Es gibt keinen Rassismus mit Herz!

Buschkowsky, nicht Neukölln, ist derzeit überall. Die SPD hat sich mit Sarrazin und Buschkowsky zum Sturmgeschütz der volkstümlichen Islamkritik in Deutschland entwickelt, die Parteispitze scheint das kaum zu stören, Parteichef Gabriel lud Buschkowsky zu einer Lesung ein. Auch Aziz Bozkurt ist Sozialdemokrat in Berlin. Er benennt rassistische Denkmuster in dem Bestseller „Neukölln ist überall“.

Von Aziz Bozkurt*, zuerst veröffentlicht in der Berliner Zeitung

Über Heinz Buschkowskys neues Buch ist jetzt so viel Lob zu hören. Neukölln sei überall, schreibt der Bürgermeister, der gern Big B genannt wird, das klingt so nett. Alle nicken, wenn Big B spricht, ganz bewusst, ganz betroffen. Und es fallen wieder diese Sätze, die man auch schon hören konnte, als Thilo Sarrazin sein Buch über Deutschland schrieb, das von dummen Muslimen abgeschafft werde.

Wird man ja noch sagen dürfen. Endlich einer, der Klartext redet. Buschkowsky, so scheint es, ist so anders als Sarrazin. Buschkowsky gilt als einer, der Klartext redet und doch Herz hat. Ein echter Sozialdemokrat, der die schwierigen Themen anpackt, die Sorgen der Leute ernst nimmt. Kein Sarrazin, der so kalt ist, so verächtlich, so menschenfeindlich. Buschkowsky ist für viele wohl so etwas wie die Erlösung von Sarrazin.

Dieses Buch macht vieles zunichte

Aziz Bozkurt, Vorsitzender der AG Migration und Vielfalt in der Berliner SPD

Ich möchte dem entschieden widersprechen. Ich bin ein Berliner Sozialdemokrat und sage, Heinz Buschkowsky hat uns – damit meine ich Neukölln, Berlin, Deutschland und die Sozialdemokratie – keinen Gefallen getan. Im Gegenteil. Dieses Buch bringt niemanden weiter, es steht nichts drin, was mal gesagt werden musste. Schlimmer: Dieses Buch macht vieles zunichte. Mir als leidenschaftlichem Sozialdemokraten tut das richtig weh.

Warum? Weil es, so klar wie unerträglich, rassistische Gedankengänge sind, die dieses Buch prägen. Ach, bitte nicht schon wieder dieser Rassismus-Vorwurf, wird jetzt manch einer denken. Wenn die Studien und Umfragen dazu stimmen, dann denkt dies rund ein Drittel: Ungefähr so viele Menschen in unserem schönen Deutschland zeigen immer wieder rassistische Denkmuster, allen offiziellen Abschwörungen zum Trotz.

Geschichte vom guten Deutschen und vom schlechten Anderen

Ich sage: Lasst uns unbedingt darüber sprechen, wo Rassismus anfängt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Jemanden als Rassisten zu bezeichnen, bringt uns nicht weiter. Ist Buschkowsky ein Rassist? Darum geht es nicht. Steht Rassistisches in seinem Buch? Leider ja.

Ich hatte inständig gehofft, dass wir aus dem Sarrazin-Trauma etwas gelernt haben und nun besser wissen, wo das Problem beginnt. Vergeblich. Daher eine Klarstellung: Rassismus ist, wenn die Gleichwertigkeit von Menschen infrage gestellt wird – kombiniert mit Verallgemeinerungen und kulturalisierten Abwertungen über „die Türken“, „die Araber“, „die Muslime“. Wenn wir uns darauf verständigen, dann finden wir in Buschkowskys Buch viele Passagen, die im Kern rassistische Argumentationen sind.

Ein Beispiel. Buschkowsky schreibt: „Wir erziehen unsere Kinder zur Gewaltlosigkeit. Wir ächten Gewalt in der Begegnung und bringen das unserem Nachwuchs bei. Andere bringen ihren Jungs bei, stark, tapfer und kampfesmutig zu sein.“ Verallgemeinerung? Ja! Abwertungen der anderen, angeblich Nicht-Deutschen? Ja!

