Doppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart

„Ehe-KO“ – so lautete beispielsweise eine der geschmacklosen Schlagzeile im Fall des HSV-Profis Rafael van der Vaart. In den folgenden Tagen konzentrierten sich Medien auf Spekulationen, ob der Fußballer wohl eine Affäre gehabt habe und ob sich die Trennung von Sylvie sportlich negativ auswirken könnte. Das Thema häusliche Gewalt spielte hingegen kaum eine Rolle. Jetzt schon.

Von Patrick Gensing

Rafael van der Vaart . (James Boyes)
Rafael van der Vaart . (James Boyes)

„Kurios“ findet Sport1 die Forderung aus der Hamburger Linksfraktion. Kersten Artus, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion der „Linken“ in der Hamburgischen Bürgerschaft, hatte zuvor selbstverständliches festgestellt: „Häusliche Gewalt ist kein Kavaliersdelikt.“ Während beim Thema Pyrotechnik und vermeintliche Fangewalt bei vielen Journalisten die Sicherungen durchbrennen, wird der HSV-Star mit Samthandschuhen angefasst, obwohl er seine Frau Sylvie angeblich durch einen Faustschlag niedergestreckt hatte. Wie kommt es zu solchen Wahrnehmungsstörungen? Liegt es vielleicht daran, dass die meisten Sportjournalisten Männer sind? Wieso wird jede Kleinigkeit aus dem Leben von Promis ausgebreitet, doch wenn ein Mann angeblich seine Frau verprügelt – dann wird dies plötzlich zur Privatsache?

Artus kritisiert, der HSV scheine „alles daran zu setzen, den Eklat um ihren Fußball-Star in den Hintergrund zu drängen. Medienberichten zufolge tun sie die Geschehnisse der Silvesternacht  als Privatsache ab.“ Sie appellierte an den  HSV, diese Position zu überdenken.

Tatsächlich hatte der HSV beispielsweise den Verteidiger Rajkovic nach einer Prügelei im Training herausgeworfen, den Stürmer Son mit einer Geldstrafe belegt. Der ehemalige HSV-Stürmer Paolo Guerrero musste nach einem (Plastik-)Flaschenwurf auf einen Fan eine immense Geldsumme zahlen. Der Fan wurde nicht verletzt. Sylvie van der Vaart offenbar schon, nach der „Skandal-Nacht“ wurde sie von Medien mit großer Sonnenbrille gezeigt, obgleich das Hamburger Januarwetter kaum eine solche nötig machte.

Die Linkspolitikerin Artus meint, Rafael van der Vaart sei Vorbild und Idol für viele junge Leute. „Damit tragen er und sein Verein eine besondere Verantwortung.“ Sie forderte den HSV auf, „Konsequenzen zu ziehen und ein Zeichen gegen häusliche Gewalt zu setzen.“ So könne van der Vaart zum Beispiel für ein Spiel gesperrt werden und eine größere Summe an ein Frauenhaus spenden“. Denn, so Kersten Artus: „Gewalt hat weder in Fußballstadien etwas zu suchen noch in den heimischen vier Wänden der Spieler!“

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Ob es nun wohl eine öffentliche Debatte über häusliche Gewalt geben wird – möglicherweise mit Forderungen von Innenminister Friedrich und Polizeivertretern nach schärferen Gesetzen? Publikative.org wettet dagegen. Dabei ist der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Fußball angeblich sogar belegt: In Großbritannien werden 30 Prozent der Frauen ab dem 16. Lebensjahr mindestens einmal in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt durch ihre Partner. Eine Studie der University of East London ergab, dass die Rate häuslicher Gewalt in England um etwa 30 Prozent anstieg, immer wenn die englische Fußball-Nationalmannschaft Spiele gewann oder verlor.

Gravierende Angriffe auf die körperliche Unversehrtheit erfahren in Beziehungskonflikten überwiegend weibliche Opfer. Nach der 2004 veröffentlichten repräsentativen Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ haben rund 25 Prozent aller Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren körperliche oder sexuelle Gewalt – oder auch beides – durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner mindestens ein- oder auch mehrmals erlebt. (Quelle: Wikipedia)

21 Kommentare zu „Doppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart

  1. Frau Artus Forderungen basieren auf der Berichterstattung der rechts-konservativen Springerpresse. Man könnte darüber lachen..Fakt ist, dass sie genausowenig weiß wie jeder andere. Ich für meinen Teil, gerade als Mitglied der Linkspartei, nehme das was die van der Vaarts zu diesem Fall zu sagen an und nicht den Schrott den BLIND und VOPO berichten.

