Sicherheitswahn: DFB kriminalisiert Wunderkerzen

In Hamburg treibt der Sicherheitswahn rund um den Fußball neue Blüten: Feuerwehr und DFB warnen vor den Gefahren durch Wunderkerzen. Eigentlich ein Spaß für Kinder, in den Händen von Fußballfans aber offenkundig Teufelszeug. 

Von Patrick Gensing

Achtung, Achtung, rufen Sie bitte die Feuerwehr: Dieser gefährliche kleine Junge hat eine Wunderkerze entzündet. (Foto: sean dreilinger / flickr.com / CC-BY-NC-SA 2.0)
Achtung, Achtung, rufen Sie bitte die Feuerwehr: Dieser gefährliche kleine Junge hat eine Wunderkerze entzündet. (Foto: sean dreilinger / flickr.com / CC-BY-NC-SA 2.0)

Immer wenn man denkt, absurder, realitätsfremder und dümmer kann es nicht mehr werden, kommt irgendjemand, und setzt noch einen drauf: Dieses mal sind es Hamburger Feuerwehr und Polizei. Auf der Seite des Zweitligisten FC St. Pauli heißt es, bei den vergangenen beiden Heimspielen sei „es in unterschiedlichen Stadionbereichen zu intensivem Gebrauch von Wunderkerzen“ gekommen. Die Feuerwehr Hamburg kritisiere dies und habe „auf die erhöhte Gefahr durch entflammbare Stoffe wie Fahnen, etc.“ hingewiesen. Was „etc.“ bedeutet, bleibt unklar, vielleicht die Kleidung der Fans? Nach Informationen von Publikative.org hatte sich nicht nur die Feuerwehr, sondern auch die Hamburger Polizei beim DFB beschwert.

Der Verband nahm diese Vorlage offenkundig dankbar auf und schrieb einen bitterbösen Brief an den Verein, wie aus gut informierten Kreisen zu hören ist. Der DFB erklärte, dass „es sich auch bei Wunderkerzen um Pyrotechnik handelt“. Dies könne bei missbräuchlichem Einsatz zu Schäden führen. Das Spiel gegen Paderborn am Montag stehe dementsprechend „unter Beobachtung“. Der FC  rief die Fans daher „dringend“ dazu auf, keine Pyrotechnik, sprich Wunderkerzen, mit ins Stadion zu nehmen, „um Gefährdungen vorzubeugen und dem Verein vor Schaden in Form von Strafen zu bewahren“.

Bei Wunderkerzen bis zu einer Länge von 30 cm handelt es sich um Feuerwerkskörper der Klasse I (sogenanntes Kleinstfeuerwerk), welche das ganze Jahr über abgegeben werden dürfen und zwar auch an Personen unter 18 Jahren. Die europäische Norm EN 71 „Sicherheit von Spielzeug“ verbietet die Abgabe an Kinder unter 3 Jahren. (Quelle: Wikipedia)

Kurzum: Nicht mehr bengalische Feuer, Rauchbomben sind nun das Problem, sondern auch noch handelsübliche Wunderkerzen. Zunächst hielt der Autor die Mitteilung des Vereins für einen  vorgezogenen Aprilscherz, immerhin findet die Begegnung St. Pauli gegen Paderborn am 1. April statt, doch aus dem Verein wurde die Echtheit des DFB-Schreibens bestätigt. Mit der quasi ungefilterten Weitergabe dieses Schwachsinns an die Fans wird sich der FC St. Pauli, angeblich non-established und rebellisch, zudem sicherlich bei seinen Fans höchst „beliebt“ machen. Will St. Pauli beim Abbrennen von Wunderkerzen künftig auch Stadionverbote erteilen?

Auch beim 1. FC Kaiserslautern untersagte der DFB bereits das Abbrennen von Wunderkerzen. Solche Aktionen dürften nur noch durch „Fachfirmen“ durchgeführt wurden, hieß es dort im Dezember 2012. Ähnliches geschah im September 2012 beim VfL Bochum.

Publikative.org meint: Wunderkerzen sollten künftig auch auf Kindergeburtstagen dringend verboten werden – wegen entflammbaren Stoffen wie Papptellern, Plastikbechern oder Papierfähnchen. Hamburger Polizei, Feuerwehr + DFB – übernehmen Sie! Und sicherlich wird bald in der ersten Talkshow demonstriert, wie schnell Menschen durch Wunderkerzen in Brand gesteckt werden können.

Siehe auch: Ein Toter bei Polizeiübung gegen Fußball-Randale

22 Kommentare zu „Sicherheitswahn: DFB kriminalisiert Wunderkerzen

  1. „Kurzum: In der “Sicherheitsdebatte” ist eine neue Stufe erklommen worden.“

    Das ist leider nicht wahr. Eine Wunderkerzenaktion wurde bereits im letzten Jahr beim VfL Bochum verboten.

    http://www.westline.de/fussball/vfl-bochum/Wunderkerzen-Verbot-beim-VfL-Bochum-sorgt-fuer-Unmut;art1997,1114461

    „Rund eine Woche vor der Partie grätschte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dazwischen und ließ die Aktion verbieten.“

    Die sind schon länger Wahnsinnig!