Hier geht der gute gewaltfreie Deutsche als Sieger vom Platz, der gewaltbereite Nicht-Deutsche dagegen ist der Depp. Es wird die Geschichte vom guten Deutschen und vom schlechten Anderen erzählt. Diese Argumentation schürt diffuse Ängste vor vermeintlich Fremden. Wohl dosiert, leicht verständlich, mit Volkes Stimme. Aber das macht es aber nicht besser, sondern gefährlicher.

Die „Anderen“ sind Deutsche

Es ist seltsam. Der Bürgermeister von Neukölln scheint nicht begriffen zu haben, dass seine „Anderen“ Deutsche sind. Deutsche, die Aysel oder Kazim heißen. Statt sich damit zu beschäftigen, aktiviert er Ängste. Die sich immer häufiger entladen: Klar, wenn der Buschkowsyky das darf, dann darf jetzt jeder Bio-Deutsche fordern, dass der Ali sich schon mehr anstrengen muss, wenn er dazugehören will. Das nennt man im Fachjargon eine um sich greifende Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Auf Buschkowskys Facebook-Fanseite, eingerichtet von Sozialdemokraten, schreiben jetzt Leute von „Kanackenschwemmen“. Und in meiner politischen Arbeit werde ich aufgefordert, aus meiner Hinterhof-Moschee zu kriechen, mein Teehaus zu verlassen, um mit Deutschen zu sprechen. Aber wie soll ich das nur machen? Ich war in meinem Leben dreimal, eher aus touristischen Motiven, in einer Moschee. Ich kenne kaum ein Teehaus von innen. Und mit einem Deutschen könnte ich auch ein Selbstgespräch führen.

Ich hoffe sehr, dass meine stolze Partei sich daran erinnert, was zur besten sozialdemokratischen Tradition gehört: gegen jeden Ungleichheitsgedanken aufzustehen. Dafür zu kämpfen, dass Ein- und Aufstiege in unserer Gesellschaft möglich sind. Für alle! Egal, woher jemand kommt, woran er glaubt, wie alt er ist, wie reich seine Eltern sind, welches Geschlecht er hat, welches er liebt. Darum geht es. Das sind die Dinge, die gesagt – und getan – werden müssen.

Aziz Bozkurt kommentierte auch im MiGAZIN: Ein rassistischer Schrei nach Aufmerksamkeit?!

*Aziz Bozkurt ist Vorsitzender der AG Migration und Vielfalt in der Berliner SPD  und Mitglied des Landesvorstandes

Siehe auch: Einmal die Klappe halten, schweigende Mehrheit!, 21 Monate Sarrazin – und kein Ende in Sicht

13 Kommentare zu „Es gibt keinen Rassismus mit Herz!

  1. @robert:
    „Er kritisiert die „bio-deutschen“ Eltern, die Neukölln zwar hip fänden, ihre Kinder aber dann doch lieber nach Zehlendorf auf die Schule schicken. Ebenso wie Einwandererfamilien, in denen die Schulbildung offenbar keine Rolle spielt. Er ist ebenso gegen Kriminalität auf der Straße wie häusliche Gewalt. Ist das jetzt rassistisch? Agitatorisch? Nein!“ aus http://www.neukoellner.net/macht-marchen/jenseits-der-hysterie/

    Na ist klar. Weil er die bio-deutschen Eltern, die sich panisch um die Bildungschancen ihre Sprösslinge sorgen genauso kritisiert wie die Einwanderereltern denen die Bildung ihrer Kinder am Arsch vorbei geht ist das Buch nicht rassistisch.
    Bio-Deutsche Eltern die sich nicht um die Bildung ihrer Kinder scheren oder migrantische Eltern, die ihre Kinder nicht in Neukölln zur Schule schicken gibts nicht. Alles schön säuberlich stereotypisiert und gewertet.
    Keine Spur von Rassismus… -.-

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  2. Antirassismus hat in diesem Lande einfach keine Lobby.
    Die Union ist ein Häufchen völkischer Beobachter, die FDP hängt ihr Fähnchen nach jedem chauvinistischen Lüftchen und die SPD stimmt nun auch offen in den Chor der Rassisten mit ein.
    Und die eine Partei, die sich offen gegen Rassismus und Faschismus engagiert, wird vom Verfassungsschutz bespitzelt.

