen Worten meldet sich der Bürgermeister von Schneeberg, Frieder Stimpel, auf der Homepage der Stadt.

"Schneeberg wehrt sich" - die NPD kann jubeln. (Screenshot Facebook)
„Schneeberg wehrt sich“ – die NPD kann jubeln. (Screenshot Facebook)

Knapp 15.000 Menschen leben hier – und am Samstag demonstrierten etwa 1.800 Personen gegen eine Asylunterkunft in einer  ehemaligen Kaserne am Stadtrand. Die Veranstalter sprechen sogar von 2500 Teilnehmern. Sie waren einem Aufruf des NPD-Funktionärs Stefan Hartung zu einem Fackelumzug gefolgt. Bei der Versammlung trat auch der NPD-Landtagsabgeordnete Mario Löffler auf, auch er begrüßte die Schneeberger mit einem „herzlichen Glück Auf!“. Er sei begeistert, so Löffler, dass so viele Menschen gekommen seien. Für die NPD in der Tat ein voller Erfolg – besonders für Löffler und Parteichef Apfel, die auf das Konzept der „seriösen Radikalität“ setzen.

Kriminalität, Drogen, Belästigungen

Die NPD präsentiert sich daher für ihre Verhältnisse moderat, offenkundig, um die Teilnehmer nicht zu verschrecken. Dabei brauchen viele offenkundig  gar keine Nachhilfe mehr in Sachen Hetze, sie spulen die gängigen Vorurteile gegen Flüchtlinge so routiniert und ungeniert ab, dass klar wird, wie normal dies in Schneeberg, nicht einmal eine halbe Stunde entfernt von Zwickau, alles ist.

Es sei bekannt, sagt eine Frau, die aussieht wie eine bekannte NPD-Funktionärin, dem MDR, dass es im Zusammenhang um Kriminalität, Drogen und Belästigungen von Frauen und Mädchen gehe. Eine andere Frau belehrt die Flüchtlinge, sie sollten doch bitte zu Hause bleiben und ihre Länder aufbauen. Dann ginge es ihnen vielleicht besser. Mit Nazis habe man nichts am Hut, versichern Teilnehmer der NPD-Veranstaltung. Das sei Quatsch, versichern mehrere Bürger, es ginge einfach nur um Schneeberg.

Gespentische Szenen in Schneeberg: Die NPD mobilisierte gegen Flüchtlinge, Hunderte Menschen folgten dem Aufruf. (Foto: Marcus Fischer)
Gespentische Szenen in Schneeberg: Die NPD mobilisierte gegen Flüchtlinge, Hunderte Menschen folgten dem Aufruf. (Foto: Marcus Fischer)

Mehr als 10.000 Menschen demonstrieren für Flüchtlinge

Um ihre Stadt ging es – unter anderem – auch Tausenden Menschen, die am gleichen Tag in Hamburg demonstrierten. Nämlich um die Frage, in welcher Stadt man leben möchte: eine Stadt, die sich Tor zur Welt schimpft, aber gleichzeitig Jägerzäune um die Vorgärten zieht und Flüchtlinge in den Tod abschieben lässt? Oder doch eher eine Stadt, die sich solidarisch zeigt, die ihren Reichtum nicht nur hortet oder für sinnlose Prestigeobjekte verpulvert, sondern für Menschen in Not benutzt?

Mehr als 10.000 Menschen demonstrierten zudem nicht nur für eine lebenswerte Stadt, sondern konkret für die Rechte von Flüchtlingen in Hamburg. Sie forderten ein Bleiberecht für die sogenannten Lampedusa-Flüchtlinge in der St. Pauli-Kirche, die seit Wochen von der Bevölkerung mit Spenden versorgt werden, während der SPD-Senat sich von seiner ganz häßlichen Seite zeigt.

Mehr als 10.000 Menschen für Flüchtlinge ist in Deutschland eine unbekannte Größenordnung – an die 1800 Teilnehmer der NPD-Veranstaltung in Schneeberg reicht diese Zahl dennoch nicht heran. Denn hier können die stolzen Erzgebirgler mit Fug und Recht behaupten, das ganze Dorf sei da gewesen. Das Feindbild Flüchtlinge hilft, sich der eigenen Identität zu versichern und mal wieder ein echtes Volksfest feiern zu können.