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  2. Lächerlich,,,
    Diese Frau Artus hat keinerlei Ahnung, was zwischen dem Ehepaar van der Vaart vorgefallen ist, doch der Schuldige ist bzw. kann nur der Mann sein.
    Diese Dame ist zutiefst sexistisch, vorverurteilend und wie alle Feministen, extrem einseitig.
    Ekelhaft!

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  3. @Lars Weil sie nicht ‚anwesend‘ war sollt sie nicht ueber Themen wie sexuelle und hausliche Gewalt sprechen? Was ist das denn fuer eine Logik?

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  4. Mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen — danke!

    Zum Verständnis des letzten Satzes: „immer wenn die englische Fußball-Nationalmannschaft Spiele gewann oder verlor“ — aber nicht, wenn sie unentschieden spielte? Kann das wirklich gemeint sein?

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  5. Eise, Sie zitieren schlecht. Berti Vogts hat gesagt:

    „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.“

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  6. Sieg oder Niederlage? Weiß ich auch nicht genau. Ein Unentschieden kann ja auch wie eine Niederlage sein, aber wahrscheinlich bezieht sich das Ganze vor allem auf WM- und EM-Spiele, wo es im KO-System keine Unentschieden gibt. Ich habe die Studie aber nicht weiter gelesen, muss ich zugeben.

    Viele Grüße, Patrick Gensing

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  7. Falls es jemanden interessiert, ich habe etwas recherchiert:
    Hier ist eine kurze Analyse der Studie, die tatsächlich zu zeigen scheint, dass bei Spielen, die unentschieden ausgingen, die Fälle häuslicher Gewalt nur minimal zu- oder sogar abnahmen! Die AutorInnen führen das auch die emotionale Spannung zurück, die sowohl ein Sieg als auch eine Niederlage erzeugen kann, nicht aber ein Gleichstand.

    Das nur am Rande — ist aber interessant.

    [Bitte um Verzeihung für das falsche Verlinken — wen es so richtig ist, das erste bitte am besten löschen… danke!]

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  8. Ich sehe das ähnlich wie Lars, mit dem Unterschied, dass ich nicht alle Feministinnen so sehen würde, sondern eben nur diese eine.

    Der Vergleich in diesem Artikel zwischen Guerrero, Rajkovic, Son und Van der Vaart hinkt gewaltig. Die ersten drei haben Vergehen vor Verantwortlichen des Vereins in ihrer Arbeitszeit auf dem Arbeitsplatz getan. Wenn ich einen Kollegen von mir auf dem Arbeitsplatz haue(Rajkovic) oder einem Kunden eine Flasche an den Kopf werfe(Guerrero), dann hat das auch für mich Konsequenzen. Wenn Van der Vaart angeblich seine Frau geschlagen hat, weil ein anonymer Zeuge das behauptet, dann darf der Verein da doch nichts unternehmen. Will hier wirklich jemand eine Vorverutreilung durch den Arbeitgeber und noch dazu für Vergehen im Privatleben? Wenn ich also morgen anonym erzähle, dass jemand seine Frau schlägt, dann soll seine Arbeit ihn direkt bestrafen? …Was für ein Rechtsbewusstsein…

    Wenn jemand seine Freundin oder Frau schlägt, dann soll sich die Justiz darum kümmern und auch bei Van der Vaart dürfen gerne Ermittlungen aufgenommen werden, wenn es ernsthafte Anzeichen für eine Tat gibt(bitte nochmals lesen, ich schrieb „ernsthafte“ – eine namentlich nicht genannte Quelle der Bild, die an so einer Meldung verdient, zählt da für mich nicht dazu.).

    Sollte der Mann schuldig sein und Verurteilt werden, dann macht der Mann damit, sein Image kaputt(Werbeeinnahmen), macht sich auf dem Platz unbeliebt(vor allem Auswärtsspiele in denen er dann gnadenlos ausgepfiffen wird), sein Privatleben komplett kaputt(bedenkt auch eine öffentliche Schlammschlacht und seine dadurch schlechtere Stellung beim Sorgerecht) und kriegt vom Staat eine Strafe.
    Da hat dann der Arbeitsgeber nichts mit weiteren Strafen zu tun. Dies zu fordern ist reiner Populismus. Leider unterstützt dieser Artikel diesen Populismus teilweise – insbesondere mit diesen schlechten Vergleichen.

