Starrkopfrassismus: Denis Scheck weiß, was er tut

Der ARD-Chef-Literaturkritiker Denis Scheck hat in der Debatte um die Sprache in Kinderbüchern eine neue, aktive Dimension eröffnet . Es reicht ihm nicht mehr, bewahrend zu wirken, für den Erhalt einer historischen Sprache einzutreten. Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden – und holt die Blackface-Praxis nun auch ins Fernsehen.

Von Georg Felix Harsch

Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter
Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter

Jetzt ist einem der Kragen geplatzt. „Seit einigen Tagen diskutiert ganz Deutschland“, leitet der Chef-Literaturkritiker der ARD, Denis Scheck, seinen Beitrag zur sprachlichen Anpassung von Kinderbuchklassikern im Deutschen ein, und da muss er natürlich mitdiskutieren. Es ist eine Debatte, die für die Literaturkritik ganz entscheidende Fragen aufwirft: Man könnte darüber diskutieren, wie unveränderlich ein literarisches Kunstwerk ist oder sein muss und welche Rolle Autorschaft, Übersetzung, Urheberrechte und die Arbeit des Verlags in dieser Frage spielen; darüber, wie man einen Text eigentlich historisch-kritisch liest und, noch schwieriger, wie Fünf- bis Zwölfjährige mit der entsprechend geringeren Lektüreerfahrung das womöglich mit Erwachsenen zusammen machen können.

Aber an diesen Diskussionen hat Scheck kein Interesse, sie führen zu nah an die Grundfragen der Literaturwissenschaft und sind nicht besonders telegen. Außerdem ist er sehr wütend. Wütend über die Entscheidung der Verlage Oettinger und Thienemann, historisch diskriminierende Terminologie in Kinderbüchern von Ottfried Preußler und Astrid Lindgren zu ersetzen. Darin sieht er einen „feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“. Dieser Feigheit vor dem Feind, so findet er, muss man mit Mut begegnen und etwas tun. Schließlich lautet seine stets wiederholte catchphrase in der Sendung „Druckfrisch“, mit der er lesenswerte Bücher empfiehlt, „Vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue.“ Das Ergebnis ist also eine wohlüberlegte Handlung auf dem Reflektionsniveau seiner Sendung, die seit Jahren verlässlich Fernsehbilder über etwas produziert, das ja meistens ohne Bilder auskommen muss, nämlich Literatur.

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Um seiner Wut über die vermeintliche Feigheit der Verlage Luft zu machen, und um seinen eigenen Mut zu illustrieren, tut er also etwas, das sich seine Parteigänger in der Debatte bisher nicht getraut haben: Er malt sich das Gesicht schwarz an, zieht weiße Glacéehandschuhe an, stellt sich auf ein Podest und lässt dazu Musik von amerikanischen minstrel bands der 20er Jahre laufen, kurzum: Er reproduziert aktiv ein rassistisches, beleidigendes Bild, die tradierte stereotype Karikatur eines Schwarzen. Damit möchte er in seiner Wut die Verlage treffen, aber auch diejenigen, die hinter deren „vorauseilendem Gehorsam“ stehen: schwarze Deutsche, die sich über die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern beklagt hatten. Letzteres sagt er natürlich nicht, aber seine ZuschauerInnen wissen ja: Der Mann weiß, was er tut. Und weil er ein weltgewandter Feingeist ist, der selbstverständlich die Exzesse von Neonazis ablehnt, macht er einen Exkurs über die Etymologie des englischen Verbs „to bowdlerise“, das ursprünglich die Bereinigung von Texten von sexuellen Konnotationen beschreibt. In Kombination mit der Karikatur eines Schwarzen, die er selbst auf dem Bildschirm darstellt, sagt er also aus: Der Rassismus ist mir, ähnlich der sexuellen Lust, ein tief sitzendes, sublimiert oder direkt nach außen drängendes Bedürfnis, das nicht von schlichten Lektoratsentscheidungen eingeschränkt werden darf.