NPDler Löffler versicherte den Schneebergern dann auch noch, sie seien mit ihren stumpfen Vorurteilen eine Art Avantgarde: „Ihr habt den Mut, für Eure politischen Überzeugungen auf die Straße zu gehen. Ihr wißt, Euer Problem stellt sich derzeit in ganz Deutschland. Die Menschen im Erzgebirge, in Sachsen und in ganz Deutschland schauen auf Euch!“

Sagen Reiseveranstalter ab?

Der NPD-Funktionär Hartung konnte sich in Schneeberg über viele Zuhörer freuen. (Screenshot MDR)
Der NPD-Funktionär Hartung konnte sich in Schneeberg über viele Zuhörer freuen. (Screenshot MDR)

Und die Menschen in Deutschland müssen sich dann auch noch das Gejammer anhören, wenn sich solche Kleinstädte in der östlichen Peripherie – vollkommen zu Unrecht natürlich – in die braune Ecke gestellt fühlen. Nur, weil hier jeder zehnte Einwohner bei einer NPD-Demo mitmacht… Großen Respekt muss man indes den rund 500 Menschen aussprechen, die sich gegen das braune Volksfest gestellt haben. Antifaschistische Gruppen sowie Linke, Grüne und SPD wollten damit ein Zeichen für Frieden, Menschlichkeit und eine Willkommenskultur für Flüchtlinge setzen.

Es war übrigens nicht die erste erfolgreiche NPD-Veranstaltung in Schneeberg. Mitte Oktober folgten rund 1000 Menschen einem Aufruf der Partei. Bürgermeister Stimpel setzte danach auf einen altbekannten Trick: Es habe sich bei den Teilnehmern um Rechtsextreme aus ganz Deutschland gehandelt, behauptete er gegenüber der BILD-Zeitung. Damit wollte er offenbar das „Ansehen der Stadt“ retten. Denn, so der Bürgermeister weiter, ein Reiseveranstalter überlege bereits, „ob er zur Weihnachtszeit noch Touristen herbringt. Und wir fürchten weitere Absagen.“ Auch Vertreter des Tourismusverbandes zeigten sich besorgt.

Wenn man denn schon in der „Gegen-Nazis-sein-aus-Image-Pflege“-Kategorie denken möchte – ein kleiner Tipp: In Hamburg, wo der höchste Anteil mit Menschen mit Migrationshintergrund lebt und wo die NPD ihr bundesweit schwächstes Ergebnis eingefahren hat, boomt der Tourismus weiterhin.

Siehe auch: Hetze gegen Flüchtlinge: Ein echtes 90er Revival?, Hamburg: Jenseits von Gut und Böse, Mit Fackeln gegen das Asylbewerberheim, Berlin-Hellersdorf: Skaten gegen den Alltagsrassismus  , Der Einzelfall von Bad Schandau

35 Kommentare zu „NPD-Demo: Hurra, das ganze Dorf ist da!

  1. Als ich heute zum ersten Mal von den 1800 Demonstranten las, war ich richtig betroffen. Ich frag mich, ob die vielen Demonstranten, die behaupten, sie seien keine Nazis oder hätten nichts mit der NPD am Hut, sich der Tatsache bewusst sind, dass sie sich mit genau diesen Menschen gemein machen.

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  2. Es ist gut, dass die Situation in Schneeberg endlich bundesweite Aufmerksamkeit erfährt. Die Presse vor Ort, namentlich der MDR, schafft es in keiner Weise eine angemessene Berichterstattung abzuliefern. Die als besorgte Schneebergerin vorgestellte Frau ist z.B. die NPDlerin Gitta Schüßler, u.A. Mitbegründerin des Ring Nationaler Frauen. Und die Demonstration die den den sächsischen Oppositions-Parteien zugesprochen wird, wurde keineswegs von diesen organisiert, sondern von einer Initiative sächsischer Antifa- und Antira-Gruppen. Deren Aufruf findet sich unter anderem hier: http://de.indymedia.org/2013/10/349736.shtml.