    Da weiß man doch woran man ist:
    Es wird in Deutschland ein Klima installiert, das Menschen schon den Gedanken an die Einreise nach Deutschland austreiben soll. Da greifen die Bücher der Sarrazins und Buschkowskys (urdeutsche Namen, nicht wahr?^^), die menschenverachtenden Asylbedingungen und die ganz alltägliche Diskriminierung von Nicht-Biodeutschen nahtlos ineinander, offenbar mit Erfolg.

    Dass man die Rechnung bereits jetzt schon immer wieder dafür kassiert, wenn man Forscher oder Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren will, um Spitzenforschung zu etablieren oder Engpässe zu stopfen, scheint nicht zu einem Umdenken zu führen. Der Glauben, in einer globalisierten Welt auch in Zukunft alle Probleme auf völkisch-nationalem Wege zu lösen, ist aber utopisch. „Kinder statt Inder“ war so ein Beispiel: Säuglinge können aber eben nicht programmieren; Kinder können keine KiTas leiten – und die Inder wollten nicht nach Deutschland kommen, weil sie sich nicht willkommen fühlten – ich bezweifle, dass das großartig anders sein wird, wenn demnächst Pflegekräfte aus China angeworben werden.

    Einstmals Land der Dichter und Denker, heute Land der Schlichten und Stänker…

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  3. Ach ich weiß nicht…
    Jetzt mal unabhängig von Buschkowsky, den ich nicht gelesen habe und nicht lesen werde: Wenn ich feststelle, dass es in Stadtteil A bestimmte soziale Probleme gibt, die es in Stadtteil B nicht gibt, und wenn ich dann die beiden Stadtteile charakterisiere und mir dabei auffällt, dass der Anteil von Einwohnern „mit Migrationshintergrund“ in Stadtteil A höher ist, macht mich das doch nicht zum Rassisten. Der bin ich doch erst, wenn ich die Migranten zum Hauptgrund für die Probleme mache, oder bin ich am Thema vorbei?

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  4. Rassismus hat vereinfacht gesagt etwas mit Menschen in vermeintliche „Rassen“ einteilen zu tun. Der kulturelle Rassismus hingegen teilt Menschen nicht in Rassen, aber naturalisiert/biologisiert das vermeintlich Kulturelle. Wie Herr Bozkurt bereits schreibt: „Ist Buschkowsky ein Rassist? Darum geht es nicht. Steht Rassistisches in seinem Buch? Leider ja.“ Herr Buschkowsky teilt Menschen in seinem Buch pauschalisierten Kulturen zu und belegt diese mit Klischees.

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  5. Da ich im Südwesten der Republik lebe, und die Verhältnisse in solchen „Brennpunkten“ wie Neukölln nur vom Hörensagen kenne, bin ich angesichts der sehr unterschiedlichen Standpunkte zu dem Problem hin und her gerissen.

    Einerseits bin ich über diese Art von „Klarstellungen“ à la Sarrazin oder Buschkowsky sehr beunruhigt, da ich sie als Beitrag zur zunehmenden Entsolidarisierung in diesem Lande werte, deren Nutznießer jene „Eliten“ sind, die in aller Ruhe Geld und Macht an sich reißen können, während die „Harmlosen“ gegenseitig über einander her fallen.

    Andererseits wird mir von Leuten, die direkt mit Migranten unterschiedlicher Herkunft und den Verhältnissen in den Asylbewerberunterkünften – sag ich mal pauschal – von Berufs wegen zu tun haben, glaubhaft versichert, dass da eine beträchtliche kriminelle Energie in unser Land herein drängt.

    Freilich sind das nicht dieselben Leute, um die es in Buschkowskys Buch geht, aber es geht doch auch um die blauäugige Naivität (i.e. gleichgültige „Toleranz“) vieler „Besserwohner“ in diesem Lande, die jeden Migranten a priori als kulturelle Bereicherung verbuchen möchten, solange sie selber von ihm weit weg sind.

    Von echter Gleichbehandlung aller Menschen sind wir in diesem Lande weit entfernt.

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  6. http://menschenrechtsfundamentalisten.de (Auszüge aus Texten von Thomas Baader):

    [1.]

