NSU-Liste als Richterskala für das Versagen

Mittlerweile werden fast 130 Neonazis dem Unterstützernetzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)  zugerechnet. Zuvor war von 100 Rechtsextremen die Rede. Für die Ermittlungsbehörden ein weiteres Fiasko. 

Von Patrick Gensing

Die geheime Liste über das NSU-Netzwerk funktioniert für das öffentliche Vertrauen in die Kompetenzen deutscher Ermittlungsbehörden wie die Richterskala bei Erdbeben. Je größer die Zahl der mutmaßlichen NSU-Unterstützer wird, desto stärker die Erschütterung. In dem Maße, wie möglicherweise noch vorhandenes Vertrauen zerstört wird, wächst das  Misstrauen.

"Rock für Deutschland 2012": Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)
„Rock für Deutschland 2012“: Aus dem THS ging der NSU hervor (Foto: M.S.)

Handelt es sich also um Versagen oder sogar um Vertuschen? Das kann bislang niemand eindeutig beantworten. Doch beide Optionen sind katastrophal: Entweder ahnten die Geheimdienste über mehr als zehn Jahre nichts von zehn Morden, mehreren Bombenanschlägen und zahlreichen Banküberfällen, die vorbestrafte und bekannte Neonazis bundesweit durchführten – was angesichts der Taten und eines mutmaßlichen Netzwerks von fast 130 Neonazis fatal wäre. Oder – bislang reine Spekulation, aber einige Indizien wie das Schreddern von Akten weisen darauf hin – einzelne Stellen in den Geheimdiensten wussten etwas vom NSU – und taten nichts, um die rassistischen Mörder zu stoppen. Warum? Vielleicht, um V-Leute zu schützen, vielleicht, um eigenes Versagen zu vertuschen, vielleicht, um offizielle Einschätzungen, wonach es keine  Bedrohung durch Rechtsterrorismus gebe, nicht korrigieren  zu müssen.

Unter den 129 mutmaßlichen Unterstützern sind auch Neonazis, die Informationen an die Geheimdienste oder die Polizei verkauften. So wurden im Oktober 2012 laut „taz“ bereits fünf langjährige V-Leute auf einer geheimen Liste mit 100 mutmaßlichen NSU-Unterstützern aufgeführt, darunter der ehemalige Chef des Thüringer Heimatschutzes, Tino Brandt, der Ex-Blood-and-Honour-Aktivist sowie NSU-Sprengstofflieferant Thomas S. und der einflussreiche Neonaziaktivist Thomas R. aus Sachsen-Anhalt.

Eine Quote von fünf Prozent erscheint aber noch relativ gering; beim „Thüringer Heimatschutz“, aus dem der NSU hervorging,  soll fast ein Drittel der Kader Informationen an den Geheimdienst verkauft haben. Es erscheint also durchaus möglich, dass weitere Verbindungen zwischen staatlichen Stellen und NSU-Umfeld bekannt werden – auch die Richterskala ist nach oben offen.

Siehe auch: Es gibt keine Notwendigkeit für den VerfassungsschutzV-Mann sei Dank: NPD kassiert mehr als 20 Mio. EuroBKA hält NSU-Adresslisten zurück

12 Kommentare zu „NSU-Liste als Richterskala für das Versagen

  1. “ Vielleicht, um V-Leute zu schützen, vielleicht, um eigenes Versagen zu vertuschen, vielleicht, um offizielle Einschätzungen, wonach es keine Bedrohung durch Rechtsterrorismus gebe, nicht korrigieren zu müssen.“

    Vielleicht, weil das Treiben von THS und NSU bei einigen VS-Mitarbeitern auf gewisse Sympathie stiess?

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  2. Behördenversagen, Vertuschung, Rassismus unter Beamten…die staatlichen Sicherheitsbehörden haben im letzten Jahr jede Menge Vertrauen verloren, das wieder aufzubauen wird schwierig.

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  3. Irgendwie wird man das Gefühl nicht mehr los, dass das System hat. Das ist mit Versagen und Vertuschen nicht mehr zu erklären. Mir kommt es zunehmend so vor, als ob sich diverse Instanzen mit aller Macht gegen die Aufklärung wehren. Das Ganze ist mehr als beschämend und traurig.

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  4. Im Moment im Spiel sind( soweit ich das zusammenkriege ) :
    ……………………………………………………………..

    ab 94 : Tino Brandt, Chef des THS, 1994-2000 V-Mann beim LfV Thüringen,
    nach der Abschaltung gibt es mehrere Nachsorgetreffen.
    An die 40 der ca 150 Kameradschaftler des THS sollen Informanten
    der Geheimdienste gewesen sein.

    ab 91 : Thomas S., sass 93-96 in Haft und wurde dort vom Trio besucht,
    hatte dann ein Verhältnis mit Zschäpe,
    besucht „Piato“ während dieser in Haft ist,
    veröffentlicht im „Der Weisse Wolf“ und „United Skins“ berichte.
    Sprengstofflieferant des Trios,
    nach dem Abtauchen des Trios erste Kontaktperson in Chemnitz.
    Hat Ende der 90er gute Kontakte zu Neonazis aus Dortmund.
    Belastet Jan W. Ende 2000 im Landser-Verfahren,
    ist dann bis Anfang 2011 V-Mann des LKA Berlin.
    S. gibt 2002 Hinweise auf drei Untergetauchte Thüringer,
    deren Namen er aber nicht weiss, und belastet dabei Jan W.( B&H ).
    Akten des BfV zu S. werden im Februar ’02 gelöscht,
    Dokumente des LKA Berlin verschwinden spurlos.