    PS: Als kleiner Tipp an die Redaktion, wenn ihr schon ein Beispiel haben wollt, dann nehmt auch Bestrafungen für Dinge die andere Profis in ihrem Privatleben getan haben, da gibts Spieler, die sind zum Beispiel betrunken Auto gefahren(wenn auch nicht vom HSV), etc und wurden dann auf Grund ihrer Vorbildfunktion zu Geldstrafen verurteilt.

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  9. Das Problem häusliche Gewalt anzuprechen ist notwendig.
    Hier werden Pressedarstellungen jedoch als bewiesene Tatsachen hingestellt. Das ist sehr fahrlässig.
    Eine Vorverurteilung ist im Rechtsstaat sehr bedenklich.
    Die Vorfälle Guerrero oder Rajkovic fanden am Arbeitsplatz statt, daher ist es zwingend, dass ein Verein auf soetwas reagiert.
    Der Vorfall hat mit dem HSV nichts zu tun (sage ich als St.Pauli.-Fan) , auch wenn es das Image des Vereins ziemlich lädiert.
    Auch ist der Vergleich mit Pyrotechnik weit dahergeholt, um häusliche Gewalt zu problematiseren. Das wird sehr schwammig und artet in eine konturenlose Gewaltdiskussion, wo jeder seinen Senf abgeben kann. Bleibt bei den Tatsachen und bleibt bei der häuslichen und zu 90 % patriarchalen Gewalt gegen Frauen.

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  10. Lieber advocat,

    Sie schreiben: „Hier werden Pressedarstellungen jedoch als bewiesene Tatsachen hingestellt.“

    Das ist nicht zutreffend. Es findet auch keine Vorverurteilung statt. Eine Vorverurteilung fand in den Medien beispielsweise statt, als der Becherwerfer von St. Pauli wie ein Schwerverbrecher dargestellt wurde (hier lebt er, das sagen die Nachbarn).

    Dass etwas im Hause vdv passiert ist, dürfte unumstritten sein. Mehrere Medien berichten von einem Schlag. Warum sollte im Zuge dessen nicht auch über häusliche Gewalt gesprochen werden? Man muss vdv nicht vorverurteilen, aber warum ist diese Sache plötzlich privat? Das Argument, weil es im Verborgenen geschehe, ist genau falsch – häusliche Gewalt kommt so oft vor, weil sich die Täter sicher fühlen.

    Gruß
    Patrick Gensing

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  11. Lieber Herr Gensing,
    ich habe nicht angemerkt, dass man nicht häusliche Gewalt ansprechen soll. Ganz im Gegenteil. Lesen mein Kommentar nochmals durch.

    Das hier ist eindeutig spekulativ:

    .. Sylvie van der Vaart offenbar schon, nach der “Skandal-Nacht” wurde sie von Medien mit großer Sonnenbrille gezeigt, obgleich das Hamburger Januarwetter kaum eine solche nötig machte.
    Damit wird unterstellt, er hätte ihr gegen die Augen geschlagen. Woher weiß man das? Viele Promis verstecken sich gerne hinter Sonnenbrillen.

    Ein Arbeitsverbot zu fordern ist falsch. Ein Näherunsgverbot, falls gewünscht jederzeit richtig.
    Richtig ist eine großzügige Spende für ein Frauenhaus zu fordern.
    Leider fehlt, dass vdV sich entschuldigt hat und sich nicht zu rechtfertigen versucht. Das wäre ausgewogene Berichterstattung.
    Es macht natürlich nichts ungeschehen, aber immerhin nicht alle Gewalttäter reagieren so.
    ,,Das war eine große Dummheit von mir. Ich bin ein Idiot. Es tut mir sehr leid. Das hätte niemals passieren dürfen.“, erklärte sich Rafael van der Vaart auf „Bild.de“. „Ich habe ihm schon verziehen“​, entschärft Sylvie den heiklen Vorfall.
    http://top.de/news/46bi-sylvie-rafael-van-vaart-ehe-aus-silvester-party

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