    Aziz Bozkurt wirft im „Migazin“ Buschkowsky Rassismus vor und schreibt wörtlich:

    „Im neuen Bestseller wird er [Buschkowsky] dann auch noch deutlicher, wenn es um die ‚Wand des Schweigens wie in der ehemaligen DDR‘ geht: ‚Hier ist es ein Kartell aus ideologischen Linkspolitikern, Gutmenschen, Allesverstehern, vom Beschützersyndrom Geschädigten und Demokratieerfindern, das den Menschen das Recht abspricht zu sagen, was sie denken.‘ Erschreckend an diesem Satz, dass dies die Wiederholung der Argumentation eines Rechtsterroristen Breivik ist. Dies ist natürlich kein direkter Vergleich zu Heinz Buschkowsky und von ihm wahrscheinlich gar nicht so weit gedacht. Nur eine Mahnung daran, wo sich solche Sätze sonst finden.“

    Bozkurt legt Wert darauf, dass er Buschkowsky nicht direkt mit Breivik vergleicht – was freilich bedeutet, dass er es indirekt tut und diesen Vergleich auch für angemessen hält. Der Vergleich selbst wird vor allem aber durch einen Taschenspielertrick möglich, indem Bozkurt den Teil der Passage weglässt, der nicht in seine Argumentationslinie passt. Auf Seite 130 des Buches heißt es nämlich vollständig:

    „Hier ist es ein Kartell aus ideologischen Linkspolitikern, Gutmenschen, Allesverstehern, vom Beschützersyndrom Geschädigten und Demokratieerfindern, das den Menschen das Recht abspricht zu sagen, was sie denken. Richtig stolz bin ich auf die Neuköllner Bevölkerung. Es gibt bei uns keine Gegenbewegung zu den etablierten Parteien und zu unserer demokratischen Gesellschaftsordnung. Die Rechtsradikalen haben, wie erwähnt, bei den letzten Wahlen 2011 nur noch ein Viertel ihres Wählerpotentials von 1989 erreicht.“

    Hätte die vollständige Passage wirklich in Breiviks Manifest stehen können, mitsamt der offen zum Ausdruck kommenden Freude über das Scheitern der Rechtsradikalen? Offensichtlich nicht. Bozkurt reißt einen Satz aus dem Zusammenhang, um ihn dann mit Aussagen von Breivik zu vergleichen (die es in diesem Wortlaut in seinem Manifest freilich auch gar nicht gibt), und versichert anschließend treuherzig, dass es gar nicht so „direkt“ gemeint ist. Das ist nicht nur Schmähkritik, sondern auch völlig sinnentleert.

    [2.]

    In diesem Zusammenhang sind die Äußerungen der Soziologin Naika Foroutan, des SPD-Politikers Aziz Bozkurt und des grünen Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz besonders hervorzuheben, deren Rassismusvorwürfe in einem krassen Missverhältnis zu ihrem eigenen Schweigen zu sogenannten „Ehrverbrechen“ und der Unterdrückung von Frauen in bestimmten Einwanderermilieus stehen. Bozkurts Breivik-Vergleich muss als bewusst eingesetzte Niederträchtigkeit eingestuft werden, zumal als Beleg Äußerungen angeführt werden, die völlig sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen sind. Foroutan, Bozkurt und Schulz sind in der Vergangenheit nicht durch ein besonderes Engagement für die Opfer von Ehrenmord, Zwangsheirat und häuslicher Gewalt aufgefallen. Mit Formulierungen wie „Der weiße privilegierte Buschkowsky“ rückt sich zudem Aziz Bozkurt selbst sehr viel mehr in die Nähe rassistischen Gedankengutes, als es einem „Antirassisten“ gut zu Gesicht stehen würde. Die „AG Integration und Vielfalt“ der Berliner SPD, der Bozkurt vorsteht, thematisiert auf ihrer Website in keiner einzigen ihrer zahlreichen öffentlichen Mitteilungen die auf antimodernen Rollen- und Ehrvorstellungen beruhenden Missstände und Gewalttaten bei bestimmten Einwanderergruppen. Das Ziel einer Gleichberechtigung der Geschlechter hat man in den Reihen der Buschkowsky-Gegner offenbar bereits aufgegeben. Stattdessen wird Schönwetter-Migrationspolitik gemacht und ein permanenter Opfer-Diskurs gepflegt.

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