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  3. Zum Interview des MDR wurde folgendes auf Facebook gepostet „klar, die Schüßler-Gitta (NPD) als Schneeberger „Bürgerin“ vorzustellen ist schon schön, wenn auch falsch. Und ihr auch noch das Wort zu geben eklig.“

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  4. „Es sei bekannt, sagt eine Frau dem MDR, dass es im Zusammenhang um Kriminalität, Drogen und Belästigungen von Frauen und Mädchen gehe.“

    Diese Frau, die vom mdr als „besorgte Bürgerin“ interviewt wird, sieht mir doch sehr nach Gitta Schüßler aus Limbach-Oberfrohna aus, die seit 2004 für die NPD im sächsischen Landtag sitzt.

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  5. In der Tat sieht die Dame sehr nach der angesprochenen NPD-Dame aus. Ich war mir aber nicht wirklich sicher – und bin davon ausgegangen, dass der MDR sie kennen würde…

    Allerdings ist die Frau danach ja fast noch härter…

    Viele Grüße
    Patrick Gensing

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  6. Ich versteh diese Menschen nicht, vor 1989 waren sie selbst Mauer flüchtlinge!!
    haben um hilfe gebeten und sie auch bekommen, da sieht man mal wie krank und stupide diese Menschen sind.
    Die Schuld immer den Minderheiten in die Schuhe schieben weil sie zu feige sind sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen.

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  7. „Kriminalität, Drogen, Belästigungen“ geht in Schneeberg von den Rechten aus. Die Leute die gegen das Asylantenheim demonstriert haben, können diese Argumente nicht nutzen, wenn sie gleichzeitig mit Nazis marschieren. Es ist eine Schande.

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  8. Krass….wir wollten eigentlich mit einer Gruppe von 23 Personen unseren Kurzurlaub in
    Schneeberg verbingen….nachdem heute Abend bei RTL Spiegel TV diese hässlichen
    Bilder gezeigt wurden …..werden wir Morgen früh alles stornieren !!!

    Wer fährt da denn noch freiwillig hin? UNGLAUBLICH….

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  9. Das hat zwar nur ganz am Rande was mit dem Thema zu tun, aber es interessiert mich trotzdem. Im Artikel steht: „In Hamburg, wo der höchste Anteil mit Menschen mit Migrationshintergrund lebt[…]“; Gibt es dazu eine Quelle? Ich dachte immer die (größere) Stadt mit dem höchsten Migrationshindergrundsanteil sei Stuttgart. Merci.

    Anmerkung: Im Vergleich der Bundesländer liegt Hamburg bundesweit vorne, wie der Zensus 2011 ergeben hat.

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  10. Vieleicht als Ergänzung.Die mehr als 500 (ich gehe eher von 700 aus)Menschen der Gegendemo waren größtenteils Antifas. Es gab natürlich auch einen Partei und Gewerkschaftsblock, der aber die Minderheit darstellt.Im MDR und auch hier wird es so dargestellt als wäre es eine reine Bürgerdemo gewesen.

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  11. Ich komme aus Schneeberg, bin aber seit längerer Zeit verzogen.
    Ich muss ganz ehrlich sagen: das was da in Schneeberg passiert überrascht mich nicht.
    Rechte Tendenzen, die als solche gar nicht wahrgenommen werden gab es schon immer.
    Es fehlte nur der Angriffspunkt. Die Ausländer- das waren immer die weit weg in Berlin.
    Geflüchtete- die gibt’s nur in den Medien. Nazis- das sind die anderen.
    Gefühlt hat man das Problem der prügelnden und pöbelnden Glatzen in Springerstiefeln überwunden.
    Dass Rechtsextremismus auch ein bürgerliches Gesicht haben kann, hat keiner so richtig erkannt.

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  12. Die Demonstration gegen den Fackelmarsch wurde organisiert von einer „Initiative Sächsischer Antifa und Antira Gruppen“. Das hat mittlerweile auch der MDR und andere Medien erkannt und ihre Artikel dementsprechend angepasst. Vielleicht machst du das hier auch noch. Es gab erfreulicherweise auch einige Menschen aus Schneeberg und von den genannten Parteien und auch von der Gewerkschaft, die an der Demo teilnahmen. Aber die übergroße Mehrheit bestand aus Menschen, die aus Antifa- und Antirazusammenhängen kommen. Ich denke das zeigen auch die Bilder z.B. hier:
    http://www.freiepresse.de/BILDERGALERIEN/index.php?gal=20942&bild=1&return_id=10088528

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  13. also, diese gegendemo am 2.11. war KEINE vranstaltung von „linken, grünen, spd“. da sollte man einfach nicht beim mdr abschreiben! es hätte gereicht bei den ersten 5 minuten anwesend zu sein, um zu „recherchieren“ werd diese veranstaltung organisiert hat….