Eine aktive Dimension

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Damit eröffnet Scheck in der Debatte um die Sprache in Kinderbüchern eine neue, aktive Dimension. Es reicht ihm nicht mehr, bewahrend zu wirken, für den Erhalt einer historischen Sprache einzutreten. Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden. Als professionellem Feuilleton-Leser kann ihm unmöglich die Kontroverse um die Blackface-Praxis an deutschen Theatern im letzten Sommer entgangen sein, und das hat ihn wohl dazu inspiriert, diese Form der Repräsentation nun auch ins Fernsehen zu holen. Gleichzeitig geht er offensichtlich davon aus, dass er als Redakteur einer Sendung über deutsche Literatur nicht damit rechnen muss, so bald mit Menschen konfrontiert zu werden, die sich von seiner Karikatur beleidigt fühlen. Denn als deutscher Bildungsbürger toleriert Scheck die schwarze Frau im Straßenbild, aber nicht, dass diese Leute sich in der Literatur des Landes, in dem sie leben, wiederfinden wollen und sich in kulturelle Debatten einmischen. Diese Debatten sollen die Domäne des weißen Mannes bleiben, und wenn man sich dafür Schuhcreme ins Gesicht schmieren muss.

Ob er sich allerdings bewusst ist, was es im Zeitalter des Internets auch international bedeuten kann, solche Bilder von sich selbst zu produzieren, bleibt fraglich. Man darf gespannt sein, ob erfolgreiche AutorInnen aus dem englischsprachigen Raum, wo man für diese Formen von rassistischer Repräsentation sehr viel sensibler ist, in Zukunft noch gerne von dem deutschen Kritiker interviewt werden möchten, der mit einer Blackface-Performance im landesweiten Fernsehen gegen die Streichung rassistischer Sprache aus Kinderbüchern demonstriert hat und dessen Foto mit angemaltem Gesicht jederzeit bei google images abrufbar bleiben wird. Für die Diskussion um Rassismus in der deutschsprachigen Kultur lässt dieser von Scheck eingeläutete Paradigmenwechsel auf jeden Fall nichts Gutes hoffen.

Link: Stellungnahme der ARD zur Kritik an Denis Scheck.

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Siehe auch: How To Tell People They Sound Racist,Weiße Zeitungen, buntes Netz – Definitionsmacht adé  , Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus, Der vergessene Genozid, In einem fernen Land …, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Gericht: Racial Profiling nicht zulässig, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Beschneidung der Vernunft, Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf, Es gibt keinen Rassismus mit Herz!, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, GEH mir WEG damit, Zerstörter Glaube, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Das Problem heißt Rassismus, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

12 Kommentare zu „Starrkopfrassismus: Denis Scheck weiß, was er tut

  1. Ich möchte Herrn Scheck hier mal in Schutz nehmen! Der war schon immer ein Querkopf und macht was er will, wenn ihm etwas nicht gefällt, dann äussert er sich, oft graphisch wenn es sein muss!

    Die eingehenden Worte von Denis Scheck sagen doch alles: Wer heute noch von Negern spricht ist ein Holzkopf! Wenn man Anstoss an seiner Präsentation nimmt ist Hopfen und Malz verloren. Ohne Provokation ist die Kunst wertlos!

    Ich weiß nicht wohin das führen soll wenn wir die Geschichte ausradieren wollen, damit wir von unserer eigenen Misere ablenken können. Nämlich davon das wir nicht in der Lage sind sachlich mit unseren Kindern zu sprechen und sie zu besseren, entspannteren Menschen zu erziehen! Warum stehen wir da nicht einfach drüber, anstatt jede „Verfehlung“ wie im Mittelalter medial an den Pranger zu stellen? Sind wir denn selber ganz ohne Vorurteile? Ich gestehe offen – ich nicht! Ich sehe die Gesellschaft klafft immer mehr auseinander weil jeder alles falsch verstehen will. , Man kann die Geschichte nicht tilgen sondern sollte sie zum Anlass nehmen Dinge besser zu machen. Aber durch Hysterie erreichen wir gar nichts, ausser nicht ernst genommen zu werden!