    ab 98 : Carsten „Piato“ Szczepanski,
    hatte Verbindungen zu C18 in England,
    gründete 1991 als NF-Kader eine KKK-Gruppe bei Berlin,
    versucht 1992 mit seinen Anhängern
    einen schwarzen Asylbewerber öffentlich zu töten, bis 1999 in Haft.
    Wird in U-Haft vom LfV Brandenburg angeworben, 2000 dann enttarnt.
    Die Anwerbung, bzw Weiterführung, erfolgte auf den Rat einer
    namentlich nicht genannten Person, welche mitlerweile verstorben ist
    und international bekannt gewesen sein soll.
    „Piato“ brachte sein Fanzine „United Skins“
    während seiner Haftzeit raus,
    und „Der Weisse Wolf“ entstand währenddessen.
    Bietet Jan W. im Auftrag des VS an Waffen
    für drei (namenlose) Untergetauchte zu besorgen,
    ist dann anscheinend aber selbst nach Chemnitz gefahren.
    1999 zieht „Piato“ nach Chemnitz, wo er dann in einem
    rechten Szeneladen arbeitet, der von einer Frau betrieben wird
    die ihn im Gefängnis besuchte und zu den Unterstützern
    des Trios gezählt wird.

    1998 : Thomas R., alias „Corelli“. Ist von 1997-2007
    V-Mann des BfV, steht auf der Kontaktliste von Mundlos
    die 1998 in der Garage gefunden wurde.
    Wurde laut Achim S. 1999 Mitglied beim KKK,
    und dann 2000 bei den EWK KKK, die S. in Schwäbisch Hall
    gegründet hat, und bei der auch zwei spätere Kollegen
    der 2007 vom NSU ermordeten Polizisten waren.
    R. soll laut einem ehemaligen Mitglied versucht haben
    eine Ortsgruppe in Leipzig aufzubauen,
    möglicherweise spendierte der VS ihm im Rahmen
    seiner Klanstätigkeit einen Flug in die USA.
    R. stellte den Webspace für die Onlineausgabe
    des Fanzines „Der Weisse Wolf“.

    2001 : „Primus“, 1992-2002 V-Mann des VS, betreibt
    von 2000 bis 2002 eine Baufirma in Zwickau.
    Hatte 2001 an Tagen an denen der NSU Morde in Nürnberg
    und München begang Autos gemietet,
    die für längere Fahrten genutzt wurden.
    Einer seiner Mitarbeiter wohnte in Zwickau in der Polenzstrasse,
    wo zu der Zeit auch das Trio wohnte.
    „Primus“ ist ein Bekannter von Thomas S., Jan W. und André E..

    2006 : Toni S., traf sich laut einem V-Mann namens „Heidi“
    mit Uwe Mundlos in Dortmund, drei Tage bevor der NSU
    dort einen Mord begeht. „Heidi“ hatte zu der Zeit berichtet
    das S. versuchte dort tschechische Schusswaffen zu verkaufen,
    und konnte Mundlos dann später identifizieren.
    Die Generalbundesanwaltschaft unterbindet Ermittlungen,
    „Heidi“ wird abgeschaltet.
    S. war bis 2002 V-Mann des LfV Brandenburg,
    vertrieb mit dessen Segen CD’s der Bands „Landser“
    und „White Aryan Rebels“,
    wurde enttarnt da die Polizei nicht eingeweiht war.

    2006 : Benjamin G., der V-Mann der von Andreas T.
    in der rechtsextremen Szene geführt wurde.
    T. hielt sich im Internetcafe in Kassel auf,
    in dem der NSU einen Mord beging.
    Er telefonierte mit seinem V-Mann eine knappe Stunde
    bevor sich der Mord verübt wurde.
    Auch an zwei anderen Tagen an denen der NSU mordete
    gab es Telefonate mit G., und zwar 2005
    bei denen in Nürnberg und München,
    für den letzteren hat T. kein Alibi.
    Benjamin G. taucht dann auf der 129er-Liste
    der NSU-Ermittler auf.

    2011 : Peter Klose, bis Ende der 90er V-Mann.
    Von 2006 bis 2009 NPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag,
    bis 2011 NPD-Stadtrat in Zwickau, trat 2011 aus der Partei aus.
    Klose nannte sich 2011, noch vor bekanntwerden des NSU,
    auf Facebook „Paul Panther“.
    Klose kannte Thomas „Ace“ G. und André E.,
    steht auf der 129er-Liste.

    …………………………………………………………….

    Der Bundesanwalt Förster will sich erinnern den Namen „Wohlleben“
    auf einer V-Mann-Liste in Zusammenhang mit dem NPD-Verbotsverfahren 2003 gesehen zu haben.
    Ein ehemaliger Verfassungsschützer berichtet von einer Quelle
    namens „Stauffenberg“ aus dem Raum Heilbronn,
    diese solle 2003 Hinweise auf den NSU gegeben haben.

    Artikel zu Toni S. :
    http://www.derwesten.de/politik/die-rechte-terrorspur-der-nsu-fuehrt-nach-dortmund-id7766563.html

    Artikel zu Benjamin G. :
    http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-der-eigentliche-untergrund,1477338,22220790.html

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