    Moin, das stimmt, danke für den Hinweis, PG.

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  14. Hallo an alle. Ich kann eure Empörung verstehen,da ich diese selbst empfinde.Aber ist es nicht falsch alle,die hier leben,bzw.alle Schneeberger in eine Schublade zu stecken.Das ist in meinem Augen genau die Art von Hetze,die ihr hier anprangert.Sicherlich klingt 1800 Menschen,die dem Hohlsülz eines Karnevalsverein namens NPD zujubeln viel,aber wenn man bedenkt,dass Menschen aus allen angrenzenden Ortschaften und Städten zu dieser braunen Veranstaltung gekommen sind,sinkt die Zahl auf wahrscheinlich nicht mehr als 1%.Ich persöhnlich distanziere mich von jeglicher radikaler Weltanschauung. Meine Familie ist multikulturell und selbst in meinem Freundes-und Bekanntenkreis(der im übrigen sehr groß ist) hat keiner diese Veranstaltung besucht.Und stellt euch vor,wir alle leben hier,sind sogar hier geboren.Finde es echt beschämend,wenn ich Statements wie:Die Mauer muss her oder ähnliches lesen muss. Und das von Menschen,die von Toleranz und Fremdenliebe sprechen.Aber dann so hohle Parolen,die meines erachtens nach nicht besser sind,wie die des braunen Pack.Super Schubladendenken.

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  15. in der tat gab es auch leute die unserer antifademo applaudiert haben oder zuwinkten.
    jetzt wissen die leute die sich nicht der npd angeschlossen haben dass es auch widerstand gibt.
    wir werden sehen ob sich beim nächsten naziaufmarsch am 16. in schneeberg mehr schneeberger dem antifaschistischen widerstand anschließen
    um den nazis zu zeigen das sie eben nicht „das volk“ sind sondern nur ein trauriger haufen verbitterter rassisten 😉

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  16. Die Bewohner beteiligen sich aber nicht am politischen Willensbildungsprozess. Nicht zu einer rechtsextremen Versammlung im eigenen Ort zu gehen, ist keine geeignete Art und Weise seinen konträren Standpunkt darzustellen.

    Ich persönlich würde mich von einer Versammlung, bei der drei andere Teilnehmer den Hitlergruß zeigen, umgehend entfernen!

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  17. Man sollte nicht vergessen, das im Erzgebirgskreis mehr als 350.000 Menschen wohnen und die NPD ihre Anhänger aus ganz Sachsen herangekarrt hat. Auf Facebook haben wir die Gruppe „Schneeberg für Menschlichkeit“ ins Leben gerufen und hoffen auf noch mehr Unterstützer!
    Grüße aus dem Erzgebirge !

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  18. Zum Thema,wo gefordert wurde:Die Mauer muss her.Les mal weiter oben,bei rattazong oder Johi.Sehr intelligent.Sich aber über Rassismus aufregen und selbst von den Medien aufstacheln lassen und dann so hohle Parolen in die Welt schreien.Besonders von einem Sender wie RTL,dessen Realitätsnahe Berichterstattung bekannt ist.Sieht man ja an den restlichen Formaten,die da so ausgestrahlt werden.Danke Marky,wenigstens einer mit Hirn.

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  19. habsch übersehn, sorry. weiß trotzdem noch nich wie du den bogen zwischen sarkasmus und rassismus/’ner eleminatorischen ideologie schlägst!
    egal, deshalb: siehe erster kommentar meinerseits.

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  20. Ich „liebe“ ja solche einseitigen schlecht recherchierten Berichte, die nur wieder das Vorurteil über die rechten Sachsen bestätigen und die Mauer in den Köpfen aufrecht erhalten. Und „Spiegel-TV“ ist auch nicht so seriös und glaubhaft wie es dem Namen nach scheint. Man beachte nur den Sender, der das ausstrahlt. Ich schließe mich Marky an. Jetzt wird wieder eine Stadt verunglimpft wegen so ein paar Chaoten, die aus ganz Sachsen kommen, um mal ein bissel Spaß zu haben. Toll!

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