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  2. Nur eine kleine inhaltliche Ergänzung: „Vertrauen Sie mir, denn ich weiß, was ich tue“, ist ein ironisches Zitat (wie so vieles bei Scheck), und zwar aus der 80er-Krimi-Satireserie „Sledge Hammer“ (vgl. http://www.cicero.de/salon/kein-sex-entenhausen/52150). Zeigt mal wieder, dass Ironie nur schief gehen kann.

    (Offenlegung: Der Autor dieses Kommentars arbeitet für einen „Druckfrisch“-produzierenden ARD-Sender, aber nicht für die „Druckfrisch“-Redaktion – und spricht hier für sich selbst.)

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  3. Ja, der Beitrag von Denis Scheck war dumm, schädlich, respektlos. Ich hoffe, dass er sich schon bald dafür schämen wird. Aber was ist gewonnen, wenn man darauf mit genauso dummen Unterstellungen reagiert („Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden“), wie sie in diesem Artikel vorgenommen werden? Hat eigentlich noch irgendjemand Interesse daran, dass diese Debatte wieder de-eskaliert? Und zwar nicht in dem Sinn, dass sie einfach wieder abebbt, sondern dass es anschließend tatsächlich etwas mehr Verständnis und Einsicht in diese Thematik gibt? Das kann ich beim Autor dieses Artikels leider genauso wenig sehen wie aktuell bei Denis Scheck.

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  4. Scheck ist kein „Querkopf“ sondern er exekutiert hier im gewand des Querkopfs die mehrheitsmeinung. und ja, mit rassistischen mitteln. ob das jetzt ironisch gemeint oder „provokation“ oder so ist, ist doch egal. Man kann auch ironisch rassistisch sein. Man kann auch provokativ rassistisch sein. All diese Attribute nehmen ihn doch nicht vond er Verantwortung für seinen Auftritt aus.

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  5. Der typische „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Durchschnittsrassist..Da ist es zum NPD Gezeter über angeblichen „Gutmenschen-Meinungs-Terror“ nicht mehr weit. Genau so wird rassistisches Gedankengut (wieder) gesellschaftsfähig gemacht.

    Was für ein ***…

    [Bitte keine Beleidigungen]

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  6. Guten Tag,

    meine Meinung: Das kann man satirisch gern so aufgreifen, allerdings ist das neben der Provokation selbst nur Effekthascherei. Man muss sich doch darüber im Klaren sein, dass im Ausland so eine Performance ohne große Erklärungen erscheint… und dann wird es eben doof.

    Was die Kinderbücher angeht: Das sind eben keine Geschichtsbücher. Die sollten nach wie vor und immer ehrlich sein. Aber meine Kinder sagen heute auch Schaumküsse, und nicht wie ich früher, Mohrenköpfe. und dabei geht ihnen ganz sicher nicht ein Stück Jugendqualität verloren.

    Einen schönen Tag noch.

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  7. Jaja, der (weiße, gebildete, gut situierte, privilegierte) Querkopf der mit seiner Mehrheitsmeinung doch nur satirisch etwas provozieren will (wen eigentlich? diejenigen, die von Rassismus betroffen sind?)…

    Erschreckend, wieviele das einfach nicht verstehen: Satire und progressive Kunst kann gerne provozieren, aber IMMER von unten nach oben und nicht von oben nach unten! Oder ums bildlich zu machen: es ist ein fundamentaler Unterschied, ob sich der Knecht zur Provokation über den Herren lustig macht oder ob sich der Herr über seinen Knecht lustig macht.

    Denis Scheck bedient mit dieser Aktion die absolute Mehrheitsmeinung seiner Klientel und scheisst auf die Empfindungen derer, die Ziel des alltäglichen Rassismus sind. Das dann noch irgendwie als subversive Aktion eines „Querkopfs“ zu verkaufen ist ganz schön dreist…

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