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  2. die dinger kann man nur mit ganzkörperkontrollen finden und da die polizei in der drittenliga schon gezeigt hat wie diese aussehen ist mit massenweisen durchsuchungen zu rechnen.es sollte jetzt schon nachgedacht werden,wie damit umgegangen wird.

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  3. nach meiner zählung müsste die hubschrauberstaffel der bundespolizei immer noch 85 flugtaugliche geräte in ihrem bestand haben. die sollten ja eigentlich reichen, um den gefährlichen wunderkerzenspuk zu beenden. neben dem millerntor-stadion gibt’s auch eine große freifläche, wo die landen können…

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  4. @AdAbsurdum: Auch beim FCK wurden schon geplante Wunderkerzen-Aktionen verboten. Das Besondere hier scheint uns aber zu sein, dass es sich um ein ganz normales Abendspiel ohne irgendwelche besondere Aktionen handelt, bei denen der Verein oder sonstwer Wunderkerzen verteilen will. Es geht offenbar schlicht und einfach darum, das vereinzelte Abbrennen von Wunderkerzen beim Einlauf auf dieselbe Stufe zu heben wie „echte“ Pyrotechnik.

    Nicht, dass wir die Verbote bei Bochum oder Kaiserslautern besser finden würden, aber da könnte man immerhin noch argumentieren, wenn da was passiert, und das war eine offizielle Aktion, dann haften Verein und Verband nochmal ganz anders.

    Hier hingegen geht es schlicht und ergreifend darum, erwachsenen Menschen und/oder Jugendlichen etwas zu verbieten, das nicht nur zu jeder Zeit im Jahr völlig legal in jeder Drogerie zu kaufen ist, sondern das man zu allen möglichen Anlässen kleinen Kindern in die Hand gibt.

    Mit herzlichen Grüßen
    Andrej Reisin

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    1. @Hugo Kaufmann:
      Finde das ohne konkreteren Beleg leider ein bisschen verschwörungstheoriemäßig. Verein und Fanladen(!) bestätigen die Beschwerden von Feuerwehr und Polizei sowie ein entsprechendes DFB-Schreiben. Laut dem Sicherheitsbeauftragten wollte der Sponsor ursprünglich sogar selbst Wunderkerzen einsetzen. Bevor man da in diese Richtung spekuliert, müsste man schon etwas handfestere Hinweise haben, finde ich.
      MhG
      Andrej Reisin

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  5. „Finde das ohne konkreteren Beleg leider ein bisschen verschwörungstheoriemäßig.“
    Liegt mir fern, irgendwelche Verschwörungstheorien aufzubauen. Wir haben den Hinweis bekommen, wir haben keinen Beleg. Kann stimmen, muss nicht. Nicht mehr – nicht weniger.

    „Verein und Fanladen(!) bestätigen die Beschwerden von Feuerwehr und Polizei sowie ein entsprechendes DFB-Schreiben.“
    Das bestreitet doch keiner. Die Frage ist doch aber, woher so plötzlich dieses Interesse kommt, nach all den Jahren Wunderkerzen. Und die Frage stellt ihr euch doch im Prinzip auch. Sollte der Sponsor seine eigentlich geplante Wunderkerzenaktion (hier stimmen unsere Information und die Aussagen von Sven ja offenbar überein) tatsächlich offiziell angefragt haben, und das wäre nicht sooo verwunderlich, ergäbe das doch möglicherweise das fehlende Puzzlestück zur Erklärung des plötzlichen Interesses. Mehr nicht. Keine böse Verschwörung. Eine mögliche Verkettung von Umständen – kann stimmen, muss nicht. Müsste bestätigt werden.

    Beste Grüße

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  6. Die Wunderkerze in der Hand eines Kindes ist sicherlich ungefährlicher als in der Hand eines sog. Fußball-Fans, „der nur ein wenig Spass haben möchte“. Die Auswirkungen von „Spass“ werden oft genug bei Übertragungen im TV gezeigt.

    Solange zahlreiche „Fans“ während der Anfahrt zum Stadion „vorglühen“ (man steigt schon mit Bierkisten in den Zug ein), wird sich das auch nicht ändern.

    Ich empfehle jedem, der glaubt, dass ich übertreibe, eine Fahrt mit der DB nach einem Fußballspiel im Ruhrgebiet, bzw. nachdem die TV-Übertragung beendet ist. Grölende und pöbelnde „Fans“ sind dann die Regel. LEIDER !!

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  7. Oh mein Gott, vielleicht fragt mal jemand bei Fans des Eishockeyvereins DEG nach, der bereits zu den Spielen des Vereins gegangen ist, als dieser noch an der Brehmstraße gespielt hat, was da beim Einlauf der Mannschaften passiert ist und ob es da groß Verletzte durch Wunderkerzen gab. Da haben bei ausverkauftem Stadion (d.h. mind. 10.500 Leute) so gut wie alle Zuschauer (selbst die Gästefans, die ohne Abtrennung von den Heimfans in einer Kurve standen)Wunderkerzen beim Einlauf der Mannschaft abgebrannt.

    Das ist pure Schikane, Wichtigtuerei, Drohgebärde und Angst vor irgendwelchen Klagen in einem, was der DFB und die DFL da antreibt.

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